Mai 202013
 

Predigt am 19. Mai 2013 (Pfingstsonntag) zu Apostelgeschichte 2,22-38

PetrusPetrus sprach: 22 Ihr Männer von Israel, hört, was ich euch zu sagen habe! Jesus von Nazaret wurde von Gott bestätigt durch die machtvollen und Staunen erregenden Wunder, die Gott durch ihn unter euch vollbracht hat; ihr wisst es selbst. 23 Den habt ihr durch Menschen, die das Gesetz Gottes nicht kennen, ans Kreuz schlagen und töten lassen. So hatte Gott es nach seinem Plan im Voraus bestimmt. 24 Und genau den hat Gott aus der Gewalt des Todes befreit und zum Leben erweckt; denn der Tod konnte ihn unmöglich gefangen halten.

25 Schon David hat von ihm gesprochen und ihn sagen lassen: ›Ich hatte den Herrn immer vor Augen. Er stand mir zur Seite, darum fühlte ich mich sicher. 26 Das erfüllte mein Herz mit Freude und ließ mich jubelnd singen. Selbst im Grab ruht mein Leib voll Hoffnung. 27 Ich bin gewiss: Du, Herr, lässt mich nicht bei den Toten; du gibst deinen treuen Diener nicht der Verwesung preis. 28 Du hast mir den Weg zum Leben gezeigt; in deiner Nähe werde ich froh und glücklich sein.‹ 29 Liebe Brüder, ich darf ganz offen zu euch über unseren großen Vater David sprechen: Er starb und wurde begraben, und sein Grab ist noch heute bei uns zu sehen. 30 Aber er war ein Prophet, und Gott hatte ihm feierlich zugesagt, einer seiner Nachkommen werde auf Gottes Thron sitzen. 31 David sah also voraus, was Gott vorhatte, und seine Worte beziehen sich auf die Auferstehung des versprochenen Retters. Von diesem gilt, dass Gott ihn nicht bei den Toten ließ und sein Körper nicht der Verwesung anheim fiel.

32 Diesen Jesus also hat Gott vom Tod auferweckt; wir alle sind dafür Zeugen. 33 Er wurde zu dem Ehrenplatz an Gottes rechter Seite erhoben und erhielt von seinem Vater die versprochene Gabe, den Heiligen Geist, damit er ihn über uns ausgießt. Was ihr hier seht und hört, sind die Wirkungen dieses Geistes! 34 Nicht David ist ja in den Himmel aufgenommen worden; vielmehr sagt er selbst: ›Gott, der Herr, sagte zu meinem Herrn: 35 Setze dich an meine rechte Seite! Ich will dir deine Feinde unterwerfen, sie als Schemel unter deine Füße legen.‹ 36 Alle Menschen in Israel sollen also an dem, was sie hier sehen und hören, mit Gewissheit erkennen: Gott hat diesen Jesus, den ihr gekreuzigt habt, zum Herrn und Christus gemacht.«

37 Dieses Wort traf die Zuhörer mitten ins Herz und sie fragten Petrus und die anderen Apostel: »Brüder, was sollen wir tun?« 38 Petrus antwortete: »Kehrt jetzt um und lasst euch taufen auf Jesus Christus; lasst seinen Namen über euch ausrufen und bekennt euch zu ihm – jeder und jede im Volk! Dann wird Gott euch eure Schuld vergeben und euch seinen Heiligen Geist schenken. 39 Denn was Gott versprochen hat, ist für euch und eure Kinder bestimmt und für alle, die jetzt noch fern sind und die der Herr, unser Gott, hinzurufen wird.«

Was wir heute hören, ist eine der längsten Reden in der Bibel. Petrus muss weit ausholen. Denn immer, wenn es etwas völlig Neues gibt, versuchen Menschen, sich das mit dem zu erklären, was sie schon kennen. Und wenn da Leute völlig ungewöhnlich reden, dann sind die einfachsten Erklärungen: die spinnen ja! oder: die sind besoffen! Damit hat der Topf einen Deckel, und das Weltbild stimmt wieder. Solche einfachen Erklärungen übersehen aber meistens ein paar Fakten, z.B. die Tatsache, dass man morgens eigentlich noch nicht betrunken ist, schon gar nicht in einer Zeit, in der es keine härteren Getränke als Wein gab.

Deswegen muss Petrus die Geschichte anders erzählen. Und sie wird so lang, weil er den ganzen Rahmen zurecht rücken muss. Hier passiert etwas ganz anderes: Israels Geschichte und die Geschichte der ganzen Welt ist jetzt in die letzte Phase eingetreten. Jetzt ist die Zeit gekommen, in der Gott sein Werk vollendet. Wir sind am Ziel. Das Geheimnis ist gelüftet. Die neue Schöpfung hat begonnen. Jesus ist auferstanden, und das hat die göttliche Energie freigesetzt. Eine Eruption gewaltigen Ausmaßes hat dafür gesorgt, dass nicht nur hin und wieder einzelne Menschen von Gottes Geist geleitet werden, sondern jetzt kommt der Heilige Geist zu allen, die an Jesus glauben und zu ihm gehören. Es gibt keinen Unterschied mehr zwischen Männern und Frauen, Alten und Jungen, Freien und Sklaven. Quer zu allen sozialen Einteilungen entsteht der neue Kern eines freien Gottesvolks.

Parallelen zum Exodus

Es gibt dazu eine bemerkenswerte Parallele in der Geschichte Israels: Nach der Befreiung aus Ägypten zog Israel zum Sinai. Mose stieg auf den Berg und brachte von dort die Gesetzestafeln mit, auf denen die Ordnung für das Lebens eines freien Volkes beschrieben war. Und genauso auch hier dieser Dreischritt: Jesus stirbt und bleibt nicht im Tod – das ist die Befreiung. Das geschieht beim Passafest, das ja die Befreiung aus Ägypten erinnert. Dann geht er wie Mose nach oben – das ist Himmelfahrt. Und von oben kommt dann die Regel für das Leben des erneuerten Gottesvolkes, aber das ist keine geschriebene Regel mehr, sondern der Heilige Geist, der von nun an Gottes Volk leiten wird.

Dieses Volk braucht keine Priester und keinen Tempel mehr, sondern es beginnt in dem Privathaus, im ersten Stock des Hauses, in dem sie sich in Jerusalem treffen. Die Kirche beginnt mitten unter den Menschen, man muss sie nicht erst nachträglich zu ihnen bringen. Gottes Sache hat sich viele Jahrhunderte lang ein religiöses Gewand übergezogen, damit Menschen überhaupt irgend einen Zugang finden konnten. Aber irgendwie war das schon immer keine Religion wie alle anderen, kein Tempel wie alle anderen. Es passte schon immer nicht wirklich.

Das aufgelöste Rätsel eines Jahrhunderte langen Weges

Und jetzt bleibt dieser ganze religiöse Rahmen endgültig zurück und das Geheimnis wird enthüllt: Gottes rettende Kraft, wie sie in Jesus endgültig sichtbar geworden ist. Diese rettende Kraft, die eines Tages die ganze Schöpfung zu Gott zurückbringen wird, die wohnt unter denen, die zu Jesus gehören und in seinen Spuren gehen. Das ist das Ziel des ganzen Weges, den Israel gegangen ist.

Man versteht Petrus erst richtig, wenn man weiß, dass damals die Menschen in Israel mit Gebet und brennendem Herzen die alten Schriften durchforschten und fragten: wann kommt unsere Befreiung? Und sie fanden im Buch Daniel eine Stelle, wo es heißt, dass das Exil, die Gefangenschaft Israels unter fremden Mächten, 490 Jahre dauern würde. Und sie berechneten, dass diese Zeit jetzt irgendwann vorbei sein musste. Über den genauen Zeitpunkt waren sie sich nicht einig, aber jetzt irgendwann musste es sein. Und sie beteten und studierten die Texte und hielten Ausschau nach den Zeichen, die den neuen Tag der Freiheit ankündigten.

Und dann kommt Petrus und sagt: jetzt ist es so weit! Was ihr hier erlebt, das sind die Zeichen, nach denen ihr sucht: die Ausgießung von Gottes Geist. Das ist die Befreiung von den Mächten.

Gott handelt nicht schematisch immer wieder gleich. Das erste Mal hat er Israel befreit, indem er sie in ein neues Land geführt hat. Aber dieses Experiment ist gescheitert, sie haben es nicht geschafft, dauerhaft als freies Volk Gottes zu leben. Nach und nach wurden sie doch wieder so wie die anderen Völker, und da schickte Gott sie schließlich in die Gefangenschaft, für 490 Jahre, fast ein halbes Jahrtausend.

Eine neue Art von Befreiung

Aber die neue Befreiung, die dann kommt, die ist nicht die gleiche wie damals, als sie aus Ägypten ins gelobte Land flohen. Es kommt nicht einfach wieder ein eigener Staat, sondern es kommt eine andere Art, mitten in den Reichen der Welt zu leben, ohne von ihnen aufgefressen zu werden. Es gibt ein neues Leben mitten in der alten Welt, ein freies Leben mitten in den Unterdrückungssystemen, ein Leben voller Solidarität und Liebe, wo nach offizieller Theorie alle nur ihren eigenen Vorteil verfolgen.

Menschen schaffen es in der Regel nicht, sich von der herrschenden Ideologie der Gesellschaft abzukoppeln. Menschen denken mit dem Material, was ihnen die Gesellschaft zur Verfügung stellt. Damals waren die heidnischen Tempel und Philosophenschulen die Denkfabriken, wo die Weltanschauungen erarbeitet und verbreitet wurden. Heute sind das vor allem die Medien und die Stichwortgeber im Hintergrund, die den Denkrahmen für die meisten Menschen setzen.

Aber zu Pfingsten kommt der Heilige Geist und macht alle, die an Jesus glauben, unabhängig von den Ideologie der Gesellschaft. Und das ist zuerst für die Jesusanhänger selbst eine umwälzende Erfahrung. Wenn in der Bibel vom Heiligen Geist geredet wird, dann hat das immer zu tun mit ungewöhnlichen Zuständen unserer Person. Die gewohnte Stabilität geht verloren, sogar die Sprache, in der wir denken und reden, wird abgeschaltet und die Menschen reden in Zungen. Also selbst die normalen Worte und die grammatischen Regeln, auf die unsere Deutschlehrer so viel Wert legten, die gelten nicht mehr. Sprache prägt ja unser Denken zutiefst, Sprache ist nicht einfach neutral, sondern ihre Regeln definieren auch die Grenzen unseres Denkens. Wer mal eine fremde Sprache gelernt hat, der weiß, was für ein eigenes Feeling jede Sprache transportiert. Selbst auf Englisch fühlen sich die gleichen Dinge schon wieder anders an. Und auf Japanisch ist es noch ganz anders (allerdings kann ich kein Japanisch).

Zungenreden ist etwas, was passiert, wenn Menschen Dinge ausdrücken, die sie vorher nie aussprechen oder auch nur ahnen konnten. Da wird die Sicht der Menschen auf die Welt neu konfiguriert. Vorher haben sie mindestens auf den tieferen Ebenen gedacht wie alle anderen, jetzt wird das aufgebrochen und sie können die Dinge so sehen wie nie zuvor. Das ist ihnen selber manchmal unheimlich, vor allem aber verstört es die anderen, und der einzige Reim, den die sich machen können, ist: die spinnen!

Es geht darum, was Realität ist

Versteht, es geht hier nicht um einzelne Streitfragen, ob man für oder gegen Atomkraft ist, oder ob Schwule heiraten dürfen, oder ähnliche Aufregerthemen. Es geht darum, dass das Grundmuster unserer Person neu zusammengesetzt wird. Es geht um das Betriebssystem, unter dem wir arbeiten, um das Lebensgefühl, um die Brille, mit der wir die Welt sehen, um die Regeln, mit denen wir uns in der Welt orientieren. Es geht um unsere Überzeugungen, was Realität ist und was nicht.

Wenn man das Leben Jesu und seine Worte etwa in der Bergpredigt anschaut, dann merkt man, dass er die Welt ganz anders gesehen haben muss, als wir sie normalerweise sehen: erfüllt von Segen, durchwaltet von den guten Mächten Gottes, bedroht von dunklen Kräften der Zerstörung, beeinflusst von Kräften und Regeln, die wir nur ahnen. Fakten, die wir für unumstößlich halten, waren für ihn wie Gebäude, die auf Sand gebaut waren.

Aber mit der Auferstehung ist seine Sicht bestätigt worden, und durch den Heiligen Geist kommt sie auch zu uns. Petrus erzählt noch einmal von Jesus: Gott hat ihn gesandt, er ist das Angesicht Gottes in unserer Welt, und alle bösen Mächte haben sich zusammengetan, um ihn zu zerstören. Es kam zu einer Konfrontation, in der sie alle versuchten, ihn von seinem Weg abzubringen, mit List und grausamster Gewalt. Aber Jesus ging seinen Weg bis zum Ende, und als Gott ihn auferweckte, da war der Höhepunkt in der ganzen Geschichte des Gottesvolkes erreicht.

Die Bibel spricht neu

Petrus findet schon bei David solche Vorahnungen, dass Gott sich den Fakten des Todes nicht beugt, dass eines Tages ein toter menschlicher Körper nicht verwesen würde, sondern auferstehen wird. Und weil das bei David offensichtlich nicht der Fall war, muss das noch kommen. Da war noch etwas offen, Gott hat etwas versprochen, dessen Erfüllung noch aus stand: die Auferstehung nicht nur von Seelen, sondern von ganzen Menschen mit Leib und Seele. Und jetzt ist es eingetroffen! Der wahre König Israels ist gekommen. Revolution liegt in der Luft, eine Revolution, die wesentlich tiefer und weiter geht als alles, was sich die damaligen Revolutionäre und Freiheitskämpfer vorstellen konnten.

Petrus baut seinen Zuhörern eine Brücke, er hilft ihnen, die Hinweise auf das Neue zu entschlüsseln, die schon im Alten Testament verborgen sind. Das ist das Tolle an der Bibel: sie ist nicht ein für alle Mal in ihrer Bedeutung klar, sondern wenn neue Dinge passieren, dann bekommt sie auch ein neues Gesicht. Sie ist ein lebendiges Buch, wenn sie in der Kraft des Heiligen Geistes gelesen wird.

Und das tut Petrus hier offensichtlich, und die Zuhörer sind davon so überzeugt, dass ihnen sofort einfällt, dass sie ja beim Passafest auch gerufen haben: kreuzige ihn! Und sie fragen: was sollen wir tun?

Den gewalttätigen Konsens der Gesellschaft kündigen

Und Petrus antwortet: so wie ihr damals auf der falschen Seite gestanden habt, so stellt euch jetzt auf die richtige Seite, auf die Seite des Gekreuzigten, lasst euch taufen und werdet ein Teil des neuen Gottesvolkes, das jetzt begonnen hat. Lebt auf die neue Weise, die Jesus gebracht hat.

Wir wissen, wie es ausgeht: am Abend sind dreitausend Menschen getauft. Und die Priester, die sich schon gefreut hatten, dass es mit Jesus endgültig aus und vorbei ist, hatten ein viel größeres Problem als vorher.

Und so entsteht das neue Volk Gottes aus Menschen, die vom Heiligen Geist geleitet werden und heraustreten aus dem Konsens der Gesellschaft, der durch Gewalt erzwungen und durch Gewalt wie das Kreuz erhalten wird. Der Heilige Geist holt dich heraus aus diesem tödlichen Konsens, der Jesus ans Kreuz gebracht hat. Und du behältst den Geist Jesu nur, wenn du nicht so sein willst wie alle anderen, sondern umkehrst und auf seinen Wegen gehst.

Das ist die große Freude, die die Christen immer begleitet hat: die Freude der Freiheit, die Freude, herausgeholt zu sein aus dem Denkraster, das die Menschen fesselt und lähmt. Offen zu sein für die Segenskräfte Gottes, so wie Jesus es war. Teil der Jesusbewegung werden. Die Sklaverei hinter sich zu lassen, durch das Meer in die Freiheit zu ziehen, symbolisiert in der Taufe. Gerettet zu werden von dem Verderben, in das die anderen hineinlaufen wie die Lemminge.

Die ersten 3000 sagten damals dazu »Ja«. So fing es an. Und es geht weiter.

Mai 132013
 

Predigt am 12. Mai 2013 zu Römer 14,1-11 (Predigtreihe Römerbrief 41)

1 Nehmt den an, der im Glauben schwach ist, ohne mit ihm über verschiedene Auffassungen zu streiten. 2 Der eine glaubt, alles essen zu dürfen, der Schwache aber isst kein Fleisch. 3 Wer Fleisch isst, verachte den nicht, der es nicht isst; wer kein Fleisch isst, richte den nicht, der es isst. Denn Gott hat ihn angenommen. 4 Wie kannst du den Diener eines anderen richten? Sein Herr entscheidet, ob er steht oder fällt. Er wird aber stehen; denn der Herr bewirkt, dass er steht.

5 Der eine bevorzugt bestimmte Tage, der andere macht keinen Unterschied zwischen den Tagen. Jeder soll aber von seiner Auffassung überzeugt sein. 6 Wer einen bestimmten Tag bevorzugt, tut es zur Ehre des Herrn. Wer Fleisch isst, tut es zur Ehre des Herrn; denn er dankt Gott dabei. Wer kein Fleisch isst, unterlässt es zur Ehre des Herrn, und auch er dankt Gott.

7 Keiner von uns lebt sich selber und keiner stirbt sich selber: 8 Leben wir, so leben wir dem Herrn, sterben wir, so sterben wir dem Herrn. Ob wir leben oder ob wir sterben, wir gehören dem Herrn. 9 Denn Christus ist gestorben und lebendig geworden, um Herr zu sein über Tote und Lebende.

10 Wie kannst also du deinen Bruder richten? Und du, wie kannst du deinen Bruder verachten? Wir werden doch alle vor dem Richterstuhl Gottes stehen. 11 Denn es heißt in der Schrift: So wahr ich lebe, spricht der Herr, vor mir wird jedes Knie sich beugen und jede Zunge wird Gott preisen.

Ich möchte das Denkmuster, um das es hier geht, illustrieren mit einer Muttertags-Geschichte. Zwei Geschwister hatten ihrer Mutter zum Muttertag ein Bild gemalt. Essen machen sollten sie eher nicht, die Mutter hatte Angst, dass sie sonst hinterher wieder die ganze Küche aufräumen müsste, aber pädagogisch, wie Mütter ja sind, hatte sie ihnen eine, wie sie glaubte, harmlosere Alternative aufgezeigt: »malt mir doch ein schönes Bild!« Gesagt, getan, beide holten ihre Stifte raus und kamen am Sonntag morgen um halb sieben, um die Mutter zu wecken und ihr ihre Werke zu präsentieren. Nachdem die sich gründlich die Augen gerieben hatte und sich langsam daran erinnerte, dass sie sich ja jetzt freuen musste, lobte sie die Werke der Kinder ausgiebig.

Aber das war dem älteren Kind gar nicht recht. Es schaute sich das Blatt des Nesthäkchens an und sagte: das ist doch bloß wieder Krickelkrackel. Naja, es ist nun mal so, mit vier Jahren kriegen nur besonders begabte Kinder mehr hin als Krickelkrackel. Das große Kind war schon beinahe 10, und da sieht ein schönes Bild natürlich schon ganz anders aus.

Pädagogik morgens um 7

Damit stand die Mutter zu dieser frühen Stunde vor der Aufgabe, dem älteren Kind auf pädagogisch wertvolle Weise nahezubringen, dass entscheidend nicht der künstlerische Wert der Bilder sei, sondern die menschliche Geste, die sich in diesen Bildern ausdrückte, also, wenn man es sehr hochtrabend sagen will: die Liebe, die in dem Bild drinsteckte. Aber sie musste es so sagen, dass auch das ältere Kind das Gefühl hatte, dass es mit seinem kreativen Potential wahrgenommen worden war. Und die Mutter musste gleichzeitig das ältere Kind an den größeren Überblick erinnern, den es mit seinen fast 10 Jahren hatte: mit 10 kann man ja nicht nur ein Bild umfassender komponieren, mit 10 ist man schon so weit, dass man die verschiedenen Entwicklungsstufen von Menschen wenigstens anfänglich begreifen und einordnen kann.

Und, um die Aufgabe vollends kompliziert zu machen, die Mutter musste das so sagen, dass nicht das jüngere Kind wiederum sich zurückgesetzt und abgewertet fühlte. Ja, der Muttertag ist besonders für Mütter keine einfache Angelegenheit.

Aber schon längst, bevor es den Muttertag gab, stand Paulus vor einer ganz ähnlichen Aufgabe. Er hatte es nicht mit Kindern unterschiedlichen Alters zu tun, sondern mit Christen, die in ihrer christlichen Reife unterschiedlich weit waren.

Pädagogik im antiken Rom

Da gab es in Rom einmal die Christen, die sich noch lebhaft an ihre heidnische Vergangenheit erinnern konnten. Vor noch gar nicht langer Zeit hatten sie in den römischen Tempeln Tiere geopfert und anschließend das Fleisch bei einem heiligen Essen verzehrt. Jetzt waren sie Christen und sagten: nie wieder! Damit will ich nichts mehr zu tun haben! Vielleicht erinnerten sie sich auch, dass es in ihrer Bibel, also im Alten Testament, viele Vorschriften gab, was man essen durfte und was nicht. Bloß wie konnten sie sich sicher sein, dass das Fleisch auf dem Markt auch wirklich kein Fleisch aus Götzentempeln war? Und war es auch richtig geschlachtet und behandelt worden? Wir wissen ja heute auch nicht wirklich, ob das Fleisch, das wir essen, Rind oder Pferd ist.

Also sagten sie: wir essen gar kein Fleisch, das ist das Sicherste: wir werden Vegetarier. Das war natürlich anders begründet als heute. Damals lebten die Menschen sehr eng mit Tieren zusammen, und erlebten es täglich, dass Tiere geschlachtet wurden – kaum jemand fand das grausam oder problematisch. Damals ging es nur um die Frage, ob das Fleisch womöglich – ich sage es mal so – religiös aufgeladen war.

Und dann geht jemand über den Markt, kauft sich seinen Salat und seine Möhren und sieht auf einmal, wie eine liebe Schwester aus der Gemeinde ein paar dicke Koteletts kauft, und das auch noch bei einem Schlachter, von dem bekannt ist, dass er fast all sein Fleisch aus den Tempeln bezieht. Und je nach Temperament stürzt er auf sie zu und schreit: »Stopp! Das ist Götzenfleisch!« oder er nimmt sie irgendwann nach dem Gottesdienst diskret beiseite und weist sie unter vier Augen eindringlich darauf hin, dass sie da dunklen Mächten Tür und Tor öffnet.

Die Christin ihrerseits ist peinlich berührt. Sie hat aus der Bibel und von Jesus gelernt, dass die ganze Welt von Gott gut geschaffen ist. Wir dürfen alles essen. Sie hat ihre heidnische Vergangenheit längst hinter sich gelassen und lacht nur noch über den Aberglauben mit dem Götzenfleisch. Sie weiß auch, dass Jesus selbst gesagt hat: »Nicht das, was in den Menschen hineingeht macht ihn unrein, sondern das, was aus ihm herauskommt: böse Gedanken, Worte und Taten.« Vielleicht hat sie sogar früher mal in Korinth gelebt und erinnert sich daran, dass Paulus gesagt hat: ihr dürft alles essen, Gott hat es gut geschaffen. Hühnerfabriken waren damals noch nicht das Problem.

Und nun stehen sich die beiden gegenüber wie die beiden Kinder um halb sieben morgens am Muttertag. Der eine sagt: du bist eine laue Christin, die sich auf Kompromisse mit der Welt einlässt. Und die andere sagt: du hast noch gar nicht verstanden, welche Freiheit wir durch Jesus haben. Und ganz außer Sicht gerät, dass sie es doch beide aus Liebe zu Gott getan haben, wie die Kinder aus Liebe zu ihrer Mutter den Krickelkrackel und das tolle Bild gemalt haben. Und Paulus steht dazwischen wie die Mutter zwischen ihren Kindern und muss ihnen das erklären.

Paulus wusste, was richtig war …

In der Sachfrage ist Paulus dabei ganz klar: natürlich darf man alles essen. Natürlich ist diese Welt von Gott geschaffen, und er hat nichts schlecht oder eklig gemacht, so dass man sich davon fernhalten müsste. Keine Menschen, keine Tiere sind so, dass man mit ihnen nichts zu tun haben darf. Die Welt ist enorm beschädigt, weil Menschen ihrer Berufung nicht treu geblieben sind. Aber es ist immer noch Gottes Welt, und es war ja gerade Jesus, der sich in der Kraft des Geiste den dunklen Zonen zugewandt hat, um sie zu heilen. Also: natürlich kann man alles essen, Fisch, Fleisch, Gemüse, egal, welche Voodoo – Zeremonien da irgendwelche heidnischen Komiker mit gemacht haben (noch einmal: wenn bei uns heute Menschen sagen “ich esse kein Fleisch aus Tierfabriken, weil ich die nicht unterstützen will”, das ist ein ganz anderer Zusammenhang).

Paulus gehört also nicht zu denen, die sagen: man kann so etwas ja nicht wissen, es kann richtig sein, aber auch das Gegenteil kann richtig sein, ich will mir kein Urteil erlauben. Paulus wusste, was richtig war. Und er sagt nicht: diejenigen, die lieber kein Fleisch essen oder ängstlich bemüht sind, bestimmte Feiertage genau einzuhalten, die haben sich eben für diese Art von Glauben entschieden, und wir haben kein Recht zu denken, dass das falsch ist. Paulus nennt diese Art von Glauben einen schwachen Glauben. Einen Glauben, der noch ganz am Anfang ist. Jesus hat gerade angefangen, in die Gedanken von Menschen hereinzukommen, und sie sind noch sehr in einer religiösen Denkwelt gefangen.

Es ist witzig, wie sich die Perspektive da inzwischen gedreht hat. Wir nennen solche Christen heute manchmal »strenggläubig« und dabei klingt mit: das sind Christen, denen es besonders ernst ist mit ihrem Glauben. Im Vergleich zu vielen Menschen, die sich überhaupt nicht um Gott kümmern, stimmt das ja sogar. Aber Paulus würde sagen: viele davon sind eigentlich die im Glauben Schwachen. Man merkt an ihrer Strenge, wie unsicher sie noch sind. Wir müssen sie uns nicht als Vorbilder für besonders ernsthaftes Christsein nehmen.

… aber darum geht es hier nicht

Aber das ist nicht der Punkt. Auch wenn Paulus eine klare Meinung hat: es geht ihm nicht ums Rechthaben. Es geht ihm darum, dass ganz unterschiedliche Christen in einer Gemeinde miteinander auskommen sollen. Christen, die mit ganz unterschiedlichen Voraussetzungen starten, eine bunte Truppe aus allen möglichen Kulturen, mit höchst unterschiedlicher Bildung, auf ganz verschiedenen Stationen ihrer Lebensreise, aus allen sozialen Schichten und alle zusammen in einer Gemeinde. Es kann schon schwer sein, am Muttertagsmorgen zwischen dem großen und dem kleinen Kind in einer Familie zu vermitteln. Aber so eine bunt zusammen gewürfelte Gemeinde zusammen zu halten, das ist eine noch ganz andere Herausforderung.

Und das kann nur funktionieren, wenn alle aufhören, sich dauernd Gedanken über die anderen zu machen. Wenn wir ehrlich sind, hat doch jeder mit sich selbst schon genug zu tun. Vielleicht ist der Andere zu lax, vielleicht ist er noch nicht sehr reif, aber erstmal reicht es völlig, zu wissen: Gott hat ihn angenommen. Merkwürdigerweise hat er in diesem merkwürdigen Menschen den Glauben an Jesus geweckt, und es ist Gottes Sache, wie er den jetzt voranbringen will. Er gehört dir nicht, Paulus sagt: »es ist der Knecht eines anderen«. Du bist nicht der, der ihn beurteilen muss. Wenn er aus Liebe zu Jesus nur Gemüse isst, dann ist das ein Zeichen seiner Liebe zu Jesus und damit in Ordnung, so wie das Krickelkrackel des Vierjährigen ein Zeichen seiner Liebe zur Mutter ist. Und eines Tages wird er ja vielleicht zurückschauen und sagen: jetzt kann ich meine Liebe zu Jesus und meinen Glauben besser ausdrücken als damals am Anfang.

Jeder soll in seiner Meinung sicher sein

Aber dahin kommt er in der Regel nicht dadurch, dass man sich mit ihm streitet oder ihn zu überzeugen versucht. Jesus muss einen Weg mit ihm gehen, und wir andern können das unter Umständen ein bisschen unterstützen, aber wir können nichts erzwingen. Jeder soll seinen Weg mit voller Überzeugung gehen, nach bestem Wissen und Gewissen, und auf diesem Weg wird er lernen. Er wird reifer und klarer werden, wenn er nur seinen Glauben und seine Liebe zu Jesus fest hält. Vielleicht kommt er irgendwann in eine Sackgasse und merkt, dass er sich verlaufen hat, vielleicht ist er irgendwann sogar so weise geworden, dass er andere um Rat fragt. Und die Gemeinde ist ein Schutzraum, wo Menschen ein bisschen behütet werden, bis sie selbst reifer geworden sind, und eines Tages können sie dann vielleicht auch anderen so einen Schutzraum geben, wo sie ihre ersten schwankenden Schritte im Glauben machen können, ohne all zu viel Schaden bei sich selbst und anderen anzurichten.

Damit so eine bunte Gemeinde funktioniert, ist es wichtig, dass alle wissen: der andere gehört seinem Herrn, Jesus, nicht mir. Man kann immer nur sehr begrenzt ahnen, was dieser Herr jetzt mit ihm vor hat. Deshalb gibt es nur sehr selten prinzipielle Lösungen oder klare Entscheidungen. Das meiste ist Durchwursteln, Improvisieren, pragmatische Zwischenlösungen schaffen. Die Engländer nennen so etwas: Katzen hüten (herding cats – mit Dank an Arne Bachmann, auf dessen Blog ich das Stichwort gerade zur rechten Zeit las; auch sein Papier zu Miroslav Volf hat mich bei dieser Predigt gedanklich begleitet.), also eine Herde von sehr eigenwilligen und unterschiedlichen Persönlichkeiten zusammenhalten. Wie Gott dieses ganze Durcheinander jemals auflösen wird, ist nicht unser Problem, sondern Gottes Sache.

Aber Gott ist da erstaunlicherweise zuversichtlich. Paulus endet mit einem Zitat aus Jesaja: »So wahr ich lebe, spricht der Herr, vor mir wird jedes Knie sich beugen und jede Zunge wird Gott preisen.« Gott ist sich ganz sicher, dass er diese Welt wieder zurückholen wird, dass ihn nichts von seinem Plan abbringen wird. Wie er das schaffen will, ist sein Geheimnis, aber schließlich ist er ja Gott.

Gottes Zuversicht ermöglicht uns das Durchwursteln

Es ist gut zu wissen, dass Gott sich ausdrücklich festgelegt hat, dass er seinen Job hinkriegen wird. So können wir uns auf unseren Job konzentrieren, und ihm das andere überlassen. Das ist beinahe schon ein kontemplativer Blick auf Menschen, mit Zuversicht und ohne dieses Gefühl: du musst ihn jetzt zu irgendetwas bringen. Und das ist die Basis, auf der eine quietschbunte Gemeinde funktionieren kann. Auch die Mutter am Muttertagsmorgen wird die Probleme zwischen ihren Kindern nicht grundsätzlich aus der Welt schaffen, sie kann sie nur managen und hoffen, dass die beiden es schaffen, ohne allzu große Verletzungen erwachsen und vernünftig zu werden.

So, eigentlich würde jetzt die Predigt erst anfangen: wie nämlich solche bunten Gemeinden es schaffen können, in der total pluralistischen, multikulturellen Welt, in der wir leben, einen Geist auszustrahlen, der es Menschen ermöglicht, in Gelassenheit miteinander umzugehen, sich ihre gegenseitigen Schwachstellen nicht unter die Nase zu reiben und am Ende sich über die zu freuen, die ganz anders sind. Wie man mit Reife und menschlicher Stärke Menschen zusammen hält und nicht mit Druck und Manipulation. Aber wenn ich jetzt auch noch darüber spreche, dann kriege ich wahrscheinlich ernsthafte Probleme.

Also denkt weiter drüber nach, allein, oder, besser, mit anderen zusammen: wie kann in der Gemeinde eine Kultur wachsen, wo der Andere, der Fremde angenommen wird, eine Kultur, die auch all den anderen helfen kann, die noch nichts wissen von der Liebe zu Gott und dem Glauben?

Mai 082013
 

Predigt am 5. Mai 2013 zu Römer 13,8-14 (Predigtreihe Römerbrief 40)

8 Bleibt niemand etwas schuldig! Was ihr einander jedoch immer schuldet, ist Liebe. Denn wer den anderen liebt, hat damit das Gesetz erfüllt. 9 Wenn nämlich das Gesetz sagt: »Du sollst nicht die Ehe brechen, du sollst keinen Mord begehen, du sollst nicht stehlen, du sollst der Begierde keinen Raum geben!«, dann sind diese und alle anderen Gebote in dem einen Wort zusammengefasst: »Liebe deine Nächsten wie dich selbst!« 10 Die Liebe tut dem Nächsten nichts Böses an. Darum ist die Liebe die Erfüllung des Gesetzes.
11 Bedenkt die gegenwärtige Zeit: Die Stunde ist gekommen, aufzustehen vom Schlaf. Denn jetzt ist das Heil uns näher als zu der Zeit, da wir gläubig wurden. 12 Die Nacht ist vorgerückt, der Tag ist nahe. Darum lasst uns ablegen die Werke der Finsternis und anlegen die Waffen des Lichts. 13 Lasst uns ehrenhaft leben wie am Tag, ohne maßloses Essen und Trinken, ohne Unzucht und Ausschweifung, ohne Streit und Eifersucht. 14 Legt (als neues Gewand) den Herrn Jesus Christus an und hätschelt nicht eure alte selbstsüchtige Natur, damit die Gier keine Macht über euch gewinnt.

Als wir neulich Konfirmation hatten, da erzählte eine Konfirmandin morgens vor dem Gottesdienst, dass sie vor lauter Aufregung schon um 5 Uhr morgens aufgewacht wäre und nicht wieder einschlafen konnte. Oder, es ist schon etwas länger her, da hörte ich eine Geschichte davon, wie ein kleiner Junge am ersten Schultag auch schon ähnlich früh aufgestanden ist, sich angezogen und vorsichtshalber noch mal seine Schultasche ausprobiert hat.

Menschen voller Erwartung

Wahrscheinlich kennen Sie auch solche Geschichten von sich selbst und anderen, wie man erwartungsvoll aufwacht und an Schlaf nicht mehr zu denken ist, weil heute noch etwas ganz Tolles passiert.

Auch ohne solche Anlässe ist der Morgen übrigens eine herrliche Zeit, wenn jetzt im Frühling endlich die ersten Vögel anfangen zu singen, die Luft sich frisch und belebend anfühlt und sich am Horizont der erste Lichtschimmer zeigt.

Das sind die Bilder, wie Paulus sie vor unserem inneren Auge aufrufen möchte: Bilder von erwartungsvollen Menschen, die früh aufwachen, weil sie es nicht abwarten können, zu sehen, wie die Welt erneuert wird und endlich die Finsternis und die Kälte verschwinden.

Der Tag, den Paulus heraufdämmern sieht, das ist die neue Welt, in der es Menschen leicht fällt, gut zu sein. Der Tag Jesu Christi, der mit seiner Auferstehung begonnen hat. Da ist die neue Menschheit geboren worden, die auf der Basis von Liebe miteinander lebt. Paulus bringt das beides eng zusammen, das erste Licht der neuen Menschheit und die Liebe.

Liebe – das erste Licht der neuen Menschheit

Liebe ist in der Bibel nicht ein warmes Gefühl oder eine sentimentale Stimmung. Liebe ist ganz eng angekoppelt an die Art, in der Jesus gelebt hat. Und in diesem Leben Jesu spiegelt sich Gott wider. Es war damals nicht selbstverständlich, dass gerade Liebe ein zentraler Wert sein sollte. Für uns sind das vertraute Gedanken, weil Leute wie Paulus das durchdacht und verbreitet haben, dass Gott Liebe ist und dass Liebe das Wichtigste und Zentrale ist. Damals war das neu und eher unbekannt.

Bei den Juden gab es das Gesetz mit seinen Regeln und Geboten; bei den Griechen und Römern gab es auch »Werte«, aber die bewunderten vor allem Menschen, die große Taten vollbrachten und Ruhm errangen. Tapferkeit war dann so ein Wert, oder auch die Fähigkeit, in schwierigen Zeiten nicht die Gelassenheit zu verlieren. Und auch die Götter, so dachte man, würden das schätzen.

Die Christen haben in Auslegung des Lebens Jesu dann gesagt: das zentrale Charaktermerkmal Gottes ist Liebe, ganz besonders die Liebe zu denen, die sie nicht zurückgeben können. Und diese Liebe soll auch Menschen bewegen. Es ist eine offensive Liebe: sie beschränkt sich nicht darauf, zu sagen, was verboten ist. Sie reagiert nicht nur, sondern sie ergreift die Initiative und gestaltet die Welt. Und die Gebote des jüdischen Gesetzes und auch die meisten Ideale der Heiden sind da sowieso mit eingeschlossen. Wenn man in der Welt Liebe verbreitet, dann ist es ja eine Grundvoraussetzung, dass man andere Menschen nicht angreift, ihnen nicht den Besitz oder den Partner entwendet und es gehört auch mindestens dazu, dass man nicht von Gier getrieben wird und die Welt als Beute ansieht, als einen großen Kuchen, der nur für mich da ist und von dem ich mir ein so großes Stück wie irgend möglich abschneide und in mich hinein stopfe.

Das Geheimnis hinter allen sinnvollen Werten

Deswegen steht da am Anfang so eine merkwürdige Formulierung: bleibt niemanden etwas schuldig außer der Liebe. Gemeint ist: es gibt viele sinnvolle Lebensregeln und Vorschriften, an die man sich halten soll und kann, und die meisten von uns tun das auch ganz selbstverständlich. Aber darüber hinaus gibt es die Liebe, die sich nicht in Vorschriften erschöpft, weil sie neue Wege geht, wo noch nie ein Mensch zuvor gewesen ist. Liebe ist kreativ, sie denkt sich Neues aus, was vorher noch keiner gemacht hat, Liebe sieht Chancen, die noch kein anderer gesehen hat. Sie arbeitet mit einer Wortnuance, mit einem Blick, aber sie gründet auch Organisationen und erfindet neue Berufe, sie lässt uns die Welt anders sehen – wie willst du das alles in Vorschriften gießen?

Deswegen erfüllt Liebe alle sinnvollen Vorschriften, sie umfasst alle sinnvollen menschlichen Ideale, aber sie macht das sozusagen mit links, als Aufwärmübung, sie geht eigentlich weit darüber hinaus, sie fängt eigentlich erst da richtig an, wo die Vorschriften längst aufgehört haben.

Liebe ist das Geheimnis hinter allen sinnvollen menschlichen Werten, aber sie ist viel größer als irgendwelche Werte: sie ist das Grundgesetz der neuen Menschheit, die mit Jesus begonnen hat. Und die Menschen, die sich zu dieser Jesusbewegung zählen, die sind voller Erwartung, weil sie das Neue kennen, das da heraufzieht. Sie sehen am Horizont das erste Licht des neuen Tages, es ist wunderschön, und sie freuen sich darauf, was dieser Tag noch alles bringen wird. Denkt dran, sagt Paulus, ihr wart schon begeistert von diesem Aufbruch Gottes, als ihr das Evangelium zum ersten Mal gehört habt, und inzwischen ist Gottes Bewegung schon wieder weitergegangen.

Ein neues Deutungsmuster

Wir denken sonst immer nach dem ja damals!-Schema, so nostalgisch: Ja, damals, als noch alles so neu war: gleich nach der Hochzeit, gleich nach der Gründung, gleich nach dem Aufbruch, da herrschte noch Begeisterung, da war noch alles offen, aber dann ist die Ernüchterung eingekehrt. Dann wurde alles Routine und vielleicht sogar Zwang. Paulus wechselt dieses Schema aus und sagt: seht es andersherum – da ist in Wirklichkeit etwas vorangekommen und gewachsen. Aus ein paar unbeständigen Gefühlen ist eine neue Familie geworden, und alle Beteiligten sind reich an Erfahrungen. Aus einer vagen Geschäftsidee ist eine richtige Firma geworden. Aus erster Begeisterung ist ein neuer Weg geworden, auf dem jetzt viele gehen.

Und wendet man diese Umkehr auf die Jesusbewegung an, dann bedeutet das: aus Jesus und seinen paar Jüngern ist eine weltweite Bewegung geworden, sie hat inzwischen fast alle Völker erreicht, sie hat neue Ideale und Gedanken unter die Menschen gebracht (nicht zuletzt die Liebe) und die Welt in unglaublicher Weise bewegt.

Hoffnung macht munter

Das sagt dieses Bild vom Anbruch des neuen Tages und von denen, die früh aufstehen, weil sie es gar nicht erwarten können. Und Paulus rüttelt sie sozusagen wach und erinnert sie: ihr gehört doch nicht zu denen, die morgens noch halb betäubt in die Küche wanken und mit verklebten Augen nach der Kaffeemaschine suchen, weil sie sonst ihr morgendliches Koma nicht überwinden. Gut, wenn man keine andere Erwartung hat als einen neuen Tag voll mürrischer Chefs, nervender Kollegen, schreiender Kinder, unerquicklicher Behördengänge und flacher Unterhaltung, dann kommt man vielleicht morgens nicht anders in Gang als mit einer kräftigen Dosis Koffein.

Aber ihr, erinnert euch, in eurem Tag ist Jesus Christus drin mit seiner großen Bewegung, um die Welt bis zum Rand mit der Liebe Gottes zu füllen. Ihr lebt mit der Erwartung, dass Gott hineinkommt in euren Tag, dass er euch Segen, Sinn und Erfüllung gibt, dass sein Weg durch die Welt Tag für Tag auch durch euer Leben verläuft. Ihr seid die Menschen des Tages, und deshalb könnt ihr erwarten, dass Gott durch euch Liebe und Licht verbreitet.

Paulus arbeitet mit diesem Gegensatz von Tag und Nacht, um zu unterscheiden zwischen einem Leben mit Hoffnung und Erwartung und einem Leben, das in allen möglichen kaputten Beschäftigungen versumpft. Wer in seinem Leben keine Hoffnung und keine Freude drin hat, der möchte am Ende des Tages noch irgendwoher etwas Energie herbekommen, irgendetwas haben, was ihm das Gefühl von Befriedigung und Leben verschafft. Und die einen plündern dann den Kühlschrank, die anderen durchwühlen das Internet, wieder andere ziehen durch die Kneipen und versuchen, noch schnell jemanden abzuschleppen, damit der Tag nicht so leer bleibt.

Aber Gott ist nicht Mangel, sondern Fülle, und wir sollen lernen, aus der Fülle Gottes zu leben. Die Liebe ist die Fülle Gottes, die in seine Welt hineinströmt, und wenn wir an dieser Fülle Anteil haben, dann ist das Leben voller Erwartung und Liebe und Licht, wir müssen uns unsere Energie dann nicht aus trüben Quellen holen, sondern haben genug, um sie mit vielen anderen zu teilen.

Echte Veränderung betrifft die Sicht auf die Welt

Echte Veränderung geschieht nicht da, wo Menschen sich irgendwelchen Vorschriften und Appellen beugen (obwohl die auch manchmal ganz sinnvoll sein können). Die eigentlichen Verschiebungen passieren, wo Menschen ihre Denkmuster auswechseln, die ihr Leben gestalten; wo die Bilder ausgetauscht werden, in denen sie ihr Leben sehen:

Nicht mehr aus dem Bewusstsein des Mangels leben, sondern mit der Erwartung der Fülle. Nicht in der Auseinandersetzung mit Vorschriften, die andere einem aufdrücken, sondern im Bewusstsein, dass ich in der Kraft Jesu die Welt gestalten kann. Aufstehen mit der Erwartung der Konfirmandin, die ihr großer Tag nicht schlafen lässt – und nicht mit dem Gefühl: schon wieder einer von diesen schrecklichen Montagen, von denen ich nicht weiß, wie ich sie überleben soll. Das sollte sich doch inzwischen herumgesprochen haben, dass für unser Lebensglück unsere Gedanken, unsere Lebenssicht und unsere Erwartungen viel entscheidender sind als die äußere Lage oder gar der Stand des Bankkontos.

Paulus erinnert seine Leute daran, was sie eigentlich schon längst wissen – aber manchmal muss man daran erinnert werden. Manchmal muss einer kommen und uns sagen: es ist ein herrlicher Morgen, und die Vögel singen schon. Gott will dir den Tag vollpacken mit guten Dingen. Er gibt dir genug, um es mit anderen zu teilen und Liebe zu verbreiten. Er geht seinen Weg durch die Welt auch in deinem Leben. Übersehe ihn nicht!