Dez 152013
 

Predigt am 27. Oktober 2013 zu Psalm 139

Titelgrafik Besonderer Gottesdienst 27.10.2013
Der Gottesdienst begann mit einem Überblick über die bisher bekannt gewordenen Ausspähaktionen westlicher Geheimdienste und – im Kontrast dazu – der Lesung von Psalm 139.

1 Herr, du hast mich erforscht und kennst mich ´ganz genau`.
2 Wenn ich mich setze oder aufstehe – du weißt es; meine Absichten erkennst du schon im Voraus.
3 Ob ich gehe oder liege, du siehst es, mit all meinen Wegen bist du vertraut.
4 Ja, noch ehe mir ein Wort über die Lippen kommt, weißt du es schon genau, Herr.
5 Von allen Seiten umschließt du mich und legst auf mich deine Hand.
6 Ein unfassbares Wunder ist diese Erkenntnis für mich; zu hoch, als dass ich es je begreifen könnte.
7 Wohin könnte ich schon gehen, um deinem Geist zu entkommen, wohin fliehen, um deinem Blick zu entgehen?
8 Wenn ich zum Himmel emporstiege – so wärst du dort! Und würde ich im Totenreich mein Lager aufschlagen – dort wärst du auch!
9 Hätte ich Flügel und könnte mich wie die Morgenröte niederlassen am äußersten Ende des Meeres,
10 so würde auch dort deine Hand mich leiten, ja, deine rechte Hand würde mich halten!
11 Und spräche ich: »Nur noch Finsternis soll mich umgeben, und der helle Tag um mich her soll sich verwandeln in tiefste Nacht!«,
12 dann wäre selbst die Finsternis nicht finster für dich, und die Nacht würde leuchten wie der Tag. Ja – für dich wäre tiefste Dunkelheit so hell wie das Licht!
13 Du bist es ja auch, der meinen Körper und meine Seele erschaffen hat, kunstvoll hast du mich gebildet im Leib meiner Mutter.
14 Ich danke dir dafür, dass ich so wunderbar erschaffen bin, es erfüllt mich mit Ehrfurcht. Ja, das habe ich erkannt: Deine Werke sind wunderbar!
15 Dir war ich nicht verborgen, als ich Gestalt annahm, als ich im Dunkeln erschaffen wurde, kunstvoll gebildet im tiefen Schoß der Erde9.
16 Deine Augen sahen mich schon, als mein Leben im Leib meiner Mutter entstand. Alle Tage, die noch kommen sollten, waren in deinem Buch bereits aufgeschrieben, bevor noch einer von ihnen eintraf.
17 Wie kostbar sind für mich deine Gedanken, o Gott, es sind unbegreiflich viele!
18 Wollte ich sie zählen, so wären sie zahlreicher als alle Sandkörner ´dieser Welt`. Und ´schlafe ich ein und` erwache, so bin ich immer noch bei dir.

»Du kennst mich durch und durch« – das ist entweder ein trostreicher Satz des Vertrauens zu dem Gott, der uns gewollt hat und wunderbar geschaffen hat. Oder es ist ein Horrorsatz über Menschen, die sich Gottes Rolle anmaßen und alles über uns wissen wollen, um uns zu kontrollieren und ihren Zwecken zu unterwerfen.

Es gibt einen Film, in dem schon 2002 die beklemmende Vision einer totalen Überwachung beschrieben wird: »Minority Report«. Steven Spielberg hat ihn gedreht, mit Tom Cruise als Hauptdarsteller. Tom Cruise ist John Anderton, der Chef einer Polizeieinheit, die Morde verhindert, noch bevor sie geschehen. Menschen werden verhaftet und für Verbrechen verurteilt, die sie erst in Zukunft begehen werden. Und tatsächlich, in dieser Welt totaler Überwachung gibt es keine Morde mehr.

Aber die Störung sitzt in der Mitte des Systems: John Anderton selbst wird als künftiger Mörder gemeldet. Er wird einen Mann töten, den er überhaupt nicht kennt. Also flieht er, um zu beweisen, dass er unschuldig ist. Aber in einer total überwachten Welt ist das gar nicht so einfach. Im Jahr 2054, in dem der Film spielt, werden alle Menschen über ihre Augenmuster identifiziert, so wie heute über Fingerabdrücke. Überall sind Augenscanner, die die Augen der Menschen optisch abtasten. Auch wenn das hauptsächlich von der Werbung genutzt wird, um Menschen scheinbar ganz persönlich anzusprechen, es kann ganz schnell in Überwachung umschlagen. Die einen wollen ihn mit Namen identifizieren, um ihm etwas zu verkaufen. Die anderen wollen ihn identifizieren, um ihn zu beseitigen. Der Schritt vom einen zum anderen ist nicht sehr weit. Es geht jedesmal darum, Macht über jemand zu bekommen. Je genauer du sein Persönlichkeitsprofil kennst, um so mehr Macht hast du über ihn.

In dem Film ist es nicht nur die Überwachungstechnik, sondern dazu noch drei Menschen mit hellseherischen Fähigkeiten, die den Kern der Kriminalitätsvorhersage bilden. Anders konnte sich das auch Steven Spielberg 2002 noch nicht vorstellen. Heute würde man sagen: wir brauchen keine menschlichen Hellseher mehr. Demnächst gibt es Computerprogramme, die berechnen können, wie du dich verhalten wirst. Z.B. soll man demnächst aus den Bewegungsmustern von Überwachungskameras die Wahrscheinlichkeit berechnen können, dass jemand irgendwas Kriminelles anstellen wird. Schon heute kann es sein, dass dir ein Visum in die USA verweigert wird, weil es irgendwelche Daten gibt, die dich verdächtig erscheinen lassen – und du kannst nichts dagegen machen, nirgendwo Beschwerde einlegen. Und auf jeden Fall wird dir bei Google jetzt schon die Werbung angezeigt, von der man vermutet, dass du dafür irgendwie in Frage kommst.

Viele Menschen haben gedacht: na gut, ich ahne ja, dass da ganz viel mitgelesen wird bei dem, was ich im Internet tue oder wenn ich mit dem Handy telefoniere. Ich weiß auch, dass man mich über mein Handy ziemlich genau orten kann. Aber was soll’s – ich bin kein Terrorist und kein Drogenhändler, ich habe ja nichts vor den Geheimdiensten zu verbergen. Die sind an mir gar nicht interessiert. Wenigstens Christen sollten sich aber eigentlich daran erinnern, dass schon Jesus mit seinen Jüngern im Boot auf den See Genezareth fuhr, wo er nicht abgehört werden konnte, wenn er mit ihnen Klartext redete.

Den anderen muss man erstens sagen, dass man schnell auch versehentlich ins Visier der Sicherheitskräfte geraten kann. Zweitens wird die Schranke für die elektronische Überwachung immer niedriger. Wenn die Daten erstmal vorhanden sind, dann gibt es viele, die sie auch gern für andere Zwecke verwenden würden. Wir können z.B. davon ausgehen, dass diese Daten auch zur Wirtschaftsspionage verwendet werden: der brasilianische Erdölkonzern ist schon ausgespäht worden. Und die Geschäftsgeheimnisse von deutschen mittelständischen Unternehmen sind auch nicht sicher vor großen Mitbewerbern aus China und den USA. Das kann noch zu einer ziemlichen Bedrohung für unseren Wohlstand werden.

Vor allem aber: hier verschiebt sich etwas in der Art, wie über Menschen gedacht wird. Der Geheimdienstauswerter, der sich die Daten von irgendeiner Zielperson am anderen Ende der Welt zusammensucht und daraus ein Persönlichkeitsprofil und eine Prognose erstellt, der hat ja gar kein Verhältnis mehr zu diesem Menschen. Für den besteht der Verdächtige nur aus den Daten. Das Geheimnis, das zu jedem Menschen gehört, das schrumpft zusammen auf anscheinend noch nicht vollständige Datensätze. Für den Bearbeiter am Computer im Datenzentrum ist der Mensch genauso abstrakt wie für den Drohnenpiloten, der ihn vielleicht etwas später ferngesteuert abschießt, wieder am anderen Ende der Welt. Wenn man in der Praxis so einem Menschenbild folgt, dann breitet sich das aus. So ein Geheimdienst ist ja ein mächtiges Gebilde, der lässt sich nicht so einfach abschaffen, sondern der braucht immer mehr Geld und Mitarbeiter und Befugnisse, und was er einmal hat, das gibt er nicht mehr her. Da entsteht eine gewaltige Machtzusammenballung, und diese Macht sieht uns alle als potentiell verdächtige Datensätze. So eine Art, mit Menschen umzugehen, ist ansteckend.

Versteht ihr, solche Veränderungen im Menschenbild, die kommen schleichend. Es fängt im Sicherheitsbereich an und breitet sich aus. Es sieht harmlos aus, oder vielleicht scheint es sogar, als erhöhe das alles doch unsere Sicherheit. In den USA sind die Leute ja völlig hysterisch, wenn es um die »Nationale Sicherheit« geht. Dass jedes Jahr Zehntausende durch frei verkäufliche Schusswaffen umkommen, das nehmen sie hin, aber um Terroranschläge zu verhindern, unterwerfen sie die Welt am liebsten einer Totalkontrolle.

Es sind aber diese Veränderungen am Menschenbild, die langfristig das meiste anrichten. Erinnert ihr euch an die Geschichte vom Ende des Paradieses? Die Schlange brachte Adam und Eva auf die Idee, es wäre doch schön, wenn sie so sein könnten wie Gott und »wissen, was Gut und Böse ist«. Und als sie dann vom Baum der Erkenntnis gegessen hatten, da sahen sie als erstes, dass sie nackt waren. Sie sahen sich nicht mehr innerhalb einer liebevollen Beziehung, sondern sie sahen sich wie Objekte an, sie beobachteten sich – zum ersten Mal sahen sie sich wie Gegenstände an. Sie sahen sich aus Gottes Perspektive und waren diesem Blick nicht gewachsen.

Man könnte jetzt sagen: was ist schon dabei? Was ist denn Schlimmes passiert? Sie haben ein Gebot Gottes übertreten, ja gut, aber welcher Schaden ist denn dabei wirklich entstanden? Aber der Schaden kam schleichend. Erst bei ihren Kindern, bei Kain und Abel, wurden die Folgen offen sichtbar: Kain erschlug seinen Bruder Abel. Das war die Langzeitfolge einer anderen Sicht auf die Menschen, die im Paradies eingerissen war. Alles Unheil beginnt in Gedanken.

Wir sind aus Angst um unsere Sicherheit auf einen Weg geraten, bei dem der Raum der Freiheit, den ein Mensch hat, immer stärker zusammenschrumpft. Aber es gehört zu unserer Würde, dass wir für andere Menschen nicht durch und durch berechenbar sind. Jeder Mensch hat sein Geheimnis, das nur Gott und er kennen. In der Bibel, im Buch der Offenbarung, gibt es dafür das schöne Bild von dem weißen Stein, den Gott für uns bereithält (Offb. 2,17). Auf diesem Stein steht unser neuer Name. D.h., Gott weiß schon von dem Menschen, der wir sein sollen und zu dem er uns geschaffen hat. Und er ist zu uns gekommen, damit auch wir verstehen, wofür wir geschaffen sind, was unsere Berufung ist. Aber das ist das Geheimnis zwischen Gott und diesem Menschen, es steht niemand anderem zu, da einzudringen. Und dieses Geheimnis ist auch nicht durch noch so raffinierte Analyse der Datenspuren eines Menschen zu ergründen. Genauso wenig wie man das Geheimnis eines Menschen durch Folter ergründen kann.

Es ist kein Zufall, dass die totale Überwachung und die Folter in unserer Zeit beide wieder aufgenommen werden in das Handwerkszeug der zivilisierten Welt. Beide Male geht es darum, das Geheimnis des Menschen gewaltsam aufzudecken und zu zerstören. Vielleicht werden wir es erst merken, wenn es zu spät ist.

Aber vielleicht werden wir uns auch rechtzeitig erinnern an den liebenden Blick Gottes, der uns etwas ganz anderes sagt als die kontrollierenden Blicke der Überwacher. Gott macht es ja so, dass er einfach besser mit uns umgeht als die Kontrolleure. Wenn es sich herum spricht, dass es eine Alternative gibt, dann sind auch die großen Machtzusammenballungen schnell am Ende. Immerhin hat es ja sogar dort einen Edward Snowden gegeben, das lässt hoffen. Noch größer wäre die Hoffnung, wenn unser Land bereit wäre, ihm Asyl zu gewähren. Müssen wir das wirklich Putin überlassen? Immerhin weiß jetzt durch ihn auch unsere Bundeskanzlerin, dass es nicht nur in der DDR die Stasi gab, die Telefone abgehört hat.

Wir sollen uns verankern in Gottes Art, auf uns zu schauen und uns zu kennen. Es ist gut zu wissen, dass Gott meine Gedanken durch und durch kennt. Bei ihm sind sie in den richtigen Händen. Seine Verschlüsselung ist unknackbar. Er analysiert uns nicht, sondern er liebt uns. Und seine Liebe ist praktisch: er ist Mensch geworden und zu uns gekommen, er hat sich mit uns verbunden, er leidet an unseren Irrwegen und er ruft uns immer wieder neu auf die Wege des Lebens. Er kennt unsere Herz besser, als wir uns selbst kennen, aber er nutzt das nicht, um uns zu manipulieren, sondern um unsere Freiheit zu stärken. Er hat das große Ja zu uns gesprochen, von Anfang an, und er wird es nie zurücknehmen. Weil er all unsere Gedanken und Regungen durchschaut, kann ihn nichts mehr erschrecken oder enttäuschen. Nichts kann ihn dazu bringen, uns nicht mehr zu lieben. Das ist eine Art, Menschen zu sehen, die den Geheimdiensten immer ein Rätsel bleiben wird.

Zu diesem Gott zu gehören, ist wirkliche Sicherheit, auch wenn sie mitten in Gefahr und Unsicherheit zu führen scheint. Wir müssen unsere Sicherheit nicht mit Kontrolle und Gewalt schützen – Kontrolle und Waffen machen die Welt nur unsicherer, weil sie immer von Neuem Misstrauen und Feindschaft produzieren. Das sind nicht Gottes Wege. Auch das wird kein Sicherheitsdienst je verstehen können.

Denn Gottes Gedanken sind nicht unrsere Gedanken, und seine Weg sind nicht unsere Wege. Er kennt die Welt wirklich, nicht nur weil er sie geschaffen hat, sondern weil er sich ganz auf sie eingelassen hat und sie nie aufgeben wird. Nur Liebe kennt einen Menschen und die ganze Welt wirklich. Alle Totalüberwachung, die Menschen aufrichten, ist nur eine billige Karikatur von Gottes liebendem Blick. Sie sagt viel mehr über den Horizont der Überwacher aus als über den wirklichen Gott.

Aber der wirkliche, lebendige Gott, dessen Allwissenheit ist ein Wunder und ein Trost auf all unseren Wegen.

Wie hoch, o Gott, sind mir deine Gedanken,*
wie gewaltig ist ihre Fülle!
Wollt ich sie zählen,
es wären mehr als die Körner im Sand! -*
Ich erwache: und immer noch bin ich bei dir.

Das ist die Wahrheit.

  Eine Antwort zu “Du kennst mich durch und durch?”

 Antworten

Du kannst diese HTML Tags und Attribute benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>

(erforderlich)

(erforderlich)

Wir möchten hier nur Beiträge von echten Menschen haben, nicht von Robots. Zur Abwehr von Kommentar-Spam beantworte deshalb bitte die folgende Frage: