Mrz 302013
 

Predigt am 29. März 2013 (Karfreitag) zu Jesaja 53,1-12

1 Wer hat unserer Kunde geglaubt? Der Arm des Herrn – wem wurde er offenbar? 2 Vor seinen Augen wuchs er auf wie ein junger Spross, wie ein Wurzeltrieb aus trockenem Boden. Er hatte keine schöne und edle Gestalt, sodass wir ihn anschauen mochten. Er sah nicht so aus, dass wir Gefallen fanden an ihm. 3 Er wurde verachtet und von den Menschen gemieden, ein Mann voller Schmerzen, mit Krankheit vertraut. Wie einer, vor dem man das Gesicht verhüllt, war er verachtet; wir schätzten ihn nicht.
4 Aber er hat unsere Krankheit getragen und unsere Schmerzen auf sich geladen. Wir meinten, er sei von Gott geschlagen, von ihm getroffen und gebeugt. 5 Doch er wurde durchbohrt wegen unserer Verbrechen, wegen unserer Sünden zermalmt. Zu unserem Heil lag die Strafe auf ihm, durch seine Wunden sind wir geheilt. 6 Wir hatten uns alle verirrt wie Schafe, jeder ging für sich seinen Weg. Doch der Herr lud auf ihn die Schuld von uns allen.
7 Er wurde misshandelt und niedergedrückt, aber er tat seinen Mund nicht auf. Wie ein Lamm, das man zum Schlachten führt, und wie ein Schaf angesichts seiner Scherer, so tat auch er seinen Mund nicht auf. 8 Durch Haft und Gericht wurde er dahingerafft, doch wen kümmerte sein Geschick? Er wurde vom Land der Lebenden abgeschnitten und wegen der Verbrechen seines Volkes zu Tode getroffen. 9 Bei den Ruchlosen gab man ihm sein Grab, bei den Verbrechern seine Ruhestätte, obwohl er kein Unrecht getan hat und kein trügerisches Wort in seinem Mund war.
10 Doch der Herr fand Gefallen an seinem zerschlagenen (Knecht), er rettete den, der sein Leben als Sühnopfer hingab. Er wird Nachkommen sehen und lange leben. Der Plan des Herrn wird durch ihn gelingen. 11 Nachdem er so vieles ertrug, erblickt er das Licht. Er sättigt sich an Erkenntnis. Mein Knecht, der gerechte, macht die vielen gerecht; er lädt ihre Schuld auf sich. 12 Deshalb gebe ich ihm seinen Anteil unter den Großen und mit den Mächtigen teilt er die Beute, weil er sein Leben dem Tod preisgab und sich unter die Verbrecher rechnen ließ. Denn er trug die Sünden von vielen und trat für die Schuldigen ein.

Kruzifix in der Kirche bei der Illumination zum Kirchenjubiläum 2008

Das ist eine der Bibelstellen, die Jesus geholfen haben, Klarheit über seine Berufung und seinen Weg zu finden. Eine der Bibelstellen, die er immer wieder betend durchdacht hat, um sie zu verstehen. Und am Ende war er sich sicher, dass hier im zweiten Teil des Buches Jesaja seine eigene Mission vorgezeichnet war, und dass hier das Muster beschrieben wurde, durch das Israel und die Welt gerettet werden.

Es ist ein Text aus der Zeit der babylonischen Gefangenschaft. Israel ist im Exil, das Volk ist zwangsweise in Babylon angesiedelt, es ist in einem ziemlich desolaten Zustand, aber in dieser Situation muss es eine Art Propheten gegeben haben, den man den »Knecht Gottes« genannt hat. Jemand mit einem traurigen Schicksal, der es im Leben schwer hatte und der einen schrecklichen, gewaltsamen Tod fand. Wahrscheinlich ist er irgendwie ins Visier der babylonischen Staatssicherheit geraten, und die haben ihn brutal in die Mangel genommen.

Aber es waren nicht nur die Schergen des babylonischen Imperiums, es waren ebenso die eigenen Leute, die ihn fallen gelassen haben. Vielleicht haben sie ihn verraten, vielleicht meinten sie, der könne ruhig beseitigt werden, auf den käme es nicht an.

Aber nach seinem Tod muss ein Umdenken eingesetzt haben. Und es kam zu einem kostbaren Moment der Selbsteinsicht. Sie sagten: wir waren verblendet. Wir haben nicht gesehen, dass er in Wirklichkeit an unseren Problemen gestorben ist. Freiwillig und ohne zu klagen hat er unsere Dunkelheiten auf sich genommen.

Wo die Gesellschaft ihren Müll ablädt …

Vielleicht muss man, wenn man das verstehen will, sich erst mal die ganze Verbindung zu Jesus weg denken. Es gibt in jeder Gesellschaft Leute, bei denen die eher unangenehmen Dinge landen. Leute, die sich im wörtlichen oder übertragenen Sinn mit dem Dreck und den Problemen auseinandersetzen, den die ganze Gesellschaft produziert.

Das sind natürlich erstmal alle, die wirklich sauber machen, bei der Müllabfuhr und bei der Gebäudereinigung, die die Reste wegmachen, wenn Leute ausgiebig feiern und zu viel trinken. Es sind aber auch die Leute, die sich um Kranke kümmern, die die Alten pflegen, die sich um Menschen kümmern, die ganz heruntergekommen sind, es sind Leute die mit menschlichen Abgründen zu tun haben bei der Polizei und im Strafvollzug und manchmal im Krieg. Früher gehörte der Henker dazu, bis heute alle anderen, die mit toten Lebewesen zu tun haben.

Niemand macht das gern, wir sind alle froh, wenn andere das für uns tun. Und eigentlich müssten deshalb diese Berufe besonders gut bezahlt und hoch angesehen sein. Wir alle wissen aber, dass sie es nicht sind. Es sind oft gerade die Dreckjobs, die nicht hoch im Ansehen stehen und besonders lausig bezahlt werden. Wer sich stellvertretend für alle anderen mit dem Dreck und den Problemen auseinandersetzt, dem wird das oft nicht wirklich gedankt.

… ist die Schlüsselfrage

Diesen Effekt muss es damals in Babylon auch beim Knecht Gottes gegeben haben. Sie hatten geglaubt, dass Gott ihn vielleicht extra so geschlagen und bestraft habe. Und sie hatten nicht verstanden, dass sich in ihm ihr eigenes ganzes Elend konzentrierte. Die Bosheit des babylonischen Imperiums; der Abfall von Gott, der Israel nach Babylon gebracht hatte; der Schrecken der Kriegszerstörungen, den sie erlebt hatten; ihre desolate Lage in einem Land, das ihnen fremd und feindlich war, wo sie überwacht und gegängelt wurden – das alles hatte sich auf ihn konzentriert. Und er hatte es bereitwillig auf sich genommen, er hatte sich nicht gewehrt, als die Finsternis, in der sie alle lebten, sich an ihm austobte.

Und erst später muss sich für die anderen dort in Babylon herausgestellt haben, dass durch ihn etwas Wichtiges geschehen ist, dass es zu Gottes Plan gehört hatte, und dass Gott durch das Leiden des Knechtes etwas Wichtiges und Hilfreiches bewirken wollte. Der Text ist an dieser Stelle noch dunkler als ohnehin schon. Aber es ist deutlich, dass Gottes Plan durch das Martyrium seines Knechtes hindurch gelingen wird, dass es nicht sinnlos war, was er tat, und dass er sich in einem ganz umfassenden Sinn um den Dreck und die Probleme gekümmert hat, die eigentlich alle betrafen.

Die große Entdeckung des Bibellesers Jesus

Als Jesus diese Stelle wieder und wieder durchdacht hat, da ist ihm vielleicht auch noch etwas aufgefallen: Kurz vorher (Jesaja 52,7-12) wird eine Vision beschrieben, ein Hoffnungsbild davon, wie Gott zurückkehrt ins zerstörte Jerusalem, wie er von neuem König wird und sein Volk zurückkehrt, wie alles wieder gut wird. »Der Herr hat offenbart seinen heiligen Arm vor den Augen aller Völker« heißt es dort. »Gottes starker, heiliger Arm« – das bedeutet: Gott krempelt die Ärmel auf und sorgt dafür, dass seine Welt wieder zurückfindet zu ihm.

So weit wir wissen, war Jesus der erste und einzige, der diese beiden Gedanken zusammengebracht hat: den einen, dass Gott endlich doch König wird und sein Reich aufrichtet und alles gut wird, und den anderen, dass das durch Gottes Knecht geschieht, der bereitwillig ins Herz der Finsternis hineingeht und ihre ganze Bosheit und Gewalt auf sich zieht.

Von »Gottes Arm« ist nämlich auch ganz am Anfang des Textes, über den wir heute nachdenken, die Rede: »Aber wer glaubt dem, was uns verkündet wurde, und wem ist der Arm des Herrn offenbart?«, und dann folgt die Geschichte des Knechtes. In dieser Leidensgeschichte geht es also tatsächlich um Gott, der die Ärmel aufkrempelt und sein Reich aufrichtet. Gottes starker Arm, der Israel rettet und die Welt erneuert, und die Geschichte des Gottesknechts, die sind eins. Gottes starker Arm zeigt sich in der Geschichte seines leidenden Knechtes, und Gott wird gerade durch ihn sein Reich aufrichten.

Darin sah Jesus seine eigene Mission vorgezeichnet. In den Jahrhunderten vor ihm hatte es immer wieder Anführer gegeben, die versuchten, Israel militärisch zu befreien. Einigen war es sogar gelungen, sie sorgten für eine kurze Periode der Unabhängigkeit. Aber die Gewalt, mit der sie begonnen hatten, ging weiter. Brutalität und Rücksichtslosigkeit lebten nun im Innern des Volkes und unter seinen Anführern. Und irgendwann war auch die Unabhängigkeit wieder vorbei. Es hatte nicht funktioniert.

Der Kampf mit dem wirklichen Zerstörer

Jesus sah, dass hinter den Mächten wie Babylon, Rom und den korrupten einheimischen Führern eine viel umfassendere Macht stand, die sich mal der einen und mal der anderen bediente, die Macht des Todes und der Zerstörung, und die war der wirkliche Feind. Gegen diesen Feind helfen Waffen nicht, weil jede Waffe der Zerstörung nur neuen Auftrieb gibt. Gegen diesen Feind hilft nur das, was Jesus im Jesajabuch gelernt hatte: einer muss die ganze Finsternis auf sich nehmen, er muss sie freiwillig ertragen und sich von ihr ersticken lassen, und gerade so wird Gottes Plan zum Ziel kommen.

Gegen die Macht der Zerstörung hilft nur die Kraft des Lebens, die Liebe, die sich nicht davon abbringen lässt, an Gottes Welt, seinen Geschöpfen und Gottes Leben festzuhalten. Die ganzen Anti-Schöpfungsmächte werden überwunden durch mindestens einen Menschen, der sich ihnen stellt und über den sie keine Macht gewinnen. So etwas hatte Jesus ganz am Anfang nach seiner Taufe erlebt, als der Versucher ihn von Gott abbringen wollte. Aber alle Tricks des Versuchers waren an Jesus gescheitert. Jetzt kam der zweite und härtere Teil seiner Aufgabe: er musste auch die ganze Gewalt und Brutalität des Bösen auf sich zu ziehen und sie ebenso überwinden wie vorher seine Gerissenheit und List.

Und so ging er in die Konflikte hinein und wusste, dass er am Ende zerbrochen werden würde. Wir haben vorhin in der Lesung die Geschichte der Kreuzigung gehört, wie sie ihm alles Schlimme zugefügt haben, was Menschen Menschen antun. Aber von seinem Weg und von seinem Vertrauen zum Vater im Himmel hat er sich nicht abbringen lassen. Das hat sogar der Hauptmann des Hinrichtungskommandos verstanden, sein Henker. Jesus ist so gestorben, wie er gelebt hat und hat damit die Macht der Liebe und des Lebens endgültig enthüllt. Und damit er einen Weg gebahnt, auf dem ihm andere nachfolgen werden.

So war Jesus schon immer

Auf einer sehr viel grundsätzlicheren Ebene ist Jesus der, der sich um den Dreck kümmert, um die Probleme, die die ganze Gesellschaft produziert und dann von einigen wegmachen lässt. So war das schon im ganzen Leben Jesu. Er hat die geheilt, denen die Gesellschaft ihre ungelösten Widersprüche hingeschoben hat: die Prostituierten, die Armen, Handlanger der Macht wie die Zöllner, die Kranken, die Aussätzigen, und diejenigen, die in ihrer Persönlichkeit so zerstört waren, dass sie den bösen Mächten keinen Widerstand mehr entgegensetzen konnten. Er hat denen Leben geschenkt, an deren Lebensenergie sich alle bedient haben. In der Bergpredigt hat er diesen Weg schon ganz früh beschrieben.

Und am Ende ist er den Kern des Problems angegangen: die Gewalt und die Todesdrohung, mit der bis heute Gesellschaften zusammengehalten werden (manchmal offen, manchmal eher versteckt). Da hat die Finsternis noch einmal ihr ganzes schreckliches Arsenal aufgeboten, aber sie hat die Liebe Gottes nicht überwunden. Sie ist gescheitert. Ihre Macht hat ihre Grenze gefunden.

Er hat den Weg geöffnet

Und von diesem Sieg her bekommen jetzt alle großen und kleinen Akte der Liebe ihren Sinn und ihren Glanz. Wer sich jetzt freiwillig daran beteiligt, die Lasten zu tragen, die eigentlich die Lasten aller sind und die keiner haben will, der weiß, dass dieser Weg der Weg der Heilung ist.

Wir können die Kosten des gewaltsamen menschlichen Lebensstils nicht mit Gewalt austilgen, sondern das geht nur, wenn Menschen freiwillig bereit sind, die Kosten zu übernehmen und zu bezahlen, manche im Kleinen und manche im Großen. Jesus hat den Weg gezeigt, wie Gott am Ende siegt über die Finsternis dieser Welt. Er überwindet sie durch seine Knechte, durch den Einen einzigen, der den Weg gebahnt hat, und durch die vielen anderen, die ihm folgen.

Jesus hat darauf vertraut, dass Gott diesen Weg bestätigen würde. Und er hat sich nicht geirrt. Gott hat ihn auferweckt, sein Weg geht weiter. Aber das ist schon die Geschichte von Ostern.

Mrz 252013
 

Predigt am 24. März 2013 zu Römer 13,1-7
(Predigtreihe Römerbrief 39)

1 Jeder leiste den Trägern der staatlichen Gewalt den schuldigen Gehorsam. Denn es gibt keine staatliche Gewalt, die nicht von Gott stammt; jede ist von Gott eingesetzt. 2 Wer sich daher der staatlichen Gewalt widersetzt, stellt sich gegen die Ordnung Gottes, und wer sich ihm entgegenstellt, wird dem Gericht verfallen. 3 Vor den Trägern der Macht hat sich nicht die gute, sondern die böse Tat zu fürchten; willst du also ohne Furcht vor der staatlichen Gewalt leben, dann tue das Gute, sodass du ihre Anerkennung findest. 4 Sie steht im Dienst Gottes und verlangt, dass du das Gute tust. Wenn du aber Böses tust, fürchte dich! Denn nicht ohne Grund trägt sie das Schwert. Sie steht im Dienst Gottes und vollstreckt das Urteil an dem, der Böses tut.
5 Deshalb ist es notwendig, Gehorsam zu leisten, nicht allein aus Furcht vor der Strafe, sondern vor allem um des Gewissens willen. 6 Das ist auch der Grund, weshalb ihr Steuern zahlt; denn in Gottes Auftrag handeln jene, die Steuern einzuziehen haben. 7 Gebt allen, was ihr ihnen schuldig seid, sei es Steuer oder Zoll, sei es Furcht oder Ehre.

Die Evangelienlesung des Palmsonntages, die wir vorhin gehört haben (Johannes 12,12-19), die passt einfach ausgezeichnet zu dieser Stelle im Römerbrief, zu der wir jetzt gekommen sind. Jesus kommt nach Jerusalem und inszeniert das als paradoxen Königsauftritt. Beim Titel »König« dürfen wir nicht an heutige Illustriertenkönige denken, deren entscheidende Tätigkeit im Heiraten, Kinderkriegen und im mehr oder weniger glücklichen Bestehen von Ehekrisen besteht. Der König war damals das Zentrum der politischen Macht. Und Jesus bediente sich bewusst der Königssymbolik. Da reitet einer nach Jerusalem, mit seinen Leuten im Gefolge und um ihn herum jubelnde Menschenmengen, die ihn begrüßen. Jesus ist der König der Welt, er regiert. In seinem Sinn soll das Leben geordnet werden, und zwar nicht nur das private, persönliche Leben, sondern auch die öffentlichen Angelegenheiten, was man ja sowieso nicht wirklich trennen kann.

Eine neue Definition von „König“

Aber mit derselben Symbolhandlung, mit der Jesus sich als König inszeniert, stellt er die ganze Art in Frage, mit der das Königsamt ausgeübt wird. Das merkt man daran, dass Jesus auf einem Esel reitet. Jeder anständige König reitet, wenn er sich nicht fahren lässt, auf einem Pferd; zu einem König, der den Oberbefehl über die Armee hat, passen Pferde, keine Esel. Damals waren Könige immer auch die Feldherren; und Feldherren sitzen auf Pferden, nicht auf Eseln oder Fahrrädern.

Jesus hat mit seiner Gestaltung des Einzugs in Jerusalem klar gemacht, dass er neu definiert, was Königsein bedeutet. Er hat gezeigt, dass er die Welt auf eine andere Art regiert als es die politischen Machthaber tun.

Und daraus ergibt sich die Frage, die Paulus im Römerbrief diskutiert: wie halten es die Christen jetzt mit den real existierenden Trägern der politischen Macht? In Rom, wohin Paulus den Brief schrieb, regierte der Kaiser Nero, der zuerst wohl noch ganz ok war, dem aber im Laufe der Zeit seine Macht gehörig zu Kopf stieg. Am Ende wurde er abgesetzt und tötete sich selbst. In Rom gab es übrigens Aufstände gegen Steuern, die er erhob; sie waren so heftig, dass er versprechen musste, diese Steuern nicht mehr zu erheben. Ein Versprechen, das er anschließend nicht einhielt. Er war sicher kein König im Sinne Jesu.

Keine Rebellionen

Das ist der aktuelle Hintergrund zur Zeit von Paulus. Um so überraschender ist es, dass er den Christen in Rom ausdrücklich schreibt, sie sollten sich nicht gegen die staatliche Gewalt stellen. Sie sollten ihre Steuern zahlen und keinen Ärger machen. Und man muss Paulus so verstehen, dass er das so sagt, gerade, weil er weiß, dass Jesus der wahre Herr der Welt ist. Gerade weil die Bewegung Jesu so eine fundamentale Kritik an allen menschlichen Herrschaften ist, deshalb sollen sie sich bitte nicht in Rebellionen verwickeln lassen, die alle im Rahmen des Systems bleiben.

Denn das ist ja die traurige Erfahrung, dass immer wieder aus den Rebellen und Aufständischen von heute die nächsten Unterdrücker werden, wenn sie erstmal an der Macht sind. Wie oft treten die Rebellen an als Befreier, und am Ende geht es ihnen doch nur um ihren eigenen Anteil an den Fleischtöpfen der Macht. Dafür aktivieren sie gerne mal die Freiheitssehnsucht der Menschen, aber am Ende geht es ihnen nur um ihre eigenen Posten.

Aus diesem Spiel will Paulus die Christen heraushalten, und zwar deswegen, weil sie eine viel radikalere Alternative zum System menschlicher Herrschaftsausübung haben. Und sie haben diese Alternative nicht nur (als eine Art politisches Programm), sondern sie leben sie, sie verkörpern die Alternative. Gottes neue Gesellschaft ist mit ihnen schon präsent, und die verzettelt sich nicht in Rebellionen, die in der Logik des Systems bleiben. Es bleibt dabei: Jesus ist kein neuer Machthaber, wie es viele gegeben hat, sondern er bringt eine andere Art von Macht. Noch in den Versen vorher hat Paulus gesagt (12,21): überwindet das Böse nicht so, dass ihr mit seinen Mitteln dagegen kämpft, sondern überwindet das Böse mit dem Guten.

Die Anarchie der Starken

Das ist der große Zusammenhang, und in diesem Rahmen sagt Paulus: staatliche Gewalt ist immer von Gott. So ordnet Gott die Welt der Menschen. Wenn es nämlich keine staatliche Gewalt gäbe, dann wären die Schwachen schutzlos den Starken ausgeliefert. Denkt nur mal an Länder wie den Irak und Somalia, wo die Staatsgewalt zusammengebrochen ist. Die Folge ist, dass die Gangster und die Anführer von Privatarmeen die Macht übernehmen, und man dauernd Angst haben muss, dass einem die Kinder entführt werden, nicht aus politischen Gründen, sondern um Lösegeld zu erpressen. Oder denkt an die Staatsmacht in den USA, die es nicht schafft, ihren Bürgern die Schießgewehre wegzunehmen. Wir kennen viele Beschwerden gegen die Unzulänglichkeiten unserer Justiz, und nicht immer zu Unrecht, aber in vielen Ländern der Welt hätten die Menschen gern unsere Probleme, wenn sie nur einen funktionierenden Staat hätten. Staatliche Gewalt soll einen Rahmen setzen, in dem Menschen friedlich ihrer Arbeit nachgehen können, ohne dauernde Angst, dass irgendwer kommt und ihnen alles wegnimmt.

Oder an einem anderen Beispiel: es gibt heute keine staatliche Gewalt, die weltweit den Ausstoß von Kohlendioxid begrenzen könnte. Deswegen macht da jeder, was er will, und die Atmosphäre wird immer mehr geschädigt. Da brauchen wir dringend mehr staatliche Gewalt, die uns vor den Chaoten in den Chefetagen schützt, die unsere Lebensgrundlagen privat verpulvern. Oder im Finanzsektor brauchen wir dringend mehr staatliche Gewalt, mehr Kontrolle, damit die Anarchisten in der Finanzbranche nicht weiter ganze Volkswirtschaften ruinieren.

Es bleibt kompliziert

Gott beschützt seine Welt auch durch die Staatsgewalt und ihre Vertreter, auch wenn man an ihrer Weisheit durchaus öfter mal Zweifel haben kann. So kompliziert ist das leider. Man kann es nicht einfacher haben. Christen zeichnen sich da aus durch einen differenzierten Blick, der einfach der Realität angemessen ist: man kann sehr deutlich sehen und sagen, was im staatlichen Bereich falsch läuft; und trotzdem heißt das nicht, dass man zum Rebellen wird. Wir verkörpern eine so tiefgreifende Revolution aller menschlichen Verhältnisse, die sollte man nicht verwechseln mit den Scharmützeln um die besten Posten und den meisten Einfluss. Und trotzdem sollen wir nicht naserümpfend an der Politik vorbeigehen, weil sie nämlich wichtig ist, und weil Christen auch da berufen sind, Salz der Erde zu sein. Wir können sehr deutlich die Grenzen vieler politischer Akteure sehen, und trotzdem werden wir uns nicht an der pauschalen Verächtlichmachung »der Politiker« beteiligen. Da gibt genauso tüchtige, engagierte und ehrliche Leute wie Versager und Karrieristen und vor allem viele ganz normale, durchschnittliche Menschen – wie unter uns Nicht-Politikern auch. Manchmal machen sie es gut, manchmal nicht, oft erleben sie sich als genauso ohnmächtig und Zwängen ausgeliefert wie wir, und trotzdem sorgt Gott durch das ganze politische System dafür, dass wir leben können.

Deswegen ist die politische Sphäre darauf angelegt, dass es Christen gibt, die die politischen Akteure immer wieder an ihre Aufgabe erinnern. Paulus hat die staatlichen Repräsentanten oft genug im Gespräch an ihre Aufgabe erinnert und hat an ihren Sinn für Gerechtigkeit appelliert. Nicht immer mit Erfolg, aber manchmal schon. Dass Christen tatsächlich eine Alternative leben, auch wenn alle sonst denken, man könnte nichts machen, das bleibt nicht ohne Wirkung.

Autorität durch Wahrheit

Und es ist gerade die Lebenspraxis, die Christen stark und überzeugend macht. Sie haben sicher gelegentlich mitbekommen, wie die niedersächsischen Bischöfe, der katholische wie die evangelischen, sich immer wieder für eine Änderung der unbarmherzigen Flüchtlingspolitik hier in Niedersachsen eingesetzt haben. Und die haben ja auch schon unter der vorigen Regierung jedenfalls ein bisschen bewirkt, und nicht bloß, weil sie Bischöfe waren, sondern weil sie für ganz viele Christen standen, die anders mit Flüchtlingen umgegangen sind, die Brücken gebaut haben, die Kirchenasyl gewährt haben (was uns hier ja nicht unbekannt ist), die mit ihren bescheidenen Mitteln versucht haben, ein wenig den Schaden auszugleichen, der da politisch angerichtet worden ist. Wenn man das tut, dann hat man im Gespräch mit Behördenvertretern auf allen Ebenen eine ganz andere Autorität – das habe ich ein paar mal auch selbst sehr deutlich erlebt.

Paulus beschreibt uns die Rolle der staatlichen Macht, damit wir sie darauf ansprechen und daran erinnern können. Erst wenn wir da selbst klar sind, dann können wir den Staatsleuten helfen, ihre Aufgabe zu erkennen. Vom brasilianischen Bestsellerautor Paulo Coelho gibt es eine Geschichte, wie er durch Rio de Janeiro geht und auf der Straße einen Mann liegen sieht. Nun finde ich Coelho theologisch zwar manchmal ein bisschen windig, aber in diesem Moment hat er es alles im Sinn Jesu gemacht. In seinem Kopf machte es »klick«, und er verstand, dass er den Mann da nicht einfach liegen lassen konnte. Er ging also hin und sah, dass der Mann verletzt war und blutete. Er zog ihn in den Schatten und rief einen Polizisten zu Hilfe. Aber der weigerte sich, dem Mann zu helfen. In Brasilien haben Polizisten vielleicht ein sehr spezielles Verständnis von ihrem Job. Vielleicht wie die in Rom zu den Zeiten von Paulus.

Aber Coelho weigerte sich, das zu akzeptieren. Er schaute dem Mann fest in die Augen und sagte mit klarer Stimme: Nein, so geht das nicht. Und dann passierte das Unglaubliche. Der Polizist war verwirrt. Er fragte Coelho, ob er eine Amtsperson sei. Und obwohl Coelho das nicht war, begann der Polizist, ihm zu gehorchen. Coelho hatte die Führung übernommen. Gemeinsam halfen sie dem Mann und brachten ihn ins Krankenhaus.

Woher kam diese Autorität? Vermutlich hat Coelho eine starke Persönlichkeit. Aber vor allem war er stark, weil er dem Polizisten die Wahrheit über seine Aufgabe gesagt hat, dass es nämlich sein Job war, als Teil der staatlichen Gewalt jetzt Hilfe zu leisten. Und Coelho hatte die Autorität dazu, weil er selbst hingegangen war und sich gekümmert hatte. Das ist die Logik des Kreuzes, dass man seine Komfortzone verlässt und in die dunklen Zonen der Welt geht, wo Menschen bluten und manchmal auch stinken. »Kreuz« muss nicht heißen, dass man gleich stirbt, das tut es zum Glück nur selten, sondern dass man die Liebe Gottes dahin bringt, wo sie dringend gebraucht wird, und dass man selbst die Kosten dafür übernimmt. Und weil Coelho das getan hatte und auch fest verankert war in der Wahrheit über den Job des Polizisten. deswegen hatte er Autorität. Das funktioniert sicher nicht immer, aber das ist die Art, die am Ende mehr erreicht, als alles Rebellieren. Vor allem dann, wenn wir das nicht nur als Einzelne tun sondern als Christenheit in einem Ort, in einem Land und am Ende in der ganzen Welt.

Die Staatsverdrossenheit der Neoliberalen

Deswegen werden wir uns nicht beteiligen an dem grundsätzlichen Gemaule über den Staat, das besonders von den Reichen und Mächtigen in der Gesellschaft geschürt wird. Die wünschen sich möglichst wenig Staat, einen »schlanken« Staat, weil dann niemand ihre eigene Macht begrenzt, und deswegen versuchen sie ihn schlechtzureden. Aber es ist die Aufgabe des Staates, die Schwachen zu schützen und für das Gemeinwohl einzutreten. Dafür braucht er auch Geld, Steuern. Das sagt Paulus ausdrücklich.

Der Staat braucht Geld, um Gebäude zu unterhalten und Schlaglöcher nicht nur notdürftig zu flicken, der Staat und die öffentlichen Einrichtungen brauchen Geld, um Krankenschwestern und Polizisten anständig zu bezahlen, es braucht Geld, damit Prozesse schnell geführt werden und nicht endlos dauern, es braucht Geld für arme Menschen jeder Art, und für 1000 andere Aufgaben. Wenn die öffentlichen Institutionen auch in einer reichen Gesellschaft dauernd sparen sollen, dann stimmt etwas nicht. Ob man die Funktion der staatlichen und öffentlichen Institutionen respektiert, das zeigt sich auch daran, ob man ihnen genug Geld für ihre Aufgaben zugesteht. Vielleicht kommt ja mal wieder eine Zeit, in der Menschen ihr Geld nicht in Steuerparadiese schaffen, und sich dabei noch wie Freiheitskämpfer vorkommen, sondern wo sie stolz darauf sind, dass sie der Gemeinschaft die Mittel zur Erfüllung ihrer Aufgaben zur Verfügung stellen können.

Jesus ist der wahre König der Welt. Wir kennen ihn. Wir bringen ihn mit. Wir sehen deutlich, wo staatliche Institutionen gegen seinen Willen handeln. Aber wir sind es, die sie dann an ihre eigentliche Aufgabe erinnern können. Und dieser Aufgabe gilt unsere Loyalität.

Mrz 152013
 

RomanescoEs kann nützlich sein, mit einem Mathematiker die Bibel zu lesen. Wir haben jedenfalls einen in unserer Gemeinschaft, und als wir am Ende einer fast 1/2jährigen Lektüre der Bergpredigt nun noch einmal versuchten, den Gesamtaufbau von Matthäus 5-7 zu verstehen, sagte er so nebenbei: das ist doch eigentlich eine fraktale Struktur.

Für alle Nicht-Mathematiker (und alle, die den Hype um die Apfelmännchen vor ein paar Jahren nicht registriert haben) kommt hier meine laienhafte Zusammenfassung dessen, was ich meine, von Fraktalen verstanden zu haben: es ist eine Struktur, bei der sich bestimmte Muster im Großen und im Detail wiederholen. Aber nicht mechanisch, sondern so, dass sie immer leicht abgewandelt sind. Wolken z.B. kann man so beschreiben. Oder Landschaften. Oder Blumenkohl.

Wendet man das auf die Bergpredigt an, dann merkt man, wie sich bestimmte Gedanken immer wieder leicht abgewandelt wiederholen, Das Vaterunser z.B., das etwa in der Mitte der Bergpredigt steht, hat in sich das Gefälle vom Reich Gottes zum täglichen Brot. Und etwas später findet sich in 6,33 der Satz: „Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch das alles zufallen.“ Man kann das aber z.B. auch schon am Anfang finden in der 3. Seligpreisung: „Selig sind die Sanftmütigen; denn sie werden das Erdreich besitzen“ (in den anderen sicher auch).

Eine andere Art zu „argumentieren“

Die „Argumentationsstruktur“ der Bergpredigt ist also eher nicht so, wie wir es gelernt haben zu argumentieren: These oder Fragestellung darlegen, entfalten, sich mit Einwänden auseinandersetzen, logisches Ergebnis am Ende – also eine aufeinanderfolgende Reihe. Obwohl man auch das finden kann.

Man könnte die Argumentationsstruktur eher „kreisend“ nennen: alte Fragen werden in neuem Gewand wieder hervorgeholt, am Anfang sind die Lösungen schon präsent (in den Seligpreisungen), aber die Begründung wird eigentlich nicht geliefert, jedenfalls nicht so, wie man es erwarten würde. Stattdessen werden neue Themen eingeführt (Ehebruch, Schwören …). Sind das jetzt Beispiele, an denen das Prinzip klar gemacht werden soll, oder geht es um „ethische Fragen“? Vermutlich beides. Das Gravitationszentrum der ganzen Rede liegt bei 6,24-34 („Niemand kann zwei Herren dienen – trachtet zuerst nach dem Reich Gottes“), aber danach geht es weiter mit der Warnung vor dem Richten (7,1), die wiederum von der Warnung konterkariert und begrenzt wird, das Heilige den Hunden zu geben (7,6). Die folgende Passage ab 7,7 („Bittet, so wird euch gegeben …“) würde hingegen viel besser direkt zum oben beschriebenen „Gravitationszentrum“ passen. So kann man eigentlich nicht argumentieren. Ist das jetzt Kraut und Rüben? Hatte Matthäus einen Schnipsel Text übrig, den er schnell noch unterbringen musste?

Old-school-mäßig würde man das natürlich traditions- oder redaktionsgeschichtlich auseinandersortieren, aber das ist ja so was von öde … Langweiliger Rationalismus, der glaubt, er selbst wäre die einzig richtige Art, die Welt zu sehen.

kreisend, spiralig, musikalisch, … fraktal!

Angemessener ist es, sich auf diese ungewohnte Art der Argumentation einzulassen: nicht geradlinig, sondern kreisend, oder spiralig, wie eine musikalische Komposition vielleicht, oder eben: fraktal. Das Ganze spiegelt sich im Detail. Die Details ergeben ein Ganzes, das mit ihnen zusammenstimmt, aber voller ist. Du kannst es in einem Satz oder auf vielen Seiten zusammenfassen, und immer bleibt etwas übrig, was nicht reinpasst, und trotzdem richtig ist. Oder mindestens für produktive Unruhe sorgt.

Und schaut man weiter, dann ist eigentlich die ganze Bibel so: in einem Vers spiegelt sich die ganze Geschichte. In einem Kapitel ein ganzes Buch. Gott hat uns nicht ein Lehrbuch der Dogmatik gegeben, auch nicht vier geistliche Gesetze, auch keinen großen oder kleinen Katechismus, sondern – einen Blumenkohl.

Mrz 112013
 

Predigt am 10. März 2013 zu Römer 12,14-21
(Predigtreihe Römerbrief 38)

14 Segnet, die euch verfolgen; segnet, und flucht nicht. 15 Freut euch mit den Fröhlichen und weint mit den Weinenden. 16 Seid eines Sinnes untereinander. Trachtet nicht nach hohen Dingen, sondern haltet euch herunter zu den geringen. Haltet euch nicht selbst für klug.
17 Vergeltet niemandem Böses mit Bösem. Seid auf Gutes bedacht gegenüber jedermann. 18 Ist’s möglich, soviel an euch liegt, so habt mit allen Menschen Frieden. 19 Rächt euch nicht selbst, meine Lieben, sondern gebt Raum dem Zorn Gottes; denn es steht geschrieben (5.Mose 32,35): »Die Rache ist mein; ich will vergelten, spricht der Herr.«
20 Vielmehr, »wenn deinen Feind hungert, gib ihm zu essen; dürstet ihn, gib ihm zu trinken. Wenn du das tust, so wirst du feurige Kohlen auf sein Haupt sammeln« (Sprüche 25,21-22). 21 Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.

WTC-TruemmerAls am 11. September 2001 Terroristen das World Trade Center in New York zerstörten, gab der Pastor einer großen amerikanischen Kirchengemeinde für seine Leute die Losung aus: »Fordert jetzt kein Blut, sondern spendet Blut!«. Und er lag damit genau in der Linie dessen, was Paulus hier schreibt. Wer Vergeltung übt oder fordert, der leistet dem Bösen Vorschub. Er wird subtil unterwandert von den Gewalttätern, die er eigentlich bekämpfen will. Die wesentlich bessere Antwort ist es, freiwillig etwas zu geben, zu schenken und sich so im Guten zu verankern statt im Bösen.

Wir wissen alle, dass die USA unter Präsident Bush sich an diesen Rat nicht gehalten haben, sie haben sich stattdessen in Vergeltungskriege gestürzt, sie haben gefoltert und den niedrigsten Instinkten von Menschen Raum gegeben, sie haben es in Kauf genommen, dass viele Menschen sterben mussten, die mit Terroristen gar nichts zu tun hatten. Und das alles hat die Gewalt in der Welt enorm vermehrt.

Wer die Bibel kennt, muss sich darüber nicht wundern. Paulus sagt hier ja nur mit anderen Worten das, was Jesus schon in der Bergpredigt gesagt hat. »Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.« Dieser letzte Satz aus unserem Abschnitt ist das Zentrum der christlichen Sicht auf das Böse in der Welt. Ja, tatsächlich, es gibt richtig Böses in der Welt. Menschen, die ohne Rücksicht auf andere ihren Vorteil verfolgen. Systeme, die für ihre Selbsterhaltung bedenkenlos Menschen opfern. Menschen, die in zerstörerischen Gedanken so verwickelt sind, dass sie dauernd Unheil stiften. Das ist keine Einbildung. Im Großen und im Kleinen terrorisieren Menschen andere und richten Schlimmes an, manche mit böser Absicht, die meisten mit offiziell guten oder doch respektablen Absichten, und nur sehr verborgen spürt man noch, welche bösen Motive sich da auf verschlungenen Wegen ins Leben vorarbeiten.

Und man erkennt das Böse auch nicht daran, dass seine Vertreter schief gucken, Glatzen oder lange Bärte haben oder dreckige Klamotten tragen. Das Böse kann auftreten im Gewand der Menschenfreundlichkeit, als wissenschaftliches Gutachten, als scheinbar unausweichlicher Sachzwang, als demokratisch beschlossenes Gesetz genauso wie als Willkür eines Fanatikers.

Deswegen ist das Erste, was man über das Böse wissen muss: ja, es ist Realität. Du musst dich nicht wundern, wenn Menschen andern das Leben schwer machen, es manchmal zur Hölle machen und nicht selten anderen das Leben nehmen. Ja, so ist die Welt. Und wenn du gedacht hast: wir sind doch eigentlich alle ganz nett, nur manchmal ein bisschen ungeduldig oder schlecht gelaunt – dann wirst du irgendwann Erfahrungen machen, die dich verwirrt und bestürzt zurücklassen. Es gibt tatsächlich eine brutale, rücksichtslose Kraft in der Welt, die um sich herum tote, vergiftete Wüsten schafft – zwischen Menschen genauso wie in der äußeren Realität. Sie begegnet uns in vielen Gestalten, im Großen wie im Kleinen. Es geht um die Frage, wer die Welt gestaltet – diese Macht des Todes oder Gott. Und wenn du glaubst, du seist dieser Macht noch nicht begegnet, dann hast du nicht gut hingeguckt.

Denn das Zweite, was man über das Böse wissen muss, ist: es ist fast nie eindeutig erkennbar. Es hat genügend Menschen gegeben, die auch die Nazi-KZs gut oder wenigstens richtig fanden. Es ist gerade ein Zeichen des Bösen, dass es Menschen in seinen Bann zieht, so dass sie es nicht als schlimm oder böse empfinden. Es kann als richtig und sinnvoll dargestellt werden, Millionen Menschen in Unsicherheit und Armut zu stürzen – wir tun es ja nicht gern, sagen die Akteure, aber es ist nun einmal ökonomisch unausweichlich.

Als Jesus dem Versucher begegnete, da forderte der ihn nicht auf: überfall eine Bank, oder eine Frau! Um darin das Böse zu übersehen, muss man ihm schon ganz schön verfallen sein. Stattdessen forderte er ihn auf: mach Steine zu Brot! Profiliere dich als Tempel-Springer! Nimm die Weltherrschaft aus meiner Hand entgegen! All das klingt vielleicht irgendwie merkwürdig, aber nicht unbedingt böse. Selbst bei der Weltherrschaft könnte man ja sagen: es kommt darauf an, was man damit macht – man könnte sie doch auch zum Guten verwenden!

Deswegen fängt Paulus damit an, dass er sagt: lass dich nicht vom Bösen überwinden! Pass auf, dass du nicht erst unter seinen Einfluss gerätst und dann zu seinem Werkzeug wirst! Man sollte das Böse nicht unterschätzen. Es kann gerade die unterwandern, die ihm unbedingt entgegentreten wollen. Deswegen warnt Paulus vor allen Arten von Rache. Der berechtigte Wunsch, dass Unrecht nicht ungesühnt bleibt, kann uns schnell dazu bringen, selbst dem Bösen zu verfallen. Wir werden so wie unser Feind.

Manchmal muss man tatsächlich deutlich Nein sagen, man muss gegen Neonazis demonstrieren und keine Sachen kaufen, an denen die pure Ausbeutung von Menschen und Tieren klebt. Man muss Menschen entgegen treten, die mit in ihrer Umgebung Unheil stiften. Man muss sich vor Menschen stellen, die ungerecht behandelt werden.

Das alles ist wichtig, aber auf Dauer kann keiner eine reine Abwehrhaltung durchhalten. Wer nur gegen etwas ist, der fixiert sich damit auf seinen Gegner. Er gibt ihm viel zu viel Raum, er tut ihm zu viel Ehre an. Wenn du dem Bösen wirksam entgegentreten willst, musst du im Guten verankert sein, in Gottes guter, segensreicher Realität. Das Böse ist in ernsthafter Gefahr, wenn Menschen Gutes tun, nicht schon dann, wenn sie gegen das Böse sind.

Deswegen ist der zweite und entscheidende Satz von Paulus: Überwinde das Böse mit Gutem! Um ein Bild zu zeichnen, wie das aussieht, dafür wendet er seine ganze Fantasie auf.

Und er zeichnet Christen als Menschen, die dafür bekannt sind, dass sie segnen, dass sie Gottes Güte in ihre Umgebung ausstrahlen. Er zeichnet Christen als Menschen, die sich auf die Höhen und Tiefen der Menschen einlassen, denen sie begegnen. »Freut euch mit den Fröhlichen und weint mit den Weinenden.« Gott kennt uns in unseren guten und schlechten Tagen und fühlt mit uns mit. Und so sollen wir es mit anderen machen. Richtig segnen kann nur, wer Menschen kennt in ihrer Freude und in ihrem Kampf. Wer mit ihnen verbunden bleibt auch auf allen problematischen Wegen, die sie gehen. Der Feind, den wir versorgen sollen, wenn er Hunger und Durst hat, ist sozusagen nur der äußerste Spezialfall. Wenn du gewöhnt bist, die Menschen auf ihr Leid, ihre Ängste und die verschlungenen Wege ihres Herzen hin anzusehen und mit ihnen mitzuleiden, dann hast du dir das irgendwann so angewöhnt, dass du auch an denen, die dir Schaden zufügen, die Ängste und Verwirrungen sehen kannst, ihre Unsicherheiten und Mängel, die sie dazu bringen, anderen Lebenskraft zu stehlen, weil sie selbst zu wenig haben oder zu haben glauben.

Und wenn Christen auch da ihre segnende und schenkende Grundhaltung beibehalten, dann können zwei sehr verschiedene Dinge passieren: entweder zieht das den Feinden irgendwann den Boden der Feindschaft unter den Füßen weg, so dass sie von der Liebe und Freundlichkeit überwunden werden. Oder es macht die Bahn frei dafür, dass sie in die Hände Gottes fallen und er ihrem Treiben ein Ende macht. Gott sorgt dafür, dass Menschen nicht endlos weiter Schaden anrichten können. Die Welt ist so eingerichtet, dass das Böse irgendwann seine eigenen Anhänger auffrisst.

Aber es ist nicht unsere Sache, dazu beizutragen. Wir sollen uns Gott in vielem als Vorbild nehmen, aber seinen Zorn hat er sich selbst vorbehalten. Der ist für uns eine Nummer zu groß. Im Gegenteil, wenn wir Gott da ins Handwerk pfuschen, dann machen wir es ihm viel schwerer, dem Bösen entgegenzutreten. Gott möchte nämlich nicht mit unseren oft ungeschickten Vergeltungsaktionen verwechselt werden. Gott möchte möglichst nicht mit Folter, Kommandoaktionen und Drohnen in Verbindung gebracht werden. Aber auch möglichst nicht mit Vorwürfen, Anklagen und Rechthabenwollen. Die inneren Zusammenhänge von Gottes Zorn und Vergeltung sind nicht für uns. Stattdessen ist es unsere Sache, Gottes Liebe und Anteilnahme zu verkörpern. Christen sollen die neue Schöpfung widerspiegeln, die in Jesus vom Himmel auf die Erde gekommen ist. Die Gemeinde ist deshalb nicht die Heilsanstalt, die ihre Mitglieder mit irdischen und himmlischen Segnungen jeder Art versorgt, sondern sie ist der Vortrupp des Lebens, das bei Jesus schon längst begonnen ist.

Im Evangelium haben wir vorhin das Geheimnis dieses Lebens gehört: das Weizenkorn muss in die Erde fallen und sterben. Nur so kann es neues Leben geben. Das ist das Muster, das in Jesu Kreuz sichtbar wird, und das ist das Muster, das sich zeigt, wenn Christen bereit sind, sich auf das Leben anderer einzulassen und mit ihnen die Ratlosigkeiten und Schönheiten des normalen Lebens anzunehmen. Nur wer schenkt und gibt, bleibt nicht allein. Durch dieses Muster wird Gott unter Menschen deutlich.

Die christliche Gemeinde ist am Anfang unter Menschen zu Hause gewesen, in den Häusern und am Esstisch normaler Menschen. Und das war keine provisorische Anfangsphase, sondern da gehört sie hin. Wir erleben im Augenblick, wie Druck und Hektik und Sorgen sich immer weiter hinein fressen in das ganz normale Leben. Wie aus immer mehr Lebensbereichen Geschäftsmodelle werden, die Straßen löcheriger und die Institutionen unübersichtlicher, komplizierter und weniger freundlich im Umgang mit ihren Menschen.

In dieser Umgebung ist die Gemeinde der Ort, von dem aus andere Signale ausgehen: Anteilnahme, kein Interesse am Rechthaben, dafür Hoffnung und anfassbare Ideen wie das Leben auch im schwierigen Umfeld gut und groß sein kann. Die feste Weigerung, sich zum Feind des anderen machen zu lassen.