Mrz 232014
 

Predigt am 23. März 2014 zu Lukas 9,57-62

57 Als sie auf ihrem Weg weiterzogen, redete ein Mann Jesus an und sagte: Ich will dir folgen, wohin du auch gehst. 58 Jesus antwortete ihm: Die Füchse haben ihre Höhlen und die Vögel ihre Nester; der Menschensohn aber hat keinen Ort, wo er sein Haupt hinlegen kann.
59 Zu einem anderen sagte er: Folge mir nach! Der erwiderte: Lass mich zuerst heimgehen und meinen Vater begraben. 60 Jesus sagte zu ihm: Lass die Toten ihre Toten begraben; du aber geh und verkünde das Reich Gottes!
61 Wieder ein anderer sagte: Ich will dir nachfolgen, Herr. Zuvor aber lass mich von meiner Familie Abschied nehmen. 62 Jesus erwiderte ihm: Keiner, der die Hand an den Pflug gelegt hat und nochmals zurückblickt, taugt für das Reich Gottes.

Es ist noch gar nicht lange her, dass Menschen normalerweise ein ganzes Leben lang in einem Ort wohnten. Und nicht nur, dass sie ein Leben lang im gleichen Ort wohnten und ein Leben lang mit ungefähr den gleichen Menschen zu tun hatten – sie reisten auch nicht. Es gab ein paar Ausnahmen – z.B. wenn die Männer in den Krieg zogen, dann kamen sie manchmal sehr weit herum, aber das war vielleicht einmal im Leben. Und von dieser einen großen Reise in die Welt haben sie dann ein Leben lang erzählt.

Eine kleine, eng begrenzte Welt

Oder im Mittelalter, wenn man auf Pilgerfahrt gegangen ist, vielleicht nach Santiago in Spanien, das war das große Abenteuer, das reichte für ein ganzes Leben – wenn man überhaupt lebend zurück kam. Aber das waren wenige. Normalerweise lebte man in seiner überschaubaren lokalen Nachbarschaft.

Können Sie sich vorstellen, wie das ist, wenn man kein Radio und kein Fernsehen hat, wenn man sein Dorf nie verlässt und immer mit denselben Menschen zusammen ist? Vielleicht kam ab und zu mal ein Händler ins Dorf, aber das war es auch schon. Das war ein sehr stabiles System, da änderte sich auch in vielen Generationen wenig. So haben die meisten Menschen bis vor noch gar nicht langer Zeit gelebt.

Und können Sie sich denken, wie schwer das da gewesen sein muss, sich etwas anderes als das, was man schon immer kannte, auch nur vorzustellen?

Ein Volk, das unterwegs zum Volk wurde

Es gab in der alten Welt nur wenige Ausnahmen von dieser Lebensweise. Eine davon waren die Juden, das Volk Israel. Einmal deswegen, weil sie, wenn es irgend ging, immer wieder zum Tempel nach Jerusalem reisten, manchmal ein paar Mal im Jahr. Das waren mehrere Tage zu Fuß. Und dort beim Tempel trafen sie bei den großen Festen Menschen aus aller Welt, Jerusalem war dann international. Das muss eine ziemliche Horizonterweiterung gewesen sein.

Und bei diesen Festen erinnerten sie sich an die großen Reisen, von denen die Geschichte ihres Volkes geprägt war: der Aufbruch Abrahams in ein unbekanntes Land. Josef, der als Sklave nach Ägypten verkauft wird. Schließlich der Auszug aus Ägypten, durch die Wüste ins verheißene Land Kanaan, die Geschichte, die im Mittelpunkt des Passafestes steht. Die Verschleppung nach Babylonien und die Rückkehr. Immer wieder ist das Volk Gottes unterwegs gewesen. Im Grunde waren es diese langen Wege, auf denen sie zu einem Volk wurden, und zwar zu Gottes Volk. Mir würde kein anderes Volk einfallen, das sozusagen auf der Reise zu einem Volk geworden ist.

Dass nun Jesus mit seinen Jüngern dauernd unterwegs war, von Dorf zu Dorf, und im zweiten Teil seines Wirkens mit dem ausdrücklichen Ziel Jerusalem, das knüpfte also an wichtige Überlieferungen seines Volkes an. Da war dieses Unterwegs-Sein schon vorbereitet. Und trotzdem muss es für seine Nachfolger ein gewaltiger Schritt gewesen sein, alles andere hinter sich zu lassen und sich mit Jesus auf den Weg zu machen.

Ein patriarchalischer Familienverband

Man lebte ja trotz der Pilgerfahrten nach Jerusalem nicht nur in seinem Dorf, sondern vor allem auch in seinem Familienverband. Das war eine patriarchalische Welt, in der das Familienoberhaupt die Entscheidungen traf, auch wenn in Israel das schon immer ein Stück in Frage gestellt war, weil Israels Gott sich ganz oft Menschen aussuchte, die in der Hierarchie unten standen. Man denke nur an den König David, der der jüngste Sohn seines Vaters war.

In vielen Teilen der Welt ist das Patriarchat aber bis heute das grundlegende Lebensmodell, und die Rebellionen in der arabischen Welt und anderswo, die wir zur Zeit erleben, die sind nicht nur ein Aufstand gegen patriarchalische Diktatoren, sondern auch eine Befreiungsversuch von der ganzen Kultur, in der man im Alltag lebt. Und dieser Kampf ist beileibe noch nicht entschieden, sondern geht immer noch hin und her.

In der Lesung aus dem Epheserbrief (5,1-8a) vorhin hatten wir ein Zeugnis von so einem Kampf um das Freiwerden von dieser alten gewalttätigen Kultur, die so viele Schattenseiten hervorbringt. Es ist ein Kampf darum, das ganze Koordinatensystem auszutauschen und die Welt mit einer neuen Brille zu sehen, neue Selbstverständlichkeiten einzuüben und auf Verhaltensmuster zu verzichten, die bis dahin selbstverständlicher Teil des Lebens waren.

Wenn also Jesus von seinen Jüngern erwartet, dass sie ihr Dorf verlassen und mit ihm auf Wanderschaft gehen, dann geht es dabei um einen Ausstieg aus den Bindungen, mit der sie an ihre Sippe und an ihre Heimat gebunden sind. Er bringt sich und seine Jünger bewusst in eine Randlage, außerhalb des normalen Regelwerks der Gesellschaft, und dort, im Abseits, formt er aus seinen Jüngern den Kern eines neuen Volkes. Immer wieder geht er mit ihnen in Gegenden, wo keine Menschen sind, oder ins Ausland, wo ihn keiner kennt, oder er fährt mit ihnen im Boot über den See Genezareth, wo sie unbelauscht sind, und da redet er dann Klartext mit ihnen. Heute würde er den Jüngern wahrscheinlich vorher noch sagen, dass sie den Akku aus den Smartphones nehmen sollen, damit sich der Geheimdienst nicht zuschalten kann.

Geteilte Loyalität?

Und deswegen kann er keine Jünger brauchen, die mit halbem Herzen noch in ihren Sippen gefangen sind. Wenn da einer sagt: ich will mich noch von meinen Leuten verabschieden, dann ist es ja gar nicht unwahrscheinlich, dass sich der Abschied ewig hinzieht, und sie ihm zu Hause 1000 Versprechungen abpressen, dass er bald wiederkommt und sie nicht vergisst und dass es ja nur für eine begrenzte Zeit ist, und dann ist der Mann in diesen Versprechungen gebunden, sein Herz ist nicht frei, und er wird immer hin und her schwanken zwischen der Loyalität zu seinen Leuten und der Nachfolge Jesu.

Oder wenn ein anderer sagt: ich will erst meinen Vater begraben, da gibt es zwei Möglichkeiten der Auslegung: entweder ist der Vater gerade gestorben, und es geht tatsächlich um die Ausrichtung der Trauerfeier; oder er meint damit: mein Vater ist schon alt, lass mich warten, bis er tot ist, und dann komme ich mit. In jedem Fall würde auch er versuchen, seine Loyalität irgendwie aufzuteilen: ich gebe dem Vater, dem Familienoberhaupt, das, was ich ihm nach Herkommen und Sitte schuldig bin, und dann folge ich dem Ruf Jesu aus Herkommen und Sitte heraus. Das passt nicht zusammen.

Wenn man mit Gott auf Reisen geht, dann muss man es mit ganzem Herzen tun. Schon als Israel aus der ägyptischen Sklaverei floh, gab es Leute, die nach ein paar Wochen am liebsten wieder zurück wollten, weil ihnen die Freiheit unheimlich war. Die hätten beinahe das ganze Unternehmen scheitern lassen. Das wollte Jesus nicht riskieren. Ich vermute, er hat die Geschichten vom Auszug gut studiert und daraus gelernt.

Einfluss vom Rand aus

Deshalb sagt Jesus dem dritten, der mit ihm mitkommen will, von vornherein: ich bin heimatlos, und wenn du mitkommen willst, musst du dieses Schicksal teilen. Ich habe keinen Ort, wo ich mein Haupt zur Ruhe betten kann. Damit ist natürlich nicht gemeint, dass Jesus nie schläft, sondern dass er keinen festen, geschützten Platz in der Gesellschaft hat, dass er überall nur zu Gast ist. Dass er nicht in der Mitte der Gesellschaft verankert ist, sondern irgendwo am Rand steht, im Abseits. Nur so kann er etwas anderes aufbauen.

Aber das hat einen Preis. Man hat am Rand nicht die Sicherheit, die eine Sippe ihren Mitgliedern gibt oder die die Gesellschaft ihren Gliedern gibt. Am Ende wird Jesu Platz am äußersten Rand der Gesellschaft sein, am Kreuz, da wo überhaupt keine Sicherheit und kein Schutz mehr ist. Wer etwas Neues schaffen will, der muss dieser Gefahr ins Auge sehen, dass er dann auf die Sicherheit des Alten verzichten muss, auch wenn das nicht immer gleich den Tod bedeutet. Aber grundlegend verändern kannst du nur vom Rand aus.

Die Stabilität von Organisationen

Warum ist das so? Weil alle Institutionen und ihre Denkmuster unglaublich zäh sind. Du kannst nicht einfach kommen und aus dem sprichwörtlichen Kaninchenzüchterverein – sagen wir mal – einen Computerclub machen. Jede Organisation hat Regeln und Motive, nach denen sie funktioniert, und die Menschen, die dort Mitglied sind, wollten genau dort Mitglied sein, weil ihnen diese Regeln gefielen. Sie lieben Kaninchen – warum sollten sie auf Computer umsatteln? Oder sie sind schon seit Geburt Mitglied und können sich gar nichts anderes vorstellen. Es mag sein, dass irgendwann niemand mehr Kaninchen züchtet, und dann wird der Verein sterben, aber ein Computerclub wird er nie werden. Wenn du den willst, musst du ihn selbst neu gründen.

Bei Vereinen klingt das ja noch lustig, aber wenn man an ganze Gesellschaften denkt, dann wird einem klar, wie schwierig es ist, die auf eine neue Geschäftsgrundlage zu stellen. Das geht, wenn überhaupt, nur im Krieg oder durch Revolution, und der Preis dafür ist immer hoch. Russland ist im Augenblick das traurige Beispiel dafür, wie ein Land von dem alten autoritären Regime-Stil der Zaren nicht loskommt, trotz aller Revolutionen und Umbrüche des 20. Jahrhunderts, die Millionen Opfer gekostet haben.

Jesus geht einen anderen Weg: er baut am Rand, im gesellschaftlichen Abseits, ein neues Volk auf, und dieses Volk wird für die ganze Welt zur göttlichen Alternative werden. Und diese Alternative hat in vielen Augenblicken auf die Gesellschaften eingewirkt und dafür gesorgt, dass sie sich weiterentwickelt und transformiert haben. Diese Art von Revolution kostet keine Opfer, außer bei den Leuten Jesu, die manchmal massiv unter Druck geraten, wenn die Gesellschaften die Alternative, die sie verunsichert, auslöschen wollen.

Auf neuem Grund bauen

Dafür müssen die Jünger Jesu bereit sein, alle ihre Bindungen hinter sich zu lassen, weil sie sonst in das Neue, was da entsteht, die ganzen alten Muster einschleppen würden. Jesus hatte schon so genug zu kämpfen mit den Machtspielchen unter den Jüngern. Da brauchte er nicht noch Familienclans, die an ihnen ziehen und zerren. Er hatte das ja selbst erlebt, wie Mutter Maria und seine Geschwister versuchten, ihn zurückzuholen. Anschließend ging er zum See Genezareth und stieg um ins Boot, um noch größere Unabhängigkeit zu haben.

Es geht also bei all den Verzichten, die Jesus von seinen Jüngern fordert, in erster Linie gar nicht ums Aufgeben. Es geht nicht darum, dass sie mit einem großen Opfer zeigen, wieviel er ihnen wert ist. In erster Linie geht es darum, dass sie unabhängig werden. Es ist ganz praktisch gedacht. Sie sollen Abstand bekommen, von der alten Ordnung, in der sie vorher dringesteckt haben. Nur so kann die neue Ordnung entstehen, die Jesus mit ihnen aufbaut. Er hat sich ja viel mehr vorgenommen, als nur aus einem Kaninchenzüchterverein einen Computerclub zu machen. Er will den Keim einer neuen Welt legen, die Grundlagen für einen neuen Himmel und eine neue Erde.

Dafür ist es ja wohl nicht zu viel verlangt, wenn er zu Menschen, die seine Jünger werden sollen, sagt: lasst alles andere hinter euch, vor allem eure Selbstverständlichkeiten und deren Vertreter, und konzentriert euch auf diese Mission. Ich bin euch nicht böse, wenn ihr es euch noch mal überlegt, aber versteht bitte: ohne dass ihr meinen Bruch mit der alten Welt nachvollzieht, könnt ihr nicht meine Jünger sein. Ich will euch ja nicht schikanieren, aber ohne geht es einfach nicht. Das liegt in der Natur der Sache. Und die größte Last verlange ich nicht von euch – die werde ich selber übernehmen.

Mrz 162014
 

Predigt am 16. März 2014 zu Markus 12,1-12

1 Nun begann Jesus in Gleichnissen zu ihnen zu reden. Er sagte: »Ein Mann legte einen Weinberg an, umgab ihn mit einem Zaun, hob eine Grube zum Keltern des Weins aus und baute einen Wachtturm. Dann verpachtete er den Weinberg und verreiste.
2 Zur gegebenen Zeit schickte er einen Diener zu den Pächtern, um sich von ihnen seinen Anteil am Ertrag des Weinbergs geben zu lassen. 3 Doch die Pächter packten den Diener, verprügelten ihn und jagten ihn mit leeren Händen fort. 4 Da schickte der Mann einen anderen Diener zu ihnen; dem ging es nicht besser: Sie schlugen ihm den Kopf blutig und trieben ihren Spott mit ihm. 5 Danach schickte er einen dritten; den töteten sie. So ging es noch vielen anderen: Die einen wurden verprügelt, die anderen umgebracht. 6 Schließlich blieb ihm noch einer: sein geliebter Sohn. Den schickte er zuletzt auch noch zu ihnen, weil er sich sagte: ›Er ist mein Sohn, vor ihm werden sie Achtung haben.‹ 7 Aber die Pächter sagten zueinander: ›Das ist der Erbe. Kommt, wir bringen ihn um, dann gehört das Erbe uns!‹ 8 Und sie packten ihn, brachten ihn um und warfen ihn zum Weinberg hinaus.
9 Was wird nun der Besitzer des Weinbergs tun? Er wird kommen und die Pächter umbringen, und den Weinberg wird er anderen anvertrauen. 10 Habt ihr jenes Schriftwort nie gelesen: ›Der Stein, den die Bauleute für unbrauchbar erklärten, ist zum Eckstein geworden. 11 Das hat der Herr getan, und es ist etwas Wunderbares in unseren Augen‹?«
12 Daraufhin hätten sie Jesus am liebsten festgenommen, denn es war ihnen klar, dass sie mit diesem Gleichnis gemeint waren. Aber weil sie vor dem Volk Angst hatten, ließen sie ihn unbehelligt und gingen weg.

In dieser Geschichte geht es um Korruption. Korruption mitten im Tempel Gottes. Korruption ist ein Übel, das ganze Gesellschaften ruinieren kann. Vielleicht denken wir an einen Mitarbeiter im Bauamt, der sich für die Auftragsvergabe schmieren lässt. Oder an einen Arzt im Krankenhaus, der vor einer wichtigen Operation erst die Hand aufhält. Oder an ein Land, in dem nichts gegen die Drogenkartelle läuft, weil die überall im Staat ihre bezahlten Helfer sitzen haben. Oder eine Nation mit reichen Bodenschätzen: die Oberschicht arbeitet mit ausländischen Konzernen zusammen, lässt sich das gut bezahlen, die Bevölkerung geht leer aus, und die Umwelt wird verwüstet. Oder ein halbseidener Diktator, der überall die Mitglieder seines Familienclans auf die profitablen Posten schiebt und so tut, als wäre das Land sein persönlicher Besitz.

Korruption zerstört Gesellschaften

Wenn sich diese Korruptionsmentalität ausbreitet, das führt über kurz oder lang zum Niedergang einer Gesellschaft, weil so alle Verlässlichkeit zerstört wird, und weil dann für immer weniger Leute ehrliche Arbeit noch attraktiv ist – wer will sich denn noch die Hände schmutzig machen, wenn schmierige Typen mit Konten im Ausland den Löwenanteil absahnen? Und wenn an der Spitze die Gier regiert, dann frisst sich das in die Gesellschaft hinein, bis alles nur noch gegen Bakschisch läuft. Der Fisch stinkt vom Kopf her.

Aber letztlich ist es die ehrliche, produktive Arbeit von vielen, vielen Menschen, die die Grundlage für allen gesellschaftlichen Reichtum legt. Wer diese Grundlage zerstört, zerstört die Gesellschaft.

Korruption bedeutet immer: ich nehme meine eigentliche Verantwortung nicht wahr, sondern wirtschafte in meine eigene Tasche. Eigentlich ist es mein Auftrag, loyal die Interessen anderer zu vertreten, dafür werde ich bezahlt, dafür wurde ich vielleicht sogar gewählt, aber stattdessen nutze ich die Position, die mir anvertraut ist, um meinen eigenen Interessen nachzugehen.

Korrupte Eliten

In der Zeit Jesu ging es um die Führungseliten Israels, deren Aufgabe es eigentlich war, für ihr Volk einzutreten. Das war dringend notwendig, denn Israel war ein Teil des römischen Imperiums, und die Römer holten mit List und Gewalt aus dem Land möglichst hohe Steuern heraus. Die einheimischen Eliten, vor allem die Oberpriester im Tempel, die hätten eigentlich die Aufgabe gehabt, ihre Leute so gut wie möglich zu schützen; sie hätten mit Tricks und Argumenten und hinhaltendem Widerstand das Beste für ihr Volk herausholen müssen. Aber stattdessen ging es ihnen vor allem darum, selbst auch ein möglichst großes Stück vom Kuchen abzubekommen. Sie versuchten, das nach außen zu verbergen, aber im Prinzip wussten das alle.

Als deshalb Jesus im Tempel die Geschichte von den Pächtern erzählte, die sich das ihnen anvertraute Land als Eigentum unter den Nagel reißen wollen, da war allen sofort klar, wen er damit meinte. Die Priesteraristokratie betrachtete das Land als ihre persönliche Pfründe, über die sie niemandem Rechenschaft ablegen mussten. Der »Weinberg« war ein altes Symbol für Israel, spätestens seit dem Propheten Jesaja, und dass Jesus dieses Bild erweiterte, indem er von »Pächtern des Weinbergs«, also den Führungsschichten Israels sprach, die sich das Land als Privateigentum unter den Nagel reißen wollten, das war der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Spätestens jetzt zogen die Oberpriester alle Register, um diesen gefährlichen Mann zu beseitigen. Genauso, wie Jesus es ihnen im Gleichnis geschildert hatte: sie wollten den Erben beseitigen, damit ihnen niemand mehr den Anspruch auf ihre Pfründe streitig machen konnte.

So ist es bis heute: wenn sich die Ureinwohner der Amazonaswälder beschweren, dass ihre Heimat zerstört wird, dann schickt man ihnen Killerkommandos und kauft die zuständigen Richter, und wenn die Bewohner des Waldes erst tot oder völlig entmutigt sind, dann haben alle freie Hand, die dort Soja anbauen wollen, Holz schlagen oder nach Bodenschätzen suchen. Und am Ende wird der Regenwald zur Wüste, und die Atmosphäre heizt sich immer mehr auf. Korruption zerstört die Welt.

Verantwortung für die ganze Schöpfung

Erstaunlicher Weise haben wir aber meistens ein Gespür dafür, dass das nicht ok ist. Irgendwie wissen wir, dass es unter unserer Würde ist, uns unsere Verantwortlichkeit abkaufen zu lassen, und wer es doch tut, der muss damit leben, dass er sich nicht wirklich gerne im Spiegel ansehen kann. Der Eigentümer des Weinbergs ist ja Gott, und das heißt: jeder von uns hat seine Verantwortung von Gott bekommen. Sie ist ganz tief mit unserem Menschsein verbunden. Wenn du dir diese Verantwortung abkaufen lässt, beschädigst du fundamental deine Selbstachtung.

Egal, ob du als Präsidentin eines großen Landes im Licht der Öffentlichkeit stehst oder ob du eine Aufgabe hast, von der kaum jemand etwas mitbekommt: jeder von uns hat seinen Anteil an der Verantwortung die Gott uns anvertraut hat. Und auch wenn es nur ein kleiner Anteil ist, der dir zugefallen ist: es geht dabei immer um das Ganze, und es ist nicht richtig, wenn ich nur Teilinteressen im Blick habe. Auch eine Regierung hat nicht nur für das eigene Volk Verantwortung – obwohl es schon sehr gut wäre, wenn Regierungen immer daran denken, dass ihre Leute gut leben und arbeiten können sollen, und dass das Geld in den Taschen der kleinen Leute besser aufgehoben ist als auf Spekulationskonten.

Aber wenn sich z.B. der Präsident der Weltmacht Amerika nur dem amerikanischen Volk und seinem Wohlergehen verantwortlich fühlt, das ist zu wenig. Oder wenn die deutsche Regierung sich nur den Interessen der Deutschen verpflichtet fühlt, dann erfüllt sie ihre Verantwortung nicht. Heute muss jede Regierung, die ihrem Volk dienen will, die ganze Menschheit im Blick haben, und nicht nur die Menschen, sondern alle Lebewesen, den ganzen Planeten, die ganze Schöpfung. Und es sind nicht nur die Regierungen: jeder von uns ist an seinem Platz mit dem, was er tut, beteiligt an dieser Verantwortung.

Wenn alle das wüssten …

Und die Welt würde am besten funktionieren, wenn jeder seine Rolle in der Welt so verstehen würde: als eine Verantwortung, die er von Gott bekommen hat, gepachtet hat sozusagen, und nicht als Freibrief zur persönlichen Bereicherung. Deine Fähigkeiten, dein Besitz, deine Macht, deine Rolle in der Gesellschaft – es ist alles nur geliehen, und die Pacht, die wir dafür zahlen sollen, ist ein verantwortungsvoller Umgang mit der Schöpfung und den Menschen. Wo diese Grundüberzeugung breit in der Gesellschaft verankert ist, da geht es allen gut und die Mafia hat es schwer. Wenn Menschen nicht interessiert sind an schmierigen Angeboten, wenn Menschen wissen, dass das für sie nicht in Frage kommt, das nennt man Integrität. Integrität wurzelt in dem Wissen oder in der Ahnung jedenfalls: mein Posten, meine Rolle, mein Einflussbereich, der gehört mir nicht, der ist mir anvertraut, damit dort etwas wächst und gedeiht, damit die Schöpfung aufblüht, und ich werde darüber Rechenschaft ablegen müssen.

Dass wir dabei auch unser gutes Auskommen haben sollen, dass wir selbst auch etwas von den Früchten haben, die wir heranziehen, das geht in Ordnung, und wer große Verantwortung hat, der soll auch ruhig etwas mehr bekommen, aber mal ehrlich: wem eine Million im Jahr immer noch nicht reichen, der wird auch mit 100 Millionen nicht zufrieden sein, und der sollte lieber was für seine Seele tun als Gehaltsverhandlungen führen.

Integrität lässt Gesellschaften gedeihen

Breit verankerte Integrität sorgt für eine gesunde Gesellschaft. Wenn Menschen ihre Integrität wichtiger ist als Geld, dann bekommen die Handaufhalter ein Problem. Man könnte die Geschichte Jesu auch erzählen als die Geschichte von jemandem, der sich weder bestechen noch einschüchtern ließ. Ganz am Anfang in der Geschichte von der Versuchung Jesu weist er das Angebot von Geld, Macht und Ruhm zurück. Selbst das Angebot, die Herrschaft über die ganze Welt aus der Hand des Versuchers entgegen zu nehmen, konnte ihn nicht locken. Und ganz am Ende lässt er sich auch durch die Drohung des Kreuzes nicht von seinem Weg abbringen.

Deshalb ist Jesus der Erbe: in ihm ist nichts von dieser Beutementalität, durch die die Welt zugrunde gerichtet wird. Wo er hinkommt, da blüht die Schöpfung auf. Neben ihm verloren die korrupten Oberpriester auch den letzten Rest Glanz, den sie noch hatten, da halfen auch die teuersten Zeremonien nicht mehr. Die bessere Alternative ist der gefährlichste Feind des Status Quo. Und deshalb setzten sie alles daran, diese Alternative kaputt zu machen. Drei Tage später starb Jesus am Kreuz. Und hätte Gott ihn nicht von den Toten auferweckt, wäre mit ihm ein für allemal die Hoffnung gestorben. Und die Mafia hätte gesiegt.

Zellen der Integrität

Aber Jesus ist auferstanden, und er gründete die Gemeinschaften seiner Jünger als Zellen der Integrität. Gemeinschaften von Menschen, die verstehen, dass die Schöpfung ein wunderbares Geschenk ist, mit Liebe und Sorgfalt ersonnen, und dass wir alle gewürdigt worden sind, einen Teil davon zu bebauen und zu bewahren. Gemeinschaften von Menschen, die sich an dem Segen freuen, der durch die Welt fließt, und die ihn um keinen Preis rauben und vertreiben wollen. Wenn du Anteil haben kannst an den Segnungen von Gottes wunderbarer Welt, an der Freude, von Gott beschenkt und begeistert zu sein – wie erbärmlich klein sind dagegen irgendwelche schmierigen Vorteile, die dir Leute mit verletzter Selbstachtung zuschanzen möchten. Vorteile und Geld, an dem Unglück und Selbstverachtung so kleben, wie angeblich an praktisch jedem 500 Euro-Schein Spuren von Kokain zu finden sind.

Jesus hat die neue Gemeinschaft geschaffen, wo Menschen wissen, dass es das Beste ist, ein Pächter Gottes zu sein – besser, als sich einen Teil der Welt als Beute unter den Nagel zu reißen. Das ist so gut, dass es sich auch noch lohnt, wenn man dadurch Probleme mit denen bekommt, die in jeder integren Person eine Bedrohung ihres eigenen treulosen Lebensmodells sehen.

Mrz 022014
 

Besonderer Gottesdienst am 2. März 2014 mit Predigt zu Psalm 13

2014-03-02Psalmen

Einleitung:

Westminster_Psalter_DavidDas Buch der Psalmen hat das Volk Gottes über viele Jahrhunderte und Jahrtausende begleitet – in Israel und in der Christenheit sind die Psalmen eine Welt gewesen, in der man sich bewegte. Man hat sie regelmäßig gelesen und gekannt und gebetet, man hat in ihnen gelebt. Die Psalmen waren wie eine Brille, mit der man die Welt gesehen hat. Sie stellten den Orientierungsrahmen bereit, in dem man seine eigenen Gotteserfahrungen machte; in ihnen fand man Worte, um das eigene Leben mit Gott in Verbindung zu bringen.
Jesus z.B. muss in den Psalmen gelebt haben – als er starb, kam ihm als einer seiner letzten Sätze der Beginn des 27. Psalms über die Lippen. Und im Neuen Testament, wo sowieso ganz viele Zitate aus dem Alten zu finden sind, stammt ein Drittel dieser Zitate aus den Psalmen. Man versteht manche Passagen des Neuen Testaments erst richtig, wenn man weiß, dass es Psalmzitate sind.

Vor allem aber haben Menschen ihre Erfahrungen mit Hilfe von Psalmworten vor Gott gebracht und haben so erst eine Sprache bekommen, um einen kritischen Abstand von dem, was ihnen geschah, zu behalten. Ganz viele Psalmen sprechen davon, dass jemand von übermächtigen Feinden angegriffen und ausgelacht wird. Aber statt daran kaputt zu gehen, bringt er oder sie dann diese Erfahrung vor Gott. Und dann ist man nicht mehr allein mit dieser bedrückenden Situation. In den meisten Psalmen gibt es so einen Umschlagpunkt, wo man merkt, wie der Druck weicht, die Angst aufhört, das Herz nicht mehr klopft und sich eine hoffnungsvolle Zuversicht in der Seele ausbreitet.

Wir finden in der Bibel also nicht nur Worte von Gott, wo er zu uns etwas sagt. Wir finden dort auch Muster dafür, wie wir Gott etwas sagen können, und zwar so, dass wir dabei nicht in unseren gewohnten Mustern bleiben, in denen wir uns im Kreis drehen, sondern so, dass es zu einer Begegnung mit Gott kommt, die uns tröstet, erleichtert und Mut gibt.

Und wenn es zu dieser Begegnung mit Gott kommt, dann wird der Keim eines neuen Menschen gelegt. Gerade an den Psalmen können wir lernen, dass wir nicht einfach so sind, wie wir sind, sondern ganz viel entscheidet sich daran, mit wem wir verbunden sind. In unserem Zentrum sind wir auf Begegnung und Beziehung angelegt, und wenn es Gott ist, mit dem wir da zusammengehören, dann macht uns diese Beziehung zu neuen Menschen. Die neue Welt Gottes beginnt in dieser Beziehung, und in den Psalmen lernen wir, diese Beziehung zu verstehen.

Einführung zu Psalm 28

Die Psalmen waren sozusagen das biblische ABC, die elementaren Bausteine, mit denen sie damals ihre Theologie entwickelt haben. Und eine dieser elementaren Wahrheiten ist, dass der Grund der Welt ansprechbar ist. Der letzte Grund der Welt ist kein unpersönliches Naturgesetz, sondern eine Person: der Schöpfer der Welt, der eng mit seiner Schöpfung verbunden ist. Man kann an ihn appellieren, man kann ihm sein Leid klagen, man kann sich bei ihm beschweren oder ihm danken.

Nur weil an der Wurzel der Welt eine Person steht, macht es Sinn, so zu sprechen. Sein Herz bei einem Naturgesetz auszuschütten, macht keinen Sinn. Wenn Menschen sich beklagen, dass Gott schweigt und ihnen nicht hilft, dann ist das gar keine Erfindung unserer modernen Zeit, sondern das hören wir schon in den Jahrtausende alten Psalmen. Aber das macht nur Sinn bei diesem Gott, der sich so an die Menschen gebunden hat. Weder bei einem der Götzen, die mit den Mächtigen im Bund sind, würde das Sinn machen, weil die sich nicht für das Wohlergehen der kleinen Leute interessieren, noch, wenn der Grund der Welt der Zufall oder ein Naturgesetz wäre.

Diese Psalmen hat man damals oft in einer Art Sprechgesang getan, der von Instrumenten begleitet wurde. Und so werden wir nun den 28. Psalm auch so hören, als Sprache, die mit Musik unterlegt ist. Es ist eine von den vielen Klagen in den Psalmen, wo jemand seine Trauer und seine Erbitterung über rücksichtslose, gemeine Leute vor Gott bringt und am Ende getröstet wird. Egal, ob dich jemand finanziell übers Ohr gehauen hat, oder ob jemand Lügen über dich in die Welt gesetzt hat, oder ob du in einem diktatorischen Staat lebst, wo die Mächtigen ihre Macht rücksichtslos ausnützen: Menschen, die unter anderen Menschen leiden, können sich in diesen Worten wiederfinden. Sie finden dort Worte, um zu verstehen, was mit ihnen geschieht, und um die Hoffnung wiederzufinden.

Zu dir, o HERR, rufe ich. || Mein Fels, du darfst mir nicht schweigen!
Bleibst du mir stumm, || gleiche ich denen, die hinuntersteigen zur Grube.
Höre mein lautes Flehen, jetzt, da ich zu dir rufe‚ || da ich meine Hände erhebe zu deinem Allerheiligsten.
Raffe mich nicht hinweg mit den Frevlern, || nicht mit denen, die Unrecht tun,
die »Friede« sagen zu ihrem Nächsten, || doch Böses sinnen im Herzen.
Vergilt ihnen nach ihrem Tun || und nach der Bosheit ihres Treibens.
Vergilt ihnen nach dem Werk ihrer Hände, || wende ihr Tun zurück auf sie selber.
Denn sie achten nicht auf die Taten des HERRN‚ || noch auf das Werk seiner Hände.
Darum reißt er sie nieder || und wird sie nicht wieder aufbaun.
Der HERR sei gepriesen! || Er hat gehört mein lautes Flehen.
Der HERR ist meine Kraft und mein Schild‚ || mein Herz vertraut ihm.
Mir wurde geholfen. Da jubelte mein Herz || Mit meinem Lied will ich ihm danken:
Der HERR ist seines Volkes Stärke‚ || Schutz und Heil für seinen Gesalbten.
Rette dein Volk und segne dein Erbe! || Weide und trage sie in Ewigkeit!

Einführung zu Psalm 122:

Der Ort, an dem diese Begegnung mit Gott geschah, war ganz oft der Tempel. Wir wissen aus anderen Teilen der Bibel, dass es dort oft auch korrupte Priester gab, dass sogar zeitweilig Bilder anderer Götzen dort aufgestellt waren. Aber trotzdem erscheint der Tempel in den Psalmen immer noch als ein Ort, an dem man Gott begegnet, ein Freiraum, wo Raum ist für das Aussprechen der tiefsten Gedanken und wo man am Ende getröstet wird. Der Tempel ist das Zeichen dafür, dass Gott seine Welt nicht allein lässt.

Und nachdem es den Tempel nicht mehr gibt, kann man an andere solche Zufluchtsorte denken, wo Raum ist, um auf Gott zu stoßen: die Gemeinde, das Abendmahl, der Gottesdienst, besonders gewidmete Orte wie Gotteshäuser. Solche Orte konnte man zu allen Zeiten aufsuchen, um sich wieder zurückholen zu lassen in diese neue Sichtweise: Ja, Gott ist seiner Schöpfung und den Menschen zutiefst verbunden. Wir verstehen uns und die Welt nur dann vollständig, wenn wir es alles in Beziehung auf ihn sehen.

Von diesem Glück, an einen Ort zu gehen, wo die Alternative zu Hause ist, sprechen die sogenannten Wallfahrtspsalmen, und einen davon, den 122. Psalm, hören wir jetzt:

Welche Freude, da man mir sagte: || »Wir ziehen zum Haus des HERRN!«
Schon stehen unsre Füße in deinen Toren, Jerusalem: || Jerusalem, als Stadt erbaut, die fest in sich gefügt ist.
Dort ziehen die Stämme hinauf, die Stämme des HERRN, den Namen des HERRN zu preisen‚ || wie es Gebot ist für Israel.
Denn dort stehen Throne zum Gericht, || die Throne des Hauses David.
Erbittet für Jerusalem Frieden! || Geborgen seien, die dich lieben!
Friede sei in deinen Mauern‚ || Geborgenheit in deinen Häusern!
Wegen meiner Brüder und meiner Freunde || will ich sagen: »Friede sei mit dir!«
Wegen des Hauses des HERRN, unsres Gottes‚ || will ich Glück erbitten für dich.

Predigt zu Psalm 13

Ich möchte jetzt mit euch einen kurzen Psalm anschauen, den 13., weil man da in konzentrierter Form ein Muster findet, das in vielen Abwandlungen im Psalter immer wiederkehrt:

1 Für den Musikmeister. Ein Davidspsalm.
2 Wie lange noch, o Herr? Willst du mich für immer vergessen? || Wie lange noch verbirgst du dein Antlitz?
3 Wie lange noch muss ich Sorgen tragen in meiner Seele, Kummer in meinem Herzen alle Tage? || Wie lange noch darf mein Feind über mich triumphieren?
4 Schau doch her, gib mir Antwort, Herr, du mein Gott! || Mach hell meine Augen, dass ich nicht im Tode entschlafe,
5 damit mein Feind nicht sagen kann: »Ich habe ihn überwältigt«, || und meine Gegner nicht jubeln, weil ich gestürzt bin.
6 Ich aber baue auf deine Liebe, || mein Herz soll jubeln über deine Hilfe.
Dem Herrn will ich singen, || weil er mir Gutes getan hat.

In Psalm 13 wird die Not eines Menschen beim Namen genannt. Äußerlich geht es dabei um Feinde, die einen verleumden, aber auch Krankheiten oder Isolation werden in anderen Psalmen oft erwähnt. Doch die schlagen sich nieder im Innern eines Menschen, in Unruhe und Angst. Vermutlich haben die meisten von uns schon solche Zeiten erlebt, wo man innerlich aufgewühlt ist, wo man in Gedanken immer wieder ein Problem oder ein Ereignis hin und her wendet, wo man nicht schlafen kann, weil man immer wieder daran denkt und nicht davon loskommt – auch wenn man versucht, sich davon abzulenken, Musik zu hören, fernzusehen, etwas zu unternehmen, zu essen. Aber kaum ist ein bisschen Stille, z.B. nachts vor dem Einschlafen, schon ist alles wieder da.

Und dann denkt man an die Worte, die andere über einen gesagt haben, man fragt sich, wie es in Zukunft weiter gehen soll, man hat daran zu knapsen, dass man etwas falsch gemacht hat oder dass es anderen anscheinend gut geht, obwohl sie sich so falsch benommen haben. Das finden wir hier konzentriert im 3. Vers:

3 Wie lange noch muss ich Sorgen tragen in meiner Seele, Kummer in meinem Herzen alle Tage?
Wie lange noch darf mein Feind über mich triumphieren?

Das Gute an den Psalmen ist, dass diese Gedanken nicht weggedrückt werden, sondern zu Gott gebracht werden. Man läuft nicht mehr vor den Problemen weg, sondern man spricht sie aus, man gibt ihnen einen Namen. Und was man Gott gesagt hat, muss man sich nicht immer wieder selber sagen. Schon davon wird man ruhiger. Wenn ein Problem mit Gott zusammenkommt, ist die Hilfe schon unterwegs.

Der Haken dabei ist nur, dass man von äußerer Hilfe normalerweise noch gar nichts merkt, wenn man mitten im Grübeln drinsteckt. Und deshalb fängt der Psalm in Vers 2 an mit der Frage:

2 Wie lange noch, o Herr? Willst du mich für immer vergessen?
Wie lange noch verbirgst du dein Antlitz?

Das ist das eigentliche Problem: dass man das Gefühl hat, Gott wäre fern und uninteressiert an meiner Situation. Der letzte Grund der Welt, den man eigentlich kennt als eine Person, mit der man zutiefst verbunden ist, ausgerechnet der scheint weit weg zu sein. Er schaut nicht her, er kümmert sich nicht. Wieder muss man sagen: das setzt voraus, dass man eigentlich von einem Gott weiß, der sich um uns kümmert. Aber irgendwie steckt diese Erwartung in allen Menschen drin – sie ist ein wirklicher Hinweis auf Gott. Denn eigentlich erwarten alle Menschen irgendwie, dass da jemand ist, der sich um sie kümmert. Oft versuchen sie natürlich, diesen Jemand mit allen möglichen Tricks zu manipulieren oder zu bestechen. Aber das ändert nichts an dieser Ahnung von einem Gegenüber.

Die beste Art, um diese Hoffnung und die traurige Realität zusammenzubringen ist es, wenn man Gott direkt fragt: wie lange muss ich das noch ertragen? Oder wie Jesus am Kreuz: warum hast du mich verlassen? Und wenn man ihn bittet: Hilf doch, mach dem doch endlich ein Ende!
Das sind in diesem Psalm die Verse 4 und 5:

4 Schau doch her, gib mir Antwort, Herr, du mein Gott!
Mach hell meine Augen, dass ich nicht im Tode entschlafe,
5 damit mein Feind nicht sagen kann: »Ich habe ihn überwältigt«,
und meine Gegner nicht jubeln, weil ich gestürzt bin.

Es gibt hier sozusagen zwei Argumente, mit denen Gott überzeugt werden soll, damit er sich kümmert: einmal »Mach hell meine Augen, dass ich nicht im Tod entschlafe«. Gott ist der Gott des Lebens, er ist der Erzfeind des Todes. Deshalb ist es Gottes ureigenes Interesse, das Leben zu erhalten. Man muss ihn nicht erst überzeugen oder gar nerven, bis er geruht, sich auch mal um die Erhaltung des Lebens zu kümmern.
Nicht Gott ist der unsichere Kandidat, sondern wir sind es. Wir stehen nicht besonders konsequent auf der Seite des Lebens. Aber Gott sucht Menschen, die da ebenso klar sind wie er. Und wenn wir durch die Bedrückung dazu gebracht werden, aus unserer bequemen Neutralität rauszukommen und Menschen zu werden, die entschieden und einseitig am Leben orientiert sind, dann hat sich auf unserer Seite etwas Entscheidendes getan. Und dann können wir mit Gott reden, wie es richtig ist, nämlich so, dass wir ihn als Verbündeten anreden und nicht als ein Gegenüber, von dem man nicht so recht weiß, was man von ihm zu halten hat.

Und deshalb heißt es hier im Psalm sozusagen: Gott, wir sitzen doch im gleichen Boot! Du willst meinen Tod nicht, du willst den Tod überhaupt nicht, und ich – ich habe mich jetzt auch dazu durchgerungen. Also hilf doch deinem Verbündeten hier auf der Erde! Das ist eine ganz wichtige Aufgabe, die die Psalmen erfüllen: sie sorgen dafür, dass wir uns als potentielle Verbündete Gottes entdecken. Sie geben uns sozusagen einen Mantel, der uns ein paar Nummern zu groß ist und helfen uns dann, da hineinzuwachsen: wir sind Verbündete Gottes, mindestens sind wir dazu berufen, und deshalb können wir es auch werden.

Das zweite Argument geht in eine ganz vergleichbare Richtung: lass nicht den Feinden den Triumph, dass sie endgültig über mich gesiegt haben!

Es ist ganz erstaunlich, wie oft in den Psalmen von Feinden die Rede ist. Ich bin ja nun schon jemand, der sich bemüht, Konflikte zu erkennen und nicht schönzureden, aber wenn ich die Psalmen lese, dann denke ich manchmal: puh, da brennt es aber an allen Ecken und Enden! Das ist wirklich ganz erheblich mehr Trouble, als ich in der Regel erlebe!

Und da gibt es mehrere Erklärungen für: einmal hat man das Gefühl, dass viele Psalmen in Zeiten entstanden sind, in denen das Volk Gottes von außen massiv bedrängt wurde. Wenn man also heute vielleicht in einem südamerikanischen Slum lebt, wo Drogenbanden die Macht im Viertel übernommen haben, oder wenn man als Näherin in einer asiatischen Textilfabrik für ein paar Cent in der Stunde unsere Mode zusammennäht und sich dabei noch gegen übergriffige Aufseher wehren muss, dann ist das möglicherweise eine Situation, in der es sehr viel plausibler ist, von »Feinden« zu reden als in unseren vergleichsweise harmlosen Gegenden.

Zum anderen muss man sich aber auch die Frage stellen: haben die Psalmen nicht vielleicht doch Recht? Habe ich nicht in Wirklichkeit mehr Feinde, als ich wahrhaben will? Die Mächte, die heute die Näherin in Bangla Desh bedrohen, werden sie nicht mit mir genauso umspringen, wenn sie Gelegenheit dazu haben? Die Radioaktivität, die heute von Fukushima ausgehend durch den Pazifik schwappt, wird die nicht irgendwann auch bei uns ankommen, und haben wir nicht genug davon auch schon bei uns im Land?

Wenn irgendwo in der Welt Menschen bedroht werden, bin ich damit nicht genauso gemeint? Und können mir nicht die Psalmen dabei helfen, zu verstehen, dass das Leben überhaupt nicht nur einen Verbündeten hat, nämlich Gott, sondern auch einen Feind und Zerstörer, der sich ins Fäustchen lacht, wenn ich ihn übersehe und glaube, ich könnte in abgewogener Neutralität irgendwo in der Mitte stehen?

Ich glaube, dass wir genau dazu die Psalmen brauchen, damit wir ein realistisches Bild bekommen von dem Konflikt, der sich durch unsere Welt zieht, einem Konflikt um Leben und Tod.

Denn erst, wenn wir das verstanden haben, dann können wir in vollem Umfang verstehen, was der letzte Vers des Psalms bedeutet:

6 Ich aber baue auf deine Liebe,
mein Herz soll jubeln über deine Hilfe.
Dem Herrn will ich singen,
weil er mir Gutes getan hat.

Erst wenn man sich die Konflikte voll vor Augen geführt hat, dann stellt sich die Frage: wer wird in diesem Konflikt gewinnen? Und wenn man die Frage so stellt, dann ist die Antwort klar: ja, Gott wird gewinnen! So sagt es schon das Alte Testament, aber nach der Auferstehung Jesu ist es ganz deutlich: Der Gott des Lebens wird am Ende siegen, er ist stärker als Tod und Zerstörung. Und so nimmt es der Psalm schon vorweg: ja, mein Herz wird am Ende jubeln über deine Hilfe. Und dann wartet man den endgültigen Ausgang nicht mehr ab, sondern fängt jetzt schon an zu jubeln und sich zu freuen.

Überall in den Psalmen gibt es diesen Wendepunkt, wo Menschen in ihrem Herzen den Sieg Gottes über die Zerstörung vorweg nehmen und jeden kleinen Etappensieg schon als Zeichen für den endgültigen Ausgang der menschlichen Geschichte nehmen. Manchmal ist das nur ein Sieg im Herzen, aber das ist nichts Geringes, sondern eine große Sache, wenn ein Mensch mitten in Bedrohung und Not zu einem ermutigten Herzen findet und sagt: ich vertraue auf deine Hilfe, Gott, ich rechne mit deinem endgültigen Sieg, und deshalb kann ich schon jetzt mitten in Kämpfen und Sorgen singen und jubeln, weil du an meiner Seite bist.

Überall in den Psalmen ringen sich Menschen dazu durch, sie erleben, wie der Druck weicht und das Herz fest wird, wie sich Licht und Freude im Herzen ausbreiten. Irgendwann ist der Durchbruch da. Und das ist eine Vorwegnahme des Jubels, zu dem die ganze Schöpfung berufen ist.

Deshalb beginnt das Buch der Psalmen mit einem ersten Teil, in dem vom Eindruck her die Klage überwiegt, aber es endet mit Psalmen voller Jubel und Freude, und in den letzten der 150 Psalmen steigert sich das immer mehr, so z.B. im 148. Psalm, der die Höhen und die Tiefen der ganzen Schöpfung zum Jubel über den lebendigen Gott aufruft. Und den hören wir nun zum Abschluss:

Psalm 148

Halleluja!
Lobt den Herrn vom Himmel her || lobt ihn in den Höhen:
Lobt ihn, all seine Engel || lobt ihn, all seine Scharen,
lobt ihn, Sonne und Mond || lobt ihn, all ihr leuchtenden Sterne
lobt ihn, ihr Himmel der Himmel || und ihr Wasser über dem Himmel!
Sie sollen loben den Namen des HERRN! || Denn er gebot, und sie waren erschaffen.
Er stellte sie hin für immer und ewig, || gab ein Gesetz, und nie vergeht es.
Lobet den HERRN von der Erde her: || ihr Ungeheuer und all ihr Tiefen
Feuer und Hagel, Schnee und Nebel, || du Sturmwind, der seinen Willen ausführt,
ihr Berge und all ihr Hügel, || ihr Fruchtbäume und alle Zedern,
ihr wilden Tiere und alles Vieh, || kriechende Wesen und gefiederte Vögel,
ihr Könige der Erde und alle Völker, || ihr Fürsten und alle Richter der Erde,
ihr jungen Männer und auch ihr Mädchen || ihr Alten mit den Jungen!
Sie sollen loben den Namen des HERRN! Denn sein Name allein ist erhaben || Seine Hoheit strahlt über Erde und Himmel.
Die Kraft seines Volkes hat er erhoben zum Lob für all seine Frommen, || für Israels Kinder, das Volk, das ihm nahe ist.
Halleluja!