Nov 262012
 

Predigt zu Matthäus 22,23-33 am 25. November 2012 (Ewigkeitssonntag)

24 Namen haben wir gehört, Namen von Menschen, die an einem Tag gelebt haben, vielleicht noch gesprochen haben, und einen Tag später war da kein Leben mehr. Das ist der Tod.

Wir wissen alle von ihm, aber es ist etwas ganz anderes, wenn man ihn erlebt, ganz in der Nähe, vielleicht mitten im eigenen Leben. Dann merken wir, wie dünn die Wand ist, die unsere Welt voller Leben trennt vom namenlosen, kalten Nichts. Es ist kein schöner Gedanke, dass wir so nahe beim Tod leben. Wenn Gott nicht Tag für Tag seine Schöpfung beschützen würde gegen dieses Nichts, dann könnte sie nicht bestehen. Es ist seine Güte, die uns diesen Raum des Lebens schenkt, diese Welt, die wir lieben.

Aber das ist noch nicht alles. Es soll noch einmal eine Welt geben, die gar nicht mehr bedroht ist von Zerstörung und Tod. Eine Welt, die nicht mehr so zerbrechlich und gefährdet ist, wo uns keine schmerzlichen Abschiede mehr bevorstehen, sondern wo das Leben so stark ist, dass der Tod ausgespielt hat.

Diese Welt ist uns versprochen, und als Jesus auferstanden ist, da hat sich die neue Welt schon einmal gezeigt: ein Leben, das des Todes spottet. Aber das muss eine Welt ganz anderer Art sein, da wird nicht mehr gestorben, aber da wird auch anders gelebt. Da müssen nicht nur Tod und Schmerz zurückbleiben, sondern auch Ungerechtigkeit, Gewalt, Bedrückung und Enttäuschung.

Denn das kann doch nicht sein, dass es in der kommenden Welt so weitergeht wie in dieser, mit all den Dingen, die uns jetzt schon so viel Mühe und Sorge machen. Das kann doch nicht eine ganze Ewigkeit so weitergehen. Da muss doch irgendwann etwas Neues anfangen, eine andere Art, miteinander zu leben. Wir können doch nicht all die alten Problemen auch noch mit in die nächste Welt nehmen!

Es gibt eine Geschichte von Jesus, wie er Menschen begegnet, die sich die Auferstehung genau so vorstellten, einfach als eine Verlängerung des Diesseits. Ich lese Ihnen das vor aus Matthäus 22:

23 An diesem Tag kamen Sadduzäer zu Jesus. Die Sadduzäer bestreiten, dass die Toten auferstehen werden. 24 »Lehrer«, sagten sie, »Mose hat angeordnet: ‚Wenn ein verheirateter Mann kinderlos stirbt, dann muss sein Bruder die Witwe heiraten und dem Verstorbenen Nachkommen verschaffen.‘
25 Nun gab es hier einmal sieben Brüder. Der älteste heiratete und starb kinderlos. 26 Darauf heiratete der zweite die Witwe, starb aber auch kinderlos; und dem dritten erging es nicht anders. So war es bei allen sieben. 27 Zuletzt starb auch die Frau. 28 Wie ist das nun bei der Auferstehung der Toten: Wem von den sieben soll die Frau dann gehören? Sie war ja mit allen verheiratet!«

So leichthin erzählen da die Leute eine schreckliche Geschichte. Wenn sie nicht ausgedacht ist, sondern wirklich passiert, dann muss diese Frau in tiefer Verzweiflung gestorben sein. Sieben Männer, sieben Abschiede, sieben Mal Kinderlosigkeit, und dazu die Frage, was man denn falsch gemacht hat, dass man all seinen Ehepartnern den Tod bringt. Wahrscheinlich ist es eine ausgedachte Geschichte – lieblos ausgedacht, um den Gedanken der Auferstehung ad absurdum zu führen. Nur ein krankes Hirn kann sich solche Geschichten ausdenken, wo es im Jenseits einfach so weitergeht mit all dem Ballast, den wir hier im Leben mit uns rumschleppen. Ausgedacht von Leuten, die sich eine ganz andere Art von Welt überhaupt nicht vorstellen können. Sie sind so gefangen in dieser Welt, so gebunden an ihre Alltagserfahrungen, dass sie nur in den Grenzen ihres alltäglichen Lebens denken und nicht darüber hinaus denken können.

Jesus gibt ihnen eine deutliche Antwort:

29 »Ihr denkt ganz falsch«, antwortete Jesus. »Ihr kennt weder die Heiligen Schriften, noch wisst ihr, was Gott in seiner Macht tun kann. 30 Wenn die Toten auferstehen, werden sie nicht mehr heiraten, sondern sie werden leben wie die Engel im Himmel.

Die kommende Welt ist vor allem anders, sagt Jesus. Würdet ihr wirklich in der Bibel lesen, dann würde sie eure Vorstellungskraft erweitern. Aber weil ihr sie nicht kennt, deshalb denkt ihr viel zu klein und könnt euch auch die kommende Welt nur als ewige Verlängerung der jetzigen vorstellen. Ihr haltet Gott für genau so beschränkt, wie ihr selbst es seid.

Die Verbindung von Mann und Frau ist hier bei uns ein Gleichnis für das Verhältnis zwischen Gott und Menschen. Durch diese Verbindung zwischen Mann und Frau bekommen die meisten Menschen wenigstens irgendwann einmal in ihrem Leben eine Ahnung davon, was Glück wirklich sein könnte, was Hingabe sein könnte. Irgendwann im Leben erhaschen wir alle wenigstens eine Ahnung davon, für welche Größe wir eigentlich geschaffen sind, und für welche Tiefe, wir werden berührt von der Ahnung, dass es unsere Bestimmung ist, uns zu verschenken und vom großen Strom der Liebe durchflossen zu werden. In der kommenden Welt brauchen wir dieses Gleichnis nicht mehr, weil wir da nicht mehr auf Ahnungen und Hinweise angewiesen sind, sondern da werden wir in der vollen Gemeinschaft mit Gott leben. Wenn Himmel und Erde endlich zusammenfinden, dann werden wir die die Einheit mit Gott erleben und brauchen keine Zeichen mehr. Nicht, weil das Verhältnis zwischen Männer und Frauen etwas Schlechtes wäre, sondern es wird von etwas Größerem abgelöst. Aber weil ihr zu klein denkt, sagt Jesus, deshalb denkt ihr euch so verrückte Geschichten aus von Frauen, die mit sieben Brüdern verheiratet waren. Und dann fährt er fort:

31 Was aber die Auferstehung der Toten überhaupt betrifft: Habt ihr nicht gelesen, was Gott euch in den Heiligen Schriften gesagt hat? Er sagt dort: 32 ‚Ich bin der Gott Abrahams, der Gott Isaaks und der Gott Jakobs.‘ Und er ist doch nicht ein Gott von Toten, sondern von Lebenden!«

Das ist das Wichtigste, was man über Gott sagen kann: Er ist der Gott der Lebenden. Wenn er sich mit einem Menschen verbindet, dann kann dieser Mensch nicht tot bleiben. Gottes Liebe hält auch noch die Toten fest und gibt ihnen neues Leben. Das schreckliche Schweigen des Todes kann nicht das letzte sein, denn Gott ist ein lebendiger Gott, er redet, und er wird mit seiner ansteckenden Lebendigkeit den Tod vertreiben. Ein Mensch, der mit Gott verbunden ist, der kann nicht endgültig sterben, weil Gott ihn von seiner Seite aus festhält. Der Gott des Lebens wird sich nie abfinden mit dem Tod. Für ihn leben sie alle.

Darauf hat auch Jesus selbst vertraut, er ist in diesem Glauben auf seinen Tod zugegangen und Gott hat ihn bestätigt – er hat ihn auferstehen lassen.

Aber so wie Gott den Tod vertreibt mit seinem siegreichen Leben, so wird er sich auch all den Brüchen und Verwerfungen und Missverständnissen entgegenstellen, mit denen wir uns hier das Leben schwer machen, auch all den Verletzungen, die zwischen Männern und Frauen entstehen, gerade, weil wir da so nahe am Himmel sind und so tief bewegt und so unbegrenzt verletzlich. Deswegen muss es am Ende dieser Welt und am Ende unseres Lebens eine Schleuse geben, damit all das nicht in die Ewigkeit kommt, es muss eine Trennung geben, ein Gericht, damit wir diese Welt mit ihren Schmerzen und Enttäuschungen endlich hinter uns lassen, damit sie abgeschlossen und vorbei ist und uns nicht noch in der nächsten Welt verfolgt und belastet.

Ja, wir werden uns drüben wiedersehen, wir werden uns nicht auflösen, wir werden nicht immer und immer wieder neu geboren werden in einem Kreislauf von vielen Leben. Es gibt eine neue Welt – sie wird so sein, wie Gott das von Anfang an gewollt hat. Aber wir werden dort nicht unsere alten destruktiven Spiele fortsetzen. Das bleibt uns erspart.

Doch was wird dann noch von uns hinein passen in die neue Welt? Oder bleibt von uns gar nichts mehr übrig, weil es alles keine Zukunft mehr hat? Das ist der Grund, weshalb Glaube so wichtig ist. Weil wir da auch von unserer Seite aus an Gott festhalten, weil wir uns da mit Jesus verbinden und dadurch sagen, was für uns gelten soll. Wir kriegen das noch nicht richtig hin, so zu sein wie Jesus, aber wir wissen die Richtung. Wir haben sozusagen den Anfang eines Fadens in der Hand, und dieser Faden leitet uns in unserem Leben und auch durch Tod und Sterben hindurch. Wie ein Geländer, an dem wir uns durch ein dunkles Labyrinth tasten. Wir können uns heute nicht wirklich vorstellen, wie denn ein neues Leben in einer neuen Welt aussieht, aber wir halten uns an dem Namen Jesu fest, an der Person, die schon hier in dieser Welt so war, wie Gott Menschen haben will. Und mögen wir auch vieles verlieren und hinter uns lassen müssen, weil es einfach nicht in die neue Welt hineinpasst: wenn wir mit Jesus verbunden sind und seine Person vor uns haben, dann haben wir unsere Füße schon auf den Weg gesetzt, der in der neuen Welt enden wird. In einem Lied (EG 357,5) wird das so ausgedrückt: »Ich weiß was in dem Grauen des Todes ewig bleibt und selbst auf Erdenauen schon Himmelsblumen treibt.« Glaube sorgt dafür, dass auf unserem Lebensweg auch immer wieder schon die Blumen des Himmels blühen.

Was aber ist, wenn wir nicht wissen, ob eigentlich einer von denen, die wir hergeben mussten, mit dieser Person Jesu Christi verbunden war? Oder wenn wir eben den starken Eindruck haben, dass er oder sie vieles in seinem Herzen bewegt hat, aber nicht Jesus? Glaube besteht ja nicht darin, dass man bestimmte kirchliche Handlungen über sich ergehen lässt. Glaube ist etwas sehr persönliches, er geschieht im Herzen, da fallen die Entscheidungen, es ist etwas, was uns bewegt, was dem Leben das Grundgefühl der Freude und Hoffnung gibt. Da nehmen wir diesen Faden in die Hand, der uns durch all die Dunkelheiten des Todes in die neue Welt bringt. Was ist, wenn einer diesen Faden nicht anfassen mochte?

Es gibt in der Bibel eine rätselhafte Stelle, in der Paulus kurz erwähnt, dass sich Menschen für Verstorbene haben taufen lassen. So als ob sie stellvertretend für die handelten, die in ihrem Leben keine wirkliche Bekanntschaft mit Jesus gemacht haben. Das klingt für uns merkwürdig, und es ist auch nur eine einzige Stelle in der Bibel, in der das erwähnt wird. Aber wenn wir das ernstnehmen, dann kann man vielleicht sagen: wie wir selbst das Leben und das Sterben auf uns nehmen – ob wir uns in unserem Herzen mit Jesus verbinden, so dass er dann auch in unserem Leben etwas bewirken kann -, das hat Auswirkungen sogar auch auf die Vergangenheit. Auch auf die Menschen, die mit uns verbunden waren.

Vielleicht kann man vorsichtiger sagen: wir müssen tun, was für uns das beste ist, und dann sehen, was Gott daraus macht. Dann ist mindestens von unserer Seite aus alles dafür getan, dass wir mit den Menschen, die hier zu uns gehörten, eine gemeinsame Zukunft haben.

Und über unserem Leben steht dann die klare Hoffnung, dass es auf ein gutes Ende zu läuft, dass wir nicht nach einem Hoch in der Mitte des Lebens unaufhaltsam immer mehr dem Verfall entgegengehen, sondern wir gehen unserem vollen Leben entgegen, es kommt immer näher, und es wird schön sein, eines Tages die neue Welt zu sehen. Sie wird einfach anders sein als alles, was wir uns jetzt vorstellen. Sie wird viel, viel besser sein. Und alles Gute und Große, mit dem wir verbunden waren, wird uns begleiten. Es wird nicht verlorengehen.

Deswegen sehen wir nach vorn dem Herrn entgegen, wir schauen aus nach ihm, weil er uns an der Schwelle der neuen Welt erwartet, und weil der beste Teil unseres Lebens noch vor uns liegt. Wir sollen und können diese Erde lieben mit jeder Faser unseres Herzens, weil die neue Erde alles Gute und Große wiederholen wird, aber dann nicht mehr beeinträchtigt von Endlichkeit und Schmerz. Es wird alles noch einmal zur Sprache kommen – aber dann wird es so werden, wie es ursprünglich gemeint war. Wir werden so froh sein über alles Mutige, Gute und Kluge, was wir im Namen Jesu getan haben. Wir werden so froh sein, dass wir unser Herz jetzt schon mit der Zukunft verbunden haben, mit Jesus Christus, dass wir das wirklich Wichtige getan haben, das, was bleibt, und hier schon Leben gelingen lässt.

  3 Antworten zu “Der Gott der Lebendigen”

  1. Zitat: „Es gibt in der Bibel eine rätselhafte Stelle, in der Paulus kurz erwähnt, dass sich Menschen für Verstorbene haben taufen lassen. So als ob sie stellvertretend für die handelten, die in ihrem Leben keine wirkliche Bekanntschaft mit Jesus gemacht haben. Das klingt für uns merkwürdig, und es ist auch nur eine einzige Stelle in der Bibel, in der das erwähnt wird.“

    Ich war gestern auf einer Beerdigung und tief bewegt. Leider war der Verstorbene nicht gläubig. Ich betete immer wieder während der Trauerfeier. Es war eigenartig. Ich habe die von Ihnen oben beschriebene Bibelstelle gesucht und nicht gefunden. Können Sie sie hier kurz nennen? (Meine Mail funktioniert derzeit nicht.) Dank.

  2. Hallo K., das ist 1. Korinther 15,29.

    • Hallo,

      vielen Dank für die Antwort. Hab die Auslegung der Studienbibel gelesen. Ergebnis leider genauso traurig wie das Erleben der Beerdigung. Dachte fast, dass meine spontane Auslegungs-Hoffnung als Irrlehre gesehen wird. Vielen Dank. Kommen Sie gut ins Jahr 2013.

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