Mai 202012
 

Predigt am 20. Mai 2012 zu Johannes 18,33-38

33 Pilatus ging ins Prätorium zurück und ließ Jesus vorführen. »Bist du der König der Juden?«, fragte er ihn. 34 Jesus erwiderte: »Bist du selbst auf diesen Gedanken gekommen, oder haben andere dir das über mich gesagt?« – 35 »Bin ich etwa ein Jude?«, gab Pilatus zurück. »Dein eigenes Volk und die führenden Priester haben dich mir übergeben. Was hast du getan?« 36 Jesus antwortete: »Das Reich, dessen König ich bin, ist nicht von dieser Welt. Wäre mein Reich von dieser Welt, dann hätten meine Diener für mich gekämpft, damit ich nicht den Juden in die Hände falle. Nun ist aber mein Reich nicht von hier.« 37 Da sagte Pilatus zu ihm: »Dann bist du also tatsächlich ein König?« Jesus erwiderte: »Du hast Recht – ich bin ein König. Ich bin in die Welt gekommen, um für die Wahrheit Zeuge zu sein; dazu bin ich geboren. Jeder, der auf der Seite der Wahrheit steht, hört auf meine Stimme.« – 38 »Wahrheit?«, sagte Pilatus zu ihm. »Was ist das?« Damit brach Pilatus das Verhör ab und ging wieder zu den Juden hinaus. »Ich kann keine Schuld an ihm finden«, erklärte er.

Was Könige sind, das wussten die Leute in der alten Welt besser als wir. Wir kennen heute Schützenkönige, und wir kennen die gekrönten Promis, über deren Affären und Skandale wir in Illustrierten beim Friseur lesen. Aber damals waren Könige die absoluten Herren über Wohl und Wehe ihrer Untertanen, über Tod und Leben. Sie waren nicht allmächtig, weil es ja noch andere, stärkere Könige gab, und sie mussten sich manchmal vorsehen, dass sie nicht im Rahmen einer Hofintrige von einem Konkurrenten hingemeuchelt wurden. Aber für seine einfachen Untertanen war ein König das Machtzentrum schlechthin, und auch wenn sie gelegentlich über hohe Steuern murrten, war er eine ehrfurchtgebietende Person, die hoch über ihnen stand.

Mit unseren heutigen Worten gesprochen war er der Chef, der oberste Boss: Politisch, militärisch und auch wirtschaftlich. Er entschied darüber, wie die Menschen lebten. Er und seine Beamten gestalteten die Welt. Ein guter König war ein großes Glück, ein schlechter eine Katastrophe. Deshalb war er in der Optik der Leute dann dafür verantwortlich, dass der Laden lief, dass es keine Missernten gab, genug zu essen da war und Kriege gewonnen wurden. Wenn es schiefging, wackelte sein Thron.

Pilatus war Gouverneur, also der Vertreter des obersten Königs, nämlich des Kaisers in Rom, in einer unruhigen Provinz des Reiches, in Palästina. Seine Aufgabe war es, dafür zu sorgen, dass dort niemand auf die Idee kam, sich zum Gegenkönig zu machen. Denn man wurde König entweder durch Vererbung, oder aber durch Gewalt. Zweihundert Jahre früher hatte Judas Makkabäus einen jüdischen Aufstand gegen die Syrer angeführt, zu deren Reich damals Israel gehörte. Er hatte für Israel die Freiheit gewonnen und für sich und seine Familie die Königswürde.

Pilatus‘ wichtigste Aufgabe war, zu verhindern, dass das noch einmal passierte. Zu diesem Zweck beobachtete er die jüdische Gesellschaft sehr genau. Er verstand zwar die ganze verrückte Religion nicht, die in diesem Land herrschte, da mischte er sich auch nicht ein. Sollten die ruhig tun, was ihnen ihre bekloppten Traditionen vorschrieben! Es war ihnen sowieso nicht auszutreiben. Aber bei dem Stichwort »König« war er sensibel. Da reagierte er sofort. Wenn es irgendwo einen gab, der sich anschickte, das Königsamt zu beanspruchen, dann musste Pilatus schnell entscheiden, ob er diesen Versuch sofort brutal im Keim erstickte, oder ob es ein harmloser Spinner war, den man laufen lassen konnte. Denn zu viel Gewalt war auch nicht gut. Am besten war es, wenn Ruhe herrschte und die Leute ihre Steuern zahlten.

Im Fall Jesus war ihm nun irgendwie gesteckt worden, dass der den Anspruch auf die Königswürde erhob. Immerhin hatte er im Tempel für Unruhe gesorgt, als er für einen Nachmittag die Händler und Geldwechsler vertrieben hatte. Trotzdem war das Ganze aus der Sicht von Pilatus lächerlich: ein armer, unbewaffneter Mann aus der hintersten Ecke des Landes, dessen paar Anhänger längst das Weite gesucht hatten. Der und König? Da hat es schon ganz andere gegeben, und mit denen sind wir auch fertig geworden! Na gut, fragen kostet nichts, ich kann mir den Typen ja mal ansehen.

Aber, wenn du Jesus etwas fragst, bekommst du als Antwort eine Gegenfrage: Wer hat dir das gesteckt? wie kommst du auf die Idee?

Pilatus wischt die Frage vom Tisch. Von dem ganzen jüdischen Krams verstehe ich nichts. Aber irgendwas musst du angestellt haben, sonst wärst du nicht hier. Also, sag besser, was los ist.

Und dann bekommt Pilatus seine Antwort, aber wieder ist es kein klares Ja oder Nein: Mein Königtum ist nicht von dieser Welt. Da fällt das entscheidende Wort – »König«, und Pilatus hört gar nicht mehr auf das, was Jesus noch hinzufügt. Aber es ist wichtig, dass wir es gut verstehen. Jesus sagt: ja, ich bin ein König, aber ich bin eine andere Art von König. Ich bin zuständig für all die Dinge, für die ein König zuständig ist, für die ganze Lebensgestaltung, aber ich übe meine Zuständigkeit auf völlig andere Weise aus, als du es erwarten würdest. Ich herrsche durch die Wahrheit, und dadurch verändert sich der ganze Inhalt des Wortes herrschen.

Niemand, auch Jesus nicht, erwartet jetzt, dass Pilatus das versteht. Selbst die Jünger von Jesus haben es nicht wirklich verstanden – wie soll es da der Vertreter des römischen Imperiums raffen? Jesus hat Petrus mit Mühe davon abbringen können, seine Gefangennahme mit dem Schwert in der Hand zu verhindern. Jetzt verwendet er es als Argument bei Pilatus: wäre mein Reich von dieser Welt, dann würden meine Anhänger für mich kämpfen. Aber sie tun es nicht. Daran kannst du sehen, dass mein Reich nicht von der Art dieser Welt ist.

An dieser Stelle müssen wir verstehen, was Jesus meint, und wir sind in der Gefahr eines anderen Missverständnisses als Pilatus und die Jünger Jesu. Durch eine lange Geschichte von Fehlinterpretationen sind wir in Gefahr, dass wir das Königreich Jesu in eine jenseitige Sphäre verlegen, die mit unserer Welt kaum noch etwas zu tun hat. Dann verstehen wir es als ein geistiges Reich im Innern des Menschen, oder als eine geistliche, himmlische Realität, in die unsere Seelen nach dem Tod kommen, und die mit dieser Welt der Materie, dieser Welt in Zeit und Raum kaum noch etwas zu tun hat.

Niemand (außer vielleicht einigen ganz esoterischen Zirkeln) wäre damals auf die Idee gekommen, das so zu verstehen, und am allerwenigsten Jesus selbst. Nicht umsonst hat er seine Jünger angeleitet, im Vaterunser zu beten: dein Reich komme! Dein Reich komme hier zu uns auf die Erde. Und dein guter Wille, der jetzt schon im Himmel geschieht, der geschehe endlich ebenso hier bei uns auf der Erde! Und die Bibel endet mit dem Bild vom neuen Jerusalem, das vom Himmel auf die Erde herabkommt, und dann wird Gott hier unter uns wohnen. Es geht immer um das Schicksal dieser Erde. »Mein Reich ist nicht von dieser Welt« heißt also nicht: Mein Reich ist irgendwo anders, sondern es bedeutet: Meine Art zu herrschen ist nicht von der Art der Könige dieser Welt, es ist ein völlig andersgeartetes Königtum als ihr es bisher kanntet, es ist eine alternative Art, hier auf der Welt König zu sein. Ich herrsche nicht nach Art der Herrscher dieser Welt, sondern nach Gottes Art. Wenn ich komme, dann müsst ihr eure Vorstellung davon, was es heißt, König zu sein, völlig revidieren.

Pilatus versteht das nicht. Die Machthaber dieser Welt nehmen sich nicht die Zeit, mit ihren Untertanen über irgendwelche spitzfindigen Argumente zu diskutieren. Pilatus hört nur das Stichwort »König« und fragt sofort: »Also doch? Höre ich recht, du hältst dich für einen König?«

Und Jesus antwortet: ja, ich bin ein König, aber ich bin der König, der durch die Wahrheit herrscht.

Jetzt ist Pilatus alles klar: noch so’n Spinner. Cäsar sei Dank, der Mann ist harmlos, den kann ich laufen lassen. Wenn einer an die Wahrheit glaubt, ist er ungefährlich. Wahrheit! Einfach lächerlich! Was ist Wahrheit? Ach du meine Güte, wieder einer von diesen Gutmenschen, die glauben, dass es Wahrheit gäbe. Jeder hat doch seine eigene Meinung davon, was Wahrheit ist, und am Ende entscheiden die Gewehre darüber (oder, damals, die Schwerter). Pilatus ist durch und durch Realist, ein Vertreter der Macht, und er versteht gar nichts.

Aber Johannes hat diese Szene beschrieben, damit wir verstehen. Denn auch in uns steckt tief drin dieser Glaube an die Macht, dieser idiotische Realismus, so wie er in Petrus und den anderen Jüngern steckte. Sollte sich hier unter uns die Wahrheit durchsetzen? Es ist viel einfacher, sich das Reich Jesu als Jenseits der Seelen vorzustellen. Und es ist eine richtige Zumutung, daran zu glauben, dass hier in dieser Welt der gottlosen Mächte und Herrscher die Wahrheit auch nur eine Chance haben könnte. Die Jünger haben erst nach der Auferstehung Jesu angefangen, das wirklich zu glauben.

Also fragen wir, nicht so verächtlich wie Pilatus, sondern neugierig und erwartungsvoll: »was ist denn mit „Wahrheit“ gemeint?«

Die Wahrheit, die Jesus bringt, die er verkörpert mit seinem ganzen Leben, das ist die ursprüngliche Wahrheit Gottes, die dieser Welt seit ihrer Schöpfung zugrunde liegt. Wir kennen einen Teil der Naturgesetze, die dieser Welt eingeschrieben sind, aber viel fundamentaler ist das Grundgesetz, dass diese Welt mit Liebe geschaffen worden ist. Dass sie auf Beziehung angelegt ist. Dass sie auf Leben hin angelegt ist und vom Segensstrom Gottes lebt. Die Welt ist keine tote Materie, sondern geliebte Schöpfung.

Jesus verkörpert diese Wahrheit, er ist die lebendige Wahrheit, er lebt aus der Liebe, die die Welt ins Leben gerufen hat, und gibt sie weiter. Deshalb hat er Macht über die Menschen, und sogar über die Natur. Aber es ist keine Macht, die die Menschen bricht oder der Natur Gewalt antut. Jesus singt der ganzen Schöpfung und allen Geschöpfen ihre eigene Melodie vor, und sie erkennen die Stimme ihres Schöpfers und folgen ihm willig. Denn er erneuert die ursprüngliche Güte, er heilt die Wunden, die die großen und kleinen Imperatoren geschlagen haben. Er führt alle Geschöpfe aus der Knechtschaft unter der imperialen Macht heraus. Und dann blüht die ganze Schöpfung auf.

Und natürlich beeinflusst das die Welt sehr nachhaltig. Die Nachfolger Jesu haben drei Jahrhunderte gebraucht, aber dann hatten sie das römische Imperium unterwandert und gezähmt, sie hatten es ein ganzes Stück weit humanisiert.

Ein anderes Beispiel: gestern war ich im Siegerland, bzw. kurz davor, und eine Frau, die aus der Gegend kommt, hat uns erzählt, wie das im 19. Jahrhundert eine ganz arme Gegend war, mit völlig ausgebeuteten Arbeitern, für die es der Höhepunkt der Woche war, wenn sie am Zahltag ihren Lohn bekamen und ihn dann sofort im Gasthaus versoffen haben. Ihre Frauen und Kinder saßen zu Hause und hungerten, und die Männer setzten ihr bisschen Lohn in Branntwein um, weil sie ihre elende Lage vergessen wollten. Jedes Dorf hatte mindestens zwei Kneipen.

Und dann gab es im Siegerland Erweckungen, das Evangelium schlug in den Menschen Wurzeln, und die Leute realisierten, was sie da taten. Gewusst hatten sie es schon immer, aber jetzt konnten sie das alles im Licht der Wahrheit sehen. Und die Kneipen mussten zumachen. Bis heute, erzählten sie uns, gibt es im Siegerland viele Dörfer ohne ein einziges Gasthaus.

Oder noch ein Beispiel aus unserer Gegenwart: vor zwei Wochen war ich dabei, wie ein Kollege aus einer norddeutschen Großstadt erzählte, dass sie dort mit einigen Christen angefangen haben, eine Aktion zu starten, bei der sich Menschen eine Woche lang ganz konzentriert für ihre Stadt einsetzen: soziale Einrichtungen renovieren, in Seniorenheimen vorlesen, mit Jugendlichen Aktionen machen und viele andere solche Sachen. Da kann jeder mitmachen, nicht nur christliche Gemeinden. Die machen das jetzt im zweiten Jahr, und die erleben einen unheimlichen Boom. So als ob ganz viele nur darauf gewartet haben, dass jemand so eine Möglichkeit schafft. Und interessanterweise ist der christliche Beitrag dazu vor allem so etwas wie eine positive, freundliche Grundstimmung. Man könnte sagen: der christliche Beitrag ist die Hoffnung, die das Ganze durchzieht. Da sind viele Leute, die eigentlich gern Gutes tun würden, und sie kommen so selten dazu. Aber wenn einer Hoffnung freisetzt, dann können Menschen gut sein. Aber das kriegen selbst die Könige dieser Welt mit all ihrer Macht nicht hin. Die klagen über Politikverdrossenheit und Staatsverdrossenheit und wundern sich, weshalb die Wahlbeteiligung zurückgeht. Aber Christen bringen Hoffnung mit.

Ein Pilatus kann Furcht erzeugen, aber keine Hoffnung. Da ist seine Macht am Ende. Jesu Macht fängt da erst an. Und deshalb ist er der König, der in Wirklichkeit diese Welt regiert. Seine Anhänger greifen nicht zu den Waffen, sondern verbreiten Hoffnung, Freude und Liebe, sie sind bereit, etwas zu investieren und sogar zu leiden, wenn es sein muss. Das ist Jesu Art von Macht. Das ist die Wahrheit, für die diese Welt geschaffen ist. In dieser Wahrheit regiert Jesus die Welt. Ein Pilatus wird das nie verstehen. Aber schon seine Frau, und einige seiner Untergebenen, die ahnen mindestens etwas davon.

Und ich hoffe, wir haben schon längst angefangen an diese Wahrheit zu glauben. Stimmt das?

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