Sep 242012
 

Predigt zu Römer 11,1-12 am 23. September 2012
(Predigtreihe Römerbrief 32)

Als wir Anfang September zum letzten Mal auf den Römerbrief hörten, da klang es so, als ob Paulus für sein Volk, die Juden, keine Hoffnung mehr sehen würde. Gott hat seinen Willen in Jesus endgültig offen gelegt, er hat den neuen Weg gezeigt, auf den er schon immer hinaus wollte, aber seine eigenen Leute verschließen sich dagegen. Als Gottes Messias kommt, lehnt Gottes Volk ihn ab. Und Paulus endet mit einem Zitat des Propheten Jesaja, einem Wort Gottes, in dem schon ausgesprochen ist, was auch Paulus so sagen könnte: »den ganzen Tag habe ich meine Hände ausgestreckt nach dem Volk, das sich nichts sagen lässt und widerspricht.«

Und man könnte denken: damit ist alles gesagt, Israel hat sich von seiner eigenen Zukunft abgeschnitten, und Gott geht nun seinen Weg weiter mit den Christen. Und so haben es viele Christen auch immer wieder gedacht: wir sind auf dem richtigen Weg, Israel aber lebt nur noch weiter als ein warnendes Zeichen des Irrtums und des Versagens. Und als Christen später Macht in die Hand bekamen, ist ganz viel Gewalt und Unrecht gewachsen aus diesem Gedanken, dass Israel erledigt und ohne Zukunft sei. Am Ende hat Hitler versucht, das in die Praxis umzusetzen und das jüdische Volk tatsächlich zu vernichten.

Aber dieser Gedanke war von Anfang an falsch und nicht erst an seinem schrecklichen Ende. Genau diesen Gedanken, dass Israel endgültig verstoßen sei, verwirft Paulus mit den allerdeutlichsten Worten:

1 Ich frage also: Hat Gott sein Volk verstoßen? Keineswegs! Denn auch ich bin ein Israelit, ein Nachkomme Abrahams, aus dem Stamm Benjamin. 2 Gott hat sein Volk nicht verstoßen, das er einst erwählt hat. Oder wisst ihr nicht, was die Schrift von Elija berichtet? Elija führte Klage gegen Israel und sagte: 3 Herr, sie haben deine Propheten getötet und deine Altäre zerstört. Ich allein bin übrig geblieben, und nun trachten sie auch mir nach dem Leben. 4 Gott aber antwortete ihm: Ich habe siebentausend Männer für mich übrig gelassen, die ihr Knie nicht vor Baal gebeugt haben. 5 Ebenso gibt es auch in der gegenwärtigen Zeit einen Rest, der aus Gnade erwählt ist – 6 aus Gnade, nicht mehr aufgrund von Werken; sonst wäre die Gnade nicht mehr Gnade.
7 Das bedeutet: Was Israel erstrebt, hat nicht das ganze Volk, sondern nur der erwählte Rest erlangt; die übrigen wurden verstockt, 8 wie es in der Schrift heißt: Gott gab ihnen einen Geist der Betäubung, Augen, die nicht sehen, und Ohren, die nicht hören, bis zum heutigen Tag. 9 Und David sagt: Ihr Opfertisch werde für sie zur Schlinge und zur Falle, zur Ursache des Sturzes und der Bestrafung. 10 Ihre Augen sollen erblinden, sodass sie nichts mehr sehen; ihren Rücken beuge für immer!
11 Nun frage ich: Sind sie etwa gestrauchelt, damit sie zu Fall kommen? Keineswegs! Vielmehr kam durch ihr Versagen das Heil zu den Heiden, um sie selbst eifersüchtig zu machen. 12 Wenn aber schon durch ihr Versagen die Welt und durch ihr Verschulden die Heiden reich werden, dann wird das erst recht geschehen, wenn ganz Israel zum Glauben kommt.

Hat Gott sein Volk verstoßen? Als Paulus diese Frage stellte, ging es ihm um Israel. Aber nach einer langen christlichen Geschichte mit vielen Momenten des Versagens stellt sich uns heute genau dieselbe Frage: könnte es sein, dass Gott endgültig die Hoffnung verloren hat, dass aus seiner Christenheit noch etwas werden könnte, mindestens hier im reichen Westen? Hier, wo die Kirche so oft eng mit der staatlichen Macht zusammengearbeitet hat, wo die Kirche den kleinen Leuten Moral gepredigt hat, aber nicht den Mut hatte, dem Unrecht der Großen entschieden entgegenzutreten? Sieht Gott noch eine Perspektive für eine Kirche, die sich vor allem um ihr eigenes Überleben sorgt und so ausgewogene Worte von sich gibt, das niemand ihr wirklich böse sein kann?

Erst in dieser Zuspitzung bekommt die Frage von Paulus eine Bedeutung auch für uns heute: hat Gott sein Volk verstoßen?

Paulus antwortet darauf wieder mit einer Geschichte aus der Bibel, aus dem Alten Testament. Der große Prophet Elia war eines Tages am Ende, und Paulus hat sich vielleicht manchmal in dieser Geschichte wiedergefunden. Elia hatte einen entscheidenden Sieg über die Priester des heidnischen Gottes Baal errungen; der Baalsglaube war in Israel so gut wie erledigt. Aber es gab noch die heidnische Königin Isebel, und die ließ Elia ausrichten: »das wirst du mit deinem Leben bezahlen.« Die Mächte der Verwirrung und Zerstörung geben nicht so schnell auf.

Und diese Drohung war zu viel für Elia; sie war der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Er hatte alle seine Kraft in die Auseinandersetzung mit den Baalspriestern gesteckt; er hatte gewonnen; aber jetzt hatte er keine Reserven mehr, er hatte der Drohung der Königin nichts mehr entgegenzusetzen, er nahm sie ernster, als er es vielleicht hätte tun müssen. Kurz nach seinem großen Sieg gab er auf. Er zeigte alle Anzeichen einer schweren Depression. Er wandte sich an Gott und sagte: Ich kann nicht mehr. Es ist zu viel für mich. »Herr, sie haben deine Propheten getötet und deine Altäre zerstört. Ich allein bin übrig geblieben, und nun trachten sie auch mir nach dem Leben.«

»Ich bin allein«. Das hätte wohl auch Paulus sagen können. Er hat einen großen Sieg für Gottes Sache errungen: er hat das Evangelium zu den heidnischen Völkern der antiken Welt gebracht, zu den Griechen und sogar zu den unterdrückerischen Römern, er hat für Israel endlich Verbündete unter den Heiden gewonnen, jetzt sind sie nicht mehr allein in der Welt mit ihrem Wissen um den gerechten, befreienden Gott. Und was macht die Mehrheit seines Volkes? Sie behindern ihn, wo sie können, und haben ihm mehr als einmal nach dem Leben getrachtet. Auch Paulus könnte sich fragen: was hat das alles für einen Sinn, wenn Gott es noch nicht einmal schafft, sein eigenes Volk zu überzeugen?

Aber Paulus hat aus dieser Geschichte von Elia gelernt. Dazu werden solche Geschichten ja aufgeschrieben, damit man sich in Gottes Volk nicht immer wieder in die gleichen Sackgassen verrennt. Paulus hat die Antwort Gottes an Elia studiert und hat von ihr aus gedacht. Er hat sich davon sogar seine Emotionen formen lassen, und das bewahrt ihn vor der Depression. Die Antwort Gottes an den entmutigten Elia lautete: »Ich habe siebentausend Männer für mich übrig gelassen, die ihr Knie nicht vor Baal gebeugt haben.«

Gott sagt zu Elia, zu Paulus und zu jedem, der sich um Gottes Sache in der Welt Sorgen macht: konzentrier dich nicht auf all die, die auf dem falschen Weg sind, die Gott verraten haben oder gleichgültig daneben stehen. Gott schaut auf die, die den Mächten widerstehen, die sich nicht beugen vor den Gewalten, die sich in dieser Welt austoben. Gott schaut auf die siebentausend, die in aller Verwirrung klar und eindeutig bleiben. Und du solltest es auch tun.

Gerade wir mit unserer volkskirchlichen Tradition haben immer irgendwie das Gefühl, bei uns müssten doch alle dabei sein. Aber das ist eine ganz zerstörerische und lähmende Erwartung. Sie ist nicht nur unrealistisch, sondern auch unbiblisch. Diesseits des Himmels werden wir nie die 100 Prozent erreichen. Und wenn wir trotzdem heimlich auf die 100 Prozent schielen, werden wir immer nur Frustration ernten. Stattdessen sollten wir lieber mit Gott und Paulus froh darüber sein, dass da trotz allem überhaupt Menschen sind, die sich dem Druck der großen Mächte entziehen und es schaffen, frei zu bleiben.

Paulus sagt: das ist Gottes Gnade. Wer sich bei den 7000 findet, der denkt nicht: das habe ich toll hingekriegt! Sondern er fragt sich: womit habe ausgerechnet ich das verdient, dass ich klar bleibe, während so viele andere sich verrennen? Wieso hat Gott es ausgerechnet in meinem Leben so gefügt, dass ich seine Stimme höre und verstehe und ihr treu geblieben bin? Wenn ich zurückschaue – in manchen Wendungen meines Lebens hätte gar nicht viel gefehlt, und es wäre ganz anders gekommen. Ich habe das wirklich nicht so geplant, ich habe gar nicht die Übersicht dafür, sondern das war Gottes Gnade.

Und so sagt Paulus: Ich bin doch auch einer aus dem Volk Israel. Und durch Gottes Gnade bin ich und sind auch eine Menge anderer Juden den Weg Jesu mitgegangen, wenn auch nicht die Mehrheit. Und so lange Gott mit seiner Gnade so unter seinem Volk arbeitet, so lange hat er es nicht aufgegeben. Eigentlich war es schon immer so, dass auch in Gottes real existierendem Volk nur eine Minderheit wirklich an ihm festgehalten hat. Aber das hat Gott genügt. Er hat auch mit dieser Minderheit die Welt bewegt. Die Mehrheit sogar im Gottesvolk war blind und stur und unbelehrbar. Und Paulus zitiert zum soundsovielten Mal das Alte Testament, wo sich genügend Klagen über Verblendung und Ignoranz im Volk Gottes finden. Es war schon immer nur eine Minderheit, ein »Rest«, der Gott treu war, und so ist es geblieben.

Das ist nun einerseits beruhigend, wenn man sich klar macht, dass es früher auch nicht besser war als heute. Auf der andern Seite stellt sich dann aber die Frage: wenn es schon immer so war – was ist der Sinn dabei? Gott hat die ganze Menschheit im Blick, das sagt auch die Bibel – warum scheint er aber immer nur mit einer Minderheit zu arbeiten? Diese Frage ist noch offen. Und deswegen ist Paulus mit seiner Antwort auch noch nicht zu Ende.

Gott, so sieht es Paulus, denkt um die Ecke herum. Er ist wie ein Schachspieler, der nicht nur seine eigenen Züge weit im Voraus denkt, sondern auch die künftigen Spielzüge seines Gegners mit einrechnet. Oder man könnte auch sagen: Gott macht es wie beim Judo, wo es darum geht, die Energie des Angreifers umzulenken und zu nutzen. Gott arbeitet zwar am besten mit klaren, gerechten Menschen zusammen, aber er kann auch die destruktive Energie der Menschen für seine Ziele nutzen, ihren Streit, ihre Eifersucht und ihre Blindheit zum Beispiel.

Indem Gott die Menschheit aufspaltet in sein Volk und die Heidenvölker, und dann noch einmal auch in sein Volk eine Trennung bringt zwischen der verstockten Mehrheit und dem Rest, bringt er eine ungeheure Dynamik in die Weltgeschichte. Die Schutzmauer, mit der sich die Welt gegen Gott abschottet, wird von innen heraus erschüttert und bekommt Risse. Und da wirken nicht nur edle Beweggründe, sondern auch ganz fragwürdige Motive wie Neid und Hass.

Wir brauchen uns nur mal daran erinnern, wie es nach dem Tod und der Auferstehung Jesu in Jerusalem weiterging: die ersten Christen waren eigentlich ganz beliebt, die Gemeinde wuchs, alle waren zufrieden. Aber dann kamen ein paar Scharfmacher und sagten: was die machen, das geht doch nicht. Das ist Gotteslästerung! Paulus selbst gehörte damals zu den Scharfmachern, die aus Hass und Neid heraus die friedliche Jesusgemeinde verfolgten. Und was war das Ergebnis? Die Jesusleute mussten ins Ausland fliehen, aber damit brachten sie das Evangelium über die Grenzen Israels hinaus zu den Heiden. In diesem Fall hat die Feuerwehr dazu beigetragen, dass der Brand erst richtig losging. Ohne Scharfmacher wie den jungen Paulus wären die Christen in Jerusalem geblieben und hätten sich gefreut, was für eine schöne Gemeinde sie hatten. Aber Gott hat ihnen durch die Verfolgung einen Tritt gegeben, damit sie sich bewegen und ihren Auftrag entdecken. Und am Ende hat er sogar noch Paulus umgedreht, ihm die Augen für Jesus geöffnet und ausgerechnet durch ihn mehr Nichtjuden erreicht als durch alle anderen.

Das ist der Erfahrungshintergrund, von dem her Paulus über den Weg Gottes mit der Welt und mit seinem Volk nachdenkt. Wenn Gott schon mit einem ungehorsamen und widerspenstigen Volk so viel erreichen kann, was wird er dann noch alles erreichen können, wenn sein Volk einmal anfängt, als Ganzes auf ihn zu hören?

Und Paulus hofft: wenn Israel erst realisiert, dass es jetzt überall unter den Feinden Israels Anhänger von Israels Gott gibt, wenn sogar bei den unterdrückerischen Nationen Gemeinden leben, die alle Formen von Gewalt zurückweisen, dann wird Israel eines Tages gar nicht mehr anders können, als zu erkennen, dass hier Gott am Werk ist und sein altes Versprechen wahr macht, dass er nämlich die ganze Welt durch Abraham und sein Volk segnen will.

Das ist der Grund, weshalb Paulus Hoffnung hat für Israel und dann sicher auch für eine Christenheit, die immer wieder davor zurückgewichen ist, den zerstörerischen Mächten zu widerstehen: so lange Gott in seiner Gnade dafür sorgt, dass es da noch einen klaren Rest gibt, eine mutige und zuversichtliche Minderheit, so lange hat Gott die Hoffnung noch nicht aufgegeben. Und dann sollten wir es auch nicht tun. Der Weg ist wahrscheinlich viel länger, als Paulus damals gedacht hat, aber die Logik dahinter bleibt:

Gott kann sein Ziel auch durch menschliche Irrungen und Wirrungen hindurch verfolgen, wenn es nur genug Menschen gibt, die er in seiner Gnade auf seiner Seite festhält.

Sep 102012
 

Predigt zu 1. Mose 28,10-19a am 9. September 2012

10 Aber Jakob zog aus von Beerscheba und machte sich auf den Weg nach Haran 11 und kam an eine Stätte, da blieb er über Nacht, denn die Sonne war untergegangen. Und er nahm einen Stein von der Stätte und legte ihn zu seinen Häupten und legte sich an der Stätte schlafen.
12 Und ihm träumte, und siehe, eine Leiter stand auf Erden, die rührte mit der Spitze an den Himmel, und siehe, die Engel Gottes stiegen daran auf und nieder. 13 Und der HERR stand oben darauf und sprach: Ich bin der HERR, der Gott deines Vaters Abraham, und Isaaks Gott; das Land, darauf du liegst, will ich dir und deinen Nachkommen geben. 14 Und dein Geschlecht soll werden wie der Staub auf Erden, und du sollst ausgebreitet werden gegen Westen und Osten, Norden und Süden, und durch dich und deine Nachkommen sollen alle Geschlechter auf Erden gesegnet werden. 15 Und siehe, ich bin mit dir und will dich behüten, wo du hinziehst, und will dich wieder herbringen in dies Land. Denn ich will dich nicht verlassen, bis ich alles tue, was ich dir zugesagt habe.
16 Als nun Jakob von seinem Schlaf aufwachte, sprach er: Fürwahr, der HERR ist an dieser Stätte, und ich wusste es nicht! 17 Und er fürchtete sich und sprach: Wie heilig ist diese Stätte! Hier ist nichts anderes als Gottes Haus, und hier ist die Pforte des Himmels. 18 Und Jakob stand früh am Morgen auf und nahm den Stein, den er zu seinen Häupten gelegt hatte, und richtete ihn auf zu einem Steinmal und goss Öl oben darauf 19 und nannte die Stätte Bethel.

Ein bisschen erinnert diese Geschichte an ein Stargate, also so ein Ding aus Science-Fiction-Filmen, ein Tor, durch das man ganz einfach zu fernen Planeten gelangt oder sogar in ein Paralleluniversum. Diese Geschichte ist sozusagen die frühere Fassung, bei uns sind solche Stargates meist runde, schillernde Kreise im Raum, damals hat Jakob so eine Art Damm gesehen, der bis in den Himmel aufgeschüttet war – das war damals die aktuellste Technologie, mit der man sich so etwas vorstellen konnte.

Der andere Unterschied ist, dass Jakob selbst nicht durch dies Stargate geht, sondern er sieht nur, wie die Engel Gottes auf dieser Rampe rauf und runter gehen. Und das heißt, diese Rampe ist nicht das Tor zu anderen Planeten, sondern da gibt es eine Verbindung zur verborgenen Welt Gottes. Jakob nennt es die »Pforte des Himmels«. Und er kriegt einen Schrecken und sagt: da habe ich mich doch, ohne es zu wissen, genau dort schlafen gelegt, wo sich Himmel und Erde berühren, wo sie sich so überschneiden, dass etwas von der einen Sphäre hinüberkommen kann in die andere, und das sind die Engel, die mit Aufträgen Gottes in unsere Welt kommen.

Dieses Konzept von Himmel und Erde ist wichtig, wenn wir die Bibel und den christlichen Glauben verstehen wollen. Als Gott die Welt schuf, da schuf er »Himmel und Erde«. Das heißt, die Welt besteht aus zwei Sphären, von der wir bisher nur die eine wirklich kennen, nämlich die Erde. Die andere Sphäre, der Himmel, Gottes unsichtbare Welt, ist uns noch weitgehend verborgen. Aber manchmal kommt etwas von dort zu uns, und es gibt sogar drei geheimnisvolle Geschichten von Menschen, die möglicherweise am Ende ihres Lebens direkt in den Himmel aufgenommen wurden, ohne zu sterben, nämlich Henoch, Mose und Elia. Aber keiner weiß, wie das geht, und selbst in der Bibel wird das nur vorsichtig angedeutet.

Aber in der Geschichte von der Verklärung Jesu auf dem Berg (auch das wieder eine Geschichte von so einem geheimnisvollen Stargate, wo der Glanz des Himmels auf Jesus fällt), da begegnet er zweien von diesen dreien, nämlich Mose und Elia, und das heißt, er redet mit Menschen, die auf der verborgenen Seite der Welt leben und nun wie die Engel für einen Augenblick in unsere Welt kommen, um Jesus etwas Wichtiges zu sagen.

Zurück zu dem Konzept von Himmel und Erde, der Vorstellung von der verborgenen Welt Gottes. Bei uns hat sich in der Neuzeit, also in den letzten 200 – 300 Jahren eine andere Vorstellung durchgesetzt, nämlich die Vorstellung einer einzigen, einheitlichen Welt, die wir mit unseren Sinnen erfassen und wissenschaftlich erforschen können. Da ist nichts verborgen, hat man gesagt, wir haben es nur noch nicht erforscht. Und dieses Konzept hat all die gewaltigen Errungenschaften der modernen Naturwissenschaft und Technik ermöglicht. Es hat so beeindruckend funktioniert, dass den meisten Menschen gar nicht der Denkfehler dabei aufgefallen ist.

Der Denkfehler dabei ist folgender: auch wenn man die Erde so gründlich wie möglich erforscht, sagt das natürlich überhaupt nichts darüber, ob es noch eine Realität jenseits der Erde gibt. Natürlich kann jemand sagen: ich glaube nicht, dass es so etwas wie einen Himmel gibt; aber das ist dann seine Meinung und keine wissenschaftliche Tatsache – eben deshalb, weil die Wissenschaft nur die Erde erforscht. Und selbst bei der Erforschung der Erde hat man es noch nicht geschafft, eine wirklich abgeschlossene Theorie zu entwickeln, wo alles abschließend schlüssig erklärt ist. Bis jetzt hat die Welt auch für die Wissenschaft immer noch eine geheimnisvolle, verborgene Seite, auch wenn uns immer wieder gesagt wird, dass es nur noch eine Frage der Zeit sei, bis auch die letzten Geheimnisse gelöst sind. Aber dieser Endtermin musste bisher noch wesentlich öfter nach hinten verschoben werden als die Eröffnung des neuen Berliner Flughafens.

Leider hat es auch immer wieder Theologen gegeben, die sich von der Wucht des naturwissenschaftlich-technischen Impulses haben mitreißen lassen, statt ihn freundlich und kritisch zu durchdenken. »Ich kann nicht Radio hören und mein Handy benutzen und gleichzeitig an Wunder glauben oder die Dämonen in der Bibel ernst nehmen« haben sie gesagt. In Wirklichkeit sagt das Radio und das Handy gar nichts über die Realität von Wundern und Dämonen. Die spielen einfach in einer anderen Liga. Es ist eher eine merkwürdige Ironie, die ich noch nicht wirklich verstehe, dass ausgerechnet durch Computerspiele heute täglich Millionen von Menschen damit beschäftigt sind, Monster zu besiegen, Untote zu crashen und mit Zaubersprüchen Dämonen vom Bildschirm zu fegen. Die Moderne ist auch nicht mehr das, was sie mal war, sie hat den Sturm und Drang ihrer Jugend hinter sich, sie fängt an, altersweise zu werden, und das ist ja auch eine Chance, neu ins Gespräch zu kommen.

Aber was die Theologen angeht: wenn man versucht, die Bibel von vornherein nur im Rahmen eines einheitlichen Weltbildes zu verstehen, in dem es keinen verborgenen Raum mehr gibt, nicht den Himmel und auch nicht mehr diese strategischen Momente, wo es zu einer Begegnung von Himmel und Erde kommt – wenn man das alles übersehen will, dann bleibt von der Bibel nur noch ein verstümmelter Rest, und der ist dann auch noch ziemlich unverständlich. Genau genommen können wir noch nicht einmal das Vaterunser im Rahmen eines einheitlichen Weltbildes verstehen, weil es dort ja auch heißt: dein Wille geschehe »wie im Himmel, so auf Erden«.

Und auch eine Geschichte wie diese Gottesbegegnung, die Jakob erlebt hat, die fällt dann in die Schublade »Geschichten aus der Zeit, als die Menschen noch nicht so schlau und aufgeklärt waren wie wir heute«. Stattdessen könnte man davon lernen, dass es nicht um ein physikalisches Parallel­universum geht. Sondern der Himmel ist die Sphäre Gottes, und in ihr geschieht Gottes Wille jetzt schon, im Gegensatz zur Erde, in der wir leben, und wo Gottes Wille viel zu oft mit Füßen getreten wird. Vom Himmel aus sendet Gott Impulse des Segens in diese Welt hinein. So etwa das Versprechen an den Flüchtling Jakob, dass er ihn behüten und ihn wieder in seine Heimat zurückbringen wird.

Denn Jakob ist ein heimatloser Flüchtling, der seinen Bruder Esau betrogen hat und jetzt vor seinem Bruder fliehen muss – große Brüder können grausam sein. Kleine Schwestern übrigens auch. Man sollte beide nicht reizen.

Auf jeden Fall ist Jakob in einer Lage, wo man aufmerksam wird für solche verborgenen Berührungen von Himmel und Erde. Solange alles in gewohnten Bahnen läuft, solange wir ein Dach über dem Kopf haben, genug zu essen und Menschen, zu denen wir gehören, so lange sind wir an Geheimnissen nur mäßig interessiert. Jakob hat aber all das verloren, und das macht ihn sensibel für solche verborgenen, geistlichen Realitäten. Und so hört er das Versprechen Gottes, dass er mit ihm sein will. Und dass er sogar zum Segen für die ganze Menschheit werden soll, so wie Gott es schon seinem Großvater Abraham versprochen hat.

Wenn wir in Übergangssituationen sind, in Zeiten der Unsicherheit, dann werden wir offen für die Orte, wo sich die verborgene Welt und unsere Welt berühren. Man könnte sagen: es sind heilige Orte. Im Englischen gibt es dafür die Bezeichnung »Thin places«, wörtlich: dünne, durchlässige Orte, Stellen, wo die Trennwand zwischen den Welten nur sehr dünn ist. Bethel, das »Haus Gottes«, wie Jakob den Ort nennt, war so eine Stelle. Der Zionsberg in Jerusalem eine andere.

Und meistens geht es dann so wie bei Jakob: irgendwer entdeckt, dass es da einen dünnen Ort gibt, und markiert ihn mit einem aufgerichteten Findling, dann kommen andere da hin und wollen es auch wissen, und am Ende baut man einen Tempel oder ein Heiligtum an die Stelle, mit Priestern, Wallfahrten und Andenkenläden, und das verdirbt dann alles. Da geht es dann so laut und menschlich zu, dass die Engel einen großen Bogen um diesen Ort machen.

Es gibt aber noch einen anderen Grund, weshalb diese Vorstellung von den besonderen, heiligen Orten in der Neuzeit nicht auf der Höhe der Zeit war und deshalb so leicht von der modernen Sicht verdrängt worden konnte; deshalb muss sie verändert werden. Dieser Grund ist Jesus. Wir haben vorhin in der Evangelienlesung die Geschichte gehört, wo er sagt (Johannes 1,51): »Ihr werdet erleben, dass der Himmel offen steht und die Engel Gottes von dem Menschensohn hinauf und zu ihm herunter steigen.« Das bedeutet: es geht jetzt nicht mehr um geografische Orte, sondern um Personen. Jesus ist nun dieser Ort, wo sich Himmel und Erde berühren.

Und da merkt man deutlich: der Himmel ist nicht in erster Linie ein räumliches Jenseits, er ist kein Paralleluniversum. Sondern er ist ein Herrschaftsbereich, in dem es anders zugeht. Wenn schon, dann ist er ein Alternativuniversum. Da wird anders gelebt, weil dort Gottes Wille schon geschieht. Und Jesus bringt diese himmlische Alternative auf die Erde, in unsere Welt hinein, die diese göttlichen Impulse so nötig braucht. Jesus hat keinen Tempel mit Ritualen, Priestern und Liturgien hinterlassen, sondern eine Gemeinde, die sich um einen Tisch zum Abendmahl versammelt und wo schon etwas sichtbar wird von der verborgenen Welt Gottes, von der neuen Menschheit, die aus dem Segen Gottes lebt. Und das kann überall sein, auch an ganz unheiligen Plätzen, in Slums, in Gefängnissen und Lagern, im Hinterzimmer einer Kneipe.

Nicht diese Orte sind heilig, sondern wenn sich dort eine Gemeinde im Namen Jesu versammelt, dann wird auch aus einem heruntergekommenen Lokal ein heiliger Ort. Wenn wir uns hier im Namen Jesu treffen, dann wird aus einer Stätte voller Schäbigkeit und Kaputtheit heiliger Boden. Ein durchlässiger Ort, wo Gott zu finden ist und Menschen gesund werden an Leib und Seele.

Es ist eine offensive Heiligkeit, die losgeht, um mit den Kräften des Himmels die Welt zu erobern. Sie ist nicht mehr an geografische Orte gebunden, sondern an Menschen, die wissen, wie man ein Stück Welt zu einem heiligen Ort macht.

In der Bibel ist die Grundrichtung vom Himmel zur Erde. Es gibt Ausnahmen: Mose, Elia und Henoch sind lebend in den Himmel aufgenommen worden, und dort haben auch die verstorbenen Menschen vorübergehend ihren Platz. Sie warten dort die Zeit ab, bis die Trennung zwischen Himmel und Erde aufgehoben wird, weil dann auch auf der Erde Gottes Wille geschieht.

Denn es gibt nicht eine begrenzte Anzahl von wenigen heiligen Orten, nein, es soll so viele wie möglich geben. Und am Ende soll die ganze Erde ein heiliger Ort sein, und dann ist es nicht mehr nötig, die Trennung aufrecht zu erhalten. Dann kommt das neue Jerusalem vom Himmel herab auf die Erde, und Gott wird unter den Menschen wohnen. Der Himmel erobert die Erde, und Jesus ist der Brückenkopf gewesen.

Bis dahin machen wir immer wieder Vorstöße in das noch nicht befreite Gebiet: damit Menschen merken, dass Gott überall ganz nahe ist, damit sie sagen: der Herr war hier, und ich habe es vorher nicht gewusst. Aber jetzt weiß ich, dass das Reich Gottes nahe herbei gekommen ist, es ist überall in Reichweite, und jetzt möchte ich auch so ein Mensch werden, der diese Tür aufmachen kann, für mich und für andere.

Sep 032012
 

Predigt zu Römer 10,4-21 am 2. September 2012
(Predigtreihe Römerbrief 31)

4 Christus ist das Ziel des Gesetzes; wer an den glaubt, der ist gerecht. 5 Mose nämlich schreibt von der Gerechtigkeit, die aus dem Gesetz kommt (3.Mose 18,5): »Der Mensch, der das tut, wird dadurch leben.« 6 Aber die Gerechtigkeit aus dem Glauben spricht so (5.Mose 30,11-14): »Sprich nicht in deinem Herzen: Wer will hinauf gen Himmel fahren?« – nämlich um Christus herabzuholen -, 7 oder: »Wer will hinab in die Tiefe fahren?« – nämlich um Christus von den Toten heraufzuholen -, 8 sondern was sagt sie? »Das Wort ist dir nahe, in deinem Munde und in deinem Herzen.« Dies ist das Wort vom Glauben, das wir verkündigen. 9 Denn wenn du mit deinem Munde bekennst, dass Jesus der Herr ist, und in deinem Herzen glaubst, dass ihn Gott von den Toten auferweckt hat, so wirst du gerettet. 10 Denn wenn man von Herzen glaubt, so wird man gerecht; und wenn man mit dem Munde bekennt, so wird man gerettet. 11 Denn die Schrift spricht (Jesaja 28,16): »Wer an ihn glaubt, wird nicht zuschanden werden.« 12 Es ist hier kein Unterschied zwischen Juden und Griechen; es ist über alle derselbe Herr, reich für alle, die ihn anrufen. 13 Denn »wer den Namen des Herrn anrufen wird, soll gerettet werden« (Joel 3,5).
14 Wie sollen sie aber den anrufen, an den sie nicht glauben? Wie sollen sie aber an den glauben, von dem sie nichts gehört haben? Wie sollen sie aber hören ohne einen, der die Botschaft verkündet? 15 Wie sollen sie aber verkündigen, wenn sie nicht gesandt werden? Wie denn geschrieben steht (Jesaja 52,7): »Wie lieblich sind die Füße der Freudenboten, die das Gute verkündigen!« 16 Aber nicht alle sind dem Evangelium gehorsam. Denn Jesaja spricht (Jesaja 53,1): »Herr, wer glaubt unserer Botschaft?« 17 So kommt der Glaube aus der Botschaft, die Botschaft aber durch das Wort Christi.
18 Ich frage aber: Haben sie es nicht gehört? Doch, es ist ja »in alle Lande ausgegangen ihr Schall und ihr Wort bis an die Enden der Welt« (Psalm 19,5).
19 Ich frage aber: Hat es Israel nicht verstanden? Als Erster spricht Mose (5.Mose 32,21): »Ich will euch eifersüchtig machen auf ein Nicht-Volk; und über ein unverständiges Volk will ich euch zornig machen.« 20 Jesaja aber wagt zu sagen (Jesaja 65,1): »Ich ließ mich finden von denen, die mich nicht suchten, und erschien denen, die nicht nach mir fragten.« 21 Zu Israel aber spricht er (Jesaja 65,2): »Den ganzen Tag habe ich meine Hände ausgestreckt nach dem Volk, das sich nichts sagen lässt und widerspricht.«

Manchmal schreiben wir unsere Vergangenheit um. Wenn z.B. ein Paar nach vielen Jahren noch einmal alte Fotos anschaut, vielleicht von dem Ort, wo sie sich zuerst kennengelernt haben, oder wo sie gemeinsam Urlaub gemacht haben, oder von den Häusern, wo sie früher mal gewohnt haben, da kann es sein, dass die Vergangenheit auf einmal ganz anders aussieht.

Vielleicht sagt einer zum andern: da haben wir doch zusammen im Sandkasten gespielt, und da mochte ich dich eigentlich auch schon. Aber der andere sagt: ich fand dich damals immer ziemlich gemein, wenn du den anderen ihre Sandkuchen kaputt gemacht hast. Und wenn es dumm kommt, dann fährt er fort: und so bist du heute immer noch. Du bist ein ein Kaputtmacher geblieben, und das gefällt mir an dir gar nicht! Und daraus können sich dann sehr unangenehme Diskussionen entwickeln.

Aber so muss es ja nicht kommen. Vielleicht könnte ja auch einer sagen: weißt du noch, der schreckliche Urlaub, wo es nur geregnet hat, und wir waren auch noch in diesem langweiligen Kaff? Und vielleicht ist dann die Antwort: ich fand es aber toll von dir, wie dir trotzdem jeden Tag etwas eingefallen ist, was wir machen konnten – ich habe damals erst gemerkt, wieviel gute Ideen du immer hast. Und auf einmal merken beide, wie sehr tatsächlich ihre Gemeinschaft schon immer von den guten Ideen des einen bereichert worden ist.

So ist unsere Vergangenheit nicht abgeschlossen und fertig, sondern im Lauf der Zeit entdecken wir darin neue Zusammenhänge und Muster, wir werten vieles anders, und der Anlass dazu ist meistens irgendeine Veränderung in der Gegenwart. Auch ganze Völker tun das: sie sehen ihre Vergangenheit im Licht der Gegenwart und entdecken Neues, was man vorher noch nie so gesehen hatte.

So macht das auch Paulus hier mit der Geschichte Israels. Deswegen zitiert er in diesem Kapitel so oft das Alte Testament. Er denkt von Jesus Christus her und liest jetzt seine Bibel völlig anders als vorher. Im vierten Kapitel des Briefes hat er hinter die Gesetzgebung vom Sinai zurückgegriffen auf Abraham und hat gesagt: unsere zentrale Urerfahrung ist Abrahams Aufbruch in das neue Land, wie Gott ihn aus allen Bindungen herausrief, damit er sich mit Gott allein auf den Weg machte – und Abraham hörte den Ruf, er glaubte Gott und gehorchte ihm. Merkt ihr? Bei Abraham ist schon etwas aufgeleuchtet von der Art, wie Jesus war.

Und jetzt schaut Paulus noch einmal auf die Gesetzgebung vom Sinai unter Mose und sagt: die war nicht falsch, da ist viel Gutes und Richtiges drin, aber ihr Ziel war es, uns so lange zu leiten, bis der Messias kommt, und jetzt, wo wir den Messias Jesus kennen, können wir das alles tiefer und besser verstehen.

Und dann zitiert er einen Vers aus dem 5. Buch Mose, Kapitel 30. Da ist die Rede davon, wie Israel nach einer Zeit der Zerstreuung und des Unglücks wieder zu Gott umkehrt und er es neu segnen wird. Viele Juden empfanden es damals so, als ob sie immer noch in dieser Unglückszeit lebten, die schon bei Mose angekündigt war. Aber in 5. Mose 30 lasen sie davon, dass diese Zeit der Zerstreuung und des Unglücks einmal zu Ende gehen würde. Dann, so heißt es bei Mose, würde sich Israel wieder zu Gott wenden, und das sei dann ganz einfach, weil Gottes Gebot dann ganz nahe sei, im Mund und im Herzen der Menschen.

Diese Stelle nimmt Paulus und sagt: jetzt, nachdem wir den Messias Jesus kennen, jetzt können wir diese Stelle richtig verstehen. Damit ist der Glaube gemeint, von dem wir reden. Der Glaube ist nichts Fernes und Fremdes, man muss ihn nicht erst irgendwo her holen, man muss ihn nicht mühsam irgendwie aktualisieren, sondern er wohnt in deinem Mund und in deinem Herzen. Wenn dich die Überzeugung erfüllt, dass Jesus auferstanden ist und der wahre Herr der Welt ist – das hat man damals laut ausgesprochen, wenn man getauft wurde –, dann bist du auf der richtigen Seite, dann ist für dich diese Zeit des Unglücks und der Depression zu Ende, du hast zurückgefunden aus der Zerstreuung zu einem gesegneten Leben.

Wenn wir das heute lesen, dann stehen wir vielleicht etwas ratlos davor und fragen uns: einfach dadurch, dass jemand sagt »Jesus ist Herr« soll sich sein Leben schon ins Positive drehen? Einfach, indem man die richtige Formel spricht, und sei es bei der Taufe?

Das ist für uns heute schwer zu verstehen, weil wir die Brisanz kaum nachfühlen können, die damals in dem Satz »Jesus ist Herr« gesteckt hat. »Herr« war der Titel des römischen Kaisers. Der war der Herr der Welt. Und wer erklärte »Jesus ist Herr«, der kündigte dem Kaiser und seinem System die Loyalität auf. Die Entscheidung für Jesus in der Taufe war die Entscheidung zur Fundamentalopposition. Aber keine Opposition von chronischen Nörglern oder von Leuten, die mit 35 noch in der Pubertät stecken, sondern eine tiefverwurzelte Überzeugung: mit diesem mörderischen System habe ich nichts mehr zu tun. Selbst noch meine Opposition gegen das System bedient sich nicht der Mittel des Systems, ich mache das nicht militärisch, ich werde kein Terrorist wie die Römer (die die unterworfenen Völker terrorisierten), sondern ich gehe den Weg Jesu. Der ist die einzige echte Alternative zu dieser korrupten, gewalttätigen Welt. Der Weg Jesu, wie er z.B. in der Bergpredigt zusammengefasst ist, der ist tatsächlich so anders, dass von da aus dieser ganze Bau zerlegt werden kann.

Wenn also für dich die Zeit des Unglücks und der Depression zu Ende gehen soll, wenn du hineinkommen willst in den Segen, den Gott schon durch Mose verheißen hat, dann musst du dich mit Jesus außerhalb des ganzen Systems stellen, du musst raus aus dem Verblendungszusammenhang, in dem die anderen alle drinstecken, du musst die Verbindungen kappen, die dich mit den Herren dieser Welt verbinden, mit ihren Krisen, Kriegen und Neurosen, du musst ihre Seilschaften verlassen und ihre Propaganda abschalten und musst stattdessen dein Herz und deinen Mund von Jesus erfüllen lassen. Denn man kann nicht einfach für gar nichts sein, nicht einfach nur dagegen sein. So eine radikale Opposition kann man nur durchhalten, wenn man etwas Besseres hat, wofür man ist. Etwas, von dem man so erfüllt ist, dass man noch nicht einmal mehr negativ auf das alte System fixiert ist.

Wenn der Segen zu dir kommen soll, dann musst du den Herren dieser Welt die Loyalität kündigen.

Und aus dieser Sicht ist dann Religion nicht mehr wichtig. Das Zentrum Israels war ja in der Zeit vor Jesus der Tempel. Die Fundamentalopposition Gottes gegen die Tyrannen dieser Welt trug dort eine Zeit lang ein religiöses Gewand. Das ging damals nicht anders, die Menschen waren noch nicht so weit, sie konnten Gott nur verstehen, wenn er sich religiöser Symbole bediente, und deshalb hat er es getan. Auch all die religiösen Bräuche, Opfer, Beschneidung, Speisegebote, all das, was uns aus heutiger Sicht irgendwie merkwürdig und willkürlich erscheint, das hatte die Funktion, darauf hinzuweisen, dass es hier um etwas ganz anderes geht, das noch nicht da ist. Die religiösen Unterscheidungen waren ein Platzhalter für die grundlegende Alternative, die es noch nicht gab und die erst kommen sollte.

In dem Moment aber, wo mit Jesus diese grundlegende Alternative da ist, da werden die religiösen Traditionen unwichtig. Da ist nur noch wichtig, ob man »glaubt«, also: ob man den alternativen Weg Jesu mitgeht oder nicht. Und die einen entdecken dann in Jesus den eigentlichen Sinn ihrer religiösen Traditionen, und die anderen finden ohne religiöse Vorbildung zur Logik Jesu. Egal. Jeder, der den Namen des Herrn anruft (und es geht eben, wie beschrieben, nicht einfach um die korrekte theologische Formel), wird gerettet.

Das Problem sind nur diejenigen, die an der religiösen Tradition festhalten, ohne den neuen Weg mit zu gehen. Das gibt es ja oft genug, dass Religion sich mit den Herren dieser Welt verbündet und den schlechten Verhältnissen einen Heiligenschein aufsetzt. Die ganzen heidnischen Religionen im römischen Imperium machten es so: sie verehrten den Kaiser, sie sagten Ja zu seinem System, und dann machten sie jeweils ihr spezielles Ding je nach Gusto. Die Juden weigerten sich als einzige beharrlich, den Kaiser zu verehren, aber irgendwie hatten auch sie schließlich ihren Platz im System gefunden, auch wenn der immer wacklig blieb. Und genau so hat es in der Christenheit dieses Bündnis von Thron und Altar gegeben, wo man Hand in Hand gearbeitet und der Sache Jesu so riesigen Schaden zugefügt hat.

Und in der Auseinandersetzung mit diesen – wie wir es heute nennen würden – religiösen Traditionalisten geht Paulus alle Entschuldigungsmöglichkeiten durch: haben sie es vielleicht noch gar nicht gehört? Nein, sagt Paulus, Gott hat doch eine ganze Bewegung ins Leben gerufen, um Jesus überall als Alternative verfügbar zu machen. Ich selbst bin doch Teil dieser Bewegung. Es braucht keinen Tempel und keine Priester mehr, nur Menschen, die weitersagen, dass Gottes Alternative jetzt in der Welt ist.

Nein, an Unwissenheit kann es nicht liegen. Es ist etwas anderes. Schon die alten Propheten hatten ihre Mühe mit dem Widerstand gegen Gott, der sich mitten im Volk Gottes festgesetzt hat. Jesaja klagt über ein Volk, dass sich mit frommen Worten gegen Gott abschirmt. Und schon in seinen Worten liest Paulus etwas davon, dass Gott sich dann stattdessen anderen zuwendet, um sein eigenes Volk zurückzuholen zu seiner Berufung.

Um das in unsere Zeit zu übersetzen: es erinnert daran, wie sich die Kirchen im 19. Jahrhundert bei uns zum allergrößten Teil nicht um die Arbeiter gekümmert haben. Die Arbeiter lebten damals unter entsetzlichen Bedingungen, es gab ein massenhaftes Elend, aber wenn sie dagegen protestierten, dann hatten sie ausgerechnet die Kirchen gegen sich, die sagten: keinen Aufstand gegen die von Gott eingesetzte Obrigkeit! Dafür kamen dann die Sozialdemokraten und sorgten dafür, dass es den Arbeitern langsam besser ging. Und weil sie in der Stunde der Not nur sehr wenig Hilfe bei den Kirchen gefunden haben, deshalb entwickelten in Europa die Armen eine große Distanz zur Kirche, die bis heute zu spüren ist.

Da ist viel Vertrauen kaputt gegangen – bis das mal überwunden ist, werden die Christen erst noch öfter zeigen müssen, dass sie an der Seite der Menschen stehen und nicht der verlängerte Arm der Obrigkeit sind. Ein bisschen Propaganda reicht da nicht.

In anderen Teilen der Welt ist das heute zum Glück anders. Aber hier in Europa sind die Kirchen damals keine Alternative gewesen sind, und deshalb hat Gott sich anderen zugewendet, um uns an unsere Berufung zu erinnern.

Die Frage bleibt: haben solche Gruppen, die sich verrannt haben, noch eine Chance? Wenn man Paulus hört, wie er über sein verhärtetes Volk klagt, dann bleibt eigentlich nur die Antwort: das ist gelaufen. Sie haben ihre Chance gehabt, sie haben sie zurückgewiesen, und sie denken nicht daran, ihre Meinung zu ändern.

Aber überraschenderweise sieht Paulus doch noch einen anderen Weg. Davon beim nächsten Mal – Fortsetzung folgt.