Dez 292013
 

Predigt am 29. Dezember 2013 zu Lukas 2,25-38

25 Damals lebte in Jerusalem ein Mann namens Simeon; er war rechtschaffen, richtete sich nach Gottes Willen und wartete auf die Hilfe für Israel. Der Heilige Geist ruhte auf ihm, 26 und durch den Heiligen Geist war ihm auch gezeigt worden, dass er nicht sterben werde, bevor er den vom Herrn gesandten Messias gesehen habe. 27 Vom Geist geleitet, war er an jenem Tag in den Tempel gekommen.
Als nun Jesu Eltern das Kind hereinbrachten, um mit ihm zu tun, was nach dem Gesetz üblich war, 28 nahm Simeon das Kind in seine Arme, pries Gott und sagte: 29 »Herr, nun kann dein Diener in Frieden sterben, denn du hast deine Zusage erfüllt. 30 Mit eigenen Augen habe ich das Heil gesehen, 31 das du vor allen Völker bereitet hast – 32 ein Licht, das die Nationen erleuchtet, und der Ruhm deines Volkes Israel.« 33 Jesu Vater und Mutter waren erstaunt, als sie Simeon so über ihr Kind reden hörten. 34 Simeon segnete sie und sagte zu Maria, der Mutter Jesu: »Er ist dazu bestimmt, dass viele in Israel an ihm zu Fall kommen und viele durch ihn aufgerichtet werden. Er wird ein Zeichen sein, dem widersprochen wird – 35 so sehr, dass auch dir ein Schwert durch die Seele dringen wird. Aber dadurch wird bei vielen an den Tag kommen, was für Gedanken in ihren Herzen sind.«
36 ´In Jerusalem` lebte damals auch eine Prophetin namens Hanna, eine Tochter Penuels aus dem Stamm Ascher. Sie war schon sehr alt. Nach siebenjähriger Ehe war ihr Mann gestorben; 37 sie war Witwe geblieben und war nun vierundachtzig Jahre alt. Sie verbrachte ihre ganze Zeit im Tempel und diente Gott Tag und Nacht mit Fasten und Beten. 38 Auch sie trat jetzt zu Joseph und Maria. Voller Dank pries sie Gott, und zu allen, die auf die Erlösung Jerusalems warteten, sprach sie über dieses Kind.

Seit Beginn der Adventszeit sind wir jetzt immer wieder mit den ersten beiden Kapiteln des Lukasevangeliums im Gespräch: erst die Ankündigung der Geburt Jesu durch den Engel, dann das Lied der Maria, dann zu Weihnachten die Geschichte von Jesu Geburt, und heute seine Begrüßung im damaligen Zentrum jüdischen Lebens, im Tempel. Und immer wieder stoßen wir dabei auf Menschen, die nicht zu den historisch auffälligen Akteuren der damaligen Zeit gehören, keiner bestimmten Bewegung angehören wie den Pharisäern, den Zeloten oder den Essenern, erst recht nicht der Priesteraristokratie, sondern die einfach versuchen, auch in bewegten und bedrängten Zeiten ihrem Erbe als Israel, als Volk der Verheißung, treu zu bleiben.

Maria und Josef kamen anscheinend aus solchen Familien, auch die Hirten am unteren Ende der sozialen Leiter wussten etwas von der Berufung Israels, und jetzt wieder in Jerusalem Simeon und Hanna, die anscheinend zu einem ganzen Netzwerk von Menschen gehören, die auf den »Trost Israels« oder die »Hilfe für Israel« warten. Dieses Stichwort ruft die Stelle in Jesaja 40 auf, wo es heißt: »Tröstet mein Volk! Sagt Jerusalem, dass ihre Knechtschaft ein Ende hat!« Das bezieht sich auf das danieder liegende Jerusalem nach der Zerstörung durch die Babylonier. Aber 500 Jahre später wartet ein Simeon immer noch darauf, dass die Ohnmacht und Wirkungslosigkeit des Gottesvolkes zu Ende geht. Jerusalem ist zwar wieder aufgebaut worden, aber Israel ist immer noch nicht wieder auf die Beine gekommen, immer noch ist es der Willkür fremder Reiche ausgeliefert, es ist ohnmächtig und fremdbestimmt, anstatt ein Licht für die Völker zu sein.

Eine Lebensspanne voller Willkür

Man kann sich das an der Lebensspanne von Simeon und Hanna klarmachen: Beide sind sie vermutlich alt, Hanna 84, und Simeon wahrscheinlich auch nicht viel jünger. Man muss sich mal vorstellen, was die beiden schon erlebt haben: als Hanna geboren wurde, regierte der jüdische König Alexander Jannäus, ein grausamer Mann, der sein Reich mit harter Hand zusammen hielt und seine Gegner zu Hunderten kreuzigen ließ.

Als junges Mädchen lebte Hanna unter der Regierung der Witwe dieses Königs, und das war eine Zeit des Friedens, in der das Land gedieh. Aber ihre Söhne wiederum kämpften um den Thron, und in diese Kämpfe griffen die Römer unter Pompeius ein. Er eroberte Jerusalem und betrat sogar das Allerheiligste im Tempel.

Als Hanna heiratete, war das Land eine römische Provinz. Dann kam der römische Bürgerkrieg zwischen Pompeius und Cäsar; in dieser Zeit starb Hannas Mann, man könnte spekulieren: vielleicht sogar als Soldat bei den Kämpfen in Ägypten. Damals richtete Cäsar das Amt eines Prokurators, also eines römischen Statthalters von Judäa ein. Kurz darauf wurde Cäsar ermordet und es gab einen neuen römischen Bürgerkrieg rund ums Mittelmeer. In dieser Zeit fielen aus dem Osten die Parther in Jerusalem ein. Sie schnitten dem Hohen Priester die Ohren ab, so dass er als Verstümmelter nicht mehr Priester sein konnte und setzten einen anderen Hohen Priester und König ein.

Wieder ein paar Jahre später kam Herodes mit römischer Hilfe nach Jerusalem, richtete den neuen Hohen Priester hin und wurde ein König von Roms Gnaden. Auch Herodes herrschte mit Terror, sogar seine Frau und einige seiner Söhne ließ er töten, aber gleichzeitig ließ er zu Propagandazwecken den Tempel gewaltig ausbauen.

All das haben Hanna und Simeon miterlebt: so viel menschlichen Wirrwarr, so viel Machtkalkül rund um den Tempel Gottes, und trotzdem haben sie durch all die Jahre hindurch beharrlich auf Gottes Hilfe gehofft. Mitten in dem Tempel, der jetzt glanzvoll ausgebaut wurde, neben der Burg Antonia, in der die Soldaten des jeweiligen Herrschers lagen, lebte unauffällig Hanna und betete Jahr für Jahr zu dem einen Gott Israels. Ob es wohl einen Punkt gegeben hat, an dem Simeon und Hanna sich endgültig von der Hoffnung verabschiedet haben, ein bloßer Wechsel der Machthaber könne irgendwann das Schicksal Israels zum Guten wenden?

Und es muss noch andere gegeben haben, die wie diese beiden auf die Erlösung Jerusalems warteten, eine mehr oder weniger große Gruppe von Menschen, die sich kannten und sich gegenseitig bestärkten, auf das Handeln Gottes zu warten. Die durch alle Wirren der Zeit ein Gespür dafür behalten haben, was von Gott ist und was nicht. Und die in allem Auf und Ab der Zeit lieber diese geringe, unscheinbare Hoffnung festgehalten haben als sich von irgendwo anders Trost zu holen. Und ihr Gespür für das, was von Gott kommt, ist in dieser Zeit immer klarer geworden, bis Simeon dann in großer Sicherheit auf dieses Paar mit einem Säugling zugehen und sagen kann: der ist es!

Die Einzigartigkeit Israels

Und er sieht, dass Jesus nicht nur eine interne Bedeutung für Israel hat. Israels Schicksal ist ja inzwischen so verflochten mit den Wegen und Irrwegen der anderen Völker und Großmächte, dass eine Lösung nur für Israel allein gar nicht mehr in Frage kommt. Deswegen ist dieses Kind ein Licht, das alle Völker erleuchten soll. Aber es bleibt der Ruhm und die Einzigartigkeit Israels, dass in diesem Volk nach so vielen Jahrhunderten schließlich Jesus geboren werden konnte.

Wir sind manchmal sehr darauf konzentriert, dass der erwachsene Jesus im heftigen Konflikt mit vielen Strömungen seines Volkes stand, der ihn am Ende auch das Leben gekostet hat. Und Simeon bereitet Maria ja darauf vor, dass Jesus zu Konflikten führen wird, die auch durch sie selbst hindurchgehen werden – Maria war zuerst gar nicht froh über die öffentliche Rolle ihres Sohnes und hat lange gebraucht, bis sie aus dieser Rolle als behütende und gleichzeitig bevormundende Mutter Jesu herausgefunden hat.

Aber viel wichtiger als diese internen Auseinandersetzungen ist die Einsicht, dass in keinem anderen Volk die Menschen damals auch nur annähernd verstanden hätten, worum es bei Jesus überhaupt ging. Dass da ein Schöpfer der Welt ist, der die Welt erschaffen hat, um sein Leben mit anderen zu teilen, und dass er eine Absicht mit der Welt hat, die weit über den gegenwärtigen Status Quo hinausgeht, das wussten sie nur in Israel. Und die harten Auseinandersetzungen, wie man am besten sein persönliches und öffentliches Leben im Einklang mit diesem Schöpfer gestaltet, die verstanden die anderen Völker noch nicht einmal.

Der ganze Streit darum, wie man denn als Gottes Volk richtig leben soll, mit all seinen unterschiedlichen Fraktionen, der Streit, für den dann auch Jesus seine ganz spezielle Lösung entfaltete, dieser Streit spielte sich auf einem Niveau ab, das die anderen Völker auch nicht annähernd erreichten. Bei den anderen Völkern spiegelte die Religion einfach nur die Lebens- und Machtverhältnisse wider, in denen sie lebten. In Israel ging es darum, gegen die deprimierende Wirklichkeit der Welt an der Verheißung von Frieden und Gerechtigkeit festzuhalten, die Gott in dieses Volk hineingelegt hatte. Und auch diese Verheißung war nicht von Anfang an klar, sondern sie wuchs und entwickelte sich, und gerade in den bedrückenden Zeiten des Wartens, wo es aussah, als müsse man alle Hoffnung aufgeben, da wuchs in Wirklichkeit die Klarheit und Tiefe.

Die Verheißung festhalten

Anscheinend mussten erst so viele deprimierende Erfahrungen mit Herrschern aller Art vorausgehen, bis dann wenigstens einige verstanden, dass man seine Hoffnung besser nicht auf einen Herrscher herkömmlicher Art setzt, sondern lieber nach etwas Neuem und Anderem Ausschau halten sollte, das von Gott her kommt. Und in diesem schreienden Widerspruch zwischen den alten Verheißungen Gottes und der katastrophalen Gegenwart entstand ein Raum der Erwartung, in dem Jesus mit seinem Weg verstanden werden konnte – wenigstens von einigen.

Simeon und Hanna stehen für die Menschen, die über Jahrzehnte beim Widerspruch zwischen Gottes Verheißungen und der katastrophalen Realität ausgeharrt haben. Sie haben ausdauernd auf Gottes Auflösung des Widerspruchs gewartet, sie haben gebetet und sind nicht von dem korrupten Tempel gewichen, weil es keinen anderen Ort gab, der Gottes Gegenwart symbolisierte, und nun erleben sie, dass dieses Warten nicht vergeblich war, sondern sein Ziel erreicht hat.

Simeon ist wie einer, der über lange Zeit tapfer einen gefährlichen Vorposten verteidigt hat, und nun kommt endlich die Hauptstreitmacht, und er kann sehen, dass er nicht vergeblich ausgeharrt hat. Das Warten hat endlich ein Ende. Nun kann er beruhigt sein Schwert aus der Hand legen und seinen Schild an den Nagel hängen. Gott selbst bringt die Sache jetzt voran.

Ein weltweiter Weg

Und seit Jesus geht das Evangelium durch die ganze Welt und fängt an, auch den anderen Völkern die Augen zu öffnen für die Bestimmung der Welt, die der Schöpfer von Anfang an in sie hineingelegt hat. Und auch die anderen Völker sagen nicht einfach: ach ja, das ist die Lösung, wunderbar, jetzt wissen wir es! Sondern auch in all den vielen anderen Völkern, Kulturen und Nationen beginnt nun dieser lange Weg, bis die Menschen sich von den falschen Göttern und ihren Tröstungen abwenden und sich Israels Gott zuwenden.

Das ist wieder so ein Weg, der mit vielen Irrwegen und Ent-täuschungen verbunden ist, mit Zeiten, in denen sich die Menschen stark fühlen und Zeiten, in denen sie verzweifeln, weil ihre Welt in Trümmer sinkt. Zeiten, in denen sie etwas begreifen vom Willen Gottes, und Zeiten, in denen sie alles wieder über Bord werfen. Wir sollen doch nicht erwarten, dass unser Weg einfacher und unkomplizierter ist als der Weg Israels. Aber anscheinend reichte Gott schon eine verborgene Gruppe von Menschen, die das Entscheidende verstanden hatten und tatsächlich auf ihn warteten, und er antwortete und nahm die Sache in die Hand und machte von seiner Seite aus weiter.

Heilvolle Ent-Täuschungen

Es sind nicht nur die glanzvollen, heroischen Zeiten, in denen Gott seine Sache voranbringt, sondern ganz häufig lässt Gott in den deprimierenden und kümmerlichen Phasen die entscheidenden Dinge geschehen. Es kann sein, dass da die wirklich wichtigen Gedanken reifen und die heilvollen Ent-täuschungen geschehen. Enttäuschung bedeutet ja auch, dass man eine Täuschung hinter sich lässt und klarer zu sehen beginnt. Und das sind wichtige Augenblicke im Leben der Völker und der einzelnen Menschen, wenn Gott dafür sorgt, dass wir uns von falschen Hoffnungen und Träumen trennen müssen und so vorbereitet werden für seine Wahrheit.

Heute ist die ganze Welt auf dem Weg, den Israel schon vor langer Zeit gegangen ist. Manche noch ganz am Anfang in fast heidnischen Zeiten, manche erleben heroische Zeiten wie die Zeit des König Davids und der anderen Helden Israels, manche die lange, deprimierende Zeit der Könige und ihres Staatstempels, und vielleicht haben wir alle noch eine Zeit der Zerstörung vor uns wie die Zerstörung Jerusalems. Vielleicht stecken wir auch in der langen Zeit der Bedeutungslosigkeit, in der Gottes Volk nur noch ein Spielball der Mächte war. Geschichte wiederholt sich nicht 1:1.

Der Raum für Gottes Antwort

Aber egal, wo wir gerade stehen, als Land, als ganze Welt oder als Einzelne: es ist unsere Aufgabe, beharrlich auszuhalten in dem Widerspruch zwischen Gottes Verheißung und der katastrophalen Wirklichkeit, nicht schnellen Trost zu suchen, sondern den Raum offen zu halten, in dem Gott handeln kann und wird. Simeon und Hanna sind das Bild für Menschen, die über lange Zeit an der Verheißung festhalten und so der Antwort Gottes den Weg bahnen. Gott hat dafür gesorgt, dass es diese Menschen immer gab. Am Ende werden sie nicht enttäuscht.

Dez 232013
 

Predigt am 22. Dezember (4. Advent) zu Lukas 1,39-56

39 Nicht lange danach machte sich Maria auf den Weg ins Bergland von Juda. So schnell sie konnte, ging sie in die Stadt, 40 in der Zacharias wohnte. Sie betrat sein Haus und begrüßte Elisabeth.

41 Als Elisabeth den Gruß Marias hörte, hüpfte das Kind in ihrem Leib. Da wurde Elisabeth mit dem Heiligen Geist erfüllt 42 und rief laut: »Du bist die gesegnetste aller Frauen, und gesegnet ist das Kind in deinem Leib! 43 Doch wer bin ich, dass die Mutter meines Herrn zu mir kommt? 44 In dem Augenblick, als ich deinen Gruß hörte, hüpfte das Kind vor Freude in meinem Leib. 45 Glücklich bist du zu preisen, weil du geglaubt hast; denn was der Herr dir sagen ließ, wird sich erfüllen.«

46 Da sagte Maria: »Von ganzem Herzen preise ich den Herrn, 47 und mein Geist jubelt vor Freude über Gott, meinen Retter. 48 Denn er hat mich, seine Dienerin, gnädig angesehen, eine geringe und unbedeutende Frau. Ja, man wird mich glücklich preisen – jetzt und in allen kommenden Generationen. 49 Er, der Mächtige, hat Großes an mir getan. Sein Name ist heilig, 50 und von Generation zu Generation gilt sein Erbarmen denen, die sich ihm unterstellen. 51 Mit starkem Arm hat er seine Macht bewiesen; er hat die in alle Winde zerstreut, deren Gesinnung stolz und hochmütig ist. 52 Er hat die Mächtigen vom Thron gestürzt und die Geringen emporgehoben. 53 Den Hungrigen hat er ´die Hände` mit Gutem gefüllt, und die Reichen hat er mit leeren Händen fortgeschickt. 54 Er hat sich seines Dieners, ´des Volkes` Israel, angenommen, weil er sich an das erinnerte, was er unseren Vorfahren zugesagt hatte: 55 dass er nie aufhören werde, Abraham und seinen Nachkommen Erbarmen zu erweisen.«

56 Maria blieb etwa drei Monate bei Elisabeth und kehrte dann nach Hause zurück.

Am Tor zum Weihnachtsfest steht dieses Lied von Maria, der jungen Frau, die kurz zuvor vom Engel Gabriel gefragt worden ist, ob sie bereit ist, die Mutter des Messias zu werden. Sie hat ein bisschen nachgefragt, sie hat erfahren, dass auch ihre Verwandte Elisabeth im hohen Alter schwanger ist, und sie hat Ja gesagt zu dem Ansinnen Gottes. Und jetzt besucht sie Elisabeth und sieht, dass die tatsächlich schwanger ist – die Worte des Engels waren zuverlässig. Es hat begonnen. Die Revolution Gottes beginnt sich zu entfalten.

Das Thema des Evangeliums

Ja, es ist wirklich die Revolution Gottes – das sagt uns das Lied Marias, das hier ganz am Anfang des Lukas­evangeliums steht, sozusagen als Wegweiser und Verständnishilfe für alles Weitere. Dieses Lied ist die Überschrift für alles, was Lukas uns erzählen wird: die Geschichten von der Geburt in Bethlehem, von den Taten des erwachsenen Jesus, vom Aufbau seiner Jüngergemeinschaft, und schließlich von seinem Tod, von seiner Auferstehung und der weltweiten Bewegung des Heiligen Geistes, die damit in Gang kommt.

Immer wird es darum gehen, dass Gott die Mächtigen vom Thron stürzt und die Niedrigen erhebt. Darum geht es in der Geschichte Jesu. Immer, wenn wir sie hören, sollen wir wissen: es geht um Revolution. Und diese junge Frau hat es begriffen, die wirkliche Bedeutung ihres Kindes ist ihr klar geworden, und sie tanzt und singt und jubelt, so wie es in der Geschichte Israels an den entscheidenden Punkten ganz oft Frauen waren, die die passenden Worte und den passenden Rhythmus gefunden haben, wenn Gott seine großen Taten vollbracht hat.

Verwurzelt in befreiender Tradition …

Aber es ist kein Zufall, dass Maria so von Gott singt. Das alles ist ihr nicht erst eingefallen, als Gabriel zu ihr kam. Sie singt mit Worten, die sich aus den Verheißungen ihrer Bibel speisen, aus den Propheten und den Psalmen und aus der Treue Gottes in der Geschichte Israels. Marias Lied erinnert unter anderem an das Lied der Hanna, der Mutter des Propheten Samuel, der zum Retter Israels in gefährlichen Zeiten wurde.

Man merkt, dass Maria aus einer Familie kommen muss, in der die Hoffnung auf Gottes Eingreifen auch durch viele dunkle Jahrhunderte hindurch lebendig geblieben ist. Und Elisabeth als ihre Verwandte scheint ebenfalls diesen Traum zu kennen, der in den besten Traditionen Israels von Generation zu Generation weitergegeben wurde: der alte Traum Israels, dass eines Tages alle Verheißungen der Propheten wahr werden, und dass alle Völker der Erde gesegnet werden durch die Familie Abrahams. Dass Gottes Plan mit seiner Schöpfung am Ende zum Ziel kommt, und dass die Finsternis dieser Welt dem hellen Licht Gottes weicht.

Durch viele dunkle Jahrhunderte hindurch hatte Israel lernen müssen, dass die Welt Gottes versklavt ist unter grausame, böse Mächte, die ihre Beute nicht so schnell hergeben. In immer neuen Gestalten waren diese Mächte über das Volk Gottes und die anderen Völker hergefallen. An Krieg, Ausbeutung und Gewalt hatte es in den Jahrhunderten vorher keinen Mangel gegeben.

… auch in dunklen Zeiten

Maria und Elisabeth selbst waren groß geworden unter König Herodes, der mit List, Tücke und der Rückendeckung Roms sein mörderisches Regime über viele Jahrzehnte aufrecht erhalten hatte. Wenn Maria von den Mächtigen singt, die Gott von ihren Thronen stürzt, dann ist das kein poetisches Bild, sondern es gab es in ihrer Welt genügend Kandidaten, denen man das aus vollem Herzen gewünscht hätte.

Aber in all diesen dunklen Zeiten hat es in Israel Familien gegeben, in denen die Hoffnung lebendig blieb, dass Gott zu seinen Verheißungen steh und sein Volk auch unter grausamen Herrschern und korrupten Priestern bewahrt. Sie studierten die Schriften, sie diskutierten und hofften, und so stark war dieses Verlangen nach Gottes Eingreifen, dass sogar die Frauen und Mädchen davon geprägt waren, die sonst überall von den höheren geistigen Tätigkeiten ausgeschlossen waren. Das Lied von Maria zeigt, dass sie in den Schriften zu Hause war, und als sie Worte brauchte für die Hoffnung, die in ihr Leben gekommen war, da waren sie längst vorbereitet: Worte, die von Umsturz und Gnade sprachen, vom Sieg über das Böse und von der Macht Gottes, der die selbsternannten Weltherrscher in alle Winde zerstreut.

»Er hat mich angesehen«

Wenn man Marias Lied genau anschaut, dann merkt man: Die Kernerfahrung, die sie singen lässt, ist: Gott hat mich, seine Dienerin, gnädig angesehen, eine geringe und unbedeutende Frau. Damit fängt alles an: Gott hat mich angesehen, obwohl ich erstens eine Frau in einer männlich beherrschten Welt bin und zweitens als junge und unverheiratete Frau auch in der weiblichen Hierarchie ganz unten stehe. Marias Lebenslauf wäre eigentlich absehbar, determiniert: ein Hochzeitsfest als großer Höhepunkt des ganzen Lebens und dann Arbeit und Kinderkriegen, und mit großer Wahrscheinlichkeit ein früher Tod. Eine Wahl hat sie nicht.

Aber indem Gott Maria wahrnimmt und ihr einen Platz in seiner großen Geschichte gibt, schafft er ihr einen Spielraum, den sie sonst nicht hätte. Indem Gott sie ansieht, befreit er ihr Leben aus der Alternativlosigkeit und macht aus ihr einen Menschen, der im Bündnis mit Gott die Welt gestaltet.

Das ist das Besondere an der Revolution Gottes – dass er auf allen Ebenen aktiv ist: verborgen im Herzen unscheinbarer Menschen ebenso wie in den großen Umwälzungen der Politik und der Macht. Überall kann er ansetzen, und überall geht es in die gleiche Richtung. Und da wird nicht das Individuelle ausgespielt gegen das große Ganze, sondern bei Gottes Revolution geht es immer um die Wiederherstellung der Menschen im Großen wie im Kleinen. Der Sturz der Mächte, die mit der Welt ihr Spiel treiben, beginnt mit der Befreiung von Menschen zum Widerstand. Er beginnt damit, dass Menschen den Spielraum entdecken, den sie haben, und ihn schrittweise ausweiten.

Die Jagd nach gott-loser Macht zerstört die Erde

Zu oft in der Geschichte hat es Revolutionen und Revolten gegeben, wo die Menschen die alten geblieben sind, und am Ende waren die neuen Herrscher genauso schlimm wie die Tyrannen vorher. Das liegt daran, dass Menschen in sich selbst unsicher und ängstlich sind, wenn sie nicht diesen Rückhalt in Gott haben, den man bei Maria so deutlich wahrnimmt. Wer aber in sich selbst unsicher ist, der muss das mit äußeren Sicherheiten ausgleichen, der sammelt Macht in jeder Gestalt: Geld, Besitz, Waffen, Ansehen, Gefolgsleute, und er wird nie das Gefühl haben, nun sei es genug. Man kann das auch über unsere ganze Zivilisation sagen: wir richten die Erde zugrunde, weil wir nie genug haben. Die westliche Kultur plündert die Welt, hinterlässt riesige Müllhalden und macht die Menschen nicht glücklich, sondern atomisiert nach Möglichkeit alle Strukturen, in denen Menschen mal zu Hause waren.

Wenn wir Weihnachten feiern, dann sind wir schon wochenlang mit Sonderangeboten, Weihnachtsrabatten und kitschiger Musik bombardiert worden. Viele haben sich mit einem Haufen Zeug eingedeckt, das die knappen Güter der Erde verschwendet und am Ende die Müllhalden weiter wachsen lässt. Und vor allem stärkt dieser Zugang zu Weihnachten genau die Mächte, die Gott vom Thron stürzen will. Es geht nicht darum, dass hier ein bisschen übertrieben wird, sondern hier ist das, was Maria singt, in sein Gegenteil verkehrt.

Auf den Verständnishorizont kommt es an

Deswegen ist es so wichtig, unter welcher Überschrift wir auf Weihnachten zugehen. Auf welchen Wegweiser nach Weihnachten wir achten. Wenn wir auf das Marias Lied hören, dann ist Weihnachten plötzlich kein harmloses Kinderfest mehr, sondern es ist ein Fest für Erwachsene, die sich Gottes Sache zu eigen machen und mit Gott zusammen einstehen für die Befreiung seiner Schöpfung und seiner Menschen von den verheerenden Mächten des Todes. Lange haben Menschen nicht verstanden, welchen Plan Gott verfolgt, aber jetzt wird Gottes Weg enthüllt: eine neue Art von Macht, wie Jesus sie ausgeübt hat. Eine neue Art zu leben und zu sterben, die nicht mehr von den Herrschern der Welt kompromittiert ist. Eine Revolution, die gutwillige Menschen nicht zu schlechten Kopien der Gewaltherrscher macht, sondern die dafür sorgt, dass wir wieder erkennbar werden als Gottes Ebenbilder.

Wenn Gott herrscht, dann ändert sich die Bedeutung des Wortes »herrschen«. Wenn Gott Revolution macht, dann ändert sich die Bedeutung des Wortes »Revolution«. Aber beide Male ist das Ziel die Befreiung der Menschen aus der Sklaverei unter den Mächten der Verheerung.

Jesus ist hineingeboren worden in die volle Verlorenheit der Welt: ein unverheiratetes Elternpaar, dessen Leben gleich von der römischen Volkszählung ins Chaos gestürzt wurde, Kontrolle und Überwachung schon damals, dann Notunterkunft, dann als Flüchtling in Ägypten – würde er heute versuchen, nach Europa zu kommen, dann wäre die Chance groß, dass er auf dem Weg übers Meer vor Lampedusa ertrinkt. Das sind die Themen, auf die uns Marias Lied hinweist.

Aber sie sind kein Anlass zur Depression, so traurig das auch ist. Gerade in diesem Zusammenhang leuchtet die Hoffnung um so stärker. Das ist die wirkliche Weihnachtsfreude – die Hoffnung, dass Gott die Hungrigen satt machen wird und den Verfolgten eine Heimat schenkt. Gott distanziert sich nicht von den dunklen Seiten der Welt, sondern er geht voll hinein und füllt sie mit Hoffnung.

Aber alles beginnt damit, dass Gott Maria anschaut, zu ihr spricht, ihr einen Platz in seiner Geschichte gibt, sie aus der Alternativlosigkeit herausholt und sie so dazu ermächtigt, »Ich« zu sagen: meine Seele preist den Herrn und mein Geist jubelt über Gott meinen Retter. Wo ein Mensch von Gott angesehen wird und sich zur Freiheit erwecken lässt, da beginnen die Mächte zu wanken, da ist die ganze Revolution Gottes schon als Keim präsent.

Unsere Freiheit

Deshalb liegt es an uns, ob wir uns Weihnachten überwuchern lassen von Idylle und Konsumzwang, oder ob wir die anfängliche Freiheit nutzen und ausweiten, die uns geschenkt ist. Wir haben nicht alle Freiheit der Welt, aber der Anfang der Freiheit, den Gott in uns hineingelegt hat, das ist das eigentliche Weihnachtsgeschenk. Es ist nicht mit Geld zu erwerben, aber es ist der Anfang der wirklichen Freude.

Dez 172013
 

Dies ist die dritte Folge von Gedanken aus meinem Psalmenworkshop beim Emergent Forum 2013. | Teil 1 | Teil 2 |

Bhs_psalm1Jede Beschäftigung mit den Psalmen stößt eher früher als später auf die Strafwünsche gegen übermächtige Feinde. An einigen Stellen, den sogenannten „Rachepsalmen“ (z.B. Psalm 58) wird das sehr intensiv ausgemalt. Aber auch in vielen anderen Psalmen taucht die Bedrohung durch böswillige und gottlose Feinde auf – mit dem entsprechenden Appell an Gott, er möge diese Gegner scheitern lassen und sie darüber hinaus mindestens das erleiden lassen, was sie dem Bedrohten anzutun planten bzw. antaten.

Mit diesen Psalmen tun wir uns in der Moderne traditioneller Weise schwer. Wie passen diese Erwartungen an Gott mit dem Bild eines „lieben“, vergebenden, sanften, gewaltfreien usw. Gottes zusammen, den wir unseren Mitmenschen nahebringen wollen? Und – schwierigere Frage – wie passen sie mit der Feindesliebe zusammen, die Jesus beschrieb und lebte?

Leider habe ich erst nach dem Workshop einen Post auf dem Mosaik-Blog entdeckt, wo es um genau diese Frage geht. Ein paar Zitate daraus:

Der Text ist für Menschen, die unterdrückt werden. Der Text ist für die Menschen, deren Lage uns ein mulmiges Gefühl vermittelt.

und weiter:

Wie geht man mit Bibelstellen um, die Hoffnung auf Genugtuung, Vergeltung, Wut und Rache an Stelle derer ausdrücken, deren Stimmen nicht einmal bis zu uns heranreichen?  Diese Stellen werden
ignoriert
angezweifelt
verbildlicht
vergeistlicht
verniedlicht
für ungültig erklärt
stumm geschaltet.
Diese Stellen haben keinen Platz in der Anbetungszeit am Sonntag. Man druckt sie auch nicht auf Kalender oder postet sie mit einem kitschigen Bild auf Facebook. Diese Verse finden nicht statt.

Wie die Menschen, von denen sie handeln. Wir sollten lieber den Sicherheitsabstand einhalten. Unterdrückung, Ausbeutung, Ungerechtigkeit, Gewalt – das hat mit uns nicht zu tun. Warum sollten wir uns damit abgeben?

und schließlich:

Wir brauchen diese Texte ebenfalls. Unbedingt. Und das nächste Mal, wenn ein Text mir vorkommt, als beschreibe er eine andere dunkle Welt, dann möchte ich mich fragen  Was muss ein Mensch erlebt haben, um so etwas zu schreiben?

Das ist also die erste Antwort – eher eine Rückfrage: in solchen Psalmen kommt eine Wirklichkeit zur Sprache, die uns in der Regel sehr fremd ist. Und vielleicht zeigt sich in der Abwehr der Vergeltungsgedanken weniger, dass uns die Feindesliebe Jesu schon in Fleisch und Blut übergegangen ist.  Könnte es nicht eher sein, dass es die Realität der Unterdrückung und des brutalen Unrechts ist (ich spare mir drastische Blitzlichter – im Prinzip weiß jeder, worum es geht), die Menschen aus dem modernen,  zivilisierten Westen erschreckt, wenn sie sich in den Psalmen sehr deutlich ausspricht?

Und würde es nicht auch im bürgerlich-zivilisierten Westen zur Klarheit beitragen, wenn heftige Konflikte auch wahrgenommen würden, anstatt unter den Teppich eines „Wir wollen ja alle das Beste, nur auf unterschiedlichen Wegen“-Feelings gekehrt zu werden?

Hinzufügen will ich noch zwei andere Gedanken:

zum einen ist ja gerade charakteristisch, dass die Rache bzw. Strafe in den Psalmen Gott überlassen wird. Das bedeutet aber auch, dass Menschen damit überfordert sind und die Finger davon lassen sollten. Natürlich kann man sich auch unter diesem Vorzeichen immer noch als „Werkzeug“ des vergeltenden Gottes verstehen – aber das liegt außerhalb der legitimen Interpretationsspannweite der Psalmen.

Zum anderen können hier die Gedanken aus meinem vorigen Post zu den Psalmen zum Tragen kommen: im Psalter stehen unterschiedliche Wahrheiten nebeneinander, ohne sich gegenseitig aufzuheben und ohne, dass eine Art arithmetisches Mittel gebildet wird. Das arithmetische Mittel aus Hass und Feindesliebe wäre Nettigkeit: Abneigung, die die Formen wahrt. Ist es wirklich das, was Jesus mit Feindesliebe meinte?

Ich glaube eher, dass beides im vollen Maße wahr ist: ja, es gibt massives Unrecht, rücksichtslosen Missbrauch, schamlose Lüge. Und es ist natürlich, menschlich, angemessen, darauf so zu reagieren, dass man sagt: „Gott, mach ihn platt. Tu ihm an, was er mir tun wollte. Lass sie in der Hölle schmoren.“ Gut, wenn du und ich das noch nicht in dem Maß erleben mussten, aber es ist Realität. Es muss ausgesprochen werden dürfen. Und wer sich da überhaupt nicht reindenken kann, der weiß sehr wenig über die Realität der Welt. Es gibt den Schrei nach Vergeltung, der alle Argumente auf seiner Seite hat, und die Psalmen geben ihm Raum und Worte.

Erst wenn das klar ist, kann man im vollen Sinn von Feindesliebe sprechen. Nicht in dem Sinn, dass man sie aus sicherem Abstand den Opfern nahelegt, damit ihre Erfahrung weniger (ver)störend wirkt. Sondern im Wissen, dass Hass auch den auffrisst und zerstört, der ihn aus gutem Grund empfindet. Im Wissen, dass durch Rache die Täter sich auch noch in den Opfern fortpflanzen. Als Bereitschaft, Gott das Problem der vergeltenden Gerechtigkeit zu überlassen, weil es für Menschen mindestens eine Nummer zu groß ist.

Erst beides zusammen ergibt das volle Bild. Die Psalmen üben mit uns, die ganze Realität zu sehen: ungeschönt und ungezähmt, und trotzdem (gerade so!) voller Hoffnung und Hilfe.

Dez 152013
 

Predigt am 27. Oktober 2013 zu Psalm 139

Titelgrafik Besonderer Gottesdienst 27.10.2013
Der Gottesdienst begann mit einem Überblick über die bisher bekannt gewordenen Ausspähaktionen westlicher Geheimdienste und – im Kontrast dazu – der Lesung von Psalm 139.

1 Herr, du hast mich erforscht und kennst mich ´ganz genau`.
2 Wenn ich mich setze oder aufstehe – du weißt es; meine Absichten erkennst du schon im Voraus.
3 Ob ich gehe oder liege, du siehst es, mit all meinen Wegen bist du vertraut.
4 Ja, noch ehe mir ein Wort über die Lippen kommt, weißt du es schon genau, Herr.
5 Von allen Seiten umschließt du mich und legst auf mich deine Hand.
6 Ein unfassbares Wunder ist diese Erkenntnis für mich; zu hoch, als dass ich es je begreifen könnte.
7 Wohin könnte ich schon gehen, um deinem Geist zu entkommen, wohin fliehen, um deinem Blick zu entgehen?
8 Wenn ich zum Himmel emporstiege – so wärst du dort! Und würde ich im Totenreich mein Lager aufschlagen – dort wärst du auch!
9 Hätte ich Flügel und könnte mich wie die Morgenröte niederlassen am äußersten Ende des Meeres,
10 so würde auch dort deine Hand mich leiten, ja, deine rechte Hand würde mich halten!
11 Und spräche ich: »Nur noch Finsternis soll mich umgeben, und der helle Tag um mich her soll sich verwandeln in tiefste Nacht!«,
12 dann wäre selbst die Finsternis nicht finster für dich, und die Nacht würde leuchten wie der Tag. Ja – für dich wäre tiefste Dunkelheit so hell wie das Licht!
13 Du bist es ja auch, der meinen Körper und meine Seele erschaffen hat, kunstvoll hast du mich gebildet im Leib meiner Mutter.
14 Ich danke dir dafür, dass ich so wunderbar erschaffen bin, es erfüllt mich mit Ehrfurcht. Ja, das habe ich erkannt: Deine Werke sind wunderbar!
15 Dir war ich nicht verborgen, als ich Gestalt annahm, als ich im Dunkeln erschaffen wurde, kunstvoll gebildet im tiefen Schoß der Erde9.
16 Deine Augen sahen mich schon, als mein Leben im Leib meiner Mutter entstand. Alle Tage, die noch kommen sollten, waren in deinem Buch bereits aufgeschrieben, bevor noch einer von ihnen eintraf.
17 Wie kostbar sind für mich deine Gedanken, o Gott, es sind unbegreiflich viele!
18 Wollte ich sie zählen, so wären sie zahlreicher als alle Sandkörner ´dieser Welt`. Und ´schlafe ich ein und` erwache, so bin ich immer noch bei dir.

»Du kennst mich durch und durch« – das ist entweder ein trostreicher Satz des Vertrauens zu dem Gott, der uns gewollt hat und wunderbar geschaffen hat. Oder es ist ein Horrorsatz über Menschen, die sich Gottes Rolle anmaßen und alles über uns wissen wollen, um uns zu kontrollieren und ihren Zwecken zu unterwerfen.

Es gibt einen Film, in dem schon 2002 die beklemmende Vision einer totalen Überwachung beschrieben wird: »Minority Report«. Steven Spielberg hat ihn gedreht, mit Tom Cruise als Hauptdarsteller. Tom Cruise ist John Anderton, der Chef einer Polizeieinheit, die Morde verhindert, noch bevor sie geschehen. Menschen werden verhaftet und für Verbrechen verurteilt, die sie erst in Zukunft begehen werden. Und tatsächlich, in dieser Welt totaler Überwachung gibt es keine Morde mehr.

Aber die Störung sitzt in der Mitte des Systems: John Anderton selbst wird als künftiger Mörder gemeldet. Er wird einen Mann töten, den er überhaupt nicht kennt. Also flieht er, um zu beweisen, dass er unschuldig ist. Aber in einer total überwachten Welt ist das gar nicht so einfach. Im Jahr 2054, in dem der Film spielt, werden alle Menschen über ihre Augenmuster identifiziert, so wie heute über Fingerabdrücke. Überall sind Augenscanner, die die Augen der Menschen optisch abtasten. Auch wenn das hauptsächlich von der Werbung genutzt wird, um Menschen scheinbar ganz persönlich anzusprechen, es kann ganz schnell in Überwachung umschlagen. Die einen wollen ihn mit Namen identifizieren, um ihm etwas zu verkaufen. Die anderen wollen ihn identifizieren, um ihn zu beseitigen. Der Schritt vom einen zum anderen ist nicht sehr weit. Es geht jedesmal darum, Macht über jemand zu bekommen. Je genauer du sein Persönlichkeitsprofil kennst, um so mehr Macht hast du über ihn.

In dem Film ist es nicht nur die Überwachungstechnik, sondern dazu noch drei Menschen mit hellseherischen Fähigkeiten, die den Kern der Kriminalitätsvorhersage bilden. Anders konnte sich das auch Steven Spielberg 2002 noch nicht vorstellen. Heute würde man sagen: wir brauchen keine menschlichen Hellseher mehr. Demnächst gibt es Computerprogramme, die berechnen können, wie du dich verhalten wirst. Z.B. soll man demnächst aus den Bewegungsmustern von Überwachungskameras die Wahrscheinlichkeit berechnen können, dass jemand irgendwas Kriminelles anstellen wird. Schon heute kann es sein, dass dir ein Visum in die USA verweigert wird, weil es irgendwelche Daten gibt, die dich verdächtig erscheinen lassen – und du kannst nichts dagegen machen, nirgendwo Beschwerde einlegen. Und auf jeden Fall wird dir bei Google jetzt schon die Werbung angezeigt, von der man vermutet, dass du dafür irgendwie in Frage kommst.

Viele Menschen haben gedacht: na gut, ich ahne ja, dass da ganz viel mitgelesen wird bei dem, was ich im Internet tue oder wenn ich mit dem Handy telefoniere. Ich weiß auch, dass man mich über mein Handy ziemlich genau orten kann. Aber was soll’s – ich bin kein Terrorist und kein Drogenhändler, ich habe ja nichts vor den Geheimdiensten zu verbergen. Die sind an mir gar nicht interessiert. Wenigstens Christen sollten sich aber eigentlich daran erinnern, dass schon Jesus mit seinen Jüngern im Boot auf den See Genezareth fuhr, wo er nicht abgehört werden konnte, wenn er mit ihnen Klartext redete.

Den anderen muss man erstens sagen, dass man schnell auch versehentlich ins Visier der Sicherheitskräfte geraten kann. Zweitens wird die Schranke für die elektronische Überwachung immer niedriger. Wenn die Daten erstmal vorhanden sind, dann gibt es viele, die sie auch gern für andere Zwecke verwenden würden. Wir können z.B. davon ausgehen, dass diese Daten auch zur Wirtschaftsspionage verwendet werden: der brasilianische Erdölkonzern ist schon ausgespäht worden. Und die Geschäftsgeheimnisse von deutschen mittelständischen Unternehmen sind auch nicht sicher vor großen Mitbewerbern aus China und den USA. Das kann noch zu einer ziemlichen Bedrohung für unseren Wohlstand werden.

Vor allem aber: hier verschiebt sich etwas in der Art, wie über Menschen gedacht wird. Der Geheimdienstauswerter, der sich die Daten von irgendeiner Zielperson am anderen Ende der Welt zusammensucht und daraus ein Persönlichkeitsprofil und eine Prognose erstellt, der hat ja gar kein Verhältnis mehr zu diesem Menschen. Für den besteht der Verdächtige nur aus den Daten. Das Geheimnis, das zu jedem Menschen gehört, das schrumpft zusammen auf anscheinend noch nicht vollständige Datensätze. Für den Bearbeiter am Computer im Datenzentrum ist der Mensch genauso abstrakt wie für den Drohnenpiloten, der ihn vielleicht etwas später ferngesteuert abschießt, wieder am anderen Ende der Welt. Wenn man in der Praxis so einem Menschenbild folgt, dann breitet sich das aus. So ein Geheimdienst ist ja ein mächtiges Gebilde, der lässt sich nicht so einfach abschaffen, sondern der braucht immer mehr Geld und Mitarbeiter und Befugnisse, und was er einmal hat, das gibt er nicht mehr her. Da entsteht eine gewaltige Machtzusammenballung, und diese Macht sieht uns alle als potentiell verdächtige Datensätze. So eine Art, mit Menschen umzugehen, ist ansteckend.

Versteht ihr, solche Veränderungen im Menschenbild, die kommen schleichend. Es fängt im Sicherheitsbereich an und breitet sich aus. Es sieht harmlos aus, oder vielleicht scheint es sogar, als erhöhe das alles doch unsere Sicherheit. In den USA sind die Leute ja völlig hysterisch, wenn es um die »Nationale Sicherheit« geht. Dass jedes Jahr Zehntausende durch frei verkäufliche Schusswaffen umkommen, das nehmen sie hin, aber um Terroranschläge zu verhindern, unterwerfen sie die Welt am liebsten einer Totalkontrolle.

Es sind aber diese Veränderungen am Menschenbild, die langfristig das meiste anrichten. Erinnert ihr euch an die Geschichte vom Ende des Paradieses? Die Schlange brachte Adam und Eva auf die Idee, es wäre doch schön, wenn sie so sein könnten wie Gott und »wissen, was Gut und Böse ist«. Und als sie dann vom Baum der Erkenntnis gegessen hatten, da sahen sie als erstes, dass sie nackt waren. Sie sahen sich nicht mehr innerhalb einer liebevollen Beziehung, sondern sie sahen sich wie Objekte an, sie beobachteten sich – zum ersten Mal sahen sie sich wie Gegenstände an. Sie sahen sich aus Gottes Perspektive und waren diesem Blick nicht gewachsen.

Man könnte jetzt sagen: was ist schon dabei? Was ist denn Schlimmes passiert? Sie haben ein Gebot Gottes übertreten, ja gut, aber welcher Schaden ist denn dabei wirklich entstanden? Aber der Schaden kam schleichend. Erst bei ihren Kindern, bei Kain und Abel, wurden die Folgen offen sichtbar: Kain erschlug seinen Bruder Abel. Das war die Langzeitfolge einer anderen Sicht auf die Menschen, die im Paradies eingerissen war. Alles Unheil beginnt in Gedanken.

Wir sind aus Angst um unsere Sicherheit auf einen Weg geraten, bei dem der Raum der Freiheit, den ein Mensch hat, immer stärker zusammenschrumpft. Aber es gehört zu unserer Würde, dass wir für andere Menschen nicht durch und durch berechenbar sind. Jeder Mensch hat sein Geheimnis, das nur Gott und er kennen. In der Bibel, im Buch der Offenbarung, gibt es dafür das schöne Bild von dem weißen Stein, den Gott für uns bereithält (Offb. 2,17). Auf diesem Stein steht unser neuer Name. D.h., Gott weiß schon von dem Menschen, der wir sein sollen und zu dem er uns geschaffen hat. Und er ist zu uns gekommen, damit auch wir verstehen, wofür wir geschaffen sind, was unsere Berufung ist. Aber das ist das Geheimnis zwischen Gott und diesem Menschen, es steht niemand anderem zu, da einzudringen. Und dieses Geheimnis ist auch nicht durch noch so raffinierte Analyse der Datenspuren eines Menschen zu ergründen. Genauso wenig wie man das Geheimnis eines Menschen durch Folter ergründen kann.

Es ist kein Zufall, dass die totale Überwachung und die Folter in unserer Zeit beide wieder aufgenommen werden in das Handwerkszeug der zivilisierten Welt. Beide Male geht es darum, das Geheimnis des Menschen gewaltsam aufzudecken und zu zerstören. Vielleicht werden wir es erst merken, wenn es zu spät ist.

Aber vielleicht werden wir uns auch rechtzeitig erinnern an den liebenden Blick Gottes, der uns etwas ganz anderes sagt als die kontrollierenden Blicke der Überwacher. Gott macht es ja so, dass er einfach besser mit uns umgeht als die Kontrolleure. Wenn es sich herum spricht, dass es eine Alternative gibt, dann sind auch die großen Machtzusammenballungen schnell am Ende. Immerhin hat es ja sogar dort einen Edward Snowden gegeben, das lässt hoffen. Noch größer wäre die Hoffnung, wenn unser Land bereit wäre, ihm Asyl zu gewähren. Müssen wir das wirklich Putin überlassen? Immerhin weiß jetzt durch ihn auch unsere Bundeskanzlerin, dass es nicht nur in der DDR die Stasi gab, die Telefone abgehört hat.

Wir sollen uns verankern in Gottes Art, auf uns zu schauen und uns zu kennen. Es ist gut zu wissen, dass Gott meine Gedanken durch und durch kennt. Bei ihm sind sie in den richtigen Händen. Seine Verschlüsselung ist unknackbar. Er analysiert uns nicht, sondern er liebt uns. Und seine Liebe ist praktisch: er ist Mensch geworden und zu uns gekommen, er hat sich mit uns verbunden, er leidet an unseren Irrwegen und er ruft uns immer wieder neu auf die Wege des Lebens. Er kennt unsere Herz besser, als wir uns selbst kennen, aber er nutzt das nicht, um uns zu manipulieren, sondern um unsere Freiheit zu stärken. Er hat das große Ja zu uns gesprochen, von Anfang an, und er wird es nie zurücknehmen. Weil er all unsere Gedanken und Regungen durchschaut, kann ihn nichts mehr erschrecken oder enttäuschen. Nichts kann ihn dazu bringen, uns nicht mehr zu lieben. Das ist eine Art, Menschen zu sehen, die den Geheimdiensten immer ein Rätsel bleiben wird.

Zu diesem Gott zu gehören, ist wirkliche Sicherheit, auch wenn sie mitten in Gefahr und Unsicherheit zu führen scheint. Wir müssen unsere Sicherheit nicht mit Kontrolle und Gewalt schützen – Kontrolle und Waffen machen die Welt nur unsicherer, weil sie immer von Neuem Misstrauen und Feindschaft produzieren. Das sind nicht Gottes Wege. Auch das wird kein Sicherheitsdienst je verstehen können.

Denn Gottes Gedanken sind nicht unrsere Gedanken, und seine Weg sind nicht unsere Wege. Er kennt die Welt wirklich, nicht nur weil er sie geschaffen hat, sondern weil er sich ganz auf sie eingelassen hat und sie nie aufgeben wird. Nur Liebe kennt einen Menschen und die ganze Welt wirklich. Alle Totalüberwachung, die Menschen aufrichten, ist nur eine billige Karikatur von Gottes liebendem Blick. Sie sagt viel mehr über den Horizont der Überwacher aus als über den wirklichen Gott.

Aber der wirkliche, lebendige Gott, dessen Allwissenheit ist ein Wunder und ein Trost auf all unseren Wegen.

Wie hoch, o Gott, sind mir deine Gedanken,*
wie gewaltig ist ihre Fülle!
Wollt ich sie zählen,
es wären mehr als die Körner im Sand! -*
Ich erwache: und immer noch bin ich bei dir.

Das ist die Wahrheit.

Dez 092013
 

Predigt am 20. Oktober 2013 zu 1. Korinther 12,12-14.26-27

12 Denn wie der Leib eine Einheit ist, doch viele Glieder hat, alle Glieder des Leibes aber, obgleich es viele sind, einen einzigen Leib bilden: So ist es auch mit Christus. 13 Durch den einen Geist wurden wir in der Taufe alle in einen einzigen Leib aufgenommen, Juden und Griechen, Sklaven und Freie; und alle wurden wir mit dem einen Geist getränkt. 14 Auch der Leib besteht nicht nur aus einem Glied, sondern aus vielen Gliedern.

26 Wenn darum ein Glied leidet, leiden alle Glieder mit; wenn ein Glied geehrt wird, freuen sich alle anderen mit ihm. 27 Ihr aber seid der Leib Christi und jeder Einzelne ist ein Glied an ihm.

Damals, als dieser Brief geschrieben wurde, hat man sich den Staat oft wie einen Körper vorgestellt: der Kopf, das war natürlich der König oder der Kaiser, seine Hände waren die Beamten und Soldaten, die Füße, das waren die einfachen Leute, die die Arbeit machten und so weiter. Und die Lehre aus dem Ganzen war: jeder muss seine Rolle ausfüllen, seine Arbeit tun, damit das Ganze funktioniert. Füll den Platz aus, an den man dich gestellt hat!

Wenn Paulus hier ebenso dieses Bild verwendet, dann gibt er ihm eine andere Wendung. Erstmal wendet er es nicht auf die ganze Gesellschaft an, sondern auf die Christenheit und ihre einzelnen Ortsgemeinden. Die Christenheit ist die neue Gesellschaft, die Christen sind die neue Menschheit. Die soll so miteinander leben, wie Gott das eigentlich gewollt hat. Nicht so, dass es ein endloses Gerangel darum gibt, wer jeweils der Kopf ist und das Sagen hat, und wer den Müll raus tragen muss. Oder ohne dieses Bild: nicht so, dass alle versuchen, die schlechteren Lebenslose anderen hin zu schieben und selbst in die Position zu kommen, sich die Dreckarbeit zu ersparen.

Sondern in Gottes neuer Gesellschaft ist es so, dass man die Mühen und Schmerzen der anderen spürt und mitträgt. »Wenn ein Glied leidet, dann leiden alle mit« – das ist die Regel dafür.
Um das im Bild des Leibes auszumalen: Jeder von uns weiß wahrscheinlich, wie es ist, wenn man Zahnschmerzen hat, wie da der ganze Körper mitleidet. Da kannst du nicht sagen: ach, das ist doch nur der alte Backenzahn, da müssen wir uns gar nicht drum kümmern, der stellt sich eben manchmal etwas an. Nein, wenn man richtig Zahnschmerzen hat, dann ist man lahm gelegt und kann an wenig anderes denken. Da hat der ganze Körper Zahnschmerzen.

Und die Medizin findet ja heute sowieso immer mehr Zusammenhänge raus, wie die einzelnen Teile des Körpers zusammen funktionieren und sich gegenseitig beeinflussen. Es kann schon sein, dass du Schmerzen in Hals und Schulter hast, und das eigentliche Problem sind die Knochen und Muskeln einen Meter tiefer.

Damals hat man das noch nicht so im Detail gewusst, aber natürlich war es den Leuten auch schon damals klar, dass der menschliche Körper auf komplizierte Weise zusammen spielt und verwoben ist. Und Paulus wendet das auf die Christen an und sagt: wir sind eine Gemeinschaft des Mitfühlens; es geht nicht um den Aspekt, dass der Kopf das Kommando hat und alle auf ihn zu hören haben, sondern es geht um eine vernetzte Gemeinschaft, die Freud und Leid miteinander teilt.

Jetzt muss man sagen, dass de facto auch die menschliche Gesellschaft überhaupt so funktioniert. Natürlich beeinflusst das Leid der einen die ganze Gesellschaft. Man kann nicht die Menschen, die irgendwelche Probleme mit sich herum tragen, irgendwohin abschieben und glauben, man wäre sie los. Aber die Menschen denken oft, das ginge: die einen sperren wir in den Knast, die anderen kommen in alle möglichen Anstalten, die Alten müssen ins Heim, die Armen in die billigen Stadtviertel, den Dreck verklappen wir ins Meer, die Terroristen kommen nach Guantanamo und die Flüchtlinge aus Syrien und anderswo lassen wir gar nicht erst rein nach Europa. Wenn wir sie alle nicht mehr sehen, müssen wir auch nicht dran denken.

Aber natürlich funktioniert das nicht wirklich. Je höher wir die Mauern machen, die uns von den Leuten trennen, die scheinbar Probleme haben, um so mehr Angst haben wir vor ihnen. Wenn du die Menschen kennst, die an an den Rand der Gesellschaft verbannt werden und mit ihnen zu tun hast, dann merkst du: fast alle sind eigentlich ganz normale Leute, manchmal mit ein paar größeren oder kleineren Problemen oder mit Macken, wie wir sie alle irgendwo haben, ja, manche sehen die Welt anders, als ich es tue, manche brauchen wirklich dringend Hilfe, manche nerven dich wie viele andere auch, aber die allermeisten sind uns allen ähnlicher, als man denkt, und viele haben ganz viel, was sie der Welt geben können, und womit man wirklich beschenkt wird.

Aber wer gar keinen Kontakt hat, der lebt in Angst vor allem Fremden, fürchten sich vor bombenwerfenden Terroristen, hat Angst, jemanden im Krankenhaus zu besuchen, weil er das Elend nicht ansehen mag, und sieht an Menschen mit Handicaps immer nur die Behinderung. Da wo die wenigsten Ausländer leben, da ist die Fremdenfeindlichkeit am stärksten.

Man hat sogar herausgefunden, dass die Menschen um so unglücklicher werden, je ungleicher der Reichtum in einer Gesellschaft verteilt ist, und zwar alle, nicht nur die Armen, sondern genauso auch die Reichen. In einer Gesellschaft, wo die Starken rücksichtslos ihre Ellbogen gebrauchen, sind auch die Starken weniger glücklich. Niemand kann sich so vom Rest der Gesellschaft abkoppeln, dass ihn das Unglück der anderen nicht erreicht. Und mit den Unglücklichen sperrt er zugleich Gott aus und trennt sich von der Quelle des Lebens. Auch wer sich mit hohen Mauern, Servicepersonal, Security-Leuten, persönlichem Fitnesstrainer und Leibarzt abschirmen will: irgendwie findet all das Gewöhnlich und Schmutzige, das er so fürchtet, trotzdem seinen Weg zu ihm, und sei es nur in seinen Ängsten, Alpträumen und zerbrochenen Beziehungen. Niemand kann sich wirklich vom Rest der Menschheit abschirmen, und sterben müssen wir alle.

Jesus ist aber gekommen und hat uns gezeigt, dass man sich von all dem Dunklen nicht abschirmen und schützen muss, sondern er ist darauf zugegangen in der Kraft Gottes und hat es überwunden oder geheilt. Sogar die Feinde sind eine Realität, für die Heilung nötig und möglich ist – wir haben es vorhin in der Lesung gehört (Matth. 5,43-48). Und deshalb funktioniert die Christenheit, die Jesus ins Leben gerufen hat, anders. Er hat sie gegründet als eine solidarische Gemeinschaft, wo man die Schmerzen genauso teilt wie die tollen Erlebnisse, und in dem allen begegnet man Gott, lebt mit seinem Heiligen Geist und trägt die Heilung weiter, die Jesus in die Welt gebracht hat.

Deswegen schreibt Paulus: wir sind hier Juden und Heiden, Sklaven und Freie, an anderer Stelle sagt er auch: wir sind Männer und Frauen, Gebildete und Barbaren, aber das spielt keine Rolle im Vergleich zu dieser grundlegenden Tatsache: Jesus hat uns in seinen Leib aufgenommen. Jesus hat einen Leib, einen Körper, durch den er jetzt nach seiner Auferstehung weiter in der Welt wirkt. Dieser Leib umfasst viele Menschen, weil Jesus bis heute durch seinen Leib an der Heilung der Welt arbeitet. Und dazu gehört, dass es in diesem Leib ein versöhntes Miteinander von Starken und Schwachen, Frauen und Männern, quer zu allen Kultur- und Schichtgrenzen gibt. An uns soll man sehen, dass das geht. Und man soll die Angst davor verlieren.

Nun wusste wahrscheinlich Paulus noch besser als wir, dass das nicht immer gut funktioniert. Wir machen nicht immer alles richtig, es klappt nicht immer, und unsere Möglichkeiten sind begrenzt. Das war auch zur Zeit von Paulus so. Immer, wenn es irgendwo knirschte, dann musste er ja seine Briefe schreiben. Ab und zu hat er auch geschrieben: was der da bei euch macht, das geht gar nicht, den müsst ihr rausschmeißen. Es geht also nicht um ein pausbäckiges Eiapopeia – alles ist gut. Paulus und Jesus wussten, dass die Mentalität unserer Gesellschaft tief in uns drinsteckt. Aber Jesus hat seine Jünger und Paulus seine Gemeinden immer wieder daran erinnert: so soll es doch nicht unter euch sein. Ihr lebt doch nach einer anderen Logik. Das ist der Ausgangspunkt, von da ausgehend sollt ihr überlegen.

Das heißt: dass wir der Leib Christi sind (und dass wir durch die Taufe da hineingehören), das ist keine völlig einleuchtende Tatsache wie das Kreuz auf dem Kirchturm, sondern es muss immer wieder Menschen geben, die daran erinnern, es aktualisieren, darüber sprechen und manchmal auch darum kämpfen. Das kann Blut, Schweiß und Tränen kosten – auch davon können Jesus, Paulus und viele andere erzählen.

Der Leib Christi und unsere Teilhabe daran, so könnte man sagen, ist jetzt noch eine verborgene Realität. Nicht in dem Sinn, dass sie nebulös und nicht zu greifen wäre, sondern diese Realität muss immer wieder aktualisiert werden. Als Vergleich: Wer geheiratet hat, der muss diese Realität auch immer wieder neu aktualisieren und mit Leben erfüllen. Das heißt nicht, dass der Trauschein (oder der Taufschein) bedeutungslos wäre, das ist nicht einfach nur ein Blatt Papier. Dazu muss man nur mal an unseren Bundespräsidenten denken, der irgendwie immer noch in seiner alten Ehe drin hängt, obwohl er schön längst eine neue Lebensgefährtin hat. Es geht mir jetzt überhaupt nicht um Herrn Gauck, und er ist ja auch längst nicht der Einzige, sondern es geht mir um diese Art von Realitäten, die einerseits da sind und andererseits immer wieder aktualisiert werden müssen, um die man manchmal auch kämpfen muss. Solche verborgenen Realitäten gibt es überall, nicht bloß bei religiösen Sachen.

So muss auch diese Realität des Leibes Christi immer wieder aktualisiert werden, sie muss in jeder Generation, ja sogar in jedem Lebensabschnitt wieder neu gewonnen werden. Diese neue, versöhnte Menschheit ist in den christlichen Gemeinden und ihren Menschen präsent, aber manchmal schlummert sie sehr tief und wartet darauf, dass Gott jemanden sendet, der sie aufweckt. Es wäre zu einfach gedacht, wenn man sagen würde: entweder sie ist zu erfahren, oder sie ist nicht zu erfahren. Es gibt da keine eindeutigen Fakten, sondern wir sind gerufen, mitten unter Menschen, in denen die Ellbogenmentalität unserer Gesellschaft tief verankert ist, das Evangelium aufzurichten und Raum für den Leib Christi zu schaffen. Wir alle sind gerufen, an der Gesundheit des Leibes Christi zu arbeiten, gegen alle Schäden, Verirrung und Zerrissenheit, damit der Leib Christi fit dafür ist, seinen eigentlichen Auftrag zu erfüllen.

Jesus hat uns ja nicht zu Veranstaltungsbesuchern berufen, nicht zu Zuschauern oder Leuten, die Meinungen haben. Das alles sind nur einzelne Mosaiksteine, aber das ganze Bild ist: aktive Glieder des Leibes Christi, durch die der Messias die ganze Schöpfung heilt und an ihr ursprüngliches Ziel bringt.

Dez 052013
 

Dies ist die zweite Folge von Gedanken aus meinem Psalmenworkshop beim Emergent Forum 2013. | Teil 1 | Teil 3 |

Bhs_psalm1Wer die Psalmen einfach in der Reihenfolge liest, wie sie im Psalter angeordnet sind, macht einige Entdeckungen. Z.B. antworten benachbarte Psalmen aufeinander bzw. setzen den Gedankengang durch Einführung neuer Gesichtspunkte fort. Auf den äußerst selbstkritischen Rückblick auf die Geschichte des Gottesvolkes in Ps. 78 folgt  Psalm 79, in dem es um die Feinde geht, die die Schwäche des Volkes brutal ausnutzen und das Land zerstört haben. Schließlich wird in Ps. 80 Gott an den Bund erinnert und um Wiederherstellung Israels gebeten.

Drei unterschiedliche Gesichtspunkte, die nicht gegeneinander ausgespielt werden, sondern jeder auf seine Art wahr sind. Die eigenen Irrwege und die Brutalität der Zerstörer können nicht irgendwie miteinander ausgeglichen werden. Es gibt weder ein schadenfrohes „selbst schuld“ noch ein entschuldigendes „die anderen sind viel schlimmer“. Was in diesen drei Psalmen steht, das muss alles gesagt und gehört werden, ohne dass es sich gegenseitig relativiert, ausbalanciert oder wegerklärt.

Keine große Koalition

Diese betrachtende Weise, die Welt wahrzunehmen, ohne sie schnell auf eine griffige Einheitsformel zu bringen, zeigt sich vor allem im Umgang mit der Herrlichkeit und der Zerrissenheit der Welt. Die Welt ist ein Ort voller Wunder und ein Ort voller Bedrückung. Sie ist ein Ort, wo Menschen und Gott ein nahes und inniges Verhältnis voller Vertrauen und Treue zueinander entwickeln, und sie ist ein Ort des verzweifelten Wartens auf irgendein Signal, das das Schweigen Gottes durchbricht. Sie ist ein Ort, wo Menschen sich rücksichtslos auf Kosten anderer Menschen profilieren, und sie ist ein Ort, an dem Menschen solidarisch und gemeinsam in Jubel über Gott ausbrechen. All das steckt in den Psalmen, und damit sind sie eine zutreffende Beschreibung der Realität, in der wir leben.

Aber die Psalmen gleichen das nicht aus, indem sie daraus irgendeinen Durchschnitt bilden, irgendeine Weltformel, irgendeine Mitte zwischen den Extremen. Das wäre Große Koalition, und von dieser mittelmäßigen Mitte sind unsere Politik und unsere Kultur, unsere Kirchen und unsere Gesellschaft  schon viel zu lange geprägt. Die Psalmen halten die widersprüchlichen Erfahrungen in ihrer ganzen Spannweite aus und fest. Machmal ist das eine da und manchmal das andere – so wie es Kohelet sagt: Alles hat seine Zeit.

Aber es sind keine statischen, ewigen Widersprüche, denen wir nie entkommen werden, sondern sie sind umgriffen von Hoffnung. Und diese Hoffnung gründet in der Gewissheit, dass Gott gehandelt hat und wieder handeln wird. Wie kannst du in einer finsteren Zeit mutlos werden, wenn du die Psalmen betest und merkst, dass es vielen anderen lange vor dir ebenso gegangen ist?

Psalmen sind Radikale

So sind die Psalmen Worte, die bereitliegen, bis ihre Zeit gekommen ist. Und bis dahin liest, rezitiert, singt, studiert man sie, damit der Geist die richtigen Worte vorfindet, wenn er sie braucht. Als Jesus starb, zitierte er den Beginn des 22. Psalms: »Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?«. Er tat das sicher nicht, um einen Schriftbeweis zu führen, sondern dieser Psalm, den er vermutlich schon unzählige Male gehört hatte, gab ihm die richtigen Worte für diesen Moment. Und gleichzeitig stellte er sich damit in den Hoffnungsrahmen, den der 22. Psalm auch hat. Denn im 25. Vers heißt es dort: »Er (Gott) hat sein Antlitz nicht vor ihm verborgen und hat gehört, als er zu ihm schrie.« Tod und Leben, Kreuz und Auferstehung – beides in einem Psalm. Und keine kuschelige Mitte dazwischen.

Paul Michael Zulehner hat gerade über den neuen Papst gesagt, der sei kein Rechter und kein Linker, sondern ein Radikaler. Vielleicht kann man so auch die Psalmen am besten kennzeichnen: sie sehen die Erde und die Menschen radikal bedroht, beschmutzt, ausgebeutet, zerrissen. Und gleichzeitig beschreiben sie den Himmel, der auf den unwahrscheinlichsten Wegen die Erde radikal segnet, heilt, ernährt und erneuert. Beide Male radikal, aber insgesamt in einer Perspektive der Hoffnung. Und vielleicht besteht der wahre Gegensatz zwischen den Radikalen der Hoffnung und den Wohltemperierten, die es weder mit dem Schrecken noch mit der Hoffnung übertreiben wollen.

Dez 022013
 

In lockerer Folge poste ich Gedanken aus meinem Psalmen-Workshop beim Emergent Forum am 1.12.2013 in Berlin.
|Teil 2|

Ein stereoskopischer Zugang zur Welt

Bhs_psalm1Die Grundstruktur der Psalmen ist ein Parallelismus: immer zwei Zeilen gehören zusammen und sagen beinahe das Gleiche, aber nicht ganz. Sie sagen es mit unterschiedlichen Worten oder aus unterschiedlicher Perspektive. Das wird dadurch verstärkt, dass die Psalmen im Gottesdienst wohl von mindestens zwei Gruppen gesprochen/gesungen wurden. Erst die unterschiedlichen Sichtweisen unterschiedlicher Gruppen ergeben also das ganze Bild. Das übt eine meditative Grundhaltung ein: die Dinge müssen zunächst in ihrer Fülle wahrgenommen werden. Zudem wird in der klassischen Psalmenrezitation zwischen den beiden Zeilen eine Pause eingelegt: eine Unterbechung, die ebenfalls betrachtend verweilen lässt.

Das führt aber nicht zu Beliebigkeit, sondern der Sachverhalt wird dadurch gerade viel klarer und reicher beschrieben. Wenn es z.B. heißt (Ps. 5,6):

»Stolze kommen dir nicht vor die Augen –
du hassest alle, die Unrecht tun.«

dann wird die Grundausrichtung damit nicht relativiert oder abgemildert, sondern sie wird reicher entfaltet. Man verpackt die Realität nicht abschließend in einen Begriff und klebt ein Etikett daran, sondern man bleibt dabei und umkreist ein Stück Welt und klopft es ab auf die Bedeutungen, die es in sich trägt. Der Blick bekommt Tiefenschärfe. Die Welt ist nicht einfach das, was sie ist, sondern sie birgt in ihrer Mitte ein Geheimnis.

Spiritualität als leerer Ort

Mit der Grundstruktur des Parallelismus halten die Psalmen also die Differenz fest zwischen unseren Begriffen und Worten und der Sache, die wir bezeichnen. Indem sie den Sachverhalt von mehreren Seiten umkreisen, halten sie zwischen sich einen leeren Raum frei – ähnlich wie der Jerusalemer Tempel in seiner Mitte einen leeren Raum barg, die Wohnung des unsichtbaren Gottes. Das lässt uns verstehen, worum es in der (jüdischen und christlichen) Spiritualitat überhaupt geht: es wird ein Ort geschaffen, in dem es zur Begegnung mit der unverfügbaren Realität Gottes kommen soll.

Der Tempel schafft einen solchen leeren Ort im Raum. Der Sabbat schafft einen ebensolchen Ort in der Zeit. Die Psalmen bauen ein Heiligtum in der Sprachwelt. Es sind Worte, die zwischen sich Raum schaffen für das Unsagbare. Biblische Spiritualität ist deswegen keine wortlose Spiritualität, sondern eine wortgeprägte. Die Worte der Psalmen sind keine Bedrohung für das Geheimnis der Welt, so dass man besser auf sie verzichten sollte, sondern sie ermöglichen gerade Begegnung. Denn es ist kein beliebiges Unsagbares, auf das wir warten, sondern es geht um den Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, den Vater Jesu Christi.

Biblische Spiritualität geht davon aus, dass die Wirklichkeit nicht einfach das ist, was sie ist. sondern sie birgt in sich ein Geheimnis, sie hat eine Tiefendimension, eine verborgene Seite: den Himmel, den Bereich Gottes. Gott überlässt seine Schöpfung nicht sich selbst, sondern belebt, segnet und durchwaltet sie auch weiterhin. In der biblischen Spiritualität geht es darum, mit dieser verborgenen Tiefendimension in Berührung zu kommen. Einen Raum zu schaffen, wo diese Begegnung möglich wird. Dafür sind die Psalmen da.