Feb 252013
 

Predigt im Besonderen Gottesdienst am 24. Februar 2013 mit Epheser 6,10-13

2013-02-23BesGD_Maechte

Vor der Predigt war eine Theaterszene nach dem Roman »Früchte des Zorns« des amerikanischen Schriftstellers John Steinbeck zu sehen. Steinbeck beschreibt das Elend der Farmer im mittleren Westen der USA während der Umwelt- und Wirtschaftskrise in den 1930er Jahren. Viele Menschen wurden damals von Haus und Hof vertrieben, weil sie ihre Schulden nicht mehr bedienen konnten. In der Szene soll der Fahrer einer Planierraupe das Haus eines verschuldeten Farmers einreißen. Der Farmer bedroht ihn mit der Waffe, aber der Fahrer erwidert, dass er dabei sei, den Falschen zu erschießen. Auch sein Chef oder der Bankdirektor sei nicht das richtige Ziel dafür. Der Befehl dazu sei „von irgendwo aus dem Osten“ gekommen.

Wen soll man erschießen, wenn ganze Landstriche veröden und die kleinen Farmer reihenweise ihr Land verlieren? Wer ist schuld, wenn Wirtschaftskrisen ganze Nationen ins Elend stürzen oder Umweltkatastrophen weite Landstriche verwüsten? Wer wird schuld sein, wenn der Meeresspiegel steigt und ganze Küstenländer versinken? Es ist gar nicht so einfach, jemanden zu finden, den man bestrafen könnte. »Vielleicht ist das Ganze überhaupt nicht von Menschen gemacht« sagt der Mann auf der Planierraupe. Das ist gar nicht weit weg davon, wenn Paulus sagt: wir haben nicht mit Fleisch und Blut zu kämpfen, wir streiten nicht gegen Menschen, sondern gegen die unsichtbaren Mächte, die größer sind als Menschen.

Wir sehen jetzt einen kurzen Videoclip, der das Ganze noch einmal auf eine künstlerisch verdichtete Weise darstellt: wie ganz normale Menschen zu Rädchen im Getriebe werden, und am Ende stehen Monster da, Mächte, die keiner mehr kontrollieren kann (Werbeeinblendung ggf. wegklicken):

Am Anfang sind es ganz normale Menschen, mit all den kleinen Dingen, die Menschen so alltäglich tun. Aber dann zeigt sie das Video immer mehr als Teile einer großen Maschinerie, die sich über die ganze Welt ausbreitet und überall Ableger pflanzt. Spätestens seit der Finanzkrise wissen wir, dass die Pleite von Häuslebauern irgendwo in den USA die Wirtschaft der ganzen Welt erschüttern kann, weil alles mit allem zusammenhängt. Ein großes System, das der Einzelne längst nicht mehr überschaut. Es verwüstet die Erde, es verwüstet Menschen, aber es scheint, als ob es alternativlos wäre. Menschen haben es aufgebaut, aber es entzieht sich der Kontrolle durch Menschen.

Auf der anderen Seite lebt es von unserer Zustimmung und unserem Mitmachen. Es würde nicht mehr funktionieren, wenn Menschen ihm nicht ihre Kraft, ihre Loyalität und ihre Kreativität geben würden. Es ist ein Glaubenssystem, das nur so lange funktioniert, wie Menschen glauben, dass es für sie sorgen wird und dass es keine Alternative dazu gibt.

In der Zeit, als das Neue Testament geschrieben wurde, war das römische Imperium solch eine Macht. Es dominierte die ganze bekannte Welt bis auf ein paar barbarische Völker am Rande. Das Netz seiner Verwaltungsstruktur reichte bis in die entlegensten Provinzen. Es organisierte die erste globalisierte Welt der Geschichte. Und auch damals war der Einzelne ein kleines Rädchen in einem unüberschaubaren System.

Als Jesus vor seiner Hinrichtung mit dem Gouverneur Pilatus diskutierte, da sagte er ihm: du hast nur deshalb Macht über mich, weil sie dir von oben gegeben wird. Und mit »oben« ist nicht Gott gemeint, sondern der römische Kaiser. Denn damals hatte das System noch eine erkennbare Spitze, auch wenn die Kaiser selbst in seinen Zwängen drinsteckten. Jesus sagt: auch du bist nur ein Rädchen im Getriebe, ein ausführendes Organ, und du bist noch nicht mal der Hauptschuldige an meinem Tod.

Wenn man erst einmal Augen dafür bekommen hat, dann merkt man, wie die Bibel sich dauernd mit der Machtfrage auseinander setzt. Überall begegnen wir den Spuren der Macht: den Amtsinhabern, Ämtern, Strukturen, Institutionen, Ideologien, Ritualen, Regeln und spirituellen Einflüssen, auf die Macht sich gründet und durch die sie ausgeübt wird. Die Sprache und Wirklichkeit der Macht zieht sich durch das Neue Testament, weil Macht eine der grundlegenden Weisen ist, wie unsere Welt organisiert ist und funktioniert.

Das ist erst einmal nichts Schlechtes: Gott hat die Welt so geschaffen, dass wir nicht als Einzelne unkoordiniert durch die Gegend laufen, sondern dass wir miteinander verbunden sind und in Kooperation miteinander Dinge tun, für die ein Einzelner zu schwach und zu klein wäre. Aber schon beim Turm zu Babel zeigte es sich, dass die menschliche Gesellschaft ebenso aus ihrer Bestimmung herausgefallen ist wie es die Einzelnen sind. Auch die großen Kooperationen verhärten sich gegen Gott. Und im Verlauf der Bibel nimmt dann die Macht dieser Organisationen immer mehr zu. Im Buch Daniel schließlich werden erstmals die Weltreiche ausdrücklich thematisiert, bis hin zum Römischen Reich, und sie werden dargestellt als Monster, als schreckliche Tiere, die dem Ozean entsteigen und um sich herum Zerstörung und Schrecken verbreiten. So gesehen sind die Riesen-Roboter aus dem Video vorhin in Wirklichkeit Aktualisierungen biblischer Bilder.

Und das Alte Testament endet im Grunde mit der Frage: wie kann man noch Volk Gottes sein in einer Welt, die von Monstern beherrscht ist? Darauf hat Jesus und seine Bewegung eine Antwort gegeben.

Und diese Antwort ist: entzieht den Mächten die Loyalität. Glaubt nicht mehr an sie. Vertraut auf Gott und seine Güte, aber nicht auf die angebliche Güte und Weisheit der Mächte. Die zerstören und saugen eure Lebenskraft auf. Gott dagegen beschenkt euch mit Leben und Segen.

Das klingt erst einmal ziemlich defensiv. Tut es denn den Mächten so weh, wenn ich kleiner Mensch mich verweigere? Die Antwort: Ja, das tut es. Wenn ich wirklich Nein sage, mit Entschiedenheit und Klarheit, mit der Bereitschaft zur Konsequenz, das tut den Mächten sehr weh. Sie leben davon, dass alle irgendwie glauben, man käme nicht an ihnen vorbei. Sie haben Angst vor realen Alternativen. Man kann über sie murren, das macht ihnen nichts. Man kann sie bekämpfen wie der Farmer, der den Bankdirektor erschießen wollte – darüber lachen sie. Man kann eine ironische Distanz zu ihnen aufbauen, deutlich machen, dass man weiß, was gespielt wird – das lässt sie kalt, so lange du weiter funktionierst. Aber sie fürchten Menschen, die sie nicht unter Kontrolle haben, die nicht an sie glauben, die etwas Besseres haben.

Das kann man sehen an der Versuchungsgeschichte Jesu: wie ihm der Versucher am Ende sogar die Weltherrschaft anbietet, nur um ihn beherrschen und kontrollieren zu können. Aber Jesus widersteht ihm. Und es ist kein Zufall, dass er von da an seine erstaunliche Macht ausübt. Der Mensch, der wirklich frei ist vom Beherrscher dieser Welt, der bringt das ganze System ins Wanken.

Ok, wir sind nicht Jesus, und wir sind nicht so unabhängig und frei wie er, aber etwas von ihm lebt auch in uns, und das reicht auch schon, um den Mächten Sorge zu bereiten. Wenn eine Alternative da ist, dann müssen sie mehr Rücksicht auf die Menschen nehmen. Sie können sie nicht mehr ganz hemmungslos ausbeuten, weil sie sonst noch mehr Loyalität verlieren würden.

Die Loyalität von Menschen – darum geht es in allem. Keiner herrscht hier auf der Welt ohne die Zustimmung der Beherrschten. Manchmal wird die mit Gewalt und Terror erzwungen, aber fast immer ist auch ein Stück echter Zustimmung dabei. Würden alle einen Tyrannen wirklich verabscheuen, dann könnte er sich nicht halten.

Deshalb haben alle Machtsysteme auch eine spirituelle Seite. Es gibt Rituale und Hymnen wie in einer Religion. Es gibt Glaubenssätze, die immer wiederholt werden. Es gibt Meetings und Dienstbesprechungen, bei denen man einfach dabei sein muss, auch wenn sie total langweilig sind. Mächte funktionieren nicht ohne solche religiösen, »geistlichen« Elemente, in denen Menschen ihre Loyalität zum Ausdruck bringen. Deswegen galten die ersten Christen als Atheisten, weil sie den Symbolen des Imperiums keine Beachtung schenkten – sie gingen nicht in die Tempel und opferten nicht, sie gingen nicht in den Zirkus zu den blutigen Spielen, mit denen das Imperium seine Bürger auf Gewalt trimmte. So führten sie anderen, aber vor allem sich selbst immer wieder vor Augen, dass sie damit nichts zu tun hatten. Und es gab schwierige Diskussionen um die Frage, was man noch mitmachen konnte und was nicht.

Das ist so ein bisschen vergleichbar mit den Fragen heute: kaufe ich Kleidung, die möglicherweise so günstig ist, weil sie in Indien oder anderswo von Kindern hergestellt worden ist? Welche Umweltschäden verursacht die Produktion meines Essens? Möchte ich mein Geld einer Bank anvertrauen, die mit Lebensmitteln spekuliert?

Die Bank wird nicht so schnell pleite gehen, wenn sie meine Spargroschen nicht mehr bekommt, die Lebensmittelfabriken werden weiter ihre unappetitlichen Geschäfte machen, aber viel wichtiger ist es, dass ich selbst vor mir deutlich mache: mit solchen Geschäften will ich nichts zu tun haben! Zuerst geht es immer um die Frage, wem meine Loyalität gilt, wem ich selbst vertraue. Aber ich werde nicht allein bleiben; Jesus hat nicht Einzelne berufen, sondern aus lauter Einzelnen eine Bewegung ins Leben gerufen. Wie groß die wird, das können wir ihm überlassen. Auch die ersten Christen haben als sehr kleine Gemeinschaft angefangen. Aber es ist immer sinnvoll, dazu zu gehören, egal, ob es wenige sind oder viele. Klar, auf ein paar Hundert Leute muss eine große Macht nicht Rücksicht nehmen, aber ein paar Tausend oder ein paar Millionen gar, das spürt sie schon!

Aber die Kernfrage ist immer die nach der Loyalität, danach, wem man vertraut. Da wird der entscheidende Kampf ausgefochten. Deshalb lesen wir bei Paulus (Epheser 6,10-13) folgendes:

10 Seid stark in dem Herrn und in der Macht seiner Stärke. 11 Zieht an die Waffenrüstung Gottes, damit ihr bestehen könnt gegen die listigen Anschläge des Teufels. 12 Denn wir haben nicht mit Fleisch und Blut zu kämpfen, sondern mit Mächtigen und Gewaltigen, nämlich mit den Herren der Welt, die in dieser Finsternis herrschen, mit den bösen Geistern unter dem Himmel. 13 Deshalb ergreift die Waffenrüstung Gottes, damit ihr an dem bösen Tag Widerstand leisten und alles überwinden und das Feld behalten könnt.

Der Kampf geht darum, wem Menschen vertrauen, worauf sie ihre Hoffnung setzen. Bei uns allen versuchen die Mächte, ein Bein in die Tür zu kriegen, und nicht selten auch zwei. Sie sind da ziemlich erfinderisch, und wir haben viele Schwachstellen. Um das zu verhindern, muss man fest mit Gott verbunden sein. Sonst gehst du den Monstern in die Falle. Wir kämpfen nicht gegen Menschen. Es hat keinen Zweck, Menschen zu erschießen oder Bomben zu werfen. Das trifft die falschen. Menschen sollen ja gerade befreit werden aus dem System, das ihnen ihre Kraft aussaugt. Es ist doch kein Wunder, dass wir alle immer wieder so erschöpft und gehetzt sind. Die Mächte leben von unserer Lebenskraft, auf unsere Kosten. Und sie geben so wenig wie möglich zurück. Sie drücken die Löhne und richten Billigjobs ein, damit für sie mehr übrig bleibt. Sie halten Menschen in Angst und Schrecken und bieten sich selbst an als Lösung für die Probleme, die sie verursacht haben.

Dagegen vertrauen wir in der Nachfolge Jesu auf Gott. Gott steht engagiert und mit seiner ganzen Energie an unserer Seite. Mit ihm gemeinsam gibt es ganz neue Möglichkeiten sich der Fremdbestimmung zu widersetzen. Wir müssen nicht einsam scheitern, sondern wir sind berufen, gemeinsam mit anderen zu einer Bewegung der Hoffnung zu gehören, die aus der Resignation herausführt.

Wenn wir uns noch einmal erinnern an die Evangelienlesung (Markus 4,23-41) vorhin: Jesus schläft mitten im Sturm. Alle Mächte der Zerstörung sind um ihn herum entfesselt. Aber er macht sich keine Sorgen, sondern schläft, tief und seelenruhig. Inmitten des Chaos ruht er in Gott. Und deshalb ist er es auch, der am Ende das Chaos zur Ruhe bringt.

Trotzdem wollte er nicht allein bleiben. Er hatte Jünger dabei, er hat eine Bewegung ins Leben gerufen, und wir sollen dazugehören. Damit den Mächten der Zerstörung ihre Grenzen gezeigt werden.

Feb 232013
 

Lange habe ich immer nur begrenzte Zugänge zur Bergpredigt gefunden. Ja, es stehen enorm dichte und beeindruckende Sätze drin. Ja, ich sehe im Rückblick, dass sie mich schon lange in der Tiefe begleitet haben. Und es gibt diesen rätselhaften Satz Bonhoeffers in einem Brief an seinen Bruder, dass es die Bergpredigt sei, die das Regime Hitlers in die Luft sprengen könne. Mein Problem dabei war, dass mir der Aufbau der Bergpredigt fremd blieb. Perlen neben langen Strecken mit Themen, die mich eher nicht bewegten, wie z.B. die Frage nach dem Schwören. Andere Stellen (wie z.B. die Selegpreisungen am Anfang) wiederum klingen gut – aber die Begründungszusammenhänge habe ich eher nur geahnt. Vielleicht hat ja Matthäus doch nur gesammelte Aussprüche Jesu irgendwie assoziativ zusammengestellt, ohne innere Logik? Auch das wäre ja nicht schlecht, aber in der Regel habe ich es doch meistens so gefunden, dass die Evangelisten eine gute, zusammenhängende Geschichte erzählen, weil sie auf ein gutes Geschehen mit einer sinnvollen inneren Logik schauen.

Gott oder Mammon?

Als wir jetzt in unserer Gemeinschaft ein halbes Jahr lang die Bergpredigt  studiert haben, ist das für mich endlich klarer geworden. Es gibt tatsächlich so etwas wie ein Zentrum, das die vielen Sätze von Matthäus 5-7 zusammen bindet. Dieses Zentrum ist Matthäus 6,24-34:  die Aufforderung, sich zwischen Gott und Mammon zu entscheiden und auf die Versorgung Gottes zu vertrauen. Jesus beschreibt Gott als den Vater, der seine Geschöpfe ernährt – die Vögel und die Blumen und erst recht seine Menschen. Jesus sieht die Welt als durchflossen von den Segensströmen Gottes. Und die Kernfrage ist, ob jemand mit dieser Sicht lebt, oder ob er sich stattdessen sorgenvoll auf den Mangel konzentriert und dann – mit mehr oder weniger Konsequenz – auf den Mammon-Weg des Vorsorgens und Sicherns gerät. Dieser Mammons-Weg ist der Weg der Kontrolle in jeder Form. Er geht gewaltsam und ausbeuterisch mit der Welt und den Menschen um. Auch wenn es natürlich sympathischere und hässlichere Formen der Kontrolle gibt und nicht jeder den Weg bis zur letzten Konsequenz geht. Der Dienst des Mammon ist die aktualisierte Form des Sündenfalls aus 1. Mose 3 – und er ist für so ziemlich alle Scheußlichkeiten im Leben verantwortlich. Wer die Segensströme Gottes kanalisiert, aufstauen will und sie auf die eigenen Mühlen leitet, trägt dazu bei, dass sie versiegen.

Natürlich erhebt sich an dieser Stelle der Einspruch aller selbsternannter Realisten: vom Verweis auf grausame Phänomene im Tierreich bis hin zum Diktum, man könne „mit der Bergpredigt keine Politik machen“. Und natürlich ist die Sicht der Bergpredigt auf die Welt eine höchst gewagte. Kaum jemand teilt sie wirklich. So gut wie jeder von uns lebt mit Sorge und Vorsorge über den heutigen Tag hinaus. Die übliche kirchliche Auslegung ist ein Kompromiss: vorsorgen dürfe man schon in vernünftigem Maß, solange es nicht übertrieben wird. Wobei natürlich auch das in vernünftigem Maß angelegte Kapital schon für Krisen jeder Art gut ist.

Der Realismus der Bergpredigt

Es  geht aber nicht bloß um Geld. Jesus identifiziert diese kontrollierende bis ausbeuterische Art, mit der Welt umzugehen, in allen möglichen Lebensbereichen. Nicht zuletzt in der Religion. In einer durch und durch religiös geprägten Welt unterwandert das Sicherheitsdenken auch die religiösen Überzeugungen und Praktiken. Gebet wird zum Statussymbol, Geben zur kalkulierten PR-Aktion. Und ebenso die Beziehungen: durch die Scheidungsdrohung ist der (in diesem Fall: weibliche) Ehepartner stets kontrollierbar. Demgegenüber enthält die Bergpredigt durchgehend die Aufforderung, die Kontrolle aufzugeben und auf die verborgene Segensstruktur der Welt zu vertrauen. Das ist der Realismus der Bergpredigt.

Das Interessante ist aber, dass erst relativ spät in der Bergpredigt die Karten so offen auf den Tisch gelegt werden. Vom Umfang her ist bis 6,24-34 der größte Teil schon gesagt worden. Anscheinend müssen die Zuhörer erst eine Weile in ihrer Sicht der Welt verunsichert werden. Da wechseln Passagen, die den Hörern nicht allzu problematisch vorgekommen sein dürften (wie die Betonung der Kontinuität zur Schrift in 5,17-20) mit eher herausfordernden Anweisungen (wie dem Gebot der Feindesliebe 5,44). Es ist ein Anmarschweg, der irgendwie faszinierend ist, aber doch immer wieder die Frage auftauchen lässt: wie soll das gehen? Und darauf antwortet dann endlich die Passage 6,24-34. Nicht ohne den Hörer mit noch mehr Fragen zurückzulassen. Da endlich wird klar, was die Voraussetzung für die ganze Bergpredigt (und darüber hinaus auch für die anderen Worte und Taten Jesu) ist. Es passt zusammen – und entlässt den Hörer bzw. Leser erst recht mit Fragen. Aber wenigstens mit besseren, weiterbringenden Fragen.

Feb 182013
 

Predigt zu Römer 12,9-13 am 17. Februar 2013 (Predigtreihe Römerbrief 37)

9 Eure Liebe sei ohne Heuchelei. Verabscheut das Böse, haltet fest am Guten! 10 Seid einander in brüderlicher Liebe zugetan, kommt euch in gegenseitiger Achtung zuvor! 11 Lasst nicht nach in eurem Eifer, lasst euch vom Geist entflammen und dient dem Herrn! 12 Seid fröhlich in der Hoffnung, geduldig in der Bedrängnis, beharrlich im Gebet! 13 Helft den Heiligen, wenn sie in Not sind; gewährt jederzeit Gastfreundschaft!

Damit es heute nicht zu einfach wird, erinnere ich jetzt noch einmal an die Evangelienlesung vorhin – die Versuchung Jesu (Matth. 4,1-11). Diese Geschichte sagt: auch das Beste, was wir tun möchten, kann korrumpiert und in den Dienst der Verwüstung der Welt gestellt werden. Der Versucher hat Jesus ja keine verbrecherischen Handlungen nahegelegt: aus Steinen Brot zu machen, ist nichts Verwerfliches, sollte man meinen. Und trotzdem hätte es die ganze Sendung Jesu zerstört, wenn er sich selbst und andere ernährt hätte ohne Übereinstimmung mit der schenkenden und segnenden Liebe Gottes.

In Bilder von heute übersetzt: wer Lebensmittel vielleicht nicht aus Steinen, sondern aus irgendwelchen ekligen Abfällen oder fragwürdigen Resten herstellt, entweder direkt, oder indem er arme Schweine und Kühe damit füttert, der kriegt damit meistens Leute satt, solange sie es nicht merken, aber mit diesem Betrug, mit diesem Fake, vergiftet er den Segensfluss, von dem wir leben, und er zerstört wieder etwas von dem Vertrauen, das für unser Zusammenleben grundlegend ist.

Und so können sich auch in das Verhältnis unter Menschen schnell billige Ersatzstoffe hineinmischen, so dass man sich am Ende vorkommt, als ob man den Bauch voll hat, aber wir sind nicht ernährt worden.

Deswegen sagt Paulus nicht einfach: liebt einander! oder auch: seid nett zueinander!, sondern er sagt: eure Liebe soll ungeheuchelt sein, ohne Falsch, ohne undeklarierte Beimischungen, kein billiger Ersatz, der mit Farbstoffen, Geschmacksverstärkern und künstlichen Aromen aufgepeppt ist. Nicht diese eintrainierte Freundlichkeit, wenn man bei der Hotline anruft, und du weißt trotz aller Beteuerungen: ob der Techniker morgen wirklich kommen wird wie versprochen, das ist völlig ungewiss, da kann der Mensch auf der anderen Seite noch so oft sagen: »was kann ich für Sie tun?«

Liebe erkennt man nicht daran, dass das Gegenüber nett ist. Obwohl es natürlich in der Regel schon mal nicht schlecht ist, wenn man nicht gleich angemault oder runter gemacht wird. Aber wieviel von unserer Freundlichkeit ist einfach eine Spekulation darauf, dass man das dann entsprechend zurückbekommen wird? Oder dass man sonst Ärger kriegt, wenn sich jemand nicht genügend geschätzt fühlt? Schon Jesus hat das gut beschrieben, wie Menschen andere auf der Basis der Gegenseitigkeit einladen, in der Hoffnung, dass man dann eine Gegeneinladung bekommt, und er hat dann immer gesagt: ladet stattdessen die ein, die sich nicht revanchieren können. Im Johannesevangelium (5,44) ist es auf den Punkt gebracht mit der Formulierung, dass Menschen voneinander »Ehre nehmen«, dass man sich auf der Basis von Gegenseitigkeit Wertschätzung schenkt, und sich gegenseitig signalisiert, wie wichtig und bedeutsam man ist. Irgendwie scheint das ein genialer Trick zu sein: wir erzählen uns gegenseitig, wie toll wir sind, aber irgendwie bleibt ein schaler Nachgeschmack, und wir werden so nicht wirklich ernährt.

So soll es gerade nicht sein in der Gemeinde Jesu. Paulus schreibt stattdessen: kommt einander mit Ehrerbietung zuvor, also einseitig, unabhängig davon, ob ihr etwas zurückbekommt. Der Einzige, von dem wir etwas zurück erwarten sollten, ist Gott. Den können wir nicht berechnen, aber wir können ihm vertrauen, dass er nichts übersehen wird, was aus Liebe getan wird. Glaube zeigt sich daran, dass wir ruhig abwarten, was Gott aus dem machen wird, was wir für ihn tun. Wenn wir nämlich einem Menschen ohne Berechnung echte Liebe schenken, dann schenken wir sie Gott. Deswegen kann das auch kein Mensch von dir verlangen oder einfordern, weil Gott dazwischen steht. er ist das Gegenüber. Egal, was wir tun und mit wem wir beschäftigt sind, unter der Oberfläche sind wir immer mit Gott im Geschäft. Er verbirgt sich in dem anderen, er verbirgt sich in der Schöpfung, und es beständig mit auf dem Schirm zu haben, dass wir dauernd mit Gott zu tun haben, das schützt Liebe davor, zu einem Kalkül zu werden.

Deswegen schaltet Paulus das Warnlämpchen ein, wenn er von Liebe spricht. Zur Liebe gehört immer das Zurückweisen der billigen Imitation, so wie Jesus den Versucher zurückgewiesen hat. Schließlich hat das 12. Kapitel des Römerbriefes angefangen mit der Aufforderung, dass wir uns nicht an das Schema dieser Welt anpassen sollen, und wir stecken in den Mustern dieser Welt ziemlich tief drin, so dass es ein richtiges Wunder ist, wenn wir es dann doch anders machen.

Aber dazu hat Gott ja sein Volk berufen, dass mitten in der Welt eine Alternative sichtbar wird. Und erst auf dieser Grundlage wird das alles möglich, was Paulus hier beschreibt. Als Jesus dem Zerstörer widerstand, da erkämpfte er einen Freiraum, in dem er erst mit seinen Jüngern anders lebte und in dem jetzt wir lernen sollen, wie ein Leben geht, das den Segensstrom Gottes nicht auf die eigenen Mühlen lenkt, sondern ihn großzügig verteilt.

Und so wie Gott mit ganzem Herzen hinter dieser Alternative steht, die er angeschoben hat, so sollen wir das auch. Solche Zellen des neuen Lebens zu pflanzen und zu pflegen, das ist nicht ein Hobby, das man sich zulegt, weil man Entspannung und Ausgleich sucht. Lasst nicht nach in eurem Eifer, schreibt Paulus. Das braucht eure ganze Kraft, das muss man mit ganzem Herzen tun, das muss einen auch mal schlaflose Nächte kosten dürfen. Denn die neue Menschheit, die in der Gemeinde Jesu geboren werden soll, die ist das Ernsteste und Wichtigste, was es gibt.

Aber das heißt nicht, dass man deswegen eine ernste Miene aufsetzen müsste. In diesen ganzen Versen herrscht eine Atmosphäre des Aufbruchs, ein fröhlicher Geist von »Ärmel aufkrempeln und anpacken«. Geh davon aus, dass du danach auch mal kaputt bist, mach dir klar, dass man damit nicht einfach deswegen aufhört, weil es einem heute gerade nicht gut geht oder weil man nicht in Stimmung ist. Du machst das, weil Gott dir einen Auftrag gegeben hat, und egal, ob der groß oder klein ist, investiere deine ganze Energie und deine Fantasie da hinein, und verbreite um dich herum eine positive Stimmung. Gib dem Heiligen Geist die Chance, durch dich hindurch sein Werk zu tun.

Das kann auch bedeuten, dass man irgendwann eine Sache aufgibt, weil sie ihre Zeit gehabt hat und jetzt Neues dran ist. Weil man mit seiner Energie nicht etwas mühsam am Leben halten will, in dem der Heilige Geist nicht mehr lebendig ist. Aber das ist nicht das gleiche wie unseren wechselnden Stimmungen nachzugeben. Für Gottes Projekt in dieser Welt werden wir auf jeden Fall Kraft und Energie brauchen, wir werden immer mit unserem Wunsch nach Ruhe und Bequemlichkeit zu kämpfen haben, wir werden uns immer wünschen, nicht so oft gegen den Strom schwimmen zu müssen.

Aber sich nicht den Mustern dieser Welt anzupassen, das braucht einfach immer wieder unser gründliches Nachdenken, es braucht unsere Arbeit und die ganze Energie unseres Herzens. Es ist immer einfacher und leichter, in den ausgetretenen Spuren zu laufen, als selbst neue Wege zu finden und zu bahnen. Aber wenn man sich auf auf diesen Weg macht, der unsere ganze Hingabe braucht, dann bleibt man lebendig. Dann kann man alt und wackelig werden und manchmal auch müde, aber das Herz bleibt lebendig, es wird nicht hart und brüchig.

Wir werden aber auch immer wieder erleben, wie Gott uns unerwartete Geschenke schickt und es uns zeigt, wenn er sich über uns freut.

Deswegen schreibt Paulus: »freut euch in der Hoffnung!« Hoffnung rechnet so fest mit der Zukunft, als ob die schon Gegenwart wäre. Viele Menschen machen es umgekehrt, sie leben so sehr in der Vergangenheit, in dem, was sie erlebt haben, dass das immer Gegenwart bleibt. Immer wieder erzählen sie, was früher war und kommen gar nicht davon los. Lasst uns stattdessen mindestens so oft reden von dem, was kommen soll, was wir erhoffen, was Gott heraufführen wird. Wir reden von dem, was uns beschäftigt. Was erhoffst du dir, was Gott in deinem Leben noch tun wird, was er in unserer Gemeinde noch tun wird, was er in seiner Christenheit noch tun wird? Da sollen wir mindestens so intensiv drin leben wie manche in der Welt ihrer Jugendzeit leben oder in ihren Krankheitsgeschichten. Und das wird uns dann nicht mit Wehmut oder Resignation erfüllen, sondern mit Freude und Erwartung.

So eine Hoffnung gibt die Ressourcen, um auch die harten Zeiten durchzustehen. »Seid geduldig in der Bedrängnis!« schreibt Paulus. Gott ist nicht der, der uns alle Hindernisse aus dem Weg räumt. Er reagiert nicht immer so prompt, wie wir uns das wünschen. Alle großen Christen hatten Zeiten, in denen es nicht voran ging, wo sie warten mussten und sich der Eindruck aufdrängte: Gott hat mich vergessen. Wie lange soll ich noch auf ihn warten? Wie lange wird diese Zeit der Dunkelheit noch dauern, in der ich drinstecke? Und wir kleinen Christen haben diese Zeiten genau so.

Es gibt die Wegstrecken, wo dir nichts anderes bleibt, als aushalten, abwarten, weiter machen, was du als richtig erkannt hast, und dann auch noch aufpassen, dass du vom hartnäckigen Durchhalten nicht hart wirst. Natürlich ist es grundsätzlich so, dass Gott aus diesen Erfahrungen etwas Gutes machen wird, aber wenn man mitten drin steckt, fragt man sich schon, ob es dafür nicht auch andere Wege gegeben hätte. Manchmal merkt man im Rückblick, wofür es gut war, aber manchmal auch nicht. In so einer Lage sollen wir uns immer wieder an Gott wenden, weil er in dem allen das echte, richtige Gegenüber ist. Er ist die Adresse für Beschwerden und Klage. Solange wir das immer wieder ihm bringen, sind wir jedenfalls ein ganzes Stück weit davor geschützt, hart oder zynisch zu werden.

Und weil es immer Menschen in dieser Lage in der Gemeinde gibt, deswegen sollen wir Anteil nehmen an den Nöten. Manchmal ist das praktische Hilfe, manchmal geht es einfach darum, davon zu wissen und sich nicht davon abzuschotten. Und die ganze Passage endet mit der Aufforderung: seid immer gastfreundlich! Das ist ganz praktisch gemeint, als Bereitschaft, die Häuser zu öffnen für die, mit denen man auf dem gleichen Weg unterwegs ist. Es ist ja verrückt: solange man jung ist, ist es meistens kein so großes Problem, jemanden bei sich übernachten zu lassen. Je älter man wird und um so besser unsere Wohnung ausgestattet sind, um so schwieriger ist das.

Man darf die Gastfreundschaft aber auch gern zusätzlich im übertragenen Sinn verstehen als die Bereitschaft, den andern in sein Leben hinein zu lassen, ihm unser Herz zu öffnen und sich mit ihm zu verbinden. So wie Gott uns in sein Herz aufnimmt und trotz allem mit uns und unserem Weg verbunden bleibt. So wie Jesus uns in sein Leben aufgenommen hat und dafür bezahlen musste: mit Anfeindungen, mit Tagen, an denen er noch nicht mal Zeit zum Essen fand, und am Ende mit dem Kreuz.

Paulus beschreibt eine Gemeinschaft, die nach diesen Mustern Gottes geformt wird. Das ist das Übungsfeld für das Verhältnis nach draußen, zu den anderen, die das mit der Zerstörung in der Welt nicht so dramatisch sehen, aber auch keine so große Hoffnung teilen. Sie sollen durch eine Gemeinschaft der Solidarität hartnäckig gestört werden in ihrem Glauben, dass der Mensch böse ist und sich nie ändern wird. Sie sollen verunsichert werden in ihrem Glauben, dass man nichts machen kann und sich anpassen muss. Jede Gemeinschaft, die nur einigermaßen nach Jesu Art zusammenlebt, ist ein Zeichen für diese Alternative.

Sie ist ein Zeichen dafür, dass das eigentliche Gegenüber für alle Menschen Gott ist, der verborgen in allem auf uns wartet.

Feb 042013
 

Predigt am 3. Februar 2013 zu Apostelgeschichte 16,9-15

6 Paulus und seine Begleiter zogen nun durch den Teil Phrygiens, der zur Provinz Galatien gehört. Eigentlich hatten sie vorgehabt, die Botschaft ´Gottes` in der Provinz Asien zu verkünden, aber der Heilige Geist hatte sie daran gehindert. 7 Als sie sich dann Mysien näherten, versuchten sie, nach Bithynien weiterzureisen, aber auch das ließ der Geist Jesu nicht zu. 8 Da zogen sie, ohne sich aufzuhalten, durch Mysien, bis sie in die Hafenstadt Troas kamen.
9 Dort hatte Paulus in der Nacht eine Vision. Er sah einen Mazedonier ´vor sich` stehen, der ihn bat: »Komm nach Mazedonien herüber und hilf uns!« 10 Daraufhin suchten wir unverzüglich nach einer Gelegenheit zur Überfahrt nach Mazedonien; denn wir waren überzeugt, dass Gott selbst uns ´durch diese Vision` dazu aufgerufen hatte, den Menschen dort das Evangelium zu bringen.
11 Nachdem unser Schiff von Troas ausgelaufen war, fuhren wir auf direktem Weg zur Insel Samothrake. Am folgenden Tag kamen wir nach Neapolis, 12 und von dort ging die Reise ´landeinwärts` nach Philippi. Philippi, eine ´römische` Kolonie, war die bedeutendste Stadt in diesem Teil der Provinz Mazedonien. Hier blieben wir einige Tage 13 ´und warteten, bis es Sabbat war`. Am Sabbat gingen wir vor das Stadttor an den Fluss, wo wir eine jüdische Gebetsstätte vermuteten und dann auch tatsächlich einige Frauen antrafen, die sich dort versammelt hatten. Wir setzten uns zu ihnen und begannen mit ihnen zu reden.
14 Eine dieser Frauen – sie hieß Lydia – war eine Purpurhändlerin aus Thyatira, die an den Gott Israels glaubte. Während sie uns zuhörte, öffnete ihr der Herr das Herz, so dass sie das, was Paulus sagte, bereitwillig aufnahm. 15 Nachdem sie sich dann mit allen, die in ihrem Haus lebten, hatte taufen lassen, lud sie uns zu sich ein. »Wenn ihr überzeugt seid, daß ich ´jetzt eine Christin bin und` an den Herrn glaube«, sagte sie, »dann kommt in mein Haus und seid meine Gäste!« Sie drängte uns ´so, dass wir einwilligten`.

Wir werden hier Zeuge einer wunderbaren Freundschaft zwischen Gott und Menschen, wo eins ins andere greift und jeder aktiv dazu beiträgt, dass das Evangelium von Asien nach Europa kommt.

Paulus, Silvanus, Timotheus und vielleicht Lukas, der später die Apostelgeschichte geschrieben hat, haben Gemeinden in der heutigen Türkei besucht, die Paulus früher schon gegründet hat. Und sie wollen von da aus einfach weiter machen, Richtung Westen gehen, über den Bereich hinaus, in dem sie bisher schon tätig waren, weiter hinein in die römische Provinz Asien, die damals den südlichen Teil von Kleinasien umfasste. Für alle, die schon mal in der Gegend waren: »Asia« war damals ungefähr die Gegend zwischen Izmir und Antalya.

Aber der Heilige Geist hindert sie daran. Für uns heute klingt das etwas rätselhaft – für Lukas, der es geschrieben hat, war das so normal, dass er gar nicht näher schreibt, wie das genau aussah. Irgendwie machte ihnen der Heilige Geist deutlich: da nicht! Vielleicht hatten sie einfach ein schlechtes Gefühl, als sie aufbrechen wollten, vielleicht waren Bergpässe nicht passierbar, vielleicht bekamen sie prophetische Worte von Gott, vielleicht war es alles zusammen – jedenfalls war es für sie klar: da nicht entlang!

Wir haben heute oft das Gefühl, dass Gott nicht eindeutig ist, dass man ihn so oder so verstehen kann, dass da vieles grundsätzlich rätselhaft ist und jeder ihn eben so verstehen muss, wie er es selbst am besten findet, aber am Anfang der christlichen Bewegung war das nicht so. Das erste Jahrhundert der christlichen Bewegung vermittelt gerade den Eindruck einer großen Klarheit: in einer Welt voller Verwirrung, Desorientierung und Dunkelheit sind es die Christen, die ihren Weg mit Sicherheit und Eindeutigkeit finden und gehen.

Es geht dabei nicht um irgendwelche Dogmen, die man den anderen um die Ohren haut, sondern es geht um die praktischen Entscheidungen des Alltags – rechts abbiegen oder links an der Kreuzung -, wo Paulus und die anderen frühen Christen ganz selbstverständlich Gottes Willen kennen und dann tun. Sie wissen zwar nicht, wieso Gott ihren eigentlich sehr einleuchtenden Plan stoppt, aber natürlich handeln sie nicht gegen seinen Willen und so wenden sich eben statt nach Westen in den Norden. Wahrscheinlich denken sie: Gott will uns offenbar im Norden haben, am Schwarzen Meer, also gehen sie in die Richtung. Aber auch da stoßen sie wieder auf ein Stopschild, auch das erklärt Lukas nicht genauer, aber es ist klar: das Schwarze Meer ist es auch nicht.

Nach links sollen sie nicht, nach rechts auch nicht, also bleibt ihnen nur der Weg genau dazwischen, und der bringt sie immer näher ans Ägäische Meer, den Teil des Mittelmeeres, der Europa und Asien trennt. In Troas, dem ehemaligen Troja, erreichen sie schließlich das Meer.

Damit sind sie an einer alten Grenzlinie zwischen zwei Kulturen angekommen: hier sind sich die Griechen und erst die Trojaner, dann die Perser als die Vertreter der östlichen Kulturen begegnet, sie haben miteinander gekämpft, ihre Einflusssphären haben sich mal nach Osten und mal nach Westen verschoben, sie haben voneinander gelernt und sich gegenseitig beeinflusst, und im Grunde ist das bis heute so geblieben. Bei der Frage, ob die Türkei nach Europa gehört, in die Europäische Union hinein, geht es immer noch und wieder darum, wo diese Grenze zwischen Europa und Asien verlaufen soll. Kulturell war das eine unglaublich fruchtbare Grenze: die entscheidenden Kulturleistungen entstehen nicht da, wo Kulturen unvermischt und rein sind, sondern wo sie sich begegnen und miteinander kommunizieren.

Und für den Schritt über diese Grenze reichen nicht mehr die normalen, alltäglichen Hinweise des Heiligen Geistes, sondern dafür gibt es eine besondere Offenbarung Gottes, die Lukas extra schildert: Paulus hat in der Nacht eine Vision, in der ihn ein Mazedonier ausdrücklich ruft und um Hilfe bittet. Die Mazedonier leben drüben, am anderen Ufer, schon in Europa. Vermutlich erkennt Paulus den Mann an seiner Kleidung. Auch das ist nicht ohne tiefere Bedeutung: von Mazedonien aus begann Alexander der Große seine siegreiche Eroberung Asiens, die das Gesicht der Welt dauerhaft veränderte. In der Folge hatte auch Israel viel zu leiden, weil die Nachfolger Alexanders dem Land die hellenistische Kultur aufzwingen wollten, die sich damals entwickelte. Jetzt ruft ausgerechnet ein Vertreter dieses Landes die christlichen Juden zu Hilfe. Welche Ironie! In der verborgenen Welt Gottes geht die Bewegung genau andersherum als in der Machtgeschichte der Welt.

Für Paulus und seine Gefährten ist damit die Zeit des Rätselns über Gottes Absichten vorbei. Man spürt es immer noch aus den alten Texten, wie es ihnen auf einmal wie Schuppen von den Augen gefallen ist, wie Paulus die anderen vielleicht noch in der Nacht geweckt hat und ihnen seine Vision erzählt hat, und sie alle miteinander sagen: ok., das ist die Lösung des Rätsels – Mazedonien! Da sollen wir hin. Und gleich als es hell wird, gehen sie zum Hafen und finden ein Schiff, und der Wind steht so günstig, dass sie in zwei Tagen eine Strecke bewältigen, die bei anderem Wetter auch eine Woche dauern kann. Gott und die Menschen arbeiten zusammen, jeder tut das, wofür er zuständig ist, und die Bewegung geht voran.

In Europa angekommen gehen sie weiter auf der Via Egnatia, einer der wichtigsten Fernverkehrsadern der antiken Welt, eine römische Militärstraße. Sie führt von Rom durch Nordgriechenland in den Osten. Und so kommen sie nach Philippi. Dort hat 90 Jahre vorher die entscheidende Schlacht zwischen dem späteren Kaiser Augustus und den Mördern Cäsars, den Verteidigern der römischen Republik, stattgefunden. Augustus hat gesiegt und wurde bald darauf Kaiser. Und die Stadt, bei der er gesiegt hatte, die machte er später zu einer römischen Kolonie, wo er seine Soldaten ansiedelte, wenn sie aus dem Dienst ausschieden. Philippi war also geprägt von römischer Kultur und römischem Militär. Es war eine künstliche gepflanzte römische Insel in einer griechischen Umgebung.

Wenn Paulus sonst irgendwo hin kam, dann benutzte er die jüdische Synagoge als Anlaufpunkt. In den Synagogen wurde diskutiert, wurde nachgedacht, da gab es Menschen, die wenigstens die Fragen kannten, auf die Paulus die Antwort hatte. Aber in Philippi gab es kein jüdisches Gotteshaus. Nur draußen vor dem Tor, am Fluss, trafen sich am Sabbat einige Frauen, vielleicht Jüdinnen, die mit ihren römischen Männern hierher gekommen waren, oder als Sklavinnen.

Und Lydia war dabei, eine Geschäftsfrau die mit Purpur handelte. Purpur war kostbar – es war die Farbe der Könige und der Befehlshaber. Lydia kann nicht arm gewesen sein. Offensichtlich hatte sie ihr eigenes Geschäft, ihr »Haus«, wie man das damals nannte, und da gehörten Verwandte dazu, aber auch Angestellte und Sklaven. 50 Leute können das gewesen sein, und sie war der Chef. Vielleicht hatte sie auch Kinder, aber keinen Mann. Es kann sein, dass der früh gestorben war, und jetzt war sie etwas Seltenes, etwas, was in der Antike gar nicht vorgesehen war: eine unabhängige Frau. Wahrscheinlich ging das nur, weil sie auch eine Grenzgängerin war: sie kam aus Thyatira an der Westküste Kleinasiens, ungefähr aus der Gegend, wo Paulus ursprünglich hin wollte. Sie brachte Purpurfarbe nach Europa, Paulus das Evangelium. Sie lebte zwischen den Kulturen, gehörte wahrscheinlich zu keiner Großfamilie, zu keinem Clan, der sonst dafür gesorgt hätte, dass sie schnell wieder einen Mann bekam, der auf sie aufpassen konnte. Lydia lebte außerhalb aller Ordnungen, gesetzlos sozusagen, sie war unabhängig und verdiente gut. Und sie hatte keine Kultur, die ihr vorgab, wie sie zu denken hatte. Also musste sie selbst denken.

Versteht ihr, dass es kein Zufall war, dass das Evangelium in Europa ausgerechnet bei Lydia begann, bei einer unabhängigen Frau, die weder richtig Europäerin war noch richtig Asiatin? Es sind die Menschen, die nirgendwo so richtig zu Hause sind, die nicht erdverbunden und wohl eingebettet in einen festen Denkrahmen leben, sondern die herausgenommen sind aus der Normalität, die ihren Platz in der Welt selbst bestimmen müssen, weil sie sonst keinen eindeutigen Platz haben – da findet das Evangelium seine ersten Stützpunkte. Lydia hatte keine klare Heimat, da konnte sie sich den Luxus leisten, einfach nach der Wahrheit zu fragen.

Und wahrscheinlich hat sie von ihrer unabhängigen Position aus die Fragwürdigkeit des Heidentums sehr deutlich wahrgenommen. Und so hatte sie den Gott Israels entdeckt, seine Freiheit, seine Verbundenheit mit Menschen wie Abraham oder Mose, die nirgendwo richtig hingehörten außer zu Gott. Der war ihre Heimat geworden, und vielleicht waren es ihre Gebete, die Gott bewogen hatten, Paulus so deutlich in ihre Richtung zu lenken.

Und als die beiden aufeinander stoßen, am Fluss Angites vor den Toren Philippis, da war sie es, in deren Herzen die Worte des Paulus Wurzeln schlugen. Sie war der gute Boden aus dem Gleichnis, das wir vorhin in der Evangelienlesung gehört haben (Lukas 8,4-15). Gott tat ihr das Herz auf. Wieder ein perfektes Zusammenspiel zwischen Gott und Menschen. Gott bringt Paulus in die richtige Position und spielt ihm den Ball zu und Paulus schießt und trifft. Und so wie im Fußball ein Tor immer eine Gemeinschaftsleistung ist, so sind es auch Gott und Menschen gemeinsam, wenn jemand zum Glauben an Jesus als Herrn und König der Welt kommt.

Wir kommen aus einer langen Tradition, wo das gegeneinander gestellt wird, so als ob es nicht auf Menschen ankommen dürfte und Gott der Starspieler ist, der alle Tore schießt, aber wenn man es von der Bibel her sieht, dann ist das ein dummer Gegensatz. Paulus und die ersten Christen brachten ja gerade den Frieden zwischen Gott und Menschen, wo es nicht mehr um ein Gegeneinander oder um Konkurrenz geht, sondern wo beide zusammen in einer Mannschaft spielen. Gott und die Menschen, Männer und Frauen, Europäer und Asiaten, Juden und Heiden – das ist jetzt kein Gegeneinader mehr, sondern alle sind in einem neuen großen Bund miteinander verbunden.

Und dann wird das Haus der Lydia zum ersten Stützpunkt des Evangeliums in Europa. Das Evangelium breitet sich aus in den Nischen und Ritzen der Welt, da, wo keine Aufpasser sind. Man muss es nicht mühsam von der Kirche in den Alltag zu den Menschen bringen, weil es von Anfang an in den Häusern und im Alltag der Menschen präsent ist. Erst später ist es in die Sakralgebäude eingesperrt worden, und seit damals mussten Generationen von Predigern immer wieder beteuern, dass der Glaube nicht nur am Sonntag in der Kirche gilt, sondern auch am Montag in der Schule und bei der Arbeit. Aber ursprünglich lebte das Evangelium von vornherein im Alltag in den Häusern und nicht in Tempeln wie die heidnischen Religionen. Das war nicht ein Provisorium am Anfang, sondern so lange die Gemeinde Jesu so lebte, ging es ihr gut. Da waren die Menschen gewohnt, in ihrem Alltag auf Gott zu hören, ganz normal und alltäglich.

Wer die Apostelgeschichte weiterliest, der merkt, dass Paulus dann auch in Konflikte kommt mit den Mächten, die die Stadt Philippi kontrollieren. Und da wird es kompliziert. Aber hier spüren wir noch die Leichtigkeit des Anfangs: Gott hat alles vorbereitet, er schließt die Türen auf, er bringt Paulus an den richtigen Ort, der nutzt seine Chance, und – Treffer!