Feb 232014
 

Predigt am 23. Februar 2014 zu Offenbarung 2,1-7 (Predigtreihe Offenbarung 03)

1 »Schreibe an den Engel der Gemeinde in Ephesus: Der, der die sieben Sterne in seiner rechten Hand hält und zwischen den sieben goldenen Leuchtern umhergeht, lässt ´der Gemeinde` sagen: 2 Ich weiß, wie du lebst und was du tust; ich kenne deinen unermüdlichen Einsatz und deine Ausdauer. Ich weiß auch, dass du niemand in deiner Mitte duldest, der Böses tut, und dass du die geprüft und als Lügner entlarvt hast, die behaupten, Apostel zu sein, und es nicht sind. 3 Ja, du hast Ausdauer bewiesen und hast um meines Namens willen viel ausgehalten, ohne dich entmutigen zu lassen.
4 Doch einen Vorwurf muss ich dir machen: dass du deine erste Liebe verlassen hast. 5 Erinnerst du dich nicht, wie es damals war? Wie weit hast du dich davon entfernt! Kehr um und handle wieder so wie am Anfang! Wenn du nicht umkehrst, werde ich mich gegen dich wenden und deinen Leuchter von seinem Platz stoßen. 6 Eins allerdings muss ich anerkennen: Du verabscheust die Praktiken der Nikolaiten genauso wie ich.
7 Wer bereit ist zu hören, achte auf das, was der Geist den Gemeinden sagt! Dem, der siegreich aus dem Kampf hervorgeht, werde ich vom Baum des Lebens zu essen geben, der im Paradies Gottes steht.«

Mit diesen Versen beginnen die sogenannten sieben Sendschreiben der Offenbarung: sieben Briefe an Gemeinden in Kleinasien, im Gebiet der heutigen Türkei. Johannes kennt diese Gemeinden, wahrscheinlich hat er dort gewirkt. Das Merkwürdige ist, dass ihm in dieser Vision von Jesus aufgetragen wird, nicht direkt an die Gemeinden zu schreiben; er soll an ihren »Engel« schreiben.

Der »Engel« der Gemeinde

Das klingt rätselhaft, und ich kann auch nur sagen, was mir am plausibelsten scheint: Der Engel ist der gute Geist der Gemeinde, er ist in jeder Gemeinde der Anwalt Jesu und seines Weges, er steht auch in aller Verwirrung und Abirrung für die göttliche Berufung der Gemeinde. Er verkörpert die verheißungsvolle Seite jeder Gemeinde.

Dieser Engel ist aber nicht Gott, er ist nicht allwissend, er ist nicht gefeit gegen Fehler, sondern er muss auf die Spur gebracht werden, er muss an seine Aufgaben erinnert werden. Er hat Anteil an unseren Begrenzungen und Defiziten, aber er ist das hoffnungsvolle Potential jeder Gemeinde.

Ist das nicht eine schöne Vorstellung, dass hinter jeder Gemeinde ein Engel steht, der sie begleitet, der mit ihr leidet, mit ihr lernt, sich vielleicht manchmal auch mit ihr verirrt, der sich aber von Gott rufen lässt, der von Jesus ansprechbar ist?

Der Briefabschnitt vorher, auf den wir vor zwei Wochen gehört haben, der endet ja mit den Worten: »Die sieben Sterne sind die Engel der sieben Gemeinden, und die sieben Leuchter sind die sieben Gemeinden.« Und unser heutiger Abschnitt beginnt mit einer Erinnerung an diese große Vision am Anfang des Buches, in der Jesus sieben Sterne, also die Gemeindeengel, in seiner Hand hält und sich unter den goldenen Leuchtern, den Gemeinden, bewegt.

Jesus und die Gemeinden

In diesen Bildern – Johannes macht ja Theologie in Bildern – wird das Verhältnis zwischen Jesus und den Gemeinden ausgedrückt: er bewegt sich unter den Gemeinden, er ist ihnen nahe, er schaut auf sie, und wenn er die sieben Sterne in seiner Hand hat, dann heißt das, dass er sie durch ihre Engel, ihre ansprechbaren Repräsentanten, leitet.

Als ich darüber nachdachte, fiel mir zuerst das Bild von einem Einsatzleiter ein, der auf einem Bildschirm die Bewegungen seiner Leute verfolgt und in seiner Hand ein Mikrofon hat, mit denen er ihnen Anweisungen gibt. An diesem Vergleich ist was dran, aber es gibt einen wichtigen Unterschied: Jesus gibt keine Kommandos in einer militärischen Befehlsstruktur, wo die Antwort dann nur noch sein kann: »verstanden, Ende.« Sondern er muss seine Leute und seine Engel immer wieder neu überzeugen. Er führt sie nicht wie Marionetten, sondern er spricht sie an, er redet ihnen zu. Er regiert die Welt dadurch, dass es Gemeinden gibt, die auf ihn hören, aber nicht alle Gemeinden hören auf ihn. Er muss sie immer wieder neu gewinnen. Das geht nicht immer gut, aber doch ziemlich oft.

Jesus regiert die Welt, weil es Gemeinden gibt, die trotz vieler Mängel und Zwiespältigkeit für ihn ansprechbar sind. In vielen Situationen der Kirchengeschichte haben Gemeinden lange geschlummert, aber im entscheidenden Augenblick dann doch auf Jesus gehört, und das hat den Lauf der Welt mehr als einmal verändert. Trotz all unserer Fehler und Halbherzigkeiten sind Gemeinden der wichtigste Kanal, durch den Jesus die Welt beeinflusst. Aber das ist keine Selbstverständlichkeit, sondern Jesus muss seine Gemeinden und ihre Engel immer wieder neu zurückholen auf ihren Weg. In der Offenbarung sind wir sozusagen live dabei, wenn Jesus um sein Volk ringt.

Man kann übrigens vermuten, dass es dort in Kleinasien so etwas wie einen Engelskult gab: man hat Engel als mächtige himmlische Wesen verehrt, und Johannes knüpft auch an diese Vorstellung an, aber er macht deutlich: die Engel sind genauso korrekturbedürftig wie Menschen, und sie sind in der Hand Jesu, sie werden von ihm gelenkt. Also konzentriert doch eure Aufmerksamkeit bitte nicht auf die Engel, sondern auf den Chef!

Ephesus: eine Gemeinde mit Urteilskraft

Und nun kommt also die erste Botschaft an den Engel der Gemeinde von Ephesus. Ephesus war eine reiche Handelsstadt; die Gemeinde dort ist von Paulus gegründet worden, an sie ist der Epheserbrief gerichtet. Und zuerst wird die Gemeinde gelobt, dass sie eine klare Urteilskraft bewiesen hat, als umherziehende Verkündiger sich dort einnisten wollten, sogenannte »Apostel«, die die junge Bewegung unter Kontrolle bringen wollten.

Mit solchen Leuten hat schon Paulus zu kämpfen gehabt: kaum hatte er irgendwo eine Gemeinde neu ins Leben gerufen, dann kamen über kurz oder lang Leute, die sagten: ist ja ganz nett, wie der Paulus hier schon mal angefangen hat, aber jetzt kommen wir mit dem vollen, richtigen Evangelium, und von jetzt ab sind wir hier die Chefs. Und auf den bescheidenen Paulus folgten großspurige Alphatypen, die nicht Diener der Gemeinde sein wollten wie Paulus, sondern die ihr gewaltiges Ego raushängten und sich bedienen ließen.

Das passiert bis heute in den meisten jungen Bewegungen, nicht nur in christlichen, dass sofort Trittbrettfahrer aufspringen und versuchen, die lebendige Energie des Aufbruchs für sich zu nutzen. Im christlichen Milieu arbeiten sie oft mit prophetischen Eingebungen oder sind fürchterlich fromm und nutzen den Eifer und die Hingabebereitschaft der engagierten Gläubigen aus.

Das Erbe des Paulus

Aber in Ephesus hat das nicht geklappt, die Gemeinde hat sich nicht beeindrucken lassen. Vielleicht hängt das damit zusammen, dass Paulus sie bei seinem letzten Besuch noch vor dieser Gefahr gewarnt hat. Im 20. Kapitel der Apostelgeschichte legt er den Leitern der Gemeinde dringend ans Herz: wenn ich hier weg bin, werden reißende Wölfe kommen, die über eure Gemeinde herfallen. Darum seid wachsam und schützt die Gemeinde davor!

Das hat offenbar gewirkt, die Epheser waren tatsächlich wachsam und sind nicht auf die Apostel mit dem gewaltigen Ego hereingefallen. Später kamen die Nikolaiten, wahrscheinlich eine frühe christliche Verirrung, über die man heute nur noch Vermutungen anstellen kann, und versuchten ebenfalls, sich in der Gemeinde einzunisten. Auch da haben die Epheser Urteilskraft und einen klaren Kopf bewahrt. So weit, so gut.

Nach dem Kampf bleibt Misstrauen

Aber anscheinend hatte dieser richtige Abwehrkampf gegen falsche Christen eine problematische Konsequenz: die Christen von Ephesus wurden misstrauisch. Wenn man dauernd darauf achten muss, nicht ausgenutzt zu werden und nicht auf falsche Fährten gelockt zu werden, dann traut man irgendwann keinem mehr. Die selbstverständliche Solidarität, die die Stärke so einer jungen Bewegung ist, die schrumpft nach und nach. Gastfreundschaft war ein Kennzeichen der jungen Christenheit. Wenn du aber ein paar Mal erlebt hast, wie deine Gastfreundschaft missbraucht wird, dann schaust du zweimal hin, wen du dir ins Haus holst.

Vorhin in der Evangelienlesung (Matthäus 24,9-14) haben wir ja schon von Jesus gehört, wie er seine Jünger warnt, dass falsche Propheten kommen werden, und wie er das im Zusammenhang nennt mit dem »Erkalten der Liebe«.

Zurück zur ursprünglichen Solidarität

Und deswegen ist die Botschaft Jesu nach Ephesus: finde wieder zurück zur ersten Liebe, zu dem selbstverständlichen Zusammenhalt, der die junge christliche Bewegung damals so attraktiv gemacht hat. Diese Selbstverständlichkeit, mit der man andere Christen in sein heiliges Wohnzimmer lässt; dieses feste Vertrauen, dass man sich dabei keine Sorge machen muss, weder um sein Tafelsilber noch um seine Ehefrau; diese tiefe Verbundenheit mit anderen Christen, die man noch gar nicht lange kennt; die Bereitschaft, großzügig mit anderen zu teilen, wenn es um die Sache Jesu geht: all das sind Kennzeichen einer lebendigen christlichen Gemeinschaft. Ja, es besteht immer die Gefahr, dass das ausgenutzt wird, aber die viel größere Gefahr ist, dass diese Hingabebereitschaft verschwindet und sich stattdessen Misstrauen und Kälte ausbreitet.

Bis heute gibt es so eine Szene selbsternannter Wächter und Warner, die überall falsche Lehre und den Untergang des christlichen Abendlandes wittern. Das ist so eine freudlose Szene, ich wende mich inzwischen nur noch schaudernd ab, wenn ich im Internet mal darauf stoße.

Es ist so wichtig, dass man seine Identität nicht in dem findet, wogegen man ist; dass nicht das Negative ins Zentrum rückt, sondern dass man verwurzelt bleibt in dem großen Positiven, das Jesus gebracht hat: eine neue Gemeinschaft von einer Tiefe und Übereinstimmung, die sich jemand, der das nie erlebt hat, gar nicht vorstellen kann. Das ist das lebendige Herz des christlichen Glaubens, und wenn es von Misstrauen überwuchert wird, dann stirbt die Bewegung.

Die Unterscheidung der Geister ist eine wichtige Sache, wir brauchen mündige Gemeinden, die nicht auf jeden Blender reinfallen, der mit beeindruckenden frommen Sprüchen um sich schmeißt. Aber wir dürfen nicht vergessen, was der christliche Normalfall ist, nämlich eine große Solidarität unter denen, die sich von Jesus haben ansprechen lassen – quer durch alle Konfessionen hindurch.

Jesus macht den Engel der Gemeinde darauf aufmerksam, was die Gemeinde verloren hat, während sie den – richtigen – Abwehrkampf gegen die falschen Christen führte. Und jetzt ist es Zeit, sich wieder an den Ursprung zu erinnern und wieder an die ursprüngliche Liebe anzuknüpfen. Sie wird dann noch tiefer und klarer werden als am Anfang, weil sie jetzt nämlich auch die Erfahrungen aus der Kampfzeit in sich aufgenommen hat.

Nach der Pubertät

Es ist ja kein Zufall, dass solche pseudochristlichen Blender sich besonders in ganz jungen christlichen Bewegungen tummeln. Da hat man noch kein durch Erfahrung bestätigtes Urteil, da sind alle noch unsicher, da gibt es viel Begeisterung aber wenig reife Führungspersonen. Das ist so ein bisschen wie die Pubertät einer Gemeinde, der jugendliche Überschwang, wo man denkt: was kostet die Welt? Nur der Himmel ist die Grenze! Und dann muss man erst lernen, dass es Fußangeln und Fallen gibt, von denen man vorher nichts ahnte. Und leider bleiben dabei junge christliche Bewegungen manchmal auf der Strecke, so wie auch manchmal Menschen an ihrem jugendlichen Überschwang zu Grunde gehen.

Aber wenn man durch diese Sturm-und-Drang-Zeit hindurch ist und es dann noch schafft, sich die Energie und Begeisterung der Jugend in verwandelter Form zu bewahren, dann ist etwas Großes geschehen. Dann hat man wirklich eine wichtige Klippe überwunden.

Und deshalb beendet Jesus die Botschaft nach Ephesus mit einem Satz, in dem es ums Überwinden geht: wer siegreich aus diesem Kampf hervorgeht, der darf vom Baum des Lebens essen, der im Paradies steht. Wenn ihr es geschafft habt, ein klares Urteil zu entwickeln, ohne dadurch in ständiges Misstrauen abzurutschen, dann seid ihr im Paradies angekommen. Dann lebt ihr in einer Liebe und Urteilskraft, die sich ein Außenstehender gar nicht vorstellen kann. Die Trittbrettfahrer aller Art durchschaut ihr sofort, ihre Sprüche und ihr Stil beeindrucken euch nicht mehr, aber mitten in einer Gesellschaft voll aufgeblähter Egos kennt ihr die wirkliche Liebe, die die richtige Nahrung für unser Herz und unser Leben ist.

Feb 092014
 

Predigt am 9. Februar 2014 zu Offenbarung 1,9-20 (Predigtreihe Offenbarung 02)

9 Ich, euer Bruder Johannes, der wie ihr bedrängt ist, der mit euch an der Königsherrschaft teilhat und mit euch in Jesus standhaft ausharrt, ich war auf der Insel Patmos um des Wortes Gottes willen und des Zeugnisses für Jesus. 10 Am Tag des Herrn wurde ich vom Geist ergriffen und hörte hinter mir eine Stimme, laut wie eine Posaune. 11 Sie sprach: Schreib das, was du siehst, in ein Buch und schick es an die sieben Gemeinden: nach Ephesus, nach Smyrna, nach Pergamon, nach Thyatira, nach Sardes, nach Philadelphia und nach Laodizea.
12 Da wandte ich mich um, weil ich sehen wollte, wer zu mir sprach. Als ich mich umwandte, sah ich sieben goldene Leuchter 13 und mitten unter den Leuchtern einen, der wie ein Mensch aussah; er war bekleidet mit einem Gewand, das bis auf die Füße reichte, und um die Brust trug er einen Gürtel aus Gold. 14 Sein Haupt und seine Haare waren weiß wie weiße Wolle, leuchtend weiß wie Schnee, und seine Augen wie Feuerflammen; 15 seine Beine glänzten wie Golderz, das im Schmelzofen glüht, und seine Stimme war wie das Rauschen von Wassermassen.
16 In seiner Rechten hielt er sieben Sterne und aus seinem Mund kam ein scharfes, zweischneidiges Schwert und sein Gesicht leuchtete wie die machtvoll strahlende Sonne. 17 Als ich ihn sah, fiel ich wie tot vor seinen Füßen nieder. Er aber legte seine rechte Hand auf mich und sagte: Fürchte dich nicht! Ich bin der Erste und der Letzte 18 und der Lebendige. Ich war tot, doch nun lebe ich in alle Ewigkeit, und ich habe die Schlüssel zum Tod und zur Unterwelt. 19 Schreib auf, was du gesehen hast: was ist und was danach geschehen wird.
20 Der geheimnisvolle Sinn der sieben Sterne, die du auf meiner rechten Hand gesehen hast, und der sieben goldenen Leuchter ist: Die sieben Sterne sind die Engel der sieben Gemeinden und die sieben Leuchter sind die sieben Gemeinden

Eben in der Lesung (Matthäus 17,1-9) haben wir gehört, wie Jesus schon vor seinem Tod und seiner Auferstehung für einen Augenblick in himmlischem Glanz sichtbar geworden ist: die drei Jünger, mit denen er am engsten zusammen war, durften dabei sein, als der Vorhang für einen Augenblick weggezogen wurde und er in seiner ganzen Herrlichkeit, in seiner göttlichen Strahlkraft zu sehen war.

Die verborgene Seite Jesu

Das ist die Seite Jesu, die in seiner Zeit als äußerlich »normaler« irdischer Mensch verborgen war. Ja, auch damals hat er etwas von diesem Glanz und diesem Licht verbreitet, aber es geschah sozusagen in abgemilderter Form, er hat die Menschen mit seinen Heilungen und mit seinen Worten und mit seiner Freiheit von Menschenfurcht zum Staunen gebracht; und manchmal war dieses Staunen schon an der Grenze zum Erschrecken, z.B. als er den Sturm auf dem See Genezareth zur Ruhe brachte. Immer wieder stießen Menschen bei Jesus auf eine so große Stärke, dass sie ihnen unheimlich wurde, wenn sie ihnen zu nahe kam.

Der Seher Johannes hat nun eine Begegnung mit Jesus, die so ähnlich ist wie dieser Moment auf dem Berg, als die drei Jünger Jesus im himmlischen Glanz sahen. Johannes ist auf die Insel Patmos verbannt worden – den römischen Behörden gefiel es anscheinend nicht, dass er mit starker Wirkung über Jesus sprach.

Anbetung der Macht

Andererseits hat man Johannes nicht gleich umgebracht, sondern ihn »nur« aus dem Verkehr gezogen. Es war eine Zeit, in der es noch keine einheitliche Haltung des Imperiums zu den Christen gab. Sie wurden noch nicht als Staatsfeinde angesehen, aber irgendwie hatte die Obrigkeit schon das Gefühl, dass sich da etwas ausbreitete, was schwer einzuschätzen war: harmlos oder gefährlich?

Besonders in den östlichen Teilen des Reiches wurde damals der Kaiserkult eingeführt, also die göttliche Verehrung der Imperatoren nach ihrem Tod, später auch während sie noch lebten. Dazu baute man Denkmäler und Tempel, in denen der Kaiser und damit die Macht und Größe des Imperiums verehrt wurde. Dass die Juden dabei nicht mitmachten, das war klar, aber dass es nun eine Bewegung gab, durch die auch nicht jüdische Menschen von der imperialen Religion ferngehalten wurden, das konnte den Römern nicht gefallen.

Aber indem sie Johannes nach Patmos verbannten, gaben sie ihm viel Zeit zum Meditieren und Beten, und in der Geschichte des Christentums haben viele Menschen entscheidende Wendungen im Gefängnis erlebt. Was Johannes vorher gemacht hat, davon weiß heute niemand mehr etwas, aber was ihm da auf dem Inselchen vor der kleinasiatischen Küste offenbart wurde, das hat immer wieder den Lauf der Weltgeschichte beeinflusst.

Eine überwältigende Vision

Johannes hört hinter sich eine laute Stimme, die ihn auffordert, sich jetzt alles genau zu merken, es aufzuschreiben und an sieben Gemeinden in Kleinasien zu schicken. Er dreht sich um und sieht ein überwältigendes Bild: sieben golden glänzende Leuchter und dazwischen eine hell strahlende menschliche Gestalt, ein Mensch wie ein Feuer, ein leuchtender Glanz geht von ihm aus. Alles an ihm ist hell, sein Gewand, seine Haare, sogar seine Füße glänzen. Seine Augen sind wie Flammen. Und wenn er redet, dann ist es, als ob man das Rauschen eines Wasserfalls hört oder direkt an der Küste steht, wo die großen Wellen ans Land branden.

Johannes schaut Bilder. Paulus arbeitet mit messerscharfer Logik, der Evangelist Johannes meditiert Worte und Erzählungen, aber der Seher Johannes beschreibt uns Bilder. Der Heilige Geist arbeitet bei jedem Menschen wieder unterschiedlich. Er nimmt das, was in den Menschen ist, und lässt sie dadurch das Evangelium ausdrücken. Gerade in unserer Zeit, in der Bilder immer wichtiger werden und Logik immer weniger Resonanz hat, ist es gut, dass wir auch die Bilder des Johannes in der Bibel haben.

Wurzeln im Alten Testament

Wenn man sie genau betrachtet, dann merkt man, dass das keine willkürlich erfundenen Bilder sind, sondern dass es Weiterentwicklungen von Bildern sind, die schon im Alten Testament auftauchen, vor allem in den Büchern der Propheten Daniel und Ezechiel. Offenbar hat Johannes diese Bilder meditiert, er hat sie in sich aufgesogen, hat sie hin und her gewendet und mit seinem inneren Auge immer wieder betrachtet, und dann kommt der heilige Geist, nimmt diese Bausteine und kombiniert sie zu einem neuen Bild.

Beim Propheten Daniel z.B. gibt es eine damals sehr bekannte Szene, wo jemand »wie ein Menschensohn« »mit den Wolken des Himmels« zu einem Uralten kommt, also zu Gott. Und dieser Uralte wird ganz ähnlich beschrieben, wie die Gestalt hier: mit einem weißen Gewand und Haar, das weiß wie Wolle ist, und um ihn herum ist auch Feuer. Wenn diese Gestalt hier aber sagt: »Ich war tot, aber jetzt lebe ich in alle Ewigkeit«, dann ist klar, dass das Jesus sein muss, weil nur er gestorben und auferstanden ist. Und das wiederum bedeutet, dass in diesem Bild des Sehers Johannes Jesus ähnlich geschildert wird wie bei Daniel Gott. Das bedeutet: Jesus hat Anteil an Gottes Herrlichkeit.

Wir sehen daran: Johannes macht Theologie nicht mit Begriffen, sondern mit Bildern. Er lebt in den vielen prophetischen Bildern des Alten Testaments, und in seiner Vision werden sie neu kombiniert und weitergedacht, und wir müssen lernen, solche Bilder zu verstehen. Sie sind vielleicht nicht immer so eindeutig und klar wie Begriffe, aber sie arbeiten mit unserer Vorstellungskraft. Sie rufen Emotionen und Vernunft gleichzeitig auf. Künstler haben immer wieder versucht, das mit ihren Mitteln für ihre Zeit neu auszudrücken.

Vorbereitung auf die Begegnung mit Gott

Johannes ist von dem Bild, das er sieht, erst einmal überwältigt; er fällt wie tot zu Boden. Wenn wir dem Bereich Gottes unverhüllt begegnen, dann überwältigt uns das. Deshalb ist Jesus als Mensch gekommen, denn wenn er in seiner wahren Gestalt gekommen wäre, das hätte die Welt nicht ertragen können. Und selbst diejenigen, die mit Jesus ganz eng zusammengehören, wie die drei Jünger auf dem Berg der Verklärung oder Johannes der Seher, selbst sie kommen an die Grenze des Erträglichen, wenn sie Jesus so direkt begegnen.

Man kann sich die ganze christliche Geschichte so vorstellen, dass wir darauf vorbereitet werden, Gott und Jesus direkt zu begegnen, ohne dabei kaputt zu gehen. Im Paradies war das kein Problem, aber seit sich Menschen von Gott abgewandt haben, haben wir ein großes Problem mit Gottes wahrer Herrlichkeit, weil sie uns so fremd geworden ist. Und Gott muss seine Gegenwart sehr genau dosieren: nicht zu viel, damit wir nicht sterben, und nicht zu wenig, damit wir ihn nicht übersehen. Aber je vertrauter wir mit ihm werden, um so mehr kann er uns zumuten.

Und man kann die ganze Offenbarung auch lesen als eine Geschichte davon, wie Gott immer stärker anbrandet gegen das Ufer der Welt, jede Welle schiebt sich höher den Strand hinauf, und das erschüttert die Welt immer stärker. Und wer nicht darauf vorbereitet ist, der erlebt das als schreckliche Katastrophe. Und auch allen, die zu Jesus gehören, muss Johannes sagen: keine Angst! Das ist keine Katastrophe, das ist der Herr! Die Herren dieser Welt gehen, aber unser Herr kommt.

Auch Johannes selbst sinkt bei dieser Erscheinung zunächst ohnmächtig zu Boden, wie es auch schon dem dem Propheten Daniel ergangen ist. Und er muss erst von Jesus hören: fürchte dich nicht! Und er sagt ihm gleich: ich habe die Schlüssel zum Tod und zur Unterwelt. Auch hier muss man die Bilder verstehen: Hades, der Gott der Unterwelt, wird auf griechischen Darstellungen mit einem Schlüssel dargestellt, als Zeichen dafür, dass er die Toten nicht wieder hergibt. Aber Jesus hat mit ihm gekämpft und ihm den Schlüssel des Totenreichs abgenommen. Und es ist, als ob wir in einem Kerker säßen, und da kommt jemand und flüstert uns zu: hier! Ich habe den Schlüssel! Es gibt einen Ausgang, wir sind frei!

Eine ermächtigende Geschichte

Das ganze Buch ist geschrieben, damit der Mut des Glaubens wächst und sich ausbreitet: das Tor dieser finsteren Welt ist nicht mehr verriegelt! Wir sind frei! Wir können uns was trauen!

Wir entdecken einen Jesus, der die Grundfesten der Welt erschüttert, dessen Macht einen Menschen überwältigen kann, und der ihn trotzdem freundlich und sanft anrührt und sagt: keine Angst! steh auf, ich bin es, du kennst mich doch! In unserer Gegenwart machen wir aus Jesus eher so einen schlappen Softie, an den man sich ankuscheln kann und der für alles Verständnis haben muss, oder wir ignorieren ihn. Aber in Wirklichkeit ist er die Macht, die die ganze Welt bewegt, und dass er so freundlich zu uns ist und aufpasst, dass er uns nicht erschlägt mit seiner Gegenwart, das ist nicht selbstverständlich.

Dieser Jesus steht zwischen den sieben Leuchtern und erklärt: das sind die sieben Gemeinden. Die Gemeinden in Ephesus, Smyrna, Pergamon, Thyatira, Sardes, Philadelphia und Laodizea sind wahrscheinlich ziemlich kleine Gruppen in großen Städten, wo es prunkvolle Tempel und große Stadien gibt, die den Mittelpunkt der Stadt darstellen. Niemand hätte damals erwartet, dass diese kleinen Gemeinschaften am Rande der Gesellschaft irgendetwas bedeuteten. Aber wenn der Vorhang zwischen Himmel und Erde weggezogen wird, dann sieht man, dass sie ganz eng mit diesem welterschütternden Jesus zusammengehören. Sie sind nicht der Ursprung des göttlichen Glanzes, aber sie geben sein Licht weiter.

Die wirkliche Bedeutung von Gemeinden

Lasst uns dieses Bild durchdenken: die sieben Gemeinden stehen natürlich für alle Gemeinden, auch für uns. Auch wir sind so ein Leuchter, der aus himmlischer Sicht zentrale Bedeutung für die Welt und ihren Weg hat. Was wir von uns selbst sehen, ist noch nicht mal die halbe Wahrheit. Wir sind geneigt, uns als unbedeutend und ungenügend anzusehen, und wir werden bei unserer Beschäftigung mit der Offenbarung auch sehen, dass Jesus teilweise ziemlich kritisch auf den Zustand der Gemeinden schaut.

Aber das ändert nichts daran, dass sie die entscheidenden Leuchter sind, auf die Jesus zuerst schaut, wenn er auf eine Stadt oder einen Ort blickt. Wir sind ja in der Regel so bescheiden, dass wir schon froh sind, wenn uns Menschen wahrnehmen als brauchbare Agentur zum Management von Lebenskrisen. Wie viele andere Menschen auch haben Christen Angst vor ihrer eigenen Größe – aber wenn wir wirklich so zentral in Gottes Sicht der Welt sind, dann können wir nicht weiter so harmlos von unserer Rolle denken. Dann ist das, was wir hier tun, keine nette Freizeitbeschäftigung für Leute mit religiösen Neigungen. Wir sind auch keine Agentur zur Bewältigung von Lebenskrisen: wir produzieren erst die Krisen, mindestens sind wir daran beteiligt. Wir sind Teil der Erschütterungen, die Gott in dieser Welt auslöst. Wir machen das mal besser und mal schlechter, aber wir sind ein Teil der Krise, die Gott für die Welt bedeutet, und die Vertreter des römischen Imperiums haben etwas Richtiges gespürt, als ihnen Johannes komisch vor kam.

Vielleicht sind wir, so wie die Gemeinden damals, für den oberflächlichen Blick eher eine Randerscheinung in der Gesellschaft. Aber wir selbst sollen diesen Blick nicht übernehmen. Wir sollen es besser wissen. Denn wenn der Vorhang zur Seite gezogen wird, dann sieht es anders aus. Dann entpuppen sich Gemeinden als Gottes strategische Angelpunkte in der Welt. Und diese verborgene Realität dringt durch 1000 Ritzen und dünne Stellen in die Welt ein und verwandelt sie, bis Himmel und Erde von neuem und endgültig zusammenfinden.