Aug 202012
 

Predigt zu Römer 9,27 – 10,4 am 19. August 2012
(Predigtreihe Römerbrief 30)

27 Und Jesaja ruft über Israel aus: Wenn auch die Israeliten so zahlreich wären wie der Sand am Meer – nur der Rest wird gerettet werden. 28 Denn der Herr wird handeln, indem er sein Wort auf der Erde erfüllt und durchsetzt. 29 Ebenso hat Jesaja vorhergesagt: Hätte nicht der Herr der himmlischen Heere uns Nachkommenschaft übrig gelassen, wir wären wie Sodom geworden, wir wären Gomorra gleich.
30 Was sollen wir nun hierzu sagen? Das wollen wir sagen: Die Heiden, die nicht nach der Gerechtigkeit trachteten, haben die Gerechtigkeit erlangt; ich rede aber von der Gerechtigkeit, die aus dem Glauben kommt. 31 Israel aber hat nach dem Gesetz der Gerechtigkeit getrachtet und hat es doch nicht erreicht. 32 Warum das? Weil es die Gerechtigkeit nicht aus dem Glauben sucht, sondern als komme sie aus den Werken. Sie haben sich gestoßen an dem Stein des Anstoßes, 33 wie geschrieben steht (Jesaja 8,14; 28,16): »Siehe, ich lege in Zion einen Stein des Anstoßes und einen Fels des Ärgernisses; und wer an ihn glaubt, der soll nicht zuschanden werden.« 1 Liebe Brüder, meines Herzens Wunsch ist und ich flehe auch zu Gott für sie, dass sie gerettet werden. 2 Denn ich bezeuge ihnen, dass sie Eifer für Gott haben, aber ohne Erkenntnis. 3 Denn sie erkennen die Gerechtigkeit nicht, die vor Gott gilt, und suchen ihre eigene Gerechtigkeit aufzurichten und haben sich so der Gerechtigkeit Gottes nicht unterworfen. 4 Denn mit dem Messias ist das Ziel erreicht, um das es im Gesetz geht, so dass jeder, der an ihn glaubt, gerecht ist.

In Berlin gibt es einige alte Bunker aus dem zweiten Weltkrieg, die man besichtigen kann. Der Haupteingang dazu ist bei der U-Bahn-Station Gesundbrunnen, und bis vor ein paar Jahren war der so unauffällig, dass man glatt daran vorbei laufen konnte, ohne auf ihn aufmerksam zu werden. Wir hatten zum Glück einen Stadtführer, und so haben wir den Bunker gefunden und besichtigt. Schon der Stadtführer beschrieb den Bunker recht eindrucksvoll, aber da selbst in den dunklen Betongängen zu stehen – das war ein noch wesentlich beeindruckenderes Erlebnis.

Mit einigem Recht könnte man sagen: als wir da unten standen, war das Ziel des Stadtführers erreicht: er hatte uns zu diesem Erlebnis verholfen.

So ungefähr muss man es verstehen, wenn Paulus davon spricht, dass das Gesetz Israels mit dem Messias, dem Christus, sein Ziel erreicht hat. Dieses Gesetz war wie ein Stadtführer. Es hat schon ziemlich gut beschrieben, worum es Gott geht: ein Volk von Menschen, das in Freiheit vor ihm lebt. Aber das ist aus vielen Gründen in Israel immer mehr ein Programm geblieben als stabile Wirklichkeit geworden. Und unter der römischen Herrschaft schien Israel weiter denn je von diesem Ziel entfernt. Erst als der Messias kam, Jesus, und ihnen zeigte, dass die Herrschaft Gottes nahe bei ihnen war; dass es möglich war, befreite Zonen zu schaffen, unauffällige Inseln der Freiheit mitten im mörderischen Imperium, da wurde das Realität, worum es dem Gesetz gegangen war. Um im Bild mit dem Stadtführer zu bleiben: Lange hatten sie nur den Stadtführer studiert, aber jetzt waren sie selbst vor Ort.

Wer diese Stelle in der Übersetzung Luthers nachliest, aber auch in vielen anderen, der wird an dieser Stelle lesen: Christus, also der Messias, ist das »Ende« des Gesetzes. Und tatsächlich steht da im Original ein Wort, das man sowohl mit »Ziel« als auch mit »Ende« übersetzen kann. Und das macht ja durchaus Sinn: wenn du einen Weg bis zum Ziel gegangen bist, dann ist dein Weg zu Ende. Übersetzt man aber an dieser Stelle »Christus ist das Ende des Gesetzes«, dann würde man einen großen Teil der Bibel plötzlich als überflüssig erklären, während doch Jesus sagt, er sei nicht gekommen, um das Gesetz abzuschaffen.

Deshalb habe ich das Beispiel mit dem Stadtführer erzählt: man wirft ja den Stadtführer nicht weg, wenn man in Berlin angekommen ist; gerade dann braucht man ihn. Es heißt ja völlig richtig: man sieht nur, was man weiß. Ohne den Stadtführer hätten wir den Bunkereingang nie gefunden; ja, wir hätten ihn noch nicht mal gesucht. Und als wir dann hinter den dicken Stahltüren waren, da half uns die Beschreibung, das Ganze zu verstehen und einzuordnen. Gut, dass wir den Stadtführer hatten! Und trotzdem war es natürlich immer noch eindrucksvoller, da selbst unten zu stehen, als nur davon zu lesen.

Paulus bemüht sich im ganzen Römerbrief immer wieder, diese Balance zu halten: das Gesetz kommt von Gott, es ist gut, aber jetzt ist das Ziel erreicht, auf das das Gesetz hinauslief. An Jesus sehen wir die lebendige Wirklichkeit, die im Gesetz gemeint ist. Endlich kann es realisiert werden. Aber dadurch wird das Alte Testament nicht überflüssig, sondern es hilft uns, Jesus zu verstehen. Es hilft uns, Dinge zu sehen, die wir sonst übersehen würden.

Wenn wir nur das Neue Testament hätten, dann würden wir es vielleicht sehr individualistisch verstehen, nur auf den Einzelnen und sein Leben bezogen. Das Alte Testament hat unübersehbar die ganze Gesellschaft im Blick, es erinnert uns daran, dass die Gesellschaft mehr ist als die Summe von vielen Einzelnen, und dass es deshalb nicht reicht, nur individuelle Regeln einzuhalten. Nein, Gott hat auch etwas zu sagen zur ganzen Gesellschaft, zu Armut und Reichtum, zu Krieg und Frieden und zum kollektiven Geist, der unter den Menschen herrscht.

Das Alte Testament mit seinem Gesetz und den Propheten gibt uns einen Verständnisrahmen. Sehr vereinfacht: durch das Alte Testament verstehen wir erst das Problem, für das Jesus die Lösung ist. Sonst würden wir es vielleicht für normal halten, dass der Stärkere sich durchsetzt, dass es Kriege gibt, dass Menschen unterdrückt werden. Wir würden denken: so ist eben die Realität, das ist eben so, ganz normal. Erst vom Gesetz Gottes her wird das zum Problem. Wenn Menschen stattdessen versuchen, von ihren allgemeinen Menschheitsfragen her Jesus zu verstehen, ohne diesen Anmarsch durch das Alte Testament, dann geht das meistens daneben. Dann machen sie sich einen Jesus nach ihrem eigenen Geschmack zurecht. Dann beladen sie Jesus (und Paulus auch) mit ihren eigenen Problemen, die er möglicherweise gar nicht hatte.

Auf der anderen Seite gibt Jesus auf die Probleme, die im Alten Testament benannt werden, tatsächlich eine neue Antwort. Paulus hat das im Römerbrief schon öfter beschrieben, vor allem im 7. Kapitel. Das Gesetz ist schon richtig, aber es kommt nicht an gegen eine Welt, die von Macht, Gewalt und Sünde regiert wird. Da muss noch viel fundamentaler gegengehalten werden als mit Regeln für den Ruhetag und für das, was man essen und nicht essen darf. Um es für uns zu übersetzen: es ist gut, wenn wir darauf achten, woher unser Essen kommt und wer unsere Kleidung für welchen Stundenlohn zusammen genäht hat, da sollten wir tatsächlich auf Fairness und Nachhaltigkeit achten, aber damit werden wir der ungerechten Ordnung der Welt noch keinen nachhaltigen Schrecken einjagen. Da hilft nur eine ganz neue Art zu leben. Wenn die Welt so fundamental aus der Spur gelaufen ist, dann muss eine neue Schöpfung her, und die hat in Jesus begonnen. Darauf lief das Gesetz schon immer hinaus, aber jetzt erkennen wir das erst.

Und weil nun dieses Ziel des Gesetzes erreicht ist, deshalb können jetzt auch die nichtjüdischen Völker dazu kommen. Wir haben vorhin in der Lesung schon die Stelle aus dem Johannesevangelium (12,20-26) gehört, wo Griechen, die in Jerusalem sind, Kontakt zu Jesus haben möchten. Und für Jesus ist das ein Zeichen: Wenn jetzt schon Nichtjuden beginnen, sich für mich zu interessieren, dann ist es bald so weit, dann muss ich schon fast am Ziel sein. Es klingt beinahe so, als ob er sagt: jetzt muss ich mich aber beeilen, dass ich meinen Auftrag zu Ende bringe und abschließe, ich muss jetzt ganz schnell noch verherrlicht werden – und »Verherrlichung« bedeutet bei Johannes: Kreuzigung und Auferstehung. Erst nachdem der Weg Israels in Jesus so sein Ziel erreicht hat, erst jetzt, wo endlich in voller Klarheit zu sehen ist, worauf das alles hinauslaufen sollte, jetzt dürfen auch Menschen aus den anderen Völkern dazukommen. Der Weg Israels weitet sich von nun an auf die ganze Welt aus.

Um das zu erklären greift Paulus hinter das Gesetz zurück auf den Glauben. Im vierten Kapitel hat er das schon ausführlich getan: Abraham und sein Glaube waren das Fundament von allem, das Gesetz kam erst später dazu. Und jetzt am Ziel dieses Weges ist an Jesus wieder das Entscheidende sein Glaube, sein Vertrauen zu Gott, das er auch am Kreuz nicht verloren hat. Dieser Glaube besteht sogar angesichts der brutalen Vergeltungsaktionen des imperialen Systems. Gott hat darauf geantwortet, indem er Jesus auferstehen ließ, er hat ein deutliches Ja gesagt zum Weg Jesu, und jetzt sind alle auf der richtigen Seite, die diesen Glauben teilen, aus dem Jesus lebte. Egal, ob sie aus Israel kommen oder aus den anderen Völkern. Sie sind gerecht, sagt Paulus. Gott sagt Ja zu ihnen, er steht hinter ihnen, er sagt zu ihnen: du teilst den Glauben Jesu, deshalb bestätige ich dir, dass du auf dem richtigen Weg bist. Du bist gerecht.

Aber damit bleibt immer noch das Problem, dass das real existierende Israel als Ganzes sich diesem Weg Jesu nicht angeschlossen hat. Wie kann es sein, dass ausgerechnet Gottes eigenes Volk sich als Ganzes Gottes Weg nicht anschließt?

Und Paulus holt sich Rat in der Bibel, bei den Propheten, die auch schon darunter leiden mussten, dass Israel unter den Königen seine Berufung verraten hat. Und er findet bei Jesaja Sätze darüber, dass auch in Israel immer nur einige Gottes Weg mitgehen. Nur ein Rest wird gerettet. Gott identifiziert sich nie einfach mit einem Volk oder einer Kirche im Ganzen. Das gilt für Israel wie für Volkskirchen wie für Freikirchen. Nie bedeutet die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Organisation, dass ich damit automatisch auf der richtigen Seite stehe. Weder die Beschneidung, noch die Taufe, noch die Entscheidung für Jesus garantieren das. Wer das vergisst, der wird immer wieder enttäuscht werden, wenn es auch in den heiligsten Organisationen plötzlich ganz menschlich, zänkisch und selbstsüchtig zugeht.

Gott ist immer wieder ein Stolperstein, der uns aus dem Tritt bringt, wenn wir glauben, wir hätten es in der Tasche. Gott ruft uns immer wieder neu, selbst aufzubrechen wie Abraham, das Alte hinter uns zu lassen und in ein neues, unbekanntes Land zu ziehen. Dieses Wagnis wird uns nicht erspart, das macht weder Abraham für uns, noch Jesus, und noch nicht einmal unsere eigenen Aufbrüche von gestern ersparen es uns, den Segnungen von gestern Lebewohl zu sagen und dem neuen Ruf Gottes zu folgen. Geistlich gesehen kommen wir nie ins Rentenalter. Es ist gerade umgekehrt: die früheren Aufbrüche sollten unser Vertrauen so sehr stärken, dass wir im Laufe unseres Lebens immer mutiger werden. In der Jugend sind wir fast alle von Natur aus abenteuerlustig. Aber wenn wir im Alter sogar noch mehr bereit sind, Gottes Ruf zu hören und ihm ins Unvertraute zu folgen, das ist das Werk des Heiligen Geistes.

Israel als Ganzes hatte es wie viele christliche Organisationen schwer, einem neuen Ruf Gottes zu folgen. Lieber machten sie mit aller Energie weiter wie schon immer. Eifer ohne Erkenntnis nennt Paulus das. Mit voller Kraft in die falsche Richtung. Wie oft hat es das auch in der Geschichte christlicher Kirchen und Gemeinden gegeben, dass man mit voller Kraft in eine Sackgasse dampfte, während Gott schon längst einen neuen Weg gebahnt hat. Das mag aller Ehren wert sein, aber mutlos und unfruchtbar ist es trotzdem.

Paulus betet darum, dass seinem Volk die Augen geöffnet werden. Und in den nächsten beiden Kapiteln wird es darum gehen, wie das vielleicht doch noch geschehen kann.

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