Sep 232013
 

Predigt am 22. September 2013 mit Epheser 4,1-6

1 Als einer, der für sein Bekenntnis zum Herrn im Gefängnis ist, bitte ich euch nun: ´Denkt daran, dass` Gott euch ´zum Glauben` gerufen hat, und führt ein Leben, das dieser Berufung würdig ist!
2 Keiner soll sich über den anderen erheben. Seid vielmehr allen gegenüber freundlich und geduldig und geht nachsichtig und liebevoll miteinander um. 3 Setzt alles daran, die Einheit zu bewahren, die Gottes Geist euch geschenkt hat; sein Frieden ist das Band, das euch zusammenhält. 4 ´Mit »Einheit« meine ich dies:` ein Leib, ein Geist und genauso auch eine Hoffnung, die euch gegeben wurde, als Gottes Ruf an euch erging; 5 ein Herr, ein Glaube, eine Taufe, 6 ein Gott und Vater von allen, der über alle regiert, durch alle wirkt und in allen lebt.

Wenn Menschen zusammenkommen, dann gibt es über kurz oder lang Konflikte und Auseinandersetzungen, und dann hört man Sätze wie »Wer solche Nachbarn hat, der braucht keine Feinde mehr« oder ähnlich. Je näher sich Menschen kommen, um so leichter kann es Streit geben, und um so tiefer gehen dann auch die Wunden, die zurück bleiben. Je besser du einen Menschen kennst, um so weniger kannst du seine Schattenseiten übersehen, und genauso entdeckt er leider auch deine.

Vorsichtig auf Abstand bleiben

Wir haben deswegen Wege gefunden, wie man mit anderen Menschen zusammen leben kann, ohne sich so nahe zu kommen, dass man all zu viel von den Abgründen der Person zeigt. Wir gehen in der Regel höflich und wohlerzogen miteinander um und bleiben vorsichtig auf Abstand, aber einigen Menschen kommen wir eben doch richtig nahe, und dann lassen sich Konflikte nicht vermeiden. Deswegen rummst es so oft gerade im Nahbereich der Familie, wo man eigentlich hofft, dass Menschen sich doch wenigstens da vertragen müssten. Aber gerade weil man sich da so nahe kommt, deshalb kann das da auch ganz besonders heftig und eklig zugehen.

Und der Apostel Paulus, der den Epheserbrief geschrieben hat, der hatte immer wieder damit zu tun, dass es auch in den christlichen Gemeinden, die er gegründet hat, heftige Konflikte gab, und deshalb schreibt er hier sozusagen vorsorglich: passt gut auf die Verbundenheit auf, die euch der Heilige Geist geschenkt hat – achtet darauf, dass die nicht durch Auseinandersetzungen kaputt geht.

Nähe bringt auch Konflikte

Und wenn man das liest, dann denkt man: wie können die nur ausgerechnet in christlichen Gemeinden in Streit und Ärger geraten? Da müsste es doch ganz besonders friedlich zugehen. Wieso können die denn da nicht liebevoll miteinander auskommen? Aber das ist wie in der Familie: wo man sich besonders nahe kommt, da sind auch die möglichen Konflikte besonders heftig. Und in den Gemeinden damals kannten sich natürlich alle. Das waren lebendige Menschen, die intensiv miteinander lebten. Die waren nicht bloß als Datensätze in einem Computer gespeichert.

Und sie kamen nicht nur oberflächlich miteinander in Berührung, sondern sie teilten intensive Erfahrungen der Gemeinschaft mit Gott. Wenn Menschen sich gemeinsam für Gott öffnen, dann verbindet sie das sogar noch viel stärker, als Familienbande das tun können. Und Jesus wollte das ja so, dass seine Nachfolgerinnen und Nachfolger eine neue Gemeinschaft bildeten, die Keimzelle der neuen Menschheit, die anders miteinander lebt, besser, friedlicher und solidarischer.

Aber die Verwandlung dahin, die ist nicht einfach. Das ist wie eine Operation am offenen Herzen. Menschen kommen in die Gemeinde mit vielen schlechten Erfahrungen, mit lieblosen Verhaltensmustern, mit Verletzungen und Ängsten. Und das kann wirklich geheilt werden, aber es wird nicht einfach weggezaubert, sondern das ist ein Weg den man gehen muss, und manchmal auch ein Weg mit Schmerzen und Konflikten. Es ist nicht so einfach, die destruktiven Muster aufzugeben, die wir in vielen Jahren gelernt haben. Die wollen nicht aufgeben, die sagen: Vorsicht, du wirst untergehen, wenn du nicht auf der Hut bist und dich wehrst!

In jeder Ehe gibt es diesen Moment der Wahrheit, wenn Menschen gedacht haben, sie landen jetzt im Paradies, und dann streiten sie sich darum, wie man die Zahnpastatube ausdrückt, um von schwierigeren Dingen nicht zu reden. Und der hilfreiche Schub der ersten Verliebtheit hält auch nicht ewig.

Deswegen ist es gar nicht so schwer zu verstehen, weshalb es gerade in christlichen Gemeinden leicht zu Konflikten kommen kann. Da geht es um die tiefsten Hoffnungen und Überzeugungen, da geht es um unsere ganzen Lebenseinstellungen, sogar noch mehr, als wenn zwei Leute heiraten. Ist es da ein Wunder, wenn es Streit und Enttäuschungen gibt?

Der eine Gott schafft keine zerrissene Welt

Aber zum Glück gibt es auch Gegenkräfte, und an die erinnert Paulus in seinem Brief und sagt: vergesst nicht, woher eure Einheit kommt! Eure Gemeinschaft ist von dem einen Gott ins Leben gerufen worden, der ist in sich nicht zerrissen und widersprüchlich, und deshalb müsst ihr auch nicht von Widersprüchen zerrissen sein, sondern ihr habt eine gemeinsame Basis. Wenn ihr die festhaltet, dann könnt ihr alle Konflikte überwinden, das ist oft Arbeit, aber sie lassen sich auflösen, sie sind nur vorläufig, und am Ende kann man sie überwinden. An der Wurzel der Welt ist Einheit, deshalb gibt es keine prinzipiell unlösbaren Konflikte.

Die Griechen und Römer damals glaubten ja an viele verschiedene Götter, und die waren sich überhaupt nicht immer einig, die haben sich bekämpft und gegeneinander intrigiert. Im trojanischen Krieg, dieser alten Sage aus grauer Vorzeit, da standen die einen Götter auf der Seite der Griechen und die anderen auf der Seite der Trojaner. Ist es da ein Wunder, wenn die Menschen miteinander Krieg führen, wenn schon die Götter sich nicht einigen können?

Aber die Christen (und die Juden) glauben an einen einzigen Gott, der keine widersprüchlichen Botschaften sendet, der mit sich selbst nicht im Streit ist, sondern ganz eindeutig will, dass die Menschen in Frieden zusammen leben. Er hat die Welt geschaffen und hat nie aufgehört, sich um seine Geschöpfe zu kümmern. Und er lebt in allen Geschöpfen, ob sie es wissen oder nicht. Allem, was lebt, hat er seine eigene Lebendigkeit verliehen. Seine Energie wirkt durch uns. Die Welt wird durchflossen von seinem Strom des Lebens. Das ist die Basis, auf der alle Geschöpfe zusammengehören. Das ist die Grundlage, die uns alle verbindet, und deshalb haben die Menschen Recht, die sagen: eigentlich müssten wir doch alle in Frieden miteinander leben können.

Privatisierung zerstört den Segen

Aber es gibt natürlich einen Grund, weshalb das nicht gut funktioniert: immer wenn Menschen anfangen, diesen Strom des Segens aufzustauen und nur auf ihre eigenen Mühlen zu leiten, dann wird die Welt hart und arm. Gott beschenkt uns mit Leben und Gedeihen, aber wenn wir das als Beute an uns reißen und nicht weiterschenken, dann verdirbt es. Segen wird der ganzen Schöpfung gegeben, und wenn wir den Segen privatisieren, dann nimmt die Schöpfung großen Schaden. Dann gibt es Hunger, obwohl genug zu essen da ist, dann gibt es Krieg, obwohl Platz für alle da ist, dann kämpfen Menschen miteinander um ihr Recht, obwohl Gott sie alle liebt.

Und Paulus sagt: Gott hat euch berufen, seine Leute zu sein, damit an euch alle ablesen können, wie man miteinander leben soll. Ihr sollt nicht nach dem Muster des Beutemachens und Privatisierens leben, sondern nach dem Muster des Schenkens und Gebens, und das soll auch die Art prägen, wie ihr miteinander lebt. Deswegen kämpft nicht gegeneinander um euren Platz an der Sonne, heizt die Konflikte nicht an, sondern seid geduldig, seid freundlich, vermeidet Verletzungen, Demütigungen und Kränkungen. Gebt den Segen Gottes großzügig weiter! Schneidet niemanden davon ab! Und wenn unter euch jemand zurückfällt in die alten Muster aus der Zeit, in der er Gott noch nicht kannte, dann macht es ihm nicht nach!

Nun muss man dazu sagen, dass Paulus keiner war, der propagierte: lächle immer nur, und dann renkt es sich schon wieder ein! Paulus wusste, dass es manchmal Situationen gibt, wo man Nein sagen muss, wo man kämpfen muss, wo man der Auseinandersetzung nicht aus dem Weg gehen darf. Manchmal muss man sich Menschen in den Weg stellen, damit sie nicht noch mehr Schaden anrichten. Aber das ist nicht der Normalfall. Der christliche Normalfall ist, dass man sich vom Ärger oder der Angst oder der Selbstsucht anderer nicht anstecken lässt. Solche Emotionen sind ja äußerst ansteckend – wenn einer anfängt zu meckern, dann werden alle unleidlich, und sei es nur, weil sie sich jetzt über ihn ärgern.

Ein Gott und eine Hoffnung für jeden

Wenn du also einem ärgerlichen, ängstlichen oder egoistischen Menschen begegnest, dann ist oft schon viel gewonnen, wenn du dich davon nicht anstecken lässt. Erst recht gilt das für Gemeinden, und deswegen sollen wir immer wissen, was unsere Grundlage ist: wir sind berufen von dem einen Gott, der seine Welt großzügig mit Leben beschenkt. Das Zeichen, dieser Berufung ist die Taufe. Der eine Gott schenkt uns durch die eine Taufe den einen Heiligen Geist, der uns bewegt, auch wenn wir in unterschiedlichen Ländern, Zeiten und Kulturen leben. Das ist die reale Grundlage, auf der alle Christen stehen. Dass es unterschiedliche Konfessionen, Traditionen und Stile gibt, ist eigentlich kein Problem, so lange daraus keine Feindschaft wird, so lange alle wissen, dass sie zusammengehören und sich schlimmstenfalls eben auch mal in ihrer Unterschiedlichkeit ertragen.

Es würde nicht viel nützen, nur zu appellieren: seid nett zueinander!, wenn man nicht sagen kann, auf welcher realen Basis Menschen denn verbunden sind. Deshalb arbeitet Paulus die gemeinsame Basis heraus: den einen Gott. Je klarer diese Basis ist, um so leichter ist es, in Frieden miteinander zu leben, weil es so eine gemeinsame Hoffnung gibt. Über allen, die zu Christus gehören, steht die Hoffnung, dass die Kraft der Auferstehung Jesu ihr Leben verwandelt und sie zu Menschen der kommenden Welt macht. Das ist der Grund, weshalb wir geduldig und freundlich miteinander umgehen sollen: diese große Hoffnung soll nicht durch Kampf und Verletzungen blockiert werden.

Auch wenn man Menschen mal stoppen muss, dann muss letztlich immer klar sein, dass man immer noch an ihrer Seite steht, dass man für sie ist und keinen Krieg mit ihnen führt. Das wird manchmal nicht ankommen, manche kennen eben nur Freund oder Feind und nichts dazwischen, aber wir sollen uns in diese Haltung des für-andere-Seins einüben.

Alle Menschen sind verbunden durch den einen Vater des Lebens. Nicht alle wissen es, aber uns hat er berufen, damit es durch uns sichtbar wird. Wir teilen die große Hoffnung, die über jedem Menschen steht: dass Gott seinen Geschöpfen treu bleibt und seine Schöpfung zu der Herrlichkeit führt, die er im Sinn hatte, als er sie schuf.

Sep 192013
 

ntwright-psalmesN.T. Wright, der englische Neutestamentler und ehemalige anglikanische Bischof, hat kürzlich ein Buch über die Psalmen veröffentlicht  („The Case for the Psalms. Why they are essential“), in dem er etwas Wesentliches über seinen eigenen Hintergrund verrät: seit langer Zeit liest er täglich fünf Psalmen, also einmal im Monat den ganzen Psalter. Immer mal wieder spürt man in diesem Buch auch den Hintergrund der anglikanischen Tradition des liturgischen Psalmgesangs. Wright hält die Psalmen für unentbehrliche Quellen christlicher Anbetung – sie sind wie ein „tiefer, schnell fließender Fluss, der Tag für Tag und Stunde für Stunde die Stufen der Kirche reinigt“. Gottesdienstmusik und -Texte werden oberflächlich, wenn sie diese Quellen ignorieren oder nur als Steinbruch nutzen.

Warum sie unentbehrlich sind

Wright beschreibt zunächst, dass Israel in der Antike in seiner Weltsicht Psalmen-geprägt war; und das gilt ganz eindeutig auch für Jesus. Wer hinschaut, entdeckt im Neuen Testament jede Menge psalmgeprägter Argumentationen. Solche direkten oder indirekten Zitate sind nicht als legitimierende „Beweisstellen“ zu verstehen, sondern als Ausdruck des Argumentationsrahmens, in dem sich auch das Neue Testament bewegt. Die Psalmen, die Israel durch die Jahrhunderte begleiteten, stellen eine Weltsicht eigener Art zur Verfügung und üben in sie ein: weder ist die Welt in sich göttlich (Pantheismus), noch haben uninteressierte Götter den Kosmos sich selbst überlassen (Epikuräismus/Deismus), sondern der Gott Israels hat die Welt erschaffen und bleibt auch weiter in Beziehung mit ihr, um sie schlussendlich zu der Herrlichkeit zu erneuern, die von Anfang an seine Absicht war.

Diese Weltsicht legen die Psalmen aber nicht als theologischen Traktat dar, sondern üben durch regelmäßigen Gebrauch in sie ein. Indem sie Poesie sind (und im Regelfall gesungene Poesie), haben sie das Potential, Menschen nicht nur zu belehren, sondern zu transformieren.

Zeit, Raum, Materie

Wright beschreibt diese spezielle Weltsicht der Psalmen als ein Dazwischenstehen: als eine Position an der Grenze von Vergangenheit und Zukunft; an dem Ort, wo Himmel und Erde sich übereinander schieben; und wo die neue Schöpfung in die alte einbricht. Die enorme Spannweite der Psalmen (von untröstlicher Klage bis zum felsenfesten Vertrauen) erklärt sich aus ihrem Ort inmitten dieser Widersprüche. So beschreiben sie das Geheimnis der Welt besser als alle Versuche, die Welt auf (hoffnungsvolle oder depressive) Eindeutigkeiten zu reduzieren. Sie helfen, sich in der realen Welt zu orientieren, die hin und her gerissen ist zwischen ihrem göttlichen Ursprung, ihrer (Selbst)Zerstörung und der Verheißung ihres künftigen Erneuerung. Als Leitfaden dienen Wright dabei die Stichworte Zeit, Raum und Materie:

  • Die Psalmen stellen den Beter dahin, wo Damals, Einmal und Jetzt sich überschneiden. Deswegen stehen Siegespsalmen und Klagepsalmen direkt nebeneinander (die Reihenfolge der Psalmen ist lt. Wright keine zufällige – deswegen solte man den Psalter im Zusammenhang lesen). Und so lernt die Beterin, die Schrecken der Gegenwart im Licht der großen Taten Gottes in der Vergangenheit zu sehen und unter der Verheißung der neuen Schöpfung. Dieser Schnittpunkt von unserer Zeit und Gottes Zeit ist ein Ort intensiven Schmerzes und intensiver Freude, und vielleicht können nur Musik und Poesie das angemessen ausdrücken.
  • Die Psalmen wissen, dass Gott sich einen Ort gesucht hat, von dem aus er die Welt regieren will: Zion, Jerusalem, den Tempel. Gott bleibt nicht im Ungefähr, sondern sucht sich einen konkreten Ort. Für neuzeitliches bürgerliches Denken ist das ein Unding. Diese Bindung ist aber ein Zeichen, dass es Gott nicht darum geht, seine Leute aus der Welt herauszuholen. Stattdessen will er die Welt von innen heraus erneuern und dann endgültig dort wohnen. Deshalb ist der Tempel als symbolisches Abbild der Welt gestaltet. So wie Gott in diesem Abbild wohnt, so will er schließlich die ganze Schöpfung mit seiner Herrlichkeit erfüllen.
    Innerhalb der Psalmen ist aber eine Entwicklung erkennbar, in der die Tempeltheologie übertragen wird auf die Gegenwart Gottes unter seinen die Tora studierenden Leuten überall auf der Welt. Damit war eine Basis vorbereitet, von der aus die Christen von Gottes Gegenwart in Jesus und durch den Heiligen Geist in seinem Volk sprechen konnten.
  • Die Psalmen preisen die materielle, physische Welt als gute Schöpfung Gottes und treten so einer platonisierenden Weltverachtung entgegen. Sie sehen, dass die materielle Schöpfung das Lob Gottes singt und verbinden den menschlichen Gottesdienst mit diesem Lobpreis. Sie erwarten, dass auch die Materie transformiert wird, wenn Gott die Welt mit seiner Herrlichkeit flutet. Und das wird dann dazu führen, dass einerseits die Schöpfung zur vollen Lebendigkeit erwacht und andererseits die menschliche Gesellschaft von Gerechtigkeit und Fülle geprägt ist. Die Materie ist nicht ein vorübergehendes Ornament der Schöpfung, sondern dazu bestimmt, von Gottes Herrlichkeit erfüllt zu werden. So stellen uns die Psalmen auch hier wieder in die Hoffnung auf die in Herrlichkeit erneuerte Schöpfung (wie Paulus sie in Römer 8 beschreibt) und leiten uns an, jetzt schon im Licht dieser kommenden Welt zu leben und so (fern jeder Weltflucht) die ganze Schöpfung zum Lobpreis Gottes zu rufen.
    Die Konsequenz dieser Treue Gottes zu seiner Schöpfung ist Auferstehung. Und tatsächlich fassen einige Psalmen die ins Auge.

Wenn Menschen in den Psalmen leben, werden sie transformiert, weil diese Weltsicht allmählich zu ihrer zweiten Natur wird. Und weil Leib und Seele nicht voneinander zu trennen sind, ist das auch eine Transformation unseres materiellen Körpers. Sie zeigt sich in „holiness, wisdom, gentleness and firmness of the heart“ und weist voraus auf die Erneuerung der ganzen Schöpfung, zu der auch die Verwandlung unserer Körper in die Gestalt Jesu gehört. Und die Psalmen weisen auf diese Transformation nicht nur hin, sondern sind auch ein Mittel dazu.

 Konsequenzen für die Kirchen

Wright hat dieses Buch offensichtlich geschrieben, weil er die überall aufbrechenden Erneuerungsbewegungen davor bewahren möchte, sich ohne diesen Rückhalt des Psalters auf den Weg zu machen. Seine Hoffnung ist, dass  die musikalische Kreativität dieser Erneuerungsbewegungen und die Psalmen zusammenfinden. So werden Menschen erleben, dass der Heilige Geist die vertrauten Worte der Psalmen nimmt und sie dadurch je und je zu aktuellen Einsichten finden lässt. In einem persönlichen Schlusskapitel beschreibt Wright deshalb den kontnuierlichen Einfluss der Psalmen auf sein Leben.

Ich selbst, der ich in musikalischer Hinsicht eher abschreckende Beispiele von Psalmgesang in Erinnerung habe, freue mich darauf, in einem Workshop des Emergent Forums 2013 (29.11.-1.12.2013 in Berlin) vielleicht auch mit einigen meiner Leser darüber nachzudenken, wie wir in Deutschland zu einer neuen und hilfreichen, auch musikalischen Begegnung mit den Psalmen kommen können.

Hinweis:
Hier findet sich ein Auszug aus dem Buch, und
hier ein Interview mit N.T. Wright zum Buch (empfehle ich zur ergänzenden Lektüre).

Sep 092013
 

Predigt am 8. September 2013 zu Römer 16,17-23 (Predigtreihe Römerbrief 47)

17 Ich ermahne euch, meine Brüder, auf diejenigen Acht zu geben, die im Widerspruch zu der Lehre, die ihr gelernt habt, Spaltung und Verwirrung verursachen: Haltet euch von ihnen fern! 18 Denn diese Leute dienen nicht Christus, unserem Herrn, sondern ihrem Bauch und sie verführen durch ihre schönen und gewandten Reden das Herz der Arglosen.
19 Doch euer Gehorsam ist allen bekannt; daher freue ich mich über euch und wünsche nur, dass ihr verständig bleibt, offen für das Gute, unzugänglich für das Böse. 20 Der Gott des Friedens wird den Satan bald zertreten und unter eure Füße legen. Die Gnade Jesu, unseres Herrn, sei mit euch!
21 Es grüßen euch Timotheus, mein Mitarbeiter, und Luzius, Jason und Sosipater, die zu meinem Volk gehören. 22 Ich, Tertius, der Schreiber dieses Briefes, grüße euch im Namen des Herrn. 23 Es grüßt euch Gaius, der mich und die ganze Gemeinde gastlich aufgenommen hat. Es grüßt euch der Stadtkämmerer Erastus und der Bruder Quartus.

Wieder können wir für einen Moment das Netzwerk sehen, das Paulus um sich herum aufgebaut hatte und in dem er lebte. Diesmal sind es nicht die vielen Adressaten in Rom, die Paulus grüßt, sondern hier tauchen die Menschen in Korinth auf, mit denen zusammen Paulus lebte, überlegte und arbeitete.

Mit wem Paulus zusammen ist

Da ist einmal Timotheus, ein junger Mann, der so etwas wie ein Assistent von Paulus war, sein Schüler, der schon lange mit ihm zusammen gereist ist, von ihm lernte und gelegentlich auch mit Aufträgen von Paulus Gemeinden besuchte.

Dann sind da Jason, Luzius und Sosipater, möglicherweise Abgesandte von Gemeinden in Griechenland, die Paulus nach Jerusalem begleiten wollen, um dort die Spenden zu übergeben, die Paulus für die Jerusalemer Gemeinde gesammelt hat. Paulus sagt extra, dass sie Juden sind wie er und zeigt auch damit noch einmal, dass die christliche Bewegung eine Gemeinschaft aus Juden und Menschen aus den anderen Völkern ist.

Dann hören wir von Tertius, dem Paulus den Brief diktiert hat. Der hat in vielen Stunden miterlebt, wie Paulus seine Gedanken formulierte und hat sie aufgeschrieben. Vielleicht haben die beiden sogar einiges miteinander überlegt. Auf jeden Fall hat Tertius sich ein kleines Plaätzchen in der Bibel gesichert. Und man merkt daran, dass Briefe damals mündliche Texte waren, die man laut formuliert hat, und ein anderer hat sie niedergeschrieben. Kein Wunder, dass dann die Satzkonstruktionen manchmal etwas unübersichtlich werden. Denn was geschrieben war, stand endgültig auf dem teuren Pergament – man konnte es nicht mal schnell löschen oder korrigieren.
Gaius wiederum hatte ein großes Haus, in dem sich die Gemeinde traf, und auch Paulus durfte bei ihm wohnen. Die Gemeinde lebte davon, dass Einzelne ihr den Lebensbereich öffneten, über den sie verfügen konnten.
Auch Erastus gehörte zur Gemeinde, er war Finanzdezernent der Stadt, und man kann an ihm sehen, dass schon früh auch Träger öffentlicher Ämter zur Gemeinde gehörten.

Eine ganz besondere Gemeinschaft, die die Welt bewegt

So eine bunte Mischung ganz unterschiedlicher Menschen brachte Paulus zusammen, und hinter ihm stand Jesus. So unterschiedliche Menschen hatten damals normalerweise nichts miteinander zu tun, so wie auch heute unsere Gesellschaft in viele Segmente aufgeteilt ist, und man bleibt am liebsten unter sich. Aber es war die Stärke der Jesusbewegung, dass sie Platz für Leute aus allen Segmenten hatte. Die Kultur, aus der einer kam oder sein Platz in der Gesellschaftshierarchie, oder seine geografische und familiäre Heimat, das alles wurde unwichtig, weil sie auf einer viel tieferen Ebene zusammen gehörten. Sie hatten alle die Freiheit entdeckt, zu der Jesus das Tor aufgestoßen hatte. Sie wussten, dass sie das entscheidende Geheimnis der Welt kannten. Sie wussten, dass der wahren Gott, der Schöpfer von Himmel und Erde, mit ihnen war. Und sie waren bereit, miteinander durch Dick und Dünn zu gehen.

Es ist ein beglückendes Gefühl, zu so einer Gemeinschaft zu gehören, die in der menschlichen Tiefe verbunden ist und nicht bloß durch ein paar oberflächliche Gemeinsamkeiten. Und es ist wunderbar, mitzuerleben, wie man als verschwindend kleine Minderheit die Welt bewegt – nicht durch Druck, Gewalt oder Tricks, sondern weil man der Welt das Lied vorsingen kann, das sie bei ihrer Schöpfung gehört hat.

Ein Ort der Freiheit, wo ihn keiner erwartet

Aus der Perspektive der Gesamtgesellschaft waren das dagegen ein paar absonderliche oder nervige Leute am Rande, im gesellschaftlichen Abseits. Sie selbst erlebten dieses Abseits als ein großes Glück, als Ort, wo man das wahre Leben führen konnte, das unser Menschsein voll entfaltet. Ein Ort, wo man die Götzen auslacht, vor denen sonst alle ihre Knie beugen und wo man Gedanken denkt, die sich sonst keiner zu denken traut. Eine Zone ohne die Ängste und Verhaltensmuster, die sonst Menschen einander misstrauen lassen und sie gegeneinander in Stellung bringen. Ein verborgenes Paradies, wo man die neue Menschheit lebt und erlebt, und Gott behütet dieses geheime Paradies auch unter der Nase des Kaisers und all seiner Agenten, weil sie es nicht sehen und verstehen können.

Dafür hat Erastus sein Haus zur Verfügung gestellt und vielleicht seinen gesellschaftlichen Ruf riskiert, dafür hat Tertius in seiner knappen Freizeit die Worte von Paulus aufs Pergament gemalt, dafür haben Jason, Luzius und Sosipater ihre Heimat verlassen und sich auf eine gefährliche Reise ins Ungewisse gemacht, und wenn Jason der Jason aus Thessalonich ist, von dem wir in der Apostelgeschichte (17,5-9) lesen, dann ist er dafür um ein Haar im Gefängnis gelandet und konnte sich nur mit einer hohen Geldsumme frei kaufen. Aber das hat ihn nicht abgeschreckt, sondern er ist dabei geblieben.

Solche Gemeinschaften von Jesusnachfolgern haben sich zu allen Zeiten gebildet, und sie haben dort die Freiheit erlebt, die im scheinbaren gesellschaftlichen Abseits wachsen kann. Das scheinbar schwache Wort Gottes bringt Menschen dazu, gesellschaftliche Zwänge zu überwinden und frei zu werden von ihrer Prägung durch Machtstrukturen. Wir denken immer, Worte könnten nichts bewirken gegen die Macht des Bestehenden, aber diese Worte haben die Kraft, eine Gegenwelt zu schaffen und dafür den Mächten Menschen wegzunehmen.

Es kommt auf die Denkmuster an

Das ist der Grund, weshalb Paulus hier noch einmal intensiv vor Menschen warnt, die die Worte des Evangeliums so verändern, dass sie ihm seine Kraft nehmen. Von außen konnte niemand die christliche Bewegung stoppen, aber sie ist an einer Stelle von innen verwundbar, und das sind die Gedanken, die Worte, von denen sie ihre Kraft bekommt. Wenn die Denkmuster schief werden, dann verliert die Bewegung ihre Dynamik. Schon Pauls hat da immer wieder kämpfen müssen, dass die Gedanken klar bleiben und das Salz der Jesusnachfolger salzig bleibt. Schon Jesus musste seine Jünger vor dem »Sauerteig der Pharisäer und Schriftgelehrten« warnen, wir haben es vorhin in der Lesung gehört (Matthäus 16,5-12).

In diesem Kampf geht es immer wieder darum, dass die christliche Bewegung frei bleibt von der Denke der Gesellschaft, von der verborgenen Ideologie, die die Machtverhältnisse zementiert und die Menschen versklavt. Du kannst nicht gleichzeitig die Denkmuster der Gesellschaft beibehalten und dieses Glück im scheinbaren Abseits haben. Wenn wir von einem »Streit um die rechte Lehre« hören, dann denken wir spontan an dogmatischen Theologen, die sich verbissene Gefechte um irgendwelche Spitzfindigkeiten liefern, die außer ihnen selbst keiner versteht. Aber eigentlich geht es bei dem, was Paulus »Lehre« nennt, um etwas anderes und wirklich wichtiges: um die Gedanken, mit denen Christen beschreiben, was sie tun und warum sie sind, was sie sind. Und da gibt es natürlich immer die Versuchung, den Kontrast zur übrigen Gesellschaft einzuebnen und das Gute des christlichen Glaubens möglichst zu behalten, ohne den Preis des Unterschiedes zahlen zu müssen.

Es ist ja manchmal wirklich schwer, so anders zu sein, im Kontrast zu den anderen zu leben, sich immer zu unterscheiden. Ich entsinne mich an einen Kollegen aus der ehemaligen DDR, der der seine Kinder bewusst in Distanz zum DDR-Staat erzogen hat, und seine eine Tochter wollte sich irgendwann nicht mehr immer gegen den Anpassungsdruck stemmen, sie wollte nicht mehr die Opfer bringen, die die Distanz zur Gesellschaft kostete, und dann ist sie zum Entsetzen ihres Vaters in die FDJ eingetreten, in die Staatsjugend. Da konnte sie endlich dazugehören und hatte ihren akzeptierten Platz in der DDR-Gesellschaft.

Sich mit den Machtverhältnissen anfreunden?

So etwas hat es immer wieder zu allen Zeiten unter Christen gegeben, dass einer sagt: ich will diesen Preis nicht zahlen. Aber schlimmer ist es, wenn jemand daraus eine theologische Theorie macht und mehr oder weniger offen den Unterschied zwischen der Herrschaft Gottes und der Herrschaft der Mächte einebnet, und so auch die ganze Kirche harmlos und desorientiert macht. Gut 250 Jahre nach Paulus wurden die Christen im römischen Reich vom Staat anerkannt, sie bekamen sogar materielle Privilegien, und wen wundert es, dass dann viele Theologen ihre Theologie ein bisschen angepasst haben und sich auch in ihrer Lehre mit den Machtverhältnissen angefreundet haben?

Vergleichbares gab es auch schon in der Zeit von Paulus, und er hat da heftig gegen gekämpft, er hat dazu gesagt: die dienen ihrem Bauch, sie versuchen, sich möglichst mit keinem anzulegen, um nichts zu riskieren.

Paulus hatte es noch vergleichsweise einfach. Er konnte sagen: es gibt einen Grundkonsens der Lehre unter uns Aposteln, verändert den nicht, und meidet Leute, die den verändern. Bleibt einfach beim Wortlaut. Wir heute nach 2000 Jahren können nicht einfach beim Wortlaut bleiben, weil dieselben Worte nach 2000 Jahren und in einer anderen Kultur etwas ganz anderes bedeuten. Wir verstehen das nicht ohne Übersetzung, und jede sprachliche Übersetzung ist schon eine Neuinterpretation, und erst recht jede kulturelle Übersetzung, in unsere Kultur und unsere Gedankenwelt hinein. Da gibt es jede Menge Möglichkeiten, dass Evangelium zu verharmlosen und die Kirche brav und kraftlos zu machen, und offensichtlich ist das mindestens im Westen auch geschehen, sonst wären wir heute in einem besseren Zustand.

Das Salz soll seine Kraft behalten

Paulus gibt uns kein Rezept, wie wir garantiert jeden Irrlehrer enttarnen können. Wie sollte es das auch geben können? Er sagt einfach: rechnet damit, dass Menschen den Glauben von innen heraus so zu verändern versuchen, dass er seine Kraft verliert. Und dass sie es nicht offen tun, sondern hinter einer Tarnung. Wundert euch nicht darüber, sondern rechnet damit. Das ist die Taktik des Feindes. So wie hinter Paulus Jesus steht, so steht der Satan, der Feind, hinter den Verwirrern und Zerstörern. Es gibt hinter den Kulissen einen heftigen Kampf darum, dass das Salz des Christentums auch salzig bleibt und nicht ein harmloses Schlabbersüppchen wird. Man muss jetzt nicht mit einem Dauermisstrauen durch die Welt laufen und überall Ketzer suchen, aber man muss auch nicht entsetzt sein, wenn man merkt, dass da einer eine ziemlich schiefe Version von Jesus und dem Christentum präsentiert.

Der eigene Kopf ist unersetzbar

Es gibt leider keine Prüfmaschine, wo man oben ein Buch reinsteckt und dann leuchtet ein grünes oder ein rotes Lämpchen auf und zeigt uns, ob es ok ist. Die Warnung von Paulus kann nur bedeuten: gebraucht euren Kopf! Seid weise, sagt Paulus. Man muss nachdenken, miteinander reden, beten, studieren, und man kann das nicht an die Zuständigen delegieren. Ja, es kann sein, dass einer sich chronisch als Wächter fühlt und Alarm schlägt, nur weil er etwas Ungewohntes hört (im Internet findet man jede Menge Beispiele), und es kann sein, dass einer in bester Absicht trotzdem schiefe Gedanken in die Welt setzt. Das gibt es alles, und auch Paulus kann uns nicht davor beschützen.

Aber er kann uns sagen, wie wichtig unsere Gedanken sind. Dass wir gut auf sie aufpassen sollen. Sie haben einen großen Einfluss auf die Stärke der Jesusbewegung. Und er macht uns Mut, dass Gott uns die Kraft gibt, über alle bösen Einflüsse zu triumphieren. Deshalb steht hier – beinahe schon am Schluss des Römerbiefes, am Schluss eines der komplexesten Dokumente der Menschheitsgeschichte – diese Aufforderung: gebraucht euren Kopf, seid weise, habt eine gute Nase, achtet auf eure Gedanken, die sind wichtig. Lernt und begreift, und werdet unzugänglich für die Mächte des Bösen in jeder Verkleidung!

Sep 022013
 

buch

Predigt am 1. September 2013
zu 1. Thessalonicher 5, 12-24

12 Wir bitten euch aber, Geschwister, erkennt die an, die an euch arbeiten und euch leiten im Herrn und euch ermahnen; 13 achtet sie hoch und liebt sie wegen ihres Wirkens! Haltet Frieden untereinander!
14 Weiter bitten wir euch, Geschwister: Weist die zurecht, die ein ungeordnetes Leben führen! Tröstet die Kleinmütigen, nehmt euch der Schwachen an, seid geduldig mit allen! 15 Seht zu, dass keiner dem anderen Böses mit Bösem vergilt! Bemüht euch vielmehr mit allen Kräften und bei jeder Gelegenheit um das Gute, im Umgang miteinander und mit allen.
16 Freut euch zu jeder Zeit!
17 Betet ohne Unterlass!
18 Dankt für alles; denn das ist der Wille Gottes in Christus Jesus für euch.
19 Löscht den Geist nicht aus! 20 Verachtet prophetisches Reden nicht! 21 Prüft alles und behaltet das Gute!
22 Meidet das Böse in jeder Gestalt!
23 Der Gott des Friedens heilige euch ganz und gar und bewahre euren Geist, eure Seele und euren Leib unversehrt, damit ihr ohne Tadel seid, wenn Jesus Christus, unser Herr, kommt. 24 Gott, der euch beruft, ist treu; er wird es tun.

Paulus konnte nur ein paar Wochen in Thessalonich bleiben, dann gab es einen großen Konflikt, und er musste wieder einmal fliehen (Apostelgeschichte 17,1-10). Erst in Athen hat er wieder Ruhe, und von dort schreibt er der Gemeinde all die Dinge, die er ihnen nicht mehr sagen konnte. Er will, dass die Gemeinde sich weiterentwickelt und nicht einfach auf dem Niveau bleibt, auf dem er sie verlassen hat. Glaube fängt an einer Ecke unserer Person an, und wenn es gut geht, dann arbeitet er sich Stück für Stück weiter vor durch unsere Person und durch all unsere Lebensbereiche.

Aber das geht nicht automatisch, auch der Heilige Geist macht das in der Regel nicht im Schlaf, sondern er arbeitet mit uns zusammen, er arbeitet mit äußeren Mitteln, und es gibt Konstellationen, in denen das leichter geht.

Die Muttersprache und die Fremdsprache

Ein englischer Theologe (Dank an N.T. Wright, Paul for everyone: Galatians and Thessalonians, 130ff) hat das mal verglichen mit der Art, wie man eine Sprache lernt. Wir alle lernen unsere Muttersprache spontan, wir müssen keine Vokabeln lernen, wir müssen keine Grammatikregeln pauken, wir übernehmen das mühelos von den anderen. Wenn wir aber eine zweite Sprache lernen wollen, dann funktioniert das nicht mehr so automatisch, sondern dann müssen wir Regeln lernen, Vokabeln wiederholen, grammatische Systeme verstehen und so weiter. Es ist sehr nützlich, wenn wir dabei unter Menschen leben, die diese Sprache sprechen, aber wir brauchen trotzdem Unterricht, sonst sprechen wir die Sprache ein Leben lang nur gebrochen und werden nicht richtig heimisch darin.

Ganz ähnlich ist es, wenn man lernt, wie das Leben funktioniert und wie man sich in Beziehungen verhält. Das erste Mal lernen wir das spontan und automatisch von unserer Familie. Peter wurde in eine Familie hineingeboren, wo sich alle immer anschreien, und deshalb denkt er, dass das die normale Art ist, wie Menschen miteinander umgehen. Paula wächst in einer Familie auf, wo man äußerst höflich miteinander ist, und wenn man mal so richtig wütend aufeinander ist und den anderen in der Luft zerreißen möchte, sagt man: »Liebling, das war heute vielleicht ein bisschen unpassend von dir.« Und jetzt stellen Sie sich vor, Peter und Paula verlieben sich und heiraten – da wird es viel Diskussionsbedarf geben.

Oder jemand lernt von klein auf, dass die normale Lösung für ein Problem darin besteht, dass man einen Schuldigen sucht und böse auf ihn ist. Oder man hat gelernt, dass man verstummt, wenn man sauer ist und alle müssen raten, warum man nun wieder beleidigt ist. Oder jemand lernt, dass das Wichtigste im Leben ist, dass niemand etwas Schlechtes über meine Familie sagen kann, und dass man der deshalb keine Schande machen darf. Oder, oder, oder.

Christliche Beziehungssprache als Fremdsprache

Und wenn dann Peter oder Paula oder jemand von den anderen oder einer von uns in eine gute christliche Gemeinde kommt, dann sieht er da auf einmal, dass man auch ganz anders miteinander leben kann. Und das ist für viele eine ganz tolle Erfahrung, wie freundlich die da sind. Er merkt: hier sprechen sie sozusagen eine ganz andere Sprache miteinander, eine andere Beziehungssprache, dies ist ein sicherer Ort, wo man nicht dauernd auf der Hut sein muss. Aber irgendwann stellt sich heraus, dass er selbst deswegen noch längst nicht spontan auch in dieser neuen Beziehungssprache spricht, sondern er schreit oder beschuldigt oder mauert – so wie er es als Kind gelernt hat.

Und es stellt sich heraus, dass es für die meisten Menschen zu allen Zeiten wie das Lernen einer Fremdsprache ist, wenn sie sich mit christlichem Verhalten vertraut machen. Und das ist Arbeit. Das funktioniert nicht nur mit Abgucken und Nachmachen, das geht nicht von allein, so als ob der Heilige Geist uns im Schlaf umprogrammiert, sondern das müssen wir lernen, so wie man Grammatik und Vokabeln paukt, wenn man Französich lernt. Und deshalb schreibt Paulus seinen Brief, und er wird deswegen auch noch viele andere schreiben müssen.

Wir wissen natürlich, dass es eigentlich so gemeint ist, dass wir durch den Heiligen Geist Gottes Gesetz ins Herz geschrieben bekommen und es von uns aus erfüllen. Und manchmal passiert das auch in einem gewissem Maß. An diesem Brief von Paulus sieht man aber, dass das mindestens am Anfang nicht ohne äußere Hilfsmittel funktioniert. Auch in einer Gemeinde, die mit so deutlichem Beistand des Heiligen Geistes gegründet worden ist wie in Thessalonich geht das nicht automatisch.

Hilfsmittel zum Lernen

Und der Brief von Paulus ist so ein Hilfsmittel zum Lernen des neuen Lebens, und unsere Passage ist eine Kurzzusammenfassung der wichtigsten Hilfsmittel, mit denen wir die Fremdsprache des christlichen Verhaltens lernen. Nämlich erstens Leitung, dann die gegenseitige Beeinflussung in der Gemeinde, und drittens so ein paar Faustregeln, wie es sie ja auch beim Sprachenlernen gibt.

Und so wie beim Lernen einer Fremdsprache ist natürlich das Ziel, dass man diese Hilfsmittel irgendwann nicht mehr braucht, sondern in der Sprache zu Hause ist und sie so flüssig spricht wie die erste Sprache, die man als Kind spontan gelernt hat. So wie man eines Tages flüssig und gut Klavier spielen kann, sich auch spontan auf dem Instrument ausdrücken kann, weil man vorher unzählige Fingerübungen absolviert hat, an denen gar nichts spontan war.

Erstes Hilfsmittel: Leitung

Zu diesen Hilfsmitteln zum Lernen der christlichen Verhaltenssprache gehört also erstens Leitung. Einer oder mehrere bekommen die Aufgabe zugewiesen, auf die anderen zu achten und an ihnen zu arbeiten. Paulus nennt das Arbeit, und das ist es auch. Zumal in Thessalonich diese Leiter ja selbst noch nicht lange Christen waren. Die hatten den anderen gar nicht viel voraus. Aber das ist auch nicht entscheidend. Das Wichtigste ist, dass überhaupt jemand beauftragt ist, diese Aufgabe anzupacken. Alle anderen denken »man müsste eigentlich mal was sagen«, aber wer die Leitungsaufgabe hat, der oder die weiß: das ist jetzt mein Job! Und dann lernt man das nach und nach und wird besser, einfach weil man es immer wieder tut und langsam Erfahrung bekommt damit.

Paulus musste das in Thessalonich noch einmal unterstreichen, weil das ja nicht selbstverständlich ist, dass jemand den anderen sagt, wie man sich als Christ verhält. Und heute ist das erst recht überhaupt nicht plausibel. Sind wir nicht alle gleich, sind wir nicht alle mündige Christen? Was maßt sich da einer an, zu kommen und mir Vorschriften machen zu wollen? Aber Paulus stärkt den Leitern und Leiterinnen den Rücken und sagt der Gemeinde: unterstützt die, stärkt sie, die braucht ihr, die haben eine ganz wichtige Aufgabe, und das ist kein Spaß, kein toller Chefposten, der das Ego streichelt, sondern das ist Arbeit.

Zweites Hilfsmittel: Aufeinander achten

Aber natürlich sind das nicht die Einzigen, sondern es ist auch die Aufgabe der ganzen Gemeinde, sich gegenseitig zu helfen beim Lernen der Fremdsprache des christlichen Verhaltens, des christlichen Lebensstils. Dieses gegenseitige Aufeinander-Achten ist das zweite Hilfsmittel. Je besser eine Gemeinde darin ist, um so leichter haben es die Leiter, um so schneller bekommen auch neue Christen ein Gefühl dafür, wie man sich verhält.

Paulus nennt speziell drei Arten von Menschen, um die man sich besonders kümmern soll: einmal die Unordentlichen. Wörtlich könnte man es beinahe übersetzen: die ihr Leben nicht auf die Reihe kriegen. Vielleicht bist du schon mal in einer Wohnung gewesen, wo überall was rumsteht und rumliegt, die alten Zeitungen von vor drei Monaten und halbvolle Kaffeetassen und eine alte Barbie und angebrochene Schokoladenpackungen und ungeöffnete Briefe und was weiß ich noch alles. Und manchmal sieht es im Leben von Menschen überhaupt so aus: alles mal angefangen und nicht zu Ende gebracht, nichts an seinem Platz und lauter Müll dazwischen. Und denen muss man dann auch mal auf die Füße treten und sagen: räum dein Leben auf. Bring Ordnung rein. Mach dich nützlich. Verplemper deine Zeit nicht. Dass wir hier freundlich miteinander sind, heißt nicht, dass wir dir erlauben, dein Leben zu vergeuden. Hier, an dieser Stelle fang mit dem Aufräumen an, und dann geht es weiter.

Dann gibt es die Kleinmütigen, deren Mut eben nicht groß ist und die weder sich selbst noch Gott viel zutrauen. Für die schon kleine Schwierigkeiten unüberwindlich erscheinen. Die das Gefühl haben, das Leben ist hochgefährlich und eine Katastrophe jagt die nächste. Und man muss ihnen Mut machen und sie daran erinnern, dass Gott uns doch dazu berufen hat, erhobenen Hauptes durch alle Situationen zu gehen, dass Gott will, dass wir auf neue Weise die Welt regieren, dass er uns die Wahrheit anvertraut hat, damit wir zum Segen für die ganze Erde werden. Dieses Potential soll auch in den Zaghaften geweckt werden.

Und dann sind da die Schwachen – das sind diejenigen, die nicht den Überblick haben, die sich an Einzelfragen festhalten und unsicher sind, wenn es keine klaren Regeln gibt. Diejenigen, die unruhig werden, wenn sich etwas ändert, oder wenn Gott uns in Situationen stellt, für die es noch kein bewährtes Verhaltensmuster gibt. Und Paulus sagt: nehmt euch ihrer an, gebt ihnen Sicherheit, helft ihnen, sich in ungewohnten Situationen zurechtzufinden, erklärt ihnen das Fremde und Neue, damit sie mitkommen können.

Und über sie alle sagt Paulus: habt Geduld mit ihnen. Bis wir uns ganz natürlich im neuen Leben zurechtfinden, das braucht seine Zeit. Seid eine fehlerfreundliche Gemeinde, wo man weiß, dass jeder immer noch einen zweiten Versuch hat. Aber seid engagiert darin, miteinander zu wachsen in Liebe und Durchblick. Geduld heißt nicht, dass man tatenlos abwartet, sondern Geduld heißt viel Energie einsetzen über einen langen Zeitraum und sich nicht entmutigen lassen.

Drittes Hilfsmittel: Einfache Regeln

Das dritte Hilfsmittel dafür sind die einfachen Regeln des christlichen Lebens, von denen Paulus hier einige nennt. Auch wer eine Sprache lernt, der macht das oft mit solchen Merksätzen: »trenne nie s-t, denn es tut ihm weh« habe ich früher in der Schule gelernt (ich weiß gar nicht, ob das heute noch gilt). Und so gibt es ein paar christliche Regeln, die 80% aller Fälle abdecken.

Solch eine Regel ist z.B.: nicht Böses mit Bösem vergelten. Das ist schon fast die Hauptregel. Das Böse pflanzt sich fort, wenn man versucht, es mit seinen eigenen Waffen zu schlagen. Wenn der andere dich anlügt und du dich für berechtigt hältst, es dann selbst mit der Wahrheit nicht mehr genau zu nehmen, dann ergibt das nicht nur einen Lügner, sondern zwei. Wenn Terroristen den Staat dazu bringen, es mit der Rechtsstaatlichkeit nicht mehr so genau zu nehmen, dann freuen sich die Terroristen, und der Böse auch. Wenn du das Böse bekämpfen willst, anstatt das Gute zu tun,  hast du schon fast verloren. Denn in vielen unterschiedlichen Situationen geht es immer wieder darum, sich nicht auf das Böse zu fixieren – nicht etwa, weil es das Böse nicht geben würde (natürlich gibt es das, und es ist auf dem besten Weg, die Welt zugrunde zu richten), sondern weil wir uns nicht vom Bösen den Horizont vorgeben lassen wollen und es nicht zum Ausgangspunkt unserer Motive machen dürfen.

Manchmal muss man dem Bösen auch direkt entgegentreten, aber am besten bekämpft man es, indem man sich auf das Gute konzentriert, auf das Positive, das, worauf der Segen Gottes ruht. Deshalb gibt es dann Regeln wie: »Haltet Frieden untereinander! Freut euch zu jeder Zeit! Betet ohne Unterlass! Dankt für alles! Erstrebt das Gute!« Das kann man ruhig auswendig lernen oder sich an die Pinwand heften. Das hilft uns, im Positiven zu bleiben. Wer etwas Aufbauendes zu sehen und zu tun hat, wer ein fröhliches Herz hat, der ist ziemlich immun gegen das Böse.

Und so lernt man, sich immer besser in der Fremdsprache des christlichen Lebensstils zurecht zu finden. Am Ende wird einer wirklich immer weniger Regeln brauchen, weil ihm dieser Verhaltensstil natürlich geworden ist. Durch all unsere unbeholfenen ersten Versuche hindurch wird Gott uns dahin bringen. Der Treue und Beständigkeit Gottes entspricht unsere Treue und Ausdauer beim Lernen der Grammatik christlichen Verhaltens. Und durch unsere Treue hindurch wird Gott uns mit seiner Treue ans Ziel bringen.