Okt 292012
 

Predigt zu Römer 11,13-24 am 28. Oktober 2012
(Predigtreihe Römerbrief 33)

Manchmal passiert es einem, dass man Zeuge einer heftigen Auseinandersetzung in einer anderen Familie wird. Und das ist immer eine schwierige Situation, weil man nicht so recht weiß, was man tun soll: soll man sich mitstreiten? Das geht nicht. Soll man versuchen, zu vermitteln? Geht eigentlich auch nicht, weil die sich das meistens verbitten und sagen: du hast keine Ahnung von der Vorgeschichte. Also bleibt nur: sich diskret verabschieden, oder, wenn das nicht geht, zuhören und abwarten, bis es sich geklärt hat. Und manchmal bekommt man dann Sachen mit und denkt: ach du meine Güte, die haben ja Leichen im Keller! Das ist ja verfahren! Aber dann denkt man vielleicht auch: na gut, wenn bei uns einer Mäuschen spielen würde, der würde auch einiges zu hören bekommen!

Ein bisschen ging es uns in den letzten Kapiteln des Römerbriefes so, als Paulus ab Kapitel 9 über den Weg seines Volkes, über Israels Weg nachdachte. Er ließ uns mithören bei einer innerjüdischen Auseinandersetzung. Und weil er in der prophetischen Tradition seines Volkes steht, deshalb war es eine ganz kritische Auseinandersetzung mit seinem Volk, wo er zurückgreift auf die kritische Sicht der Bibel, genauer des Alten Testaments, auf das Volk Gottes.

Wir Nichtjuden haben dabei gestanden und zugehört, und hoffentlich haben wir auch etwas verstanden von der inneren Dynamik in einem Volk, das seit Jahrhunderten und Jahrtausenden im Gegenüber zu Gott lebt. Jetzt, schon fast am Ende seiner Darlegungen zum Thema, wendet sich Paulus ausdrücklich an die Christen, die nicht aus dem jüdischen Volk kommen, sondern aus den Heidenvölkern, und die von diesem Ausgangspunkt her angefangen haben, an Jesus zu glauben und so zum Gott Israels gekommen sind.

Und das klingt so:

13 Den Nichtjuden unter euch aber sage ich: Es stimmt, dass mein Auftrag als Apostel den nichtjüdischen Völkern gilt, und ich danke Gott dafür, dass es so ist. 14 Denn vielleicht kann ich durch meine Missionsarbeit die Angehörigen meines eigenen Volkes eifersüchtig machen und so wenigstens einige von ihnen retten. 15 Schon ihre Verstoßung hat der übrigen Welt die Versöhnung mit Gott gebracht, was wird dann erst ihre Wiederannahme bringen? Nicht weniger als die Auferstehung der Toten!
16 Wenn das erste Brot von der neuen Ernte Gott geweiht worden ist, gilt alles Brot von dieser Ernte als geweiht. Wenn die Wurzeln des Baumes Gott geweiht sind, sind es auch die Zweige. 17 Nun sind einige Zweige an dem edlen Ölbaum ausgebrochen worden, und unter die übrigen wurdet ihr als neue Zweige eingepfropft. Obwohl ihr von einem wilden Ölbaum stammt, habt ihr jetzt Anteil an den guten Säften des edlen Ölbaums. 18 Darum überhebt euch nicht über die Zweige, die ausgebrochen wurden. Ihr habt keinen Grund, euch etwas einzubilden! Nicht ihr tragt die Wurzel, sondern die Wurzel trägt euch. 19 Ihr werdet vielleicht sagen: »Die Zweige sind ausgebrochen worden, um uns Platz zu machen!« 20 Gewiss, aber sie wurden ausgebrochen, weil sie nicht glaubten. Und ihr gehört nur dazu, weil ihr glaubt – und wenn ihr im Glauben beharrt. Seid also nicht überheblich, sondern bedenkt, mit wem ihr es zu tun habt! 21 Wenn Gott schon die Juden nicht verschont hat, obwohl sie die natürlichen Zweige sind, dann wird er euch bestimmt nicht verschonen.
22 Ihr seht hier die Güte und zugleich die Strenge Gottes. Streng ist er zu denen, die sich von ihm abwenden. Gütig ist er zu euch – wenn ihr euch nur bewusst bleibt, dass ihr allein von seiner Güte lebt; sonst werdet ihr auch ausgehauen. 23 Aber auch die Juden werden wieder eingepfropft, wenn sie die Einladung zum Glauben nicht länger abweisen. Gott hat sehr wohl die Macht dazu. 24 Er hat euch als Zweige eines wilden Ölbaums ganz gegen die natürliche Ordnung in den edlen Ölbaum eingepfropft. Dann kann er erst recht die Juden als die natürlichen Zweige wieder in ihren eigenen Baum einpfropfen.

Wenn man das kurz zusammenfassen wollte, dann würde man sagen: es stimmt, es gibt in der Familie heftige Auseinandersetzungen, das wird nicht beschönigt, aber ihr habt keinen Anlass, euch einzubilden, dass ihr etwas Besseres wärt. Nein, ihr sollt euch die Auseinandersetzungen deshalb anhören, damit ihr gewarnt seid und euch das möglichst erspart bleibt. Wenn ihr aber denkt: mir kann das nicht passieren, wir streiten uns nicht so! dann seid ihr schon auf dem besten Weg dahin.

Ja, sagt Paulus, es stimmt, mein Volk in seiner Gesamtheit ist nicht den Weg Jesu mitgegangen. Sie haben nicht verstanden, dass das Gottes neuer Weg ist. In der Lesung vorhin (Matthäus 16,5-12) haben wir gehört, wie Jesus seine Jünger warnt vor den Meinungsführern der damaligen jüdischen Gesellschaft, den Sadduzäern, also den Machteliten, und vor den Pharisäern, also den Frommen. Jesus immunisiert seine Jünger geradezu und sagt: hört nicht auf den politischen und religiösen Mainstream! Passt auf, dass ihr euch von dem nicht beeinflussen lasst! Und so ist das geblieben, und auch Paulus hat sich in der Nachfolge Jesu heftig engagiert in diesem Familienstreit. Daran ist überhaupt nichts zu verschweigen oder zu beschönigen.

Man kann sogar sagen: es gereicht diesem Volk zu Ehre, dass da so schonungslos die eigenen Fehler aufgedeckt und ausgesprochen werden. Diese Haltung entschlossener Kritik an den eigenen Fehlentwicklungen, das ist die prophetische Tradition Israels, die sich durch die ganze Bibel zieht. Gott ist da nicht der Eiapopeia-Gott, der zu allem Ja und Amen sagt, was die Mächtigen anrichten, sondern zur Not stellt er sich massiv gegen seine eigenen Leute, wenn sie auf dem falschen Weg sind. Der Gott, der auch bei seinen eigenen Leuten nichts unter den Teppich kehrt, den kennen wir erst durch Israel.

Paulus sagt: da könnt ihr etwas lernen über die Strenge Gottes. Gott schaut darauf, was Menschen real tun und misst sie daran. Wenn Menschen ausbeuterisch oder ungerecht sind, dann drückt er nicht ein Auge zu, nur weil sie Juden sind oder weil sie mal getauft worden sind und sich Christen nennen. Er schaut darauf, was sie tatsächlich tun und glauben und reagiert darauf ohne Ansehen der Person. Das lernt man aus der Geschichte Israels.

Aber die Dinge sind vielschichtiger, und deshalb sagt Paulus zu uns Außenstehenden: Macht euch aber auch klar, dass selbst aus dieser zerstrittenen Familie immerhin die Rettung für euch alle gekommen ist. Gott ist drin in der Geschichte Israels, und er kann selbst mit zerstrittenem Bodenpersonal noch die Welt bewegen. Durch diese innerjüdische Auseinandersetzung hat schließlich das Evangelium die Grenzen Israels überwunden und ist zu den anderen Völkern gekommen. Diese Völker, bei denen die Götter immer auf der Seite der Mächtigen stehen, wo die Priester die Kanonen segnen und die Leute mit dem meisten Geld auch bei Gott vorne sitzen dürfen, die haben durch Israel einen besseren Gott kennengelernt. Selbst durch ein Israel, auf das Gott sehr kritisch schaut.

Also werdet nicht arrogant. Wenn Gott schon mit seinen zerstrittenen Leuten so viel bewegen kann, was wird er dann noch erreichen können, wenn sie eines Tages als Gesamtheit seinen Weg verstehen und mitgehen! Wenn Israel als Ganzes irgendwann zu Gott zurückfindet und ein Modell eines Volkes nach Gottes Herzen wird, dann erneuert sich die Welt. Das ist die Auferstehung der Toten!

Es gehört gerade zu den Errungenschaften Israels, dass man wie Paulus auf mehreren Ebenen denken kann und nicht im Schema von Entweder-Oder stecken bleibt. Aus Gottes Sicht hat nicht der eine schon deswegen Recht, weil der andere auf dem falschen Weg ist. Wenn Israel sich verirrt, bleiben deswegen die Irrwege der Heiden immer noch falsch. Jesus sagt: ich soll meinen Feind lieben, aber das ändert nichts daran, dass der Unrecht tut. Wir heute sehen sehr deutlich das hässliche Gesicht des Terrorismus, da gibt es nichts zu beschönigen, aber das ändert nichts daran, dass der Westen dazu beigetragen hat, dass Menschen auf den Weg der Gewalt getrieben worden sind.

Es ist diese Art des – ich möchte sagen: kontemplativen – Denkens, die Paulus hier mit uns einübt. Eine andere Art zu denken: wenn man nicht auf die menschlichen Entweder-Oder-Frontlinien sieht, wo einer sich dadurch rechtfertigt, dass der andere der eigentlich Böse ist, sondern wenn man von Gott her denkt, der sich nicht vor einen menschlichen Karren spannen lässt, dann sieht vieles anders aus, und dann öffnen sich neue Wege des Friedens.

Aber das ist schwer, weil uns dieses Entweder-Oder-Denken immer wieder neu eingetrichtert wird. Deswegen benutzt Paulus wie Jesus ein Gleichnis. Er nimmt das Bild vom Ölbaum und seinen Zweigen. Jeder kannte damals Ölbäume und hatte sie vor Augen. Der Ölbaum ist eine der charakteristischen Pflanzen der Mittelmeerwelt. Ölbäume waren immer etwas Besonderes, sie galten manchen als heilig, ihre Blätter waren ein Zeichen des Friedens. Bei Jeremia und Hosea ist der Ölbaum ein Bild für Israel. Eigentlich müsste man sagen: Olivenbaum, denn seine Früchte sind die Oliven. Aus diesen Oliven presst man Olivenöl, damals und in vielen Ländern bis heute ein Grundnahrungsmittel.

Olivenbäume werden sehr alt. Dann sind sie enorm dick, sie sind sehr robust und ziemlich schwer tot zu kriegen. Deswegen hat man schon damals manchmal einem wilden Ölbaum einfach die Zweige von edleren Baumsorten aufgepfropft, damit man besseres Öl bekam, so wie wir das heute mit Obstbäumen tun.

Wir kennen das eher von Äpfeln oder anderen Obstsorten, da wird so ein kleiner Trieb unter die Rinde des wilden Baumes gesteckt, dann wird er festgebunden und wächst da tatsächlich an, obwohl er von einem anderen Baum und von einer anderen Sorte stammt. Der Vorteil dabei ist, dass sich da die Kraft des wilden Baumes mit dem Aroma der edlen Zweige verbindet.

Paulus benutzt dieses Bild, aber er verbiegt es ein wenig, denn eigentlich setzt man edle Zweige in einen wilden Olivenbaum ein, und nicht wilde Zweige in einen edlen. Aber damit sagt er den Christen aus den nichtjüdischen Völkern: ihr seid die, die dazugekommen sind, und ihr lebt von der alten, guten Wurzel. Eure Kraft kommt aus der alten, langen Geschichte, die Gott mit Israel begonnen hat. Ihr habt nicht an dieser Geschichte vorbei eine Verbindung zu Gott. Ihr seid keine neue Religion, sondern eine Erweiterung des Gottesvolkes.

Gut, einige Zweige sind aus dem Baum ausgebrochen worden, und so gibt es da auch Platz für euch. Aber die Ursache dafür ist nicht, dass ihr besser seid – nein, ihr seid die wilden Zweige, die freundlicherweise einen Platz am edlen Baum bekommen haben. Dass andere Zweige ausgebrochen wurden, weil Teile des Volkes Israel Gottes Weg nicht mitgegangen sind, das gibt euch keinen Anspruch auf ihren Platz. Das ist eine Geschichte zwischen Gott und Israel. Es hat nichts damit zu tun, dass ihr Heiden besser wäret. Gott geht mit jedem seinen eigenen Weg, er redet mit jedem so, wie er es hören muss, und er redet mit mir nicht deswegen anders, weil er mit anderen Probleme hat. Gott fügt sich nicht in das Entweder-Oder-Schema.

Und überhaupt gibt es keinen Grund, auf irgendetwas stolz zu sein, als ob man das toll hingekriegt hätte: dass wir etwas schaffen, verdanken wir Gott, der uns so gemacht hat, wir verdanken es dem Glück, dass wir gefördert worden sind und etwas gelernt haben, dass wir in einer gesunden Umgebung aufgewachsen sind und im Frieden leben, und noch vielem anderen. Nichts davon ist unser Verdienst, und es gibt keinen Grund, andern gegenüber eingebildet zu sein.

Und wenn schon ein wilder Zweig auf einem Ölbaum von der guten Sorte wachsen kann, dann kann man die ursprünglichen Zweige erst recht wieder zurück verpflanzen an ihren Ursprungsbaum. Und Gott wird es tun. Gott ist mit Israel noch längst nicht zu Ende.

Und deswegen ist die Perspektive von Paulus für Gottes Volk: ein Baum mit unterschiedlichen Zweigen, die einen gehörten schon immer dazu, die anderen sind dazugekommen, noch andere waren zwischendurch mal nicht dran, aber am Ende ist es ein großer, gemeinsamer Baum. Er zieht seine Kraft aus der Wurzel der langen Geschichte Gottes mit seinem Volk. Gott hat diese Wurzel vor langer Zeit gepflanzt, mit Abraham, und er sorgt dafür, dass sein Ölbaum nicht verkommt. Wie ein wirklicher Olivenbaum wird er uralt, er trägt die Spuren vieler Jahrtausende, aber er wird dadurch nicht unfruchtbar.

Das ist die Geschichte Gottes mit seinem Volk. Es trägt die Spuren vieler unvorhersehbarer Überraschungen und Wendungen, und in den 2000 Jahren seit Paulus sind noch viele dazugekommen. Aber Gottes Volk lebt immer noch aus seiner ursprünglichen Wurzel, und diese Kraft bringt immer neue Früchte hervor. Der Baum ist immer noch vital. Viele haben in seinem Schatten Platz. Und Gott wird dafür sorgen, dass eines Tages dieser Ölbaum der ganzen Welt Segen und Frieden bringt.

Okt 202012
 

Predigt am 14. Oktober 2012

In diesem Gottesdienst wurde die Konfirmandengruppe zum Abendmahl zugelassen; vorausgegangen war im Gottesdienst ein Gespräch mit den Konfirmandinnen und Konfirmanden über das Thema. In der Predigt wurden mehrere dünne Seile zur Illustration verwandt.

Die Geschichte, die wir mit dem Abendmahl, mit Brot und Wein erzählen, die fängt schon lange vor Jesus an. Es ist eine Geschichte, die bis zur Schöpfung zurück reicht. Und im Laufe der Zeit ist diese Geschichte immer ausführlicher geworden, immer mehr Erinnerungen haben sich da gebündelt. Und deshalb möchte ich uns das Abendmahl heute vorstellen als ein Bündel von Seilen, als ein Geflecht von Bedeutungssträngen, das im Lauf der Zeit immer umfassender geworden ist.

Hier haben wir den ersten Bedeutungsstrang: das ist die Schöpfung. Gott hat uns beschenkt mit unserem Leben, mit der Welt und mit genügend Nahrung, von der wir leben können. Das ist die Grundlage von allem: es ist genug für alle da. Und das ist bis heute so geblieben. Auch wenn es inzwischen 8 Milliarden Menschen gibt: es ist genug da für alle. Niemand müsste hungern, wenn das Brot gut aufgeteilt würde. Nur weil die einen sich einen sehr großen Teil vom Brot nehmen, nur dadurch reicht es nicht für die anderen. Gott hat die Erde so geschaffen, dass auch 8 Milliarden satt werden können. Und es ist nicht nur genug da, um irgendwie zu überleben. Es ist auch Wein da, das Zeichen für die Freude und das Fest, das Zeichen für alles, was man nicht unbedingt braucht zum Überleben, aber ohne Freude wäre das Leben so arm, dass wir gar nicht wüssten, wieso wir eigentlich leben sollten. Brot und Wein stehen für alles, was wir zum Leben brauchen, für das Notwendige und für das Schöne, das den Glanz ins Leben bringt. Und als Jesus beim Abendmahl das Brot nahm, da dankte er zuerst Gott für diese Gaben.

Nun kommt ein zweiter Strang dazu: auf den Bäumen des Paradieses wuchs kein Brot. Und man konnte sicherlich Trauben pflücken, aber Wein gab es auch noch nicht. Erst mit der menschlichen Arbeit wurde aus dem Korn Brot und aus den Trauben Wein. Die Schöpfung ist so eingerichtet, dass Menschen da mitmachen können. Deshalb ist der zweite Strang die menschliche Mitwirkung an der Schöpfung Gottes. Gearbeitet haben die Menschen schon im Paradies, aber damals war Arbeit noch eine reine Freude, so wie es zum Glück bis heute Arbeit gibt, die einem Freude macht. Es ist schön, wenn man etwas fertig hat und sagen kann: das habe ich gemacht, und es ist schön geworden.

Aber viel zu oft wird heute aus Arbeit Plackerei, und bevor man etwas Schönes fertigstellt, muss man sich meistens zuerst durch ein Gestrüpp von Schwierigkeiten durchkämpfen: Dornen und Disteln; Computer, die nicht tun, was sie sollen; Vorschriften, durch die keiner mehr durchsteigt; Vorgesetzte, Kolleginnen und Kollegen, die einem das Leben schwer machen und Zeit und Aufmerksamkeit brauchen. Das Volk Israel hat es besonders schwer gehabt, als sie in die ägyptische Sklaverei gerieten.

Und deshalb ist der dritte Strang die Unterdrückung, die in die Welt hineingekommen ist: die einen leben auf Kosten der anderen. Das ist genau das Gegenteil von Gottes ursprünglichem Plan, dass die ganze Schöpfung miteinander das Leben feiern sollte. Jetzt stehen Menschen gegeneinander, machen sich gegenseitig klein, statt sich zu helfen, sehen die anderen als Feinde an: Männer gegen Frauen, Alte gegen Junge, Reiche gegen Arme, Gebildete gegen Dummköpfe, Inländer gegen Ausländer, Nationen, Rassen und Kulturen gegeneinander. Manchmal werden dadurch ganze Völker ausgelöscht – und als Israel in Ägypten Sklavenarbeit tun musste, da waren sie auf dem besten Weg dazu. Im Passafest wird das durch die bitteren Kräuter symbolisiert, die auf dem Tisch stehen zur Erinnerung an die bittere Zeit in der Sklaverei. Und heute sehen wir, dass darunter nicht nur die Menschen leiden, sondern die ganze Schöpfung ächzt unter der Unterdrückung und Vergewaltigung, die sie erleiden muss. Aber dabei blieb es nicht, sondern Gott griff ein, und das ist

der vierte Strang: Gott befreit. Gott holt Menschen heraus aus der Sklaverei. Gott stellt sich der Verkehrung seiner Schöpfung entgegen. Gott lässt nicht zu, dass sein Werk entstellt wird. Und ebenso, wie er seine Schöpfung darauf angelegt hat, dass wir mitmachen, so will er uns auch dabei haben, wenn es um die Befreiung der Schöpfung geht. Er teleportierte sie nicht einfach raus aus Ägypten, sondern er sandte Mose, um Israel aus der Sklaverei zu führen, und alle machten sich auf den mühsamen Weg durch die Wüste, und Gott sorgte dafür, dass sie alle miteinander zur Erinnerung das Passafest feierten, Jahrhundert um Jahrhundert, damit die Hoffnung auf den Befreiergott lebendig bleibt. Und da verbanden sich das Brot und der Wein mit der Erinnerung an die Befreiung. Und auch als die Jahre kamen, in denen das Volk unter neuer Unterdrückung litt, da hielten sie sich fest an dieser Erinnerung: Gott hat uns schon einmal geholfen, er wird es wieder tun.

Und tatsächlich, als die Not am größten war, kam Jesus, und das ist der fünfte Strang. Er zeigte einen neuen Weg der Befreiung. Denn inzwischen hatte sich die Welt verändert. Es gab keine freien Länder mehr, in die man fliehen konnte. Die ganze Welt ist heute aufgeteilt unter den Pharaos und Kaisern und Machthabern und Mächten. Man kann nicht mehr einfach weglaufen. Aber Jesus zeigte uns, wie wir auch im Angesicht der Mächte befreite Zonen schaffen können, in denen Menschen nicht andere dominieren und klein machen, sondern wo wir immer wieder neu unsere Würde erfahren. Jesus schuf eine Bewegung von Menschen, die gegen alle Zerstörung Gottes neue Menschheit verkörpert. Menschen, die nicht mitmachen in dem Spiel: wer ist der Größte, Stärkste und Tollste, und gerade so die Welt wirklich beeinflussen können.

Und er deutete das Brot und den Wein noch einmal neu: das Brot, sagte er, ist mein Leib, an dem ihr gesehen habt, wie ein freies Leben aussieht. Ein Leben, das nicht den Mächten der Zerstörung dient. Und auch wenn dieser Leib jetzt zerbrochen wird, mein Leben geht weiter. Und das Blut, sagt er, das ist meine Lebenskraft, mit der ich den Segen Gottes in ganzer Fülle zurückgebracht habe, und alles wurde gesund, was ich anrührte. Und auch wenn dieses Blut jetzt vergossen wird, es geht durch den Tod hindurch und wird der ganzen Welt Leben bringen.

Es gibt ein starkes, heilendes Leben auch mitten im feindlichen Land, mitten in der Unterdrückung, und dieses Leben ist stärker, weil Gott es bestätigt. Jesu Leben, sein Tod und seine Auferstehung werden im Abendmahl zusammengefasst, und die ganze Vorgeschichte gehört dazu. In jedem Abendmahl wird diese ganze Geschichte von der Schöpfung an wieder dargestellt, sie wird sozusagen in einer Szene aufgeführt, aber nicht so, dass Schauspieler sie vor Publikum spielen, sondern alle machen es miteinander, wir selbst sind beteiligt, wir sind keine Zuschauer, wir sind die Akteure. Und deshalb kommt jetzt noch

ein sechster Strang dazu. Und dieser Strang ist etwas dünner als die anderen, aber dafür ist er rot, weil er normalerweise das erste ist, was wir sehen: es ist unser eigenes Leben. Wir mit unserem Leben sollen da hineinkommen in diese lange Geschichte von der Schöpfung, von der Arbeit, von der Unterdrückung, von der Befreiung und von Jesus. Diese Stränge sind eigentlich ineinander verflochten – das konnte ich jetzt hier auf die Schnelle nicht tun – und nun soll auch unser Lebensstrang da hineingeflochten werden. Wir sollen auch einen Platz in dieser Geschichte bekommen, keine Zuschauerrolle, sondern wir sollen aktiv dabei sein. Und wenn wir im Abendmahl miteinander diese Geschichte aktualisieren, dann werden wir mit unserer Lebensgeschichte hineingezogen in die Geschichte Gottes, und auch unser Leben steht dann im Zeichen der Befreiung.

In jedem Menschenleben gibt es die Augenblicke, wo wir die Zerstörung in der Welt sehr deutlich spüren. Manchmal erleben wir es früher und manchmal später, wie etwas zerbricht, wie wir Dinge tun, die wir eigentlich nicht wollen, Menschen uns enttäuschen, auf die wir vertraut haben. Meistens können wir das nicht ungeschehen machen. Aber wir können diese Geschichten neu erzählen, wir können sie hineinstellen in die große Geschichte Gottes, und dann gibt es Hoffnung auch für die dunkelsten Situationen. Dann steht auch über unserem Leben die Verheißung der neuen Welt Gottes. Dann werden wir auch von dem Segensstrom erreicht, der durch Jesus neu zu fließen begonnen hat. Dann werden auch wir ein Akteur oder eine Akteurin in der Geschichte der Welt und nicht ein hilfloses Opfer, das nicht begreift, wie ihm geschieht, und das sich nicht wehren kann. Und weil wir es zusammen tun, deshalb entsteht dadurch eine Gemeinschaft, die auch nach außen die Freiheit von den Mächten ausstrahlt und sich nach innen auch ganz praktisch stützt.

Viele Stränge laufen zusammen im Abendmahl Jesu, viele Geschichten sind dort gebündelt, sie sind noch nicht zu Ende, sondern gehen weiter, und Jesus hat es so vorgesehen, dass einer von diesen Strängen die Geschichte unseres Lebens sein soll.

Okt 162012
 

Heute hab ich doch tatsächlich völlig unerwartet von Wolfgang das Buch von Peter und mir zugeschickt bekommen und habe es jetzt zum ersten Mal auch in analoger Form in der Hand. Eine Super-Überraschung! Und auch wenn die Zeit der Arbeit daran jetzt schon ein bisschen zurückliegt: ich mag es immer noch wie während des Schreibens. Danke, Wolfgang! Jetzt muss ich es doch nicht extra beim Francke-Verlag bestellen.

Okt 122012
 

Predigt zu Matthäus 6,19-21 am 7. Oktober 2012 (Erntedankfest)

Jesus sprach: 19 »Sammelt euch keine Schätze hier auf der Erde, wo Motten und Rost sie zerfressen und wo Diebe einbrechen und sie stehlen. 20 Sammelt euch stattdessen Schätze im Himmel, wo weder Motten noch Rost sie zerfressen und wo auch keine Diebe einbrechen und sie stehlen. 21 Denn wo dein Schatz ist, da wird auch dein Herz sein.«

Eine ganze Menge von uns kennen wahrscheinlich Gollum aus dem »Herrn der Ringe«. Und wer den Film gesehen hat, der erinnert sich wahrscheinlich auch an sein heiseres Zischen »Schatz! Mein Schatz!«. Ich hab schon Konfirmanden erlebt, die das wesentlich besser nachmachen konnten als ich. Für alle unter uns, die den Film nicht kennen: Gollum ist ein undefinierbares, haarloses, schleimiges Wesen, dessen einziges Lebensziel darin besteht, den Ring der Macht zurück zu bekommen. Der Ring macht unsichtbar, er macht unsterblich, und wer mit ihm umgehen kann, dem gibt er große Macht. Aber wer ihn trägt, den laugt er auch aus, er zieht das Leben aus ihm heraus, bis am Ende aus einem lebendigen Wesen mit vielen Interessen, Begabungen und Freuden jemand geworden ist, in dessen Leben nur noch der Ring zählt. Erst denkt der Ringträger, er sei der Herr des Rings, und am Ende beherrscht der Ring ihn, er saugt ihm das Leben aus und macht ihn zu einem beinahe seelenlosen Zombie. Gollum hat den Ring Jahrhunderte lang getragen, er ist mit ihm verbunden wie kein anderer, und so wird er fast nur noch bewegt von der Gier, den Ring um jeden Preis wiederzubekommen.

Und als ich über diese Worte Jesu aus der Bergpredigt nachdachte, wo er sagt: ihr sollt euch nicht Schätze sammeln auf Erden, da fiel mir gleich Gollum und sein Schatz ein. Aber Gollum ist ja nur die literarische Verdichtung einer ganz alltäglichen Sache: ein Schatz ist Lebenskraft, die nicht mehr lebendig ist, sondern aufgespeichert, konzentriert, abgetrennt von denen, die sie ursprünglich hervorgebracht haben.

Das ist schon eine merkwürdige Sache: du arbeitest Tag für Tag, du tust etwas für Menschen, sie geben dir etwas dafür, und am Ende hast du ein dickes Bündel Scheine, und du musst dir davon nicht gleich etwas kaufen, sondern du kannst das Geld unter deine Matratze legen und sammeln, und da liegt es. Deine aufgespeicherte Arbeit, vielleicht aus vielen Jahren, ein nicht unerheblicher Teil deiner Lebenszeit: daraus wird ein Bündel Blätter aus Papier, bunt bedruckt. Du kannst es aufheben und irgendwann mal eine Reise machen oder es zur Goldenen Hochzeit so richtig krachen lassen oder dir ein Haus davon kaufen. Aber vielleicht kommt auch vorher ein Einbrecher, durchstöbert deine Wohnung und findet den Schatz unter der Matratze. Und er freut sich und verjubelt ihn in einer Woche. Deine ganze Mühe und Arbeit aus vielen Jahren ist einfach futsch. Wie kann das sein, dass einer sich deine gesammelte Lebenskraft unter den Nagel reißen kann, einfach so? Das ist das Geheimnis des Schatzes.

Vielleicht denkst du: ich bin nicht so blöd, dass ich die Scheine unter die Matratze lege, ich bringe sie zur Bank oder investiere sie in meine Altersversorgung. Da sind sie sicher. Aber vielleicht kommt eine Krise, die Inflation, irgendein Crash, der nicht mehr aufzufangen ist, irgendwelche Gangster kommen nicht mehr mit der Brechstange, sondern per Computer, und alles ist weg. Wie kann das sein, dass andere deine Arbeit aus vielen Jahren einfach so in Rauch aufgehen lassen können? Das ist das Geheimnis des Schatzes.

Schätze sind eingefrorene Lebensenergie, die eigentlich herrenlos ist, sie gehört dem, der sich den Schatz unter den Nagel gerissen hat, egal, wem dieses Leben ursprünglich mal gehört hat. Der Ring, der Schatz von Gollum, ist ja auch mal so entstanden, dass der böse Sauron seine ganze kriminelle Energie trickreich in diesem Ring konzentriert hat.

Wer den Herrn der Ringe nicht kennt, der kennt vielleicht Momo, wo die grauen Herren die Menschen überreden, ihnen ihre Lebenszeit anzuvertrauen. Oder Harry Potter, wo es von magischen Dingen nur so wimmelt, in denen alle möglichen Arten von Lebensenergie gespeichert sind. Und immer wieder geht das schief und bewirkt Unheil.

Jesus sagt: das ist eine Illusion, das funktioniert nicht. Leben ist lebendig, man kann es nicht aufspeichern und sammeln. Das gibt nur Probleme. Leben muss gelebt werden, Leben muss lebendig bleiben, es gehört mit dem zusammen, dessen Kraft es ursprünglich ist. Oder, wenn wir an die Lebensmittel denken, die wir uns heute vor Augen führen: die gehören zusammen mit der Erde, auf der sie gewachsen sind, sie gehören zusammen mit den Menschen, die dafür gearbeitet haben. Sie gehören auch zusammen mit ihrem Geruch, ihrem Geschmack, ihrem Aussehen. Wir leben eben nicht von Nährstoffkonzentrat. Wir leben aber auch nicht von abstrakten Werten, von Zahlen auf einem Blatt Papier oder dem Computerbildschirm. Wenn Lebensmittel zu Spekulationsobjekten werden, zu Notierungen an der Rohstoffbörse, dann geht es den Menschen schlecht. Erst denen, die jetzt schon nicht das Geld haben, um sich das noch zu kaufen, und irgendwann uns allen.

Schätze haben ihre eigenen Interessen, sie wollen nicht unbedingt, dass es ihren Eigentümern gut geht. Sie wollen vor allem mehr werden, immer mehr. Deswegen vagabundieren heute gewaltige Kapitalmassen durch die Welt, sie fließen blitzschnell von hier noch dort, immer auf der Suche nach Mehr. Sie richten hier eine Krise an, ruinieren dort eine Volkswirtschaft, zerstören am anderen Ende der Welt den Regenwald und versuchen mit allen Tricks, die lebendigen Menschen dazu zu bringen, dass sie ihnen dienen, dem toten Mammon.

Und Jesus sagt: dient ihnen nicht! Ihr müsst euch entscheiden zwischen dem lebendigen Gott und dem toten Mammon. Der Mammon zerstört euch, wie Gollum von seinem Schatz ausgesaugt wurde. Bei Gott kann man tatsächlich Schätze sammeln, ohne Schaden anzurichten. Bei Gott wird unsere Lebenskraft nicht eingefroren und gespeichert, sondern sie bleibt lebendig. Wenn wir ihm unsere Energie anvertrauen, dann bleibt sie im großen Kreislauf drin, und sie kann nicht gestohlen werden. Gott ist ja der Urheber aller Energie und Lebenskraft. Ihm gehört sie, und er hat sie verschenkt, damit wir sie weitergeben, damit wir teilen, damit wir lieben, damit wir in Beziehungen mit anderen leben, damit wir verbunden sind mit Gott und allen Geschöpfen.

Sammelt euch Schätze im Himmel! sagt Jesus. Der Himmel ist die verborgene Seite der Welt, wo Gottes Wille jetzt schon geschieht. Keine besonders sichere Schatzkammer, wo man seine Ersparnisse unterbringt, sondern ein verborgenes Netzwerk, das die ganze Welt durchzieht. Ein Netzwerk des Lebens und der Freiheit. Jesus hat es mit seinen Jüngern begonnen. Lauter Menschen, die bei ihm gelernt haben, wie sich richtiges Leben anfühlt, wie man die Kraft Gottes weitergibt, so dass sie Menschen aufatmen lässt, sie heilt und zum Segen werden lässt. Die ganze Energie in der Welt, das ist eigentlich der Segen Gottes, und wir sollen Segensmenschen sein. Menschen, die schenken und weitergeben, anstatt festzuhalten und zu verteidigen.

Es ist verrückt: mit einem Bruchteil des Geldes, das in der Welt für Waffen ausgegeben wird, könnte man dem Hunger auf der Welt ein Ende machen. Mit einem Bruchteil des Mammons, der auf der Jagd nach profitablen Anlagemöglichkeiten durch die Welt vagabundiert, könnte man dafür sorgen, dass alle Menschen medizinisch gut versorgt werden. Es ist genug für alle da – aber es ist nicht bei allen. Das ist die Macht der Schätze über Menschen, dass sie uns gegeneinander stellen und Feindschaft und Misstrauen und Not produzieren, und alle leiden darunter.

Aber Jesus hat dieses neue Netzwerk begonnen, er hat die Kräfte des Himmels zu uns gebracht, und er sagt: der Himmel ist nahe, er ist jetzt für jeden in Reichweite, jeder kann seine Lebenskraft in Gottes Sache investieren, jeder kann sein Herz in Zukunft daran hängen, jeder kann dabei sein, wenn mitten in der Welt die neue Welt beginnt und wächst, die neue Menschheit, zu der Jesus seine Nachfolger an seinem Tisch versammelt. Die neue Menschheit, die von Schenken, Geben und Teilen lebt. Und das heilt auch die Wunden, die uns der Mammon immer wieder schlägt.

Jesus hat uns Worte des Lebens gegeben, die diese neue Zone des Lebens schaffen, Menschen, die bewegt sind sind durch das Vorbild Jesu, durch seinen Geist und eine Verbundenheit quer zu allen Einteilungen, mit denen man Menschen sonst einteilt. Und diese Gemeinschaften, die Jesus ins Leben gerufen hat, die haben in drei Jahrhunderten das grausame römische Weltreich von innen her verwandelt, sie haben durch alle folgenden Jahrhunderte Menschen Würde und Hoffnung gegeben, sie waren Zellen des Lebens, wo man sich unterstützt hat und zusammen gehalten hat, und es sind Orte, wo man nicht auf die Illusion der Schätze herein fällt, weil man den lebendigen Gott und den wirklichen Schatz kennt. Solche Gemeinschaften lassen selbst die Schöpfung aufatmen, weil da der Segen wieder in Fülle strömt.

Wer den »Herrn der Ringe« kennt, der weiß: Gollum ist manchmal nahe daran, frei zu werden von der Bindung an den Ring. Aber nie schafft er es, und am Ende geht er mit seinem Schatz zugrunde. Und er tut einem leid, weil man sieht: in all seiner Gier nach dem Ring ist auch er ein Opfer. Jesus will nicht, dass wir Opfer werden. Deshalb ruft er uns weg von den toten Schätzen zum lebendigen Gott und zu seinen Gemeinschaften, wo der Segen lebendig bleibt und uns Stück für Stück erneuert zu immer vollerem Leben.

Okt 012012
 

Predigt zu Lukas 7,11-16 am 30. September 2012

1 Einige Zeit später ging Jesus in eine Stadt namens Naïn; seine Jünger und eine große Menschenmenge folgten ihm. 12 Als er in die Nähe des Stadttors kam, trug man gerade einen Toten heraus. Es war der einzige Sohn seiner Mutter, einer Witwe. Und viele Leute aus der Stadt begleiteten sie.
13 Als der Herr die Frau sah, hatte er Mitleid mit ihr und sagte zu ihr: Weine nicht! 14 Dann ging er zu der Bahre hin und fasste sie an. Die Träger blieben stehen und er sagte: Ich befehle dir, junger Mann: Steh auf! 15 Da richtete sich der Tote auf und begann zu sprechen und Jesus gab ihn seiner Mutter zurück.
16 Alle wurden von Furcht ergriffen; sie priesen Gott und sagten: Ein großer Prophet ist unter uns aufgetreten: Gott hat sich seines Volkes angenommen.

Als Jesus dem Trauerzug am Tor des Städtchens Nain in Galiläa begegnete, da muss ihm sofort klar gewesen sein, dass das kein gewöhnlicher Todesfall war. Jeder Tod ist schlimm und lässt Menschen in Trauer innehalten, aber hier trugen sie den einzigen Sohn einer Frau zum Friedhof. Und die Frau hatte schon ihren Mann verloren, vielleicht als junge Ehefrau. Sie war Witwe, und jetzt stand sie ganz allein da. Damals waren Frauen normalerweise darauf angewiesen, dass ein männliches Familienmitglied sie vertrat, für sie eintrat: erst der Vater, dann der Ehemann, und irgendwann einmal der älteste Sohn.

Aber diese Frau hatte jetzt niemanden mehr. Und dass wohl fast alle Einwohner des Ortes im Leichenzug mitgingen, das lag nicht nur daran, dass da beinahe jeder jeden kannte. Es war einer von den Todesfällen, die uns ganz besonders erschüttern und mit denen wir uns noch lange beschäftigen. Warum wird dieser armen Frau erst der Mann genommen, der Ernährer der Familie, vielleicht schon kurz nach der Hochzeit, und dann zieht sie mit viel Mühe und Arbeit den kleinen Sohn groß und hofft darauf, dass der ihr im Alter beisteht, und dann kommt der nächste Schlag, und auch der Sohn wird ihr geraubt? Eins davon wäre allein schon schrecklich genug. Wenn wir so eine Geschichte hören, dann sagen wir: das kann ich nicht verstehen. So sollte das Leben nicht sein!

Und deswegen sind sie alle gekommen und gehen im Leichenzug mit, weil solch ein Todesfall einen ganzen Ort bewegt. Das betrifft nicht nur eine einzelne Familie, sondern über einem ganzen Ort liegt der Schatten des Todes, da breitet sich ungebremste Depression aus und lähmt sie alle. Viele weinende, klagende Menschen, und gleichzeitig ist dies ein Triumphzug des Todes, eine Demonstation der überwältigenden Macht des Todes, der Menschen nichts entgegenzusetzen haben. Er kommt und geht, wie er will, er zerstört und zerreißt, er entmutigt und verwirrt, er hinterlässt Leid und Not, und niemand kann ihn hindern. Den Zurückbleibenden untergräbt er ihr Vertrauen ins Leben, manchmal für immer.

Und deshalb stellt sich Jesus diesem Todeszug in den Weg und stoppt ihn. Das ist von Lukas sehr eindrücklich beschrieben, wie da von der einen Seite der Leichenzug kommt, und von der anderen Seite Jesus mit seinen Jüngern und vielen anderen Menschen. Der Zug des Lebens trifft auf den Zug des Todes. Und Jesus stoppt diese Demonstration des Todes. Keiner sonst hätte sich getraut, einfach die Trage mit dem Toten anzufassen. Noch nicht einmal die Leichenträger hätte man sich getraut zu berühren. Aber Jesus hat keine Angst vor dem Tod. Er stellt sich ihm mit seinen Jüngern einfach in den Weg.

Vorher hat er die Frau angesprochen: »Weine nicht«. Vielleicht kannte er sie sogar; Nain war von Jesu Heimatstadt auch nur 5 km entfernt. Er macht ihr deutlich: keine Angst, ich will dir nichts Böses tun, ich will dir nichts durcheinanderbringen, im Gegenteil! Menschen in so einer Situation sind so ungeschützt, so verletzlich, dass man ihnen das erklären muss, wenn die normalen Abläufe unterbrochen werden.

Und ganz zuerst steht da, dass er Mitleid hatte. Wörtlich: es ging ihm durch und durch, als er sie sah. Jesus ist von Mitleid erfüllt, wenn er sieht, wie schwer manchmal unser Leben ist unter der dunklen Drohung des Todes. Er kann nicht zur Seite treten und diesen Trauerzug einfach vorbeiziehen lassen. Er kann diese Mutter nicht einfach ihrem Schicksal überlassen.

Und deshalb wendet er sich an den jungen Mann und fordert ihn mit klaren Worten auf, zurückzukommen ins Leben, aufzustehen, wieder ein Lebender zu werden. Und das Leben kehrt zurück und der Tod wird zurückgewiesen und muss weichen. Und für die Mutter und alle anderen ist es, als ob sie aus einem bösen Traum erwachen. Und sie empfängt ihren Sohn ein zweites Mal als Geschenk aus den Händen Jesu.

Es ist ja so: wenn ein Mensch stirbt, dann ist er nicht einfach weg. Er löst sich nur langsam von seinem Körper, er bleibt noch eine Zeit in der Nähe, bis er endgültig hinübergeht in die andere Welt. Deswegen ist es nicht nur Pietät, wenn wir einen verstorbenen Menschen ehrenvoll behandeln, sondern es ist tatsächlich der letzte Dienst, den wir ihm tun können. Das macht ihn nicht wieder lebendig, aber es erleichtert ihm den Abschied und ist ein Zeichen gegen die Macht des Todes. Es ist nicht viel, was wir tun können, doch das, was wir können, das tun wir.

Aber Jesus kann mehr. Er hat die Macht, Menschen zurückzurufen, wenn sie schon ihren Körper verlassen haben. Er erreicht sie noch und sie hören auf ihn. Er hat die Macht, den Körper zu heilen, so dass der wieder ein Haus für diesen Menschen sein kann. Auch Jesus hat das nicht dauernd getan, aber ein paar Mal schon. Und auch von seinen Nachfolgern wird das gelegentlich berichtet, übrigens auch schon von den großen Propheten Elia und Elisa über 1000 Jahre vorher.

Natürlich hat auch der junge Mann von Nain irgendwann diese Welt endgültig verlassen müssen. Irgendwann später. Aber die Zeit bis dahin waren wichtige Jahre. Wichtig für seine Mutter, wichtig dafür, dass diese Familie weiterleben konnte und nicht ausgelöscht war.

Und es war wichtig für einen ganzen Ort und weit darüber hinaus. Die Menschen fingen an zu ahnen: Anscheinend ist der Tod doch nicht so allmächtig, wie es sonst immer aussieht. Sogar seine Macht ist nicht grenzenlos. Denn wir sind nicht allein, wir sind ihm nicht schutzlos ausgeliefert, wir müssen uns nicht hineinziehen lassen in den depressiven Sog, den jedes schlimme Unheil entwickelt. In diese Welt ist jemand hineingekommen, der dem Tod seine unbegrenzte Macht streitig macht. Noch nicht endgültig und in jedem Fall. Aber es wird nicht mehr lange dauern, dann werden sie auch Jesus wie den jungen Mann von Nain tot auf den Friedhof tragen, aber er wird nicht tot bleiben, er wird auch nicht nur für ein paar verlängerte Lebensjahre wieder zurückkommen, sondern er wird auferstehen. Damit wird die Macht des Todes endgültig gebrochen. Er hat nicht mehr das letzte Wort, nirgendwo.

Und auch dieser sensationelle Vorfall am Tor von Nain ist nur ein Zeichen für das, was da herankommt, ein Hinweis darauf, dass etwas noch viel Größeres bevorsteht als die Wiederbelebung eines Verstorbenen für einige Jahre. Jesus hat den Tod entmachtet und Leben gebracht, das nicht mehr vom Tod begrenzt wird.

Tod, das ist ja nicht nur der Moment, wenn wir unseren letzten Atemzug tun und unseren Körper verlassen. Der Tod hat eine Ausstrahlung weit darüber hinaus. Er kann sich wie ein lähmender Schatten über einen ganzen Ort oder ein ganzes Land legen. Er kann den Überlebenden das Zutrauen ins Leben nehmen, so dass ihnen alles, was sie tun, sinnlos vorkommt. Er kann uns verleiten, das Leben als wertlos anzusehen, weil es ja doch irgendwann endet. Er kann uns gierig werden lassen, wenn wir versuchen, das kurze Leben und die Welt auszupressen wie eine Zitrone, um nur nichts zu versäumen, und genau das zerstört dann wirklich den Segen und vergiftet die Welt. Der Tod stärkt die Gewaltherrscher, weil sie damit drohen können, uns den Tod zu bringen. So strahlt der Tod durch viele Kanäle auf das ganze Leben aus, auch dann, wenn wir ihm nicht direkt begegnen oder an ihn denken. Deswegen nennt ihn Paulus im 1. Korintherbrief den letzten, den entscheidenden Feind. Für alle, die sich mit Videospielen auskennen: den Endgegner.

Genau dieser dunklen Macht hat sich Jesus mit seinen Jüngern entgegengestellt. Christen, so hat es viel später einer formuliert, Christen sind Protestleute gegen den Tod. Wir sollen uns der Ausstrahlung des Todes überall entgegenzustellen. Es geht darum, zu erinnern: diese Macht ist bereits gebrochen. Wir stehen ihr nicht schutzlos gegenüber. Unter uns lebt Jesus, und in ihm ist das Leben konzentriert, das stärker ist als der Tod. Wir sind nicht allein, was immer auch kommt. Niemand steht dem Endgegner und seinen Kumpanen ohne Hilfe und Schutz gegenüber.

Das heißt noch nicht, dass niemand mehr sterben muss. So wird es erst sein, wenn die neue Welt anbricht und die Welt, wie wir sie kennen, mit all ihrer Zerrissenheit zurückweicht. Aber bis dahin sollen wir tun, was wir können, um deutlich zu machen: wir beugen uns nicht dem Tod in jeder Gestalt. Wir lassen ihm nicht mehr das letzte Wort. Wir holen Jesus dazu, und dann sieht es anders aus.

Wenn es dir also so vorkommt, als seist du in einen bösen Traum geraten, und niemand weckt dich auf, oder als gingest du mitten in so einem traurigen Zug, der sich scheinbar unaufhaltsam auf einen Moment zu bewegt, den du fürchtest, irgendetwas, was dir schon immer Angst gemacht hat, ein Schmerz, der unvermeidlich zu sein scheint, ein Konflikt, der nur zerstörerisch ist: wir haben immer die Möglichkeit, Jesus dazu zu holen, Jesus zu bitten, dass er in die Situation hineinkommt. Wir haben immer die Möglichkeit, Jesus zu anderen zu holen, die wir in solch einer bedrückenden Lage erleben.

Gott ist zu seinem Volk gekommen, sagen die Leute von Nain. Gott ist in der Welt, er ist nicht fern und uninteressiert. Dein Gebet wird ihn bewegen, und wenn du ihn mitten in so einem Todessog anrufst, dann ändert sich etwas. Vielleicht etwas anderes, als du erwartest und wünschst. Vielleicht etwas, an das du vorher gar nicht gedacht hättest. Aber dass er mitten hineinkommt, das ist das Wichtigste. Stell ihn dir vor, wie er dem Sog der Zerstörung entgegen tritt und sagt: Halt, so nicht! Dafür ist diese Welt nicht gemacht! Diese Menschen gehören mir und ich überlasse sie nicht dem Tod und seinen Mächten. Ich kämpfe für sie. Ich kämpfe für dich. Und er weckt dich aus dem bösen Traum. Er vertreibt die Lähmung.

Wir brauchen gegen den Tod diesen Bundesgenossen. Wenn er dabei ist, dann wirst du durchkommen. Und wenn du Jesus mitbringst, dann werden Menschen auch im dunkelsten Augenblick nicht ohne Licht sein.