Aug 282012
 

Predigt zu Markus 8,22-26 am 26. August 2012

22 Und sie kamen nach Betsaida. Und sie brachten zu ihm einen Blinden und baten ihn, dass er ihn anrühre. 23 Und er nahm den Blinden bei der Hand und führte ihn hinaus vor das Dorf, tat Speichel auf seine Augen, legte seine Hände auf ihn und fragte ihn: Siehst du etwas? 24 Und er sah auf und sprach: Ich sehe die Menschen, als sähe ich Bäume umhergehen. 25 Danach legte er abermals die Hände auf seine Augen. Da sah er deutlich und wurde wieder zurechtgebracht, sodass er alles scharf sehen konnte. 26 Und er schickte ihn heim und sprach: Geh nicht hinein in das Dorf!

Das ist schon eine ganz spezielle Art, wie Jesus hier dafür sorgt, dass der blinde Mann wieder sehen kann. Als erstes holt er ihn weg von den ganzen anderen Leuten. Man muss sich das vorstellen, dass ein ganzer Haufen den Blinden angeschleppt hat – der Mann kann sich ja nicht wehren, wenn sie ihn holen und irgendwohin bringen. Der weiß vielleicht gar nicht, wie ihm geschieht. Dafür wissen die Leute um so besser, was jetzt passieren soll: Jesus soll ihn berühren, und dann kann er wieder sehen, und sie haben etwas zu erzählen. Es wird gar nicht klar, wer das eigentlich ist, der den Blinden anbringt – es sind Menschen ohne Gesicht, ohne Namen, einfach ein Haufen Leute.

Aber Jesus macht es anders, als die es sich vorgestellt haben. Er nimmt den Mann an der Hand und bringt ihn raus aus dem Dorf, wahrscheinlich sind nur noch die Jünger dabei, und dann kann er sich richtig auf diesen Menschen einstellen. Natürlich hätte er ihn auch heilen können, indem er ihn nur kurz anrührt. Aber dann wäre er wie ein Arzt, der sich Laborwerte anschaut, ein Rezept ausschreibt und mit dem Kranken selbst eigentlich gar nichts zu tun hat.

Stattdessen wendet Jesus sich dem Kranken zu und sorgt dafür, dass eine Begegnung zwischen den beiden geschieht. Dass er ihm etwas von seinem Speichel auf die Augen tut, ist aus unserer heutigen Sicht merkwürdig – wir sind es eher gewohnt, dass man körperlich mehr Distanz hält, obwohl sich das ja vielleicht auch wieder ändert.

Aber in Wirklichkeit heißt das: die beiden kommen ganz eng zusammen, das ist nicht nur eine Behandlung, sondern da muss etwas von Jesus selbst zu dem anderen hinkommen. Und Jesus fragt ihn: wie geht es dir jetzt? Was kannst du sehen? Und der Mann sagt: ja, es ist besser, aber die Menschen sehen aus wie wandelnde Bäume. Irgendwie ist das Bild verzerrt, das Seitenverhältnis stimmt nicht. Und Jesus bessert nach, legt noch einmal die Hände auf, und dann ist es richtig.

Auch da denke ich wieder: natürlich hätte Jesus das auch gleich richtig hingekriegt, aber er wollte, dass der Mann selbst beteiligt ist, dass nicht bloß irgendetwas an ihm gemacht wird. Man könnte sagen: Jesus benutzt diese ganze Prozedur, um mit dem Mann ins Gespräch zu kommen, er sorgt dafür, dass der in Beziehung zu ihm kommen kann. Und diese Beziehung zu Jesus ist der Raum, in dem der Blinde zu sich selbst findet. Er ist nicht mehr einer, der von anderen irgendwo hin gestoßen wird, sondern er wird gefragt und kann sagen, was mit ihm los ist. Das scheint Jesus mindestens so wichtig zu sein wie die Heilung selber.

Und am Ende sagt er ihm noch einmal: geh nicht in das Dorf zurück! Anscheinend ist das dort keine gute Umgebung für ihn. Anscheinend hat man dort nicht die Chance, als Person wahrgenommen zu werden und da geht keiner so sorgfältig mit einem um.

Wir kennen das doch auch, dass in einer aufgeregten Menge der individuelle Mensch untergeht. Da ist gar kein Raum dafür, dass einer wirklich wahrgenommen wird oder dass er lernt, auf sich selbst zu achten. Da sind die Bedingungen ganz ungünstig dafür, dass man einen Schritt zurücktritt, die Drehzahl herunter schaltet und sich fragt: was mache ich hier eigentlich? Worum geht es eigentlich? Was macht das Ganze mit mir? Will ich das wirklich?

Oder wenn man an die Leute von Betsaida denkt: wenn die zur Besinnung gekommen wären, dann hätte sich vielleicht der eine oder andere gefragt: was tun wir da eigentlich, wenn wir diesen Blinden da irgendwo hinschubsen? Geht es mir jetzt darum, dass dem Blinden geholfen wird, liegt mir wirklich an dem Menschen, oder will ich nur eine Sensation miterleben?

Gott – und Jesus ist ja hier sozusagen die sichtbare, greifbare Seite Gottes – Gott arbeitet daran, dass wir lernen, zu stoppen und zu uns selbst zurückzufinden. Nicht irgendwo dort draußen zu sein, bei den Leuten, bei der vielen Arbeit, die auf mich wartet, bei der Familie, die ihre Erwartungen an mich und ihre Regeln hat, oder bei denen, die hoffentlich meine nächste Bemerkung lustig finden werden, sondern einfach bei mir. Gott will uns zu uns selbst zurückholen, weil er uns dort begegnen will. Es ist, als ob er sagt: wie soll ich denn zu dir kommen und dich heilen, wenn du nie zu Hause bist? Es gibt viele Menschen, die das ganz selten erleben: bei sich selbst zu Hause zu sein, ruhig zu werden, nicht von anderen mitgerissen oder auch herumgestoßen zu werden.

Deswegen haben alle geistlichen Übungen immer mit Entschleunigung zu tun, mit Unterbrechung, mit Alleinsein. Beten, meditieren, über einem Bibelwort nachsinnen und vieles andere, das sorgt immer dafür, dass ein Mensch innehält, das er rauskommt aus dem Hamsterrad und in dem ganzen Lärm, der unsere Welt erfüllt, auf die Stimme Gottes achtet und mit ihm ins Gespräch kommt. So wie Jesus in der Geschichte dafür sorgt, dass der Blinde an einem ruhigen Platz in eine Beziehung zu ihm kommt und wieder selbst die Leitung seines Lebens übernehmen kann.

Wer wir sind und was wir sind, das hat immer ganz stark damit zu tun, auf wen wir konzentriert sind und auf wen wir hören. Es ist eher die Regel als die Ausnahme, dass wir irgendwie an eine größere Einheit angeschlossen sind und ihre Bewegung mitmachen, und dass unser Denkrahmen und unsere Stimmung von außen zu uns gekommen sind, ohne dass wir es wirklich merken. Das Christentum bringt es mit sich, dass Menschen sich selbst entdecken, weil sie in eine Beziehung zu Gott kommen, und in der ist dann Raum dafür, sich selbst zu entdecken. Das Modell dafür ist Jesus in dieser Geschichte, wie er mit seiner Frage »Was siehst du?« dem Blinden einen Raum schafft, in dem er sein Leben zurückgewinnen kann. Wir sind anders, wenn wir mit anderen zusammen sind, und wir sind noch einmal ganz anders, wenn wir mit Gott zusammen sind und unter seinem Einfluss stehen.

Und wenn man nun diese Geschichte im Zusammenhang des ganzen Evangeliums liest, dann merkt man, wie Jesus da schon die ganze Zeit seine Jünger immer wieder wegholt von den anderen Menschen und mit ihnen z.B. viel im Boot auf dem See Genezareth herum fährt. Da sind sie allein und können in Ruhe miteinander reden. Oder er macht mit ihnen lange Wanderungen: ins Ausland, wo ihn keiner kennt, oder in die Wüste, wo es einsam ist. D.h., er macht mit den Jüngern dasselbe, was er in Betsaida mit dem Blinden macht: er nimmt sie beiseite, er holt sie raus aus den ganzen gesellschaftlichen und familiären und kulturellen Einflüssen, unter denen sie sonst stehen und arbeitet an ihnen. Sie werden Zeuge, wie er in der Wüste vielen Menschen zu essen gibt, und er fordert sie heraus, darüber nachzudenken. Es ist, als ob er ihnen sagt: schaut zweimal hin, seht die Dinge nicht nur, sondern versteht sie. Erkennt sie in ihrer wahren Bedeutung. Auch das spiegelt sich in der Geschichte von dem Blinden, der die Welt erst beim zweiten Mal angemessen sieht.

Vielleicht kennen Sie die Geschichte vom Naturforscher Newton, der angeblich einen Apfel vom Baum fallen sah und sich fragte: warum fällt der eigentlich nach unten? Und schließlich entdeckte er die Gesetze der Schwerkraft und warum die Planeten sich auf ihren Bahnen bewegen. Viele, viele Menschen haben schon Äpfel von Bäumen fallen sehen, ohne sich etwas dabei zu denken. Aber Newton hat zweimal hingesehen, er hat gefragt, was da eigentlich hintersteckte, was das Geheimnis des Apfels war, und deswegen können wir heute kleine Autochen zum Mars schießen und dort spazieren fahren lassen.

So versucht auch Jesus seine Jünger dazu zu bewegen, dass sie hinter die Dinge gucken, ein zweites Mal hinschauen, nicht einfach nur sagen: so ist das eben. Alle Dinge haben eine verborgene zweite Seite: Äpfel, blinde Menschen, die ganze Welt. Und so entdecken die Jünger schließlich auch das Geheimnis hinter Jesus: das ist nicht nur ein großer Lehrer und Wundertäter, sondern in ihm kommt Gott in die Welt, um endlich den Lauf der Welt zum Guten zu wenden und sie zurückzuholen in die Gemeinschaft mit Gott, der sie geschaffen und gewollt hat.

Als Markus sein Evangelium schrieb, hat er die Geschichte von dem Blinden in Betsaida extra in diesen Zusammenhang gesetzt, als Hinweis darauf, worum es bei Jesus geht: die Welt hat eine verborgene zweite Seite, und wir sollen lernen, die zu sehen. Die entscheidende Geschichte der Welt ist verborgen: wie Gott mitten unter uns schon seine neue Welt baut. Auch so etwas Sensationelles wie die wunderbare Heilung eines blinden Mannes ist vor allem ein Hinweis auf dieses viel Größere.

Denn im Hintergrund arbeitet Gott daran, dass Menschen überhaupt nicht mehr von irgendwelchen Mächten beherrscht sind – nicht von den Kapitalmärkten, nicht von ihren Familienneurosen, nicht von der Sucht nach billigen Freuden aller Art, überhaupt von keinen zerstörerischen Einflüssen mehr. Gott sendet Jesus, damit wir wie der blinde Mann und die Jünger in ein Gegenüber zu ihm kommen und so ein Raum der Freiheit entsteht.

Gott schafft an vielen Stellen solche befreiten Zonen, in denen sein Segen möglichst ungehindert strömen kann. Und wir sollen verstehen, dass das die verborgene Geschichte dieser Welt ist. Man muss zweimal hinsehen, um sie wahrzunehmen, sie versteckt sich meistens in den Nischen der Weltgeschichte, aber es ist die entscheidende Geschichte, und manchmal wird es auch für einen Augenblick ganz deutlich, wie weit Gott schon gekommen ist. Manchmal wird es an einer Stelle sichtbar, dass Gottes Heilung der Welt schon jetzt ganz viel Rettendes bewirkt – wie bei dem Blinden von Betsaida. Und wir sollen Augen dafür haben und diese verborgenen Lebensquellen suchen und auf dieser Grundlage leben.

Aug 202012
 

Predigt zu Römer 9,27 – 10,4 am 19. August 2012
(Predigtreihe Römerbrief 30)

27 Und Jesaja ruft über Israel aus: Wenn auch die Israeliten so zahlreich wären wie der Sand am Meer – nur der Rest wird gerettet werden. 28 Denn der Herr wird handeln, indem er sein Wort auf der Erde erfüllt und durchsetzt. 29 Ebenso hat Jesaja vorhergesagt: Hätte nicht der Herr der himmlischen Heere uns Nachkommenschaft übrig gelassen, wir wären wie Sodom geworden, wir wären Gomorra gleich.
30 Was sollen wir nun hierzu sagen? Das wollen wir sagen: Die Heiden, die nicht nach der Gerechtigkeit trachteten, haben die Gerechtigkeit erlangt; ich rede aber von der Gerechtigkeit, die aus dem Glauben kommt. 31 Israel aber hat nach dem Gesetz der Gerechtigkeit getrachtet und hat es doch nicht erreicht. 32 Warum das? Weil es die Gerechtigkeit nicht aus dem Glauben sucht, sondern als komme sie aus den Werken. Sie haben sich gestoßen an dem Stein des Anstoßes, 33 wie geschrieben steht (Jesaja 8,14; 28,16): »Siehe, ich lege in Zion einen Stein des Anstoßes und einen Fels des Ärgernisses; und wer an ihn glaubt, der soll nicht zuschanden werden.« 1 Liebe Brüder, meines Herzens Wunsch ist und ich flehe auch zu Gott für sie, dass sie gerettet werden. 2 Denn ich bezeuge ihnen, dass sie Eifer für Gott haben, aber ohne Erkenntnis. 3 Denn sie erkennen die Gerechtigkeit nicht, die vor Gott gilt, und suchen ihre eigene Gerechtigkeit aufzurichten und haben sich so der Gerechtigkeit Gottes nicht unterworfen. 4 Denn mit dem Messias ist das Ziel erreicht, um das es im Gesetz geht, so dass jeder, der an ihn glaubt, gerecht ist.

In Berlin gibt es einige alte Bunker aus dem zweiten Weltkrieg, die man besichtigen kann. Der Haupteingang dazu ist bei der U-Bahn-Station Gesundbrunnen, und bis vor ein paar Jahren war der so unauffällig, dass man glatt daran vorbei laufen konnte, ohne auf ihn aufmerksam zu werden. Wir hatten zum Glück einen Stadtführer, und so haben wir den Bunker gefunden und besichtigt. Schon der Stadtführer beschrieb den Bunker recht eindrucksvoll, aber da selbst in den dunklen Betongängen zu stehen – das war ein noch wesentlich beeindruckenderes Erlebnis.

Mit einigem Recht könnte man sagen: als wir da unten standen, war das Ziel des Stadtführers erreicht: er hatte uns zu diesem Erlebnis verholfen.

So ungefähr muss man es verstehen, wenn Paulus davon spricht, dass das Gesetz Israels mit dem Messias, dem Christus, sein Ziel erreicht hat. Dieses Gesetz war wie ein Stadtführer. Es hat schon ziemlich gut beschrieben, worum es Gott geht: ein Volk von Menschen, das in Freiheit vor ihm lebt. Aber das ist aus vielen Gründen in Israel immer mehr ein Programm geblieben als stabile Wirklichkeit geworden. Und unter der römischen Herrschaft schien Israel weiter denn je von diesem Ziel entfernt. Erst als der Messias kam, Jesus, und ihnen zeigte, dass die Herrschaft Gottes nahe bei ihnen war; dass es möglich war, befreite Zonen zu schaffen, unauffällige Inseln der Freiheit mitten im mörderischen Imperium, da wurde das Realität, worum es dem Gesetz gegangen war. Um im Bild mit dem Stadtführer zu bleiben: Lange hatten sie nur den Stadtführer studiert, aber jetzt waren sie selbst vor Ort.

Wer diese Stelle in der Übersetzung Luthers nachliest, aber auch in vielen anderen, der wird an dieser Stelle lesen: Christus, also der Messias, ist das »Ende« des Gesetzes. Und tatsächlich steht da im Original ein Wort, das man sowohl mit »Ziel« als auch mit »Ende« übersetzen kann. Und das macht ja durchaus Sinn: wenn du einen Weg bis zum Ziel gegangen bist, dann ist dein Weg zu Ende. Übersetzt man aber an dieser Stelle »Christus ist das Ende des Gesetzes«, dann würde man einen großen Teil der Bibel plötzlich als überflüssig erklären, während doch Jesus sagt, er sei nicht gekommen, um das Gesetz abzuschaffen.

Deshalb habe ich das Beispiel mit dem Stadtführer erzählt: man wirft ja den Stadtführer nicht weg, wenn man in Berlin angekommen ist; gerade dann braucht man ihn. Es heißt ja völlig richtig: man sieht nur, was man weiß. Ohne den Stadtführer hätten wir den Bunkereingang nie gefunden; ja, wir hätten ihn noch nicht mal gesucht. Und als wir dann hinter den dicken Stahltüren waren, da half uns die Beschreibung, das Ganze zu verstehen und einzuordnen. Gut, dass wir den Stadtführer hatten! Und trotzdem war es natürlich immer noch eindrucksvoller, da selbst unten zu stehen, als nur davon zu lesen.

Paulus bemüht sich im ganzen Römerbrief immer wieder, diese Balance zu halten: das Gesetz kommt von Gott, es ist gut, aber jetzt ist das Ziel erreicht, auf das das Gesetz hinauslief. An Jesus sehen wir die lebendige Wirklichkeit, die im Gesetz gemeint ist. Endlich kann es realisiert werden. Aber dadurch wird das Alte Testament nicht überflüssig, sondern es hilft uns, Jesus zu verstehen. Es hilft uns, Dinge zu sehen, die wir sonst übersehen würden.

Wenn wir nur das Neue Testament hätten, dann würden wir es vielleicht sehr individualistisch verstehen, nur auf den Einzelnen und sein Leben bezogen. Das Alte Testament hat unübersehbar die ganze Gesellschaft im Blick, es erinnert uns daran, dass die Gesellschaft mehr ist als die Summe von vielen Einzelnen, und dass es deshalb nicht reicht, nur individuelle Regeln einzuhalten. Nein, Gott hat auch etwas zu sagen zur ganzen Gesellschaft, zu Armut und Reichtum, zu Krieg und Frieden und zum kollektiven Geist, der unter den Menschen herrscht.

Das Alte Testament mit seinem Gesetz und den Propheten gibt uns einen Verständnisrahmen. Sehr vereinfacht: durch das Alte Testament verstehen wir erst das Problem, für das Jesus die Lösung ist. Sonst würden wir es vielleicht für normal halten, dass der Stärkere sich durchsetzt, dass es Kriege gibt, dass Menschen unterdrückt werden. Wir würden denken: so ist eben die Realität, das ist eben so, ganz normal. Erst vom Gesetz Gottes her wird das zum Problem. Wenn Menschen stattdessen versuchen, von ihren allgemeinen Menschheitsfragen her Jesus zu verstehen, ohne diesen Anmarsch durch das Alte Testament, dann geht das meistens daneben. Dann machen sie sich einen Jesus nach ihrem eigenen Geschmack zurecht. Dann beladen sie Jesus (und Paulus auch) mit ihren eigenen Problemen, die er möglicherweise gar nicht hatte.

Auf der anderen Seite gibt Jesus auf die Probleme, die im Alten Testament benannt werden, tatsächlich eine neue Antwort. Paulus hat das im Römerbrief schon öfter beschrieben, vor allem im 7. Kapitel. Das Gesetz ist schon richtig, aber es kommt nicht an gegen eine Welt, die von Macht, Gewalt und Sünde regiert wird. Da muss noch viel fundamentaler gegengehalten werden als mit Regeln für den Ruhetag und für das, was man essen und nicht essen darf. Um es für uns zu übersetzen: es ist gut, wenn wir darauf achten, woher unser Essen kommt und wer unsere Kleidung für welchen Stundenlohn zusammen genäht hat, da sollten wir tatsächlich auf Fairness und Nachhaltigkeit achten, aber damit werden wir der ungerechten Ordnung der Welt noch keinen nachhaltigen Schrecken einjagen. Da hilft nur eine ganz neue Art zu leben. Wenn die Welt so fundamental aus der Spur gelaufen ist, dann muss eine neue Schöpfung her, und die hat in Jesus begonnen. Darauf lief das Gesetz schon immer hinaus, aber jetzt erkennen wir das erst.

Und weil nun dieses Ziel des Gesetzes erreicht ist, deshalb können jetzt auch die nichtjüdischen Völker dazu kommen. Wir haben vorhin in der Lesung schon die Stelle aus dem Johannesevangelium (12,20-26) gehört, wo Griechen, die in Jerusalem sind, Kontakt zu Jesus haben möchten. Und für Jesus ist das ein Zeichen: Wenn jetzt schon Nichtjuden beginnen, sich für mich zu interessieren, dann ist es bald so weit, dann muss ich schon fast am Ziel sein. Es klingt beinahe so, als ob er sagt: jetzt muss ich mich aber beeilen, dass ich meinen Auftrag zu Ende bringe und abschließe, ich muss jetzt ganz schnell noch verherrlicht werden – und »Verherrlichung« bedeutet bei Johannes: Kreuzigung und Auferstehung. Erst nachdem der Weg Israels in Jesus so sein Ziel erreicht hat, erst jetzt, wo endlich in voller Klarheit zu sehen ist, worauf das alles hinauslaufen sollte, jetzt dürfen auch Menschen aus den anderen Völkern dazukommen. Der Weg Israels weitet sich von nun an auf die ganze Welt aus.

Um das zu erklären greift Paulus hinter das Gesetz zurück auf den Glauben. Im vierten Kapitel hat er das schon ausführlich getan: Abraham und sein Glaube waren das Fundament von allem, das Gesetz kam erst später dazu. Und jetzt am Ziel dieses Weges ist an Jesus wieder das Entscheidende sein Glaube, sein Vertrauen zu Gott, das er auch am Kreuz nicht verloren hat. Dieser Glaube besteht sogar angesichts der brutalen Vergeltungsaktionen des imperialen Systems. Gott hat darauf geantwortet, indem er Jesus auferstehen ließ, er hat ein deutliches Ja gesagt zum Weg Jesu, und jetzt sind alle auf der richtigen Seite, die diesen Glauben teilen, aus dem Jesus lebte. Egal, ob sie aus Israel kommen oder aus den anderen Völkern. Sie sind gerecht, sagt Paulus. Gott sagt Ja zu ihnen, er steht hinter ihnen, er sagt zu ihnen: du teilst den Glauben Jesu, deshalb bestätige ich dir, dass du auf dem richtigen Weg bist. Du bist gerecht.

Aber damit bleibt immer noch das Problem, dass das real existierende Israel als Ganzes sich diesem Weg Jesu nicht angeschlossen hat. Wie kann es sein, dass ausgerechnet Gottes eigenes Volk sich als Ganzes Gottes Weg nicht anschließt?

Und Paulus holt sich Rat in der Bibel, bei den Propheten, die auch schon darunter leiden mussten, dass Israel unter den Königen seine Berufung verraten hat. Und er findet bei Jesaja Sätze darüber, dass auch in Israel immer nur einige Gottes Weg mitgehen. Nur ein Rest wird gerettet. Gott identifiziert sich nie einfach mit einem Volk oder einer Kirche im Ganzen. Das gilt für Israel wie für Volkskirchen wie für Freikirchen. Nie bedeutet die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Organisation, dass ich damit automatisch auf der richtigen Seite stehe. Weder die Beschneidung, noch die Taufe, noch die Entscheidung für Jesus garantieren das. Wer das vergisst, der wird immer wieder enttäuscht werden, wenn es auch in den heiligsten Organisationen plötzlich ganz menschlich, zänkisch und selbstsüchtig zugeht.

Gott ist immer wieder ein Stolperstein, der uns aus dem Tritt bringt, wenn wir glauben, wir hätten es in der Tasche. Gott ruft uns immer wieder neu, selbst aufzubrechen wie Abraham, das Alte hinter uns zu lassen und in ein neues, unbekanntes Land zu ziehen. Dieses Wagnis wird uns nicht erspart, das macht weder Abraham für uns, noch Jesus, und noch nicht einmal unsere eigenen Aufbrüche von gestern ersparen es uns, den Segnungen von gestern Lebewohl zu sagen und dem neuen Ruf Gottes zu folgen. Geistlich gesehen kommen wir nie ins Rentenalter. Es ist gerade umgekehrt: die früheren Aufbrüche sollten unser Vertrauen so sehr stärken, dass wir im Laufe unseres Lebens immer mutiger werden. In der Jugend sind wir fast alle von Natur aus abenteuerlustig. Aber wenn wir im Alter sogar noch mehr bereit sind, Gottes Ruf zu hören und ihm ins Unvertraute zu folgen, das ist das Werk des Heiligen Geistes.

Israel als Ganzes hatte es wie viele christliche Organisationen schwer, einem neuen Ruf Gottes zu folgen. Lieber machten sie mit aller Energie weiter wie schon immer. Eifer ohne Erkenntnis nennt Paulus das. Mit voller Kraft in die falsche Richtung. Wie oft hat es das auch in der Geschichte christlicher Kirchen und Gemeinden gegeben, dass man mit voller Kraft in eine Sackgasse dampfte, während Gott schon längst einen neuen Weg gebahnt hat. Das mag aller Ehren wert sein, aber mutlos und unfruchtbar ist es trotzdem.

Paulus betet darum, dass seinem Volk die Augen geöffnet werden. Und in den nächsten beiden Kapiteln wird es darum gehen, wie das vielleicht doch noch geschehen kann.

Aug 162012
 

Heute kamen die Vorschau-Dateien für das neue Buch von Peter und mir in der Reihe „einfach emergent“ zum Korrekturlesen: „Evangelium. Gottes langer Marsch durch seine Welt“. Zum Glück gab es nur Kleinigkeiten zu beanstanden. Langsam kann man sich vorstellen, wie das Buch einmal aussehen wird. Und jetzt wird es schon irgendwie spannend.

Ich habe beim Schreiben ganz viel gelernt – z.B., dass man das Evangelium nicht einfach nur als theologische Formel verstehen sollte. Die Menschen, die sich davon in Bewegung bringen lassen, gehören dazu. Evangelium ist eine Bewegung von Menschen aus vielen verschiedenen Zeiten, manchmal in den offiziellen Kirchen, manchmal neben ihnen. Und diese Bewegung wird nicht nur durch den Heiligen Geist, sondern oft auch durch viele historische Einflüsse und Connections verbunden. Gerne hätte ich noch viel mehr darüber reingeschrieben. Das Weglassen war das Schwierigste (besonders, wenn einem manche Personen ans Herz gewachsen sind). Aber es sollte ganz bewusst ein gut und schnell zu lesendes Buch werden. Ich glaube jetzt, dass es das auch geworden ist.

Aug 132012
 

Predigt zu Römer 9,10-26 am 12. August 2012 (Predigtreihe Römerbrief 29)

10 Das wird bestätigt durch ein zweites Beispiel: Rebekka war von unserem Vorfahren Isaak mit Zwillingen schwanger, mit Esau und Jakob. 11-12 Die beiden Kinder waren noch nicht geboren und keines von beiden hatte irgendetwas Gutes oder Böses getan. Da sagte Gott zu ihrer Mutter Rebekka: »Der Ältere muss dem Jüngeren dienen.« Damit stellte er klar, dass es allein von seinem freien Entschluss abhängt, wenn er einen Menschen erwählt. Es kommt dabei nicht auf menschliche Leistungen, sondern nur auf den göttlichen Ruf an. 13 Dasselbe geht aus der anderen Stelle hervor, wo Gott sagt: »Ich liebe Jakob, Esau aber hasse ich.«
14 Folgt daraus, dass Gott ungerecht ist? Keineswegs! 15 Er sagte ja zu Mose: »Es liegt in meiner freien Entscheidung, wem ich meine Gnade erweise; es ist allein meine Sache, wem ich mein Erbarmen schenke.« 16 Es kommt also nicht auf den Willen und die Anstrengung des Menschen an, sondern einzig auf Gott und sein Erbarmen. 17 So verfährt er auch mit dem Pharao, dem er seine Gunst entzieht, indem er zu ihm sagt: »Nur deshalb habe ich dich als König eingesetzt, um an dir meine Überlegenheit zu beweisen und meinen Namen in der ganzen Welt bekannt zu machen.« 18 Gott verfährt also ganz nach seinem freien Willen: Mit den einen hat er Erbarmen, die andern macht er starrsinnig, sodass sie ins Verderben laufen. 19 Vielleicht wird mir jemand entgegenhalten: »Warum zieht uns dann Gott für unser Tun zur Rechenschaft? Wenn er bestimmt, dann kann doch niemand dagegen ankommen!« 20 Du Mensch, vergiss nicht, wer du bist! Du kannst dir doch nicht herausnehmen, Gott zu kritisieren! Sagt vielleicht ein Gebilde aus Ton zu seinem Bildner: »Warum hast du mich so gemacht?« 21 Und hat ein Töpfer nicht das Recht, aus einem Tonklumpen zwei ganz verschiedene Gefäße zu machen: eines, das auf der Festtafel zu Ehren kommt, und ein anderes als Behälter für den Abfall? 22 Du kannst also Gott nicht anklagen, wenn er an den Gefäßen seines Zorns sein Gericht vollstrecken und seine Macht erweisen will; aber selbst sie, die zum Untergang bestimmt waren, hat er mit großer Geduld ertragen. 23 So handelt er, damit er an den Gefäßen seines Erbarmens zeigen kann, wie unerschöpflich reich seine Herrlichkeit ist – an ihnen, die er im Voraus zum Leben in seiner Herrlichkeit bestimmt hat. 24 Das sind wir, die er berufen hat – nicht nur aus dem jüdischen Volk, sondern auch aus den anderen Völkern. 25 Das ist schon beim Propheten Hosea angekündigt, durch den Gott im Blick auf die anderen Völker sagt: »Ich werde die, die nicht mein Volk sind, ›mein Volk‹ nennen und die Ungeliebten ›Geliebte‹. 26 Und dieselben Leute, zu denen ich gesagt hatte: ›Ihr seid nicht mein Volk‹, werden dann ›Kinder des lebendigen Gottes‹ genannt werden.«

In diesem neunten Kapitel will Paulus verstehen, wie es kommt, dass das real existierende Israel im Ganzen den Weg Jesu nicht mitgegangen ist. Wir haben vorhin in der Lesung (Matthäus 8,5-13) gehört, dass schon Jesus dieses Problem hatte: Ein Heide wie der Hauptmann von Kapernaum, eigentlich einer von den Unterdrückern, versteht ihn besser als die Menschen seines eigenen Volkes. Genau an dieser Frage denkt auch Paulus herum. So wie heute Menschen sagen: wie kann es nur sein, dass die real existierende Kirche so viele unchristliche Sachen macht (egal, was damit konkret gemeint ist)! Und Menschen zweifeln dann an Gott, weil es so aussieht, als ob der noch nicht einmal seine eigenen Leute in Griff hat. Darum liest Paulus die Geschichte Israels von Anfang an noch einmal neu und entdeckt: Gott will allen helfen, aber er hat das schon immer durch einen Teil getan, nicht selten nur durch einige wenige. Noch nicht einmal überall dort, wo das offizielle Etikett »Israel« drauf steht, ist auch wirklich Gott am Werk (und genau so wenig ist Gott allein schon deswegen mit an Bord, weil irgendjemand irgendwo das Etikett »Kirche« drangepappt hat).

Diesen Grundsatz »Durch einen Teil für alle« entdeckt Paulus schon bei Abraham (das war das Thema der vorigen Predigt): die Linie des Gottesvolkes lief nur über dessen Sohn Isaak, nicht über den älteren Bruder Ismael. Aber bei Abrahams Söhnen könnte man einwenden: Ismael war eben nicht der Sohn von Abrahams offizieller Frau Sara, sondern nur der Sohn einer Sklavin!

Um dieses Argument zu widerlegen geht Paulus weiter zur nächsten Generation. Auch da gab es wieder zwei Söhne, Jakob und Esau, Zwillinge sogar, sie hatten beide den gleichen Vater und die gleiche Mutter, sie wurden am gleichen Tag gezeugt und mit einer Viertelstunde Abstand geboren, aber auch da suchte Gott sich den einen aus und den anderen nicht. Aber er hat nicht den einen vorgezogen, weil der irgendwie besser oder besonders oder anders war, sondern umgekehrt: weil er sich einen aussuchte, deshalb wurde der anders, besonders, und die Linie des Volkes Gottes lief über Jakob und seine Kinder, nicht über Esau. Das war Gottes Entscheidung. Gott arbeitet mit einigen und nicht mit allen, und dann entsteht notwendiger Weise sofort die Frage, warum er sich nun gerade den einen aussucht und den anderen nicht. Und die Antwort ist: das weiß wirklich nur der Himmel.

Auf der anderen Seite, wenn man sich Esau und Jakob anschaut, dann merkt man, dass Esau auch gar nicht besonders am Segen Gottes interessiert war. Er war es ja, der sein Erstgeburtsrecht für das sprichwörtliche Linsengericht verkaufte – verschleuderte, müsste man sagen. Wie viele andere war er viel mehr an einem vollen Magen interessiert als an Gott. Das heißt, diese ganzen Entscheidungen Gottes fühlen sich auf der menschlichen Seite so an, als ob wir die Sache entscheiden. Es ist nicht so, als ob Gott uns zu etwas zwingen würde, was wir eigentlich gar nicht wollen. Wir sagen: das ist meine Entscheidung! aber das ändert nichts an Gottes Plänen, sondern Gott erreicht sein Ziel, allen durch einige zu helfen, gerade durch unsere eigenen freien Entscheidungen hindurch.

Das ist kompliziert, und deshalb geht Paulus weiter am Leitfaden der Geschichte Israels entlang, um das genauer zu erklären, und so kommt er zur Befreiung aus der ägyptischen Sklaverei. Der Pharao, der König von Ägypten hatte Israel versklavt und wollte es langfristig ausrotten. Aber Gott befreite Israel durch Mose, und der Pharao mit seinem Heer ertrank im Schilfmeer. Und in der Bibel, im Alten Testament, heißt es kurz vorher, dass Gott das Herz des Pharao verstockte, so dass der Israel um keinen Preis die Freiheit geben wollte (und darüber zugrunde ging).

Damit uns diese alte Geschichte lebendig wird, muss man nur an so einen Diktator wie Syriens Präsident Assad denken, der lieber blutigen Krieg gegen sein Volk führt als aufzugeben und ins Exil zu gehen. Und vielleicht wird er deswegen irgendwann am Galgen enden wie vor ihm Saddam Hussein im Irak. Lauter Gewaltherrscher, die so verblendet sind, dass sie sich weder um die Menschen kümmern, über die sie regieren, noch ihr eigenes Schicksal realistisch einschätzen. Oder der ägyptische Präsident Mubarak, der vor eineinhalb Jahren vom Volk gestürzt wurde, sozusagen der Pharao von heute, und der jetzt im Gefängnis dahin siecht. Auch der war bis zuletzt blind für das, was in seinem Land vorging. Und zu Mubarak hätte Gott genauso sagen können, was er laut Bibel dreieinhalb Jahrtausende zuvor zu seinem Vorgänger gesagt hat: ich habe dich verhärtet, ich habe dein Herz starrsinnig gemacht, damit an dir deutlich wird, dass ich der Gott der Freiheit bin, der die Mächtigen vom Thron stürzt und die Niedrigen erhebt. An dir wollte ich zeigen, wer ich bin und was ich kann und was ich tue.

Ist es vorstellbar, dass der Pharao, Saddam Hussein, Mubarak und Assad sich jetzt bei Gott beschweren und sagen: das war aber gemein von dir, dass du mich verblendet hast! Du hast mich gezwungen, so kurzsichtig und brutal zu sein! Das war mies von dir! Würden die so etwas sagen?

Es ist nicht vorstellbar, dass diese Diktatoren sich so bei Gott beschweren, weil sie ja gerade überzeugt waren, alles richtig zu machen. Sie beschweren sich vielleicht, dass sie verloren haben, sie beschweren sich vielleicht über die unfähigen Deppen in ihrer Gefolgschaft, an denen sie ihrer Meinung nach gescheitert sind, aber sie glauben doch nicht, dass sie selbst blind waren. Sie werden sich nicht beschweren, dass Gott sie zu falschen Entscheidungen überredet hätte – sie wissen selbst am besten, dass das ihre eigenen Entscheidungen waren, und sie finden sie immer noch richtig. Aber was sie nicht verstehen, das ist: Gott verfolgt seine Ziele durch ihre freien Entscheidungen hindurch.

Um diesen komplizierten Zusammenhang von Gottes Plänen und unseren freien Entscheidungen geht es, wenn Paulus das Bild vom Töpfer nimmt und sagt: der Ton wird sich doch auch nicht beim Töpfer beschweren und sagen: warum hast du aus mir einen Nachttopf gemacht? Ich wäre viel lieber eine Vase geworden, in der jeden Tag Rosen stehen.

Aber der Topf kann sich nicht beschweren, weil Töpfe nicht reden und denken können. Menschen können denken und reden und entscheiden, aber gerade deshalb können sie nicht so tun, als ob sie ein willenloser Tontopf wären, der sich passiv vom Töpfer formen lässt.

Wir haben zwar manchmal das Gefühl, wir wären der Mülleimer für alle andern, aber wenn man genau hinsieht, dann ist das eben kein unentrinnbares Schicksal, sondern irgendwie verhalten wir uns auch so, dass die anderen sich eingeladen fühlen, ihren Schutt bei uns abzuladen. Und wenn Gott sich in unser Leben einmischt, dann geht es gerade nicht so, dass er uns gegen unseren Willen zu irgendetwas zwingt, sondern er arbeitet daran, mindestens einigen die Augen zu öffnen und unseren Horizont zu weiten, so dass wir anders leben. So lange er das nicht tut, können wir uns gar nicht beschweren, dass uns etwas fehlt. Wir wissen da ja noch gar nicht, dass es auch etwas anderes gibt, dass Gott uns befreien und heilen kann.

Gott wirkt auf einer höheren Ebene (für alle, die Fremdwörter lieben: auf einer Meta-Ebene), die wir, wenn wir Gott noch nicht kennen, genauso wenig verstehen wie es der Tonklumpen begreift, weshalb ihn einer auf die Töpferscheibe legt. Das sind unterschiedliche Ebenen, und deshalb ist es auf einer Ebene völlig zutreffend, dass wir uns frei und eigenverantwortlich entscheiden. Wir verfolgen unsere Ziele, wir machen Druck und Hektik, wir fallen auf die Nase oder gewinnen, aber auf der Ebene darüber sorgt Gott dafür, dass seine Ziele auch mit so unsicheren Kandidaten wie uns Menschen erreicht werden. Und auf dieser höheren Ebene können wir nicht mitreden, weil wir nicht die Übersicht haben, die Gott hat. Und trotzdem ist Gott geduldig auch mit unverständigen und widerspenstigen Menschen. Um in dem Bild vom Töpfer zu bleiben: Gott nimmt sich Zeit, auch widerspenstigen Ton geduldig zu formen.

So, das war jetzt sicher nicht einfach. Deshalb fasse ich zusammen:

Paulus hat Gott verteidigt gegen den Vorwurf, er habe seine Leute nicht im Griff – das Gegenargument ist: das sind doch nicht schon deswegen Gottes Leute, bloß weil sie von Abraham abstammen oder in der Mitgliedsliste einer christlichen Organisation stehen.

Paulus hat Gott auch gegen den anderen Vorwurf verteidigt, er sei ungerecht, wenn er sich die einen aussucht und die anderen nicht – das Gegenargument ist: auf unserer menschlichen Ebene läuft alles korrekt, da sind wir die Akteure, wir entscheiden uns frei, nur Gottes Entscheidungen liegen auf der Ebene darüber, die wir gar nicht durchschauen.

Aber, sagt Paulus nun, wenn Gott uns erst einmal die Augen geöffnet hat (und daran arbeitet er ja), dann können wir etwas verstehen: dass nämlich Gott durch die ganzen menschlichen Irrwege und Verwirrungen hindurch sich nicht von seinem Plan abbringen lässt. Unser ganzes Chaos, das wir immer wieder anrichten, das hat er von Anfang an mit eingeplant, damit hat er gerechnet, das kommt ihm nicht unerwartet dazwischen, und deshalb ist alles noch im grünen Bereich.

Denn nun kommt Paulus zu dem Punkt, auf den er von Anfang an hinaus will: dass Gott sich überhaupt Menschen aussucht, mit denen er seine Welt zurückholen will aus Unglück und Verwirrung, das ist das große Wunder. Dass Gott überhaupt Menschen in seine Pläne einbezieht und einweiht.

Und speziell ist Paulus begeistert, dass Gott jetzt sogar die Grenzen des jüdischen Volkes überschreitet, so dass nun auch Heiden mit ins Gottesvolk aufgenommen werden, und man in die Linie Abrahams hinein kommen kann, auch wenn man biologisch nicht von Abraham abstammt. Viele Jahrhunderte lang gab es einen tiefen Graben zwischen Israel und den Völkern, und diese Abgrenzung musste sein, damit Gott sein Volk vorbereiten konnte auf seine Mission. Und jetzt ist Gott so weit, jetzt ist in Jesus Gottes Ziel endlich deutlich geworden ist, jetzt kann man verstehen, worauf das alles hinauslaufen sollte, und deshalb kommen jetzt auch Heiden dazu, jetzt wird das Gottesvolk erweitert, und alles, was sich in Israel entfaltet hat, bis hin zu Jesus, das machen sich jetzt auch Heiden zu eigen und verbreiten es auf der ganzen Welt.

Und so ist es bis heute: die Lebensimpulse und Wahrheiten, die Gott in Israel aufwachsen ließ, die durchdringen die ganze Welt. Die werden sogar von Menschen übernommen, die im Übrigen von Gott nicht viel halten oder die sich an ganz anderen Gottesvorstellungen orientieren. So unterwandert Gott die Menschheit mit seinen Ideen und seinen Leuten.

Und Paulus sagt: guckt in die Bibel, seht nach beim Propheten Hosea, da ist das doch schon vor langer Zeit vorausgesehen: Gott wird auch die berufen, die nicht zu seinem Volk gehörten. Gott hat schon immer alle im Blick gehabt, aber er ist diesen Weg über einen Teil der Menschen gegangen, um eine Alternative aufzubauen, die eines Tages für alle offen ist. Und jetzt ist es soweit, wir sind die Generation, die das erleben darf, sagt Paulus. Jetzt entsteht Gemeinschaft durch Gottes Geist auch quer zu allen biologischen und kulturellen Einteilungen. Und trotzdem sind immer noch nicht alle dabei. Wir denken immer: in der Gemeinde, da müssten alle dabei sein, aber wer ein bisschen im biblischen Denken zu Hause ist, der weiß, dass auch jetzt noch Gott immer mit einem Teil arbeitet. Aber Gottes Weg, der uns spontan so ungerecht erscheint – weil er sich scheinbar willkürlich auf einige Wenige konzentriert –, dieser Weg war sehr effektiv. Und wir sollten vor allem dankbar sein, dass wir ihn mitgehen dürfen.

Trotzdem ist Paulus mit seinen Überlegungen zu Israel noch längst nicht zu Ende. Sie werden noch weitere und größere Kreise ziehen.