Jan 122014
 

Predigt am 12. Januar 2014 zu Matthäus 3,13-17

13 Auch Jesus kam aus Galiläa an den Jordan zu Johannes, um sich von ihm taufen zu lassen.
14 Johannes wehrte sich entschieden dagegen: »Ich hätte es nötig, mich von dir taufen zu lassen, und du kommst zu mir?« 15 Aber Jesus gab ihm zur Antwort: »Lass es für diesmal geschehen! Es ist richtig so, denn wir sollen alles erfüllen, was Gottes Gerechtigkeit fordert.« Da willigte Johannes ein.
16 In dem Augenblick, als Jesus nach seiner Taufe aus dem Wasser stieg, öffnete sich über ihm der Himmel, und er sah den Geist Gottes wie eine Taube auf sich herabkommen. 17 Und aus dem Himmel sprach eine Stimme: »Dies ist mein geliebter Sohn, an ihm habe ich Freude.«

Lasst uns heute mal so tun, als ob wir überhaupt nicht wüssten, was es heißt, jemanden zu taufen. Lasst uns so tun, als ob wir nie gesehen hätten, wie hier oder in einer anderen Kirche ein Baby zum Taufstein gebracht wird oder ein Erwachsener kommt, um sich taufen zu lassen. Damals hatten sie das ja auch noch nie gesehen, bis Johannes kam und die Menschen einlud, sich im Jordan untertauchen zu lassen.

Wie damals Menschen Taufe erlebten

Und tun wir mal so, als ob wir nichts davon wüssten, dass man an heißen Tagen zum Freibad fährt oder an einen See und dort mit großer Freude schwimmt und taucht und planscht. Denn damals hat man das Wasser nicht als Freizeitbeschäftigung angesehen, sondern als etwas Unheimliches und Bedrohliches. Das Meer war gefährlich, das Wasser erinnerte an das Chaos vor der Erschaffung der Welt. Da ging man nicht aus Spaß rein, zumal die Möglichkeiten in der Wüste ja begrenzt waren. Und dann noch tauchen, untergetaucht werden – wahrscheinlich hatte das noch kaum jemand erlebt. Das war wirklich kein Spaß. Wir müssen uns da schon erinnern, wie das war, als wir zum ersten Mal überhaupt getaucht sind, vielleicht als Kinder, und nicht wussten, wie das da unter Wasser sein würde. Oder, noch schlimmer, als uns jemand anders untergetaucht hat und wir hofften, dass er uns rechtzeitig wieder hoch lassen würde. Ein bisschen Todesangst ist da immer dabei.

Also, versucht euch jemanden vorzustellen, für den das Wasser so etwas Unheimliches ist, und der kommt jetzt zum Jordan. Das ist auch nicht irgendein Fluss, sondern der erinnert an einen ganz wichtigen Moment in der Geschichte Israels: an die Befreiung aus der ägyptischen Sklaverei, als sie durch die Wüste flohen und zweimal an einem scheinbar unüberwindlichen Wasser standen: am Anfang am Schilfmeer und am Ende am Jordan – der war die Grenze zum verheißenen Land. Beide Gewässer standen für Befreiung und Neuanfang. Und jedes Mal kamen sie da nur durch, weil Gott ihnen half.

Das ungefähr war es, was Menschen im Kopf hatten, wenn sie zu Johannes kamen, um sich taufen zu lassen. Johannes, das war dieser wilde Typ, der von dem lebte, was er in der Wüste fand: Heuschrecken. Honig von wilden Bienen. Guten Appetit.

Eine andere Art von Befreiung

Es war damals gar nicht selten, dass sich Menschen in der Wüste um einen Anführer herum versammelten. Sie hatten dann ihre alten Schwerter rausgeholt und geputzt, und sie hofften, dass sie endlich ihre Freiheit gegen die römischen Herren des Landes erkämpfen würden. Aber solche Aufstände wurden normalerweise schnell und blutig niedergemetzelt.

Stattdessen kommen sie hier zu Johannes dem Täufer in die Wüste am Jordan. Der Fluss, das ist klar, ist mit dem Thema Befreiung verbunden, aber dann werden sie in diesem schrecklichen Wasser untergetaucht. Und das erinnert an den Tod. Und in dieser Kombination heißt das: Befreiung gibt es nur, wenn du bereit bist, dich diesem tödlichen Wasser auszuliefern. Wenn du bereit bist, zu vertrauen, dass der Heuschreckenfresser dich rechtzeitig wieder raus lässt.

Vergleicht das mal! Die einen kommen mit Schwertern in die Wüste, um anderen den Tod zu bringen (wenn auch im berechtigten Interesse der Freiheit), und kommen am Ende selbst um. Hier kommen sie an den Fluss der Befreiung und lassen an sich selbst so eine Art symbolischen Tod vollziehen. Aber am Ende bleiben sie am Leben.

Das ist gegen unsere Instinkte. Menschen sind viel eher bereit, gegen andere zu kämpfen, als selbst freiwillig ihr Leben aufzugeben, und sei es auch nur symbolisch. Wir geben nicht auf, was wir haben, sondern wir verteidigen es und sehen zu, dass es mehr wird, ob das Freiheit ist, oder Besitz, Macht und Ansehen. Bei der letzten Finanzkrise haben alle auf die Gier der Banken geschimpft, aber an dieser Gier wird ja nur erkennbar, wie unsere Gesellschaft im Ganzen tickt. Genügend Menschen haben ja ihr Geld solchen Finanzjongleuren anvertraut. Und wer nicht an der richtigen Stelle sitzt, um Milliarden zu erbeuten, der versucht wenigstens, ein paar Sonderangebote zu erbeuten, oder billiges Fleisch aus der Hühnerfabrik, oder billige Klamotten, die irgendwo in Asien für Hungerlöhne genäht werden.

Der Kampf um Lebenschancen

Natürlich funktionieren wir nicht nur so und nicht dauernd so. Sonst könnte die Gesellschaft gar nicht bestehen. Wir sind alle auch mehr oder weniger großzügig, freundlich, hilfsbereit, tierlieb und verantwortungsbewusst, vor allem im privaten Bereich. Aber wo es um die großen Entscheidungen geht, wo es um Geld und Macht geht, da ist Kampf angesagt. Da gibt keiner freiwillig was her. Und das frisst sich durch die Gesellschaft durch, und am Ende leben auch die kleinen Leute auf Kosten der kasernierten Hühner und auf Kosten der kasernierten Näherinnen in Bangla Desh, und ein Haufen Leute glaubt, sie müssten wenigstens in ihrer Klasse oder in ihrem privaten Umfeld der Superstar sein, der alle Aufmerksamkeit auf sich zieht.

Also, wir sind nicht alle in jedem Augenblick gierig, egoistisch und rücksichtslos, aber unsere Gesellschaft im Ganzen funktioniert so, und natürlich steckt diese Logik des Beutemachens und Sich-selbst-der-Nächste-Seins auch in uns drin. In der Zeit von Jesus und Johannes war es vielleicht noch offensichtlicher, dass die Gesellschaft durch Gewalt zusammengehalten wurde. Damals gab es gleich nebenan Sklaven und Tagelöhner – heute wird man normaler Weise nur darauf aufmerksam, wenn mal wieder eine asiatische Textilfabrik abgebrannt ist. Es ist alles viel verdeckter und undurchschaubarer.

Abschied vom Beutesystem und seinen Göttern

Aber das Symbol der Taufe sagt: Freiheit gibt es nur, wenn ihr euch aus diesem System des Besitzen-Wollens befreien lasst. So wie Israel damals aus dem pharaonischen Ägypten, dem Sklavenstaat, rausgekommen ist. Das Problem ist nur, dass diese Logik des Habenwollens so tief in Menschen eingedrungen ist. Wir müssen uns auch von etwas trennen, was in uns selbst drinsteckt. Wir müssen etwas tun, was unserer Selbsterhaltungslogik widerstrebt: einen Teil von uns selbst aufgeben. Man kann diesen Teil den »alten Adam« nennen. Oder Ichzentriertheit, Egoismus, Beutegier, Geiz, Ellbogenmentalität, Rücksichtslosigkeit, Leben auf Kosten anderer. Ich glaube, die Richtung ist klar.

Und weil das gar nicht so sehr individuelle Charaktereigenschaften sind, sondern das Grundmuster unseres Gesellschaftssystems, deshalb geht es darum, die Verbindungen zu diesem System zu kappen, zu verhindern, dass das alles bei uns einen Fuß in der Tür hat. Es geht zuerst darum, diesem System nicht mehr zu glauben, wenn es uns versichert, dass alles in Ordnung ist und wir uns ihm anvertrauen können. Christen sind nicht die, die mehr glauben als andere, sondern wir glauben weniger. Wir glauben nicht, dass es sinnvoll ist, immer mehr zu haben, mehr Geld, Macht, Ansehen usw. Deswegen hat man in der alten Welt die Christen des Atheismus verdächtigt, weil sie den Göttern, die diese Welt hervorbringt, nicht geglaubt haben. Wie wir es vorhin in der Lesung von Paulus gehört haben (Römer 12,1-3): Passt euch nicht dieser Welt an, sondern denkt nach einem anderen Muster und dann handelt danach! Die Christen sind nicht ins Stadion gegangen, sie haben nicht die Bildzeitung gelesen, sie sind keine Soldaten geworden, sie haben sich nicht ein paar Sklavinnen für schöne Stunden gehalten, sie haben nicht an den Finanzmärkten spekuliert. Das und vieles andere haben sie nicht gemacht, und das war verdächtig.

Und alles fing damit an, dass Jesus zu Johannes kommt und getauft werden will. Johannes war ein Prophet, er sah gleich, was los war, und er wusste: Der braucht das nicht. Jesus nicht. Der war frei, in dem saß die Gier und der Beuteinstinkt nicht drin. In dem musste nichts sterben. Aber Jesus wollte trotzdem getauft werden, weil das so gut ausdrückte, was die treibende Kraft in seinem Leben war: Liebe, Solidarität. Liebe bedeutet ja, dass man sich nicht selbst in den Mittelpunkt der Welt stellt, sondern mindestens manchmal jemand anders. Und so gab Johannes nach.

Gottes Ja zur fundamentalen Alternative

Und als Jesus wieder auftauchte, sah er über sich den Himmel offen, und Gott sagte »Ja« zu ihm. Gott sagte: so wie du es machst, ist es richtig. Ja, du bist wirklich mein Sohn, du bist von meiner Art, du bist so, wie ich bin. Du bist der Mensch, an dem ich mich freue.

Da stellt sich ein Mensch in fundamentale Opposition zu allem, was unter Menschen als vernünftig und selbstverständlich und unvermeidbar gilt, und Gott sagt: »Klasse! Du bist so wie ich! Endlich einer, der es verstanden hat!«

Könnt ihr euch vorstellen, was das für eine Bestätigung für Jesus war? In den nächsten drei Jahren musste er dauernd auf der Hut sein, weil er mehr oder weniger raffiniert angegriffen und unter Druck gesetzt wurde: von Pharisäern und Priestern, von seinen eigenen ahnungslosen Jüngern, von Dämonen, vom Satan selbst. Aber er hat das alles durchstehen können, weil Gott ihm ganz am Anfang gesagt hat: dein Weg ist richtig. Ich stehe hinter dir. An dir habe ich Freude. Du lebst so, wie ein Mensch in meinen Augen leben soll.

Versteht ihr? Jesus ist das gelingende Leben, das gute Leben, die neue Welt. Und er ist es, weil er nicht mitmacht beim Tanz ums Goldene Kalb, weil er sich trennt von der Logik des Beutemachens und der Gewalt, nach der alle Gesellschaften funktionieren. Am Ende wird gerade an ihm die Gewalt sichtbar, die mehr oder weniger offen die Wurzel aller Gesellschaften ist, nämlich als sie ihn kreuzigen. Er hat diesen Tod übrigens selbst im Voraus als »Taufe« bezeichnet. Aber Gott sagte auch da wieder »Ja« zu ihm und ließ ihn auferstehen. Am Ende funktioniert die Welt eben doch nicht nach der Ellbogenlogik, sondern nach Gottes Logik.

Wir sollen hineingezogen werden

Und dann wird deutlich, dass alle, die sich damals taufen ließen und alle, die es bis heute tun, damit ein Hinweis werden auf dieses eine Leben, das richtig und gerecht war in Gottes Augen. Wir alle haben es – anders als Jesus – nötig, getauft zu werden. Aber das ist eher eine Geste als eine echte Wirklichkeit; es ist ein Hinweis auf den, der kommt und es nicht nötig hat und sich trotzdem taufen lässt, Jesus. Taufe verbindet uns mit dem gelingenden Leben Jesu, mit der neuen Welt, die in ihm verborgen ist wie ein Samenkorn, das erst wachsen muss.

Johannes sagt: ich taufe euch mit Wasser. Einfach nur Wasser, ein Zeichen, mehr nicht. Wir alle kochen mit Wasser, bis heute. Aber dann und wann kommt Jesus dazu und nimmt dies Zeichen ernst und gibt etwas von seinem neuen Leben in unsere Leben hinein. Er lässt an uns seine Alternative sichtbar werden. Oder andersherum: er zieht uns in seinen Weg hinein. Es ist ein hoffnungsvoller Weg, weg von allem, was unter Menschen als vernünftig, selbstverständlich und unvermeidbar gilt. Es ist der Weg, zu dem Gott »Ja« sagt. »Endlich« sagt er, »da sind welche wie ich. Meine Töchter und Söhne.«

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