Apr 092013
 

Predigt am 7. April 2013 zu Jesaja 40,26-31

26 Hebt eure Augen in die Höhe und seht: Wer hat die (Sterne) dort oben erschaffen? Er ist es, der ihr Heer täglich zählt und heraufführt, der sie alle beim Namen ruft. Vor dem Allgewaltigen und Mächtigen wagt keiner zu fehlen.
27 Jakob, warum sagst du, Israel, warum sprichst du: Mein Weg ist dem Herrn verborgen, meinem Gott entgeht mein Recht? 28 Weißt du es nicht, hörst du es nicht? Der Herr ist ein ewiger Gott, der die weite Erde erschuf. Er wird nicht müde und matt, unergründlich ist seine Einsicht. 29 Er gibt dem Müden Kraft, dem Kraftlosen verleiht er große Stärke. 30 Die Jungen werden müde und matt, junge Männer stolpern und stürzen. 31 Die aber, die dem Herrn vertrauen, schöpfen neue Kraft, sie bekommen Flügel wie Adler. Sie laufen und werden nicht müde, sie gehen und werden nicht matt.

Als das Volk Israel besiegt und nach Babylon verschleppt war, das war äußerlich gesehen ihre schlimmste Zeit. Aber in dieser Zeit haben sie Dinge über Gott verstanden, die sie nirgendwo anders hätten lernen können. Sie waren nur noch eine Fußnote der Weltgeschichte, kurz davor, sich im Völkerschmelztiegel Babylon endgültig aufzulösen. Viel dramatischer war das als heute, wo schon seit langem die Soziologen das Ende von Christentum und Kirchen prophezeien und auch vielen gutmeinenden Christen beim Gedanken an die Zukunft das Herz in die Hose rutscht, und sie denken: oje, in einer Generation sind wir bestimmt ausgestorben!

Damals in Babylon stand es wirklich auf Messers Schneide. Leute aus einem kleinen Königreich in einem winzigen Ländchen fanden sich plötzlich wieder mitten im Herzen eines Weltreichs. Traumatisiert von all dem Morden und Brennen, das sie gesehen hatten, geschwächt von einem Hunderte Kilometer langen Fußmarsch, wurden sie überwältigt von einer riesigen Metropole und einer hochentwickelten Kultur. Alles war so viel größer und mächtiger, als sie es von zu Hause kannten: riesige Tempel und Tore, breite Prozessionsstraßen, der berühmte Turm zu Babel, eine entwickelte Zivilisation, effektive Verwaltung, eine mächtige Militärmaschine – da kamen sie sich noch viel ohnmächtiger vor als Lieschen Müller aus Kleinkleckersdorf, wenn es sie von heute auf morgen in eine Weltstadt verschlagen hat.

Verschleppt ins Herz eines Weltreiches

Und natürlich gehörten zu dieser Zivilisation die babylonischen Götter, die mit hochgeputzten Multimedia-Events gefeiert wurden: Götterbilder, Lichteffekte, Weihrauch, Pauken und Trompeten, kostbarstes Material. Das Ischtar-Tor, das heute in Berlin im Museum steht, ist immer noch beeindruckend in seiner ganzen Farbenpracht.

Daneben kamen sie sich schäbig vor, mit einem Gott, dessen Tempel gerade in Flammen aufgegangen war, deren Heimat zur Wildnis wurde, Verschleppte, die wieder ganz unten neu anfangen mussten.

Aber irgendwann in diesen Jahren hörten sie die Stimme wieder, die sie aus der Heimat kannten, die Stimme Gottes, die sie in ihrem Glück nur allzu gern überhört hatten. So wie Gott im Munde der Propheten geredet hatte, so standen wieder Menschen auf und die Stimme sprach von Neuem, aber diesmal in einer neuen Tonlage. In der alten Heimat hatten die Propheten gewarnt, dass Ungerechtigkeit und Gewaltherrschaft ins Verderben führen würden. Und sie hatten ja Recht behalten, es war alles so gekommen, wie sie es angekündigt hatten. Aber jetzt, besonders in den Worten, die im zweiten Teil des Jesajabuches gesammelt sind, war der Ton anders. Jetzt waren es Worte der Ermutigung. Jetzt stärkte ihnen einer den Rücken gegen den überwältigenden Sog dieser Reichshauptstadt.

Eine neue Perspektive

Schaut nach oben! sagte er. Löst den Blick vom täglichen Klein-Klein, von der Arbeit, vom vollen Terminkalender, von den Schikanen babylonischer Ausländerbehörden, von den Geldsorgen und den schnellen kleinen Freuden, die leer sind und nicht satt machen, schaut nach oben zum Himmel! Der Himmel ist immer ein Bild dafür, dass es noch etwas anderes gibt als die Apparate, in die wir eingebunden sind und wo wir funktionieren müssen. Noch der elendeste Sklave freut sich, wenn er gelegentlich einen Blick zum Himmel erwischt, und die Diktatoren wissen, weshalb sie ihre Gefangenen gerne in fensterlosen Zellen einkerkern. Dort in Babylon, im Süden, ist der Glanz der Sterne noch viel prächtiger als bei uns, und es gab noch nicht die Verschmutzung des Himmels durch irdische Lichtquellen.

Schaut nach oben! Seht wie groß und prächtig das alles ist! Stell dich in einer klaren Nacht unter das Himmelgewölbe und sag dir: so groß ist das alles, viel größer als die Enge, in der ich lebe. Gott hat das geschaffen, es ist alles in seiner Hand, er ist der Gott des Himmels, und vor ihm ist auch der ganze Glanz Babylons eine billige Funzel, genauso wie die Leuchtreklamen und Laserbeamer von heute.

Ihr kennt den Schöpfer

Und ihr seid sein Volk! Der Gott des Himmels, der immer noch so viel größer ist als dieses riesige Gewölbe, der alles geschaffen hat, er kennt euch auch hier in den Plattenbauten von Babylon, und er lässt euch nicht aus den Augen, niemals. Ihr seid und ihr bleibt sein Volk, und das ist besser und größer als alles, was euch die Metropole bieten kann an Glanz und Verlockung. Ihr kennt seine Gedanken, ihr kennt sein Herz, ihr seid sein Augapfel. Tag für Tag geht sein Segen in die Welt, und Tag für Tag wacht er über euch. Lasst euch nicht irre machen, indem ihr nur auf euren täglichen Kampf schaut und auf eure kümmerlichen Umstände. Schaut nach oben und schaut nach vorn. Schaut auf die ganze Realität, und dazu gehört der Schöpfer der Welt, der Gott des Himmels. Erst so stimmt das Bild.

So ist im Elend von Babylon endgültig der Gedanke geboren worden, dass der wahre Gott nicht eine von den vielen großen Kräften in dieser Welt ist, nicht die politische Macht, nicht das militärische Potential, nicht die wilden Triebe der Menschen, sondern dass er diese ganzen Kräfte erschaffen hat und ihr Herr ist, und keiner davon traut sich, auch nur eine Minute zu spät vor ihm zu erscheinen.

Denn die Babylonier glaubten, dass die Sterne Götter seien, dass die Sterne die wirklichen Herren der Welt wären. Deshalb betrieben sie Astronomie und versuchten, den Willen der himmlischen Mächte aus den Bahnen der Gestirne herauszulesen. Wenn die Babylonier also nach oben schauten, sahen sie auch dort am Himmel ihre Herren. Der zweite Jesaja dagegen sagt: Unsinn, das alles hat unser Gott geschaffen. Er gibt den Sternen ihre Bahn genauso wie den Königen. Die Babylonier sagten: die Sterne stehen hinter den Königen. Israel sagte: die Herzen der Könige sind in der Hand des Herrn, und er lenkt sie, wie er will.

Die Entzauberung der Götter

Damals in Babylon wurde auch die Schöpfungsgeschichte der Bibel aufgeschrieben. In der biblischen Schöpfungsgeschichte müssen die Sterne bis zum vierten Tag warten, bevor sie an der Reihe sind, erschaffen zu werden. Bei den Babyloniern waren sie Götter, in der Schöpfungsgeschichte sind sie Lampen. Drei Tage lang kommt Gott auch sehr gut ohne sie aus. Damit ist alles gesagt.

Heute streiten sich Menschen darum, ob nun Gott die Welt wirklich in sieben Tagen erschaffen hat oder nicht. Egal, ob sie das bestreiten oder bejahen, sie zeigen damit nur, dass sie nichts verstanden haben. Die wirkliche Frage ist: wer regiert diese Welt? Die großen Mächte oder der Gott, der alles erschaffen hat und es Tag für Tag mit seinem Segen erhält?

Damals wurde irgendwo in den babylonischen Schlichtbauten endgültig der Gedanke geboren, dass all die Mächte, die uns im Griff haben, die uns schikanieren und faszinieren, dass all diese Mächte und Gewalten doch nur klein und ohnmächtig sind vor dem Gott des Himmels, der die Welt erschaffen hat, der anders ist als seine Schöpfung und der sie trotzdem in jeder Sekunde erfüllt mit seiner Gegenwart und seiner Kraft. Unter den ohnmächtigen Verbannten wuchs die Freiheit, die dieser Gott seinen Menschen schenkt, und seit damals sehen wir dort oben am Himmelszelt nicht mehr unsere Herren, die uns schon hier auf Erden genug drangsalieren, sondern die Größe und Majestät unseres Gottes. Und sie richtet uns auf, wie bescheiden und betrübt unsere Verhältnisse auch sein mögen.

Die Kraft des Schöpfers

Denn darum geht es in diesem zweiten Teil des Jesajabuches: Gottes Energie, mit der er Tag für Tag die Welt bewegt, die kommt auch zu seinen Leuten. Es ist die Energie der Hoffnung. Es ist die Kraft der Freiheit. Es ist die Zähigkeit derer, die sich nicht blenden lassen vom Glanz der Imperien jeder Art, die ihre Kraft nicht im Hamsterrad der Apparate erschöpfen.

In den traditionellen Gesellschaften sind die Alten mit ihrer Lebensweisheit das Ideal. In der dynamischen, eher modernen Zivilisation von Babylon scheinen es die jungen Leute mit ihrem Schwung gewesen zu sein, an denen sich alle orientierten. Aber Jesaja sagt: auch das ist eine Illusion. Ohne die Kraft der Freiheit, die vom Gott des Himmels kommt, erschöpfen sich auch die Jungen schnell. Die großen Mächte absorbieren ihre Lebenskraft, auch sie werden müde und kraftlos, und am Ende bleiben erschöpfte Alte zurück, die ewiggleiche Geschichten erzählen, für die sich keiner interessiert. Aber wer Anteil hat an der Lebenskraft des Schöpfers, wer nicht Geschöpfe verehrt, sondern den Schöpfer kennt und ihm vertraut, der wird nicht müde, dem wachsen Adlersflügel, und seine Kraft wird jeden Morgen erneuert. Es ist die Kraft der Freiheit, die auch dann noch da ist, wenn unser Körper alt geworden ist und die Spuren der Jahre unübersehbar sind.

Wahrheit muss neu gewonnen werden

Im Prinzip hatte Israel das alles auch schon vorher gewusst. Sie hatten auch schon vorher geglaubt, dass Gott die Welt geschaffen hatte. Aber jetzt, in der Konfrontation mit Babylon, wurde das alles noch einmal neu geboren. Gott hat alles noch einmal aufs Spiel gesetzt: sein Volk, seine Wahrheit, und es wurde alles noch einmal neu geboren, klarer und stärker als je zuvor. Allmählich begann die Wahrheit aufzuscheinen, dass Gottes Kraft sich bei den äußerlich Machtlosen zeigt und dass sie von anderer Art ist und anders wirkt als die Macht der Mächtigen.

Dass Gottes Kraft in seinen Menschen liegt und nicht in den Waffen, dass er auch vom Tod erretten kann, das alles beginnt sich hier anzudeuten. Aber auch das alles hat Gott noch einmal aufs Spiel gesetzt, als Jesus den Weg in den Tod auf sich nahm. Es musste alles noch einmal mit Jesus sterben und auferstehen, und es wurde von neuem geboren, deutlicher und wirksamer als je zuvor. Durch alle Dunkelheiten hindurch enthüllte sich Gottes Wahrheit immer genauer. Und deswegen müssen wir keine Angst vor der Dunkelheit haben. Über allem leuchten die Sterne, die uns immer wieder erinnern an die Größe und Majestät Gottes.

Apr 022013
 

Predigt am 1. April 2013 (Ostermontag) zu Apostelgeschichte 10,34-43

Wahrscheinlich haben wir alle schon mal von Romeo und Julia gehört, dem wahrscheinlich berühmtesten Liebespaar der Weltliteratur. Weniger bekannt ist schon, dass die beiden das Problem haben, dass ihre Familienclans verfeindet sind und sie eigentlich gar nicht zusammenkommen dürften. Aber sie schließen sozusagen ihren Privatfrieden miteinander. Nur leider geht es am Ende böse aus, sie scheitern an der Feindschaft, in der sie drinstecken.

Die Geschichte, die wir gleich hören werden, handelt auch von so einem Privatfrieden zwischen Menschen, die eigentlich verfeindet sein müssten. Zum Glück geht die Geschichte aber besser aus als die von Romeo und Julia.

Ein Privatfriede über eine Kluft hinweg

Die Feindschaft, über die hinweg es diesen Privatfrieden gibt, ist die Kluft zwischen einem römischen Besatzungsoffizier in Israel im ersten Jahrhundert und dem Juden Petrus, dem Jünger von Jesus. Petrus ist Angehöriger eines unterworfenen Volkes, der andere, Kornelius heißt er, ein Centurio, ein wichtiger Funktionär im römischen Militärapparat. Selbst wenn Kornelius persönlich ein integrer Mann ist, es bleibt dabei, dass die beiden auf unterschiedlichen Seiten stehen und nicht zueinander kommen sollten.

Aber es ist eine der Wirkungen des auferstandenen Jesus, dass er solche Trennungen überwindet. Das hat er schon vorher getan, aber nach seiner Auferstehung geschieht das global, weltweit. Trotzdem – wenn man die ganze Geschichte liest, dann merkt man, dass Gott zu außergewöhnlichen Mitteln greifen muss, um die beiden zusammenzubringen. Beide begegnen Engeln und haben Visionen, bis sie für ihre Begegnung vorbereitet sind.

Kornelius war offenbar schon vorher von der jüdischen Religion beeindruckt. Er gehörte wohl zu den »Gottesfürchtigen«: keine richtige Mitglieder des Volkes Israel, aber eine Art Sympathisanten. Kornelius spendete, er betete zum Gott Israels, aber er war nicht wirklich angekommen. Er wusste, dass es noch mehr geben musste, und jetzt, als Petrus kommt, da erwartet er sich die Antwort auf seine Gebete. Was also ist es, was Petrus ihm ihm sagen wird? Das ist heute unser Predigttext:

34 »Wahrhaftig«, begann Petrus, »jetzt wird mir ´erst richtig` klar, dass Gott keine Unterschiede zwischen den Menschen macht! 35 Er fragt nicht danach, zu welchem Volk jemand gehört, sondern nimmt jeden an, der Ehrfurcht vor ihm hat und tut, was gut und richtig ist.

36 ´Was ich euch bringe, ist` die Botschaft, die Gott bereits den Israeliten verkünden ließ; es ist das Evangelium vom Frieden durch den, der über alle Menschen Herr ist, Jesus Christus. 37 Ihr habt sicher von dem erfahren, was sich im ganzen jüdischen Land zugetragen hat. Angefangen hatte es in Galiläa, nachdem Johannes zur Taufe aufgerufen hatte: 38 Jesus von Nazaret wurde von Gott mit dem Heiligen Geist gesalbt und mit Kraft erfüllt und zog dann im ganzen Land umher, tat Gutes und heilte alle, die der Teufel in seiner Gewalt hatte; denn Gott war mit ihm.

39 Wir Apostel sind Zeugen von all dem, was er im jüdischen Land und in Jerusalem getan hat. Und dann hat man ihn getötet, indem man ihn ans Kreuz hängte. 40 Doch drei Tage danach hat Gott ihn auferweckt, und in Gottes Auftrag hat er sich als der Auferstandene gezeigt – 41 allerdings nicht dem ganzen Volk, sondern nur denen, die Gott schon im Voraus zu Zeugen bestimmt hatte, nämlich uns Aposteln. Mit uns hat er, nachdem er von den Toten auferstanden war, sogar gegessen und getrunken. 42 Und er gab uns den Auftrag, dem ganzen Volk mit allem Nachdruck zu verkünden und zu bezeugen, dass er der von Gott eingesetzte Richter ist, der über die Lebenden und über die Toten das Urteil sprechen wird.

43 Schon die Propheten haben von ihm geredet. Durch ihn, so bezeugen sie alle übereinstimmend, bekommt jeder die Vergebung seiner Sünden – jeder, der an ihn glaubt.« 44 Während Petrus noch über diese Dinge sprach, kam der Heilige Geist auf alle herab, die seine Botschaft hörten.

Was sagt Petrus hier einem Heiden, der wissen will, was der Gott Israels ihm sagt? Das erste ist »das Evangelium vom Frieden durch den, der über alle Menschen Herr ist, Jesus Christus«. Das sind gleich zwei Zumutungen in einem Satz! Sie fragen sich jetzt vielleicht, wo da die Zumutungen liegen? Wer kann denn schon was gegen ein bisschen Frieden haben? Aber nach römischer Ansicht war es Kaiser Augustus, der der Welt den Frieden gebracht hatte. Als der im Bürgerkrieg gegen seinen Rivalen Antonius gesiegt hatte, ließ er in Rom die Tore des Janustempels schließen, weil jetzt Frieden herrschte. Der Janustempel in Rom hatte eine besondere Funktion: seine Tore standen offen, so lange irgendwo im Reich gekämpft wurde. Leider waren sie meistens auf. Irgendwo war immer Krieg.

Pax Romana

Gemme aus augusteischer Zeit

Gemme aus augusteischer Zeit: oben die Göttin Roma, rechts neben ihr Augustus; unten Darstellung besiegter Feinde.

Aber Augustus sah sich als Friedenskasier. Die besiegten Völker erlebten das zwar anders, einfach als einen Sieg der römischen Militärdampfwalze, aber tatsächlich wurde nicht mehr gekämpft. Zwar gab es auch unter Augustus später neue Kriege, aber sie wurden nicht zum Dauerzustand. Dauerzustand wurde es aber, dass den besiegten Völkern Jahr für Jahr hohe Steuern auferlegt wurden, und es war aussichtslos, sich dagegen zu wehren. Die Gewalt steckte jetzt im System.

Übrigens hieß die die aktuelle Mitteilung des Kaisers, dass ein Sieg errungen war und jetzt vielleicht Friede herrschte, offiziell »gute Nachricht«, auf Griechisch »Evangelium«. Der Kaiser wurde »Kyrios« genannt, der Herr. Der Kyrios ließ sein Evangelium vom römischen Frieden, der Pax Romana, im ganzen Reich verkünden. Man kann das heute noch auf vielen alten Inschriften lesen.

Als also Petrus mit Kornelius sprach, war die offizielle römische Staatspropaganda: durch den siegreichen Kaiser, den Herrn, kommt das Evangelium vom Frieden. Frieden schaffen durch römische Waffen. Kornelius war die Begrifflichkeit wohlvertraut. Aber jetzt kommt Petrus und redet zu ihm über »das Evangelium vom Frieden durch den, der über alle Menschen Herr ist, Jesus Christus«. Das sind zwei Zumutungen: der Frieden kommt durch Jesus, und der ist der Herr aller Menschen. Petrus sagt: was Rom angeblich durch die militärische Macht des Herrn und Kaisers erreicht hat, das gibt es in Wirklichkeit bei uns. Bei Jesus Christus.

Das ist eine Botschaft, als ob man in der DDR, als es sie noch gab, zu einem Parteifunktionär gesagt hätte: Glaubst du eigentlich wirklich an das, was deine Organisation vertritt? Komm zu uns! Den wirklichen Sozialismus, den findest du bei uns, bei Jesus! Wahrscheinlich ist das gar nicht erlaubt, dass Kornelius noch weiter zuhört. Wahrscheinlich müsste er das Gespräch sofort beenden und die Staatssicherheit informieren. Aber er tut es nicht. Er will unbedingt und um jeden Preis hören, was Petrus ihm zu sagen hat. Die Wahrheit, die sein Herz sucht, bedeutet ihm mehr als seine Pflicht als römischer Offizier.

Einer will wirklich die Wahrheit wissen

Das ist das Großartige an Kornelius: er will die Wahrheit wirklich wissen. Nicht diese zynische Frage von Pontius Pilatus am Karfreitag: was ist schon Wahrheit? Kornelius steht in der Hierarchie nicht sehr viel tiefer als Pilatus, aber ihm ist die Wahrheit nicht egal. Beide haben vermutlich viele Länder, Völker und Götter kennengelernt, aber der eine ist zynisch geworden, und der andere will jetzt erst recht wissen, was denn nun wahr ist und wie ein richtiges Leben aussieht. Bis heute gibt es nicht viele Menschen, die das mit aller Kraft suchen. Kornelius hat Format. Das ist auch für Petrus beeindruckend, dass ein gottloser Römer so sein kann.

Und deshalb finden die beiden unterschiedlichen Männer zusammen, Petrus und Kornelius. Und Petrus spricht von Jesus, wie er die Menschen aus der Gewalt des Teufels befreit hat. Warum der Teufel? Bei dieser Befreiung ging es ja nicht nur um Kranke, sondern auch um Menschen, die von bösen Geistern geplagt waren. Und wie die Dämonisierten von fremden Einflüssen besetzt waren, so war ganz Israel von fremden Mächten besetzt, von Rom. Aber Jesus konnte die heilen, die am meisten darunter litten, wahrscheinlich würden wir heute sagen: die, die durch die ganze Situation traumatisiert waren. Jesus konnte die Wunden heilen, die Macht und Gewalt geschlagen haben. Petrus und Kornelius finden zusammen im Namen Jesu, und das heißt: auf der Grundlage, dass Wunden geheilt werden sollen, die durch die Gewalt in der Gesellschaft geschlagen worden sind.

Die dunkle Rückseite der Pax Romana: das Kreuz

Die Gewalt, die das ganze Imperium durchzieht, die konzentriert sich in dem Symbol des Kreuzes, an dem Jesus zu Tode gefoltert worden ist. Im System des römischen Friedens braucht man kaum noch Kriege, es reicht, gelegentlich mal ein paar Leute zu kreuzigen oder damit zu drohen. Petrus spricht das Wort »Kreuz« nicht aus, er sagt stattdessen »Holz«, aber natürlich weiß jeder, dass das die römische Strafe für alle ist, die sich nicht fügen. Das Kreuz war die dunkle Rückseite des römischen Friedens. Und das heißt: es war gar kein Frieden, sondern oberflächlich getarnte Gewalt. Und Kornelius war einer von denen, die auf dieser dunklen Seite der Macht arbeiteten. Wahrscheinlich hat er selbst auch Kreuzigungen befehligt, es kam ja oft genug vor, und natürlich hat so was auch die Seele der Soldaten beschädigt.

Aber Kornelius und Petrus können zusammenkommen, weil Jesus das Kreuz überwunden hat, weil er auferstanden ist und die Macht der Heilung stärker war als die Macht des Terrors. Gott hat sich auf seine Weise dem imperialen Frieden entgegengestellt: indem er Jesus auferstehen ließ. Jetzt gibt es etwas Besseres als die Gewalt, auch für Kornelius. Die Auferstehung Jesu, der Sieg des Lebens, das ist die Grundlage, auf der Petrus und Kornelius zusammenkommen können und ihren Privatfrieden miteinander schließen. Und anders als bei Romeo und Julia gibt das keine Tragödie, sondern das ist der Beginn einer wunderbaren Freundschaft. Kornelius ist nicht der letzte römische Soldat, der zu Jesus findet.

Jesus, sagt Petrus, ist der Richter über die Lebenden und die Toten. Ein Richter ist nach biblischem Verständnis nicht in erster Linie der, der zu mehr oder weniger gerechten Strafen verknackt. Ein Richter soll die Dinge zurechtbringen, indem er das richtige Urteil dazu abgibt, das dafür sorgt, dass wieder Frieden einkehrt, wenn es irgendeine Störung des Lebens gegeben hat. Das wirkliche Evangelium ist: Frieden kommt durch den, der über alle Menschen Herr ist, dem sie alle gleich wichtig sind, egal ob Römer, Jude oder Barbar: nicht der Kaiser, sondern Jesus. Er ist der Herr, der dem Bösen widerstehen kann und die Wunden heilt, die es geschlagen hat. Durch ihn gibt es Vergebung der Sünden. Das ist der neue Weg. Keiner ist mehr gebunden an das Unrechtssystem, dem er bisher gedient hat. Keiner ist fortan mehr ein Gefangener seiner Geschichte, aus der er nicht mehr aussteigen kann. Und Petrus endet mit der Aufforderung zur Umkehr: jeder, der an Jesus glaubt, ist frei von dem Unrecht, das er getan hat und in dem er bisher gefangen war.

Aber Kornelius braucht gar nicht antworten, sondern noch während Petrus redet, fällt der Heilige Geist auf die Zuhörer, ihr Herz hat längst Ja gesagt zu diesem neuen Evangelium, das sie hören, und Petrus lässt sie dann nur noch zur Bestätigung taufen.

Die Frage nach der Loyalität

Liebe Freunde, Gott musste beide ziemlich pushen, bis sie zusammenkamen, Petrus und Kornelius, aber es ist gelungen, und es wird noch viele solcher Friedensschlüsse geben. Frieden, der heilt und nicht auf Wunden gegründet ist. Frieden, der mit Menschen geschlossen wird, die die Lager verlassen, zu denen sie bisher gehört haben. Menschen, die merken, dass sie selbst zu kurz kommen, wenn sie nur Funktionäre sind, im Dienst einer Organisation, die ihr Herz nicht lebendig machen kann.

Diese Geschichte ist eine Aufforderung zur Fahnenflucht, selbst wenn Kornelius weiter Soldat in römischen Diensten bleibt. Aber sein Herz ist nicht mehr in römischen Diensten. Diese ganzen hohlen Phrasen von Ruhm, Ehre, Vaterland, Frieden und Sicherheit, die halten ihn nicht mehr. Er wird nie mehr ein zuverlässiger Funktionsträger sein, seine Loyalität gilt jetzt einem anderen.

Das ist mit “Herrschaft Jesu” gemeint

Das ist gemeint, wenn es heißt, dass Jesus alle Macht im Himmel und auf Erden gegeben ist. So sieht das aus, wenn er jetzt die Welt regiert. Er stiehlt den Mächten die Herzen der Menschen, und wenn erstmal die Herzen weg sind, dann ist auf die Menschen kein Verlass mehr. Menschen, die auf Jesus hören, die innerlich gesund werden, die nicht mehr angewiesen sind auf Orden und Ehrenzeichen, die erlebt haben, dass der Frieden nicht aus den Gewehrmündungen kommt, die gehören zur neuen Welt, an die kommen die Mächte dieser Welt nicht mehr heran. Da breitet sich die Auferstehung aus. Taufe bedeutet, dass die Auferstehung Jesu in unserem Leben angekommen ist. Das bedeutet in dieser Welt auch Konflikt, das kann sogar Leiden und Kreuz bedeuten, aber wir sind befreit, wir leben mit dem Ja Gottes im Rücken. Wir gehören zur neuen Schöpfung. Unter uns hat sie angefangen.

Wie das für uns heute aussieht, das müssen wir erst herausfinden. Möglichst nicht jeder ganz persönlich, sondern miteinander und mit Gott. Wer so hartnäckig fragt, wie Kornelius es getan hat, der wird auch eine Antwort bekommen. In der Regel muss man dazu Gott und Menschen fragen, wie Kornelius zu Gott gebetet und Petrus gefragt hat. Die Wahrheit zu suchen ist Arbeit. Man findet sie nicht mal so nebenbei, sondern man muss dazu auf die Reise gehen. Aber wer die Antwort wirklich hören will, unbedingt und um jeden Preis, der wird sie bekommen.