Jun 172012
 
Kirche Groß Ilsede

Predigt am 17. Juni 2012, am Tag der Einführung des neuen Kirchenvorstandes, zwei Tage nach dem Mord an vier Kindern in unserer Gemeinde, zu 1. Petrus 3,14c-16a

Lasst euch nicht erschrecken, 15 sondern haltet in eurem Herzen Christus, den Herrn, heilig! Seid stets bereit, jedem Rede und Antwort zu stehen, der nach der Hoffnung fragt, die euch erfüllt; 16 aber antwortet freundlich und mit Achtung für die anderen.

Das Wichtigste, was wir hier hören, ist, dass eine Gemeinde ein Ort gelebter Hoffnung ist. Nicht nur Einzelne sollen diese Hoffnung mit sich tragen, sondern es geht darum, dass eine ganze Gruppe von Hoffnung erfüllt und geleitet ist. Aber es ist keine Hoffnung, die sich auf die Zukunft konzentriert, sondern es ist eine sehr praktische Hoffnung, die das Leben im Großen und im Kleinen erfüllt.

Warum redet Petrus gerade von Hoffnung? Hoffnung ist ein elementares Lebensmittel. Ohne Hoffnung gedeiht nichts. Ohne Hoffnung wäre die Menschheit schon längst ausgestorben.

Ich muss mit Ihnen jetzt einen kleinen Umweg gehen, um zu erklären, warum das so ist. Vielleicht haben Sie irgendwann schon mal von den Marshmallows-Untersuchungen gehört, die amerikanische Sozialwissenschaftler angestellt haben. Man hat Kindern einen Marshmallow gegeben (Sie wissen, dieses klebrige, zuckersüße Zeug aus Amerika, das man zur Not auch grillen kann – bei uns wären das wahrscheinlich Schokoküsse), und hat ihnen gesagt: der ist für dich, du darfst ihn sofort essen, aber wenn du wartest und ihn jetzt nicht nimmst, kriegst du nachher zwei.

Und dann hat man die Kinder mit dem Zuckerklops allein gelassen und hat sie heimlich beobachtet. Und auf den Videos sieht man, wie es in den Kindern arbeitet, und die Finger zucken, und sie kämpfen mehr oder weniger heftig mit sich darum, was sie tun sollen. Und die einen greifen am Ende zu und stecken sich das Ding in den Mund, und die anderen entscheiden sich, durchzuhalten, es nicht anzurühren und am Ende zwei davon zu haben.

Und jetzt kommt es: man hat den weiteren Lebensweg dieser Kinder beobachtet. Und es ergab sich ein ganz deutlicher Zusammenhang: Die Kinder, die es geschafft haben, auf die zwei Marshmallows zu warten, die hatten später ein besseres Leben. Sie waren in der Schule besser, sie nahmen seltener Drogen, bekamen weniger ungewollte Kinder, wurden seltener kriminell usw.

Und jetzt ist die Frage: was bedeutet das? Müssen wir den Kindern mehr Disziplin eintrainieren, sie strenger reglementieren? Natürlich ist Disziplin nicht schlecht, aber ich glaube, dass uns dieser Versuch etwas anderes zeigt: nur Hoffnung lässt Leben gut werden.

Denn was ist es anderes als Hoffnung, wenn ein Kind den unmittelbaren Wunsch zurückstellt, damit es am Ende das Doppelte bekommt? Bei der Hoffnung geht es nicht so sehr um eine ferne Zukunft, sondern es ist das praktische Vertrauen, dass der, der sät, auch ernten wird. Hoffnung ist die Zuversicht, dass es sich lohnt, in diese Welt zu investieren. Hoffnung ist das Vertrauen, dass diese Welt nicht chaotisch und zufällig ist, sondern dass man sich trotz aller Verwerfungen auf sie verlassen kann.

Für Kinder kann das bedeuten: 10 Minuten die Finger vom Marshmallow lassen, im Vertrauen darauf, dass die Tante im weißen Kittel zu ihrem Wort steht und am Ende wirklich zwei davon rausrückt. Für Erwachsene kann es heißen: 20 Jahre und länger intensiv für einen heranwachsenden jungen Menschen verantwortlich zu sein, ganz viel vom eigenen Leben zu investieren, im Vertrauen darauf, dass sich das lohnt und Früchte trägt. Das ist praktische Hoffnung.

Die ganze Welt funktioniert nach diesem Hoffnungsprinzip von Saat und Ernte. Du kriegst die wirklich guten Dinge fast immer nur so, dass du etwas investierst – also Lebenszeit einsetzt, Mühe einsetzst, dein Herz mit etwas verbindest, und dann musst du warten, und du weißt noch nicht, ob es so kommt, wie du es dir gedacht hast, aber am Ende sagst du: ja, es hat sich gelohnt. Gut, dass ich es gewagt habe und dabeigeblieben bin.

Deswegen stellen alle schrecklichen, dunklen Ereignisse, auch die in unserem Ort, unsere Hoffnung in Frage: lohnt es sich wirklich, in Menschen zu investieren, wenn sie uns auf einmal genommen werden können? Ist die Welt tatsächlich vertrauenswürdig? Deswegen sind jetzt so viele unter uns verstört und sagen: ich kann das nicht begreifen. Ich glaube, dieser Satz: »ich begreife das nicht«, den wir in diesen Tagen so oft hören, der heißt eigentlich: ich habe mich darauf verlassen, dass die Welt vertrauenswürdig ist – sollte das etwa in Wirklichkeit ein schrecklicher Irrtum sein? Passt das noch zusammen mit meinem täglichen Vertrauen, dass es richtig ist, meine Aufgaben zu erfüllen und den Menschen verbunden zu sein, zu denen ich gehöre? Wenn mitten unter uns solch eine Finsternis lauern kann – kann mir einer sagen, warum es dann trotz allem richtig ist, heute etwas zu investieren für Morgen, heute zu säen für das nächste Jahr, heute einen Bund für ein ganzes Leben zu schließen, heute Kinder zu erziehen für eine Welt, die wir uns noch gar nicht vorstellen können?

Deswegen sollen wir als Gemeinde ein Zeichen der Hoffnung sein, ein Zeichen dafür, dass es richtig ist, Tag für Tag in das Morgen zu investieren. Es soll zu spüren sein, dass man dieser Welt immer noch vertrauen kann, weil sie Gottes Welt ist und er an ihr festhält, und dass Saat und Ernte nicht aufhören werden.

Ein Mensch kann viel ertragen, so lange er Hoffnung hat. Solange er weiß, dass es noch etwas anderes gibt als die Dunkelheit, in die er geraten ist.

Und es ist ja nicht so, dass nur wir Vertrauen und Hoffnung hätten. Aber wenn die Hoffnung so herausgefordert ist wie in diesen Tagen unter uns, dann muss ihr tiefster Grund genannt werden, und das ist die Auferstehung Jesu. Dass selbst einer wie Jesus von den grausamen Mächten zerstört wurde, das war die dunkelste Stunde der Welt, da war alles konzentriert, was es an Bösem gibt. Aber genau in dieser dunkelsten Stunde griff Gott ein und erweckte ihn vom Tode und zeigte, dass er an seinen Geschöpfen festhält und seine Welt nie aufgeben wird. Wäre das nicht passiert, dann wäre mit Jesus auch alle Hoffnung gestorben. Aber jetzt ist seine Auferstehung der innerste Kern aller Hoffnung. Sie ist der Grund, weshalb es richtig ist, dieser Welt zu vertrauen, auch mitten in Wirrnis und Schrecken, wie es Gott sei Dank ja in diesen Tagen viele unter uns tun.

Liebe Freunde, ich bin in diesen traurigen Tagen so vielen Menschen begegnet, die es einfach gut und richtig gemacht haben und geholfen haben, das Chaos zu begrenzen, das da plötzlich unter uns aufgebrochen ist. Die Polizistinnen und Polizisten, die selbst erschüttert waren und dennoch an vorderster Front all dem Fürchterlichen gegenüberstanden. Die später mit viel Freundlichkeit und Feingefühl der Familie beigestanden haben. Die Menschen aus dem Gesundheitswesen, die sich um die Lebenden und die Toten kümmern. Und auch mit den Menschen von den Medien habe ich keine schlechten Erfahrungen gemacht. Ich habe auch andere Dinge aus dem Ort gehört, aber die Medienleute, denen ich begegnet bin, waren respektvoll und fair. Und mehr als einer hat mir hinterher, als die Kamera aus war, gesagt: glauben Sie nicht, dass mir das hier leicht fällt, ich habe auch kleine Kinder, und ich möchte hier niemanden beschädigen.

Und dann alle aus unserem Ort und darüber hinaus, die am Freitagabend hier in der Kirche waren, wo wir entdeckt haben, dass wir zusammengehören in so einem Moment, und doch wohl auch sonst. Und alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in vielen unterschiedlichen Zusammenhängen, die dafür sorgen, dass, wenn es nötig ist, die Kirche auch kurzfristig zu einem geschützten Ort der Hoffnung und des Trostes werden kann. Unsere Leute vom Kinder-Bibel-Morgen, die den Kindern gestern Morgen geholfen haben, wieder ein bisschen mehr mit all dem fertig zu werden.

Schlimmes ist unter uns passiert, aber angesichts dieses ganzen Schreckens ist auch ein großes Netzwerk der Hilfe und der Hoffnung sichtbar geworden. Das ist das Licht, das Gott angezündet hat und nicht verstecken wird – wir haben es vorhin im Evangelium (Lukas 8,16-17) gehört. Eine christliche Gemeinde ist ein Knotenpunkt in diesem Netzwerk, und wer im Kirchenvorstand ist, dessen wichtigste Aufgabe ist es, dieses Netzwerk der Hoffnung zu pflegen und wachsen zu lassen. Wir müssen auch über Malerarbeiten und Stühle reden, aber das Ziel von allem ist dieses Gewebe der Hoffnung, das die Welt und so auch unseren Ort durchziehen soll. Dafür sind wir da. Diese Dimension muss unter uns immer präsent sein.

Und das kommt nicht schon dadurch, dass wir »Kirche« heißen und im Turm die Glocken hängen, sondern das muss Stück für Stück gepflanzt, gepflegt und geübt werden. Tag für Tag, über viele Jahre, weil die Menschen schon viel zu oft von großen Sprüchen enttäuscht worden sind und es lange dauert, bis sie einem Laden wie unserem vertrauen. Und auch deswegen, weil wir selbst manches erst wieder entdecken und lernen müssen und das Gold des Evangeliums freilegen unter vielen Schichten von Traditionen und Missverständnissen.

Aber in all diesen vielen Tagen und Jahren muss einigen wenigstens immer klar bleiben, dass es hier um ernste, entscheidende Dinge geht, und manchmal um Leben und Tod. Das vergessen wir zu schnell in den unaufgeregten, scheinbar normalen Tagen. Aber wie in den normalen Tagen auch das Unglück ganz unauffällig in der Nachbarschaft heranwächst, so sollen wir in vielen normalen Tagen am Netzwerk der Hoffnung arbeiten, damit es da ist, wenn es gebraucht wird. Es geht auch in den unauffälligen Tagen immer um die ernsten, entscheidenden Dinge. Weil die Welt nämlich wirklich ein bedrohter und missbrauchter Ort ist.

Wir haben das beim Kirchenasyl 2002 – 2008 erlebt, und in diesen Tagen wird es wieder vielen unter uns deutlich. Hoffnung braucht man für die großen und die kleinen Dinge; man braucht sie schon angesichts eines Marshmallows, und man braucht sie noch viel mehr angesichts von vier toten Kindern und weit darüber hinaus. Es ist immer die gleiche Hoffnung, nur die Herausforderungen und die Tage sind unterschiedlich.

Und deshalb machen wir auch in Tagen des Erschreckens im Prinzip nichts anderes als das, was wir jeden Sonntag tun: uns neu festmachen in Gottes Treue zur Welt, die in Jesus konzentriert ist. Wir üben uns darin ein, uns mit Jesus zu verbinden. Wir erinnern uns an die große Geschichte, in die Gott uns hineingestellt hat.

Deswegen ist die Mitte des Netzwerkes der Hoffnung das Abendmahl. In ihm ist die Geschichte Jesu konzentriert zusammengefasst: sein Leben, sein Tod und Gottes Tat der Auferweckung. Wer im Kirchenvorstand ist, der muss verstehen, dass nichts so wichtig ist wie eine Gemeinschaft, die davon geprägt und belebt ist.

Es liegt eine tiefe Bedeutung darin, dass wir gerade jetzt, in diesen wahrlich nicht normalen Tagen, euch als neuen Kirchenvorstand einführen. Das erinnert uns daran: Es müssen Menschen da sein, die auch in den normalen Tagen schon arbeiten für die anderen Tage, die nicht ausbleiben werden.

Das tun wir nicht nur im Kirchenvorstand. Das tut de facto auch jeder, der zum Gottesdienst und in eine Gruppe kommt. Das tut de facto jeder, der mitdenkt, mit hilft, wer spendet, wer sein Kind zum Konfirmandenunterricht bringt, wer mit betet und sich mit verantwortlich macht. Aber dass dieses ganze Netzwerk lebendig bleibt und wächst und unter Bedrohungen standhalten kann, daran wollen wir auf jeden Fall im Kirchenvorstand in den nächsten sechs Jahre arbeiten.

Möge Gott uns dafür Einsicht und Solidarität geben.

Jun 162012
 

Wir sind erschüttert und tief betroffen von den schrecklichen Geschehnissen in unserer Gemeinde. Wir trauern um vier Kinder, die zum Leben geschaffen waren und nicht zum Sterben.
Wir haben sie gekannt aus der Kinderarbeit und dem Konfirmandenunterricht. Wir können es noch kaum glauben, dass sie uns in Zukunft fehlen werden.
Wir beten für ihre Familie und unterstützen sie mit unseren Möglichkeiten.
Wir danken der Polizei und den Rettungskräften für ihre Unterstützung und Hilfe in der gegenwärtigen Situation.
Wir teilen die Trauer in unserem Ort; wir beten für Groß Ilsede und bieten bei Gottesdiensten und Andachten die Kirche an als einen sicheren Ort, wo Trauer zum Ausdruck kommen und von der Liebe Gottes berührt werden kann.

Jun 142012
 

Mehrere auf den ersten Blick widersprüchliche Gedanken nebeneinander stehen lassen zu können, ist der Kern einer kontemplativen Haltung gegenüber der Wirklichkeit. Es auszuhalten, dass die Dinge nicht einfach sind, dass manchmal das eine Prinzip richtig ist und manchmal das scheinbar gegensätzliche – das beansprucht unser Gehirn ziemlich stark. Vielleicht aber auch nur deshalb, weil wir gewohnt sind, uns in allen Gegensätzen schnell auf eine Seite zu schlagen?

Konservativ gegen liberal/progressiv, politisch oder fromm, Gottes Liebe oder Gottes Zorn, rational oder intuitiv, Bayern oder Dortmund – man könnte eine endlose Reihe von Gegensätzen nennen, mit denen wir uns in der Welt orientieren. Wer wollte behaupten, dass sie keinen Anhalt an der Realität haben? Das Problem beginnt, wenn unser Denken diese Spannung nicht aushält und sie möglichst bald auflösen möchte. Dann schlagen wir uns schnell auf eine Seite des Widerspruchs. Das gibt zwar eine gewisse Erleichterung – die „kognitive Dissonanz“ wird reduziert. Aber gleichzeitig wird der Realitätsgehalt unseres Denkens geringer. Denn in der Regel ist in beiden Seiten des sich aufdrängenden Widerspruchs mindestens ein Körnchen Realität und meistens auch ein Körnchen Wahrheit versteckt. Und wenn wir uns schnell auf eine Seite schlagen, dann kämpfen wir auch immer gegen einen Teil der Realität. Dieser Kampf ist verlustreich – und: wir können ihn nicht gewinnen.

Das Ganze kommt daher, dass Gott die Welt in einer großen Komplexität geschaffen hat. Das Geflecht des Lebens ist vielschichtiger als unser Denken. Wir übersehen immer nur einen Teil davon. Wenn wir uns dann den erstbesten Zipfel der Realität greifen und uns daran festhalten, ignorieren wir den Rest. Das macht die Orientierung leichter, aber nicht besser. Eine kontemplative Grundhaltung übt uns darin ein, zunächst einmal beides anzuschauen, zu betrachten, zu untersuchen, mit dem Widerspruch zu leben. Abzuwarten, was daraus wird. In der Regel entdecken wir dann eine Perspektive, die über den zuerst wahrgenommenen Widerspruch hinausführt.

Somit hat ein kontemplativer Weltzugang viel zu tun mit Vertrauen in den Schöpfer. Trauen wir Gott zu, dass er zusammenbringen kann, was aus unserer Sicht eine widersprüchliche Mischung aus Größe, Schmerz, Verrat, Begeisterung, Rationalität, Lust, Langeweile, Leid …. ist? Kontemplation ist (jedenfalls in christlicher Perspektive) nicht zuerst eine Reihe von mentalen Übungen, sondern eine Grundhaltung: ein Ja zur Welt Gottes in ihrer ganzen (aus unserer Sicht) Widersprüchlichkeit. Im Vertrauen darauf, dass die Widersprüche in Bewegung sind, und unsere Möglichkeiten, sie zu verstehen, ebenfalls.

Die Bibel ist immer eine der besten Gelegenheiten gewesen, um sich in kontemplativem Denken zu üben. Ihre ganze Buntheit aufzunehmen, sie nicht auf ein schnelles Prinzip zu reduzieren, neugierig zu bleiben und trotzdem, wenn es dran ist, entschieden zu handeln – das ist eine wunderbare Übung in Kontemplation. Dass viele auch hier lieber den einfachen Weg der Komplexitätsreduktion wählen – leider ist das so.

Übrigens, auch beim Widerspruch „kontemplativ oder aktivistisch“ ist es eine Sackgasse, sich für eine Seite zu entscheiden. Natürlich kann man nicht nur kontemplativ leben. Mit all unserem Tun (und, nicht zu vergessen: auch mit unserem Lassen) entscheiden wir uns immer schon für eine Weltsicht. Das geht nicht anders. Wir müssen handeln, obwohl wir die Sache noch nicht zu Ende gedacht haben. Obwohl wir die Bibel noch nicht endgültig verstanden haben. Obwohl wir die Kirchliche Dogmatik (oder das „Kapital“ oder Philosoph X oder oder oder) noch nicht ganz durchgelesen haben. Für manchen ein schrecklicher Gedanke. Aber auch das ist einer der Widersprüche, denen wir uns am besten in kontemplativem Geist (und das heißt auch: mit Humor) aussetzen sollten.

Jun 112012
 

Predigt zu Matthäus 9,35 – 10,10 am 10. Juni 2012

35 Und Jesus ging ringsum in alle Städte und Dörfer, lehrte in ihren Synagogen und predigte das Evangelium von dem Reich und heilte alle Krankheiten und alle Gebrechen. 36 Und als er das Volk sah, jammerte es ihn; denn sie waren verschmachtet und zerstreut wie die Schafe, die keinen Hirten haben. 37 Da sprach er zu seinen Jüngern: Die Ernte ist groß, doch es sind nur wenig Arbeiter da. 38 Darum bittet den Herrn der Ernte, dass er Arbeiter in seine Ernte sende. 1 Und er rief seine zwölf Jünger zu sich und gab ihnen Macht über die unreinen Geister, dass sie die austrieben und heilten alle Krankheiten und alle Gebrechen. 2 Die Namen aber der zwölf Apostel sind diese: zuerst Simon, genannt Petrus, und Andreas, sein Bruder; Jakobus, der Sohn des Zebedäus, und Johannes, sein Bruder; 3 Philippus und Bartholomäus; Thomas und Matthäus, der Zöllner; Jakobus, der Sohn des Alphäus, und Thaddäus; 4 Simon Kananäus und Judas Iskariot, der ihn verriet. 5 Diese Zwölf sandte Jesus aus, gebot ihnen und sprach: Geht nicht den Weg zu den Heiden und zieht in keine Stadt der Samariter, 6 sondern geht hin zu den verlorenen Schafen aus dem Hause Israel. 7 Geht aber und predigt und sprecht: Das Himmelreich ist nahe. 8 Macht Kranke gesund, weckt Tote auf, macht Aussätzige rein, treibt böse Geister aus. Umsonst habt ihr’s empfangen, umsonst gebt es auch. 9 Ihr sollt weder Gold noch Silber noch Kupfer in euren Gürteln haben, 10 auch keine Reisetasche, auch nicht zwei Hemden, keine Schuhe, auch keinen Wanderstab. Denn ein Arbeiter ist seiner Speise wert.

Ziemlich schutzlos sendet Jesus seine Jünger zu ihrem ersten großen Auftrag aus: ohne Geld, ohne Rucksack, sogar barfuß schickt er sie los. Das einzige, was er ihnen mitgibt, ist die Macht zu heilen und Menschen von bösen Geistern zu befreien. Bisher haben sie zugeschaut, wie Jesus das tat, und jetzt überträgt er ihnen das als Aufgabe: geht, heilt, befreit, stellt die Menschen wieder her.

Jesus sieht die ganze Orientierungslosigkeit der Menschen. Sie haben keinen inneren Kompass, der ihnen einen Weg zeigen könnte. Damals wie heute ist die Welt unübersichtlich und widersprüchlich, und alle versuchen irgendwie durchzukommen. Aber das ist keine Garantie, dass es gelingt. Im Gegenteil, Jesus sah auf sein Volk eine schreckliche Katastrophe zukommen. Er sah, wie da zwei Züge ungebremst aufeinander zu rasten: das römische Imperium und die Freiheitssehnsucht seines Volkes. Immer wieder gab es Aufstände, die wurden niedergeschlagen, daraufhin wuchs die Erbitterung, bis es zum nächsten Aufstand kam. Irgendwann musste das ein schreckliches Finale geben.

Vierzig Jahre später war es wirklich so weit: ein grausamer Krieg, der das Land verwüstete, und in dem Jerusalem zerstört wurde. Mit brutaler Gewalt haben die Römer den großen jüdischen Aufstand niedergeschlagen, haben erbarmungslos Menschen abgeschlachtet, bis das Land beinahe menschenleer war.

Wenn Sie sich an die Lesung vorhin erinnern (Jeremia 23,16-29): in solchen Situationen schickt Gott Propheten, um die Menschen zu warnen. Aber die falschen Propheten sagen ihnen: keine Sorge, Gott macht das schon, es wird bestimmt gut gehen.

Jesus ist ein Prophet, der die Mernschen warnt: ihr rast ungebremst in die Katastrophe. Aber im Unterschied zu den früheren Propheten kann Jesus nicht nur warnen, sondern er setzt ein positives Zeichen: Heilung. Befreiung, neues Vertrauen in Gott. Eine Leitschnur, an der man durch die ganze unübersichtliche Welt hindurchkommen kann. Menschen müssen nicht länger orientierungslos von einem Spektakel zum nächsten laufen, ratlos die Krisenmeldungen im Fernsehen hören und hoffen, dass ihnen vielleicht doch nichts passiert.

Dass es das gibt, das sehen sie an den Jüngern Jesu, die völlig schutzlos durch die Welt gehen und trotzdem Hoffnung verbreiten – nein, gerade deshalb, weil sie ohne Konto, ohne Wäsche zum Wechseln, ohne Wanderstab, mit dem man sich verteidigen kann, unterwegs sind, und ausgerechnet von ihnen geht umfassend Heilung aus: gerade deshalb sind sie eine lebendige Hoffnung.

Jesus hat die zwölf Jünger, die Apostel ausgesucht, damit sie das Zeichen für ein alternatives Israel sind. Damals verstand das jeder: 12 Jünger standen für die 12 Stämme Israels. Wer dieses Symbol zu Ende dachte, kam vielleicht sogar auf die Idee, dass Jesus, der sie aussandte, dann für Gott stehen müsste. Auf jeden Fall spiegelten die 12 die ganze Bandbreite der jüdischen Gesellschaft wider: Matthäus, der ehemalige Zöllner war dabei, der für einen guten Posten sein Volk an die Römer verkauft hatte, aber auch Simon, ein Zelot, also ein Terrorist, der früher Leute wie Matthäus gehasst und bekämpft hatte. Dann eine ganze Menge Leute aus dem breiten Mittelbau der Gesellschaft: Petrus und Andreas, die Fischer vom See Genezareth, die ihr Handwerk verstanden und sich in der Welt auskannten; Jakobus und Johannes, die gerne Karriere gemacht hätten, und die Jesus »Donnersöhne« nannte, weil sie wohl sehr ungeduldig und vielleicht auch cholerisch waren; und dann noch viele andere, mit deren Namen wir heute keine konkrete Geschichte mehr verbinden können.

Und die sind erst einmal mitgegangen mit Jesus, haben gesehen, was er tat, haben angefangen, sein Denken zu verstehen, und dann kam der Moment, wo er sie losgeschickt hat, damit sie ihre eigenen Erfahrungen machen. Und als sie zurückkamen, sagten sie: »Wow! Es hat funktioniert! Selbst die bösen Geister konnten uns nichts entgegensetzen.«

Wer diese 12 beieinander sah, für den konnten sie ein Hoffnungszeichen sein: Israels war vielleicht doch noch zu retten, so verletzt die Gesellschaft auch war. Wenn Jesus seine bunte Truppe zusammenhalten konnte, dann gab es vielleicht auch noch eine Chance für all die Fraktionen und Milieus in diesem zerrissenen Volk. Und tatsächlich ist das immer ein Effekt der Jesusbewegung gewesen: dass Menschen multikulturell zusammengefunden haben, fraktionsübergreifend, quer durch die Gesellschaft. Die Heilung von Krankheiten und die Heilung der Gesellschaft gehen bei Jesus Hand in Hand. Und die bösen Geister müssen auch abtreten.

Böse Geister – da denken wir zuerst an Gruselfilme, Vampire und solche Sachen. Aber in Wirklichkeit geht es da um viel schrecklichere Dinge. Da geht es um Menschen, die in ihrer Seele fundamental zerstört sind durch den grausamen Druck der Besatzung und der Kriege. Menschen, die innerlich so zerbrochen sind, dass sie nicht mehr Herr im eigenen Haus sind, sondern von allen möglichen Einflüssen und Mächten getrieben sind. Überall gab es solche Menschen, und niemand wusste, wie man ihnen helfen konnte.

Ich habe in diesen Tagen gerade irgendwo gelesen, dass die größte Gefahr für amerikanische Soldaten, die in Kampfeinsätze verwickelt sind, in Afghanistan oder Irak oder irgendwo sonst, nicht darin besteht, dass sie von Feinden getötet werden. Rein zahlenmäßig besteht die größte Gefahr darin, dass sie von den Erfahrungen des Krieges so traumatisiert, innerlich so belastet sind, dass sie sich irgendwann später selbst töten, aus Verzweiflung, weil sie mit ihren Erinnerungen und Ängsten nicht fertig werden.

Das ist nicht das Gleiche wie das, was im Neuen Testament mit »bösen Geistern« gemeint ist, aber wenn schon Soldaten, die selbst ziemlich gut geschützt sind, nach dem Einsatz nicht mehr leben wollen, was macht ein Krieg dann erst mit Menschen, die schutzlos all der Brutalität ausgeliefert sind, die keine Rechtssicherheit haben, die vielleicht geschlagen oder gefoltert werden, und die den Tod naher Freunde mit ansehen müssen? Man mag überhaupt nicht daran denken, was heute in den Seelen von Menschen angerichtet wird, die in Syrien leben müssen, im Irak, in Afghanistan, aber auch in manchen Gewaltzonen in der westlichen Welt. Und wenn du manchmal merkst, mit was für Zerstörungserfahrungen auch bei uns Menschen leben müssen, dann verstehst du erst, was das für große Gabe ist: Macht zu bekommen über die bösen Geister in allen möglichen Gestalten, die großen und kleinen Tyrannen, die sich in Menschen einnisten und ihnen die Kraft und die Lebensfreude nehmen.

Und verstehen Sie jetzt, warum die Apostel völlig machtlos in die Welt gesandt werden? Ohne Schutz und ohne irgendetwas, womit sie Macht ausüben können? Weil die Menschen, zu denen sie gesandt sind, von der Gewalt der Mächte schon so schrecklich zugerichtet worden sind. Die Apostel müssen alles tun, damit sie nur nicht den Verdachtes erregen, sie könnten auch mit dieser Art von Macht paktieren, deren Spuren die Menschen an Leib und Seele tragen. Auch keinen psychischen Druck dürfen sie anwenden. Auch wenn sie mit der Hölle drohen würden, das wäre so ein unerlaubter Druck, und der richtet bis heute immensen Schaden in den Menschen an. Es muss ganz klar sein, dass die Jünger Jesu diese Art von Macht nicht nötig haben. Sie kommen mit der Macht der Liebe, und deshalb können sie die Liebe zur Macht zu Hause lassen.

So schickt Jesus seine Apostel los, damit sie Heilung zu den Menschen bringen: in die Seelen, in die Körper, in die Gesellschaft, in die Köpfe und Herzen. Und den Menschen sollen sie sagen: das ist nur der Anfang, das ist das erste Zeichen. Ihr sollt dadurch merken, dass das Himmelreich nahe ist. Und mit Himmelreich ist nicht gemeint ein Raum, wo die Seelen verstorbener Menschen auf Wolken sitzen und Halleluja singen, sondern das Wort »Himmel« ist eine Umschreibung für »Gott«, es ist also das Reich Gottes gemeint, seine Herrschaft, sein Königtum hier auf der Erde unter den Menschen. Und was damit gemeint ist, sieht man an dem, was die Jünger tun: Menschen wiederherstellen, die Welt heilen, Freiheit mitbringen. Und sie werden das erklären und sagen: so ist Gottes Reich, seine Herrschaft. Er kommt zu euch. Er ist nahe. Wir bringen ihn mit im Auftrag von Jesus. Jetzt ist es so weit: Gott macht dem Elend ein Ende. Seine Kraft ist in der Welt, und deswegen brauchen wir keine Macht und keine Sicherheit wie alle anderen.

Es geht um eine neue Art von Macht. Dass die Jünger barfuß gehen, das heißt ja nicht, dass sie ohnmächtig wären. Es heißt nur, dass sie auf eine bestimmte Art von Sicherheit verzichten: auf Bequemlichkeit, auf ein festes Zuhause und das eigene Bett, auf die Garantie, dass abends etwas zu essen auf dem Tisch steht. Stattdessen sind sie abhängig von der Freundlichkeit und Dankbarkeit der Menschen und der Fürsorge Gottes. Das ist schon eine gute Sache, wenn die Boten Jesu beim Abendbrot auf die Menschen angewiesen sind, zu denen sie kommen. Wenn alle Missionare sich so von den Menschen abhängig gemacht hätten, dann stünde es heute um das Christentum wesentlich besser.

Denn es ist paradox: gerade durch den Verzicht auf unsere übliche Art von Schutz und Sicherheit gewinnt man die Kraft, Menschen wieder aufzurichten, Hoffnung zu geben und Leben zu ermöglichen. Der Extremfall davon ist Jesus am Kreuz: völlig entblößt von jedem Schutz, in einem Sinn völlig ohnmächtig, aber trotzdem der eine Mensch, der die Welt von Grund auf ändert.

Das ist eine andere Art von Macht. Und es ist die stärkste Macht in der Welt. Aber die kriegst du nicht so, wie du einen Posten bekommst, bei dem dir viele gehorchen müssen. Es ist eine Kraft, die aufs Engste mit unserer Person verbunden ist. Du kannst nicht irgendwann Feierabend machen und sagen: morgen geht es weiter. Du musst ein anderer werden, du musst den Weg Jesu mitgehen, dann kommt auch seine Kraft zu dir.

Die Jünger haben das alles live an Jesus erlebt. Wir können das leider so selten live erleben, weil bei uns die Christenheit traditionell auf prächtige Gebäude, prächtige Gewänder und mächtige Bürokratie gesetzt hat. Da blieb dieser persönlichen Macht Jesu wenig Raum zum Leben. Deshalb glauben wir kaum, dass sie funktionieren könnte. Wir müssen noch viel lernen. Zum Glück registriert Jesus es auch schon, wenn wir ein wenig mehr Unsicherheit zulassen, auch wenn wir nicht gleich barfuß gehen.

Aber im Zweifelsfall eher das sinnvolle Wagnis zu wählen, die hilfreiche Unsicherheit, lieber die vertretbare Schutzlosigkeit auszuprobieren, die nicht lebensgefährliche Verletzlichkeit, das liebevolle Unbekannte, das alles zu wählen und nicht zu vermeiden, das ist es, was uns weiterbringen wird. Dann antwortet Jesus mit seiner Kraft, live. Und wir werden ihm danach mehr vertrauen.

Und irgendwann kommt dann vielleicht auch mal eine Zeit, um die Sandalen zu verschenken. Aber bevor wir uns jetzt darum Sorgen machen, sollten wir lieber das tun, was heute dran ist – und die Zukunft Gott überlassen.


Jun 082012
 
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Der geistesgeschichtliche Kontext

Wright geht sein Thema nicht nur biblisch an. Er bezieht die Geistesgeschichte und speziell die Geschichte der neutestamentlichen Wissenschaft mit ein. Nur von dieser Geschichte her kann verstanden werden, weshalb es für die Gelehrten so schwierig war, die Botschaft der Evangelien zu verstehen. Es lag nicht daran, dass die Evangelisten sie nicht deutlich gemacht hätten. Aber unter dem Druck der Aufklärung schlossen Wissenschaftler und Verkündiger die Augen vor bestimmten Zusammenhängen.

Neutestamentliche Wissenschaft und Aufklärung

Die kritische neutestamentliche Wissenschaft der letzten zwei Jahrhunderte entwickelte sich in einem Umfeld, in dem vielen daran lag, Religion und Politik auseinander zu halten. Das aufgeklärte Bürgertum, das sich gerade von der Dominanz der Kirche befreite, fürchtete alles, was nach Theokratie roch. Deswegen wurden gesellschaftliche Bereiche separiert (Religion, Politik, Kultur, Wirtschaft …), die in neutestamentlicher Zeit selbstverständlich zusammen gehörten – und zwar für Griechen, Römer und Juden. In Deutschland kam die lutherische Zwei-Reiche-Lehre (die sich ja einer ähnlichen Problemlage verdankt) als theologisches Motive für die Trennung hinzu. In diesem Kontext blieb die Botschaft der Evangelien, dass – im Leben und Sterben Jesu – Gott seine Herrschaft auf Erden angetreten habe („the message of God becoming king“), nicht nur unverständlich, sondern ungehört.

Infolge dessen wurde Jesu Ankündigung, das Reich Gottes werde in Kürze kommen, auf zwei mögliche Weisen missverstanden: entweder als Voraussage einer revolutionären Befreiung von der römischen Herrschaft oder als Ankündigung des nahen Weltendes/Weltuntergangs. In jedem Fall ließ sich – aus dem Abstand von vielen Jahrhunderten – leicht nachweisen, das Jesus sich geirrt hatte. Stattdessen, so die in vielerlei Nuancen verbreitete These, habe die frühe Kirche aus den Geschichten und Lehren Jesu etwas Neues, Eigenes rekonstruiert und den Mythos der Auferstehung als Chiffre für ihren eigenen Aufbruch hinzugefügt. Somit las etwa Bultmann die Evangelien als Reflexe von Entwicklungen und Problemen der jungen Christenheit.

Enteschatologisierung des Christentums

In diesem Zusammenhang entstand der moderne Mythos vom Scheitern der Kirche, die auf Kreuzzüge, Inquisition und Hexenverbrennung reduziert wurde. Es konnte einfach nicht sein, dass Jesus der Wendepunkt der Weltgeschichte sein sollte – wo doch die Aufklärer überzeugt waren, dass ihr eigenes Zeitalter, das Europa des 18. Jahrhunderts, die wirkliche Wende der Weltgeschichte vom Aberglauben zum Licht der modernen Wissenschaft, Technik und Philosophie sei.

Da aber die Weltgeschichte nicht zwei Wendepunkte haben kann, wurde das Christentum enteschatologisiert und zu etwas Spirituellem, Religiösen reduziert. Jesus war immer noch wohl gelitten als Symbol des unverfügbaren, Göttlichen und als Verkündiger nützlicher moralischer Wahrheiten. Die revolutionäre Botschaft der Evangelien dagegen wird in das Reich der privaten Spiritualität und der Jenseitserwartung verwiesen (ironischerweise halten daran bis heute die Frommen am heftigsten fest). Dort ist sie neutralisiert und lässt die Welt ungestört ihre Geschäfte machen.

Wright hat in diesem Buch nicht nur die unselige Aufspaltung der Christenheit in Reich-Gottes-Christen und „in den Himmel kommen“-Christen in ihrem Kern beschrieben und biblische Gründe zur Überwindung dieser Spaltung freigelegt. Er hat gleichzeitig deutlich benannt, wo seine Wissenschaft sich von der Aufklärung Denkverbote aufdrängen ließ, die sich mit älteren theologischen Kurzschlüssen verbündeten und Verkündigung und Praxis der Kirche kraftlos werden ließen. Hoffentlich kommt es auch durch Wrights Impulse zu einer Aufarbeitung der Forschungsgeschichte auf einer breiten Basis, die der westlichen Christenheit hilft, ihre milde Depression hinter sich zu lassen und ihren Auftrag in vollem Maß anzunehmen.

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Jun 052012
 
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Wright beschreibt, wie vier theologische Themen durch eine bessere Zuordnung von Evangelien und Kreuzestheologie verändert werden. Er vergleicht das mit einer Musikanlage mit vier Kanälen, die in ihrer jeweiligen Lautstärke aufeinander abgestimmt sein müssen, wenn man die Musik gut hören will. Keiner darf zu leise (so dass man ihn überhört) oder zu laut (so dass er die anderen Kanäle übertönt und selbst nur verzerrt rüberkommt) sein. Diese Kanäle sind:

1. Die Geschichte Israels

In der kirchlichen Tradition wurde dieser Kanal oft beinahe ausgeblendet. Im apostolischen Glaubensbekenntnis fehlt Israel völlig. Tatsächlich erzählen aber alle vier Evangelisten die Geschichte Jesu als Höhepunkt und Zielpunkt der Geschichte Israels. Sie wollten deutlich machen, dass die schon verloren geglaubte Geschichte Israel durch Jesus unerwarteter Weise doch eine äußerst hoffnungsvolle Wendung genommen hat. Und zwar eine Wendung, die – obwohl unerwartet – doch die genau passende Wendung ist.

Die Evangelisten unterstreichen das jeder auf seine Weise: Matthäus z.B. durch die Genealogie Jesu gleich am Anfang; Markus beginnend mit dem Rückbezug auf Deuterojesaja schon in Kap. 1; ebenso Lukas, beginnend mit dem Magnifikat in Kap. 1 und endend mit dem Rückbezug auf die Schrift in der Emmausgeschichte in Kap. 24;  Johannes schließlich beginnt sein Evangelium in Kap. 1 mit einem großen Rückblick bis zur Erschaffung der Welt – die ganze Schöpfung erreicht also in Jesus ihr Ziel, und er spricht es am Kreuz aus mit den Worten „Es ist vollbracht“. Dieser Kanal – die Geschichte Israels – muss also eine entschieden höhere Lautstärke bekommen, wenn man die Geschichte Jesu angemessen verstehen will.

Demgegenüber distanzieren sich die späteren gnostischen Evangelien von der Geschichte Israels und erzählen die Geschichte Jesu nicht als Rettung für die Welt, sondern als Rettung von der Welt.

2. Die Geschichte von Israels Gott in der Geschichte Jesu

Dieser Kanal ist – als Reaktion auf die Aufklärung – besonders in der konservativen Fraktion der Christenheit so stark aufgedreht worden, dass er alle anderen Kanäle übertönt und selbst nur verzerrt rüberkommt: ES GIBT EINEN GOTT. UND JESUS IST GOTT. Dabei geht die andere Frage unter: was für ein Gott ist es, und was tut er?

Das besondere Charakteristikum von Israels Gott ist, dass er in seiner Welt unter seinen Menschen wohnen will. Menschliche Rebellion macht ihm das unmöglich, aber er kommt trotzdem zurück. Die ganze Zeit des zweiten Tempels (seit 538 v.Chr.) steht aber im Zeichen der Wahrnehmung, dass Gott noch nicht wieder zu seinem Volk zurückgekommen ist.

Die Evangelien erzählen nun, wie Gott schließlich doch zurückkommt, unter den Menschen seine Herrschaft aufrichtet und ihr Elend teilt: nämlich in Jesus. An vielen Details weisen die Evangelien darauf hin, dass man in Jesu Praxis das Handeln von Israels Gott erkennen soll.  Man braucht also gar keine theologisch-begriffliche Christologie, sondern die Erzählungen der Evangelien erschließen diesen Zusammenhang, aber mit weniger Lautstärke, weniger schrill: In Jesus sollen wir die Gegenwart von Israels Gott sehen, wie er zu seinem Volk kommt und es rettet. Da ist keine Rede von einer Art Superman, sondern ein anteilnehmender Gott wird sichtbar.

3. Jesus und das erneuerte Gottesvolk

Auch der dritte Kanal ist traditionell zu laut eingestellt. In einigen modernen theologischen Traditionen übertönt er sogar alle anderen: die Evangelien werden dort gelesen als Dokumente, in denen sich nur die Reflektionen und Krisen der jungen Kirche widerspiegeln. Solche Worte wurden angeblich Jesus von urchristlichen Propheten aus aktuellem Anlass nachträglich in den Mund gelegt.  Diese Überzeugung verdankt sich zwei Vorentscheidungen, die sich im Lauf der Zeit unter dem Titel  der „kritischen Wissenschaft“ ausbreiteten: zunächst einmal die Überzeugung, dass es Wunder usw. einfach nicht geben könne. Deshalb kann es gar nicht anders sein, als dass die entsprechenden Texte in Wirklichkeit Produkte der Kirche sind. Dazu kam die radikal-lutherische Überzeugung der Bultmannschule, dass der Glaube sich nicht auf historische Fakten stützen dürfe, sondern auf sich selbst stehen müsse. Diese Vor-Urteile haben das angemessene Verständnis der Evangelien schwer behindert.

Allerdings erzählen die Evangelisten ihre Geschichte natürlich in dem Bewusstsein, dass es um die Ereignisse geht, mit denen „unsere Bewegung“ begonnen hat. Aber das bedeutet nicht, dass sie Falsches erzählen. Im Kontext des 1. Jahrhunderts macht die Geschichte Jesu guten Sinn. Aber wenn man ihn aus diesem Zusammenhang reißt, aus ihm einen Morallehrer macht und ihn vor allem als Gründer der Kirche versteht, dann passt es nicht mehr. Ja, die Evangelien sind Gründungsdokumente des erneuerten Gottesvolkes, die auch etwas über den Charakter dieser Bewegung sagen. Aber es war keine Neugründung auf der grünen Wiese, sondern ein Neuansatz im Rahmen des bestehenden Gottesvolkes. Natürlich haben die Evangelisten die Kirche und ihre Mission im Blick. Aber was sie mit Blick darauf sagen, ist fest in der tatsächlichen Praxis Jesu verankert. Wäre es nicht so, wäre die Kirche nur in sich selbst gegründet.

4. Der Konflikt der Reiche

Traditionell zu stark heruntergedreht ist wiederum der Kanal, bei dem es um den Zusammenstoß des Reiches Gottes mit der Herrschaft Cäsars geht. Aber für die ersten Leser der Evangelien war das ein Kontext, den sie immer mitdachten. Es war eine sehr wichtige Frage, wie sich die Nachfolge Jesu und ein Leben im Reich Cäsars zueinander verhielten. Dabei hilft ein Rückblick auf den ersten – ebenfalls zu stark gedämpften – Kanal. Die jüdische Tradition dreht sich immer wieder um die wichtige Frage, wie Gott mit den arroganten Mächten umgehen wird, die sein Volk bedrücken.

Im Horizont dieses Konflikts muss man auch die Evangelien lesen. Von der Geburtsgeschichte bis zum Prozess vor Pilatus (und an vielen Stellen dazwischen) ist der Konflikt zwischen Gott und den Mächten in den Evangelien sehr präsent. Im Umfeld der Aufklärung, die Staat und Kirche trennen wollte und der Israels Religion zu materiell erschien, verbanden sich jedoch unpolitische und un-jüdische Lektüre der Schriften und blendeten diesen Kanal oft ganz aus. Aber es geht bei Jesus darum, dass die Mächte, die die Welt beherrschen, in seiner Kreuzigung überwunden werden. Und das Kreuz ist gleichzeitig das Mittel, durch das Menschen aus der ganzen Welt zu Jesus, und damit zu Israels Gott, gezogen werden. In der Gerichtsszene – eine Konfrontation zwischen Jesus und Pilatus, dem Vertreter des Imperiums – wird gezeigt, wie das Kreuz der Weg ist, auf dem die Mächte der Welt sich selbst in die Lage bringen, von der siegreichen Liebe Gottes überwältigt zu werden. Jesus gab in seinem Tod „Gott, was Gott gehört“ und veränderte damit alles.

Alle diese vier Kanäle (wenn sie richtig aufeinander  abgestimmt sind) wirken zusammen in der Beschreibung der Praxis Jesu als der endgültige Exodus. Es war kein Zufall, dass Jesus das Passafest für seine entscheidende Initiative wählte. Was er dort erreichte, soll nun durch seine Jünger in der Welt implementiert werden. Deswegen weist die Story der Evangelien nach vorne und ist unabgeschlossen.

Immer wieder hat Wright darauf hingewiesen, dass die Aufklärung und ihr Einfluss eine wichtige Rolle beim (Miss)verständnis der Evangelien spielt. Man kann sein Buch auch lesen als eine entschiedene Auseinandersetzung mit aufklärerischem Denken innerhalb der neutestamentlichen Wissenschaft.  Diesem Aspekt wird sich der nächste (und letzte) Post in dieser Reihe widmen.

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Jun 012012
 
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Das Reich Gottes als übergreifender Verständnisrahmen für das Kreuz

Das Reich Gottes, Gottes Königtum auf Erden, ist der Verständnisrahmen auch für die Kreuzigung Jesu. Für die Evangelien gehört der Tod Jesu von Anfang an in die Botschaft hinein, darauf läuft es von Anfang an hinaus, und das wird auch in vielen Details der Evangelienerzählungen deutlich. Sein Tod wird als die endgültige Aufrichtung der Herrschaft Gottes auf der Erde verstanden. Die sühnende Wirkung dieses Todes ist nur eine Unterabteilung in einem viel größeren Zusammenhang, in dem Gott seine Welt wieder in Ordnung bringt. Dass die Christenheit sich weithin auf die Sündenvergebung durch das Kreuz konzentriert hat, ist eine Verkürzung.

Das Ziel der ganzen Geschichte Jesu, von der Inkarnation bis zum Kreuz, ist die Aufrichtung der gerechten Herrschaft Gottes, wie im Himmel so auf Erden. Der Tod Jesu ist nicht sein Scheitern, sondern Jesus wurde gerade durch seinen Tod endgültig zum König der Welt. Im Johannesevangelium zeigt sich das z.B. dadurch, dass die Kreuzigung als „Erhöhung“ bezeichnet wird. Bei Matthäus erfüllt Jesus in seinem Sterben die Weisungen der Bergpredigt.

Damit wird der Tod Jesu zum Augenblick, in dem die Geschichte Israels ihren Höhepunkt erreicht: die Liebe Gottes geht in den endgültigen Kampf mit den Mächten der Welt und überwindet sie. Gerade durch das Leiden wird die Herrschaft Gottes aufgerichtet. Sein Wille geschieht nun auf der Erde so wie im Himmel.

Jesus als neuer Tempel

In jüdischer Sicht gab es schon immer einen Ort, an dem die Sphären von Himmel und Erde sich berührten, ja, wo sie sich überschnitten: das war der Tempel. Er war der Ort von Heilung, Vergebung und Bundeserneuerung. Die Evangelien beschreiben nun Jesus als den Ort, an dem all das passiert. Er war sozusagen ein wandelnder Tempel, darin vergleichbar der beweglichen Bundeslade aus der Wüstenzeit Israels. Gegenüber ihm musste der Tempel samt seinen offiziellen Vertretern weichen.

Für die Nachfolger Jesu ersetzt sein letztes Mahl den Tempel. Dieses erneuerte Passamahl schaut nicht nur zurück auf die Befreiung aus Ägypten, sondern genauso voraus: auf den neuen Exodus, in den Jesus seine Jünger mitnimmt; und damit haben sie aktiv Anteil an dieser neuen Befreiung. Sie sind die königliche Priesterschaft, die die Welt regieren wird, aber nicht mit Liebe zur Macht, sondern mit der Macht der Liebe. Es geht um eine neue Art von Theokratie, die aber keinen Triumphalismus bedeutet, weil in ihrem Zentrum das Mitleiden steht.

Die Aufgabe der Kirche

Die Aufgabe der Kirche ist es deshalb, ein Ort von Gebet und Heiligkeit im Herzen der Welt zu sein: da, wo der Schmerz am größten ist. Diese Form der Herrschaft definiert „Herrschaft“ neu. Sie ist – in Parallele zum Sieg Jesu in seinem Tod – ein Regieren durch teilnehmendes Leiden.

Es ist schade, dass Wright hier wie an anderen Stellen über solche theologischen Wegweiser nicht grundsätzlich hinaus kommt. Er bleibt im Rahmen neutestamentlicher Theologie. Im letzten Teil des Buches beschreibt er zwar eine revidierte Art, wie man mit den Evangelien im Sinn das Glaubensbekenntnis auf neue Art verstehen kann. Aber auch das ist eben noch Theologie. Was es für Gestalt und Praxis der Gemeinde bedeutet, muss letztlich vor Ort erfunden werden.

Wright zeigt im Buch, wie seine Sicht von Reich Gottes und Kreuz Auswirkungen insbesondere für vier strategische Themen hat: für die Einbettung Jesu in die Geschichte Israels, die Bedeutung Jesu für das Gottesbild, die Geschichte der frühen Christenheit und den Konflikt zwischen der Herrschaft Gottes und der Herrschaft Cäsars. Ich werde das im nächsten Post der Reihe beschreiben.

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