Sep 192013
 

ntwright-psalmesN.T. Wright, der englische Neutestamentler und ehemalige anglikanische Bischof, hat kürzlich ein Buch über die Psalmen veröffentlicht  („The Case for the Psalms. Why they are essential“), in dem er etwas Wesentliches über seinen eigenen Hintergrund verrät: seit langer Zeit liest er täglich fünf Psalmen, also einmal im Monat den ganzen Psalter. Immer mal wieder spürt man in diesem Buch auch den Hintergrund der anglikanischen Tradition des liturgischen Psalmgesangs. Wright hält die Psalmen für unentbehrliche Quellen christlicher Anbetung – sie sind wie ein „tiefer, schnell fließender Fluss, der Tag für Tag und Stunde für Stunde die Stufen der Kirche reinigt“. Gottesdienstmusik und -Texte werden oberflächlich, wenn sie diese Quellen ignorieren oder nur als Steinbruch nutzen.

Warum sie unentbehrlich sind

Wright beschreibt zunächst, dass Israel in der Antike in seiner Weltsicht Psalmen-geprägt war; und das gilt ganz eindeutig auch für Jesus. Wer hinschaut, entdeckt im Neuen Testament jede Menge psalmgeprägter Argumentationen. Solche direkten oder indirekten Zitate sind nicht als legitimierende „Beweisstellen“ zu verstehen, sondern als Ausdruck des Argumentationsrahmens, in dem sich auch das Neue Testament bewegt. Die Psalmen, die Israel durch die Jahrhunderte begleiteten, stellen eine Weltsicht eigener Art zur Verfügung und üben in sie ein: weder ist die Welt in sich göttlich (Pantheismus), noch haben uninteressierte Götter den Kosmos sich selbst überlassen (Epikuräismus/Deismus), sondern der Gott Israels hat die Welt erschaffen und bleibt auch weiter in Beziehung mit ihr, um sie schlussendlich zu der Herrlichkeit zu erneuern, die von Anfang an seine Absicht war.

Diese Weltsicht legen die Psalmen aber nicht als theologischen Traktat dar, sondern üben durch regelmäßigen Gebrauch in sie ein. Indem sie Poesie sind (und im Regelfall gesungene Poesie), haben sie das Potential, Menschen nicht nur zu belehren, sondern zu transformieren.

Zeit, Raum, Materie

Wright beschreibt diese spezielle Weltsicht der Psalmen als ein Dazwischenstehen: als eine Position an der Grenze von Vergangenheit und Zukunft; an dem Ort, wo Himmel und Erde sich übereinander schieben; und wo die neue Schöpfung in die alte einbricht. Die enorme Spannweite der Psalmen (von untröstlicher Klage bis zum felsenfesten Vertrauen) erklärt sich aus ihrem Ort inmitten dieser Widersprüche. So beschreiben sie das Geheimnis der Welt besser als alle Versuche, die Welt auf (hoffnungsvolle oder depressive) Eindeutigkeiten zu reduzieren. Sie helfen, sich in der realen Welt zu orientieren, die hin und her gerissen ist zwischen ihrem göttlichen Ursprung, ihrer (Selbst)Zerstörung und der Verheißung ihres künftigen Erneuerung. Als Leitfaden dienen Wright dabei die Stichworte Zeit, Raum und Materie:

  • Die Psalmen stellen den Beter dahin, wo Damals, Einmal und Jetzt sich überschneiden. Deswegen stehen Siegespsalmen und Klagepsalmen direkt nebeneinander (die Reihenfolge der Psalmen ist lt. Wright keine zufällige – deswegen solte man den Psalter im Zusammenhang lesen). Und so lernt die Beterin, die Schrecken der Gegenwart im Licht der großen Taten Gottes in der Vergangenheit zu sehen und unter der Verheißung der neuen Schöpfung. Dieser Schnittpunkt von unserer Zeit und Gottes Zeit ist ein Ort intensiven Schmerzes und intensiver Freude, und vielleicht können nur Musik und Poesie das angemessen ausdrücken.
  • Die Psalmen wissen, dass Gott sich einen Ort gesucht hat, von dem aus er die Welt regieren will: Zion, Jerusalem, den Tempel. Gott bleibt nicht im Ungefähr, sondern sucht sich einen konkreten Ort. Für neuzeitliches bürgerliches Denken ist das ein Unding. Diese Bindung ist aber ein Zeichen, dass es Gott nicht darum geht, seine Leute aus der Welt herauszuholen. Stattdessen will er die Welt von innen heraus erneuern und dann endgültig dort wohnen. Deshalb ist der Tempel als symbolisches Abbild der Welt gestaltet. So wie Gott in diesem Abbild wohnt, so will er schließlich die ganze Schöpfung mit seiner Herrlichkeit erfüllen.
    Innerhalb der Psalmen ist aber eine Entwicklung erkennbar, in der die Tempeltheologie übertragen wird auf die Gegenwart Gottes unter seinen die Tora studierenden Leuten überall auf der Welt. Damit war eine Basis vorbereitet, von der aus die Christen von Gottes Gegenwart in Jesus und durch den Heiligen Geist in seinem Volk sprechen konnten.
  • Die Psalmen preisen die materielle, physische Welt als gute Schöpfung Gottes und treten so einer platonisierenden Weltverachtung entgegen. Sie sehen, dass die materielle Schöpfung das Lob Gottes singt und verbinden den menschlichen Gottesdienst mit diesem Lobpreis. Sie erwarten, dass auch die Materie transformiert wird, wenn Gott die Welt mit seiner Herrlichkeit flutet. Und das wird dann dazu führen, dass einerseits die Schöpfung zur vollen Lebendigkeit erwacht und andererseits die menschliche Gesellschaft von Gerechtigkeit und Fülle geprägt ist. Die Materie ist nicht ein vorübergehendes Ornament der Schöpfung, sondern dazu bestimmt, von Gottes Herrlichkeit erfüllt zu werden. So stellen uns die Psalmen auch hier wieder in die Hoffnung auf die in Herrlichkeit erneuerte Schöpfung (wie Paulus sie in Römer 8 beschreibt) und leiten uns an, jetzt schon im Licht dieser kommenden Welt zu leben und so (fern jeder Weltflucht) die ganze Schöpfung zum Lobpreis Gottes zu rufen.
    Die Konsequenz dieser Treue Gottes zu seiner Schöpfung ist Auferstehung. Und tatsächlich fassen einige Psalmen die ins Auge.

Wenn Menschen in den Psalmen leben, werden sie transformiert, weil diese Weltsicht allmählich zu ihrer zweiten Natur wird. Und weil Leib und Seele nicht voneinander zu trennen sind, ist das auch eine Transformation unseres materiellen Körpers. Sie zeigt sich in „holiness, wisdom, gentleness and firmness of the heart“ und weist voraus auf die Erneuerung der ganzen Schöpfung, zu der auch die Verwandlung unserer Körper in die Gestalt Jesu gehört. Und die Psalmen weisen auf diese Transformation nicht nur hin, sondern sind auch ein Mittel dazu.

 Konsequenzen für die Kirchen

Wright hat dieses Buch offensichtlich geschrieben, weil er die überall aufbrechenden Erneuerungsbewegungen davor bewahren möchte, sich ohne diesen Rückhalt des Psalters auf den Weg zu machen. Seine Hoffnung ist, dass  die musikalische Kreativität dieser Erneuerungsbewegungen und die Psalmen zusammenfinden. So werden Menschen erleben, dass der Heilige Geist die vertrauten Worte der Psalmen nimmt und sie dadurch je und je zu aktuellen Einsichten finden lässt. In einem persönlichen Schlusskapitel beschreibt Wright deshalb den kontnuierlichen Einfluss der Psalmen auf sein Leben.

Ich selbst, der ich in musikalischer Hinsicht eher abschreckende Beispiele von Psalmgesang in Erinnerung habe, freue mich darauf, in einem Workshop des Emergent Forums 2013 (29.11.-1.12.2013 in Berlin) vielleicht auch mit einigen meiner Leser darüber nachzudenken, wie wir in Deutschland zu einer neuen und hilfreichen, auch musikalischen Begegnung mit den Psalmen kommen können.

Hinweis:
Hier findet sich ein Auszug aus dem Buch, und
hier ein Interview mit N.T. Wright zum Buch (empfehle ich zur ergänzenden Lektüre).

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