Jan 142013
 

Predigt über Römer 12,1-2 am 13. Januar 2013 (Predigtreihe Römerbrief 35)

1 Brüder und Schwestern, weil Gott so viel Erbarmen mit euch gehabt hat, bitte und ermahne ich euch: Stellt euer ganzes Leben Gott zur Verfügung! Bringt euch Gott als lebendiges Opfer dar, ein Opfer völliger Hingabe, an dem er Freude hat. Das ist für euch der »vernunftgemäße« Gottesdienst. 2 Gleicht euch nicht dieser Welt an, sondern wandelt euch und erneuert euer Denken, damit ihr prüfen und erkennen könnt, was der Wille Gottes ist: was ihm gefällt, was gut und vollkommen ist.

Wenn man in der antiken Welt, in der Paulus lebte, etwas Religiöses tun wollte, dann brachte man ein Opfer. Das war sozusagen der Normalfall religiöser Praxis. In irgendeinem der zahlreichen Tempel gab man dem Priester eine Opfergabe, Lebensmittel oder ein Tier, und der Priester brachte diese Gabe fachgerecht als Opfer für den jeweiligen Gott dar, meistens, indem er das Tier schlachtete und das Blut an einer heiligen Stelle auf die Erde goss. Das Fleisch gehörte dann dem Gott, d.h. seinem Tempel. Und mit dem Verkauf des Fleisches wurden der Tempel und die Priester finanziert.

Die Christen taten das nicht, sie opferten nicht, und deshalb galten sie in der antiken Welt bald als Atheisten. Natürlich fiel das den Nachbarn irgendwann auf, dass die Christen nicht in irgendeinen Tempel gingen, auch nicht in irgendeinen exotischen Spezialtempel, sondern in gar keinen. Und wenn man das nicht tat, dann war man damals irgendwie nicht normal.

Für uns heute ist diese Vorstellung, ein Tier für einen Gott zu schlachten, ziemlich merkwürdig. Es gibt kaum noch eine Religion auf der Welt, wo das gemacht wird. An dieser Stelle hat das Christentum gründlich gesiegt. Die Außenseiterposition von damals ist heute völlig selbstverständlich, und zwar beinahe weltweit. Aber um Paulus zu verstehen, müssen wir uns zurückversetzen in eine Welt, in der Opfer eine ganz konkrete, alltägliche Erfahrung waren.

Hier beschreibt er konzentriert in einem Satz, was die Christen anders machten. Er sagt: wenn man dieses Wort »Opfer« unbedingt auf uns anwenden will, dann nur noch in einem übertragenen Sinn. Also: wenn schon Opfer, dann bitte euch selbst! Lasst euch nicht von einem armen Tier vertreten, sondern macht das selbst. Aber natürlich sollt ihr euch nicht auf einen Altar legen, wo euch jemand die Kehle durchschneidet, sondern das ist nur noch ein Bild für etwas völlig anderes: ihr sollt euer eigenes Leben Gott ganz zur Verfügung stellen, und das ist dann ein lebendiges Opfer – kein totes Tier, sondern ein lebendiger Mensch, der sagt: dies ist nicht mehr mein Leben, sondern ich habe es vor Gott hingelegt, als ich getauft wurde, und es gehört von nun an ihm. Ich habe mein ganzes Leben Gott gegeben, es gehört ihm, aber er hat es mir zurückgegeben, und jetzt führe ich es in seinem Auftrag.

Da wird das Wort Opfer beibehalten, aber im Grunde ist es etwas völlig anderes, was da geschieht. Die Logik des Opferns war: ich gebe einem Gott etwas und bekomme dafür von ihm etwas zurück: eine gute Ernte, gesunde Kinder oder Glück im Krieg. Dieser Gott ist zwar viel größer als ich, aber im Grunde machen wir ein Tauschgeschäft. Tierblut – also Lebenskraft – gegen göttlichen Beistand. Eigentlich bin ich den Göttern ja egal, aber weil sie irgendwie Blut brauchen (Lebenskraft), deshalb werden sie dann auch mal etwas für mich tun.

Paulus sagt: unseren Gott muss man nicht mühsam überreden, sich um uns zu kümmern. Der macht das sowieso, wir liegen ihm am Herzen, er hat uns geschaffen und gewollt, er kümmert sich sowieso schön längst um uns, aus eigenem Interesse, er ist barmherzig. Und durch uns geht sein Erbarmen weiter durch die ganze Welt.

Und deshalb besteht unser Gottesdienst darin, dass wir unser Leben neu führen, schon als Vorposten der neuen Welt, die mit der Auferstehung Jesu begonnen hat. Paulus nennt das den »vernünftigen Gottesdienst« – also du gibst nicht mehr dein Opfer dem Priester, und der macht irgendwas Mystisches, Unverständliches damit, und du selbst bist raus und musst dich dann nicht mehr mit dem komplizierten Gotteskram beschäftigen. Sondern jetzt musst du Tag für Tag und Stunde für Stunde überlegen: wie sieht denn nun ein Leben aus, in dem sich die Auferstehung Jesu widerspiegelt? Wie sieht ein Leben aus, das ein Vorposten der neuen Welt Gottes ist, in meiner Zeit, in meinem Land, in meinem Ort, in meiner Familie, in meinem Beruf, in meiner Schulklasse, in meinem Terminkalender, in den Gedanken meines Herzens? Wie soll denn das Leben aussehen, das ich Gott geopfert, also anvertraut, habe, und das ich von Gott zurück bekommen habe, damit ich es jetzt in seinem Namen führe?

Diese Frage können wir jetzt nicht mehr auf den religiösen Fachmann, den Priester, abschieben, sondern wir müssen sie alle beantworten. Und normalerweise beantworten wir sie auf die Art, wie wir auch sonst Lebensfragen angehen: mit unserer Vernunft, mit unserem Nachdenken, mit unserem Ausprobieren, indem wir uns Rat holen bei anderen, indem wir die Bibel lesen und bedenken, indem wir Bücher und Zeitschriften und das Internet zu Rate ziehen, indem wir Christen und Nichtchristen fragen, und dann zu irgendeinem Ergebnis kommen. Deswegen nennt Paulus das den »vernünftigen Gottesdienst«. Da ist nichts geheimnisvolles und Irrationales dabei wie bei den heidnischen Priestern. Und das macht nicht Gott für uns, sondern das machen wir, mit dem ganzen Einsatz unserer Existenz, und immer wieder auch geleitet von Gottes freundlichen Hinweisen und seinem Schutz, den unser Verstand wahrlich nötig hat.

Denn es soll ja nicht irgendein halbwegs anständiges Leben dabei herauskommen, sondern ein Vorposten der neuen Welt Gottes. Wir sollen erneuert werden, und das fängt in unseren Gedanken an. Wir sollen ausbrechen aus den ganzen kaputten Mustern, mit denen wir aufgewachsen sind und von denen die Welt geprägt ist. Das ist der Rahmen für alles, was Paulus in den folgenden Versen sagt über das praktische Leben. Und es ist nicht so, dass wir jetzt endlich die komplizierten theologischen Gedankengänge hinter uns haben und es jetzt endlich praktisch wird.

Es ist ein bisschen so, wie bei den 10 Geboten, die fangen im Original damit an, dass Gott sagt: »ich habe euch aus der Sklaverei befreit« – und deshalb lebt jetzt als Menschen, unter denen es keine Übergriffe auf andere gibt. Das gibt dem Ganzen die Grundrichtung. Ganz ähnlich sagt Paulus hier: Jesu hat uns aus den Zwängen dieses kaputten Weltsystems befreit, und jetzt lebt als Menschen, die sich nicht mehr von Mächten dieser Welt in ihr Schema pressen lassen.

Was uns böse sein lässt, das ist ja meistens gar nicht ein individueller Entschluss. Das meiste und Schlimmste tun Menschen anderen an, weil sie in einem Muster drinstecken, das größer ist als sie selbst. Da wächst einer auf in einer Familie, wo man dauernd angegriffen wird und runtergemacht wird, wenn man aus dem Rahmen fällt. Und dann ist der so gewöhnt daran, dass es für ihn ein ganz normales Verhalten ist, anderen kein Vertrauen zu schenken und sie fertig zu machen, wenn es sich so ergibt. Und er muss erst lernen, dass er durch Jesus ein neuer Mensch geworden ist und diesem altem Schema nicht mehr verpflichtet.

Oder jemand wächst auf, ohne dass man ihm ein Gefühl für die eigene Würde schenkt, er wächst auf und glaubt nicht, dass er es wert ist, dass man ihn gut behandelt, und dann wird er andere genauso behandeln, und es ist ein Teufelskreis, der von einer Generation an die nächste weitergegeben wird.

Ich habe im Advent einer jungen Frau zugehört, die sich in Berlin um Frauen kümmert, die auf der Straße ihren Körper verkaufen. Und sie geht mit andern da hin und sie bringen den Frauen dort heißen Kaffee und ein bisschen Schokolade und reden mit ihnen und können eigentlich gar nicht viel ändern, weil die Frauen dort so fest in den ganzen Strukturen drinstecken, weil die Zuhälter sie bedrohen und weil es kaum Ausstiegshilfen gibt. Aber auch, weil das oft Menschen sind, die von klein auf Gewalt erleben mussten, die schon früh um ihre Würde gebracht worden sind, die immer gezwungen waren, sich anzupassen, zurückzustecken, nachzugeben, und die sich gar nicht vorstellen können, dass das Leben auch anders gehen kann.

Und diese junge Frau, die da mit anderen zu helfen versucht, die ist dort erstmal nur so etwas wie ein Zeichen für ein anderes Leben, ein Zeichen, dass es auch eine andere Welt gibt, dass man tatsächlich anders leben kann, und die Frauen, die sie betreut, sind ihr dankbar für dieses Zeichen, auch wenn sie ihm längst noch nicht vertrauen. Die erleben da etwas völlig Ungewohntes: dass jemand kommt und sich um sie kümmert und ihnen nicht auch wieder Lebenskraft rauben will. Und wir würden jetzt vielleicht ganz naiv fragen: warum hören sie dann nicht einfach auf? Warum ziehen sie keine Konsequenzen daraus? Aber das ist die Gewalt der Schemata, in denen Menschen drinstecken, durch die sie gefesselt sind. Das ist nicht »einfach«, und wenn eine das überhaupt schafft, da herauszukommen, dann ist es ein langer und mühsamer Weg.

Bei anderen denken wir immer, die müssten doch nur einfach aufhören. Aber sobald es um uns selbst geht, da erscheint es uns genauso als völlig undenkbar. Dass diese jungen Frau da zu den Berliner Prostituierten geht und es aushält, die Schmerzen und den Schmutz mit anzusehen, sich das anzutun, obwohl sie es nicht müsste, und so wenig dagegen tun zu können, das ist für die auch ein großer Schritt gewesen, und wahrscheinlich würden viele andere sagen: nein, das kann ich nicht. Hätten wir für so etwas Zeit und Raum in unserem Leben? Aber es ist ja Gottes Leben, das er uns anvertraut hat, damit es zu einem vernünftigen Gottesdienst wird.

Oder sich vorzustellen, nicht mehr mit unserem Grillen die Fleischindustrie zu unterstützen, nicht mehr mit unserem Geld die Banken zu füttern, nicht mehr unsere Häuser als Heiligtum zu sehen, in das andere nur nach gründlicher Vorbereitung rein dürfen, nicht mehr vor den Alphatieren in Familie und Nachbarschaft und sonstwo zu kuschen, und vor allem, das alles in den Mittelpunkt unseres Nachdenkens und unserer Gespräche zu stellen: wie sieht unser Leben aus, wenn wir daran denken, dass wir es im Auftrag Gottes führen, als Vorposten der neuen Welt? Da unsere Energie darauf zu verwenden, diese Frage immer weiter voran zu bringen: wie kann ich die Schemata, die Muster dieser alten, vergehenden, kaputten Welt immer mehr identifizieren und aus meinem Leben vertreiben? Das ist eine lebenslange Aufgabe, das immer weiter zu treiben. Aber das ist der eigentliche, vernünftige Gottesdienst, zu dem wir berufen sind, und das, was wir normalerweise den „Gottesdienst“ nennen, diese Stunde am Sonntag in der Kirche, das ist dafür da, diesen eigentlichen Gottesdienst zu unterstützen, der sich durch unser Leben zieht.

An so vielen Stellen stecken wir in den Mustern dieser Welt drin: im Großen und im Kleinen, im persönlichen Verhalten und an der Wahlurne, in der Art, wie wir unsere Freizeit gestalten, wie wir arbeiten und einkaufen und unsere Beziehungen leben und ich weiß nicht wo noch.

Die christliche Gemeinde ist der Ort, wo wir uns darin bestärken, dass das alles auf den Prüfstand muss. Jesus ist auferstanden, und deshalb gehören wir der neuen Welt und den neuen Mustern, die nicht mehr vom Tod und von der Angst und vom Recht des Stärkeren geprägt sind. Es fängt damit an, dass wir unser Denken entrümpeln, dass wir uns trennen von den Brückenköpfen, die die Mächte dieser Welt in uns haben. Und dann können wir auch für andere ein Zeichen sein, dass Freiheit möglich ist, dass niemand gezwungen ist, mitzumachen in dem bösen gottlosen Spiel, in das die Menschen hineingepresst werden. Lasst euch nicht in die Muster pressen, die in dieser Welt herrschen, sondern erneuert eurer Denken, damit ihr beurteilen könnt, was der Wille Gottes ist. Dazu sind wir da. Das wird uns zugetraut, Dazu sind wir berufen.

  4 Antworten zu “Der »eigentliche« Gottesdienst”

  1. Ausgezeichnete Predigt! Ich habe sie nun schon zum dritten Mal gelesen. Mir gefällt besonders Deine konkrete Beschreibung, was der Anspruch und was die Chance ist, heute Christ zu sein.

  2. Danke, Thomas, das freut mich echt!

  3. Ich lese Ihre Predigten immer sehr gern mit, auch diese. Anfänglich habe ich bedauert, dass es keine MP3-Dateien sind, man der Predigt nicht akustisch folgen kann. Jetzt schätze ich die Lese-Predigten immer mehr. Das geschriebene Wort vermittelt klarer und gibt Emotionen des Predigers weniger intensiv vor wie gesprochenes Wort. Dem Hörenden wird Raum geschenkt dadurch.

  4. Interessant, dass man es auch so sehen kann. Da war ich noch gar nicht drauf gekommen! Die Schriftlichkeit ist bei mir gar keine Grundsatzentscheidung, sondern wir nehmen die Predigten schlicht nicht auf (wenn sich das mal ändern sollte, würde ich wahrscheinlich beides anbieten).

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