Dez 292013
 

Predigt am 29. Dezember 2013 zu Lukas 2,25-38

25 Damals lebte in Jerusalem ein Mann namens Simeon; er war rechtschaffen, richtete sich nach Gottes Willen und wartete auf die Hilfe für Israel. Der Heilige Geist ruhte auf ihm, 26 und durch den Heiligen Geist war ihm auch gezeigt worden, dass er nicht sterben werde, bevor er den vom Herrn gesandten Messias gesehen habe. 27 Vom Geist geleitet, war er an jenem Tag in den Tempel gekommen.
Als nun Jesu Eltern das Kind hereinbrachten, um mit ihm zu tun, was nach dem Gesetz üblich war, 28 nahm Simeon das Kind in seine Arme, pries Gott und sagte: 29 »Herr, nun kann dein Diener in Frieden sterben, denn du hast deine Zusage erfüllt. 30 Mit eigenen Augen habe ich das Heil gesehen, 31 das du vor allen Völker bereitet hast – 32 ein Licht, das die Nationen erleuchtet, und der Ruhm deines Volkes Israel.« 33 Jesu Vater und Mutter waren erstaunt, als sie Simeon so über ihr Kind reden hörten. 34 Simeon segnete sie und sagte zu Maria, der Mutter Jesu: »Er ist dazu bestimmt, dass viele in Israel an ihm zu Fall kommen und viele durch ihn aufgerichtet werden. Er wird ein Zeichen sein, dem widersprochen wird – 35 so sehr, dass auch dir ein Schwert durch die Seele dringen wird. Aber dadurch wird bei vielen an den Tag kommen, was für Gedanken in ihren Herzen sind.«
36 ´In Jerusalem` lebte damals auch eine Prophetin namens Hanna, eine Tochter Penuels aus dem Stamm Ascher. Sie war schon sehr alt. Nach siebenjähriger Ehe war ihr Mann gestorben; 37 sie war Witwe geblieben und war nun vierundachtzig Jahre alt. Sie verbrachte ihre ganze Zeit im Tempel und diente Gott Tag und Nacht mit Fasten und Beten. 38 Auch sie trat jetzt zu Joseph und Maria. Voller Dank pries sie Gott, und zu allen, die auf die Erlösung Jerusalems warteten, sprach sie über dieses Kind.

Seit Beginn der Adventszeit sind wir jetzt immer wieder mit den ersten beiden Kapiteln des Lukasevangeliums im Gespräch: erst die Ankündigung der Geburt Jesu durch den Engel, dann das Lied der Maria, dann zu Weihnachten die Geschichte von Jesu Geburt, und heute seine Begrüßung im damaligen Zentrum jüdischen Lebens, im Tempel. Und immer wieder stoßen wir dabei auf Menschen, die nicht zu den historisch auffälligen Akteuren der damaligen Zeit gehören, keiner bestimmten Bewegung angehören wie den Pharisäern, den Zeloten oder den Essenern, erst recht nicht der Priesteraristokratie, sondern die einfach versuchen, auch in bewegten und bedrängten Zeiten ihrem Erbe als Israel, als Volk der Verheißung, treu zu bleiben.

Maria und Josef kamen anscheinend aus solchen Familien, auch die Hirten am unteren Ende der sozialen Leiter wussten etwas von der Berufung Israels, und jetzt wieder in Jerusalem Simeon und Hanna, die anscheinend zu einem ganzen Netzwerk von Menschen gehören, die auf den »Trost Israels« oder die »Hilfe für Israel« warten. Dieses Stichwort ruft die Stelle in Jesaja 40 auf, wo es heißt: »Tröstet mein Volk! Sagt Jerusalem, dass ihre Knechtschaft ein Ende hat!« Das bezieht sich auf das danieder liegende Jerusalem nach der Zerstörung durch die Babylonier. Aber 500 Jahre später wartet ein Simeon immer noch darauf, dass die Ohnmacht und Wirkungslosigkeit des Gottesvolkes zu Ende geht. Jerusalem ist zwar wieder aufgebaut worden, aber Israel ist immer noch nicht wieder auf die Beine gekommen, immer noch ist es der Willkür fremder Reiche ausgeliefert, es ist ohnmächtig und fremdbestimmt, anstatt ein Licht für die Völker zu sein.

Eine Lebensspanne voller Willkür

Man kann sich das an der Lebensspanne von Simeon und Hanna klarmachen: Beide sind sie vermutlich alt, Hanna 84, und Simeon wahrscheinlich auch nicht viel jünger. Man muss sich mal vorstellen, was die beiden schon erlebt haben: als Hanna geboren wurde, regierte der jüdische König Alexander Jannäus, ein grausamer Mann, der sein Reich mit harter Hand zusammen hielt und seine Gegner zu Hunderten kreuzigen ließ.

Als junges Mädchen lebte Hanna unter der Regierung der Witwe dieses Königs, und das war eine Zeit des Friedens, in der das Land gedieh. Aber ihre Söhne wiederum kämpften um den Thron, und in diese Kämpfe griffen die Römer unter Pompeius ein. Er eroberte Jerusalem und betrat sogar das Allerheiligste im Tempel.

Als Hanna heiratete, war das Land eine römische Provinz. Dann kam der römische Bürgerkrieg zwischen Pompeius und Cäsar; in dieser Zeit starb Hannas Mann, man könnte spekulieren: vielleicht sogar als Soldat bei den Kämpfen in Ägypten. Damals richtete Cäsar das Amt eines Prokurators, also eines römischen Statthalters von Judäa ein. Kurz darauf wurde Cäsar ermordet und es gab einen neuen römischen Bürgerkrieg rund ums Mittelmeer. In dieser Zeit fielen aus dem Osten die Parther in Jerusalem ein. Sie schnitten dem Hohen Priester die Ohren ab, so dass er als Verstümmelter nicht mehr Priester sein konnte und setzten einen anderen Hohen Priester und König ein.

Wieder ein paar Jahre später kam Herodes mit römischer Hilfe nach Jerusalem, richtete den neuen Hohen Priester hin und wurde ein König von Roms Gnaden. Auch Herodes herrschte mit Terror, sogar seine Frau und einige seiner Söhne ließ er töten, aber gleichzeitig ließ er zu Propagandazwecken den Tempel gewaltig ausbauen.

All das haben Hanna und Simeon miterlebt: so viel menschlichen Wirrwarr, so viel Machtkalkül rund um den Tempel Gottes, und trotzdem haben sie durch all die Jahre hindurch beharrlich auf Gottes Hilfe gehofft. Mitten in dem Tempel, der jetzt glanzvoll ausgebaut wurde, neben der Burg Antonia, in der die Soldaten des jeweiligen Herrschers lagen, lebte unauffällig Hanna und betete Jahr für Jahr zu dem einen Gott Israels. Ob es wohl einen Punkt gegeben hat, an dem Simeon und Hanna sich endgültig von der Hoffnung verabschiedet haben, ein bloßer Wechsel der Machthaber könne irgendwann das Schicksal Israels zum Guten wenden?

Und es muss noch andere gegeben haben, die wie diese beiden auf die Erlösung Jerusalems warteten, eine mehr oder weniger große Gruppe von Menschen, die sich kannten und sich gegenseitig bestärkten, auf das Handeln Gottes zu warten. Die durch alle Wirren der Zeit ein Gespür dafür behalten haben, was von Gott ist und was nicht. Und die in allem Auf und Ab der Zeit lieber diese geringe, unscheinbare Hoffnung festgehalten haben als sich von irgendwo anders Trost zu holen. Und ihr Gespür für das, was von Gott kommt, ist in dieser Zeit immer klarer geworden, bis Simeon dann in großer Sicherheit auf dieses Paar mit einem Säugling zugehen und sagen kann: der ist es!

Die Einzigartigkeit Israels

Und er sieht, dass Jesus nicht nur eine interne Bedeutung für Israel hat. Israels Schicksal ist ja inzwischen so verflochten mit den Wegen und Irrwegen der anderen Völker und Großmächte, dass eine Lösung nur für Israel allein gar nicht mehr in Frage kommt. Deswegen ist dieses Kind ein Licht, das alle Völker erleuchten soll. Aber es bleibt der Ruhm und die Einzigartigkeit Israels, dass in diesem Volk nach so vielen Jahrhunderten schließlich Jesus geboren werden konnte.

Wir sind manchmal sehr darauf konzentriert, dass der erwachsene Jesus im heftigen Konflikt mit vielen Strömungen seines Volkes stand, der ihn am Ende auch das Leben gekostet hat. Und Simeon bereitet Maria ja darauf vor, dass Jesus zu Konflikten führen wird, die auch durch sie selbst hindurchgehen werden – Maria war zuerst gar nicht froh über die öffentliche Rolle ihres Sohnes und hat lange gebraucht, bis sie aus dieser Rolle als behütende und gleichzeitig bevormundende Mutter Jesu herausgefunden hat.

Aber viel wichtiger als diese internen Auseinandersetzungen ist die Einsicht, dass in keinem anderen Volk die Menschen damals auch nur annähernd verstanden hätten, worum es bei Jesus überhaupt ging. Dass da ein Schöpfer der Welt ist, der die Welt erschaffen hat, um sein Leben mit anderen zu teilen, und dass er eine Absicht mit der Welt hat, die weit über den gegenwärtigen Status Quo hinausgeht, das wussten sie nur in Israel. Und die harten Auseinandersetzungen, wie man am besten sein persönliches und öffentliches Leben im Einklang mit diesem Schöpfer gestaltet, die verstanden die anderen Völker noch nicht einmal.

Der ganze Streit darum, wie man denn als Gottes Volk richtig leben soll, mit all seinen unterschiedlichen Fraktionen, der Streit, für den dann auch Jesus seine ganz spezielle Lösung entfaltete, dieser Streit spielte sich auf einem Niveau ab, das die anderen Völker auch nicht annähernd erreichten. Bei den anderen Völkern spiegelte die Religion einfach nur die Lebens- und Machtverhältnisse wider, in denen sie lebten. In Israel ging es darum, gegen die deprimierende Wirklichkeit der Welt an der Verheißung von Frieden und Gerechtigkeit festzuhalten, die Gott in dieses Volk hineingelegt hatte. Und auch diese Verheißung war nicht von Anfang an klar, sondern sie wuchs und entwickelte sich, und gerade in den bedrückenden Zeiten des Wartens, wo es aussah, als müsse man alle Hoffnung aufgeben, da wuchs in Wirklichkeit die Klarheit und Tiefe.

Die Verheißung festhalten

Anscheinend mussten erst so viele deprimierende Erfahrungen mit Herrschern aller Art vorausgehen, bis dann wenigstens einige verstanden, dass man seine Hoffnung besser nicht auf einen Herrscher herkömmlicher Art setzt, sondern lieber nach etwas Neuem und Anderem Ausschau halten sollte, das von Gott her kommt. Und in diesem schreienden Widerspruch zwischen den alten Verheißungen Gottes und der katastrophalen Gegenwart entstand ein Raum der Erwartung, in dem Jesus mit seinem Weg verstanden werden konnte – wenigstens von einigen.

Simeon und Hanna stehen für die Menschen, die über Jahrzehnte beim Widerspruch zwischen Gottes Verheißungen und der katastrophalen Realität ausgeharrt haben. Sie haben ausdauernd auf Gottes Auflösung des Widerspruchs gewartet, sie haben gebetet und sind nicht von dem korrupten Tempel gewichen, weil es keinen anderen Ort gab, der Gottes Gegenwart symbolisierte, und nun erleben sie, dass dieses Warten nicht vergeblich war, sondern sein Ziel erreicht hat.

Simeon ist wie einer, der über lange Zeit tapfer einen gefährlichen Vorposten verteidigt hat, und nun kommt endlich die Hauptstreitmacht, und er kann sehen, dass er nicht vergeblich ausgeharrt hat. Das Warten hat endlich ein Ende. Nun kann er beruhigt sein Schwert aus der Hand legen und seinen Schild an den Nagel hängen. Gott selbst bringt die Sache jetzt voran.

Ein weltweiter Weg

Und seit Jesus geht das Evangelium durch die ganze Welt und fängt an, auch den anderen Völkern die Augen zu öffnen für die Bestimmung der Welt, die der Schöpfer von Anfang an in sie hineingelegt hat. Und auch die anderen Völker sagen nicht einfach: ach ja, das ist die Lösung, wunderbar, jetzt wissen wir es! Sondern auch in all den vielen anderen Völkern, Kulturen und Nationen beginnt nun dieser lange Weg, bis die Menschen sich von den falschen Göttern und ihren Tröstungen abwenden und sich Israels Gott zuwenden.

Das ist wieder so ein Weg, der mit vielen Irrwegen und Ent-täuschungen verbunden ist, mit Zeiten, in denen sich die Menschen stark fühlen und Zeiten, in denen sie verzweifeln, weil ihre Welt in Trümmer sinkt. Zeiten, in denen sie etwas begreifen vom Willen Gottes, und Zeiten, in denen sie alles wieder über Bord werfen. Wir sollen doch nicht erwarten, dass unser Weg einfacher und unkomplizierter ist als der Weg Israels. Aber anscheinend reichte Gott schon eine verborgene Gruppe von Menschen, die das Entscheidende verstanden hatten und tatsächlich auf ihn warteten, und er antwortete und nahm die Sache in die Hand und machte von seiner Seite aus weiter.

Heilvolle Ent-Täuschungen

Es sind nicht nur die glanzvollen, heroischen Zeiten, in denen Gott seine Sache voranbringt, sondern ganz häufig lässt Gott in den deprimierenden und kümmerlichen Phasen die entscheidenden Dinge geschehen. Es kann sein, dass da die wirklich wichtigen Gedanken reifen und die heilvollen Ent-täuschungen geschehen. Enttäuschung bedeutet ja auch, dass man eine Täuschung hinter sich lässt und klarer zu sehen beginnt. Und das sind wichtige Augenblicke im Leben der Völker und der einzelnen Menschen, wenn Gott dafür sorgt, dass wir uns von falschen Hoffnungen und Träumen trennen müssen und so vorbereitet werden für seine Wahrheit.

Heute ist die ganze Welt auf dem Weg, den Israel schon vor langer Zeit gegangen ist. Manche noch ganz am Anfang in fast heidnischen Zeiten, manche erleben heroische Zeiten wie die Zeit des König Davids und der anderen Helden Israels, manche die lange, deprimierende Zeit der Könige und ihres Staatstempels, und vielleicht haben wir alle noch eine Zeit der Zerstörung vor uns wie die Zerstörung Jerusalems. Vielleicht stecken wir auch in der langen Zeit der Bedeutungslosigkeit, in der Gottes Volk nur noch ein Spielball der Mächte war. Geschichte wiederholt sich nicht 1:1.

Der Raum für Gottes Antwort

Aber egal, wo wir gerade stehen, als Land, als ganze Welt oder als Einzelne: es ist unsere Aufgabe, beharrlich auszuhalten in dem Widerspruch zwischen Gottes Verheißung und der katastrophalen Wirklichkeit, nicht schnellen Trost zu suchen, sondern den Raum offen zu halten, in dem Gott handeln kann und wird. Simeon und Hanna sind das Bild für Menschen, die über lange Zeit an der Verheißung festhalten und so der Antwort Gottes den Weg bahnen. Gott hat dafür gesorgt, dass es diese Menschen immer gab. Am Ende werden sie nicht enttäuscht.

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