Dez 312012
 

Predigt am 30. Dezember 2012 zu Jesaja 49,13-16

13 Jubelt, ihr Himmel, jauchze, o Erde, freut euch, ihr Berge! Denn der Herr hat sein Volk getröstet und sich seiner Armen erbarmt.
14 Doch Zion sagt: Der Herr hat mich verlassen, Gott hat mich vergessen.
15 Kann denn eine Frau ihr Kindlein vergessen, eine Mutter ihren leiblichen Sohn? Und selbst wenn sie ihn vergessen würde: ich vergesse dich nicht. 16 Sieh her: Ich habe dich eingezeichnet in meine Hände, deine Mauern habe ich immer vor Augen.

Bei diesem Abschnitt würde man spontan nicht darauf kommen, dass das ein weihnachtlicher oder nachweihnachtlicher Text ist. Die Brücke zu Weihnachten schlägt erst die Evangelienlesung vorhin (Lukas 2,25-38) mit den beiden Alten, Simeon und Hanna, die das Kind Jesus sehen und laut anfangen, Gott zu preisen, obwohl sie nicht mehr erleben werden, was dieses Kind noch alles tun wird. Simeon und Hanna werden längst tot sein, wenn der erwachsene Jesus die Menschen bewegt. Aber sie sehen das Kind Jesus und sehen in ihm schon, dass Gott treu ist, dass er nicht schläft oder seine Geschichte mit Israel aufgegeben hat.

Und ganz entsprechend sagt der Abschnitt aus dem Jesaja-Buch: Gott macht mit euch weiter, er hat sein Volk nicht aufgegeben. Das war mehr als 5 Jahrhunderte früher, als sie in die babylonische Gefangenschaft verschleppt worden waren, herausgerissen aus ihrem Land und angesiedelt in einer fremden Gegend, wo sie ihre Identität nach und nach verlieren sollten. Jerusalem war niedergebrannt, und auch die Menschen, die noch dort im Land lebten, hatten kein Zentrum mehr, wo weitergegeben wurde, wer sie waren. Ihr Eindruck war: Gott hat uns aufgegeben, er hat uns vergessen. Es ist aus und vorbei.

In dieser Situation sagt Gott durch Jesaja: ich habe euch nicht vergessen. »Ich habe dich eingezeichnet in meine Hände, deine Mauern habe ich immer vor Augen.« Die Mauern Jerusalems waren zerstört, und die Folge war, dass sich in der Stadt nichts entwickeln konnte, kein eigenständiges Gemeinwesen, keine eigenständige Sozialordnung des Volkes Gottes. Israel hatte nicht den Raum, um durch sein Leben eine Alternative zu sein zu der Art, wie die anderen Völker ihre Gesellschaften organisierten.

Mauern sind eine zwiespältige Sache. Sie können auf fiese Weise ausgrenzen, sie können aber auch schützen vor dem Zugriff übermächtiger Gegner. Wir denken heute wahrscheinlich meistens an das erste: wir wollen keine Mauern aufbauen, weil wir niemanden ausgrenzen wollen. Sie kennen vielleicht dieses Modell der eingegrenzten Wohngebiete, wo sich reiche Leute hinter Stacheldraht und Sicherheitsdiensten verschanzen, um für sich eine heile, sichere Welt zu haben, während sie draußen Armut, Kriminalität und Unmoral wittern. Besonders in Amerika gibt es wohl eine ganze Menge von abgegrenzten Wohnbezirken. Die einen sind drin und die anderen draußen.

Diese ganze Konstellation zeigt die Spaltung der Gesellschaft und zementiert sie gleichzeitig. Je stärker die Leute drinnen von denen draußen getrennt sind, um so mehr fürchten sie sich vor ihnen. Um so wilder wuchert ihre Vermutung, dass die da draußen ganz schrecklich, bedrohlich und schmutzig sind.

Wenn aber Gott sagt, dass er die Mauern Jerusalems immer vor Augen hat, dass dieses Problem sozusagen ganz oben auf seiner Dringlichkeitsliste steht, dann hat er nicht diese Form von Abgrenzung vor Augen. Er denkt an Mauern, die es Israel überhaupt erst erlauben, ein eigenes Leben zu führen, anders zu sein als die anderen Völker. Wozu wäre ein Gottesvolk gut, wenn es genauso wäre wie alle anderen? Gott wollte doch eine Alternative haben, als er Abraham berief und mit ihm einen Bund schloss. In Israel sollte es anders zugehen.

Die ganzen Gesellschaften der Antike hatten das Problem wachsender Ungleichheit: das Land konzentrierte sich immer stärker in den Händen weniger Großgrundbesitzer, und die Menschen, denen es früher gehört hatte, wurden Sklaven oder abhängige Arbeiter. Das brachte ganz viel Konflikte in die Gesellschaft hinein. Wir wissen heute, dass die Menschen um so unzufriedener werden, je mehr Ungleichheit es in der Gesellschaft gibt. Je tiefer der Graben zwischen den Superreichen an der Spitze und den Habenichtsen ganz unten wird, um so unerfreulicher wird das Leben – und zwar für alle, auch für die Reichen.

Gott wollte aber, dass in seinem Volk Gleichheit herrscht. Im Gesetz gab es deshalb Vorschriften, dass periodisch die Schulden erlassen und Land den ursprünglichen Eigentümern zurückgegeben werden sollte. Das war ein völlig anderes Modell als bei den anderen Völkern. Und wenn Gott so heftig darauf pocht, dass sein Volk sich keinen anderen Göttern zuwenden soll, dann nicht, weil er eingeschnappt oder beleidigt ist, sondern dann steht diese Alternative auf dem Spiel: die andere Art zu leben, eine Gesellschaft, wo nicht die einen rücksichtslos ihren Gewinn auf Kosten der anderen durchsetzen. Wo sich nicht ein Teil der Gesellschaft gegen den anderen verschanzt.

Aber so ein Experiment braucht einen geschützten Raum. Es hatte nur eine Chance, wenn es Mauern gab, die dieses zarte Pflänzchen einer neuen Gesellschaft schützten. Aber als die Mauern tatsächlich wieder aufgebaut waren, da zeigte sich, dass auch diese Mauern nicht stark genug waren, um Israel gegen die großen Reiche der Antike zu schützen. Israel errang Achtungserfolge, aber am Ende unterlagen sie doch dem mächtigsten aller antiken Reiche, den Römern. Und mit den griechischen, syrischen und römischen Herren drang ihr Denken nach Israel ein, und eben auch ihr Lebensstil, ihre Kultur. So wie heute die ganze Welt von Coca Cola und McDonalds durchdrungen wird: billige Erlebnisse, produziert von Billiglöhnern, billige Träume für billige Menschen. Und viele Menschen in Israel waren müde geworden vom Widerstand dagegen, andere waren fasziniert von den Versprechen dieser globalen Kultur. Und sie sagten: Müssen wir denn immer die Last tragen, etwas Besonderes zu sein? Können wir nicht auch einfach mal mit dem Strom schwimmen? Warum können wir nicht so sein wie alle anderen?

Und deshalb stand dieses Problem der Mauern, der Abgrenzung, auch zur Zeit Jesu immer noch ganz oben auf Gottes Dringlichkeitsliste. Wie kann das Volk mitten in der Welt anders sein und anders leben? Wie kann man Salz der Erde sein, und wie bleibt man auf Dauer salzig?

Die Christen haben dann die Lösung gefunden, sich nicht defensiv hinter Mauern zu schützen, sondern offensiv hinauszugehen in die Welt, in die feindlichen Reiche und Zivilisationen, und dort Verbündete zu suchen für den Traum einer Gesellschaft ohne Ungleichheit und Gewalt, für den Traum einer Kultur, die Menschen zur Entfaltung hilft. Sie haben die Alternative Gottes von Israel aus in die Welt getragen, in die Nischen der Gesellschaft, in die Slums und Massenquartiere. Und sogar einige von den Reichen sind aus ihren abgegrenzten Wohngebieten heraus gekommen und haben in den Gemeinden schon die neue Menschheit gefunden, die in Gleichheit und Solidarität lebt.

Dieses Modell wird nicht mehr von Stadtmauern beschützt, sondern von Gedanken, von Geschichten. Die Geschichten von Jesus, die die Geschichten Israels fortschreiben, sind das Zentrum, von dem her das alles bewegt wird. Diese Geschichten geben Hoffnung und Widerstandskraft. Sie sind mindestens so stark, dass die Mächte in dieser Welt nicht mehr ganz so rücksichtslos mit den Menschen umspringen können. Sie müssen Rücksicht darauf nehmen, dass es diese alternativen Erzählungen gibt, und sie müssen wenigstens so tun, als ob sie um das Wohl der Menschen besorgt wären – wenigstens etwas.

Aber eigentlich soll da noch mehr kommen, eigentlich soll die ganze Welt von dieser anderen Art des Lebens geprägt sein. Eigentlich soll doch der Tag kommen, an dem alle Geschöpfe jubeln, weil sie von diesem Druck der Ausbeutung befreit sind, die Tiere aus den Massenställen, der Himmel ohne den Dreck, mit dem wir ihn vergiften, die Erde nicht mehr durchwühlt und entstellt von der Suche nach Bodenschätzen, Männer und Frauen, Reiche und Arme nicht mehr sich gegenseitig misstrauisch betrachtend und abgrenzend, und unsere Seelen frei zum Jubel und zur Freude an Gott und seinem Werk.

Und bei Jesaja ebenso wie bei Simeon und Hanna wird das sozusagen schon als realisiert vorweggenommen, so, als ob es schon da wäre. Jesaja sieht die Wiederherstellung des Gottesvolkes, als ob das schon Gegenwart wäre; Simeon und Hanna sehen den neugeborenen Jesus und sehen in ihm schon den Keim von allem, was noch aus ihm werden soll.

Sie sehen das nicht in allen Einzelheiten, sondern sie sehen, dass Gott seiner Sache treu bleibt. Darauf kommt es an. Wenn Gott nicht aufgibt, dann ist die Welt nicht verloren. Wenn sie nur sicher sein können, dass Gott weitermacht, dann hat auch sein Volk eine Zukunft vor sich.

Und deshalb gibt Jesaja etwas weiter aus dem innersten Herzen Gottes: ihr seid täglich auf meiner Dringlichkeitsliste. Ich denke die ganze Zeit an euch. Wenn ich meine Hände ansehe, dann sehe ich da euren Namen aufgeschrieben. Natürlich hat Gott keine Hände wie wir, die Hände Gottes sind ein Bild für sein Handeln. Gemeint ist: immer, wenn ich etwas tue, dann denke ich an euch, an eure Geschichte und eure Zukunft und euren Auftrag.

Ein anderes Bild: »Könnte denn eine Mutter ihr Kind einfach vergessen?« fragt Jesaja. Und selbst wenn (wir wissen ja, dass so etwas leider immer wieder vorkommt) – Gott kann euch noch viel weniger vergessen.

Wir sollen verstehen, dass das Gottes Herzensanliegen ist. Deshalb ist es nicht so, dass wir zu ihm hingehen müssten, um ihn zu bewegen, damit er doch endlich mal was für diese Welt tut. Nein, das ist von Anfang an seine eigene Sache gewesen, und wenn wir die auch gut finden, dann deshalb, weil er das in uns angeschoben hat, weil er uns da hineingezogen hat.

Sein Volk ist Gottes Herzensangelegenheit, weil er die Welt durch seine Menschen heilen will. Wo Menschen verstehen und glauben, dass das Gottes eigene Sache ist, da sind sie voll Freude und Jubel, weil sie wissen, dass wir mit dem Schicksal unserer Welt nicht uns selbst überlassen sind. Jemand, der größer und beständiger ist als wir, hat das zu seinem Herzensanliegen gemacht. Aber er hält uns einen Platz frei, wo wir mitmachen können, weil auch wir seine Herzensangelegenheit sind.

Dez 262012
 

Predigt am 25. Dezember 2012 (Weihnachten I)
zu Galater 4,3-7

Als wir unmündig waren, waren wir in der Sklaverei unter den Mächten der Welt. 4,4 Als aber die Zeit erfüllt war, sandte Gott seinen Sohn, geboren von einer Frau und unter das Gesetz getan, 4,5 damit er die, die unter dem Gesetz waren, erlöste, damit wir die Kindschaft empfingen. 4,6 Weil ihr nun Kinder seid, hat Gott den Geist seines Sohnes gesandt in unsre Herzen, der da ruft: Abba, lieber Vater! 4,7 So bist du nun nicht mehr Sklave, sondern Kind; wenn aber Kind, dann auch Erbe durch Gott.

Gott hat Jesus gesandt, weil er freie Menschen wollte. Menschen, die aufrecht durchs Leben gehen, Menschen mit Rückgrat und Souveränität. Gott liebt freie Menschen. Deshalb war ein großer Teil von dem, was Jesus tat, Befreiung. Er trieb böse Geister aus, die sich in Menschen breit gemacht hatten, er befreite seine Jünger von der Ehrfurcht vor frommen Traditionen, er befreite seine Zuhörer von ihrer Hoffnungslosigkeit, er befreite Menschen von der Bedrückung durch körperliche Krankheiten und Behinderungen. Er befreite Menschen von den Sorgen, die sie nicht schlafen ließen. Am Ende, bei seiner Auferstehung, befreite er alle, die an ihn glauben, von der Todesangst.

Um Jesus herum herrschte die Freude an der Freiheit. Eine Freude, die immer dann entsteht, wenn Menschen Lasten und Gewichte von den Schultern fallen und sie überhaupt erst merken, wie sehr sie von denen niedergedrückt waren.

Wir alle wissen, was das für eine Atmosphäre gibt, wenn Menschen unter Bedrückung leben: bedrückt von einer aussichtslos vorkommenden Lebenssituation, oder eingeschüchtert von Psychoterror und Mobbing, gehetzt von ihren Terminen, zermürbt von Krankheiten und Schmerzen, durch Schulden wie gelähmt oder durch politische Unterdrückung zu dauernder Vorsicht verurteilt.

Paulus sagt: so etwas ist fast immer nicht nur die Gemeinheit von einzelnen Personen, sondern da hinter stehen die großen Mächte, die die Welt regieren. Also, es ist z.B. nicht nur der eine fiese Kollege, der einem das Leben schwer macht, sondern es ist der ganze Druck, der ins System reinkommt, wenn immer mehr rationalisiert wird und immer mehr in immer kürzerer Zeit erledigt werden soll. Und dahinter noch einmal die Macht des Geldes, die sich immer weiter ausbreitet in der Welt.

Paulus sieht die Welt so, dass sie von Mächten und Gewalten regiert wird, die stärker sind als die einzelnen Menschen. Stattdessen werden die einzelnen Menschen zu Teilen so einer Macht und müssen unter Umständen Dinge tun, die sie eigentlich gar nicht wollen. Und dann sagen sie: ich würde Ihnen ja gerne weiterhelfen, aber ich habe leider meine Vorschriften, es geht nicht. Immer wenn du das Gefühl hast: ich bin ohnmächtig, ich kann nicht machen, was ich eigentlich gern tun würde und was auch sinnvoll wäre, dann hast du es mit solchen Mächten zu tun, kleinen oder großen.

Und wenn du das oft genug erlebt hast, dann bekommst du entweder Zweifel an dir selbst und fragst dich, ob du denn überhaupt was bewegen kannst; oder du gibst irgendwann deine Reserve auf und wirst ein Funktionär, der aus Überzeugung alles ausführt, was von oben kommt. Wie auch immer, die Mächte hinterlassen ihre Spuren an den Menschen. Und manchmal wissen sie auch nach äußerer Befreiung nicht mehr, wie Freiheit eigentlich geht.

Ich habe mal ein Bild gesehen von einer Wasserschildkröte, die sich als junges Tier in einem Plastikring verfangen hatte. In den Meeren schwimmt ja inzwischen so viel Plastikzeugs rum, dass es für die Tiere schon richtig gefährlich wird. Jedenfalls hatte sich der Plastikring genau in der Mitte des Körpers um den Panzer der Schildkröte gelegt. Dann war die Schildkröte gewachsen, aber der Ring hatte sie immer stärker eingeschnürt. Als man sie fing, hatte sie vorne und hinten ihre normale Größe, aber in der Mitte behielt sie eine Wespentaille. Ich weiß nicht, ob Sie sich das vorstellen können, es sah wirklich ganz merkwürdig aus.

Als man sie gefangen hatte, da hat man natürlich den Ring durchgeschnitten und die Schildkröte befreit. Aber der knöcherne Panzer, der so lange zusammengedrückt worden ist, der hat diese Form angenommen. Vielleicht dehnt er sich im Laufe der Zeit ein bisschen aus, besonders, weil das Tier noch nicht ausgewachsen war, aber es wird verkrüppelt bleiben. Der jahrelange Druck hat Spuren hinterlassen.

Und so ging es auch den Christen in Galatien, an die Paulus hier schreibt. Als er mit dem Evangelium zu ihnen kam, da waren sie so froh und dankbar, sie waren endlich die Furcht vor den Göttern und Mächten los, die sie bis dahin verehrt hatten, sie hätten aus Dankbarkeit alles für Paulus getan. Aber als die erste große Freude vorüber war, da schlichen sich langsam doch wieder die alten Ängste ein, die gewohnte Unfreiheit kam heimlich zurück. Und Paulus schreibt ihnen diesen Brief, damit sie sich erinnern: Jesus ist der Befreier, und jetzt lasst euch nicht Schritt für Schritt wieder in die alten Mechanismen der Unfreiheit zurückholen!

Und er erklärt es ihnen noch einmal: früher, da wart ihr Sklaven der großen Mächte, sie haben euch eure Lebenskraft geraubt und euch für ihre Zwecke ausgebeutet, ihr wart ihnen wehrlos ausgeliefert. Aber das ist doch vorbei! Ihr seid nicht mehr ohne Alternative. Ihr habt Jesus kennengelernt, und sein Geist wohnt in euren Herzen, und deshalb seid ihr nicht mehr Sklaven der Mächte, sondern Söhne und Töchter Gottes!

Jesu ist genau dazu gekommen: um für normale Menschen einen neuen Weg zu öffnen. Und dazu ist er selbst ein ganz normaler Mensch geworden. Damit hinterher keiner sagen kann: ja, als Sohn Gottes hat er natürlich leicht reden, der weiß ja gar nicht, wie es als Mensch ist. Wie ohnmächtig ich bin oder mich jedenfalls fühle, das kann nur ein Mensch verstehen, der das miterlebt hat.

Deswegen ist Jesus von einer Menschenfrau geboren worden, damals in Bethlehem, damit er das Menschenleben wirklich kennt. Und von Anfang an hat er das Leben von der mühsamen Seite her erlebt.

Und Jesus ist unter das Gesetz getan worden, also in die Linie des jüdischen Volkes hineingestellt worden, zu der Gruppe von Menschen, die sich herumschlagen mit der mühsamen Aufgabe, hier auf der Erde Volk Gottes zu sein und eine Alternative zu verkörpern, die sie selbst nicht zustande bekommen.

Und wenn es Jesus schafft, unter diesen Bedingungen trotzdem einen überzeugenden Weg zu gehen, ein starkes neues Leben zu leben, dann kann keiner mehr sagen, wir wären den großen Mächten schutzlos ausgeliefert. Wenn Jesus sogar am Kreuz noch an Gott festhält und seinem Weg treu bleibt, dann haben alle, die zu ihm gehören, Anteil an einer Macht, die den Mächten überlegen ist. Wenn er der wahre Sohn Gottes ist, dann kann er auch uns zu Erben der Welt machen.

Wir müssen für einen Augenblick mal die wörtliche Übersetzung nehmen und sagen Söhne Gottes statt Kinder Gottes, auch wenn dann die Töchter fehlen. Natürlich sind da genauso die Frauen gemeint, aber wenn man »Kinder Gottes« übersetzt, um Frauen und Männer gleich zu behandeln, dann hat man den unerwünschten Nebeneffekt, dass wir bei »Kindern« schnell an kleine, unmündige Wesen denken, die noch nicht viel von der Welt wissen und sich deswegen noch ihr unschuldiges kindliches Herz bewahren konnten. Aber so ist es gerade nicht gemeint! Gemeint sind hier die erwachsenen Söhne und Töchter Gottes, denen der Vater Stück für Stück die Vollmacht über das Erbe anvertraut, obwohl er noch lebt und nicht vor hat, so schnell zu sterben.

Der biblische Gegenbegriff zum Sklaven ist nicht der Freie, sondern der Sohn. Das ist ein wichtiger Unterschied, weil im Bild des Sohnes oder der Tochter immer dies mitschwingt, dass da ein Vater ist, von dem die erwachsenen Kinder das Erbe übernehmen. Das biblische Ideal ist nicht der Freie, der mit niemandem verbunden ist und unabhängig durchs Leben geht. Wer von nichts und niemandem abhängig ist, der wird ganz schnell ein Sklave seiner eigenen Launen. Und dann wird es nicht lange dauern, bis er seine Freiheit verliert und irgendeinem neuen Unterdrücker zufällt. Das hat Jesus genial geschildert in der Geschichte vom verlorenen Sohn, der mit einem Haufen Geld völlig frei in die Welt zieht und als hungernder Schweinehirte endet.

Nein, dieses biblische Bild vom Vater und dem Sohn bedeutet so etwas wie den Eigentümer eines großen Betriebes, und sein Sohn ist jetzt erwachsen, und der Vater geht mit ihm durch den Betrieb und zeigt ihm alles und sagt ihm: das wird eines Tages alles dir gehören, und du wirst dafür verantwortlich sein. Deshalb brauchst du dich hier von niemandem mehr rumkommandieren zu lassen, du bist der Juniorpartner. Du hast jederzeit Zutritt zu mir, du bekommst meine Geheimnummer, damit du mich immer anrufen kannst, wenn du willst. Und ich bin gespannt, was du für Ideen hast und wie du überhaupt über die Firma denkst – ruf mich einfach an oder komm vorbei, ich freue mich darauf, mit dir darüber zu reden. Dafür habe ich immer Zeit!

Der Betrieb, in dem wir so empfangen werden, das ist die Welt. Gott gibt uns besondere Rechte in der Welt. Wir sind gemeinsam mit Jesus die künftigen Erben, die schon jetzt Autorität ausstrahlen. Und die anderen merken das. Wenn Christen diese Freiheit auch praktizieren, dann fallen sie auf. Wir können mit hocherhobenem Haupt durch die Welt gehen. Wir sind hier zu Hause. Auch wenn wir manchmal das Gefühl haben: wie sollen wir gegen diese ganzen anonymen Mächte ankommen, und wie sollen wir erst Menschen davon befreien, die sich so sehr in der Unterdrückung eingerichtet haben? Aber die Verbindung zum Chef steht, wir haben die Nummer, wir können mit ihm die Lage besprechen. Schritt für Schritt muss die Unterdrückung weichen. Deshalb betont Paulus so sehr, dass Gottes Geist in unserem Herzen wohnt und uns lehrt, richtig zu beten. Das ist die Geheimnummer, der direkte Zugang zum Chef, zum Vater.

Wer diese Sicht hat, geht ganz anders durch die Welt. Die Freunde Jesu lassen sich nicht mehr einschüchtern. Sie lassen sich nicht mehr in die unterdrückerische, neurotische Kultur integrieren, die an so vielen Stellen herrscht, und in der viele mit Haut und Haar drinstecken.

Und es ist alle Zeit und Energie wert, die neue Freiheit zu erlernen und einzuüben und zu verteidigen. Als die Zeit erfüllt war, sandte Gott seinen Sohn. Es ist Zeit, dass er auch bei uns ankommt. Dass wir die Sklavengesinnung verlieren und gemeinsam mit unserem Vater im Himmel die Verantwortung für diese Erde übernehmen.

Dez 242012
 

Predigt zu Jesaja 52,7-10 am 23. Dezember 2012 (4. Advent)

7 Was für eine Freude! Über die Berge kommt der Siegesbote herbeigeeilt! Er bringt gute Nachricht, er verkündet Frieden und Rettung, er sagt zur Zionsstadt: »Dein Gott ist König der ganzen Welt!« 8 Horch, die Wächter der Stadt rufen laut, sie jubeln vor Freude; denn sie sehen mit eigenen Augen, wie der Herr auf den Berg Zion zurückkehrt. 9 Jubelt vor Freude, ihr Trümmer Jerusalems; denn der Herr hat Erbarmen mit seinem Volk, er befreit Jerusalem. 10 Er greift ein, er hat seinen heiligen Arm vor den Augen aller Völker erhoben. Bis in den letzten Winkel der Erde sehen sie, wie unser Gott uns rettet.

Was wir hier hören, das ist so ein bisschen wie Flüsterpropaganda, die man sich da erzählt, wo man eigentlich keine guten Nachrichten zu erwarten hat. In der Nazizeit, da haben sich die, die das braune Regime verachteten, heimlich gegenseitig Hoffnung gemacht, indem sie sich von militärischen Problemen und Zeichen für eine Niederlage Hitlers erzählt haben. Das war gefährlich, aber trotzdem haben sie gehungert nach solchen Nachrichten, aus denen man ahnen konnte, dass es vielleicht nicht mehr lange dauern würde mit dem Regime. Doch lange Zeit entpuppten sich die Gerüchte immer wieder als Gerüchte, sie bestätigten sich nicht, denn Hitler fuhr einen Sieg nach dem anderen ein. Trotzdem verstummten die Gerüchte nicht. Und so falsch sie im Einzelnen waren, am Ende behielten sie Recht: das Regime hielt sich nur 12 lange Jahre lang, dann war es vorbei mit ihm.

Und wahrscheinlich hatten sich diese Gerüchte in Wirklichkeit auch gar nicht von Tatsachen genährt, sondern von einer Art Gefühl: das kann einfach nicht gut gehen mit diesem Regime. Wenn Machthaber solche schlimmen Sachen machen, dann ist das nicht stabil. Dann werden sie stolpern.

Und so ähnlich hatten zweieinhalb Jahrtausende zuvor die Menschen aus dem Volk Israel während des babylonischen Exils die Zuversicht: so kann es einfach nicht bleiben. Wir, das Volk Gottes, zerstreut und entmächtigt, eine kleine Minderheit im gewaltigen babylonischen Imperium – das kann nicht das letzte Wort sein! Irgendwie haben sie ein Gespür dafür entwickelt, dass es nicht zu ihrem Gott passt, wenn die Geschichte seines Volkes so zu Ende geht. Viele andere Götter sind gekommen und gegangen, und die Menschen haben sie wieder vergessen. Aber Israel hatte den Eindruck: zu unserem Gott passt das nicht, das kann einfach nicht sein, dass wir uns einfach im Völkergemisch Babylons verlieren und unser Gott mit uns vergeht.

Das war ungefähr in der Zeit um 550 vor Christus. Fast vierzig Jahre war es damals her, dass Jerusalem nach abenteuerlichen außenpolitischen Manövern von den Babyloniern belagert und erobert wurde. Es folgte eine Zeit der Gewalt und Zerstörung. Die Bevölkerung war der Willkür der Sieger ausgeliefert, die Stadt wurde verbrannt, die Verteidigungsanlagen gründlich unbrauchbar gemacht, und von denen, die am Ende noch übrig waren, wurden viele zusammen getrieben und in einem langen Marsch über Hunderte von Kilometern nach Babylon geschafft, vor allem die Oberschicht. Sie lebten dort nicht in Gefängnissen oder in Lagern, sondern in eigenen Ortschaften, sie konnten ihren eigenen Lebensstil beibehalten und weiterentwickeln, aber sie waren als Volk nicht handlungsfähig. Sie hatten keinen politischen Spielraum, ihre Geschichte ging sozusagen nicht weiter, sie hatten keinen Tempel, ihre Identität stand auf dem Spiel, sie drohten sich aufzulösen zwischen all den anderen, die auch dorthin verschleppt worden waren.

Und dennoch lebte in ihnen die Ahnung, dass es das noch nicht gewesen sein könnte, und dass es nicht zu all ihren bisherigen Erfahrungen mit ihrem Gott passen würde, wenn sie sich einfach auflösen würden wie so viele andere Völker. Und der Prophet war es, der dieser Ahnung Worte gab, der Bilder und Szenen beschrieb, die die Hoffnung der Verschleppten stärkten.

Es ist ja so: wenn Hoffnung in Bilder gefasst wird, dann wird sie stärker. Wenn Hoffnung nicht nur ein abstrakter Satz ist, sondern mit lebendigen Szenen aufgefüllt wird, dann erreicht sie das Herz gleich viel intensiver. Deshalb malt der Prophet dort in Babylon für seine Leute eine Szene aus: wie in Jerusalem die Nachricht eintrifft, dass sich alles zum Guten gewendet hat und das Volk Gottes zurückkehrt in sein Land, dass die Trümmer wieder aufgebaut werden und der Glanz Jerusalems von neuem erstrahlen wird. Und die ganze Welt schaut auf diese Stadt und staunt über den Gott Israels, der die Welt bewegt und sein Volk so behütet und geführt hat.

Um ehrlich zu sein, muss man sagen: so ist es bis heute nie gekommen. Sie sind ja tatsächlich zurückgekehrt in ihr Land, ein gutes Jahrzehnt später fing das an, weil die Perser Babylon eroberten, und die Perser waren am Anfang noch ein Volk, das die Freiheit schätzte. Der persische König Kyros erlaubte sofort allen verschleppten Völkern, in ihre Heimat zurückzukehren. Aber nur nach und nach, in mehreren Anläufen, kehrten sie nach Jerusalem zurück, und viele blieben auch endgültig in Babylon. Es war kein glanzvolles Happy-end, aber immerhin etwas, womit zur Zeit des Propheten niemand gerechnet hätte. Babylon erschien ihnen damals so stabil wie uns vor 25 Jahren noch der Ostblock. Mit so einem schnellen Ende hätte keiner gerechnet.

Im Rückblick ist das ein merkwürdiges Ergebnis: einerseits hat der Prophet erstaunlich schnell Recht behalten – und andererseits ist es doch nicht so gekommen, wie er es in seinen Hoffnungsbildern ausgemalt hat. Vergleichbar etwa den Erfahrungen der Hitlergegner: ja, Hitler ist zugrunde gegangen, sein Regime ist zerbrochen – aber das bedeutete nicht, dass sie nun das neue Deutschland aufbauen konnten, von dem sie geträumt hatten. Die alten Nazis saßen immer noch an vielen Schlüsselstellen, und an den übrigen Menschen waren diese Jahre auch nicht spurlos vorüber gegangen.

Es ist anscheinend so, dass in der Wirklichkeit ganz viel an verborgener Hoffnung versteckt ist, und Propheten sind Leute, die das wahrnehmen – aber diese Hoffnung, so real sie ist, kommt doch immer nur teilweise zur Geltung, es gibt immer noch einen Rest, einen Überschuss, der noch auf seine Realisierung wartet. Propheten sehen immer schon viel mehr als das, was jeweils jetzt dran ist und zur geschichtlichen Wirklichkeit wird.

Wenn Sie sich erinnern an das Lied der Maria, das wir vorhin in der Evangelienlesung gehört haben (Lukas 1,46-55), da redet Maria auch von einer Hoffnung, die sogar noch viel größer ist als das, was sich dann im Leben ihres Sohnes Jesus verwirklichte. Dass Gott die Mächtigen vom Thron stürzt und die Niedrigen erhebt, das hat sich im Leben Jesu zwar durchaus gezeigt, aber die Reichweite war noch ziemlich begrenzt. Aber Maria sagt: wenn Gott mir, einer ledigen jungen Frau, zutraut, die Mutter seines Sohnes zu werden, dann bedeutet das in der langen Perspektive, dass er überhaupt alle Machtverhältnisse auf der Erde umstürzt und eine neue Art von Macht etabliert, die so anders ist, dass sie aus unserer jetzigen Perspektive noch nicht einmal nach Macht aussieht.

Auch Maria redet in diesem Lied prophetisch – wie der Prophet in Babylon sieht sie nicht nur mehr, als jetzt schon real ist, sie sieht auch noch mehr als das, was sich demnächst verwirklichen wird. Das wird noch ein langer Weg werden, er dauert bis heute, und keiner weiß, was noch kommen wird. Es wird Rückschläge geben, die Mächte, die in dieser Welt regieren, lassen sich nicht so einfach ausbooten. In der letzten Woche haben wir auf die Offenbarung des Johannes gehört: da geht es genau darum, dass die Mächte und Gewalten in dieser Welt heftigen Widerstand leisten und die Erde zum Schlachtfeld wird, mit den entsprechenden Verwüstungen und Katastrophen.

Und trotzdem: Propheten machen die verborgene Seite der Welt sichtbar, sie geben der neuen Wirklichkeit eine Stimme, die überall in der Schöpfung versteckt ist: Einige Gruppen der Verschleppten kehren aus Babylon nach Jerusalem zurück – und der Prophet sieht in ihnen schon den glanzvollen Neubeginn. In Jerusalem machen sich Gerüchte breit, dass sich die politische Lage ändern könnte – und der Prophet sieht darin den Boten mit der entscheidenden Heilsbotschaft, nach dem die ganze Stadt Ausschau hält. Maria bekommt auf wunderbare Weise ein Kind – und sie sieht darin die Revolution aller Machtverhältnisse auf der Erde. Jesus heilt Kranke – und einige verständige Menschen sehen darin schon die neue Welt Gottes anbrechen, in der es kein Leid und keinen Schmerz mehr gibt.

So sind wir eingeladen, auch unter uns in kleinen Dingen schon das Große und Ganze zu sehen: wenn wir es hier unter uns schaffen, im Namen Jesu ein solidarisches und hilfreiches Beziehungsnetz zu kräftigen, einigermaßen neurosearm miteinander umzugehen und, wenn es wirklich ernst wird, auch miteinander zu teilen und zusammenzuhalten, dann kann man darin schon etwas von dem sehen, was eine solidarische Gesellschaft wäre, in der keiner den anderen mobbt, Einheimische und Ausländer angstfrei miteinander leben und niemand Sorge haben muss, in Armut oder Kümmerlichkeit abzurutschen. Im Kleinen den Keim des viel Größeren zu sehen – dafür sind prophetische Menschen da. Nicht nur in der Bibel, sondern auch unter uns.

Trolle und Orks jeder Art werden das nie begreifen, sie werden immer triumphierend darauf hinweisen, dass die Welt so geblieben sei wie immer und die Propheten sich getäuscht haben. Aber alle Veränderung und aller Fortschritt fängt damit an, dass jemand diese verborgen, versteckten Potentiale in der Welt sieht und so von ihnen spricht, dass nicht nur das Herz und die Fantasie der Menschen bewegt werden, sondern auch ihr Verstand und Wille. Und dann kommt das neue Jerusalem vom Himmel auf die Erde.

Denn diese verborgenen Potentiale in der Welt, die heißen in der Bibel: der »Himmel«. Oder auch: »Reich Gottes«. Im Vaterunser beten wir darum, dass sie kommen. Zu uns auf die Erde. Das ist ein langer Weg, der Arbeit und Gebet braucht. Es wird Rückschläge geben. Aber auf diesem Weg wird sich »enthüllen«, es wird »offenbar« werden, dass alle Dinge Anteil am Himmel haben, dass alles in sich göttliche Möglichkeiten trägt, dass nichts ausgeschlossen ist aus der Dimension der Verheißung. Dafür braucht es prophetische Menschen, die das sehen und aussprechen; es braucht ein prophetisches Volk, damit es dargestellt wird; es braucht uns, damit es Wirklichkeit wird.

Dez 202012
 

Das Emergent Forum vor ein paar Wochen hat scheinbar Spuren hinterlassen. Wer den vorigen Beitrag (Predigt zum 3. Advent)  gelesen hat, der merkt sofort, dass mich das Thema der „Mächte und Gewalten“ immer noch beschäftigt. Und in der Offenbarung des Johannes verbindet sich das ja ganz von selbst mit dem Advent.

Interessanter Weise ist es Peter Aschoff ebenso gegangen. Er hat am 2. Advent auch eine Predigt zur Offenbarung gehalten und ihr ebenfalls eine Präsentation beigefügt. Ganz ehrlich: das war absolut nicht abgesprochen. Es ist so gekommen.

Aber natürlich ist es toll, wenn eine Veranstaltung wie das Forum offenbar so deutlich in eine inhaltliche Richtung zeigt. Was sagt uns das? Anhören und ansehen!

Dez 192012
 

Predigt zu Offenbarung 3,1-6 am 16. Dezember 2012

1 »Schreibe an den Engel der Gemeinde in Sardes: Der, bei dem die sieben Geister Gottes sind und der die sieben Sterne in seiner Hand hält, lässt ´der Gemeinde` sagen: Ich weiß, wie du lebst und was du tust. Du stehst im Ruf, eine lebendige Gemeinde zu sein, aber in Wirklichkeit bist du tot. 2 Wach auf und stärke, was noch am Leben ist, damit es nicht auch stirbt. Denn ich musste feststellen, dass das, was du tust, nicht vor meinem Gott bestehen kann. 3 Erinnerst du dich nicht, wie bereitwillig du das Evangelium aufnahmst und auf seine Botschaft hörtest? Richte dich wieder nach ´meinem Wort` und kehre um! Wenn du jedoch weiterhin schläfst, werde ich dich wie ein Dieb überraschen und zu einem Zeitpunkt kommen, an dem du nicht mit mir rechnest.
4 Aber es gibt bei euch in Sardes einige, die ihre Kleider nicht beschmutzt haben. Sie werden einmal in weißen Festgewändern ´im Triumphzug` neben mir hergehen; sie sind es wert. 5 Jedem, der siegreich aus dem Kampf hervorgeht, wird ein weißes Festgewand angelegt werden. Und ich werde seinen Namen nicht aus dem Buch des Lebens streichen, sondern mich vor meinem Vater und seinen Engeln zu ihm bekennen.
6 Wer bereit ist zu hören, achte auf das, was der Geist den Gemeinden sagt!«

Ich vermute: wer zum ersten Mal so einen Abschnitt aus der Offenbarung des Johannes hört, für den klingt er zunächst ungewohnt bis merkwürdig. Und vor allem fragt sich vielleicht mancher, was das eigentlich mit Advent zu tun hat.

Aber Advent heißt ja »Ankunft«, und damit ist die Ankunft Jesu gemeint. Tatsächlich war in dem Abschnitt eben die Rede davon, dass jemand kommt, und zwar zu einem unerwarteten Zeitpunkt. Der hier »Ich« sagt, ist also Jesus, es ist ein Brief Jesu an eine Gemeinde, und er gibt dem Seher Johannes in einer Vision den Auftrag, diesen Brief aufzuschreiben. Wenn man den Anfang der Offenbarung liest, dann sind es insgesamt sogar 7 Briefe, die an 7 verschiedene Gemeinden gehen sollen.

Und dass Jesus »kommt«, das zieht sich durch das ganze Buch der Offenbarung, und sie schließt auch mit der Ankündigung, dass Jesus bald kommen wird. Nun ist aber das Buch der Offenbarung dafür bekannt, dass es da auch jede Menge Katastrophen gibt. Mit ihrem griechischen Namen heißt die Offenbarung die »Apokalypse«, und wir sprechen von Zerstörungen »apokalyptischen Ausmaßes«, wenn irgendwo etwas besonders Schlimmes passiert ist.

Wie passt das zusammen, der Gedanke, dass Jesus kommt, und die ganzen schlimmen Katastrophen?

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Gerade weil Jesus kommt, deshalb gibt es diese ganzen Erschütterungen. Wenn Gott sich in die Geschäfte dieser Welt einmischt, dann wehrt sie sich und sagt: wir wollen weiter ohne dich auskommen – lass uns in Ruhe! Es gibt so viele ungerechte Verhältnisse, und so viele, die davon leben und ihren Profit machen. Wenn Jesus kommt, um das zu beenden, dann erschüttert das die Welt, die wir kennen, in ihren Grundfesten. Advent das sind also eigentlich gar nicht besinnliche Stunden bei Plätzchen und Kerzenschein, sondern das ist eine dramatische Grundstruktur unserer Welt: Gott macht sich auf und erobert seine Schöpfung zurück.

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Und in diesem Sinne ist die Offenbarung sozusagen das eigentliche Adventsbuch der Bibel. Da gibt es auch keine große Unterscheidung zwischen dem ersten und dem zweiten Kommen Jesu, sondern das Kommen Jesu ist der lange Kampf, in dem Gott sich seine Erde zurückholt, damit sie endlich doch noch so wird, wie er sie im Sinn hatte: herrlich und prächtig und ein Ort des Lebens für viele. Dieser Kampf hat unterschiedliche Situationen und Phasen, aber es ist ein kontinuierlicher langer Kampf.

Und die Offenbarung macht die unterschiedlichen Situationen dieses Kampfes in ihrem Aufbau sichtbar. Da sind zunächst die ersten drei Kapitel mit den sieben Briefen an die Gemeinden – das ist sozusagen ganz nah dran an den Erfahrungen der kleinen christlichen Gruppen, an die sich die Briefe wenden.

Und dann kommt der Teil, für den die Offenbarung bekannt ist: der Teil mit den vielen Katastrophen, der geht ungefähr bis Kapitel 16, so ganz genau ist die Abgrenzung nach hinten nicht. Das ist der Teil, wo es so richtig hoch her geht, bis hin zu den Katastrophenfilmen und den Weltuntergangsfantasien heute.

Bild6_1-730x545Einer der Bekanntesten, die das in Bildern dargestellt haben, war Albrecht Dürer mit seiner Holzschnittserie vor knapp 500 Jahren. Da geht es so richtig drunter und drüber, da gibt es enorme Action-Szenen, da wird gekämpft und zerstört, es gibt Massenszenen mit Kämpfen und Monstern, hier z.B. frisst links unten so ein Monster den Papst, ich weiß nicht, ob Sie das alle erkennen können.

Bild5_1-730x548Hier ist noch so eine Szene mit grauenhaften Monstern. Wir sind die natürlich heute farbig und in 3D gewohnt, uns kann das nicht so schnell erschüttern, aber die Menschen damals hatten so etwas noch nie gesehen, für die war das die neueste Technologie, die Dürer einsetzte, und der Holzschnitt war ein Massenmedium, das diese Bilder tausendfach verbreiten konnte. Ich zeige Ihnen jetzt ein ganz ähnliches Bild aus dem vorigen Jahrhundert, das näher an unseren Sehgewohnheiten dran ist:

Bild7_1-730x547Diese Grafik von Paul Weber war eigentlich ein Kommentar zum Krieg des britischen Empire gegen die Buren, der mit großer Grausamkeit geführt worden ist (deshalb hat das Vieh auch Streifen auf dem Fell, die die britsiche Flagge andeuten), aber es ist gleichzeitig auch eine Darstellung des Krieges, die mit universaler Gültigkeit die zerstörerische, dämonische Gewalt des Krieges zeigt. Wenn der erstmal losgelassen ist, dann können Menschen ihn nicht mehr kontrollieren.

Das hilft uns auch, die Bilder der Offenbarung richtig zu verstehen: da geht es nicht um die Frage, ob es denn solche Monster wirklich gibt, wie sie genau aussehen und wann sie kommen. Nein, in diesen Tieren, die die Offenbarung beschreibt wird etwas sichtbar vom Schrecken der zerstörerischen Mächte, die in unserer Welt verborgen sind und darauf warten, entfesselt zu werden. Und wir kennen inzwischen die Gefahren genauer: die Vernichtungskraft von Atomexplosionen oder Meteoriteneinschlägen, die zerstörerische Macht weltweiter Kriege, die Gefahr des Klimawandels und tödlicher Seuchen, und noch eine ganze Menge anderer Vernichtungsszenarien. Wir wissen inzwischen viele Details von dem, was die Menschen der Bibel nur in solchen Bildern ahnen konnten; aber sie haben auch so schon erstaunlich passende Worte dafür gefunden.

Bild9_1-730x543Aber nun bleibt die Offenbarung nicht bei diesen Katastrophenbildern stehen, sondern etwa ab Kapitel 17 neigt sich diese Zeit der Kämpfe ihrem Ende zu und der endgültige Sieg Gottes wird immer deutlicher. Auch vorher wurde schon immer wieder deutlich, dass die Macht der Monster begrenzt ist. Aber im letzten Teil der Offenbarung geht es immer mehr um den endgültigen Sieg Gottes und die neue Welt, die dann anbricht. Da kommt das neue Jerusalem aus dem Himmel herab auf die Erde, die goldene Stadt. Wenn man das liest, dann merkt man auch wieder, wie Johannes mit Bildern etwas beschreiben will, was eben nur in Bildern zu sagen ist. Wir sind ja heute in so einer modernen Humorlosigkeit befangen, dass wir Bilder nicht verstehen, sondern immer nur denken: entweder ist es genau so real oder es ist Fantasie. Nein, Bilder deuten hin auf eine Wirklichkeit, komplizierter und größer ist und die wir eben nur im Bild verstehen können. Keiner kann sich vorstellen, wie eine ganze große Stadt vom Himmel auf die Erde geflogen kommen soll, aber es geht eben nicht um die Aufhebung der Schwerkraft, sondern in diesem Bild wird deutlich, dass die neue Welt nicht einfach eine Weiterentwicklung der alten ist. Nein, es ist ein völliger Neuanfang.

Und deshalb ist es auch ein Missverständnis, wenn man die Offenbarung als Drehbuch für den Weltuntergang liest. Wir sehen doch auch nicht einen Katastrophenfilm, weil wir denken, da würden Dinge geschildert, die eines Tages genau so kommen würden, sondern es geht um den Eindruck, den diese Bilder bei uns hinterlassen. Deswegen ist es auch falsch, wenn Menschen versuchen, aus der Offenbarung womöglich genaue Termine für den Ablauf des Weltendes herauszudestillieren. Erstens tut man der Offenbarung damit Gewalt an – da gibt es keine genaue Chronologie, da geht es ziemlich durcheinander. Und zum anderen hat schon Jesus sehr deutlich gesagt, dass man keinen Fahrplan berechnen kann, weil nur Gott die die genauen Einzelheiten kennt. Wenn man aber die Offenbarung in einen kurzen Satz packen will, dann ist der nicht »Das Ende ist nahe«,

Bild11_1-730x546sondern dann schon eher »Der Anfang ist nahe«, der neue Anfang, den Jesus gemacht hat, und der die ganze Erde ergreifen wird.

Bild12_1-730x545Die Grundstimmung der Offenbarung ist hoffnungsvoll: durch alle Erschütterungen hindurch schafft Gott Recht auf der Erde, er verbannt das Böse aus der Welt und bestätigt alle, die auf ihn vertraut haben. Gott rechtfertigt die Menschen, die sich nicht von der Macht der Monster haben einschüchtern lassen und die nicht den Verlockungen der Macht gefolgt sind. Für sie ist die Offenbarung geschrieben worden – als Hoffnungsbuch.

Aber es bleibt, wenn man an den Aufbau der Offenbarung denkt, noch eine Frage:

Bild15_1-730x543Wieso ist diesen ganzen Bildern vom weltweiten Kampf zwischen Gott und den Monstern der erste Teil vorgeordnet, die Briefe an die sieben Gemeinden? Was hat das miteinander zu tun, diese Briefe mit ihren Mahnungen und Aufforderungen zu mehr Standhaftigkeit, oder mit Warnungen vor Irrlehrern und den Verführungen der Sünde? Hatte Johannes die noch in der Schublade und dachte: ach, da vor den Visionen könnte ich sie ja noch unterbringen?

Bild16_1-730x544Das sind ja zwei ganz unterschiedliche Welten: die kleine Welt einer überschaubaren Ortsgemeinde in Sardes oder Pergamon oder Ephesus und die große Szenerie der kosmischen Auseinandersetzung zwischen den Mächten von Gut und Böse. Sind das nicht ganz unterschiedliche Geschichten?

Aber wer schon mal einen Katastrophenfilm gesehen hat, der erinnert sich vielleicht, dass es da auch so etwas gibt: da sieht man einmal brennende Hochhäuser, bedrohliche Meteoriten, massenweise infizierte Menschen, riesigen Alien-Raumschiffe – und dann schwenkt die Handlung eigentlich fast immer auf eine kleine Gruppe von Menschen um, die mitten im weltweiten Chaos nicht nur versucht, zu überleben, sondern die auf seltsame Weise auch den Schlüssel haben, um die Bedrohung abzuwenden. Und sie finden in letzter Minute noch die rettende Medizin oder die geniale Abwehrwaffe oder sie hacken sich in die Computer der Außerirdischen ein oder lenken den Meteoriten gerade noch einmal ab. Und meistens sind sie auch noch damit beschäftigt, sich zu verlieben oder die Beziehungen untereinander zu reparieren, unfähige Vorgesetzte auszubooten und überhaupt zur vollen menschlichen Größe aufzulaufen.

Bild17_1-730x544Und das, liebe Freunde, ist auch das Grundmuster der Geschichte, die in der Offenbarung erzählt wird. Die Offenbarung ist eine Einladung, in so einer Geschichte mitzumachen, und zwar als Held oder Heldin.

In der Offenbarung wird genau das zusammengesehen: die weltweiten gigantischen Erschütterungen, die entstehen, wenn Jesus kommt und Gott sich seine Welt zurückholt, und die Geschichte kleiner christlicher Gruppen, die auch immer mit dem Überleben im Großstadtdschungel beschäftigt sind, die in ihren Beziehungen immer wieder an ihre Grenzen kommen, die mühsam lernen, wie sie gemeinsam leben können im Geiste Gottes, und die doch enorm wichtig sind für den Ausgang des ganzen Kampfes.

Bild20_1-730x545Im Angesicht der Monster, die die Erde bedrohen, sozusagen direkt unter ihrer Schnauze, leben diese Gruppen von Christen und widerstehen den zerstörerischen Mächten zunächst einmal in ihrem persönlichen Lebensstil. Sie halten sich selbst frei von den Verwüstungen, die all das in den Seelen hinterlässt. Deswegen heißt es in den Briefen der Offenbarung immer wieder: »wer überwindet«, oder besser: wer siegreich aus diesem Kampf hervorgeht, den werde ich belohnen. Das werde ich nicht vergessen. Der steht in meinem Buch. Der bekommt am Ende weiße Festkleider als Zeichen, dass er am Freudenfest in der neuen Welt teilnehmen darf.

Bild19_1-730x399Hier in unserem Abschnitt wird versprochen, dass er am Triumphzug Jesu teilnehmen darf. In der alten Zeit gab es ja solche Triumphzüge, wenn ein Feldherr von einem siegreichen Kriegszug zurückkam. Da wurde die Beute gezeigt und die Gefangenen, die man gemacht hatte, vor allem aber wurden die Soldaten bejubelt, die dabei gewesen waren. Und so schreibt Jesu an die Gemeinde in Sardes: wenn ihr durchhaltet, wenn ihr in eurem Bereich standhaft bleibt, dann seid ihr mit dabei, wenn ich den Sieg feiere. Am Ende werden die Monster verlieren, und ihr tragt mit eurem Kampf und Widerstand dazu bei.

Das ist also das Bild, das die Offenbarung von unserer Situation entwirft: Gemeinde zu sein im Angesicht der zerstörerischen Mächte, die sich die Welt unterwerfen wollen. Die Mächte nicht aus dem Auge zu verlieren, aber zu wissen, dass sie am Ende verlieren werden. Keine Angst zu haben vor den Erschütterungen, weil sie das Kommen Jesu begleiten. Den Spielraum, den wir haben, nutzen, und Menschen des Lebens sein. Nicht die Augen verschließen vor der dramatischen Szenerie, in der wir leben und Gemeinde Jesu sind.

Vielleicht ist das gemeint, wenn Jesus in dem Brief der Gemeinde vorwirft, sie sei tot oder schlafe zumindest einen todesähnlichen Schlaf. Man kann äußerlich Gemeinde sein und trotzdem nicht vorbereitet darauf, dass die Erschütterungen in der Welt jeden Augenblick auch uns treffen können. Das kann im Kleinen passieren oder auch im Großen. Auf einmal kann man in der Zeitung stehen, wo sonst nur über andere geschrieben wird. Und darauf sollen wir vorbereitet sein, damit wir dann nicht desorientiert sind und fragen: wie kann das nur geschehen?

Es kann geschehen, und wir haben die Mittel, die man dann braucht. In der Regel sind das aber nicht Advents­plätzchen und Lametta. Jesus sagt: bereitet auch vor, bringt eure Beziehungen in Ordnung, habt die große Welt und ihre Kämpfe im Blick, dann seid ihr vorbereitet, wenn es auch bei euch mal ganz heftig Advent wird.