Dez 092013
 

Predigt am 20. Oktober 2013 zu 1. Korinther 12,12-14.26-27

12 Denn wie der Leib eine Einheit ist, doch viele Glieder hat, alle Glieder des Leibes aber, obgleich es viele sind, einen einzigen Leib bilden: So ist es auch mit Christus. 13 Durch den einen Geist wurden wir in der Taufe alle in einen einzigen Leib aufgenommen, Juden und Griechen, Sklaven und Freie; und alle wurden wir mit dem einen Geist getränkt. 14 Auch der Leib besteht nicht nur aus einem Glied, sondern aus vielen Gliedern.

26 Wenn darum ein Glied leidet, leiden alle Glieder mit; wenn ein Glied geehrt wird, freuen sich alle anderen mit ihm. 27 Ihr aber seid der Leib Christi und jeder Einzelne ist ein Glied an ihm.

Damals, als dieser Brief geschrieben wurde, hat man sich den Staat oft wie einen Körper vorgestellt: der Kopf, das war natürlich der König oder der Kaiser, seine Hände waren die Beamten und Soldaten, die Füße, das waren die einfachen Leute, die die Arbeit machten und so weiter. Und die Lehre aus dem Ganzen war: jeder muss seine Rolle ausfüllen, seine Arbeit tun, damit das Ganze funktioniert. Füll den Platz aus, an den man dich gestellt hat!

Wenn Paulus hier ebenso dieses Bild verwendet, dann gibt er ihm eine andere Wendung. Erstmal wendet er es nicht auf die ganze Gesellschaft an, sondern auf die Christenheit und ihre einzelnen Ortsgemeinden. Die Christenheit ist die neue Gesellschaft, die Christen sind die neue Menschheit. Die soll so miteinander leben, wie Gott das eigentlich gewollt hat. Nicht so, dass es ein endloses Gerangel darum gibt, wer jeweils der Kopf ist und das Sagen hat, und wer den Müll raus tragen muss. Oder ohne dieses Bild: nicht so, dass alle versuchen, die schlechteren Lebenslose anderen hin zu schieben und selbst in die Position zu kommen, sich die Dreckarbeit zu ersparen.

Sondern in Gottes neuer Gesellschaft ist es so, dass man die Mühen und Schmerzen der anderen spürt und mitträgt. »Wenn ein Glied leidet, dann leiden alle mit« – das ist die Regel dafür.
Um das im Bild des Leibes auszumalen: Jeder von uns weiß wahrscheinlich, wie es ist, wenn man Zahnschmerzen hat, wie da der ganze Körper mitleidet. Da kannst du nicht sagen: ach, das ist doch nur der alte Backenzahn, da müssen wir uns gar nicht drum kümmern, der stellt sich eben manchmal etwas an. Nein, wenn man richtig Zahnschmerzen hat, dann ist man lahm gelegt und kann an wenig anderes denken. Da hat der ganze Körper Zahnschmerzen.

Und die Medizin findet ja heute sowieso immer mehr Zusammenhänge raus, wie die einzelnen Teile des Körpers zusammen funktionieren und sich gegenseitig beeinflussen. Es kann schon sein, dass du Schmerzen in Hals und Schulter hast, und das eigentliche Problem sind die Knochen und Muskeln einen Meter tiefer.

Damals hat man das noch nicht so im Detail gewusst, aber natürlich war es den Leuten auch schon damals klar, dass der menschliche Körper auf komplizierte Weise zusammen spielt und verwoben ist. Und Paulus wendet das auf die Christen an und sagt: wir sind eine Gemeinschaft des Mitfühlens; es geht nicht um den Aspekt, dass der Kopf das Kommando hat und alle auf ihn zu hören haben, sondern es geht um eine vernetzte Gemeinschaft, die Freud und Leid miteinander teilt.

Jetzt muss man sagen, dass de facto auch die menschliche Gesellschaft überhaupt so funktioniert. Natürlich beeinflusst das Leid der einen die ganze Gesellschaft. Man kann nicht die Menschen, die irgendwelche Probleme mit sich herum tragen, irgendwohin abschieben und glauben, man wäre sie los. Aber die Menschen denken oft, das ginge: die einen sperren wir in den Knast, die anderen kommen in alle möglichen Anstalten, die Alten müssen ins Heim, die Armen in die billigen Stadtviertel, den Dreck verklappen wir ins Meer, die Terroristen kommen nach Guantanamo und die Flüchtlinge aus Syrien und anderswo lassen wir gar nicht erst rein nach Europa. Wenn wir sie alle nicht mehr sehen, müssen wir auch nicht dran denken.

Aber natürlich funktioniert das nicht wirklich. Je höher wir die Mauern machen, die uns von den Leuten trennen, die scheinbar Probleme haben, um so mehr Angst haben wir vor ihnen. Wenn du die Menschen kennst, die an an den Rand der Gesellschaft verbannt werden und mit ihnen zu tun hast, dann merkst du: fast alle sind eigentlich ganz normale Leute, manchmal mit ein paar größeren oder kleineren Problemen oder mit Macken, wie wir sie alle irgendwo haben, ja, manche sehen die Welt anders, als ich es tue, manche brauchen wirklich dringend Hilfe, manche nerven dich wie viele andere auch, aber die allermeisten sind uns allen ähnlicher, als man denkt, und viele haben ganz viel, was sie der Welt geben können, und womit man wirklich beschenkt wird.

Aber wer gar keinen Kontakt hat, der lebt in Angst vor allem Fremden, fürchten sich vor bombenwerfenden Terroristen, hat Angst, jemanden im Krankenhaus zu besuchen, weil er das Elend nicht ansehen mag, und sieht an Menschen mit Handicaps immer nur die Behinderung. Da wo die wenigsten Ausländer leben, da ist die Fremdenfeindlichkeit am stärksten.

Man hat sogar herausgefunden, dass die Menschen um so unglücklicher werden, je ungleicher der Reichtum in einer Gesellschaft verteilt ist, und zwar alle, nicht nur die Armen, sondern genauso auch die Reichen. In einer Gesellschaft, wo die Starken rücksichtslos ihre Ellbogen gebrauchen, sind auch die Starken weniger glücklich. Niemand kann sich so vom Rest der Gesellschaft abkoppeln, dass ihn das Unglück der anderen nicht erreicht. Und mit den Unglücklichen sperrt er zugleich Gott aus und trennt sich von der Quelle des Lebens. Auch wer sich mit hohen Mauern, Servicepersonal, Security-Leuten, persönlichem Fitnesstrainer und Leibarzt abschirmen will: irgendwie findet all das Gewöhnlich und Schmutzige, das er so fürchtet, trotzdem seinen Weg zu ihm, und sei es nur in seinen Ängsten, Alpträumen und zerbrochenen Beziehungen. Niemand kann sich wirklich vom Rest der Menschheit abschirmen, und sterben müssen wir alle.

Jesus ist aber gekommen und hat uns gezeigt, dass man sich von all dem Dunklen nicht abschirmen und schützen muss, sondern er ist darauf zugegangen in der Kraft Gottes und hat es überwunden oder geheilt. Sogar die Feinde sind eine Realität, für die Heilung nötig und möglich ist – wir haben es vorhin in der Lesung gehört (Matth. 5,43-48). Und deshalb funktioniert die Christenheit, die Jesus ins Leben gerufen hat, anders. Er hat sie gegründet als eine solidarische Gemeinschaft, wo man die Schmerzen genauso teilt wie die tollen Erlebnisse, und in dem allen begegnet man Gott, lebt mit seinem Heiligen Geist und trägt die Heilung weiter, die Jesus in die Welt gebracht hat.

Deswegen schreibt Paulus: wir sind hier Juden und Heiden, Sklaven und Freie, an anderer Stelle sagt er auch: wir sind Männer und Frauen, Gebildete und Barbaren, aber das spielt keine Rolle im Vergleich zu dieser grundlegenden Tatsache: Jesus hat uns in seinen Leib aufgenommen. Jesus hat einen Leib, einen Körper, durch den er jetzt nach seiner Auferstehung weiter in der Welt wirkt. Dieser Leib umfasst viele Menschen, weil Jesus bis heute durch seinen Leib an der Heilung der Welt arbeitet. Und dazu gehört, dass es in diesem Leib ein versöhntes Miteinander von Starken und Schwachen, Frauen und Männern, quer zu allen Kultur- und Schichtgrenzen gibt. An uns soll man sehen, dass das geht. Und man soll die Angst davor verlieren.

Nun wusste wahrscheinlich Paulus noch besser als wir, dass das nicht immer gut funktioniert. Wir machen nicht immer alles richtig, es klappt nicht immer, und unsere Möglichkeiten sind begrenzt. Das war auch zur Zeit von Paulus so. Immer, wenn es irgendwo knirschte, dann musste er ja seine Briefe schreiben. Ab und zu hat er auch geschrieben: was der da bei euch macht, das geht gar nicht, den müsst ihr rausschmeißen. Es geht also nicht um ein pausbäckiges Eiapopeia – alles ist gut. Paulus und Jesus wussten, dass die Mentalität unserer Gesellschaft tief in uns drinsteckt. Aber Jesus hat seine Jünger und Paulus seine Gemeinden immer wieder daran erinnert: so soll es doch nicht unter euch sein. Ihr lebt doch nach einer anderen Logik. Das ist der Ausgangspunkt, von da ausgehend sollt ihr überlegen.

Das heißt: dass wir der Leib Christi sind (und dass wir durch die Taufe da hineingehören), das ist keine völlig einleuchtende Tatsache wie das Kreuz auf dem Kirchturm, sondern es muss immer wieder Menschen geben, die daran erinnern, es aktualisieren, darüber sprechen und manchmal auch darum kämpfen. Das kann Blut, Schweiß und Tränen kosten – auch davon können Jesus, Paulus und viele andere erzählen.

Der Leib Christi und unsere Teilhabe daran, so könnte man sagen, ist jetzt noch eine verborgene Realität. Nicht in dem Sinn, dass sie nebulös und nicht zu greifen wäre, sondern diese Realität muss immer wieder aktualisiert werden. Als Vergleich: Wer geheiratet hat, der muss diese Realität auch immer wieder neu aktualisieren und mit Leben erfüllen. Das heißt nicht, dass der Trauschein (oder der Taufschein) bedeutungslos wäre, das ist nicht einfach nur ein Blatt Papier. Dazu muss man nur mal an unseren Bundespräsidenten denken, der irgendwie immer noch in seiner alten Ehe drin hängt, obwohl er schön längst eine neue Lebensgefährtin hat. Es geht mir jetzt überhaupt nicht um Herrn Gauck, und er ist ja auch längst nicht der Einzige, sondern es geht mir um diese Art von Realitäten, die einerseits da sind und andererseits immer wieder aktualisiert werden müssen, um die man manchmal auch kämpfen muss. Solche verborgenen Realitäten gibt es überall, nicht bloß bei religiösen Sachen.

So muss auch diese Realität des Leibes Christi immer wieder aktualisiert werden, sie muss in jeder Generation, ja sogar in jedem Lebensabschnitt wieder neu gewonnen werden. Diese neue, versöhnte Menschheit ist in den christlichen Gemeinden und ihren Menschen präsent, aber manchmal schlummert sie sehr tief und wartet darauf, dass Gott jemanden sendet, der sie aufweckt. Es wäre zu einfach gedacht, wenn man sagen würde: entweder sie ist zu erfahren, oder sie ist nicht zu erfahren. Es gibt da keine eindeutigen Fakten, sondern wir sind gerufen, mitten unter Menschen, in denen die Ellbogenmentalität unserer Gesellschaft tief verankert ist, das Evangelium aufzurichten und Raum für den Leib Christi zu schaffen. Wir alle sind gerufen, an der Gesundheit des Leibes Christi zu arbeiten, gegen alle Schäden, Verirrung und Zerrissenheit, damit der Leib Christi fit dafür ist, seinen eigentlichen Auftrag zu erfüllen.

Jesus hat uns ja nicht zu Veranstaltungsbesuchern berufen, nicht zu Zuschauern oder Leuten, die Meinungen haben. Das alles sind nur einzelne Mosaiksteine, aber das ganze Bild ist: aktive Glieder des Leibes Christi, durch die der Messias die ganze Schöpfung heilt und an ihr ursprüngliches Ziel bringt.

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