Jan 282014
 

Gerade hab ich ein paar Tweets zum Thema „Übernahme von Internet-Predigten“ rausgehauen und merkte, dass das auf Resonanz stieß. Deswegen will ich es noch mal im Zusammenhang schreiben (und nicht im Twitterformat). Darf man fremde Texte in Predigten einbauen, und das auch noch ohne Quellenangabe?

Das erste, was man dazu sagen muss, ist: das hat es schon immer gegeben. In Zeiten, als es noch kein Internet gab, hatte man – auch als Theologe – gedruckte Predigtsammlungen. Es gab angeblich auch Sammlungen mit Beispielgeschichten für Predigten. Nach dem Vikariat habe ich noch lange mit geschätzten Kollegen kopierte Predigten ausgetauscht (per Snail Mail) und dabei manches sowohl gelernt als auch übernommen. Ich habe die Ordner immer noch und benutze sie manchmal. Manche, die sich zur Übernahme von Predigten äußern, sehen das als Problem des Internet („Verführung durchs Internet?“). Aber wenn ich von einem Kollegen zum fünften Mal mit großem Pathos höre, dass „Christus keine Hände hat, nur unsere Hände“, dann ist das kein Problem des Internet. Oder zu Weihnachten Angelus Silesius. Oder die „kleinen Dinge“, an denen sich zu freuen man wieder lernen muss. Das ist ein Problem mit nicht zu Ende gedachter Theologie. Oder mit dem kleinbürgerlichen Horizont. Da stellen sich mir manchmal wirklich die Nackenhaare hoch, aber das liegt nicht am bösen Internet.

Das zweite ist: Wer den Gottesdienst hält, ist dafür verantwortlich, dass es ein guter, erfüllter, starker Gottesdienst wird (vorsichtshalber für alle Lutheraner das Mantra: WIR können das nicht machen und so). Wie er das hinkriegt, ist sein Problem. Wenn sie irgendwo abkupfert, soll es mir recht sein, wenn es denn am Ende ein Gottesdienst wird, in dem etwas Starkes … passiert. Gut auswählen ist auch eine Kunst. Wenn du etwas öffentlich vorträgst, ist es dein Text, egal, wo er her ist. Punkt. Ich bin tatsächlich öfter mal erschrocken, wie wenig Hoffnung und Leidenschaft sich für manche mit ihrer Ortsgemeinde verbinden, aber das ist ein anderes Thema. Manchmal wäre es nicht schlecht, wenn man da wenigstens eine kluge Predigt aus dem Internet vorgelesen bekäme.

Drittens: Predigten sind Open Source. Wer was von Software versteht, weiß, warum Open Source oft besser ist als proprietäre (nicht nachvollziehbare) Programme. Wenn einer auf dem anderen aufbaut, wächst die Qualität. Warum nicht tolle Formulierungen übernehmen, die man selbst so nicht hingekriegt hätte? Ich hab viel gelernt von Theologen und Theologinnen, mit deren Büchern ich eine Zeit lang vertrauten Umgang gepflegt habe. Irgendwann war dann ein anderer dran, aber sie alle begleiten mich bis heute. Die unterschwellige Vorstellung, Predigten müssten etwas Originelles und Einmaliges sein, ist daneben. Predigten sind Gebrauchstexte. Predigten sind auch keine Doktorarbeiten. Schon Paulus hat sich bei allen möglichen anderen bedient, ganz ohne Quellenangabe. Wenn du Texte von einer anderen übernimmst, würdigst du sie. Du machst dir ihr Anliegen zu eigen. Was kann ihr Besseres passieren?

Viertens: Wer fremde Texte ganz oder teilweise übernimmt, muss sie sich trotzdem erst aneignen. Auch das ist ein kreativer Prozess. Wer nicht merkt, wenn die fremde Sprache (oder Theologie) in ihrem Mund blechern klingt, muss noch viel lernen. Sich am Sonntagmorgen schnell was auszudrucken und vorzulesen, geht vermutlich daneben. Ich weiß aber von niemandem, der das macht (was nicht heißt, dass es das nicht gibt). Aber wenn doch: Kriterium ist, was am Ende dabei rauskommt. Siehe oben Punkt 2.

Fünftens: Gegen Internet-Ressourcen fürs Predigen sprechen allerdings zwei ganz andere Punkte. Einmal finde ich es zu anstrengend, mich durch eine Unzahl mittelmäßiger Predigten durchzulesen. Ich weiß nicht, ob andere das auch so erleben, oder ob das bloß mein Problem ist, aber mir ist das meiste, was ich im Netz finde, nicht gut genug. Ich hab mal ein bisschen in den großen Portalen geschnuppert und hatte dann keine Lust mehr. Die eine Perle darunter zu suchen, die dann auch noch zu mir passt, ist mir schlicht zu aufwändig. Es gibt ein paar Leute, von denen ich gern was lese, aber dann ist es auch gut. Der ganze Mainstream frustriert mich einfach zu sehr. Ich weiß, so was sagt man nicht. Nennt mich arrogant.

Sechstens: Der zweite Grund gegen die Übernahme von theologischen Internet-Produkten ist ein kirchenstrategischer. Ich halte viel von dezentralen Strukturen und hoffe sehr, dass es nicht irgendwann dazu kommt, dass überall die Predigten von Bischof/Oberkirchenrat X, Professorin Y oder landeskirchlicher Arbeitsstelle Z verlesen werden (Freikirchler mögen entsprechendes einsetzen). Wir brauchen an der Basis Gemeinde, wo selbständig theologisch gedacht wird. Mit oder ohne Internet. Ich erlebe das Internet da eher als hilfreich. Aber das soll jede so halten, wie es für sie passt.

Summa: Wer seinen Kopf gebraucht, hat nichts zu fürchten.

Jan 272014
 

Besonderer Gottesdienst am 26. Januar 2014 mit Predigt zu Offenbarung 1,1-8 (Predigtreihe Offenbarung 01)

2014-01-26Offenbarung
Der Gottesdienst war der Anfang einer Predigtreihe zur Offenbarung des Johannes. Er begann mit einer Theaterszene, in der populäre Vorstellungen von Apokalyptik thematisiert wurden.

Einleitung:

Ich glaube, wir haben eben so ziemlich alle Themen beieinander gehabt, die Menschen einfallen, wenn sie etwas von der Offenbarung hören: da ist einmal der Weltuntergang oder jedenfalls alle möglichen schrecklichen Katastrophen, da sind diese Katastrophenfilme, die irgendwie auch davon inspiriert sind und mit der Vorstellung eines Weltuntergangs spielen, und dann gibt es da religiöse Gruppen außerhalb des Mainstream, die jedenfalls manchmal mit der Offenbarung argumentieren. Und das Ganze gilt am Ende als Buch mit sieben Siegeln, das keiner richtig verstehen kann, und von dem man lieber die Finger lässt.

Kleinasien-197x300Wenn man das Buch aber einfach mal liest und versucht, dieses Vorverständnis so gut es geht auszuschalten, dann macht man andere Entdeckungen: es geht gerade darum, dass das Buch mit sieben Siegeln nicht verschlossen bleibt, sondern geöffnet wird – nämlich das Buch, in dem die Geheimnisse Gottes stehen. Ja, da ist tatsächlich die Rede von schrecklichen Katastrophen, aber am Ende steht das neue Jerusalem und die neue Schöpfung. Und alles zusammen ist gerade nicht als Schreckensszenario gemeint, sondern als Ermutigung: seid getrost, es wird Erschütterungen und Umwälzungen geben, aber das ist unvermeidlich, wenn die heraufziehende neue Welt Gottes auf die alte Welt der Mächte trifft. Habt keine Angst, ich sorge für euch! Ganz ähnlich hat auch schon Jesus zu seinen Jüngern gesprochen, wir werden das nachher in der Lesung (Markus 13,1-8) hören.

Denn die Adressaten dieses Buches sind nicht irgendwelche naseweisen Leute, die neugierig sind, wie denn wohl das Ende der Welt aussehen wird. Die Adressaten sind sieben kleine christliche Gemeinden im Gebiet der heutigen Westtürkei. Das waren winzige Minderheiten in großen Städten, in denen die Menschen sonst die heidnischen Götter und den römischen Kaiser anbeteten. Sie stehen ziemlich unter Druck, ihre Umwelt beäugt sie misstrauisch, und manchmal hat es auch Angriffe auf sie gegeben, ja, sogar schon Tote. Der christliche Prophet Johannes ist selbst auf die Insel Patmos vor der kleinasiatischen Küste verbannt worden. Von dort aus teilt er den Gemeinden mit, was Jesus ihm für sie aufgetragen hat, und er beschreibt die Visionen, die er gehabt hat.

Und es geht immer darum, dass diese Visionen ihnen Mut machen. Jetzt kommt ihr euch vielleicht wie eine bedeutungslose Minderheit vor, sagt Johannes. Aber versteht: in Wirklichkeit spielt ihr in Gottes Plan eine entscheidende Rolle. Ihr seid in diesen ganzen Erschütterungen, die jetzt heraufziehen ein strategischer Angelpunkt. Deswegen haltet durch, lasst euch nicht einschüchtern, lasst euch nicht von eurem Weg abbringen! Davon redet die ganze Offenbarung: Gott hat euch nicht vergessen, sondern er wird eingreifen und die Welt erneuern.

Einführung in die Offenbarung

Die Offenbarung des Johannes spielt sozusagen auf drei verschiedenen Bühnen gleichzeitig: Da sind einmal die kleinasiatischen Gemeinden, die mindestens teilweise von Paulus gegründet worden sind, Gemeinden, die in einer feindseligen Umwelt mehr oder weniger gut ihren Alltag bestehen. Sieben Briefe an sie bilden das zweite und dritte Kapitel der Offenbarung, und auch danach wird das Schicksal dieser Gemeinden immer mal wieder sichtbar. Für die Menschen auf dieser Bühne ist die Offenbarung geschrieben. Aber natürlich auch für alle, die später in solch eine Lage kommen.

thron_angres_700Die zweite Bühne, wenn man das so sagen darf, ist die himmlische Welt. Der Thronsaal Gottes mit Engeln und Königen und vielen anderen Wesen, die seinen Hofstaat darstellen. Johannes darf das in einer Vision sehen. Aber dieser Himmel ist nicht isoliert von der Erde, sondern da achten sie auf das, was auf Erden passiert. Vom Himmel aus werden die Ereignisse auf der Erde beeinflusst. Und das Gebet der Christen erreicht den Himmel.

Das Lamm mit dem Buch mit sieben SiegelnVor allem ist im Himmel aber das »Lamm«, und das Lamm ist eine Chiffre für Jesus. Er darf das Buch mit den sieben Siegeln öffnen. Er darf in das Geheimnis der Welt hineinschauen, er darf verstehen, wie es alles zusammenhängt. Aber jedes Mal, wenn er ein Siegel öffnet, passiert etwas Dramatisches, es gibt Krieg, Hunger und Seuchen, man sieht die Opfer der Gewalt und Katastrophen. Und im Lauf der Zeit wird das Geschehen immer krasser.

ZornesschalenAls das Lamm schließlich das siebente Siegel öffnet, passieren immer schrecklichere Dinge. Und man kann das vielleicht so verstehen, dass jetzt all das Schreckliche zutage tritt, was im Lauf der menschlichen Geschichte an Schmerz, Unterdrückung und Gewalt geschehen ist. Wir alle, die Menschheit, wir tragen mit uns eine Gewaltgeschichte und eine Leidensgeschichte herum, die wir uns normalerweise gar nicht wirklich klar machen, weil wir das nicht ertragen könnten. Aber sie ist ja da, sie verschwindet nicht aus der Welt, und sie geht auch heute immer noch weiter. Wir leben ja hier in einer relativ privilegierten Zeit an einem privilegierten Ort. Aber auch heute tun Menschen anderen Menschen schreckliche Dinge an, die man eigentlich gar nicht beschreiben kann. Die ganze Geschichte ist voll davon.

Ich weiß nicht, wer von uns schon von dem neuen Film gehört hat, der jetzt gerade in die Kinos gekommen ist, ein Film über einen Schwarzen, der vor 1½ Jahrhunderten 12 Jahre als Sklave in den amerikanischen Südstaaten leben musste. Da wird die grausame Behandlung der Sklaven gezeigt, wie sie ausgepeitscht werden, wie sie gedemütigt und manchmal auch getötet werden. Das ist nur das Schicksal eines Einzigen, und nach 12 Jahren ist der dem System entkommen, aber da haben Millionen unter der Herrschaft der Peitsche gelebt. Was ist das für eine unglaubliche Menge an Leid und Angst und Schrecken, die sich da angesammelt hat. Oder wenn wir an die Kriege denken, vom Dreißigjährigen Krieg bei uns bis hin zu dem, was jetzt gerade in Syrien geschieht. Wir in unserer privilegierten Position können auch nicht annähernd ermessen, was dort und anderswo geschehen ist. Und diese ganzen Erinnerungen werden weggesperrt und verdrängt, weil kein Mensch das ertragen könnte. Aber wenn das Lamm die Siegel öffnet, dann kommt das alles wieder zur Sprache, es wird wieder lebendig und erschüttert die Welt. Jesus, »das Lamm, das geschlachtet wurde«, kann das, weil er einen neuen Weg gefunden hat, mit erlittener Gewalt umzugehen. Jetzt gibt es Hoffnung für die verdrängten Erinnerungen.

DasTierUnd die große Welt ist die dritte Bühne, auf der die Offenbarung spielt. Die Welt, die von Königen regiert und von Händlern ausgebeutet wird, die Welt, die ein Spielball gigantischer Mächte und unwiderstehlicher Propaganda ist. Diese Machtzusammenballungen sind die Tiere, die Monster. Diese Welt gerät in Aufruhr, wenn der gekreuzigte Jesus, das Lamm, die Gewaltgeschichte der Menschheit neu aufrollt, aufrollt im buchstäblichen Sinn, weil das Buch mit den sieben Siegeln eigentlich eine Schriftrolle ist.

Über diese Welt der Gewalt werden dann die Schalen des Zornes Gottes ausgeschüttet. Gott kann nicht darüber hinwegsehen, wie Menschen mit Füßen getreten und zerstört werden. Was sonst oft im Bild des Endgerichts beschrieben wird, das wird hier im Bild der Katastrophen und Zerstörungen beschrieben. Und schließlich wird immer deutlicher sichtbar, wer hinter all dem Unrecht und all den Entstellungen steckt, die den Menschen angetan werden: der Böse, der Satan, der Drache, der Zerstörer. Und auch über ihn wird am Ende Gericht gehalten.
FallRomsAber kurz bevor es ihm an den Kragen geht, muss erst Babylon dran glauben, und Babylon ist ein Codename: in Wirklichkeit ist Rom gemeint. In zwei langen Kapiteln beschreibt Johannes den Untergang Roms, er nennt die Profiteure, die in Roms Schutz Geschäfte gemacht haben, mit Luxuswaren und mit Sklaven. Und am Ende steht ein riesiger Jubel, als das verhasste System zusammenbricht. Danach wird nur noch mit dem Satan abgerechnet, und dann beginnt der neue Himmel und die neue Erde.

Da kommen dann die drei Bühnen zusammen: der Himmel und die große Welt und die kleine Welt der christlichen Gemeinden. Wenn das Böse weggeschafft ist, dann gibt es keine Trennung mehr zwischen Himmel und Erde, dann kommt das neue Jerusalem vom Himmel herab auf die Erde, und Gott wohnt für immer bei seinem Volk.

Man kann sich vielleicht vorstellen, dass es nicht ungefährlich war, solche Gedanken zu entwickeln. Deswegen die vielen Andeutungen und die Codewörter wie »Babylon«. Man konnte damals nicht offener reden und erst recht nicht schreiben, das wäre zu gefährlich gewesen. Die römischen Aufpasser folterten irgendwie Verdächtige ganz routinemäßig. Und man ist dann eben in Bilder und Gleichnisse ausgewichen. Das macht die Offenbarung für uns manchmal schwierig, weil wir wahrscheinlich eine ganze Menge Andeutungen gar nicht mehr verstehen und bei anderen nicht wirklich sicher sein können.

Auf jeden Fall begegnen wir hier einer Weltsicht, wo alles ganz eng zusammengehört: der Lauf der Geschichte mit ihren großen Katastrophen und Wendepunkten, das Leben, der Tod und die Auferstehung Jesu, die – wir würden heute sagen: privaten – Entscheidungen und Verhaltensweisen der Christen und schließlich die verborgene, himmlische Seite der Welt. Das alles ist jetzt schon ganz eng miteinander verknüpft, auch wenn es für uns noch getrennte Sphären sind. In Wirklichkeit gehört das aber jetzt schon ganz eng zusammen, und am Ende wird es endlich eins werden. Wenn das Böse überwunden ist, dann wird Gott alle Tränen abwischen, und dann beginnt die eigentliche Geschichte der Welt, zu der das, was wir jetzt erleben, eigentlich nur ein Vorspiel ist.

Aber wir mit unserer eigenen kleinen Geschichte sind schon jetzt ein wichtiger Teil und Beitrag zur Geschichte der ganzen Welt, mit ihrer irdischen und himmlischen Seite. Was wir hier tun und entscheiden, es wirkt sich aus auf den großen Kampf Gottes um die Befreiung der Erde.

Predigt:

Und nun werden wir uns den ersten 8 Versen der Offenbarung zuwenden:

1 In diesem Buch enthüllt Jesus Christus, was ihm von Gott über die Zukunft gezeigt worden ist. Gott hatte ihm den Auftrag gegeben, seine Diener wissen zu lassen, was kommen muss und schon bald geschehen wird. Deshalb sandte Jesus seinen Engel zu seinem Diener Johannes mit der Anweisung, ihn die zukünftigen Dinge sehen zu lassen. 2 Johannes nun berichtet alles so, wie es ihm gezeigt wurde und wie er es als Botschaft Gottes von Jesus Christus empfangen hat. 3 Glücklich, wer aus diesem Buch vorliest, und glücklich, wer diese prophetische Botschaft hört und sich danach richtet! Denn was hier angekündigt ist, wird sich bald erfüllen.

4 Johannes an die sieben Gemeinden in ´der Provinz` Asien: Gnade und Frieden ´wünsche ich` euch von dem, der ist, der war und der kommt, von den sieben Geistern vor seinem Thron 5 und von Jesus Christus, dem vertrauenswürdigen Zeugen ´für die Wahrheit`, der als Erster von den Toten auferstanden ist und jetzt über alle Könige der Erde regiert. Ihm, der uns liebt und uns durch sein Blut von unseren Sünden erlöst hat, 6 ihm, der uns zu Mitherrschern in seinem Reich und zu Priestern für seinen Gott und Vater gemacht hat, ihm gebührt die Ehre und die Macht für immer und ewig. Amen. 7 Und er wird wiederkommen! Auf den Wolken wird er kommen, und alle werden ihn sehen, auch die, die ihn durchbohrt haben. Sein Anblick wird alle Völker der Erde in Schrecken und Trauer versetzen. Ja, amen, ´so wird es sein`. 8 »Ich bin das A und das O, ´der Ursprung und das Ziel aller Dinge`«, sagt Gott, der Herr, der ist, der war und der kommt, der allmächtige Herrscher.

Das ist sozusagen eine Kurzfassung des ganzen Buches, die Ouvertüre, wo alle Themen schon einmal anklingen:

  1. Jesus enthüllt, was Gott ihm über die Zukunft gesagt hat. Jesus gibt das weiter an seine Leute. Jesus ist der Einzige, der das Buch mit den sieben Siegeln lesen kann, der also den Lauf der Welt überblicken kann. Aber er sorgt dafür, dass wir auch davon erfahren.
  2. Die Christen sollen das wissen, damit sie nicht in Verwirrung geraten, wenn es in der Welt drunter und drüber geht. Das ist, glaube ich, das Entscheidende. Christen sollen die Erschütterungen begreifen können, die mit der Erde geschehen. Wir sollen da nicht ratlos und fassungslos daneben stehen, sondern sagen können: ja, es macht Sinn, auch wenn es erschreckend und furchterregend ist.
    Die Welt ist in einer immer schnelleren Umwälzung, und nicht erst seit heute. Vor 1¾ Jahrhunderten, als die ersten Eisenbahnen fuhren, haben die Menschen noch gedacht: jetzt ist das Ende der Welt nahe. Wir finden das heute lustig, aber aus der Sicht der Menschen damals war das eine totale Umwälzung: einmal dieses fauchende Monster auf Schienen, aber vor allem, dass nun die kleinen Räume, in denen man lebte, eng zusammenrückten und man in kurzer Zeit ganz woanders sein konnte. Das war mindestens so epochal wie die Einführung der Computer und des Internet. Und man kann sagen, dass tatsächlich seit 2000 Jahren ein enormer Entwicklungsschub durch die Menschheit geht, dass das Gesicht der Erde in einer Weise verändert worden ist, wie das vorher noch nie passiert ist.
    Und das ist ja nicht nur die Entwicklung der Technik. Die ganze Art, wie Menschen die Welt erleben, ändert sich. Nur ein Beispiel, aber ein sehr zentrales: das ganze patriarchalische Gesellschaftsgefüge kommt ins Wanken, in dem Menschen die letzten paar Jahrtausende gelebt haben. Und das bedeutet ganz praktisch: arabischer Frühling mit all seinen Folgen im Guten wie im Schrecklichen. Oder im Moment die Ukraine: Traditionell lebten die Menschen in Stämmen oder Großfamilien, und was das Familienoberhaupt entschied, das galt. Die anderen mussten gar nicht nachdenken und sparten sich das auch gleich. Und genau so waren auch die Staatsordnungen: ein starker Mann an der Spitze, und die anderen richteten sich nach ihm.
    Wir erleben im Augenblick das Ende dieses Modells, aber es ist ein langes und umkämpftes Ende. Und das ist eine Spätfolge davon, dass Jesus zu seinen Jüngern gesagt hat: unter euch soll sich keiner Vater nennen, ihr habt nur den Vater im Himmel, und untereinander seid ihr Brüder (und Schwestern). Deshalb sollen wir nicht in Verwirrung geraten, wenn diese ganzen traditionellen Ordnungen und Werte ins Wanken kommen. Es muss so sein, und der Weg führt nicht zurück in irgendeine gute alte Zeit, sondern nur nach vorn auf den kommenden Jesus Christus und seine Zukunft hin.
  3. Das alles ist die Folge davon, dass Jesus auferstanden ist und nun herrscht über alle Könige der Erde. Alles andere ergibt sich letztlich daraus. Bisher waren alle Gesellschaftsordnungen auf den Tod und die Drohung mit dem Tod aufgebaut. Bisher sagten alle Herrscher: »Mein Freund, wenn du zu sehr aufmuckst, dann werde ich dich einsperren und aufhängen lassen!« Wenn Jesus auferstanden ist und den Tod besiegt hat, dann kommt diese Grundlage allen menschlichen Zusammenlebens ins Wanken. Dann werden Menschen mutiger, sie gehen auf die Straße und demonstrieren, man kann das nicht mehr einfach zusammenschießen, auch wenn es immer wieder versucht wird. Menschen werden auch gebildeter und lassen sich nicht mehr so einfach manipulieren. Könige und Herrscher mögen immer noch das Sagen haben, aber Jesus zieht ihnen langsam ihre Basis unter den Stiefeln weg.
  4. Jesus hat sich ein Volk auf der Erde berufen, Israel und die Christenheit: ein Volk von Königen und Priestern. Könige verwalten traditionellerweise die Macht, Priester das Denken. Wenn jetzt ein ganzes Volk, ganz normale Menschen, lernen, mit Macht und Wissen auf eine andere Art umzugehen: auch das erschüttert die Grundfesten der Welt. Die Königs- und Priesterfunktionen werden quasi demokratisiert. Erst mal nur beim Volk Gottes, und auch da geht es damit mehr schlecht als recht. Aber wenn es erst einmal bei einer Gruppe angefangen hat, dann werden sich andere das abgucken. Immer wieder haben unterprivilegierte Gruppen zuerst in ihren Kirchengemeinde gelernt, sich selbst zu organisieren, ihre Würde zurückzugewinnen und Verantwortung zu übernehmen: die antiken Sklaven genauso wie die amerikanischen Schwarzen 19 Jahrhunderte später.
  5. Aber das alles geht nicht so glatt und einfach, wie es vielleicht klingt. Es ist mit gewaltigen Erschütterungen verbunden, in der äußeren Welt und in den Herzen. In all diesen Veränderungen kommt Jesus, und er wird für alle immer klarer erkennbar werden, auch für die, »die ihn durchbohrt haben«, wie es da heißt, also für die Verantwortlichen für seinen Tod und all ihre Nachfolger im Geiste. Die einen verstehen immer besser, was sie angerichtet haben, und die Opfer der Geschichte verstehen immer besser, was ihnen angetan worden ist. Die Siegel, mit denen diese Gewaltgeschichte unter Verschluss gehalten wird, brechen nach und nach auf. Und das ist eine gewaltige Erschütterung – so wie es eine gewaltige Erschütterung im Kleinen ist, wenn ein Mensch anfängt von seinem Kriegstrauma zu sprechen oder von der Gewalt, die ihm als Kind angetan worden ist und die er bis jetzt in einer geheimen Kammer seines Herzens unter Verschluss gehalten hat. Das auf die ganze Welt übertragen, ist ein wichtiger Teil des Geheimnisses der Offenbarung. Globale Traumatisierungen und globale Erschütterungen hängen zusammen.
  6. Schließlich: für all das wird Gott in der Offenbarung immer wieder gelobt. Man könnte ja auch sagen: muss Gott denn daran rühren? Kann er nicht alles so lassen, wie es ist und uns die Erschütterungen ersparen? Aber das würde bedeuten: die Mächte des Todes behalten für immer die Herrschaft über die Welt. Wollen wir das wirklich, dass wir ihnen ohne Schutz auf unabsehbare Zeit ausgeliefert sind? Wollen wir, dass Gott nicht um seine Schöpfung kämpft? Ich glaube, das kann keiner wollen. Es ist gut, dass Gott eingreift, auch wenn sich das Böse mit seiner ganzen zerstörerischen Macht dagegen auflehnt. Auch wenn sich dann so viele kollektive Erinnerungen an Gewalt und Leid wieder melden.
    Aber Gott ist der Schöpfer, und er hält an seiner Schöpfung fest und wird sich nie damit abfinden, dass sie von grausamen Mächten entstellt und in den Dreck getreten wird. Das ist unsere Hoffnung. Wir sollen davon wissen, damit wir unsere Rolle in dieser Geschichte Gottes gut ausfüllen können.
Jan 202014
 

Predigt am 19. Januar 2014 zu Johannes 2,1-11

1 Zwei Tage später fand in Kana, einer Ortschaft in Galiläa, eine Hochzeit statt. Die Mutter Jesu nahm daran teil, 2 und Jesus selbst und seine Jünger waren ebenfalls unter den Gästen. 3 Während des Festes ging der Wein aus. Da sagte die Mutter Jesu zu ihrem Sohn: »Sie haben keinen Wein mehr!« 4 Jesus erwiderte: »Ist es deine Sache, liebe Frau, mir zu sagen, was ich zu tun habe? Meine Zeit ist noch nicht gekommen.« 5 Da wandte sich seine Mutter zu den Dienern und sagte: »Tut, was immer er euch befiehlt!« 6 In der Nähe standen sechs steinerne Wasserkrüge, wie sie die Juden für die vorgeschriebenen Waschungen benutzen. Die Krüge fassten jeder zwischen achtzig und hundertzwanzig Liter. 7 Jesus befahl den Dienern: »Füllt die Krüge mit Wasser!« Sie füllten sie bis zum Rand. 8 Dann sagte er zu ihnen: »Tut etwas davon in ein Gefäß und bringt es dem, der für das Festessen verantwortlich ist.« Sie brachten dem Mann ein wenig von dem Wasser, 9 und er kostete davon; es war zu Wein geworden. Er konnte sich nicht erklären, woher dieser Wein kam; nur die Diener, die das Wasser gebracht hatten, wussten es. Er rief den Bräutigam 10 und sagte zu ihm: »Jeder andere bietet seinen Gästen zuerst den besseren Wein an, und wenn sie dann reichlich getrunken haben, den weniger guten. Du aber hast den besseren Wein bis zum Schluss zurückbehalten!« 11 Durch das, was Jesus in Kana in Galiläa tat, bewies er zum ersten Mal seine Macht. Er offenbarte mit diesem Wunder seine Herrlichkeit, und seine Jünger glaubten an ihn.

Im Johannesevangelium ist diese Geschichte von der Hochzeit zu Kana der Start zu Jesu öffentlichem Wirken. Aber so richtig öffentlich ist das noch nicht – außer seinen Jüngern und den Dienern bekommt ja keiner das Wunder richtig mit. Der Küchenchef jedenfalls kann es sich nur als bedauerlichen Fehler des Gastgebers vorstellen, dass der Spitzenwein erst zu einer Zeit auf den Tisch kommt, wo alle schon soviel intus haben, dass sie ihn gar nicht mehr richtig würdigen können.

Der weitere Zusammenhang

Aber Johannes kommentiert: da zeigte sich die Herrlichkeit Jesu zum ersten Mal, und seine Jünger jedenfalls nahmen das deutlich zur Kenntnis. Es beginnt jetzt, was Jesus kurz vorher (in Johannes 1,31) seinem Jünger Nathanael versprochen hat: »Amen, Amen, ich sage euch: Ihr werdet den Himmel geöffnet und die Engel Gottes auf- und niedersteigen sehen über dem Menschensohn.« Und hier bei der Hochzeit in Kana fängt das an, es ist das erste Zeichen, das Jesus tut, die erste Gelegenheit, bei der man etwas von der verwandelnden Macht der Liebe Gottes erkennen kann.

Mit diesem Hinweis auf die Engel Gottes hat Jesus ja an eine alte Geschichte über einen der Urväter Israels erinnert, nämlich Jakob. Jakob hatte einen Traum, in dem er die Engel Gottes auf einer Art Leiter auf- und niedersteigen sah, und er schloss daraus, dass er an einer heiligen Stelle war, einem Ort, wo sich Himmel und Erde ganz besonders nahe kommen. Er baute deswegen an dieser Stelle einen Altar, aus dem später ein Heiligtum wurde. Der grundlegende Gedanke dahinter ist: Gott sucht sich bestimmte Orte und Gelegenheiten, wo er eine Verbindung zwischen Himmel und Erde schafft. Und Jesus bezieht das dann auf sich und sagt: heute bin ich der Ort, wo diese Verbindung von Himmel und Erde stattfindet. Und die Zeichen, die Jesus tut, das sind die Momente, in denen Menschen diese Verbindung deutlich wahrnehmen.

Himmel und Erde

web_Hand-GottesDie Menschen der alten Zeit haben vorzugsweise den blauen Himmel über uns als Bild für den Bereich Gottes genommen, für diese größere Welt, von der wir umgeben sind. Jedes Bild hat seine Vor- und seine Nachteile, und der Nachteil an diesem Bild ist: es kann die Vorstellung nahelegen, dass Gott sehr weit entfernt ist und gar nicht mehr so richtig mitbekommt, was hier auf der Erde los. Deswegen ist es sinnvoll, das Bild durch andere zu ergänzen, z.B. dieses Bild einer alten Ikone.

Der Himmel Gottes wird auf Ikonen immer mit Gold dargestellt. Wir können nicht hineinschauen, aber Gottes segnende Hand kommt von der anderen Seite aus zu uns. Es geht immer darum, dass vom Himmel etwas zu uns kommt. Ohne diese Verbindung zum Himmel würde unsere Welt schnell an Lebenskraft verlieren, sie würde alt und müde werden, aber vom Himmel her kommt immer wieder neues Leben und neuer Segen zu uns. Und als Jesus kam, da wurde er dieser Ort, durch den Gottes großes, heilendes, ewiges, erneuerndes Leben in die Welt kommt. ElGreco-TaufeJesuMan sieht das z.B. auf diesem Bild des spanischen Malers El Greco, das die Taufe Jesu zeigt. Auf den ersten Blick ist das ziemlich unübersichtlich, da geht es drunter und drüber, deswegen hier eine kleine Sehhilfe: El Greco zeigt, wie der Bereich des Lebens von Finsternis umgeben ist. Wo Gott nicht ist, da ist es finster. Aber oben ist der helle Bereich Gottes, mit den Engeln und den Menschen, die schon in seinen Bereich aufgenommen wurden. Wenn aber nun Jesus getauft wird, dann entsteht auch unten so ein heller Bereich: Gott bekommt einen Stützpunkt auf der Erde, Himmel und Erde überschneiden sich, und die Erde wird verwandelt. Und das Symbol für diese neue, feste Verbindung zwischen Himmel und Erde ist der Heilige Geist, der durch die Taube symbolisiert wird. Er begleitet Jesus seit seiner Taufe und sorgt dafür, dass Jesus das beständige Tor zur anderen Wirklichkeit Gottes ist. Seine Wunder sind nicht einfach Zeichen dafür, dass er irgendwie zaubern kann, sondern sie sind Hinweise auf diese andere Wirklichkeit. Sie sind Hoffnungszeichen, dass wir nicht rettungslos eingesperrt sind in diese dunkle Welt, die von Mächten beherrscht wird, die stärker sind als wir. Sondern die Wand zwischen Himmel und Erde ist dünn, es gibt Zugänge aus dem Bereich Gottes, und Gott schafft immer wieder immer wieder Verbindungen zwischen seinem Bereich und unserer Welt. Darum geht es in der ganzen Bibel, und darum beten wir, wenn es im Vaterunser heißt: »Dein Reich komme!«. Es geht immer um die Verbindung zwischen und und diesem Hintergrund der Welt, der in Wirklichkeit nicht fern ist, sondern nahe. Jesus hat uns diesen Blick auf den göttlichen Hintergrund der Welt geöffnet.

Und nun sind das hier ja alles Symbolbilder gewesen, die uns den grundlegenden Gedanken deutlich machen sollten: Man versteht die ganzen biblischen Geschichten nicht wirklich, wenn man sich nicht diesen Gedanken vom Himmel, dem Bereich Gottes, klarmacht, der im Hintergrund unserer Welt liegt. Himmel und Erde sind noch getrennt, aber sie liegen sozusagen ineinander, sie laufen parallel, und immer wieder gehen Türen auf und mehr oder weniger deutliche Zeichen des Himmels kommen zu uns hinüber.

Wie sieht das aber dann aus wenn es passiert?

Jesu Zeichen sind einerseits für die, die sie sehen, beeindruckend: auf der Hochzeit z.B. 600 Liter allerbesten Weins! Andererseits fügen sie sich nahtlos in unsere Welt ein. Es gibt keine bombastische Lichterscheinung, keinen himmlischen Posaunenstoß, sondern allenfalls eine kleine Irritation, wenn der Küchenchef sich beim Bräutigam über dessen intransparente Vorratshaltung beschwert. Und die allermeisten Menschen bekommen in diesem Fall gar nichts mit von dem Wunder, sondern nur die Diener und die Jünger, und nur die Jünger verstehen, was da los ist.

Die »Bauernhochzeit« von Peter Brueghel

Der flämische Maler Pieter Brueghel hat deswegen sein bekanntes Bild, das sich mit der Hochzeit zu Kana beschäftigt, auch einfach »Bauernhochzeit« genannt:

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Der einzige wirkliche Hinweis auf die Geschichte von der Hochzeit zu Kana ist der Mann links vorne, der Wasser in einen Krug gießt. Im übrigen ist es eine realistische Darstellung einer Hochzeit auf dem Lande. Aber sie ist mit einem sehr liebevollem Blick gemalt. Brueghel kam aus der Stadt, aber er hat sich oft verkleidet und ist mit einem Freund auf die Dörfer gegangen, um mitzuerleben, wie die Menschen da leben, arbeiten und feiern. Manchmal haben sie sogar ein Hochzeitsgeschenk mitgebracht und einfach mitgefeiert, und alle dachten dann, die gehören zur anderen Verwandtschaft.

Man erkennt auf dem Bild sehr deutlich, dass die Menschen nicht reich sind. Sie haben die Scheune leergeräumt und feiern dort. Als Schmuck hängen zwei Garben mit einem Rechen an der Wand, und hinter der Braut ein grünes Tuch. Als Tragegestell für das Essen dient eine ausgehängte Stalltür. Und sie haben keinen Ochsen geschlachtet, sondern es gibt so etwas wie Brei oder Grütze und dazu Brot.

Aber wenn man sieht, wie intensiv die Gäste sich mit diesem bescheidenen Essen und Trinken beschäftigen, dann versteht man: die erleben das normalerweise nicht, dass sie sorglos zugreifen können. Im Alltag ist das Essen eingeteilt und du kannst nicht einfach zum Kühlschrank gehen und dir schnell was holen, wenn du hungrig bist. Aber heute ist genug für alle da.

Bauernhochzeit-Detail1-283x300Brueghel schafft es, in dieser bescheidenen Umgebung darzustellen, was Fülle ist. Er zeigt, was Segen und Freude ist, obwohl hier nicht alles reichlich vorhanden ist. Aber gerade so sieht man, dass Fülle nicht durch die schiere Menge entsteht, sondern durch die Freude, in der man es alles entgegennimmt. Brueghel zeigt, was es für die Menschen bedeutet, wenn sie hier für einen Tag mal nicht sparen müssen. Es ist ein Tag, an dem die Freude die Menschen verwandelt.

Und auch hier wieder ein Krug, der entweder gefüllt werden soll oder auch angeboten wird, und wenn man sich dabei so mit der Zunge die Lippen leckt, dient das auch als Kontaktanbahnung. Und davor ein Kind, das ganz versunken ist ins Essen. Diese Hochzeitsfeier, die sich ja eigentlich um zwei Leute dreht, die ist gleichzeitig auch ein Kristallisationspunkt, wo sich viele andere anschließen können mit ihren Freuden und Hoffnungen.

Vielleicht verstehen Sie jetzt, wenn auf so einer Feier plötzlich der Wein ausgeht. Das ist wie ein Absturz ins kalte Wasser, auf einmal ist dieser Traum der Fülle, wo man nicht sparen muss, verflogen, und es wird deutlich, dass die Familie der Braut es einfach nicht geschafft hat, genügend Wein zu kaufen. Das war keine Panne, dass einer vergessen hat, noch mal zum Laden zu fahren, sondern das war Armut. Und als Maria aus der Küche kommt und Jesus zuflüstert: »Sie haben keinen Wein mehr!«, da bringt sie eine Katastrophenmeldung.

Ein Vorgeschmack des Himmels

Und Jesus benutzt diese Situation, um wenigstens für seine Jünger deutlich zu machen, was seine Mission ist: er sorgt dafür, dass die Menschen mitten in diesem kümmerlichen Leben doch einen Vorgeschmack vom Himmel bekommen, dass sie etwas verstehen können von der kommenden neuen Welt Gottes. Mitten in so eine bescheidene Umgebung kommt das Leben des Himmels hinein. Bauernhochzeit-Detail2Die neue Dimension des Lebens, die entsteht, wenn Jesus präsent ist und Menschen tun, was er ihnen sagt.

Dazu möchte ich noch einmal auf den Mann mit dem Krug aufmerksam machen. Der kann nicht wie Jesus Wasser in Wein verwandeln, aber er kann auf Jesu Anweisung hin Wasser in den Krug schütten. Jesus sagt Menschen, was sie machen sollen, damit der Himmel zu ihnen auf die Erde kommen kann. Manchmal sollen wir die Bibel lesen oder beten oder zum Gottesdienst gehen, Jesus hat uns gesagt, dass wir Abendmahl feiern sollen, aber manchmal sagt er zu jemandem auch nur, dass er Wasser in Krüge füllen soll.

Die Dinge, die wir tun können (und sollen)

In jedem Fall – wir kochen nur mit Wasser, wir taufen auch nur mit Wasser, aber vom Himmel aus kommt die Wirklichkeit Gottes dazu und verbindet sich mit dem, was wir tun, und macht etwas Neues und Großes daraus. Es geht um die Transformation dieser Erde. Manchmal so, dass im Alltag unerkannt die himmlische Freude erscheint wie bei der Hochzeit. Manchmal so, dass Krankheiten geheilt und Menschen befreit werden. Am Ende so, dass Jesus auf neue, bisher ungekannte Weise in den Tod geht.

Und das alles wird fortgeschrieben in den Geschichten der Jünger Jesu, seiner Nachfolger, bis hin zu uns. Oft ebenso schlicht eingebettet in den Alltag wie bei der Hochzeit von Kana. Kleine und mittlere Dinge, wo wir „die Krüge füllen“: mit Menschen reden, beten, trösten, schenken, segnen, kommen, um auf Gottes Wort zu hören. Alles Dinge, die wir tun können. Wenn uns der Himmel nicht entgegen kommt, dann bleibt es im Rahmen unseres Horizonts. Aber immer wieder nimmt Jesus diese einfachen Dinge, die wir tun, und transformiert sie in der Kraft des Himmels. Dafür tun wir sie. Und am Ende wird er so die ganze Erde transformieren und Himmel und Erde verbinden.

Jan 122014
 

Predigt am 12. Januar 2014 zu Matthäus 3,13-17

13 Auch Jesus kam aus Galiläa an den Jordan zu Johannes, um sich von ihm taufen zu lassen.
14 Johannes wehrte sich entschieden dagegen: »Ich hätte es nötig, mich von dir taufen zu lassen, und du kommst zu mir?« 15 Aber Jesus gab ihm zur Antwort: »Lass es für diesmal geschehen! Es ist richtig so, denn wir sollen alles erfüllen, was Gottes Gerechtigkeit fordert.« Da willigte Johannes ein.
16 In dem Augenblick, als Jesus nach seiner Taufe aus dem Wasser stieg, öffnete sich über ihm der Himmel, und er sah den Geist Gottes wie eine Taube auf sich herabkommen. 17 Und aus dem Himmel sprach eine Stimme: »Dies ist mein geliebter Sohn, an ihm habe ich Freude.«

Lasst uns heute mal so tun, als ob wir überhaupt nicht wüssten, was es heißt, jemanden zu taufen. Lasst uns so tun, als ob wir nie gesehen hätten, wie hier oder in einer anderen Kirche ein Baby zum Taufstein gebracht wird oder ein Erwachsener kommt, um sich taufen zu lassen. Damals hatten sie das ja auch noch nie gesehen, bis Johannes kam und die Menschen einlud, sich im Jordan untertauchen zu lassen.

Wie damals Menschen Taufe erlebten

Und tun wir mal so, als ob wir nichts davon wüssten, dass man an heißen Tagen zum Freibad fährt oder an einen See und dort mit großer Freude schwimmt und taucht und planscht. Denn damals hat man das Wasser nicht als Freizeitbeschäftigung angesehen, sondern als etwas Unheimliches und Bedrohliches. Das Meer war gefährlich, das Wasser erinnerte an das Chaos vor der Erschaffung der Welt. Da ging man nicht aus Spaß rein, zumal die Möglichkeiten in der Wüste ja begrenzt waren. Und dann noch tauchen, untergetaucht werden – wahrscheinlich hatte das noch kaum jemand erlebt. Das war wirklich kein Spaß. Wir müssen uns da schon erinnern, wie das war, als wir zum ersten Mal überhaupt getaucht sind, vielleicht als Kinder, und nicht wussten, wie das da unter Wasser sein würde. Oder, noch schlimmer, als uns jemand anders untergetaucht hat und wir hofften, dass er uns rechtzeitig wieder hoch lassen würde. Ein bisschen Todesangst ist da immer dabei.

Also, versucht euch jemanden vorzustellen, für den das Wasser so etwas Unheimliches ist, und der kommt jetzt zum Jordan. Das ist auch nicht irgendein Fluss, sondern der erinnert an einen ganz wichtigen Moment in der Geschichte Israels: an die Befreiung aus der ägyptischen Sklaverei, als sie durch die Wüste flohen und zweimal an einem scheinbar unüberwindlichen Wasser standen: am Anfang am Schilfmeer und am Ende am Jordan – der war die Grenze zum verheißenen Land. Beide Gewässer standen für Befreiung und Neuanfang. Und jedes Mal kamen sie da nur durch, weil Gott ihnen half.

Das ungefähr war es, was Menschen im Kopf hatten, wenn sie zu Johannes kamen, um sich taufen zu lassen. Johannes, das war dieser wilde Typ, der von dem lebte, was er in der Wüste fand: Heuschrecken. Honig von wilden Bienen. Guten Appetit.

Eine andere Art von Befreiung

Es war damals gar nicht selten, dass sich Menschen in der Wüste um einen Anführer herum versammelten. Sie hatten dann ihre alten Schwerter rausgeholt und geputzt, und sie hofften, dass sie endlich ihre Freiheit gegen die römischen Herren des Landes erkämpfen würden. Aber solche Aufstände wurden normalerweise schnell und blutig niedergemetzelt.

Stattdessen kommen sie hier zu Johannes dem Täufer in die Wüste am Jordan. Der Fluss, das ist klar, ist mit dem Thema Befreiung verbunden, aber dann werden sie in diesem schrecklichen Wasser untergetaucht. Und das erinnert an den Tod. Und in dieser Kombination heißt das: Befreiung gibt es nur, wenn du bereit bist, dich diesem tödlichen Wasser auszuliefern. Wenn du bereit bist, zu vertrauen, dass der Heuschreckenfresser dich rechtzeitig wieder raus lässt.

Vergleicht das mal! Die einen kommen mit Schwertern in die Wüste, um anderen den Tod zu bringen (wenn auch im berechtigten Interesse der Freiheit), und kommen am Ende selbst um. Hier kommen sie an den Fluss der Befreiung und lassen an sich selbst so eine Art symbolischen Tod vollziehen. Aber am Ende bleiben sie am Leben.

Das ist gegen unsere Instinkte. Menschen sind viel eher bereit, gegen andere zu kämpfen, als selbst freiwillig ihr Leben aufzugeben, und sei es auch nur symbolisch. Wir geben nicht auf, was wir haben, sondern wir verteidigen es und sehen zu, dass es mehr wird, ob das Freiheit ist, oder Besitz, Macht und Ansehen. Bei der letzten Finanzkrise haben alle auf die Gier der Banken geschimpft, aber an dieser Gier wird ja nur erkennbar, wie unsere Gesellschaft im Ganzen tickt. Genügend Menschen haben ja ihr Geld solchen Finanzjongleuren anvertraut. Und wer nicht an der richtigen Stelle sitzt, um Milliarden zu erbeuten, der versucht wenigstens, ein paar Sonderangebote zu erbeuten, oder billiges Fleisch aus der Hühnerfabrik, oder billige Klamotten, die irgendwo in Asien für Hungerlöhne genäht werden.

Der Kampf um Lebenschancen

Natürlich funktionieren wir nicht nur so und nicht dauernd so. Sonst könnte die Gesellschaft gar nicht bestehen. Wir sind alle auch mehr oder weniger großzügig, freundlich, hilfsbereit, tierlieb und verantwortungsbewusst, vor allem im privaten Bereich. Aber wo es um die großen Entscheidungen geht, wo es um Geld und Macht geht, da ist Kampf angesagt. Da gibt keiner freiwillig was her. Und das frisst sich durch die Gesellschaft durch, und am Ende leben auch die kleinen Leute auf Kosten der kasernierten Hühner und auf Kosten der kasernierten Näherinnen in Bangla Desh, und ein Haufen Leute glaubt, sie müssten wenigstens in ihrer Klasse oder in ihrem privaten Umfeld der Superstar sein, der alle Aufmerksamkeit auf sich zieht.

Also, wir sind nicht alle in jedem Augenblick gierig, egoistisch und rücksichtslos, aber unsere Gesellschaft im Ganzen funktioniert so, und natürlich steckt diese Logik des Beutemachens und Sich-selbst-der-Nächste-Seins auch in uns drin. In der Zeit von Jesus und Johannes war es vielleicht noch offensichtlicher, dass die Gesellschaft durch Gewalt zusammengehalten wurde. Damals gab es gleich nebenan Sklaven und Tagelöhner – heute wird man normaler Weise nur darauf aufmerksam, wenn mal wieder eine asiatische Textilfabrik abgebrannt ist. Es ist alles viel verdeckter und undurchschaubarer.

Abschied vom Beutesystem und seinen Göttern

Aber das Symbol der Taufe sagt: Freiheit gibt es nur, wenn ihr euch aus diesem System des Besitzen-Wollens befreien lasst. So wie Israel damals aus dem pharaonischen Ägypten, dem Sklavenstaat, rausgekommen ist. Das Problem ist nur, dass diese Logik des Habenwollens so tief in Menschen eingedrungen ist. Wir müssen uns auch von etwas trennen, was in uns selbst drinsteckt. Wir müssen etwas tun, was unserer Selbsterhaltungslogik widerstrebt: einen Teil von uns selbst aufgeben. Man kann diesen Teil den »alten Adam« nennen. Oder Ichzentriertheit, Egoismus, Beutegier, Geiz, Ellbogenmentalität, Rücksichtslosigkeit, Leben auf Kosten anderer. Ich glaube, die Richtung ist klar.

Und weil das gar nicht so sehr individuelle Charaktereigenschaften sind, sondern das Grundmuster unseres Gesellschaftssystems, deshalb geht es darum, die Verbindungen zu diesem System zu kappen, zu verhindern, dass das alles bei uns einen Fuß in der Tür hat. Es geht zuerst darum, diesem System nicht mehr zu glauben, wenn es uns versichert, dass alles in Ordnung ist und wir uns ihm anvertrauen können. Christen sind nicht die, die mehr glauben als andere, sondern wir glauben weniger. Wir glauben nicht, dass es sinnvoll ist, immer mehr zu haben, mehr Geld, Macht, Ansehen usw. Deswegen hat man in der alten Welt die Christen des Atheismus verdächtigt, weil sie den Göttern, die diese Welt hervorbringt, nicht geglaubt haben. Wie wir es vorhin in der Lesung von Paulus gehört haben (Römer 12,1-3): Passt euch nicht dieser Welt an, sondern denkt nach einem anderen Muster und dann handelt danach! Die Christen sind nicht ins Stadion gegangen, sie haben nicht die Bildzeitung gelesen, sie sind keine Soldaten geworden, sie haben sich nicht ein paar Sklavinnen für schöne Stunden gehalten, sie haben nicht an den Finanzmärkten spekuliert. Das und vieles andere haben sie nicht gemacht, und das war verdächtig.

Und alles fing damit an, dass Jesus zu Johannes kommt und getauft werden will. Johannes war ein Prophet, er sah gleich, was los war, und er wusste: Der braucht das nicht. Jesus nicht. Der war frei, in dem saß die Gier und der Beuteinstinkt nicht drin. In dem musste nichts sterben. Aber Jesus wollte trotzdem getauft werden, weil das so gut ausdrückte, was die treibende Kraft in seinem Leben war: Liebe, Solidarität. Liebe bedeutet ja, dass man sich nicht selbst in den Mittelpunkt der Welt stellt, sondern mindestens manchmal jemand anders. Und so gab Johannes nach.

Gottes Ja zur fundamentalen Alternative

Und als Jesus wieder auftauchte, sah er über sich den Himmel offen, und Gott sagte »Ja« zu ihm. Gott sagte: so wie du es machst, ist es richtig. Ja, du bist wirklich mein Sohn, du bist von meiner Art, du bist so, wie ich bin. Du bist der Mensch, an dem ich mich freue.

Da stellt sich ein Mensch in fundamentale Opposition zu allem, was unter Menschen als vernünftig und selbstverständlich und unvermeidbar gilt, und Gott sagt: »Klasse! Du bist so wie ich! Endlich einer, der es verstanden hat!«

Könnt ihr euch vorstellen, was das für eine Bestätigung für Jesus war? In den nächsten drei Jahren musste er dauernd auf der Hut sein, weil er mehr oder weniger raffiniert angegriffen und unter Druck gesetzt wurde: von Pharisäern und Priestern, von seinen eigenen ahnungslosen Jüngern, von Dämonen, vom Satan selbst. Aber er hat das alles durchstehen können, weil Gott ihm ganz am Anfang gesagt hat: dein Weg ist richtig. Ich stehe hinter dir. An dir habe ich Freude. Du lebst so, wie ein Mensch in meinen Augen leben soll.

Versteht ihr? Jesus ist das gelingende Leben, das gute Leben, die neue Welt. Und er ist es, weil er nicht mitmacht beim Tanz ums Goldene Kalb, weil er sich trennt von der Logik des Beutemachens und der Gewalt, nach der alle Gesellschaften funktionieren. Am Ende wird gerade an ihm die Gewalt sichtbar, die mehr oder weniger offen die Wurzel aller Gesellschaften ist, nämlich als sie ihn kreuzigen. Er hat diesen Tod übrigens selbst im Voraus als »Taufe« bezeichnet. Aber Gott sagte auch da wieder »Ja« zu ihm und ließ ihn auferstehen. Am Ende funktioniert die Welt eben doch nicht nach der Ellbogenlogik, sondern nach Gottes Logik.

Wir sollen hineingezogen werden

Und dann wird deutlich, dass alle, die sich damals taufen ließen und alle, die es bis heute tun, damit ein Hinweis werden auf dieses eine Leben, das richtig und gerecht war in Gottes Augen. Wir alle haben es – anders als Jesus – nötig, getauft zu werden. Aber das ist eher eine Geste als eine echte Wirklichkeit; es ist ein Hinweis auf den, der kommt und es nicht nötig hat und sich trotzdem taufen lässt, Jesus. Taufe verbindet uns mit dem gelingenden Leben Jesu, mit der neuen Welt, die in ihm verborgen ist wie ein Samenkorn, das erst wachsen muss.

Johannes sagt: ich taufe euch mit Wasser. Einfach nur Wasser, ein Zeichen, mehr nicht. Wir alle kochen mit Wasser, bis heute. Aber dann und wann kommt Jesus dazu und nimmt dies Zeichen ernst und gibt etwas von seinem neuen Leben in unsere Leben hinein. Er lässt an uns seine Alternative sichtbar werden. Oder andersherum: er zieht uns in seinen Weg hinein. Es ist ein hoffnungsvoller Weg, weg von allem, was unter Menschen als vernünftig, selbstverständlich und unvermeidbar gilt. Es ist der Weg, zu dem Gott »Ja« sagt. »Endlich« sagt er, »da sind welche wie ich. Meine Töchter und Söhne.«