Jun 172013
 

Predigt am 16. Juni 2013 zu Hesekiel 18 i.A.

1 Das Wort des HERRN erging an mich, er sagte: 2 »Was habt ihr da für ein Sprichwort im Land Israel? Ihr sagt: ‘Die Väter essen unreife Trauben, und die Söhne bekommen davon stumpfe Zähne.’ 3 So gewiss ich, der Herr, lebe: Niemand von euch, niemand in Israel wird dieses Wort noch einmal wiederholen! 4 Ich habe das Leben jedes einzelnen in der Hand, das Leben des Sohnes so gut wie das Leben des Vaters. Alle beide sind mein Eigentum. Nur wer sich schuldig macht, muss sterben. …
21 Wenn aber der Gottlose umkehrt und das Böse lässt, das er getan hat, wenn er alle meine Gebote befolgt und das Rechte tut, bleibt auch er am Leben und muss nicht sterben. 22 All das Böse, das er früher getan hat, wird ihm nicht angerechnet. Weil er danach das Rechte getan hat, bleibt er am Leben.  …
30 Jeder einzelne von euch bekommt das Urteil, das er mit seinen Taten verdient hat. Das sage ich, der Herr, der mächtige Gott! Kehrt also um und macht Schluss mit allem Unrecht! Sonst verstrickt ihr euch immer tiefer in Schuld. 31 Trennt euch von allen Verfehlungen! Schafft euch ein neues Herz und eine neue Gesinnung! Warum wollt ihr unbedingt sterben, ihr Leute von Israel? 32 Ich habe keine Freude daran, wenn ein Mensch wegen seiner Vergehen sterben muss. Das sage ich, der Herr, der mächtige Gott. Also kehrt um, damit ihr am Leben bleibt!«

Kehrt um, damit ihr am Leben bleibt! Das ist die Grundmelodie dieses ganzen Kapitels. Umkehr ist Leben. Wer auf den Weg der Gerechtigkeit umschwenkt, dem kommt Gott entgegen und er sieht schon den ersten Schritt in der richtigen Richtung so an, als wäre es der ganze Weg.

Ein Volk am Abgrund

Als der Prophet Hesekiel dieses Wort von Gott bekam, da stand das Volk Israel am Abgrund. Es war kurz vor der endgültigen Eroberung durch die Babylonier. Ein Teil des Volkes war schon in ein fremdes Land verschleppt worden. Und in der Situation geht in Jerusaelem ein Spruch um: »Die Väter haben saure Trauben gegessen, und den Kindern sind die Zähne stumpf geworden«. Das bedeutet: unsere Väter, die Generation vor uns, die haben uns eine schöne Suppe eingebrockt, und wir müssen sie auslöffeln.

Stimmt das? Einerseits ja. Jede Generation vorher hatte den Karren weiter in den Dreck gefahren, und jetzt steckte er ziemlich tief drin. Götzendienst, kurzsichtige Außenpolitik, die Einkommensschere zwischen Arm und Reich klaffte immer mehr auseinander, immer mehr Reichtum konzentrierte sich bei den Reichen, in jeder Generation war das schlimmer geworden.

Aber andererseits sagt Hesekiel: Wer zwingt euch, in den Spuren eurer Väter und Mütter zu gehen? Wollt ihr so sein wie sie, oder ergreift ihr die Chance der Umkehr? Es kommt auch jetzt immer noch darauf an, wie Ihr euch entscheidet. Für diese Frage ist es nie zu spät.

Niemand kann sich das Zeitalter aussuchen, in das er hineingeboren wird. Wahrscheinlich hat jede Generation schon mal geseufzt, dass sie ausgerechnet in diese Zeit und in diese Welt hineingeboren worden ist. Aber Gott sagt: hört auf damit, euch als Opfer vorzukommen. Gott wird euch nicht für das Jahrhundert zur Rechenschaft ziehen, in das ihr hineingeboren seid, sondern er wird euch fragen, was ihr aus dieser Situation macht.

Für uns heißt das z.B.: wir sind nicht dafür verantwortlich, dass unsere Zivilisation einen Weg eingeschlagen hat, der inzwischen das Leben auf der ganzen Erde bedroht. Aber uns wird Gott danach fragen, ob wir und unsere politischen Repräsentanten diesen Weg korrigiert haben oder ob wir einfach weitergemacht haben.

Der Preis der Umkehr

Es ist wie bei Hesekiel: die eine Generation hat die Probleme mehrheitlich geleugnet, und die nächste sagt: jetzt ist es sowieso zu spät, jetzt hat alles keinen Zweck mehr, jetzt können wir die Katastrophe nicht mehr aufhalten,  wir machen einfach weiter. Aber Gott sagt: es ist nie zu spät zur Umkehr! Umkehr ist der Weg zum Leben, der immer offen steht. Es gibt keine ausweglosen Situationen. Ja, es gibt belastete Situationen, wo alles, was man tut, einen hohen Preis kostet, weil einfach schon so viel falsch gelaufen ist. Vor 20 Jahren wäre die Klimawende billiger zu haben gewesen als heute. Und heute ist immer noch viel einfacher zu haben als in 20 Jahren. Aber wenn ein Volk oder ein Mensch aufrichtig umkehrt und sich entschließt, von nun an das Leben zu wählen und nur das Leben, dann wird Gott das segnen und auch wenn die Umkehr einen Preis kostet, es wird sich lohnen, es wird etwas Gutes dabei entstehen.

Das betrifft nicht nur die großen gesellschaftlichen Fragen, sondern das gilt genauso im Persönlichen. Wir entdecken alle irgendwann unsere Belastungen, unsere Ängste, unsere zerstörerischen Verhaltensmuster, unsere schiefen Überzeugungen von der Welt. Vieles haben wir von unseren Eltern zugeschoben bekommen, anderes haben wir selbst vermurkst, aber immer mal wieder merken wir deutlich, wie es knirscht, wie uns das behindert, wie es unser Leben einschränkt.

Und dann sind wir vielleicht schon 30 oder 50 oder 70 Jahre alt, oder noch älter. Es dauert, bis wir nachdenklich zu werden. Und wenn es so weit ist, dass wir das Problem langsam realisieren, dann kommt die nächste Frage: lohnt sich das jetzt eigentlich noch, umzukehren und das Leben noch mal anders anzupacken? Kann ich das überhaupt noch nach so langer Zeit, wenn schon so viel kaputtgegangen ist? Was macht das denn für einen Unterschied für die paar Jahre, die ich noch habe?

Lohnt es sich noch?

Aber in Wirklichkeit macht das einen riesigen Unterschied. Selbst wenn es nach außen hin gar nicht mehr viel bewirkt – obwohl auch da noch viel mehr möglich ist, als Menschen denken. Aber Umkehr hat immer eine große Kraft, und sie kann sogar noch auf das Ende eines traurigen Lebens ein helles Licht werfen, so dass Menschen versöhnt zurückschauen können. Die Christen haben immer gesagt: selbst wenn du dich noch auf dem Sterbebett bekehrst, das gilt, und Gott wird es als wirkliche Umkehr werten. Gott sieht selbst im kleinsten und schwächsten Anfang schon den ganzen Weg.

Allerdings muss man dazu sagen, dass das Sterbebett eigentlich die schlechteste Gelegenheit zur Umkehr ist. Einmal, weil die Chance groß ist, dass wir dann schon nicht mehr wir selbst sind oder so mit Medikamenten ruhig gestellt sind, dass wir gar nicht klar denken können. Zum anderen aber haben wir dann in diesem Leben nichts mehr davon. Umkehr soll uns ja jetzt schon ein neues und gesegnetes Leben eröffnen. Ja, bei Gott gilt sogar noch eine Umkehr in letzter Stunde. Und tatsächlich gibt es immer wieder Menschen, die erst fast alles verlieren müssen, ihre Kraft, ihre Gesundheit, ihren Einfluss, ihre Beziehungen, ja, ihr ganzes bisheriges Leben muss erst zusammengebrochen sein, bevor sie zu neuen Gedanken und neuen Erfahrungen fähig sind, manchmal passiert das wirklich noch in den letzten Lebenswochen.

Aber, Leute, seid klug und wartet nicht so lange! Es gibt so viel zu gewinnen. Warum wollt ihr sterben? fragt Hesekiel. Der schaut sich sein Volk an, wie es mit aller Kraft in die Sackgasse rennt, und kann nur fassungslos fragen: warum lauft ihr in euer Unglück? Gott hat überhaupt keine Freude daran, wenn Menschen in ihr Verderben laufen. Mancher stellt sich Gott ja wie so einen Aufpasser vor, der nur darauf wartet, dass wir irgendwas falsch machen und uns dann mit Vergnügen eins auf die Nase gibt.

Menschen sind manchmal so, aber Gott ist nicht so. Gott hat Freude daran, wenn wir den Weg zum Leben finden. Er antwortet auf aufrichtige Gebete und verantwortliche Taten. Er stoppt auch immer wieder das verdiente Gericht, damit Menschen einen Raum zum Neuanfang haben.

Gott schaut nach vorn

Das Christentum hat sich zu oft auf die Frage konzentriert, wie man die Sünden der Vergangenheit entsorgen kann. Die Katholiken machen das anders als die Evangelischen, aber beiden ist oft aus dem Blick geraten, dass Gott vor allem an der Zukunft interessiert ist, dass wir in Zukunft befreit leben können. Dazu ist manchmal auch Sündenentsorgung nötig, weil die Vergangenheit belastend sein kann. Aber das Ziel ist immer Neuanfang und Umkehr.

Das ist übrigens der tiefste Grund, weshalb es in unserer christlich beeinflussten Staatsordnung keine Todesstrafe gibt: auch dem schlimmsten Verbrecher darf die Möglichkeit der Umkehr nicht vorzeitig genommen werden.

Es gibt Spielraum

Denn die wichtigste Botschaft ist: Leute, ihr habt einen Spielraum! Egal, wie verfahren die politische Situation ist, egal, wie blöd dein Leben bisher gelaufen ist, egal, was für Verwerfungen du jetzt plötzlich in einem Herzen entdeckst – ihr habt immer mindestens zwei Möglichkeiten und meistens noch viel mehr. Menschen haben bis zum letzten Atemzug das Recht, ein anderer zu werden. Es ist der Kern der Menschenwürde, dass wir immer einen Spielraum haben, in dem wir uns entscheiden können. Zwischen einem Ereignis und unserer Reaktion darauf gibt es diesen Raum der Freiheit, und wir können ihn so oder so nutzen. Und auch wenn wir uns 100 Mal falsch entschieden haben, lohnt es sich immer noch, beim 101. Mal endlich die Entscheidung zum Leben zu treffen, auch wenn der Preis inzwischen höher geworden ist. Das ist wie bei einer Sucht: je länger du wartest mit dem Ausstieg, um so schlimmer werden die Entzugserscheinungen, aber es lohnt sich in jedem Fall.

Das Recht, ein anderer zu werden

Gott tut ganz viel für dieses Recht, ein anderer zu werden, eine andere zu werden. Er schickt seine Leute, die Propheten und Apostel, die Juden und die Christen, damit diese Alternative in der Welt sichtbar ist. Menschen sollen sehen: es geht doch! Umkehr und Neuanfang sind gar nicht so schlimm! Es gibt den Weg in ein besseres Leben!

Nur sichtbare, gelebte Alternativen sind ein Schutz gegen Zynismus im Großen und im Kleinen. Zynisch werden Menschen, wenn sie etwas tun, von dem sie eigentlich wissen, dass es falsch ist. Kurz vor der französischen Revolution kursierte unter den Adligen der Spruch: nach uns die Sintflut! Sie ahnten längst, dass es nicht mehr lange gut gehen würde, aber sie wollten nichts dagegen tun, oder glaubten, sie hätten keine Alternative. Und so machten sie immer weiter, bis eines Tages die Revolution ausbrach und ihre ganze Welt wegfegte.

Zerstörerischer Zynismus

Das ist Zynismus: man weiß, es wird bös enden, aber man ändert nichts. Man redet sich ein, es hätte sowieso keinen Zweck. Man ignoriert unser Menschenrecht, ein anderer zu werden. Zynismus ist immer zerstörerisch.

Zynismus war dieser Satz: »die Väter haben unreife Trauben gegessen und den Söhnen sind die Zähne stumpf geworden«. Das Schlimme daran ist, dass da jemand zugibt, wie schlecht alles gelaufen ist, und trotzdem eine Begründung dafür findet, nichts zu ändern. Es ist eigentlich verrückt, aber es gibt in uns einen tiefen Widerstand gegen Umkehr. Lieber tun wir Buße und bereuen und entschuldigen uns tausend Mal, wenn uns nur tiefgreifende Veränderungen erspart bleiben. Die Beschäftigung mit den Sünden der Vergangenheit ist immer noch einfacher als echte Veränderung, die die Zukunft gewinnt. Man kann das damit erklären, dass wir zu stolz sind, um etwas wirklich einzusehen, man kann vermuten, dass unser Gehirn einfach äußerst ungern die Nervenzellen neu verschaltet, man kann davon reden, dass Neurosen und Psychosen sich wehren und enorme Anpassungsstrategien entwickeln, um im Kern unverändert weiterleben zu können. Egal, wie man es nennt: wir ändern unser Denken äußerst ungern.

Eine tolle Alternative

Aber genau das möchte Gott, dass wir diese ganzen Muster loslassen, die ein Kennzeichen der gefallenen Welt sind, die in uns leben, an die wir gewöhnt sind und die unsere spontanen Reaktionen prägen. Deshalb fragt er: Warum wollt ihr in euer Unglück laufen? Warum wollt ihr sterben? Leben wär doch eine tolle Alternative. Für das Leben lohnt es sich, diese Mühe der Umkehr auf sich zu nehmen. Frag einen Menschen, der es wirklich geschafft hat, umzukehren: etwas Krankes hinter sich zu lassen, eine Sucht, schlechte Angewohnheiten, zerstörerische Denkmuster, was auch immer. Er wird dir immer sagen: es hat sich gelohnt! Es war den Preis wert! Ein Glück, dass ich es endlich angegangen bin. Ich hätte es schon viel früher tun sollen! Vorher sieht es schwer bis unmöglich aus, aber hinterher ist man so froh darüber.

Deshalb ruft uns Gott immer wieder, damit wir das Leben wählen. Er malt uns aus, wieviel dabei zu gewinnen ist. Und er kommt uns entgegen und erkennt im ersten Schritt schon den ganzen Weg zum Ziel.

Jun 102013
 

Predigt am 9. Juni 2013 zu Römer 14,12-23
(Predigtreihe Römerbrief 42)

12 So wird also jeder von uns über sein eigenes Leben vor Gott Rechenschaft ablegen müssen. 13 Hören wir darum auf, einander zu verurteilen! Statt den Bruder oder die Schwester zu richten, prüft euer eigenes Verhalten, und achtet darauf, alles zu vermeiden, was ihm ein Hindernis in den Weg legen und ihn zu Fall bringen könnte.
14 Durch den Herrn Jesus habe ich die volle Gewissheit, dass es nichts gibt, was von Natur aus unrein wäre. Für den allerdings, der etwas als unrein ansieht, ist es dann auch unrein. 15 Wenn du dich daher in einer Frage, die das Essen betrifft, so verhältst, dass dein Bruder oder deine Schwester in innere Not gerät, dann ist dein Verhalten nicht mehr von der Liebe bestimmt. Christus ist doch ´auch` für ihn gestorben. Stürze ihn nicht durch das, was du isst, ins Verderben! 16 Das Gute, das euch geschenkt wurde, darf nicht in Verruf kommen.
17 Denn im Reich Gottes geht es nicht um Fragen des Essens und Trinkens, sondern um das, was der Heilige Geist bewirkt: Gerechtigkeit, Frieden und Freude. 18 Wer Christus auf diese Weise dient, an dem hat Gott Freude, und er ist auch in den Augen der Menschen glaubwürdig. 19 Darum wollen wir uns mit allen Kräften um das bemühen, was zum Frieden beiträgt und wodurch wir uns gegenseitig ´im Glauben` fördern. 20 Zerstöre nicht das Werk Gottes wegen einer Frage, die das Essen betrifft! Zwar ist ´vor Gott` alles rein; verwerflich ist es jedoch, wenn jemand durch das, was er isst, einen anderen zu Fall bringt. 21 Deshalb ist es am besten, du isst kein Fleisch und trinkst keinen Wein und vermeidest auch sonst alles, was deinen Bruder oder deine Schwester zu Fall bringen könnte.
22 Behandle deine Überzeugung in diesen Dingen als eine Angelegenheit zwischen dir und Gott. Glücklich zu nennen ist der, der sich in Fragen der persönlichen Überzeugung so verhält, dass er sich nicht selbst anzuklagen braucht. 23 Wer jedoch etwas isst, obwohl er Bedenken hat, ob er es überhaupt essen darf, der ist damit verurteilt, denn er handelt nicht aus Glauben. Und alles, was nicht aus dem Glauben kommt, ist Sünde.

Die ganz wichtigen Sachen sagt man in einem Brief am Ende. Und hier, schon in der Zielgeraden des ganzen Briefes, schreibt Paulus 1½ Kapitel lang über eine heiße Frage, deren Bedeutung wir heute überhaupt nicht mehr nachvollziehen können: Darf man Fleisch essen und Wein trinken? Ein bisschen wirkt es so, als ob Paulus den langen Römerbrief nur geschrieben hat, um der Gemeinde in Rom zu sagen: nehmt beim Essen Rücksicht aufeinander!

Warum ist ihm das so wichtig? Weil es um die Frage geht, wie Menschen mit ganz unterschiedlichen Wegen und Traditionen gemeinsam das Volk Gottes bilden können. Das funktioniert nur, wenn man den anderen ihre Schwächen zugesteht und sie ihnen nicht genüsslich unter die Nase reibt.

Die Freiheit Jesu

Das Problem ist tatsächlich die Freiheit, die Jesus gebracht hat. Vorhin in der Lesung (Markus 7,14-23) haben wir die Stelle gehört, wo Jesus sagt: Es kommt nicht darauf an, was in den Menschen reingeht, sondern auf das, was aus ihm raus kommt. Nicht das falsche Essen ist das Problem, sondern die falschen Gedanken. Damit war Jesus so erfolgreich, dass heute bei uns kein Mensch mehr darüber nachdenkt, ob man bestimmte Speisen aus religiösen Gründen essen darf oder nicht. Pferdefleisch in der Lasagne lehnen wir jedenfalls nicht aus religiösen Gründen ab, und wenn einer Regenwurmpizza haben möchte, würden wir sagen: wenn es dir schmeckt, bitte, greif zu!

Die Freiheit Jesu besteht darin, dass man sich auf die richtigen Themen konzentriert und die unwichtigen beiseite lässt. Um das am Thema Essen mal zu aktualisieren – im Geiste Jesu würde man sagen: macht euch nicht so viel Sorgen darum, ob die Gabel auch wirklich auf der richtigen Seite liegt und der Wein die richtige Temperatur hat – es kommt schließlich darauf an, dass ihr gut miteinander auskommt, dass Menschen integriert werden, die sonst Außenseiter sind und die Stimmung gut ist. Was ist dagegen schon eine schief liegende Gabel?

Was ist wirklich wichtig?

»Das Reich Gottes ist doch nicht Essen und Trinken« sagt Paulus, »sondern Gerechtigkeit, Friede und Freude im Heiligen Geist«. Also: was ist wirklich wichtig? Das ist die revolutionäre Frage, die eine enorme Freiheit gibt. Und es war mal eine richtige Revolution, dass Menschen den Willen Gottes von innen verstehen, anstatt einfach Rituale zu vollziehen und heilige Gebote zu halten. Ich versuche es mit einem anderen Beispiel von heute, an dem wir die Brisanz ein bisschen besser nachvollziehen können:

Freie Fahrt für freie Bürger?

Wer mit dem Auto über Land fährt, kommt an unzähligen Geschwindigkeitsbeschränkungen vorbei. Und mir jedenfalls geht es häufig so, dass ich denke: hey, ich sehe doch selber, dass hier eine Kurve kommt, ich pass schon auf, aber deswegen muss man doch nicht gleich im Schritttempo fahren. Kommt es drauf an, dass man alle Geschwindigkeitsbeschränkungen einhält? Nein, es kommt darauf an, so zu fahren, dass man heil ankommt. Und wenn ich meine Fähigkeiten und meinen Wagen gut kenne und die Strecke es hergibt, dann kann ich ruhig 20 km schneller fahren.

Das Problem ist nur der superkorrekte Typ vor mir, der schon bremst, wenn er so ein Schild nur von Weitem sieht. Was ist schrecklicher, als hinter so jemandem zu hängen? Und da würde Paulus sagen: ja, das ist das Problem! Wie kriegt man es hin, dass zwei Leute mit so ganz unterschiedlichen Einstellungen nicht nur auf der gleichen Landstraße unfallfrei miteinander unterwegs sein können, sondern sogar in der gleichen Kirchengemeinde?

Vielleicht ist der andere ja noch ganz jung und gerade erst der Fahrschule entronnen. Oder er ist ganz alt und fühlt sich unsicher hinterm Steuer. Oder er ist eben einfach so ein korrekter und ängstlicher Mensch. Und die Schilder stehen auch nicht für die 1000 Autofahrer, die ohne Schilder heil um die Kurve kommen würden, sondern für den einen, der seine Fahrkünste chronisch überschätzt und nur mit der Drohung von Tempokontrollen einigermaßen zivilisiert werden kann.

Auf der Straße ist das ja noch relativ klar und übersichtlich. In einer christlichen Gemeinde ist es viel komplizierter, vor allem, wenn die auch noch alle völlig unterschiedliche Hintergründe haben, kulturell, religiös, wirtschaftlich, politisch, familiär – die Palette möglicher Konflikte ist unbegrenzt.

Wenn Kulturen aufeinander prallen

Bis heute geht eine Standardsituation so: jemand ist gewohnt, dass man sich zu feierlichen Anlässen auch besonders anzieht, das ist einfach so in seiner Kultur und Tradition, und dann macht er eine Reise auf einen anderen Kontinent, z.B. nach Europa, und alles ist ungewohnt, und er denkt: wenigstens in einem christlichen Gottesdienst werde ich mich heimisch fühlen! Und am Sonntag macht er sich fein und geht in eine Kirche und ist geschockt, dass die da alle in Freizeitklamotten sitzen und ein paar sogar bauchnabelfrei. Und er fragt sich: nehmen die eigentlich ihren Glauben nicht ernst? Ist ihnen der Gottesdienst so wenig wert, das die sich dafür nicht mal ordentlich anziehen?

Er ist zu höflich, um das laut zu sagen, aber wenn er es tun würde, dann würde er vielleicht als Antwort bekommen: besteht denn das Reich Gottes aus Klamotten? Ist es nicht viel wichtiger, dass wir geistlich eine Einheit sind, dass Gott uns wichtig ist, dass wir zusammenhalten? Das kann man doch in jeder Kleidung tun.

Und Paulus würde sagen: ja, so ist es. Im Sinne der Jesusfrage (»was ist wirklich wichtig?«) kommt es tatsächlich nicht darauf an, wie einer sich anzieht. Es geht um Gerechtigkeit und Friede und Freude im Heiligen Geist, nicht um Klamotten. Da habt ihr völlig Recht. Aber, fährt Paulus fort, es geht gar nicht darum, Recht zu haben. Es geht um die Frage, wie all diese unterschiedlichen Leute zum Volk Gottes gehören können. Und dann kann es vorkommen, dass man zwar weiß, dass man Recht hat, aber man muss es deswegen noch längst nicht dauernd raushängen lassen. Manchmal muss man auch zu Gott sagen: ja wir beide, wir verstehen uns schon, aber wir nehmen jetzt mal Rücksicht auf all diese Leute, die noch glauben, es käme auf die Klamotten an.

Auf der anderen Seite heißt das aber nicht, dass automatisch immer der Konservativste und Ängstlichste Recht hat. Im Galaterbrief kann man lesen, wie Paulus auch heftig die Freiheit verteidigen kann, die Jesus gebracht hat. Und so eine Kultur der Rücksichtnahme kann natürlich auch dazu führen, dass sich immer der durchsetzt, der sich als der Allerschwächste von allen verkaufen kann, auf den alle immer Rücksicht nehmen müssen. Und das kann es auch nicht sein. Die Sache ist kompliziert.

Das Problem benennen

Paulus geht das Problem an, indem er es öffentlich macht. Immerhin sollte der Römerbrief ja in der Gemeinde vorgelesen werden. Und da hören sie dann die Aufforderung zur Rücksicht, aber gleichzeitig ist auch deutlich: wenn jemand besonders strikt und unbeweglich ist, das ist kein Zeichen von Glaubensstärke, sondern im Gegenteil: der gehört zu den Schwachen im Glauben. Man soll freundlich mit ihm umgehen, man soll ihn nicht auslachen, aber ein  Vorbild ist er eher nicht.

Wir sollen alle wachsen in der Freiheit, die Jesus bringt. Wir alle sollen lernen, was wichtig ist und was nicht. Aber wir treten unsere Reise von unterschiedlichen Stationen aus an, und mit unterschiedlichem Reisegepäck. Es gibt z.B. christliche Traditionen, in denen ist Alkohol streng verboten. Und wir hätten den Eindruck: das ist ja schrecklich gesetzlich und starr, was schadet denn ein Gläschen Wein, auch Jesu hat Wein getrunken, und so weiter. Aber wenn man berücksichtigt, dass es Gegenden gibt, in denen der Alkohol die Menschen früher flächendeckend ins Elend gebracht hat, bis sie durch das Evangelium davon befreit wurden, dann versteht man, weshalb die dort bis heute so strikt sind.

Damals in Rom scheint das Problem gewesen zu sein, dass die Gemeinde aus Juden und Heiden bestand. Dann hatte der Kaiser Claudius einige Jahre zuvor alle Juden aus Rom verbannt, und erst als der tot war, konnten sie wieder zurückkommen. Und da stießen sie unvermittelt aufeinander: christliche Juden mit ihrer alten Kultur des Sabbats und der Speisevorschriften, und Heiden, die zum Glauben an Jesus gekommen waren, aber diese ganze Tradition kaum kannten. Die verstanden nicht, dass es diese Gebote waren, durch die Israel über Jahrhunderte der Unterdrückung seine Identität bewahrt hatte. Märtyrer waren gestorben für den Sabbat und für die Speisevorschriften. Kann man das jetzt einfach über Bord werfen?

Stark wird man durch Verstehen

Paulus, der ja auch Jude war, war der Meinung: ja, das kann man jetzt und das darf man auch. Aber er wollte nicht, dass Menschen verlorengehen, die noch nicht so weit sind, dass sie ohne diese Regeln auskommen, und deshalb dreht er die Jesusfrage um: was ist wirklich wichtig? Dass du Recht behältst, oder dass Menschen auf einem Weg bleiben, der sie hoffentlich immer stärker in die Freiheit Jesu hineinführen wird – bis sie am Ende vielleicht sogar wirklich verstehen, dass du Recht hattest?

Paulus redet offen über das Problem, weil er möchte, dass alle miteinander wachsen in ihrer christlichen Reife, in ihrem Verständnis der ganzen Situation. Schwach ist man immer dann, wenn man gerade mal einen einzigen Zusammenhang verstanden hat und berücksichtigen kann. Je mehr man den Überblick bekommt und das Thema umfassend verstehen kann, um so stärker wird man. Je umfassender man die Welt aus der Perspektive Jesu sieht, um so mehr von der Souveränität Jesu zeigt sich an uns. Damit wird die Sicht auf die Welt nicht beliebig, aber sie wird den komplizierten Zusammenhängen besser gerecht. Und dafür muss man erst mal alles Werten und Beurteilen beiseite lassen und sich anschauen: wie ist der ganze Zusammenhang?

Nichts ist eindeutig, sagt Paulus. Keine Sache ist so, dass du schnell ein Etikett dran heften kannst, das immer stimmt. Es kommt immer auf die Beziehungen an, in denen etwas passiert. Du musst die Geschichte der Menschen berücksichtigen. Du musst verstanden haben, was sie wirklich bewegt, bevor du zu einem Urteil kommst. Dieselbe Sache kann einmal ok sein, und ein andermal muss man klar »Stopp!« sagen.

Mit Paulus wird man entdecken, dass Menschen zur Ehre Gottes manchmal sehr merkwürdige Dinge tun, aber man kann sich mit Paulus auch freuen, dass sie es zur Ehre Gottes tun. Und das ist das umfassendere Bild.

Den Druck rausnehmen

So gesehen sind die Unterschiede zwischen den Menschen Herausforderungen zur Reife, die Gott uns stellt. Wir müssen abwägen: ist jetzt freundliches Ertragen dran, oder muss auch mal ausgesprochen werden, was gilt, nämlich die Freiheit? Da gibt es keine eindeutigen Antworten, sondern 80%ige oder auch mal nur 60%ige. Aber all diese ganzen Sachen, um die Menschen erbittert kämpfen: Musikstile, Höflichkeitsformen, Gestaltung von Räumen, auch all die ganzen persönlichen Verletzlichkeiten und Empfindlichkeiten, kulturelle Eigenheiten, Familienehre und was es noch so gibt: aus der Sicht des Reiches Gottes ist das alles gar nicht so wichtig. Die Jesusfrage »Worauf kommt es wirklich an?«, die nimmt da im Prinzip ganz viel Dampf raus. Man müsst eigentlich jetzt noch überlegen, ob Paulus hier nicht ein Konzept vorträgt, das eine hilfreiche Ausstrahlung entwickelt bis in die die multikulturelle Welt unserer Tage hinein.

Aber dahin muss man erst mal kommen. Diese Souveränität muss man erst mal haben. Beim Essen hat es in unserem Kulturkreis ja schon ganz gut geklappt. Regenwurmpizza wäre kein Skandal mehr. Aber bei den anderen Themen ist immer noch Sensibilität gefragt, Reife, und dass wir das Thema im Ganzen sehen und nicht nur den isolierten Zusammenhang, den wir meinen, verstanden zu haben. Wir kommen von unterschiedlichen Ausgangspunkten, aber wir sind immer noch unterwegs.

Und hoffentlich miteinander.