Jul 312012
 

Predigt zu Römer 9,1-9 am 29. Juli 2012 (Predigtreihe Römerbrief 28)

Als wir das letzte Mal auf den Römerbrief gehört haben, da waren wir am Höhepunkt der ganzen bisherigen Argumentation angekommen. »Was sollte uns von der Liebe Gottes trennen können?« hat Paulus gefragt. Das war die feste Überzeugung eines Mannes, der die Kerker des römischen Imperiums von innen kannte: die Liebe Gottes in Jesus Christus entfaltet sich gerade in den dunklen Zonen der Welt. Die Liebe Gottes überwindet alle Widerstände. Und er endet mit einem triumphierenden Schlussakkord: die Liebe Gottes ist stärker als alle Dunkelheiten. Man könnte denken: jetzt ist der Brief eigentlich am Ziel und sollte mit einem kräftigen »Amen« enden. Stattdessen geht er noch acht weitere Kapitel weiter.Und nicht nur das, sondern er schlägt jetzt auf einmal deutlich gedämpftere Töne an. Es ist, als ob das alles nur die Vorarbeit war, und jetzt ist Paulus bereit, sich einem Thema zu stellen, das er bisher nur andeutungsweise berührt hat. Und dieses Thema ist die Frage: was ist mit Israel? Warum hat Gottes Liebe, warum hat Jesus es nicht geschafft, Israel mitzunehmen auf diesen neuen Weg, den er eröffnet hat? Warum ist nur ein Teil des jüdischen Volkes diesen Weg mitgegangen? Vielleicht klingt das so, als ob es mit uns wenig zu tun hat. Aber wenn wir es etwas allgemeiner fassen, wird es zu einem Thema, das einem wirklich schlaflose Nächte bereiten kann: Gottes Probleme mit seinem Bodenpersonal. Gott verfolgt seine Ziele mit fehlbaren Menschen. Und wenn einer mit Gott Probleme hat, dann hat er die meistens nicht wegen Gott selbst, sondern mit dem Bodenpersonal. Und nach der triumphierenden Gipfelhöhe des achten Kapitels widmet sich Paulus jetzt ganz schnell wieder den Mühen der Ebene:

1 Ich sage in Christus die Wahrheit und lüge nicht und mein Gewissen bezeugt es mir im Heiligen Geist: 2 Ich bin voll Trauer, unablässig leidet mein Herz. 3 Ja, ich möchte selber verflucht und von Christus getrennt sein um meiner Brüder willen, die der Abstammung nach mit mir verbunden sind. 4 Sie sind Israeliten; damit haben sie die Sohnschaft, die Herrlichkeit, die Bundesordnungen, ihnen ist das Gesetz gegeben, der Gottesdienst und die Verheißungen, 5 sie haben die Väter und dem Fleisch nach entstammt ihnen der Christus, der über allem als Gott steht, er ist gepriesen in Ewigkeit. Amen.
6 Es ist aber keineswegs so, dass Gottes Wort hinfällig geworden ist. Denn nicht alle, die aus Israel stammen, sind Israel; 7 auch sind nicht alle, weil sie Nachkommen Abrahams sind, deshalb schon seine Kinder, sondern es heißt: Nur die Nachkommen Isaaks werden deine Nachkommen heißen. 8 Das bedeutet: Nicht die Kinder des Fleisches sind Kinder Gottes, sondern die Kinder der Verheißung werden als Nachkommen anerkannt; 9 denn es ist eine Verheißung, wenn gesagt wird: In einem Jahr werde ich wiederkommen, dann wird Sara einen Sohn haben.

Wenn wir traurig sind, wenn es etwas gibt, was uns bedrückt und uns weh tut, dann ist es doch manchmal so, dass wir unserer Lage erst wirklich ins Gesicht sehen können, wenn wir an anderer Stelle eine gewisse Sicherheit gewonnen haben. Wer z.B. ein Unglück oder eine Katastrophe miterlebt hat, der realisiert unter Umständen erst viel später, was er verloren hat, später, wenn er in Sicherheit ist, wenn die akute Bedrohung vorbei ist, wenn alles getan ist, was zu tun war und die äußere Lage wieder stabil ist. Und sich wirklich dem Verlust stellen, sich der Traurigkeit stellen, das geht oft erst, wenn unsere Seele wieder so viele Reserven gewonnen hat, dass sie das Gefühl hat: jetzt kann ich mich da ran trauen. Jetzt bin ich stark genug.

Und so ist Paulus mit uns einen langen Weg durch acht Kapitel gegangen, bis er sich und uns so weit hat, dass wir uns dem Thema »Israel« stellen können. Denn das raubt ihm nachts nicht selten den Schlaf. Paulus ahnte damals noch gar nicht, dass das Verhältnis zwischen Christen und Juden viele Jahrhunderte und Jahrtausende lang ein kompliziertes und belastetes sein würde, dass es da noch unendlich viel Feindschaft und Gewalt geben würde. Trotzdem beklagt er mit stärksten Worten, dass Israel als ganzes Volk den neuen Weg Gottes offenbar nicht mitgeht, sondern nur Einzelne wie er selbst. Und er bekräftigt das mit einem massiven Schwur, er sagt: ich meine es ernst, ich rede das im Angesicht Gottes – ich würde meine eigene Verbindung zum Messias Jesus opfern, wenn ich damit mein Volk auf den Weg des Messias bringen könnte. Ganz ähnlich wie Jesus selbst, der auf Jerusalem schaut und weint und sagt: warum erkennst du den Weg des Friedens nicht? – wir haben es vorhin in der Lesung (Lukas 19,41-42) gehört.

Wenn man das schwierige Verhältnis zwischen Juden und Christen irgendwie zu einem guten Ende bringen will, dann muss man auf Vorwürfe und Rechthaberei verzichten; so eine verfahrenen Kiste kann man nur im Geist von Liebe, Trauer und Solidarität irgendwie wieder heil bekommen.

Und Jesus und Paulus reagieren beide genau so, nämlich mit allen Zeichen ehrlicher Trauer. Paulus schaut hier noch einmal zurück auf den langen Weg, den Gott mit Israel gegangen ist: von den Erzvätern an, als Gott Abraham und seine Familie herausrief auf einen anderen Weg, heraus aus Babylon, als er mit ihm einen Bund schloss und ihn zum Stammvater eines neuen Volkes machte, über die Befreiung seiner Nachkommen aus der ägyptischen Sklaverei, als er ihnen am Sinai das Gesetz gab als die Lebensordnung eines freien Volkes, wo es keine Sklaverei mehr gibt und keine Ungleichheit, bis hin zum Leben im Land Israel mit dem Tempel in der Mitte, wo Gottes Herrlichkeit präsent war. Und schließlich die Verheißung eines neuen Himmels und einer neuen Erde, die Verheißung, dass diese Welt nicht auf ewig eine Beute für Sklavenhalter und Machthaber sein wird. Und jetzt noch der Messias, Jesus, der alles mitbrachte, damit diese Verheißungen Gottes endlich Wirklichkeit werden: soll das alles vergeblich sein?

Gott hat über Jahrhunderte und Jahrtausende Israel als Alternative aufgebaut, als Alternative zur Welt der Unterdrückung und Gewalt – sollte diese Alternative jetzt, wo sie endlich ans Ziel gekommen und voll erkennbar ist, doch noch scheitern? Hat Gott seine ganze Mühe fehlinvestiert? War sein Weg mit Israel verlorene Liebesmüh? Dieser lange Weg, auf dem Gott mit seinem Wort sein Volk geformt hat – war das eine Sackgasse? Das sind die Fragen, mit denen sich Paulus herum schlägt. Das eigentliche Problem ist nicht Gott, sondern sein Bodenpersonal.

Vielleicht würden manche sagen: Die Welt ist eben chaotisch, da kommt auch Gott nicht gegen an, vielleicht ist er ja auch irgendwie ein Chaot oder probiert heute dies aus und morgen jenes. Wenn es aber so wäre, dann gäbe es wirklich keine Stabilität, dann würde das Gesetz des Dschungels herrschen, die Stärksten setzen sich durch, und wir sollten uns möglichst schnell gut stellen mit denen, die die meiste Macht haben.

Aber das ist genau die Möglichkeit, die den Juden wie den Christen nicht offen steht. Zum Kern unseres Glaubens gehört die Überzeugung, dass Gott nicht rumchaotisiert, sondern dass er gegen alle menschliche Verwirrung seine Welt doch zu einem guten Ziel hinsteuert. Dass er auch vor dem Unrecht und dem Chaos, das wir immer wieder anrichten, nicht kapituliert, und dass es richtig ist, darauf zu vertrauen. Dass es richtig ist, nicht mit den Wölfen zu heulen.

Und deshalb schaut sich Paulus die alten Geschichten noch einmal neu an: wie ein Detektiv, der die verstaubten Akten eines ungelösten Falles aus dem Keller holt und ihn noch einmal aufrollt, aber diesmal mit den neuesten Mitteln der Kriminaltechnik. In diesem Fall schaut Paulus mit den Erkenntnissen von Römer 8 zurück auf die Geschichte Israels, er benutzt sozusagen als Brille die Entdeckung der unbesiegbaren Liebe Gottes.

Und was entdeckt er da? Gott hat schon immer nur mit einem Teil gearbeitet: Er hat Abraham als einen Teil der ganzen Menschheit berufen, und er hat dann auch nur mit einem Teil der Nachkommen Abrahams weitergemacht. Gott will allen helfen, aber er tut das immer durch wenige, durch eine Minderheit.

Es gab da ja diese Geschichte, wo Abraham und seine Frau Sara den Mut verloren und nicht mehr glaubten, dass es sich lohnen würde, auf den verheißenen Sohn zu warten. Stattdessen gab Sara ihrem Mann die Sklavin Hagar, damit die sozusagen als Leihmutter ein Kind für sie zur Welt bringen sollte. Und so wurde Abrahams erster Sohn Ismael geboren. Aber der war im Grunde ein Zeichen des Unglaubens, zu dem kam es, weil Abraham und Sara dachten, sie müssten Gott mit Trick 17 auf die Sprünge helfen. Aber Gott sagte: das ist nicht der Sohn, den ich euch versprochen habe. Ich habe euch beiden einen richtigen Sohn versprochen, und dieses Versprechen halte ich. Und schließlich wurde wirklich Isaak geboren, als echtes Kind von Abraham und Sara. Und die Geschichte des Volkes Gottes läuft dann über Isaak, den Sohn der Verheißung, und nicht über den Sohn von Trick 17.

Und wenn Paulus sich so die Geschichte des Volkes Gottes mit neuen Augen anschaut, dann entdeckt er: das war ja eigentlich immer so, dass Gott seinen Weg nur mit einem kleinen Teil seines Volkes gegangen ist. Immer wieder stößt man da drauf: Als Mose oben auf dem Berg Sinai von Gott die Gesetzestafeln bekam, was machten da die anderen? Sie tanzten um das Goldene Kalb. Als Israel unter den Königen reich und mächtig wurde und sich Götzen im Tempel Gottes aufstellte, wo war da die Gottes Wahrheit? Bei den verfolgten Propheten. Und Jesus mit seinen Jüngern blieb ebenfalls eine Minderheit.

Und wenn wir aus unserer Perspektive in die Geschichte der Kirche schauen, da gab es auch immer wieder eine mächtige Staatskirche, die prunkvolle Kirchen und Paläste baute, aber Gottes Geist lebte bei kleinen Gruppen, die oft genug missachtet oder verfolgt wurden. Es scheint so zu sein: immer wenn irgendwer sich auf die Fahnen schreibt »wir sind die real existierende Kirche und niemand sonst«, »wir sind die offizielle Agentur des Himmels auf Erden«, dass Gott dann irgendwo in einem verborgenen Winkel mit ein paar unbedeutenden Leuten neu anfängt: mit Franz von Assisi und Martin Luther, mit Ludwig von Zinzendorf oder Martin Luther King, mit Menschen, die von den etablierten Kircheninstitutionen mindestens mit großer Skepsis betrachtet werden.

Im Nachdenken über Gottes Handschrift in der Welt entdeckt Paulus also etwas ganz Wichtiges: es ist überhaupt nichts Beunruhigendes daran, in der Minderheit zu sein. Im Gegenteil, da ist man in guter Gesellschaft: mit den Propheten Israels, mit Jesus und den Aposteln und mit vielen anderen guten Christen, denen der Geist Gottes wichtiger war als eine mächtige Kirchenorganisation. Der jüdische Philosoph Ernst Bloch hat das mal so ausgedrückt, dass er sagte: das Beste an der Religion ist, dass sie Ketzer hervorbringt.

Es gibt natürlich auch die Minderheit der Spinner und Fanatiker, und bei denen ist man in keiner guten Gesellschaft. Minderheit zu sein ist noch kein Beweis für die Wahrheit. Aber erst recht gilt: bloß weil irgendwo draufsteht »wir sind die wahre, real existierende Kirche« oder »wir sind das echte real existierende Israel«, deswegen muss das noch lange nicht stimmen. Es kommt nicht auf das Etikett auf der Schublade an, sondern auf den Geist, der darin herrscht. Leider passiert es oft genug, dass Menschen einer unglaubwürdigen Kirche begegnen, die an der Seite der Mächtigen steht, Verbrechen deckt oder Gewalt gutheißt, und dann sind sie enttäuscht, sie kommen nicht zurecht damit, dass sie anscheinend einem falschen Etikett geglaubt haben, dass ihr Vertrauen missbraucht worden ist, und dann glauben sie am Ende gar nichts mehr.

Da ist es gut, von Paulus diese Unterscheidung zu lernen: nicht alle, die offiziell dazugehören, sind auch echte Mitglieder der Familie. Nur was aus der Verheißung Gottes geboren ist, das gehört in Gottes Augen zu seinem Volk. Nur was durch Gottes Geist ins Leben gerufen ist, das spiegelt ihn wirklich wider. Es reicht nicht, auf das Etikett zu schauen, wir müssen schon unsere ganze Urteilskraft bemühen. Und selbst dann können wir noch auf die Falschen reinfallen. Menschen ersetzen Gottes Geist oft durch viel Wirbel, durch Mätzchen oder durch Geld und Macht. Da kann nichts bei herauskommen, und wir sollten uns darüber wirklich nicht wundern.

Das ist aber nur die erste vorläufige Antwort, die Paulus auf die Frage nach dem real existierenden Israel gibt. Weitere werden folgen.

Jul 232012
 

Predigt am 22. Juli 2012 mit Lukas 9,10-17

10 Als die Apostel zu Jesus zurückkamen, berichteten sie ihm alles, was sie getan hatten. Danach nahm Jesus sie mit sich und zog sich ´in die Nähe` der Stadt Betsaida zurück, um mit ihnen allein zu sein. 11 Aber die Leute merkten es und folgten ihm in großen Scharen. Jesus wies sie nicht ab, sondern sprach zu ihnen über das Reich Gottes; und alle, die Heilung nötig hatten, machte er gesund. 12 Als es auf den Abend zuging, kamen die Zwölf zu ihm und sagten: »Schick die Leute fort, dann können sie in die umliegenden Dörfer und Gehöfte gehen und dort übernachten und etwas zu essen bekommen. Hier sind wir ja an einem einsamen Ort.« 13 Jesus erwiderte: »Gebt doch ihr ihnen zu essen!« – »Wir haben fünf Brote und zwei Fische, mehr nicht«, entgegneten sie. »Oder sollen wir uns etwa auf den Weg machen und für alle diese Leute Essen kaufen?« 14 (Es waren etwa fünftausend Männer dabei.) Da sagte Jesus zu seinen Jüngern: »Sorgt dafür, dass sich die Leute in Gruppen von je etwa fünfzig lagern.« 15 Die Jünger taten, was Jesus ihnen gesagt hatte. Als alle sich gesetzt hatten, 16 nahm Jesus die fünf Brote und die zwei Fische, blickte zum Himmel auf und dankte Gott dafür. Dann zerteilte er die Brote und die Fische und ließ sie durch die Jünger an die Menge verteilen. 17 Und alle aßen und wurden satt. Am Schluss wurde aufgesammelt, was sie übrig gelassen hatten – zwölf Körbe voll.

Wenn Jesus unter uns ist, dann bringt er mit sich die Kraft der neuen Schöpfung. Und die Menschen sehnen sich nach dieser Kraft des Lebens und des Segens, auch wenn sie nicht genau wissen, was das eigentlich ist und wie es zusammen hängt. Aber dafür gehen sie meilenweit.

Eigentlich wollte Jesus eine Ruhepause haben. Er hatte seine Jünger losgeschickt, damit sie überall das Evangelium vom Reich Gottes hinbringen. Das hatte Wellen geschlagen, sogar am königlichen Hof begann man, sich Gedanken zu machen über diesen neuen Propheten. Eigentlich brauchte Jesus dringend Zeit, um mit den Jüngern zu reden, zu beten, nachzudenken. Aber ihm bleibt nur die allernötigste Zeit; kaum haben die Leute herausgefunden, wo er ist, schon sind sie alle wieder da. Es ist sicher ganz hilfreich für uns, wenn wir wissen, dass Jesus kein geruhsames Leben geführt hat. Er hatte viele von diesen Tagen, an denen man gerade so rum kommt, wo nicht alles so ordentlich zu Ende gebracht werden kann, wie man sich das eigentlich wünscht.

Natürlich hat er sich immer wieder Zeiten reserviert, um allein mit den Jüngern zu sprechen, allein mit Gott zu sprechen. Aber er musste das gegen gewaltigen Druck tun, er musste oft zur List greifen, um diesen Freiraum zu haben, und in dieser Geschichte sehen wir, wie er dann auch sagt: gut, wir haben das Nötigste besprochen, es muss jetzt reichen. Und es hat gereicht.

Diese ganzen vielen Menschen, die meilenweit zusammenströmten, sogar irgendwo in der Einöde, in der Wüste, bei denen erkannte er eine Hoffnung, eine Erwartung, die er nicht enttäuschen wollte. Die Suche nach der guten, gelingenden, gesegneten Welt ist eine der stärksten Antriebe, die Menschen bewegt. Ein großer Teil unserer Wirtschaft lebt davon, dass uns gesagt wird: kauf dies, nimm an jenem teil, und dann kommt die gesegnete Welt zu dir.

Hier bei Jesus sehen wir das Original. Jesus bringt mit sich die Segenskraft Gottes, er öffnet eine Tür in die verborgene Seite der Welt, er stellt eine Verbindung zum Himmel her, wo Gottes Fülle jetzt schon präsent ist, und dann fließt die Fülle des Lebens in unsere Welt hinein und heilt die misshandelte, zerbrochene Schöpfung. Und wenn Menschen dieses Original entdecken, wenn sie aufhören, sich von teuren Imitationen etwas zu versprechen, wenn sie alles tun, um mit der Welt Gottes in Berührung zu koStraßemmen, das ist ein ganz hoffnungsvoller Augenblick. Und Jesus lässt ihn nicht verstreichen.

Er redet zu den Menschen – Worte sind nichts Schwaches oder Leeres, sondern wir konstruieren mit ihnen unsere ganze Art zu leben. Worte und Gedanken können Gefängnisse sein, aus denen wir nicht rausfinden, aber sie können auch Türen zur Freiheit sein. Und hier in der Einöde baut Jesus mit seinen Worten für die Menschen eine neue Welt. Hier sind mal keine Kritiker, mit denen er sich auseinandersetzen muss, hier sind die Menschen weit weg von den Abhängigkeiten und Sorgen, in denen sie sonst stecken. Hier ist es viel leichter, sich vorzustellen, dass die Welt auch noch ganz anders sein könnte, als man sie kennt. Hier kann man leichter glauben, dass die sichtbare Seite der Welt nicht alles ist; sondern die Welt ist größer und weiter und gesegneter, als es uns die Herren und Mächte weismachen wollen, die in dieser Welt das Sagen haben.

Deswegen haben Pilgerfahrten immer zu den geistlichen Übungen gehört, weil man da für einige Zeit herauskommt aus dem engen Gehäuse des Lebens, in dem man die meiste Zeit so drinsteckt, dass man es noch nicht einmal merkt. Überhaupt, alle geistlichen Übungen und Praktiken, Gottesdienst, Gebet, Gruppen, was auch immer – der Sinn dabei ist, dass wir merken: es gibt noch viel mehr als das, was sich uns Tag für Tag als unabweisbar aufdrängt.

Und aus dieser verborgenen Welt des Segens, aus dem Himmel, da kommen dann Lebenskräfte Gottes hinein in unsere Welt, und sie verändern hier das, was wir als Realität kennen. Da werden Menschen geheilt, an der Seele, ja, aber eben auch am Körper, durch Worte und Gesten. Das kennen die Jünger schon, das haben sie gerade selbst ausprobiert, als Jesus sie ausgesandt hat.

Aber heute sollen sie noch mehr lernen. Wenn es um die Versorgung dieser 5000 Leute geht, da meinen die Jünger: dieses Problem ist auch für uns eine Nummer zu groß. Jesus, sag ihnen, dass sie nicht von uns erwarten können, dass wir uns auch noch darum kümmern. Lass sie rechtzeitig gehen, damit sie sich etwas besorgen können. Hier gelten einfach die Gesetze des normalen Lebens.

Ich weiß nicht, ob die Jünger in diesem Moment daran gedacht haben, dass es auch früher schon einmal so eine Situation gab, wo viele Menschen in der Wüste Nahrung brauchten. Als Mose Israel aus der ägyptischen Sklaverei in die Freiheit führte, damals hatte Gott ihnen das Manna gegeben, von dem sie jahrelang satt wurden. Aber das waren damals schon alte Geschichten aus grauer Vorzeit.

Jesus wiederholt das nicht einfach, aber er sorgt auch in dieser Sache dafür, dass die neue Schöpfung in unsere Welt hinein durchbricht. Er lässt Tischgemeinschaften bilden, er nimmt von den Jüngern die wenigen Brote und Fische, die gerade da sind, er spricht das Dankgebet, er bricht das Brot, also: er teilt es in Stücke – das sind übrigens alles Worte, die schon an das Abendmahl erinnern. Und dann lässt er die Jünger das austeilen, und alle werden satt.

Man kann sich das so erklären, dass viele von den Menschen etwas zu essen dabei hatten, und als Jesus mit dem Teilen begonnen hat, da haben sie es ihm dann nachgemacht, und es reichte für alle. Und auch das wäre eine große Sache gewesen. Lukas hat in der Apostelgeschichte beschrieben, wie genau das später in der ersten Gemeinde in Jerusalem geschehen ist. Wir haben es vorhin in der Lesung (Apostelgeschichte 2,42-47) gehört: Alle haben zusammengelegt, und es gab keine Armut unter ihnen. Das war eines der stärksten Signale, die die frühen Christen in ihre Umwelt ausgesandt haben.

Aber derselbe Lukas erzählt hier die Geschichte von der Speisung in der Einöde ganz anders. Er sagt zwar auch nicht genau, wie aus fünf Broten und zwei Fischen Essen für 5000 Leute geworden ist, es bleibt in seinen Einzelheiten verborgen. Aber Lukas war doch wohl der Meinung, dass hier noch etwas Größeres geschehen ist als später unter den Christen von Jerusalem. Es war ein Aufblitzen der voll erneuerten Schöpfung und der Macht eines voll erneuerten Menschen in ihr. So wie diese andere Geschichte, als Jesus auf dem Wasser ging, mitten in Sturm und Wellen. Das ist ganz weit jenseits unserer Vorstellungskraft, aber wir sehen daran, dass unsere Vorstellungskraft eben nicht das Maß aller Dinge sein sollte. Wir müssen auch nicht erwarten, dass bei uns nun dauernd solche Dinge passieren. So eine Speisungsgeschichte oder ein Wandeln auf dem Wasser wird uns aus der ganzen frühen Christenheit nicht wieder berichtet. Das hören wir nur von Jesus.

Aber wir hören eben genug Geschichten über erstaunliche Dinge, die genau in diese Richtung weisen: Gemeinden, die es schaffen, ihren Besitz zusammenzulegen, sich gegenseitig zu unterstützen, wo Menschen aus x-verschiedenen Kulturen friedlich an einem Tisch gemeinsam satt werden. Das ist vielleicht nicht ganz so sensationell wie die Speisung der 5000, aber wer daran herummäkelt, der soll doch erstmal das mit dem Teilen hinkriegen, und dann reden wir weiter. Und Paulus z.B. sieht es auch als Auswirkung des Segens Gottes an, dass er es schafft, mit seiner Hände Arbeit sich und seine Gefährten zu ernähren und auch noch das Evangelium zu predigen, und nicht darunter zusammenzubrechen.

All diese Geschichten sagen: Gott versorgt. Manchmal so und manchmal so. So wie die Heilungswunder sagen: Gott heilt – manchmal durch barmherzige Menschen, die dich pflegen und versorgen, und manchmal durch Gebet, und manchmal durch eine undurchschaubare Mischung. Und bevor wir die ganz großen Wunder verlangen, sollten wir damit anfangen, von Gott zu erwarten, dass er unsere kleinen Bemühungen segnet und uns wenigstens die Kraft gibt, nicht zusammenzubrechen, wenn es stressig wird. Jesus nimmt diese kleineren Dinge, so wie er die Brote und Fische der Jünger nimmt, und er macht mehr aus diesem kleinen Anfang. Vielleicht kannst du die Straße wirklich nicht bis zum Ende gehen, aber die ersten Schritte solltest du auf jeden Fall tun, so gut und so entschlossen, wie du es nur irgend kannst, und dann siehst du, was Jesus damit macht.

Denn eins sagen diese Geschichten alle: wenn Gott versorgt, dann macht er das immer in Zusammenhang mit menschlicher Solidarität. Paulus arbeitet für seine Gefährten, die ersten Christen teilen miteinander, und auch bei der Speisung achtet Jesus darauf, dass die Menschen in überschaubaren Gruppen organisiert sind. Jesus sorgt dafür, dass Menschen sich zusammenschließen, dass sie sich organisieren um diese Quelle des Segens herum. Das wird im Abendmahl ganz deutlich: sie sitzen um einen Tisch, sie essen miteinander, sie teilen und alle werden satt. Sie sind verbunden über Kulturschranken hinweg, sie bilden einen sichern Ort, wo man nicht Sorge haben muss, dass man angegriffen oder ausgenutzt wird.

Und die Mitte von all dem sind das Brot und der Wein, die Jesus mit seinen Worten verbindet, nein, mehr: mit seiner ganzen Existenz. Die Mitte, um die sich alle versammeln, das ist dieser Segensquell, der Ort, wo die neue Welt präsent ist und ihren heilsamen Einfluss auf das ganze Leben ausübt. Daraus fließen Solidarität, Heilung, Hoffnung, Weisheit, Durchblick und viele andere gute Dinge.

Menschen werden normalerweise von anderen organisiert. Könige wie Herodes oder Chefs und Familienoberhäupter sorgen dafür, dass Menschen gemeinsam die Aufgaben des Lebens angehen. Sie selbst und viele andere glauben, dass sie unersetzlich sind, weil es sonst ja nur Chaos gäbe, und das ist nicht ganz falsch. Aber am Tisch Jesu lernen Menschen, selbständig zusammen zu sein, sich zu organisieren, auf die Schwachen zu achten und zu teilen. Wo die erneuerte Schöpfung die Mitte ist, da wachsen Menschen über sich hinaus, sie werden unabhängig von anderen, sie werden mitten in der Wüste des Lebens versorgt und können sogar noch anderen abgeben. Selbst wenn eines Tages unsere Sozialversicherungssysteme kaputt gespart worden sind, dann wird es Gemeinden geben, in denen Solidarität gelebt wird. Wir können gar nicht früh genug damit anfangen, das miteinander zu üben. Auch wenn wir die Straße nicht bis zum Ende gehen – wer kann denn jetzt schon sagen, wieviel Schritte wir noch schaffen?

Die erneuerte Schöpfung in unserer Mitte, Jesus, ist immer noch größer als das, was wir verstehen und bewegen. Aber er nimmt das Kleine, was wir ihm anvertrauen, er macht Größeres daraus, und er gibt es uns wieder zurück, damit wir damit vielen Menschen dienen können.

Jul 192012
 

Was „emerging church“ eigentlich ist, das ist innerhalb der Bewegung immer wieder Gegenstand von Diskussionen. Da ist es schön, wenn man sich auch mal von anderen etwas dazu sagen lassen kann.

Die Evangelische Zentralstelle für Weltanschauungsfragen bringt in der neuesten Ausgabe ihres Materialdienstes (7/2012) einen Beitrag zum Thema „Die Emerging Church“. Verfasst ist er von Anika Rönz, Studentin der Religionswissenschaft in Marburg, die im Frühjahr 2012 ein Praktikum in der EZW gemacht hat.

Rönz beschreibt die Emerging Church (EmCh)  als „dezentrale, konfessions- und nationenübergreifende christliche Bewegung, die sich konstruktiv mit den Bedingungen der Postmoderne auseinandersetzen will, um Wege zu finden, unter diesen Bedingungen einen zeitgemäßen und zugleich evangeliumsnahen Glauben zu leben“. Tobias Faix wird mit den Worten zitiert, die EmCh sei „eine dynamische Bewegung inmitten des gesellschaftlichen Wandels“.

Zur Beschreibung der postmodernen Problematik wird der Aufsatz „Kurze Geschichte der Postmoderne“ von Tobias Künkler herangezogen. Als praktische Folgerungen aus dem EmCh-Ansatz werden benannt:

  • Bildung netzwerkartiger Strukturen
  • Interaktion und Beteiligung von Gemeindegliedern
  • Veranstaltungen an nichtkirchlichen Orten

Rönz greift eine Einteilung Ed Stetzers auf, der in der EmCh drei unterschiedliche Strömungen unterscheidet: der ersten geht es nur um zeitgemäße Umsetzung klassisch-evangelikaler Inhalte, der zweiten (den „Rekonstruktionisten“) um neues, nicht-traditionelles Denken, während die „Revisionisten“ tiefgreifende Veränderungen in Theologie und Lebensvollzug anpeilen.

Als übergreifende theologische Anliegen benennt Rönz die Orientierung an Jesus und die Betonung der Inkarnation, die die Trennung sakral/weltlich überwindet und damit eine Öffnung zur Gesellschaft auch theologisch begründet; sowie ein „missionales“ Selbstverständnis, das an biblisch-hebräisches ganzheitliches Denken anknüpft.

Als exemplarische Kritiker werden benannt Rudolf Ebertshäuser und Ron Kupsch. Rönz beobachtet, dass unsachliche Kritik von der EmCh eher ignoriert wird, die Auseinandersetzung mit konstruktiver Kritik jedoch zur Dynamik innerhalb der Bewegung beiträgt.

In der Schlussbewertung akzentuiert die Autorin die schwierige Einordnung der EmCh als einerseits evangelikale, andererseits aber zentralen evangelikalen Positionen widersprechende Bewegung. Zukunftsprognosen seien schwierig zu stellen. „Noch ist die Bewegung keine bestimmende Größe innerhalb des Spektrums christlicher Ausprägungen. Sie kann aber keinesfalls als unbedeutende Randgruppe … angesehen werden.“

Das klingt doch gar nicht so schlecht.

Jul 172012
 

Predigt zu Römer 8,31-39 am 24. Juni 2012 (Predigtreihe Römerbrief 27)

31 Was können wir jetzt noch sagen, nachdem wir uns das alles vor Augen gehalten haben? Gott ist für uns; wer kann uns da noch etwas anhaben? 32 Er hat ja nicht einmal seinen eigenen Sohn verschont, sondern hat ihn für uns alle hergegeben. Wird uns dann zusammen mit seinem Sohn nicht auch alles andere geschenkt werden? 33 Wer wird es noch wagen, Anklage gegen die zu erheben, die Gott erwählt hat? Gott selbst erklärt sie ja für gerecht. 34 Ist da noch jemand, der sie verurteilen könnte? Jesus Christus ist doch ´für sie` gestorben, mehr noch: Er ist auferweckt worden, und er ´sitzt` an Gottes rechter Seite und tritt für uns ein. 35 Was kann uns da noch von Christus und seiner Liebe trennen? Not? Angst? Verfolgung? Hunger? Entbehrungen? Lebensgefahr? Das Schwert ´des Henkers`? 36 ´Mit all dem müssen wir rechnen,` denn es heißt in der Schrift: »Deinetwegen sind wir ständig vom Tod bedroht; man behandelt uns wie Schafe, die zum Schlachten bestimmt sind.« 37 Und doch: In all dem tragen wir einen überwältigenden Sieg davon durch den, der uns ´so sehr` geliebt hat. 38 Ja, ich bin überzeugt, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch ´unsichtbare` Mächte, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, noch ´gottfeindliche` Kräfte, 39 weder Hohes noch Tiefes, noch sonst irgendetwas in der ganzen Schöpfung uns je von der Liebe Gottes trennen kann, die uns geschenkt ist in Jesus Christus, unserem Herrn.

Ich weiß nicht, ob Ihnen aufgefallen ist, dass in den Texten heute das Leid und die Herrlichkeit ganz eng beieinander liegen. Vorhin im Evangelium (Johannes 16,33 – 17,4), wenn Jesus davon redet, dass jetzt seine Herrlichkeit offenbart werden soll, dann meint er damit, dass er jetzt gekreuzigt werden wird. Und genau an dieser finstersten Stelle der Welt wird die Herrlichkeit Gottes aufstrahlen. Weil Jesus nämlich auch dort noch ein Mensch des Himmels bleibt.

Und hier im Römerbrief Paulus, der wusste, wovon er redet, wenn er über Verfolgung, Hunger, Gefahr, zerstörerische Mächte und das Schwert des Henkers redet. Das war für ihn ganz konkret. Der kannte die Kerker des römischen Imperiums von innen. Aber der Zusammenhang, in dem er davon redet, das ist wie ein triumphierender Fanfarenstoß, mit dem er die erste Hälfte des Briefes abschließt: Ich bin felsenfest überzeugt, dass nichts, aber auch gar nichts uns trennen kann von der Liebe Gottes, die zu zu uns gekommen ist in Jesus Christus, unserem Herrn, dem König der Welt.

Und da könnte einer fragen: wie passt das zusammen mit all der Not, Angst und Verfolgung, die Paulus ja wahrhaftig reichlich erlebt hat? An sich selbst, und bestimmt auch bei anderen? Wie kann man da von der Herrlichkeit Gottes reden?

Aber ich stelle jetzt erstmal die Gegenfrage: wo anders kann man glaubwürdig vom Triumph der Liebe Gottes reden, als in der Gegenwart von Gefahr und Schmerz?

So lange es dir gut geht und alles nach Plan läuft, wenn du da Hymnen auf die Liebe Gottes singst, dann sagen Leute zu Recht: na, warte mal ab, bis du so richtig in der Patsche sitzst, ob du dann noch so vollmundig von Gott sprichst.

Wenn aber einer die Kerker von innen kennt, und dann trotzdem und erst recht von der Macht der Liebe Gottes spricht, dann ist das ein Wort, das Gewicht hat. Dann ist das nicht der religiöse Sahneklecks oben drauf, sondern dann merkt man: der hat überlebt, weil er die Liebe Gottes kannte. Der kennt den Nahkampf mit den Mächten der Zerstörung, die unsere Welt immer wieder überfallen. Und er weiß, was dann echte Hilfe ist und was nur Schönwettergerede ist.

Ganz ähnlich ist es doch mit diesem Gedicht »Von guten Mächten wunderbar geborgen«. Das ist im Nazigefängnis entstanden, Sylvester 1944, schon in der letzten Phase des Krieges, vier Monate, bevor Bonhoeffer ermordet wurde. Es ist wohl das vorletzte Schriftliche, was wir von Bonhoeffer haben.

Wenn man das nicht wüsste, könnte man sagen: wie kann der so was behaupten? »Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost was kommen mag«? In was für einer rosaroten Welt lebst du eigentlich? Frag lieber Gott, weshalb er all die Gewalt und das Leid in der Welt zulässt!

Aber dieses Gedicht, dieses Lied ist entstanden mitten zwischen Luftangriffen, bei spärlicher Gefängniskost, während in den Nachbarzellen Menschen weinten und manchmal im Morgengrauen abgeholt wurden und ihren letzten Gang antreten mussten. Und am Ende ist Bonhoeffer mutig dem Galgen entgegengegangen und hat gesagt: das ist für mich das Tor zum neuen Leben. Und dann hört man dieses Gedicht mit ganz anderen Ohren. Dann fragt man sich: was hat dieser Mann erlebt, dass er dort im Herzen der Finsternis solche wohlgestalteten Gedichte schreiben kann? Aus den Jahren davor gibt es viel kunstvollere Gedichte, es gibt auch Gedichte, in denen seine ganze Zerrissenheit zum Ausdruck kommt, aber dieses letzte Gedicht ist auch von der Form her ganz einfach, gerade, harmonisch und schön. Der muss sich am Ende ganz sicher gewesen sein. Der muss da etwas gefunden haben, was nur dort zu finden war: »behütet und getröstet wunderbar«. Ein helles Licht mitten in der Dunkelheit. Und damit hat er Tag für Tag seine Mitgefangenen getröstet, hat den Wächtern beigestanden, die auch alle das Herz in der Hose hatten, wenn die Bomben fielen, hat am letzten Tag noch auf Wunsch eines russischen Kommunisten eine Andacht gehalten, hat ziemlich sicher gewusst, dass die Nazis ihn nicht überleben lassen würden, und als es so weit war, hat er den Kelch des Todes entgegengenommen aus Gottes guter und geliebter Hand.

Bonhoeffer und Paulus und all die anderen großen Nachfolger Jesu, die mit ihm ins Herz der Finsternis vorgedrungen sind, die senden uns anderen die Botschaft, dass auch dort die Liebe Gottes zu finden ist, und dass sie gerade dort zu finden ist. Und sie sagen das mit diesem triumphierenden Klang: nichts, aber auch gar nichts, kann Gott daran hindern, uns seine Liebe zu erweisen. Nichts kann gegen Gott und seine Liebe bestehen: nicht die Mächte und Herren der Welt, nicht die bösen Vergangenheit, nicht die Zukunft, um die wir uns Sorgen machen, kein Geschöpf des Himmels oder der Erde – nichts kann uns scheiden von der Liebe Gottes.

Das ist die Wahrheit, die in den Kerkern erprobt worden ist. Und die lässt Paulus noch immer jubeln. Denn wenn die Liebe Gottes selbst da real ist, dann ist sie überall real, für uns alle, jeden Tag. Gott will uns das geben. Dazu hat er doch Jesus in diese gefährliche Welt geschickt. Und Paulus sagt: wenn Gott das alles schon getan hat, sollte er sich jetzt plötzlich noch anders besinnen? Sollte er jetzt einen Rückzieher machen und sagen: nein, das verdienst du vielleicht gar nicht – ich muss erst mal ein ernstes Wort mit dir reden? Sollte er jetzt noch an irgendeiner Stelle knausern? Wer kann es jetzt noch wagen, Gottes Leuten ein schlechtes Gewissen zu machen? Wer traut sich jetzt noch, Gottes Leuten naseweise gute Ratschläge zu geben?

Gestern abend hatte ich so einen am Telefon. Nachdem wir hier die Woche über schwer gearbeitet haben, kommen jetzt die Trittbrettfahrer. »Bruder Walter« sagte er mit ernster Stimme. Dramatische Pause. »Ich möchte mit dir über Gott sprechen«. Ich war so verdutzt, dass ich ganz vergessen habe, ihn auszulachen. Stattdessen habe ich gesagt: »Das passt jetzt aber nicht. Ich muss noch die Predigt für morgen schreiben.« »Bruder Walter« sagte er, »warum bist du so erzürnt?« Und ich hab gesagt: »ok, das war’s dann wohl« und hab aufgelegt.

Wenn du Gott kennst, dann kannst du alle auslachen, die versuchen, dich zu verunsichern und damit bei dir einen Fuß in die Tür zu bekommen. Weil du so deutlich merkst, dass das nicht Gott ist. Gott ist viel zu souverän, um bei uns mit solchen Tricks zu arbeiten.

Jesus Christus hat den Himmel und die Erde wieder verbunden. Sein Kreuz, an dem er gestorben ist, bis zuletzt als ein Mensch des Himmels, ausgerechnet dieses Kreuz ist der Punkt, wo sich Himmel und Erde wieder berühren, und jetzt sitzt er an Gottes rechter Seite, und er sieht uns mit unserem anfangsweisen Glauben, mit unserem verunsicherten Glauben, mit unserem ungeübten Glauben, mit unserem verwirrten Glauben, mit unserem noch längst nicht zu Ende gedachten Glauben, und er tritt bei Gott für uns ein und sagt: gib ihm Zeit, gib ihr einen neuen Impuls, sieh nicht auf das, was sie heute sind, sondern auf das, was morgen aus ihnen werden soll. Die sind doch unterwegs, die einen sind ganz am Anfang und die anderen sind schon ein Stück voran, aber sie sind auf dem richtigen Weg, die Richtung stimmt, und jetzt tu alles dafür, dass sie nicht zehn Jahre auf der Stelle treten, sondern stoß sie liebevoll an, dass sie voran gehen. Schick ihnen Herausforderungen, schick ihnen Trost, schick ihnen deine Engel, schick ihnen den Heiligen Geist, segne diese Samenkörner, damit sie wachsen. Und behüte sie vor den Schlaumeiern, die diesen sich entfaltenden Glauben verunsichern und kontrollieren wollen.

Wir sollen wissen, dass die ganzen Kräfte der unsichtbaren Welt aufgeboten sind, um uns an unser Ziel zu geleiten. Und dann wird auch mitten im Herzen der Finsternis, mitten unter Schmerzen und Bedrängnissen, dieses neue Lied gesungen werden. Das ist der Kern aller Hoffnung, das ist der tiefste Grund, weshalb Christen immer mutig dorthin gegangen sind, wo viele andere sich nicht hin getraut haben. Auch dort ist Gottes Liebe zu finden. Sie ist überall in der Welt, aber es muss Menschen geben, die es wagen, dort hinzugehen und sie sichtbar werden zu lassen.

Darum geht es in der Nachfolge Jesu: dass dieser eine Punkt, wo Himmel und Erde wieder in Verbindung gekommen sind, das Leben und das Kreuz Jesu, dass dieser Punkt nicht ein Punkt bleibt, sondern dass er sich ausdehnt und überall Verbindungen geknüpft werden zwischen der sichtbaren und der unsichtbaren Welt, und manchmal auch da, wo keiner es erwartet hätte.

Und wer da dabei sein darf, wer das miterleben kann, wenigstens an einem Punkt, der versteht, weshalb Paulus zwischen Sorgen und Bedrängnissen jubelt und so etwas schreibt wie eine Symphonie aus Worten, die hier ihrem Höhepunkt zustrebt, wo sich alle vorherigen Melodien bündeln und in einem großen triumphierenden Schlussakkord zusammen finden.

Jul 132012
 

Predigt im Trauergottesdienst für Pia, Noah, Lean und Lio am 23. Juni 2012

In der Nacht zum 15. Juni 2012 wurden in unserer Gemeinde vier Kinder vom eigenen Vater getötet. Dies ist die Ansprache aus dem Trauergottesdienst am 23. Juni. Sie folgte auf eine Erinnerung an die vier Kinder, die durch große Porträts vertreten waren.
Wir sind hier beieinander, weil in unserem Ort ein großes Unheil geschehen ist, das uns alle erschreckt und erschüttert hat. Wir sind daran erinnert worden, dass es in unserer Welt entsetzliche Dunkelheiten gibt, von denen wir nichts geahnt haben. Sie wohnen verborgen in menschlichen Herzen, manchmal direkt neben uns. Und wir haben es nicht gewusst.Jesus hat gesagt, dass alles Unheil im menschlichen Herzen beginnt. Da wohnen die Enttäuschungen, die Ängste, die Verletzungen, und manchmal mischt sich das alles, und daraus wird Wut und der Wunsch zu zerstören. Ich glaube nicht, dass irgendeiner und irgendeine von uns davor sicher ist. Aber bei den Allermeisten von uns geht das vorüber – Gott sei Dank! – und irgendwann erinnern wir uns noch nicht einmal mehr selbst daran.

Aber dann gibt es diese wenigen, schrecklichen Augenblicke, in denen mörderische Gedanken es schaffen, zur Realität zu werden, zur Tat. Und warum das jetzt ausgerechnet hier unter uns geschehen ist, das kann keiner sagen. Natürlich wird es Gründe dafür geben, vielleicht wird es irgendwann eine Gerichtsverhandlung geben, die Erklärungen zu Tage fördert. Aber im Ernst: müssen wir das wirklich wissen, müssen wir das in allen Einzelheiten wissen?

Ich glaube, für die Allermeisten von uns reicht es aus, zu wissen, dass wir alle auf unser Herz achten müssen, damit darin das Leben wohnt und nicht der Tod. Wir müssen uns nicht so direkt der Begegnung mit dieser grauenvollen Tat aussetzen wie die Polizisten und Rettungskräfte, die das für uns alle tun und denen wir dafür wirklich ganz großen Dank schulden. Wir sind auch nicht verpflichtet, uns in unseren Gedanken mit den Einzelheiten dieser Tat beschäftigen. Damit werden die Juristen, Psychologen und Seelsorger noch genug zu tun haben.

Aber wir sollen jeder an seinem Ort unser Teil dazu beitragen, dass gute Worte gesprochen werden, dass gesegnet wird und nicht beschuldigt, dass die Ausstrahlung dieser Tat gestoppt wird, dass Wunden geheilt werden und wieder ein gutes Leben möglich wird.

Liebe Freunde, besonders ihr aus Groß Ilsede, lasst uns alle miteinander hinarbeiten auf den Tag, an dem »Tanja S.« einfach wieder nur eine Bürgerin unseres Ortes ist, eine Nachbarin, jemand, über die es nicht mehr dauernd heißt: das ist die, deren Kinder damals getötet worden sind. Lasst uns nach vorne schauen zu dem Tag, an dem es stattdessen vielleicht über sie heißt: das ist die Tanja, die so schöne Bilder malt, ganz fröhlich, aber ein klein bisschen Traurigkeit ist fast immer auch dabei. Und wir treffen sie morgens oft, wenn sie ihre Runden läuft, die hat ganz schön Kondition. Wenn all das eines Tages wieder in den Vordergrund rückt, dann haben wir es richtig gemacht.

Bis dahin ist es noch ein weiter Weg, und es ist ein schwerer Weg. Natürlich vor allem für die, die da ganz nah dran sind. Alle, die so etwas aus der Nähe miterleben müssen, die wird das von nun an begleiten. Aber es muss nicht für immer als Schatten über dem Leben liegen.

Selbst jetzt ist Tanja immer noch viel mehr als das, was man ihr angetan hat. Und wir wollen sie nicht auf die schrecklichen Ereignisse in diesen Tagen festlegen, sondern wir wollen offen bleiben für das, was morgen aus ihr werden soll. Sie soll in Ruhe ihren Weg finden, und wir halten uns mit Ratschlägen zurück. Aber lasst uns alle für sie beten. Sie braucht jetzt Zeit, um ihr Leben zurückzugewinnen. Und dafür braucht sie einen sicheren, geschützten Ort.

Und das gilt auch für die ganze Familie, für die Nachbarn und Freunde und viele andere. Lasst uns hier ein sicherer Ort werden für uns und für alle, die in diesen Tagen besonders verletzt und erschreckt worden sind. Und das geschieht ja schon. In all diesem Dunkel gibt es doch so viel Hilfsbereitschaft, so viel Hoffnung, so viel Verantwortung und Verbundenheit. In diesen schlimmen Tagen zeigt sich auch, wie viel Gutes unter uns wohnt.

Und wenn ihr Tanja helfen wollt, dann sagt ihr: du darfst mich ansprechen, wenn du Hilfe brauchst. Oder sagt ihr: du kannst mich anrufen, wenn du jemanden zum Reden brauchst. Und wenn es passt, dann wird sie es tun. Und wenn sie sich nicht meldet, dann seid ihr nicht böse deswegen – vielleicht gibt es ja einfach so viele Helfer, dass sie nicht allen antworten kann. Denn sogar das – glaubt es mir – kostet Kraft.

Aber niemand ist verpflichtet, solche Hilfe anzubieten. Hilfe ist es auch schon, wenn man normal und freundlich auf sie zu geht. Natürlich sind wir jetzt alle befangen. Natürlich sind viele unsicher, wie man sich jetzt verhalten soll. Aber habt keine Angst, wenn ihr ihr begegnet. Wenn man den ersten Schritt tut, dann ergibt sich das andere. Drückt ihr einfach die Hand ein bisschen länger als sonst.

Wir sind nicht ohnmächtig. Wir können nicht ungeschehen machen, was passiert ist, aber wir sind nicht ohnmächtig. Wir können alle ein großes oder kleines Zeichen aufrichten gegen die Mächte der Zerstörung und des Todes. Keinem von uns ist die Kraft Gottes fern, sein Leben, seine Liebe. Überall in der Welt wartet sie darauf, dass wir sie wahrnehmen, uns für sie öffnen und aus ihr leben.

Denn unsere Welt besteht aus Himmel und Erde. Seit langer Zeit ist der Himmel verborgen, damit er nicht auch noch von unseren Finsternissen verdunkelt werden kann. Er ist jetzt noch die verborgene Seite der Welt. Aber immer wieder erreichen uns von dort Zeichen und Signale. Gott sendet seine Engel vom Himmel auf die Erde, seine guten Mächte, damit sie die Zerstörung begrenzen, die Menschen hier immer wieder anrichten, im Großen und im Kleinen. Und ich kann wirklich sagen, dass wir diese Bewahrung in den vergangenen Tagen immer wieder erlebt haben.

Als größtes und klarstes Zeichen ist Jesus Christus zu uns allen gekommen. Er hat unter uns ein Leben gelebt, das ganz von den Kräften des Himmels erfüllt war. Er ist dem Tod in jeder Gestalt entgegengetreten und ist nicht zurückgewichen. Und als er selbst sterben musste, da war die Macht Gottes stärker als die Macht des Todes, und Gott hat ihn auferweckt, und der Tod musste zurückweichen. Von Jesus sollen wir lernen: damit wir auch Menschen des Lebens sind, bewegt von den Kräften des Himmels, und in Solidarität verbunden mit allen, die uns brauchen.

Alles, was daraus wächst, wird bleiben. Jedes freundliche Wort, jede Geste der Anteilnahme, jedes aufrichtige Gebet, und alle Tränen der Liebe werden bleiben. Gott bewahrt sie auf in der unsichtbaren Welt, im Himmel. »Sammle meine Tränen in deinen Krug; ohne Zweifel, du zählst sie« heißt es im 56. Psalm. Gott kennt alle Tränen, und er vergisst keine. Der Krug, in dem er sie sammelt – auch das ist ein Bild für die verborgene Seite der Welt, wo Gottes Wille schon jetzt geschieht. Wie sollten wir davon anders reden als in Bildern?

Und in seiner verborgenen Welt behütet Gott jetzt auch diese vier Kinder, damit sie am Ende doch noch ihren vollen Platz finden, den Platz, den er ihnen von Anfang an zugedacht hat: in der kommenden Welt, wenn alle Tränen abgewischt werden, und wenn Himmel und Erde wieder zusammen kommen. Gott setzt der Zerstörung die sanfte, ausdauernde Kraft seiner Liebe entgegen – und deshalb tun wir es auch.

Wir bewahren das Bild dieser Kinder in unseren Herzen, weil wir wissen, dass sie selbst geborgen sind in der guten und geliebten Hand Gottes.

Jul 102012
 
Cover "Geschichte des Westens I"

Der Historiker Heinrich August Winkler hat ein monumentales Werk geschrieben: „Geschichte des Westens“.  2009 ist der erste Band erschienen, im Herbst 2011 der zweite (den ich noch nicht gelesen habe). Zwei Bände im 1350 Seiten-Format. Der erste reicht bis 1914, der zweite bis 1945. Ein dritter, der die Gegenwart erreichen soll, ist in Arbeit. Warum sollte man dieses Werk im christlichen Kontext zur Kenntnis nehmen?

Winkler sieht den „Westen“ als Jahrhunderte, wenn nicht Jahrtausende alte Wertegemeinschaft, die mit den Ideen von 1776 und 1789 (also den Menschenrechten) ihren Maßstab formulierte, an dem sie sich seither messen lassen muss. Winkler beschreibt einerseits die langwierige Entstehung dieses Projekts, andererseits die Ungleichzeitigkeit seiner Verwirklichung und die Widersprüche zwischen dem Anspruch des Projektes und seiner Praxis.

Besonders interessant ist, dass Winkler den Ursprung des Westens im jüdischen Monotheismus sieht, der dann über das Christentum weltgeschichtlich wirksam wurde. Entscheidend ist für Winkler dabei die Trennung von weltlicher und göttlicher Sphäre, die er im Wort Jesu „Gebt dem Kaiser, was des Kaisers, und Gott, was Gottes ist“ ausgedrückt findet. Aus diesem Keim der Trennung von politischer und geistlicher Gewalt wächst nach Winkler binnen 1000 Jahren in der westlichen Christenheit der Dualismus von Kirche und Reich, Papst und Kaiser. Durch dieses spannungsvolle Mit- und Gegeneinander wird die Macht beider begrenzt. Dadurch entsteht ein Freiraum, in dem nach und nach eine Pluralität unabhängiger Akteure möglich wird: verschiedene Territorialherrschaften, Stände, Nationalitäten, schließlich Gewaltenteilung.

Winkler sieht das Spezifikum Europas in diesem Grundzug der Pluralität, der Machtmonopole verhütet und damit Freiheit ermöglicht. Wie diese Freiheit im Lauf der europäischen (und ab dem 18. Jahrhundert auch der amerikanischen) Geschichte zu sich selbst fand, beschreibt er im ersten Band seines Werkes; wie sie sich unter Aufbietung aller Kräfte gegen den vor allem deutschen Angriff 1914-1945 zur Wehr setzte, im zweiten.

Als Theologe mag einem die Herleitung der christlichen Wurzeln dieser Freiheit bei Winkler ein wenig zu mager erscheinen; dass Winkler sich theologisch vor allem auf Bultmann, Freud und ein einziges Jesuswort stützt, zeigt, dass die historische Theologie nicht zu seinem Fachgebiet zählt. Dennoch hat er eine bemerkenswert tragfähige Linie von der Freiheit des Evangeliums zur Freiheit des Westens gezogen. Nicht zuletzt bemerkenswert ist dabei die Parallele, dass beide sich immer wieder in Widersprüche zwischen Projekt und Praxis verstricken und darüber ins Stolpern geraten.

Von einer leicht veränderten theologischen Position aus könnte man es so formulieren: nachdem erst einmal der Gott Israels und sein Wort in der Welt waren, erwächst den Mächten dieser Welt ein ernsthafter Gegenspieler, mit dem sie sich auseinandersetzen müssen. Wenn das gut läuft, entstehen daraus Gewaltenteilung, Menschenrechte und mannigfaltige zivilisatorische Errungenschaften. Aber niemand denke, dass solche Errungenschaften ein für alle Mal gesichert sind. Der Kampf ist noch nicht zu Ende.