Dez 232013
 

Predigt am 22. Dezember (4. Advent) zu Lukas 1,39-56

39 Nicht lange danach machte sich Maria auf den Weg ins Bergland von Juda. So schnell sie konnte, ging sie in die Stadt, 40 in der Zacharias wohnte. Sie betrat sein Haus und begrüßte Elisabeth.

41 Als Elisabeth den Gruß Marias hörte, hüpfte das Kind in ihrem Leib. Da wurde Elisabeth mit dem Heiligen Geist erfüllt 42 und rief laut: »Du bist die gesegnetste aller Frauen, und gesegnet ist das Kind in deinem Leib! 43 Doch wer bin ich, dass die Mutter meines Herrn zu mir kommt? 44 In dem Augenblick, als ich deinen Gruß hörte, hüpfte das Kind vor Freude in meinem Leib. 45 Glücklich bist du zu preisen, weil du geglaubt hast; denn was der Herr dir sagen ließ, wird sich erfüllen.«

46 Da sagte Maria: »Von ganzem Herzen preise ich den Herrn, 47 und mein Geist jubelt vor Freude über Gott, meinen Retter. 48 Denn er hat mich, seine Dienerin, gnädig angesehen, eine geringe und unbedeutende Frau. Ja, man wird mich glücklich preisen – jetzt und in allen kommenden Generationen. 49 Er, der Mächtige, hat Großes an mir getan. Sein Name ist heilig, 50 und von Generation zu Generation gilt sein Erbarmen denen, die sich ihm unterstellen. 51 Mit starkem Arm hat er seine Macht bewiesen; er hat die in alle Winde zerstreut, deren Gesinnung stolz und hochmütig ist. 52 Er hat die Mächtigen vom Thron gestürzt und die Geringen emporgehoben. 53 Den Hungrigen hat er ´die Hände` mit Gutem gefüllt, und die Reichen hat er mit leeren Händen fortgeschickt. 54 Er hat sich seines Dieners, ´des Volkes` Israel, angenommen, weil er sich an das erinnerte, was er unseren Vorfahren zugesagt hatte: 55 dass er nie aufhören werde, Abraham und seinen Nachkommen Erbarmen zu erweisen.«

56 Maria blieb etwa drei Monate bei Elisabeth und kehrte dann nach Hause zurück.

Am Tor zum Weihnachtsfest steht dieses Lied von Maria, der jungen Frau, die kurz zuvor vom Engel Gabriel gefragt worden ist, ob sie bereit ist, die Mutter des Messias zu werden. Sie hat ein bisschen nachgefragt, sie hat erfahren, dass auch ihre Verwandte Elisabeth im hohen Alter schwanger ist, und sie hat Ja gesagt zu dem Ansinnen Gottes. Und jetzt besucht sie Elisabeth und sieht, dass die tatsächlich schwanger ist – die Worte des Engels waren zuverlässig. Es hat begonnen. Die Revolution Gottes beginnt sich zu entfalten.

Das Thema des Evangeliums

Ja, es ist wirklich die Revolution Gottes – das sagt uns das Lied Marias, das hier ganz am Anfang des Lukas­evangeliums steht, sozusagen als Wegweiser und Verständnishilfe für alles Weitere. Dieses Lied ist die Überschrift für alles, was Lukas uns erzählen wird: die Geschichten von der Geburt in Bethlehem, von den Taten des erwachsenen Jesus, vom Aufbau seiner Jüngergemeinschaft, und schließlich von seinem Tod, von seiner Auferstehung und der weltweiten Bewegung des Heiligen Geistes, die damit in Gang kommt.

Immer wird es darum gehen, dass Gott die Mächtigen vom Thron stürzt und die Niedrigen erhebt. Darum geht es in der Geschichte Jesu. Immer, wenn wir sie hören, sollen wir wissen: es geht um Revolution. Und diese junge Frau hat es begriffen, die wirkliche Bedeutung ihres Kindes ist ihr klar geworden, und sie tanzt und singt und jubelt, so wie es in der Geschichte Israels an den entscheidenden Punkten ganz oft Frauen waren, die die passenden Worte und den passenden Rhythmus gefunden haben, wenn Gott seine großen Taten vollbracht hat.

Verwurzelt in befreiender Tradition …

Aber es ist kein Zufall, dass Maria so von Gott singt. Das alles ist ihr nicht erst eingefallen, als Gabriel zu ihr kam. Sie singt mit Worten, die sich aus den Verheißungen ihrer Bibel speisen, aus den Propheten und den Psalmen und aus der Treue Gottes in der Geschichte Israels. Marias Lied erinnert unter anderem an das Lied der Hanna, der Mutter des Propheten Samuel, der zum Retter Israels in gefährlichen Zeiten wurde.

Man merkt, dass Maria aus einer Familie kommen muss, in der die Hoffnung auf Gottes Eingreifen auch durch viele dunkle Jahrhunderte hindurch lebendig geblieben ist. Und Elisabeth als ihre Verwandte scheint ebenfalls diesen Traum zu kennen, der in den besten Traditionen Israels von Generation zu Generation weitergegeben wurde: der alte Traum Israels, dass eines Tages alle Verheißungen der Propheten wahr werden, und dass alle Völker der Erde gesegnet werden durch die Familie Abrahams. Dass Gottes Plan mit seiner Schöpfung am Ende zum Ziel kommt, und dass die Finsternis dieser Welt dem hellen Licht Gottes weicht.

Durch viele dunkle Jahrhunderte hindurch hatte Israel lernen müssen, dass die Welt Gottes versklavt ist unter grausame, böse Mächte, die ihre Beute nicht so schnell hergeben. In immer neuen Gestalten waren diese Mächte über das Volk Gottes und die anderen Völker hergefallen. An Krieg, Ausbeutung und Gewalt hatte es in den Jahrhunderten vorher keinen Mangel gegeben.

… auch in dunklen Zeiten

Maria und Elisabeth selbst waren groß geworden unter König Herodes, der mit List, Tücke und der Rückendeckung Roms sein mörderisches Regime über viele Jahrzehnte aufrecht erhalten hatte. Wenn Maria von den Mächtigen singt, die Gott von ihren Thronen stürzt, dann ist das kein poetisches Bild, sondern es gab es in ihrer Welt genügend Kandidaten, denen man das aus vollem Herzen gewünscht hätte.

Aber in all diesen dunklen Zeiten hat es in Israel Familien gegeben, in denen die Hoffnung lebendig blieb, dass Gott zu seinen Verheißungen steh und sein Volk auch unter grausamen Herrschern und korrupten Priestern bewahrt. Sie studierten die Schriften, sie diskutierten und hofften, und so stark war dieses Verlangen nach Gottes Eingreifen, dass sogar die Frauen und Mädchen davon geprägt waren, die sonst überall von den höheren geistigen Tätigkeiten ausgeschlossen waren. Das Lied von Maria zeigt, dass sie in den Schriften zu Hause war, und als sie Worte brauchte für die Hoffnung, die in ihr Leben gekommen war, da waren sie längst vorbereitet: Worte, die von Umsturz und Gnade sprachen, vom Sieg über das Böse und von der Macht Gottes, der die selbsternannten Weltherrscher in alle Winde zerstreut.

»Er hat mich angesehen«

Wenn man Marias Lied genau anschaut, dann merkt man: Die Kernerfahrung, die sie singen lässt, ist: Gott hat mich, seine Dienerin, gnädig angesehen, eine geringe und unbedeutende Frau. Damit fängt alles an: Gott hat mich angesehen, obwohl ich erstens eine Frau in einer männlich beherrschten Welt bin und zweitens als junge und unverheiratete Frau auch in der weiblichen Hierarchie ganz unten stehe. Marias Lebenslauf wäre eigentlich absehbar, determiniert: ein Hochzeitsfest als großer Höhepunkt des ganzen Lebens und dann Arbeit und Kinderkriegen, und mit großer Wahrscheinlichkeit ein früher Tod. Eine Wahl hat sie nicht.

Aber indem Gott Maria wahrnimmt und ihr einen Platz in seiner großen Geschichte gibt, schafft er ihr einen Spielraum, den sie sonst nicht hätte. Indem Gott sie ansieht, befreit er ihr Leben aus der Alternativlosigkeit und macht aus ihr einen Menschen, der im Bündnis mit Gott die Welt gestaltet.

Das ist das Besondere an der Revolution Gottes – dass er auf allen Ebenen aktiv ist: verborgen im Herzen unscheinbarer Menschen ebenso wie in den großen Umwälzungen der Politik und der Macht. Überall kann er ansetzen, und überall geht es in die gleiche Richtung. Und da wird nicht das Individuelle ausgespielt gegen das große Ganze, sondern bei Gottes Revolution geht es immer um die Wiederherstellung der Menschen im Großen wie im Kleinen. Der Sturz der Mächte, die mit der Welt ihr Spiel treiben, beginnt mit der Befreiung von Menschen zum Widerstand. Er beginnt damit, dass Menschen den Spielraum entdecken, den sie haben, und ihn schrittweise ausweiten.

Die Jagd nach gott-loser Macht zerstört die Erde

Zu oft in der Geschichte hat es Revolutionen und Revolten gegeben, wo die Menschen die alten geblieben sind, und am Ende waren die neuen Herrscher genauso schlimm wie die Tyrannen vorher. Das liegt daran, dass Menschen in sich selbst unsicher und ängstlich sind, wenn sie nicht diesen Rückhalt in Gott haben, den man bei Maria so deutlich wahrnimmt. Wer aber in sich selbst unsicher ist, der muss das mit äußeren Sicherheiten ausgleichen, der sammelt Macht in jeder Gestalt: Geld, Besitz, Waffen, Ansehen, Gefolgsleute, und er wird nie das Gefühl haben, nun sei es genug. Man kann das auch über unsere ganze Zivilisation sagen: wir richten die Erde zugrunde, weil wir nie genug haben. Die westliche Kultur plündert die Welt, hinterlässt riesige Müllhalden und macht die Menschen nicht glücklich, sondern atomisiert nach Möglichkeit alle Strukturen, in denen Menschen mal zu Hause waren.

Wenn wir Weihnachten feiern, dann sind wir schon wochenlang mit Sonderangeboten, Weihnachtsrabatten und kitschiger Musik bombardiert worden. Viele haben sich mit einem Haufen Zeug eingedeckt, das die knappen Güter der Erde verschwendet und am Ende die Müllhalden weiter wachsen lässt. Und vor allem stärkt dieser Zugang zu Weihnachten genau die Mächte, die Gott vom Thron stürzen will. Es geht nicht darum, dass hier ein bisschen übertrieben wird, sondern hier ist das, was Maria singt, in sein Gegenteil verkehrt.

Auf den Verständnishorizont kommt es an

Deswegen ist es so wichtig, unter welcher Überschrift wir auf Weihnachten zugehen. Auf welchen Wegweiser nach Weihnachten wir achten. Wenn wir auf das Marias Lied hören, dann ist Weihnachten plötzlich kein harmloses Kinderfest mehr, sondern es ist ein Fest für Erwachsene, die sich Gottes Sache zu eigen machen und mit Gott zusammen einstehen für die Befreiung seiner Schöpfung und seiner Menschen von den verheerenden Mächten des Todes. Lange haben Menschen nicht verstanden, welchen Plan Gott verfolgt, aber jetzt wird Gottes Weg enthüllt: eine neue Art von Macht, wie Jesus sie ausgeübt hat. Eine neue Art zu leben und zu sterben, die nicht mehr von den Herrschern der Welt kompromittiert ist. Eine Revolution, die gutwillige Menschen nicht zu schlechten Kopien der Gewaltherrscher macht, sondern die dafür sorgt, dass wir wieder erkennbar werden als Gottes Ebenbilder.

Wenn Gott herrscht, dann ändert sich die Bedeutung des Wortes »herrschen«. Wenn Gott Revolution macht, dann ändert sich die Bedeutung des Wortes »Revolution«. Aber beide Male ist das Ziel die Befreiung der Menschen aus der Sklaverei unter den Mächten der Verheerung.

Jesus ist hineingeboren worden in die volle Verlorenheit der Welt: ein unverheiratetes Elternpaar, dessen Leben gleich von der römischen Volkszählung ins Chaos gestürzt wurde, Kontrolle und Überwachung schon damals, dann Notunterkunft, dann als Flüchtling in Ägypten – würde er heute versuchen, nach Europa zu kommen, dann wäre die Chance groß, dass er auf dem Weg übers Meer vor Lampedusa ertrinkt. Das sind die Themen, auf die uns Marias Lied hinweist.

Aber sie sind kein Anlass zur Depression, so traurig das auch ist. Gerade in diesem Zusammenhang leuchtet die Hoffnung um so stärker. Das ist die wirkliche Weihnachtsfreude – die Hoffnung, dass Gott die Hungrigen satt machen wird und den Verfolgten eine Heimat schenkt. Gott distanziert sich nicht von den dunklen Seiten der Welt, sondern er geht voll hinein und füllt sie mit Hoffnung.

Aber alles beginnt damit, dass Gott Maria anschaut, zu ihr spricht, ihr einen Platz in seiner Geschichte gibt, sie aus der Alternativlosigkeit herausholt und sie so dazu ermächtigt, »Ich« zu sagen: meine Seele preist den Herrn und mein Geist jubelt über Gott meinen Retter. Wo ein Mensch von Gott angesehen wird und sich zur Freiheit erwecken lässt, da beginnen die Mächte zu wanken, da ist die ganze Revolution Gottes schon als Keim präsent.

Unsere Freiheit

Deshalb liegt es an uns, ob wir uns Weihnachten überwuchern lassen von Idylle und Konsumzwang, oder ob wir die anfängliche Freiheit nutzen und ausweiten, die uns geschenkt ist. Wir haben nicht alle Freiheit der Welt, aber der Anfang der Freiheit, den Gott in uns hineingelegt hat, das ist das eigentliche Weihnachtsgeschenk. Es ist nicht mit Geld zu erwerben, aber es ist der Anfang der wirklichen Freude.

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