Mai 292012
 
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Gospels und Creeds – ein problematisches Verhältnis

N.T. Wright hat ein neues Buch geschrieben: „How God became King. The forgotten Story of the Gospels“. Wright geht aus von der merkwürdigen Tatsache, dass die altkirchlichen Glaubensbekenntnisse (die Creeds) nach der Geburt Jesu sofort die Passion folgen lassen („geboren von der Jungfrau Maria – gelitten unter Pontius Pilatus“) und somit in ihnen das ganze Leben Jesu nicht vorkommt. Damit fehlt ihnen das, was für die Evangelien (die Gospels) zentral ist, nämlich die Botschaft von der siegreichen Gegenwart des Reiches Gottes auf Erden. In den Evangelien ist das Zentralthema, dass Gott – durch das Wirken Jesu – König wird; in den Glaubensbekenntnissen geht es darum, dass Jesus Gott ist. Das ist ein Unterschied. Es gibt eine breite Kluft zwischen „creeds and gospels“.

Das schmälert die Bedeutung der Glaubensbekenntnisse nicht – sie sind eine berechtigte theologische Zuspitzung mit bestimmter Absicht, aber keine vollständige Zusammenfassung des christlichen Glaubens. Zur Botschaft von der Königsherrschaft Gottes auf Erden hat sich die Kirche auf andere Weise bekannt: indem sie die vier kanonischen Evangelien las und nicht die gnostischen Alternativen (wie das Thomasevangelium), die auf ein religiöses Jenseits zielten.

Dennoch wurden die kanonischen Glaubensbekenntnisse im Lauf der Zeit der Rahmen, der das Verständnis der Evangelien bestimmte – und begrenzte. Und so wurde ihre zentrale Botschaft vergessen, nicht nur in einer einzigen Fraktion der Christenheit, sondern in einem weiten Spektrum. Wenn nun ein neues Verständnis dafür anbricht, dass der lebendige Gott seine königliche Herrschaft nicht nur im Himmel ausübt, sondern auf Erden angetreten hat, im Leben und Sterben Jesu – was würde das bedeuten für den Auftrag und die Einheit der Kirche?

Wrights Kernanliegen ist es, Leben und Sterben Jesu als eine Einheit zu sehen. Reißt man beide auseinander, dann ergibt sich entweder – angeblich auf den Spuren der Evangelien – das Bild eines sympathischen jungen Juden, der eine große Bewegung begann, dann aber tragisch scheiterte. Stattdessen kam die Kirche. Oder, andersherum, man konzentriert sich mit den Glaubensbekenntnissen auf die Heilsbedeutung des Todes Jesu und kann mit seinem Leben wenig anfangen (von dem doch die Evangelien so viel erzählen).

Zwei Christentümer

Aus diesen beiden falschen Alternativen entstanden zwei Christentums-Typen: die „kingdom christians“ und die „cross christians“. Die einen verfolgen ihre „social gospel“-Agenda und die anderen ihre „saving-souls-for-heaven“-Agenda. Beide stehen sich misstrauisch gegenüber und denken, dass die anderen am Entscheidenden vorbeigehen. Aber erst wenn die künstlich auseinander gerissenen Gegensätze zusammenfinden, entsteht etwas Größeres als die Summe der beiden Teile. Und das kann geschehen, wenn wir die Story der Evangelien hören, die Reich Gottes (engl. „Kingdom“ – das klingt gleich ganz anders) und Kreuz zusammen sieht.

Wright beschreibt die nahtlose Einbettung der Passion in die Evangelien und in die Geschichte Israels. Der Tod Jesu ist gerade kein Bruch, sondern das Ereignis, auf das die Geschichte Jesu zuläuft. Gleichzeitig ist sie – recht verstanden – auch der Zielpunkt einer Bewegung, die in den Schriften des Alten Testaments angelegt ist. Aber: man muss das erst mal verstehen. Jesus hat sich selbst in diesem Zusammenhang gesehen, aber er hatte schon Mühe, seine Jünger davon zu überzeugen.

Im nächsten Post dieser Reihe werde ich den Zusammenhang von Reich Gottes und Kreuz nach N.T. Wright genauer beschreiben.

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