Aug 302013
 

Predigt am 4. August 2013 zu Römer 16,1-16 (Predigtreihe Römerbrief 46)

1 Ich empfehle euch unsere Schwester Phöbe, die im Dienst der Gemeinde von Kenchreä ist: 2 Nehmt sie im Namen des Herrn auf, wie es Heilige tun sollen, und steht ihr in jeder Sache bei, in der sie euch braucht; sie selbst hat vielen, darunter auch mir, geholfen.
3 Grüßt Priska und Aquila, meine Mitarbeiter in Christus Jesus, 4 die für mich ihr eigenes Leben aufs Spiel gesetzt haben; nicht allein ich, sondern alle Gemeinden der Heiden sind ihnen dankbar. 5 Grüßt auch die Gemeinde, die sich in ihrem Haus versammelt. Grüßt meinen lieben Epänetus, der der Erstling der Provinz Asien für Christus ist. 6 Grüßt Maria, die für euch viel Mühe auf sich genommen hat.
7 Grüßt Andronikus und Junia, die zu meinem Volk gehören und mit mir zusammen im Gefängnis waren; sie sind angesehene Apostel und haben sich schon vor mir zu Christus bekannt.
8 Grüßt Ampliatus, mit dem ich im Herrn verbunden bin. 9 Grüßt Urbanus, unseren Mitarbeiter in Christus, und meinen lieben Stachys. 10 Grüßt Apelles, der sich in Christus bewährt hat. Grüßt das ganze Haus des Aristobul. 11 Grüßt Herodion, der zu meinem Volk gehört. Grüßt alle aus dem Haus des Narzissus, die sich zum Herrn bekennen.
12 Grüßt Tryphäna und Tryphosa, die für den Herrn viel Mühe auf sich nehmen. Grüßt die liebe Persis; sie hat für den Herrn große Mühe auf sich genommen. 13 Grüßt Rufus, der vom Herrn auserwählt ist; grüßt seine Mutter, die auch mir zur Mutter geworden ist. 14 Grüßt Asynkritus, Phlegon, Hermes, Patrobas, Hermas und die Brüder, die bei ihnen sind. 15 Grüßt Philologus und Julia, Nereus und seine Schwester, Olympas und alle Heiligen, die bei ihnen sind.
16 Grüßt einander mit dem heiligen Kuss. Es grüßen euch alle Gemeinden Christi.

Hier am Ende des Briefes wird ein Teil des persönlichen Netzwerkes sichtbar, auf das sich Paulus in seiner Arbeit gestützt hat. Paulus war nicht in erster Linie ein Denker, der grandiose Gedankengebäude konstruiert, sondern er war ein wichtiger Knoten im Netzwerk der frühen Christenheit. Und wenn er den Dingen theologisch auf den Grund gegangen ist, dann ging es immer darum, dieses Netzwerk zu pflegen. Denn ein Netzwerk von Menschen funktioniert nur, wenn die Gedanken klar bleiben, von denen es bewegt wird.

Eine Bewegung

Die frühe Christenheit ist keine Kirchenorganisation gewesen, wie sie den meisten Menschen heute vor Augen steht, wenn sie das Wort »Kirche« hören. Sie war auch kein Zirkel von Philosophen, die ihre Weltanschauung lehrten. So etwas gab es damals auch, und einige verdienten auf diese Weise sogar ihren Lebensunterhalt.

Die junge Christenheit war eine Bewegung: eine Bewegung von Menschen, die sich untereinander oft persönlich sehr nahe standen und quer durchs ganze Imperium eine Mission voranbrachten, die sie alle miteinander verband. Gerade weil sie nicht durch natürliche Sympathie oder gemeinsame Herkunft verbunden waren, sondern durch einen Auftrag, eine Mission, eine gemeinsame Geschichte, durch einen ganz besonderen Blick auf die Welt und die Gesellschaft, deshalb gehörten sie so fest zusammen, wie man das sonst nicht kennt.

Und überall, wo diese Bewegung weiter geht, dort machen Menschen bis heute genau diese Erfahrung miteinander, dass man auf einer ganz tiefen Basis mit einander verbunden ist, dass man sich aufeinander verlassen kann, und dass sich das sogar in richtig gefährlichen Situationen bewährt.

Das alles bekommt Farbe, wenn man die Liste mit den Grüßen durchgeht. Manches liegt im Dunkeln oder man kann nur ahnen worum es geht, aber der Gesamteindruck ist ziemlich deutlich.

Kompetente Leute

Fangen wir an mit Phoebe! Sie ist die Überbringerin des Briefes. Sie ist eine Verantwortliche aus der Gemeinde in Kenchreä, das ist der östliche Hafen von Korinth. Sie reist nach Rom, anscheinend allein. Entweder ist sie Unternehmerin gewesen, die in Rom geschäftlich zu tun hatte. Oder sie reist nach Rom, um dort jemandem zu helfen, der als Gefangener vor das kaiserliche Gericht gestellt werden sollte, so wie es Paulus drei Jahre später erging. Vielleicht drückt sich Paulus nur so andeutungsweise aus, weil das eine heikle Sache war, die er lieber nicht schriftlich festhalten wollte. Auch damals gab es schon Geheimdienstorganisationen, die solche Informationen auswerteten, und Paulus wollte nicht, dass es Material gab, um die Christen auf die Liste der verdächtigen Organisationen zu setzen. Auf jeden Fall muss Phoebe eine ziemlich kompetente Frau gewesen sein, für die es nicht ungewöhnlich war, in die Hauptstadt zu reisen und dort eine heikle Mission zu erledigen.

Wir können schon an ihr sehen, wie selbstverständlich in diesem Netzwerk des Paulus Männer und Frauen auf Augenhöhe zusammenarbeiteten. In einer Umwelt, in der Frauen normalerweise als wenig kompetent und minderwertig galten, hat es hier so etwas wie ein kameradschaftliches Verhältnis gegeben, in dem jeder sich mit seinen Fähigkeiten und Stärken eingebracht hat, und die Frage, ob Mann oder Frau, wurde uninteressant.

Das gilt genauso für Priscilla und Aquila, die als nächstes gegrüßt werden. Das ist ein jüdisches Ehepaar, das ursprünglich aus Rom kam, dort zum Glauben gefunden hat, dann wegen Kaiser Claudius, der alle Juden aus Rom vertrieb, die Stadt verlassen musste, und in Korinth auf Paulus gestoßen ist. Sie haben gemeinsam eine Firma aufgemacht, wo sie Zelte herstellten, und haben so das Geld verdient, um in Korinth das Evangelium zu verbreiten. Später zogen sie mit Paulus weiter nach Ephesus und brachten gemeinsam mit ihm die Jesusbewegung dorthin. D.h., sie dachten von der Ausbreitung des Evangeliums her, das war die Konstante in ihrem Leben, das war das Zentrum, und die Frage, wo man wohnte und wie man arbeitete, ergab sich dann daraus. Der Glaube war nicht die Zierleiste am Auto, auf die man zur Not auch verzichten kann, sondern er war der Motor, der alles andere bewegte. Als der Kaiser Claudius tot war, gingen sie nach Rom zurück, und Paulus grüßt sie hier als erste. Die haben schon mal für ihn ihr Leben riskiert, wahrscheinlich in Ephesus, wo Paulus in großer Gefahr gewesen sein muss.

Freunde, auf die man sich verlassen kann

Überall, wo das Christentum aus einer Institution wieder zu einer Bewegung wird, da kann man das auch heute so erleben, dass man sich ganz selbstverständlich aufeinander verlassen kann, auch in solchen schwierigen und gefährlichen Situationen. Wer das nicht irgendwann mal erlebt hat, dem kann man das nur ganz schwer beschreiben. Viele verstehen das dann so, dass sie sagen: ja, wir brauchen wieder mehr Gemeinschaft, so wie früher vielleicht in einem Dorf oder in einer Großfamilie. Aber die Jesusbewegung hatte von Anfang an eine ganz andere Grundlage.

Vielleicht erinnern Sie sich noch an die Evangelienlesung vorhin, wo die Familie von Jesus kommt und ihren Anspruch auf ihn geltend macht (Markus 3,31-35). Und er sagt: meine Familie sind alle, die den Willen Gottes tun. Ich gründe eine Gemeinschaft, die auf einer anderen Basis beruht als normale Familien oder Nachbarschaften oder Vereine. Die Nachfolger Jesu sind immer dadurch verbunden gewesen, dass sie gemeinsam aus dem Willen Gottes lebten, und da ging es nicht um Moral oder das Halten von Geboten, auch nicht um Hobbies und Freizeitbeschäftigungen, sondern die haben um sich herum die neue Welt verbreitet, die neue Art zu leben, die Jesus gebracht hat, und das verbindet auf eine so tiefe Weise, dass die Unterschiede von Geschlecht und Volk, Lebensstil oder Tradition einfach uninteressant werden.

Wenn du mit anderen gemeinsam Gott ganz anders gesehen und diese unglaublich gute Erfahrung festgehalten hast, von der die allermeisten Menschen gar nichts wissen, und wenn du dann mit den anderen in das Abenteuer ziehst, diese Wahrheit umzusetzen und auszubreiten, gemeinsam Gefahren und Wagnisse bestehst, das gibt eine Gemeinschaft, wo man sich ohne Zögern ganz auf den anderen verlassen kann, wo man miteinander offen und ungeschützt Klartext redet, wie andere sich das gar nicht vorstellen können. Da gibt es keine Tabus nach dem Motto: o nein, so etwas sagt man doch nicht! Von Andronikus und Junia sagt Paulus, dass sie mit ihm zusammen im Gefängnis waren – vielleicht auch in Ephesus. Sie hatten etwas so Großes und Gutes gemeinsam, dass man damit auch einen Gefängnisaufenthalt bestehen kann. Weil Jesus nicht zurückgeschreckt ist vor den dunklen und gefährlichen Zonen der Gesellschaft, deswegen tun es seine Jüngerinnen und Jünger auch nicht.

Auf dieser Grundlage gehörten auch Prisca und Aquila mit Paulus zusammen, und man hat immer wieder den Eindruck, dass Prisca der eigentliche Kopf der beiden war – sie wird fast immer vor ihrem Ehemann Aquila genannt, so auch hier.

Als sie wieder in Rom waren, da haben die die beiden auch gleich wieder in ihrem Haus eine Gemeinde gegründet. Die junge Christenheit organisierte sich so, dass man sich in Privathäusern traf und dort miteinander redete. betete, sang, studierte und feierte. Kirchengebäude und Gottesdienste, wie wir sie kennen, kamen erst sehr viel später auf.

Gemeinden unterwandern das Zentrum der Macht

Grüße von Paulus gehen an insgesamt fünf solcher Hausgemeinden in Rom. Eine davon bestand anscheinend im Haus des Narzissus – das war ein einflussreicher Mann am Hof des Kaisers Claudius, der die kaiserliche Kanzlei geleitet hat. Darüber hinaus war er verantwortlich für die Hinrichtung vieler politischer Gegner; auch die Frau des Kaisers, Messalina, gehörte dazu. Der nächste Kaiser, Nero, sorgte sofort für den Tod des Narzissus, aber sein Haus gab es wohl weiterhin. Und anscheinend gab es in diesem Haus einige Christen, die sich dort als Gemeinde treffen konnten. Vielleicht waren das nur ein paar Diener oder Sklaven, aber mitten im Zentrum des Imperiums gab es damals schon, zwanzig Jahre nach der Auferstehung, Menschen, die den König Jesus für den wahren Herrn der Welt hielten.

Wenn diese fünf Gemeinden jeweils 20 Mitglieder hatten, dann sind das also 100 Christen. Vielleicht kannte Paulus ja auch nicht alle, und es waren tatsächlich 200 oder 300 – aber das ist immer noch nicht viel unter einer Bevölkerung von etwa einer Million Menschen, die in Rom lebten. Aber sie waren eine Alternative zu der Kultur der Gewalt, die die Menschen dort gefangen hielt. Die Gründungslegende von Rom war ja, dass der Gründer Romulus seinen Bruder Remus erschlug und dann der erste Herrscher wurde. Und das römische Imperium hat ganz entsprechend nach innen und außen mit Gewalt und Krieg geherrscht.

Die Gründungsgeschichte der Christenheit war dagegen, dass Jesus von römischer Gewalt grausam getötet wurde, dann auferstanden ist und auf verborgene Weise jetzt schon die Welt regiert – oft durch das Leben seiner Leute hindurch.

Die Alternative zu den Gewaltreichen

Diese beiden Geschichten stehen sich fundamental gegenüber. Das Reich des Königs Jesus ist die Alternative zu den Imperien und Mächten, und es war die Kraft dieser Alternative, die den kleinen Haufen der Christen mit Zuversicht erfüllte. Ihre Solidarität wuchs aus diesem Bewusstsein, dass sie die fundamentale Alternative waren, die der brutalen Ordnung der Imperien eine neue, versöhnte Menschheit gegenüberstellten, und dass das die wahre Art zu leben war. Gott hat diese neue Menschheit gegründet, und mit seinem Rückenwind fürchteten sie sich nicht.

Für diese Gemeinschaft von Menschen entwickelte Paulus seine Theologie, schrieb er den Römerbrief. Er wusste, dass die Gesundheit dieses Netzwerkes das Wichtigste war. Es war eine Bewegung, die Jesus gegründet hatte, und so lange sie in den Spuren Jesu lief, so lange war sie unüberwindlich. Paulus konnte niemandem etwas befehlen oder vorschreiben, aber er vertraute der Kraft der Wahrheit, die Menschen ergreift und zu Dingen befähigt, die niemand ihnen befehlen könnte.

Arbeiten für ein Netzwerk der Hoffnung

Andere haben Gedankengebäude hinterlassen – Jesus hat eine Bewegung gegründet, die nicht mehr auszurotten war. Jede Wahrheit braucht Menschen, die sich dafür einsetzen, Menschen, deren Hauptsorge es nicht ist, wie sie über die Runden zu kommen und noch ein bisschen Spaß dabei haben, sondern die gemeinsam von diesem Zentrum aus denken und leben. Die Christenheit ist keine Organisation zur Befriedigung religiöser Bedürfnisse, sondern sie ist die neue Menschheit, an der jetzt schon sichtbar wird wie Menschen miteinander leben sollen – und sie können es auch jetzt schon, mitten unter den wechselnden Gewaltreichen dieser Welt.

Die Solidarität, die dabei entsteht, strahlt weit in die Gesellschaft hinaus, sie ist ansteckend, deswegen ist sie heute den meisten wenigstens ein klein wenig vertraut. Aber wer sie wirklich erleben will, wer sie verstehen und kennen will, der muss mitmachen. Nicht umsonst lesen wir in diesen Grüßen immer wieder von Menschen, die viel gearbeitet haben für die Jesusbewegung. Das kostet Kraft, da muss man die persönliche Komfortzone verlassen, aber man wird reich belohnt, weil man dabei sein kann bei einem Leben, das jedem Menschen zutiefst entspricht und uns davor bewahrt, am Ende unseres Lebens enttäuscht und verwirrt zurückzuschauen. Wo Menschen aber die Bewegung Jesu zum Zentrum ihres Lebens machen, da ereignet sich die neue Menschheit, die Alternative zu den Gewaltreichen, und sie ist die Hoffnung für die ganze Welt und alle Geschöpfe.

Aug 282013
 

Predigt am 28. Juli 2013 zu Römer 15,25-33 (Predigtreihe Römerbrief 45)

25 Doch zunächst reise ich nach Jerusalem, um den Gläubigen dort einen Dienst zu erweisen. 26 ´Die Gemeinden in den Provinzen` Mazedonien und Achaia haben nämlich beschlossen, für die Armen der Gemeinde in Jerusalem eine Geldsammlung durchzuführen. 27 Sie haben das beschlossen, weil sie ihre Schuldner sind. Denn wenn die Gläubigen aus Jerusalem ihre geistlichen Güter mit denen geteilt haben, die keine Juden sind, sind diese nun ihrerseits verpflichtet, denen in Jerusalem mit materiellen Gütern zu dienen.
28 Aber wenn ich diese Sache zum Abschluss gebracht und die Sammlung ordnungsgemäß übergeben habe, will ich auf dem Weg nach Spanien bei euch vorbeikommen. 29 Und ich weiß, dass ich mit der ganzen Fülle des Segens Christi zu euch kommen werde.
30 Geschwister, wir sind durch die Liebe, die der Heilige Geist wirkt, miteinander verbunden. Deshalb bitte ich euch im Namen Jesu Christi, unseres Herrn, dringend darum, mir kämpfen zu helfen, indem ihr in euren Gebeten vor Gott für mich einsteht. 31 ´Betet darum,` dass ich vor den Gefahren gerettet werde, die mir in Judäa vonseiten derer drohen, die das Evangelium nicht annehmen wollen, und dass mein Dienst für Jerusalem von den Gläubigen dort gut aufgenommen wird. 32 Dann kann ich, wenn es Gottes Wille ist, in ungetrübter Freude zu euch kommen und in eurer Mitte eine Zeit der Ruhe und Stärkung verbringen.
33 Der Gott des Friedens sei mit euch allen! Amen.

In diesem Abschnitt des Briefes geht es um Geld. Geld ist immer eine heikle Sache, weil es nichts Neutrales ist, sondern eine Botschaft trägt, und die ist oft sogar brutal eindeutig. Solange zwei Kollegen nicht wissen, was der andere jeweils verdient, kann man viele schöne Worte darüber machen, wie wichtig alle Mitarbeiter für die Firma sind, und wie sehr man sie schätzt. Aber sobald ihre Gehälter bekannt sind, ist sofort klar, dass der eine eben doch noch etwas wichtiger und geschätzter ist als der andere. Und wohin im persönlichen Bereich mein Geld fließt, das redet viel deutlicher über mich als vieles andere, was Menschen sonst noch über mich sagen.

Geld transportiert eine Botschaft

Deswegen möchten wir nicht, dass andere genau wissen, wieviel Geld wir haben und wofür wir es ausgeben. Andersherum sind alle Geheimdienste an Bank- und Kreditkartendaten äußerst interessiert, weil man an diesen Geldflüssen so gut ablesen kann, was jemanden antreibt. Man sieht es einem Geldschein oder einer Münze nicht an, aber Geld stellt immer eine Verbindung zwischen mindestens zwei Menschen her, es transferiert Lebensenergie, auch wenn es völlig unpersönlich aussieht.

Auch bei Paulus trägt Geld eine Bedeutung. Es geht bei ihm sogar um eine ziemlich hohe Summe. Die Spuren dieses Geldes findet man in mehreren seiner Briefe und – etwas versteckter – auch in der Apostelgeschichte. Paulus hat nämlich in allen seinen Gemeinden eine Sammlung für die Gemeinde in Jerusalem veranstaltet. Dabei ist ordentlich was zusammen gekommen, nicht nur so ein paar Euro fünfzig.

Concord stagecoach 1869Und das war damals eine viel abenteuerlichere Sache als heute, wo man ganz bequem per Homebanking einen Dauerauftrag einrichtet oder so ziemlich an jedem Ort der Welt per Kreditkarte bezahlen kann. Damals gab es noch nicht einmal Papiergeld, und so musste man größere Summen umständlich in Form von Edelmetall transportieren: in schweren Schatztruhen, die Räubern und Zöllnern gleicherweise ins Auge fielen. Man musste diese Truhen auf unsicheren Schiffen übers Meer transportieren oder auf Lasttieren über unbefestigte Straßen und steile Pässe. Solchem Geld sah man noch viel mehr die konkrete menschliche Lebensenergie an als einem Kontoauszug heute.

Die Botschaft der Geldsammlung

Paulus nahm diese mühsame und gefährliche Reise auf sich, weil er mit dem Geld eine Botschaft verbinden wollte: die Solidarität im neuen Gottesvolk aus Juden und Menschen aus den anderen Völkern. Mit dem Römerbrief wollte er den Graben zwischen diesen beiden Gruppen in Rom überwinden, mit der Geldsammlung den Graben in der weltweiten Christenheit. Er wollte, dass die unterschiedlichen Gruppen sich auch mit dem schnöden Geld gegenseitig ihre Solidarität aussprachen.

Der Hintergrund dabei war, dass Israel in jenen Jahren zunehmend in schwierige Verhältnisse steuerte. Die römischen Statthalter nahmen immer weniger Rücksicht auf das Volk und seine besondere Geschichte. Das Land war ausgeplündert und die Menschen arm. Die Christen waren zusätzlich eine angefeindete Gruppe – je heftiger sich die Konflikte mit den ausländischen Besatzern zuspitzten, um so größer war der Anpassungsdruck auf alle Sondergruppen im Land. In dieser Situation sammelt Paulus Geld für die Unterstützung der Jerusalemer Christen.

Das Pikante daran ist, dass Paulus ein eher gespanntes Verhältnis zu dieser Gemeinde hatte: Leute aus Jerusalem hefteten sich an seine Fersen und brachten ihn immer wieder in Verruf, weil sie er von den neugewonnenen Christen nicht die Einhaltung des jüdischen Gesetzes verlangte. Das war vielleicht nicht die offizielle Politik der Gemeindeleitung, aber es scheint dort eine Art Anti-Paulus-Stimmung gegeben zu haben. Und bei den nichtchristlichen Juden sowieso.

Versöhnung ist keine Beschönigung

Paulus sieht genau die zwei Klippen, an denen er scheitern kann: einmal die Feindschaft der nichtchristlichen Juden, und die kann dann möglicherweise dazu führen, dass sich auch die Gemeinde von ihm distanziert. Bis heute kommt man ja in manchen Ländern leicht in Verruf, wenn man Geld aus dem Ausland annimmt. Deswegen bittet Paulus die römischen Christen, für das Gelingen seiner Mission zu beten. Er beteiligt sie auf diese Weise quasi an seinem Versöhnungsunternehmen. Sie waren gerade selbst Adressaten seines Aufrufs zum Frieden zwischen den unterschiedlichen Gruppen im Gottesvolk, und nun sollen sie auch mit für die Heilung des Risses im ganzen Volk Gottes eintreten.

Wenn Paulus für Versöhnung eintritt, dann macht er das nicht so, dass er die Probleme klein redet. Jesus hat gesagt, dass man seine Feinde lieben soll, aber gerade deshalb muss man wissen, wer die Feinde sind. Paulus weiß, dass es da Leute gibt, die ihn lieber heute als morgen tot sehen würden. Und tatsächlich ist seine Reise nach Jerusalem ein ziemliches Desaster geworden: er wurde beinahe von einer aufgehetzten Menge zerrissen, beinahe von den Römern ausgepeitscht, saß zwei Jahre im Gefängnis, wurde dann unter Bewachung als Gefangener nach Rom geschickt und überlebte beinahe auch die Schiffsreise nicht. Die Kisten mit dem Geld sind im Dunkel der Geschichte verschwunden – am liebsten hätte sie sich wohl der römische Gouverneur unter den Nagel gerissen.

Das Lebenswerk des Paulus

All diese Gefahren kannte Paulus schon vorher – er gehörte nicht zu denen, die meinen, mit ein bisschen Nachgeben und Nettigkeit kriege man die Dinge schon zurecht gebogen. Er wusste, worauf er sich einließ. Aber er wusste auch, dass es sein spezieller Auftrag war, den Heidenchristen die Judenchristen zu erklären und umgekehrt. Es war sein Lebenswerk, das Evangelium zu den Völkern zu bringen und so die ganze Welt in den Einflussbereich des Gottesvolkes zu bringen. Und genau dadurch kam er dauernd in Schwierigkeiten.

Denn manche Heiden mochten es gar nicht, wenn durch Paulus der Gott Israels zu ihnen kam. Und manche Juden mochten es nicht, wenn jetzt auch Menschen aus den gottlosen Völkern Teil des Gottesvolks wurden. Manchmal taten sich sogar die Scharfmacher von beiden Seiten zusammen, um Paulus in Probleme zu bringen. Wer sich nicht in Feindschaften hineinziehen lässt, zieht möglicherweise die Feindschaft beider Seiten auf sich.

Aber Paulus blieb ein hartnäckiger Brückenbauer. Und es sollte der Abschluss seines Lebenswerkes werden, durch diese Sammlung beide Seiten, Juden und die anderen Völker, in Solidarität zu verbinden. Die einen geben, die anderen werden beschenkt. Die einen zeigen Solidarität, die anderen nehmen sie an, und so wird ihre Gemeinschaft besiegelt. Das war eine starke Umsetzung des Evangeliums ins Finanzielle hinein. Paulus konnte seine Botschaft nicht nur mit Worten formulieren, sondern auch mit Geld.

Die Sprache des Gebens

Vielleicht sollten wir uns daran erinnern, dass ja auch Gott öfter durch seine Gaben Botschaften an uns richtet. Er schenkt Gedeihen für unsere Arbeit und ihre Früchte, er lässt es regnen über Gerechte und Ungerechte, er sorgt dafür, dass wir zwischen aller Mühe, Arbeit und Nöten immer wieder auf herrliche Augenblicke stoßen, auf köstliche Zeugnisse seiner Freude, an der wir Anteil haben dürfen. Wir sind nicht immer aufmerksam genug, um diese Botschaften wahrzunehmen und zu verstehen, aber Gott ist sich jedenfalls nicht zu schade, um auch durch die ganz materiellen Dinge zu uns zu sprechen. Er würdigt sie mit der Aufgabe, seine Botschaft zu transportieren.

Paulus macht es ihm nach, und er sagt ausdrücklich, dass sich die Kommunikation unter Christen auf geistliche und materielle Dinge erstreckt. Von den einen ist das geistliche Evangelium ausgegangen, die anderen revanchieren sich mit materieller Freundlichkeit. Und irgendwann geht es auch mal andersherum.

Und Paulus setzt mit seiner Sammlung noch ein anderes Zeichen: unter der Herrschaft des Imperiums wird das schwache und besiegte Israel missachtet und ausgeplündert. Im Herrschaftsbereich Jesu wird das umgedreht. Das kann die Ausbeutung zwar bei weitem nicht ausgleichen, aber es ist ein hoffnungsvolles Zeichen der neuen Welt, in der es keine Ausbeutung mehr geben wird. Die Christen signalisieren damit: bei uns ist es anders. Soweit es an uns liegt, wollen wir nicht von diesen ungerechten Strukturen profitieren.

Neue Botschaften für den Mammon

Geld ist unter Christen keine schmutzige, unanständige Sache, über die man am besten schweigt. Natürlich sind viele Botschaften, die in unserer Welt mit Geld verbunden werden, problematisch: Geld redet viel zu oft von Macht, Konkurrenz und unlauterer Einflussnahme. Aber das muss nicht immer so sein. Schon Jesus hat gesagt: macht euch Freunde mit dem ungerechten Mammon! Man kann mit dem Geld auch Signale von Großzügigkeit, Güte und Solidarität verbinden. Und die haben sogar den Vorteil, dass sie besonders glaubwürdig sind: wenn einer seine Botschaft mit einer bedeutenden Summe verbindet, dann ist das nicht einfach so daher gesagt. Wobei natürlich eine »bedeutende Summe« bei einem Millionär anders aussieht als bei einem durchschnittlichen Arbeitnehmer.

Wir sollen jedenfalls auch in der Sprache des Geld von Gottes neuer Welt reden. Auch das muss man lernen. Man kann ja durch Geschenke auch Machtverhältnisse herstellen und Menschen abhängig machen, man kann durch Geld manipulieren – im staatlichen Bereich nennt man das Korruption. Aber man kann eben auch durch Geld Menschen Mut zusprechen weit über die reine Summe hinaus. Man kann ihnen Momente der Freude und Erleichterung schenken. Man kann in ihnen die Vision einer solidarischen Welt erneuern. Deshalb ist es schön, ehrliche Geschenke zu machen: man verliert etwas Besitz und gewinnt Menschen. Man kann Verbundenheit festigen – und wenn ein Geschenk angenommen wird, dann ist das die Bestätigung dieser Verbundenheit.

Treue zur realen Welt

Geld gibt all diesen Gesten noch mal ein ganz besonderes Gewicht. Es ist ein gutes Beispiel dafür, wie wir jetzt schon in dieser alten Welt voller Unrecht und Gewalt die Dinge reinigen und erneuern können, wenn wir sie in einen neuen Zusammenhang stellen und Gott dienstbar machen. Das funktioniert sogar mit dem ungerechten Mammon. Die Welt ist nicht hoffnungslos verloren, sondern sie ist erneuerungsfähig, und dazu sollen wir ihr treu bleiben.

Dass Paulus so sehr an der Verbundenheit zwischen dem alten und dem neuen Gottesvolk interessiert war, das hat auch damit zu tun: Israel steht für die unauflösliche Verbundenheit Gottes mit seiner Welt, mit der Materie, mit den realen Verhältnissen von Recht, Wirtschaft, Politik, Mächten, Leitbildern und Beziehungen. Gott will diese wirkliche Welt erneuern, nicht irgendwelche konstruierten hochgeistigen Sphären. Deshalb will er ein real existierendes Volk, das auf die reale Welt Einfluss nimmt – auch in der Sprache des Geldes.