Mai 302012
 

Kabel aufrollen für Profis

Heute mal was ganz anderes: Endlich zeigt mir jemand, wie man ordentlich Kabel aufrollen kann, ohne dass sie sich heillos verheddern. Da hätte man schon längst selbst drauf kommen können. Allerdings muss man sich das Video wohl ein paar Mal ansehen. Aber es lohnt sich. Danke für den Link an Daniel Weber!

httpv://www.youtube.com/watch?v=pEd7ru24Vx0

 

Mai 292012
 
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Gospels und Creeds – ein problematisches Verhältnis

N.T. Wright hat ein neues Buch geschrieben: „How God became King. The forgotten Story of the Gospels“. Wright geht aus von der merkwürdigen Tatsache, dass die altkirchlichen Glaubensbekenntnisse (die Creeds) nach der Geburt Jesu sofort die Passion folgen lassen („geboren von der Jungfrau Maria – gelitten unter Pontius Pilatus“) und somit in ihnen das ganze Leben Jesu nicht vorkommt. Damit fehlt ihnen das, was für die Evangelien (die Gospels) zentral ist, nämlich die Botschaft von der siegreichen Gegenwart des Reiches Gottes auf Erden. In den Evangelien ist das Zentralthema, dass Gott – durch das Wirken Jesu – König wird; in den Glaubensbekenntnissen geht es darum, dass Jesus Gott ist. Das ist ein Unterschied. Es gibt eine breite Kluft zwischen „creeds and gospels“.

Das schmälert die Bedeutung der Glaubensbekenntnisse nicht – sie sind eine berechtigte theologische Zuspitzung mit bestimmter Absicht, aber keine vollständige Zusammenfassung des christlichen Glaubens. Zur Botschaft von der Königsherrschaft Gottes auf Erden hat sich die Kirche auf andere Weise bekannt: indem sie die vier kanonischen Evangelien las und nicht die gnostischen Alternativen (wie das Thomasevangelium), die auf ein religiöses Jenseits zielten.

Dennoch wurden die kanonischen Glaubensbekenntnisse im Lauf der Zeit der Rahmen, der das Verständnis der Evangelien bestimmte – und begrenzte. Und so wurde ihre zentrale Botschaft vergessen, nicht nur in einer einzigen Fraktion der Christenheit, sondern in einem weiten Spektrum. Wenn nun ein neues Verständnis dafür anbricht, dass der lebendige Gott seine königliche Herrschaft nicht nur im Himmel ausübt, sondern auf Erden angetreten hat, im Leben und Sterben Jesu – was würde das bedeuten für den Auftrag und die Einheit der Kirche?

Wrights Kernanliegen ist es, Leben und Sterben Jesu als eine Einheit zu sehen. Reißt man beide auseinander, dann ergibt sich entweder – angeblich auf den Spuren der Evangelien – das Bild eines sympathischen jungen Juden, der eine große Bewegung begann, dann aber tragisch scheiterte. Stattdessen kam die Kirche. Oder, andersherum, man konzentriert sich mit den Glaubensbekenntnissen auf die Heilsbedeutung des Todes Jesu und kann mit seinem Leben wenig anfangen (von dem doch die Evangelien so viel erzählen).

Zwei Christentümer

Aus diesen beiden falschen Alternativen entstanden zwei Christentums-Typen: die „kingdom christians“ und die „cross christians“. Die einen verfolgen ihre „social gospel“-Agenda und die anderen ihre „saving-souls-for-heaven“-Agenda. Beide stehen sich misstrauisch gegenüber und denken, dass die anderen am Entscheidenden vorbeigehen. Aber erst wenn die künstlich auseinander gerissenen Gegensätze zusammenfinden, entsteht etwas Größeres als die Summe der beiden Teile. Und das kann geschehen, wenn wir die Story der Evangelien hören, die Reich Gottes (engl. „Kingdom“ – das klingt gleich ganz anders) und Kreuz zusammen sieht.

Wright beschreibt die nahtlose Einbettung der Passion in die Evangelien und in die Geschichte Israels. Der Tod Jesu ist gerade kein Bruch, sondern das Ereignis, auf das die Geschichte Jesu zuläuft. Gleichzeitig ist sie – recht verstanden – auch der Zielpunkt einer Bewegung, die in den Schriften des Alten Testaments angelegt ist. Aber: man muss das erst mal verstehen. Jesus hat sich selbst in diesem Zusammenhang gesehen, aber er hatte schon Mühe, seine Jünger davon zu überzeugen.

Im nächsten Post dieser Reihe werde ich den Zusammenhang von Reich Gottes und Kreuz nach N.T. Wright genauer beschreiben.

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Mai 272012
 

Pfingsten ist ein guter Augenblick, um diese neue Webseite online zu stellen. Ich möchte in Zukunft alle meine Texte zentral an einer Stelle veröffentlichen. Bisher habe ich Predigten auf der Webseite unserer Kirchengemeinde veröffentlicht, andere Texte auf meinem alten Blog „Tiefebene„, und dann gab es noch einige andere verstreute Orte. Die Tiefebene-Artikel (erkennbar am Autorennamen „Tiefebene“) sind fast alle nun auch hier versammelt, sogar mit den jeweiligen Kommentaren.

Warum eine neue Webseite?

Schon lange haben mich die begrenzten Gestaltungsmöglichkeiten eines wordpress.com – Blogs gestört. So schön es ist, dass man sich sich dort nicht um die Installation und die Updates kümmern muss: ich wollte gern die Möglichkeit haben, die CSS zu verändern und die Struktur der Seite freier zu gestalten (wenn dir diese Begriffe nichts sagen, vergiss sie einfach). Und unsere seit 2000 kontinuierlich gewachsene Gemeindewebseite noch nachträglich  manuell mit Kommentarfunktionen auszustatten, wäre eine wahre Herkulesaufgabe geworden.

Also fange ich neu an und werde nach und nach auch noch mehr von meinen früheren Predigten hierher holen. Ein Bibelstellenregister (auch das fehlte auf der Gemeindewebseite) soll alle bibelbezogenen Inhalte erschließen helfen. Allerdings werde ich auch weiterhin Predigten parallel auf der Gemeindewebseite veröffentlichen.

Ich möchte mit dieser zentralen Webseite vor allem deutlich machen, dass Theologie, praktische Bibelauslegung in der Gemeindearbeit, Nachdenken über Politik und anderes Zeitgeschehen, Auseinandersetzung mit den prägenden Grundgedanken der Gegenwart und Anteilnahme an den Entwicklungen vor Ort für mich eine Einheit darstellen. Alles beeinflusst sich gegenseitig. Nichts davon möchte ich missen. Die emergente Art, Theologie zu betreiben, bringt all diese unterschiedlichen Themen zusammen.

Neue Webseite online: Walters Werkstatt

Ich nenne diese Webseite „Walters Werkstatt“, weil all unser Nachdenken z.Zt. im permanenten Umbau ist. Vielleicht wird das ja eines Tages auch wieder anders, aber vorerst muss noch weiter heftig in der Werkstatt gearbeitet werden. Mögen daraus neue Perspektiven entstehen für die Gemeinde der Zukunft, und vielleicht auch neue Perspektiven für unsere Welt, in der seit Beginn des neuen Jahrtausend die Unsicherheit stetig zunimmt. Eigentlich ist das ein gutes Szenario für eine Neugeburt des christlichen Glauben. Gott hat in solchen Situationen immer wieder für überraschende Wendungen gesorgt. Wir können einiges erwarten.

In den letzten Monaten habe ich vor allem an dieser Webpräsenz gearbeitet; dabei hat die Produktion von Inhalten zurückstehen müssen. Die letzte Veröffentlichung auf „Tiefebene“ liegt schon länger zurück. Ich hoffe, dass sich das nun wieder ändern wird. Heute wird dieser Blog auch für die Suchmaschinen freigeschaltet; auf „Tiefebene“ wird es noch eine Zeit lang Hinweise auf die neuen Veröffentlichungen hier geben.

Tiefebene, es war eine schöne Zeit mit dir, aber nun geht es anders weiter, und du bleibst erhalten im Untertitel dieses Blogs: Texte aus der norddeutschen Tiefebene.

Mai 272012
 
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„Die Macht der Ohnmächtigen (Teil 2)
Neues Testament: Reich Gottes und Kreuz“

Beitrag beim Treffen der Emergenten Initiative Theologie am 18./19.5.2012 in Haiger

Die Macht der Ohnmächtigen – das ist das Thema des diesjährigen Emergent Forums am 30.11.-2.12.2012 in Erlangen.

Die Emergente Initiative Theologie hat sich bei einem Treffen in Haiger schon darauf vorbereitet. Neben einem Beitrag von Peter Aschoff (über die „prophetische Imagination“ im Alten Testament), der leider nicht aufgenommen wurde, habe ich einen Beitrag zum Neuen Testament beigesteuert: Überlegungen zur Frage, warum der Tod Jesu ein Sieg über die imperialen Mächte war und inwiefern das Abendmahl eine Spiritualität des Widerstandes enthält.

Leider ist die Aufnahme zwar verständlich, aber in der Qualität nicht optimal. Beim nächsten Mal denke ich daran, das richtige Aufnahmegerät mitzunehmen.

[ca_audio url=“http://walterf.sagitta.uberspace.de/walterswerkstatt/wp-content/uploads/sites/4/2012/05/2012-05-19Reich-Gottes-und-Kreuz-at-InitiativeTheologie.mp3″ width=“420″ height=“27″ css_class=“codeart-google-mp3-player“]

 

Link zur Audiodatei

 

Wer den Beitrag lieber lesen möchte, findet hier eine leicht überarbeitete schriftliche Fassung.

Mai 272012
 

Predigt zu 4. Mose 11,11-25 pass. am 27. Mai 2012 (Pfingsten I)

10 Mose sah die Leute von Israel, alle Sippen und Familien, vor ihren Zelten stehen und hörte sie klagen. Ein heftiger Zornausbruch des Herrn bahnte sich an. Mose war die ganze Sache leid 11 und sagte zum Herrn: »Warum tust du mir, deinem Diener, dies alles an? Womit habe ich es verdient, dass du mir eine so undankbare Aufgabe übertragen hast? Dieses Volk liegt auf mir wie eine drückende Last. 12 Schließlich bin ich doch nicht seine Mutter, die es geboren hat! Wie kannst du von mir verlangen, dass ich es auf den Schoß nehme wie die Amme den Säugling und es auf meinen Armen in das Land trage, das du ihren Vätern zugesagt hast? 13 Fleisch wollen sie; sie liegen mir in den Ohren mit ihrem Geschrei. Woher soll ich Fleisch nehmen für ein so großes Volk? 14 Ich allein kann dieses ganze Volk nicht tragen, die Last ist mir zu schwer. 15 Wenn du sie mir nicht erleichtern willst, dann hab wenigstens Erbarmen mit mir und töte mich, damit ich nicht länger diese Qual ausstehen muss.« 16 Der Herr antwortete Mose: »Versammle siebzig angesehene Männer aus dem Kreis der Ältesten Israels, die sich als Aufseher bewährt haben, und hole sie zum Heiligen Zelt. Dort sollen sie sich neben dir aufstellen. 17 Ich werde herabkommen und mit dir sprechen, und dann werde ich von dem Geist, den ich dir gegeben habe, einen Teil nehmen und ihnen geben. Dann können sie die Verantwortung für das Volk mit dir teilen und du brauchst die Last nicht allein zu tragen. […] 24 Mose ging hinaus und teilte dem Volk mit, was der Herr gesagt hatte. Er versammelte siebzig Männer aus dem Kreis der Ältesten Israels und stellte sie rings um das Heilige Zelt auf. 25 Da kam der Herr in der Wolke herab und redete mit Mose. Er nahm einen Teil des Geistes, den er Mose gegeben hatte, und gab ihn den siebzig Ältesten. Als der Geist Gottes über sie kam, gerieten sie vorübergehend in ekstatische Begeisterung wie Propheten.

Gott in der Mitte seiner Menschen – dieses Thema zieht sich durch die ganze Bibel. Am Anfang der Garten, wo Gott Adam und Eva besucht und sich mit ihnen unter den Bäumen des Gartens unterhält. Am Ende das neue Jerusalem, das vom Himmel auf die Erde kommt und wo Gott mitten unter den Menschen wohnt. Und dazwischen immer wieder die Momente, wo Gott schon unter seinem Volk präsent ist, und der scheinbare Normalzustand ist aufgehoben, und die alltäglichen Ordnungen kommen durcheinander, weil Gottes Gegenwart Freiheit bringt.

So eine Geschichte von Gott, wie er mit seiner Herrlichkeit zu seinen Menschen kommt, ist heute dieser Abschnitt aus dem 4. Buch Mose, und es ist eine Vorgängergeschichte zur Pfingstgeschichte. Wir sehen dadurch klarer, worum es Pfingsten gegangen ist – das Bild bekommt mehr Tiefenschärfe.

Es geht um eine Überlieferung aus der Zeit der Wüstenwanderung Israels. Das ist eine Zeit des Übergangs. Die hebräischen Sklaven sind unter Führung des Mose aus der Sklaverei in Ägypten geflohen, sie haben das Wunder ihrer Rettung am Schilfmeer erlebt, sie haben am Sinai Gesetze bekommen, die ihnen helfen sollen, in Zukunft als freies Volk zu leben, wo es keine Sklaverei mehr gibt, keine Götzen und keine Tyrannen.

Und dann ziehen sie weiter durch die Wüste ins verheißene Land. Und die Wüste ist die Situation dazwischen: nicht mehr in der Sklaverei, aber noch nicht im Land der Freiheit. Nicht mehr in der alten unterdrückerischen Ordnung, aber noch nicht in einer neuen stabilen Ordnung, wo alles seinen geregelten Gang geht. Das Leben ist unvorhersehbar, es ist ganz viel offen, nichts ist selbstverständlich. Alle möglichen Alternativen sind plötzlich denkbar, weil so wenig vorgegeben ist. Der Weg in die Freiheit führt durch die Wüste. Und da lernt man sich und die anderen gründlich kennen, weil sich Menschen in solchen Situationen nicht an vorgegebene Traditionen anlehnen können. Es gibt ja keine.

Was erlebt Mose in der Wüste mit seinem Volk? Sie fangen an zu meckern. Sie meckern über das Essen. Bis heute ist das Essen ein beliebtes Thema, an dem sich Unzufriedenheit fest macht. Wenn sich erstmal die Überzeugung verbreitet hat, dass das Essen ein ekliger Fraß ist, dann kann der Koch machen, was er will, es wird immer nur scheußlich schmecken.

In diesem Fall ist Gott der Koch. Er gibt ihnen ja als Essen das Manna. Jeden Tag fällt Manna vom Himmel, und nur so kommen sie durch die Wüste, ohne zu verhungern. Und auf einmal schmeckt das Manna nicht mehr. Auf einmal sagen sie alle: »Ih! wie scheußlich. Bäh! Das ist ja eklig.« Da bricht eine richtige Massenhysterie aus. Alle stehen da und weinen und tun sich selbst leid und sprechen von der Pizza und den Hamburgern, die es in Ägypten gab. Auf einmal erinnert sich keiner mehr an die Sklavenarbeit und an die Schläge, die in Ägypten ihr täglich Brot waren, alle stehen nur da und jammern, dass es in der Wüste kein MacDonalds gibt. In Gedanken gehen sie die ganze Speisekarte rauf und runter und sagen: wie toll waren doch die doppelten Hamburger und die Chickenburger, und dann erst die Überraschungstüten! Was ist das Leben noch wert, wenn man sich keinen Big Mac mehr bestellen kann? Wir wollen endlich wieder richtiges Fleisch haben, nicht mehr dieses eklige Manna!

Das ist der Ausgangspunkt unserer Geschichte: die ehemaligen Sklaven merken plötzlich, dass Freiheit anstrengend sein kann. Und im Rückblick kommt ihnen die Fronarbeit weniger schlimm vor als das freie Leben auf eigene Verantwortung. Als Sklave muss man keine eigenen Entscheidungen treffen und die Folgen tragen. Als Sklave hat man immer einen Chef, der Schuld ist, und auf den kann man schimpfen. Kluge Sklavenhalter regen sich nicht darüber auf, weil sie wissen: wer meckert, denkt nicht an Revolution. Gib ihnen MacDonalds, und sie machen keine Probleme mehr.

Aber für Gott ist das ein Problem, weil er freie Menschen will und keine Untertanen mit Sklavenmentalität. Gott will reife, erwachsene Menschen und keinen dauernden Zwer­genaufstand. Und jetzt kriegt Gott sogar noch Probleme mit Mose. Mose hat endgültig die Nase voll. Er droht mit Streik und sagt: Lös mich ab. Töte mich! Das Ganze war dein Projekt und nicht meins. Ich bin es leid, einen Haufen Kinder durch die Wüste zu führen. Lieber einen Sack Flöhe hüten als dieses Volk!

Das ist die Problematik, die schon manchen mürbe gemacht hat, der freie Menschen wollte. Die Leute ertragen lieber ganz viel, als auf eigene Verantwortung in die Freiheit zu ziehen. Wenn sie ein bisschen Komfort haben, ein paar kleine Freuden, dann arrangieren sie sich auch mit der Sklaverei. Wir wissen aus der Bibel: am Ende blieb Gott nichts anderes übrig, als abzuwarten, bis die Generation der ehemaligen Sklaven tot war. Erst die nächste Generation, die frei geboren und in der Wüste groß geworden ist, erst die darf ins Land der Verheißung.

Aber einen Versuch macht er hier noch: Mose soll 70 von den Ältesten Israels zusammenholen. Das ist kein festes Gremium, sondern Mose sucht Leute aus, die ein gewisses Ansehen haben und die vielleicht auch schon daran gewöhnt sind, verantwortlicher zu denken als die anderen. Und dann kommt Gott mit seiner Herrlichkeit an den Heiligen Ort, an das Zelt der Begegnung, wo er sich sonst nur mit Mose trifft, und er gibt von dem Geist, der auf Mose liegt, auch diesen 70.

Und da versteht man, was Geist, Gottes Geist, Heiliger Geist bedeutet: Gott gibt etwas von seiner Gesinnung auf Menschen, damit in ihnen etwas anders drinsteckt als die Sklavenmentalität. Die kennen ja kaum etwas anderes, und die müssen erst einmal eine Ahnung davon bekommen, dass es eine Alternative gibt und man auch anders denken kann. Gott zieht Menschen auf seine Seite, so wie er Mose auf seine Seite gezogen hat, und sie sollen gegenüber den anderen Gott repräsentieren. An ihnen sollen die anderen etwas von Gottes Art sehen können, damit sie merken: ach so, das gibt es auch! Aha, so sieht also das Leben aus, wenn es von Gott her beflügelt ist!

Gott nimmt sich immer einen kleinen Teil der Menschen, zieht sie durch seinen Geist auf seine Seite und zeigt dadurch den anderen, wie er wirklich ist, und wie ein Leben mit ihm aussieht. Gott zeigt an seinen Leuten allen Menschen, dass Freiheit möglich ist. Dass es etwas Besseres gibt als Sklaverei, aber auch etwas Besseres als Bequemlichkeit und Verantwortungslosigkeit.

Und wir sehen an Mose, dass es eine Last sein kann, wenn man so auf Gottes Seite gezogen wird. Man spürt dann etwas von der Last, die Gott selbst trägt, indem er seiner Schöpfung treu bleibt. Alle Menschen Gottes haben irgendwann einmal in dieser Versuchung gestanden, Gott den Job vor die Füße zu werfen und zu sagen: such dir einen anderen! Ich will jetzt endlich mal Urlaub machen, ich bin es leid, Kinder durch die Wüste zu führen und mir geduldig und verständnisvoll ihr Gejammer anzuhören, ich bin es leid, immer in der Minderheit zu sein, immer der Verantwortliche sein zu müssen, immer ihr Gemecker abzukriegen, ihr Selbstmitleid, ihre Bequemlichkeit – gib ihnen doch ihren Big Mac, oder tu was du willst, dann hab ich wenigstens mal Ruhe.

Das ist die Versuchung, vor der Jesus im Garten Gethsemane stand, kurz vor seiner Verhaftung, als er Gott fragte: muss das sein? Muss ich wirklich sterben? Jesus hat das nicht in dem erbitterten Ton gefragt wie Mose, und er hat ja am Ende auch die Last auf sich genommen, aber diese Versuchung kannte er auch. Doch am Ende hat er sich dann nicht von Gott distanziert, sondern er ist freiwillig bis zuletzt auf der Seite Gottes geblieben. Er hat Gott nicht allein die Last tragen lassen, sondern er hat Gottes Last geteilt. Ja, Gott trägt an uns wie an einer schweren Last. Und wir machen Gott müde, wenn wir immer wieder zurückfallen in den Wunsch nach Verantwortungslosigkeit, nach Bequemlichkeit, nach Unmündigkeit.

Gottes Problem ist, dass er niemanden hat, dem er die Verantwortung vor die Füße werfen kann. Aber seit Jesus ist er endlich nicht mehr mit diesem Problem allein, sondern endlich hat ein Mensch Gottes Last wirklich geteilt, freiwillig geteilt, ohne den Vorbehalt, dass das nicht zu anstrengend und stressig werden darf. Und an Jesus kann man sehen, was für ein großartiges Menschsein das ergibt, wenn sich einer so auf die Seite Gottes stellen lässt. Weil Jesus das durchgehalten hat, bis zum bitteren Ende am Kreuz durchgehalten hat, deshalb ist jetzt endlich in vollem Maß zu sehen, um wie viel besser so ein freies Leben mit Gott ist als eine Sklavenexistenz, egal, mit wieviel Überraschungstüten die dekoriert wird. Selbst wenn man die Last der Verantwortung dazurechnet, diesen Kraftakt, sich allein oder mit Wenigen auf die Seite Gottes zu stellen, das ist immer noch ein größeres und volleres Leben als alles andere.

Aber wir sollen dann eben auch Nachfolger Jesu sein und nicht Nachfolger des Mose. So groß Mose auch war – er hat mit Gott wie mit einem Freund gesprochen, von Angesicht zu Angesicht – wir sollen uns dennoch an Jesus ein Vorbild nehmen, der Gott den Job nicht vor die Füße geworfen hat.

Und Gott teilt nun den Geist Jesu aus. Das bedeutet Pfingsten: Menschen werden durch den Geist Jesu in die Solidarität mit Gott hinein geholt. Menschen sind bereit, den Sklavenstatus hinter sich zu lassen und auf eigene Verantwortung die Last Gottes mit dieser Welt zu teilen, weil sie gesehen haben, dass man nur so ein wahrer Mensch wird. Nur so kann sich all das, was in uns steckt, auch entfalten. Nur so werden wir zu souveränen Menschen, zu Menschen, die nicht von Furcht beherrscht sind, zu königlichen Menschen. Und die Schöpfung atmet auf, wenn diese Menschen sichtbar werden.

Alles fängt damit an, dass Gott in der Mitte seines Volkes erscheint. Bei Mose in der Wüste war das die Herrlichkeit Gottes in der Wolke, die sich nieder senkt auf das Zelt der Begegnung. Im Neuen Testament ist das der Mensch Jesus, der unter den Menschen erscheint, »und wir sahen seine Herrlichkeit«. Und was ist das Ergebnis?

Die 70 Ältesten »geraten in Verzückung«, sie »gerieten in Begeisterung«, sie kamen in eine Art Ausnahmezustand. Wenn Menschen unvermutet der Herrlichkeit Gottes begegnen, dann haut sie das erstmal um, sie geraten aus ihrem normalen Betriebszustand heraus und schalten in eine Art Sonderprogramm. Gott schaltet sie quasi in den Wartungsmodus, damit er umfangreichere Reparaturen an ihrem Herzen vornehmen kann und ein neues Programm einspielt, ein Update, um es so zu sagen. Gott erweitert kurzzeitig ihren Horizont, er lässt sie Ungewohntes und Neues erleben, damit sie anschließend wissen, dass es jenseits des Sklavenzustandes noch viel größere, andere Modi gibt, andere, bessere Zustände der Freiheit. Gott schmeißt das normale Alltagspuzzle durcheinander, damit er ein neues Bild zusammensetzen kann.

Das heißt, diese »Verzückung«, dieser »Prophetenstatus«, das ist immer ein Durchgangsstadium zu etwas Neuem, etwas Größerem. Es geht nicht darum, das möglichst oft zu erleben, sondern es geht darum, dass wir anschließend anders sind, dass wir Gott besser kennen und einen weiteren Blick haben.

Damals bei Mose hat das nur kurzzeitig geklappt. In den nächsten Kapiteln geht das Murren und Meckern weiter. Aber mindestens hat Gott Mose gezeigt, dass er nicht allein bleiben wird. Es gibt Hoffnung für Mose. Als Jesus in Menschengestalt kam, war der Erfolg größer als damals im Zelt der Begegnung, als Gott in der Wolke kam.

In Zukunft wird es Menschen geben, die sich auf Gottes Seite stellen lassen. Vielleicht nicht unbedingt eine große Zahl, aber es wird sie geben. Sie werden in der Nachfolge Jesu bereit sein, die Last der Welt zu teilen, sie nicht Gott vor die Füße zu werfen. Sie haben an Jesus gesehen, was wahres Menschsein ist, und darauf wollen sie nie wieder verzichten.

Dazu sind wir berufen: zur Last und zur Größe wahren jesusförmigen Menschseins. Beides gibt es diesseits des Himmels nur im Doppelpack. Und dazu möchte Gott dein Ja, unser Ja.

Mai 202012
 

Predigt am 20. Mai 2012 zu Johannes 18,33-38

33 Pilatus ging ins Prätorium zurück und ließ Jesus vorführen. »Bist du der König der Juden?«, fragte er ihn. 34 Jesus erwiderte: »Bist du selbst auf diesen Gedanken gekommen, oder haben andere dir das über mich gesagt?« – 35 »Bin ich etwa ein Jude?«, gab Pilatus zurück. »Dein eigenes Volk und die führenden Priester haben dich mir übergeben. Was hast du getan?« 36 Jesus antwortete: »Das Reich, dessen König ich bin, ist nicht von dieser Welt. Wäre mein Reich von dieser Welt, dann hätten meine Diener für mich gekämpft, damit ich nicht den Juden in die Hände falle. Nun ist aber mein Reich nicht von hier.« 37 Da sagte Pilatus zu ihm: »Dann bist du also tatsächlich ein König?« Jesus erwiderte: »Du hast Recht – ich bin ein König. Ich bin in die Welt gekommen, um für die Wahrheit Zeuge zu sein; dazu bin ich geboren. Jeder, der auf der Seite der Wahrheit steht, hört auf meine Stimme.« – 38 »Wahrheit?«, sagte Pilatus zu ihm. »Was ist das?« Damit brach Pilatus das Verhör ab und ging wieder zu den Juden hinaus. »Ich kann keine Schuld an ihm finden«, erklärte er.

Was Könige sind, das wussten die Leute in der alten Welt besser als wir. Wir kennen heute Schützenkönige, und wir kennen die gekrönten Promis, über deren Affären und Skandale wir in Illustrierten beim Friseur lesen. Aber damals waren Könige die absoluten Herren über Wohl und Wehe ihrer Untertanen, über Tod und Leben. Sie waren nicht allmächtig, weil es ja noch andere, stärkere Könige gab, und sie mussten sich manchmal vorsehen, dass sie nicht im Rahmen einer Hofintrige von einem Konkurrenten hingemeuchelt wurden. Aber für seine einfachen Untertanen war ein König das Machtzentrum schlechthin, und auch wenn sie gelegentlich über hohe Steuern murrten, war er eine ehrfurchtgebietende Person, die hoch über ihnen stand.

Mit unseren heutigen Worten gesprochen war er der Chef, der oberste Boss: Politisch, militärisch und auch wirtschaftlich. Er entschied darüber, wie die Menschen lebten. Er und seine Beamten gestalteten die Welt. Ein guter König war ein großes Glück, ein schlechter eine Katastrophe. Deshalb war er in der Optik der Leute dann dafür verantwortlich, dass der Laden lief, dass es keine Missernten gab, genug zu essen da war und Kriege gewonnen wurden. Wenn es schiefging, wackelte sein Thron.

Pilatus war Gouverneur, also der Vertreter des obersten Königs, nämlich des Kaisers in Rom, in einer unruhigen Provinz des Reiches, in Palästina. Seine Aufgabe war es, dafür zu sorgen, dass dort niemand auf die Idee kam, sich zum Gegenkönig zu machen. Denn man wurde König entweder durch Vererbung, oder aber durch Gewalt. Zweihundert Jahre früher hatte Judas Makkabäus einen jüdischen Aufstand gegen die Syrer angeführt, zu deren Reich damals Israel gehörte. Er hatte für Israel die Freiheit gewonnen und für sich und seine Familie die Königswürde.

Pilatus‘ wichtigste Aufgabe war, zu verhindern, dass das noch einmal passierte. Zu diesem Zweck beobachtete er die jüdische Gesellschaft sehr genau. Er verstand zwar die ganze verrückte Religion nicht, die in diesem Land herrschte, da mischte er sich auch nicht ein. Sollten die ruhig tun, was ihnen ihre bekloppten Traditionen vorschrieben! Es war ihnen sowieso nicht auszutreiben. Aber bei dem Stichwort »König« war er sensibel. Da reagierte er sofort. Wenn es irgendwo einen gab, der sich anschickte, das Königsamt zu beanspruchen, dann musste Pilatus schnell entscheiden, ob er diesen Versuch sofort brutal im Keim erstickte, oder ob es ein harmloser Spinner war, den man laufen lassen konnte. Denn zu viel Gewalt war auch nicht gut. Am besten war es, wenn Ruhe herrschte und die Leute ihre Steuern zahlten.

Im Fall Jesus war ihm nun irgendwie gesteckt worden, dass der den Anspruch auf die Königswürde erhob. Immerhin hatte er im Tempel für Unruhe gesorgt, als er für einen Nachmittag die Händler und Geldwechsler vertrieben hatte. Trotzdem war das Ganze aus der Sicht von Pilatus lächerlich: ein armer, unbewaffneter Mann aus der hintersten Ecke des Landes, dessen paar Anhänger längst das Weite gesucht hatten. Der und König? Da hat es schon ganz andere gegeben, und mit denen sind wir auch fertig geworden! Na gut, fragen kostet nichts, ich kann mir den Typen ja mal ansehen.

Aber, wenn du Jesus etwas fragst, bekommst du als Antwort eine Gegenfrage: Wer hat dir das gesteckt? wie kommst du auf die Idee?

Pilatus wischt die Frage vom Tisch. Von dem ganzen jüdischen Krams verstehe ich nichts. Aber irgendwas musst du angestellt haben, sonst wärst du nicht hier. Also, sag besser, was los ist.

Und dann bekommt Pilatus seine Antwort, aber wieder ist es kein klares Ja oder Nein: Mein Königtum ist nicht von dieser Welt. Da fällt das entscheidende Wort – »König«, und Pilatus hört gar nicht mehr auf das, was Jesus noch hinzufügt. Aber es ist wichtig, dass wir es gut verstehen. Jesus sagt: ja, ich bin ein König, aber ich bin eine andere Art von König. Ich bin zuständig für all die Dinge, für die ein König zuständig ist, für die ganze Lebensgestaltung, aber ich übe meine Zuständigkeit auf völlig andere Weise aus, als du es erwarten würdest. Ich herrsche durch die Wahrheit, und dadurch verändert sich der ganze Inhalt des Wortes herrschen.

Niemand, auch Jesus nicht, erwartet jetzt, dass Pilatus das versteht. Selbst die Jünger von Jesus haben es nicht wirklich verstanden – wie soll es da der Vertreter des römischen Imperiums raffen? Jesus hat Petrus mit Mühe davon abbringen können, seine Gefangennahme mit dem Schwert in der Hand zu verhindern. Jetzt verwendet er es als Argument bei Pilatus: wäre mein Reich von dieser Welt, dann würden meine Anhänger für mich kämpfen. Aber sie tun es nicht. Daran kannst du sehen, dass mein Reich nicht von der Art dieser Welt ist.

An dieser Stelle müssen wir verstehen, was Jesus meint, und wir sind in der Gefahr eines anderen Missverständnisses als Pilatus und die Jünger Jesu. Durch eine lange Geschichte von Fehlinterpretationen sind wir in Gefahr, dass wir das Königreich Jesu in eine jenseitige Sphäre verlegen, die mit unserer Welt kaum noch etwas zu tun hat. Dann verstehen wir es als ein geistiges Reich im Innern des Menschen, oder als eine geistliche, himmlische Realität, in die unsere Seelen nach dem Tod kommen, und die mit dieser Welt der Materie, dieser Welt in Zeit und Raum kaum noch etwas zu tun hat.

Niemand (außer vielleicht einigen ganz esoterischen Zirkeln) wäre damals auf die Idee gekommen, das so zu verstehen, und am allerwenigsten Jesus selbst. Nicht umsonst hat er seine Jünger angeleitet, im Vaterunser zu beten: dein Reich komme! Dein Reich komme hier zu uns auf die Erde. Und dein guter Wille, der jetzt schon im Himmel geschieht, der geschehe endlich ebenso hier bei uns auf der Erde! Und die Bibel endet mit dem Bild vom neuen Jerusalem, das vom Himmel auf die Erde herabkommt, und dann wird Gott hier unter uns wohnen. Es geht immer um das Schicksal dieser Erde. »Mein Reich ist nicht von dieser Welt« heißt also nicht: Mein Reich ist irgendwo anders, sondern es bedeutet: Meine Art zu herrschen ist nicht von der Art der Könige dieser Welt, es ist ein völlig andersgeartetes Königtum als ihr es bisher kanntet, es ist eine alternative Art, hier auf der Welt König zu sein. Ich herrsche nicht nach Art der Herrscher dieser Welt, sondern nach Gottes Art. Wenn ich komme, dann müsst ihr eure Vorstellung davon, was es heißt, König zu sein, völlig revidieren.

Pilatus versteht das nicht. Die Machthaber dieser Welt nehmen sich nicht die Zeit, mit ihren Untertanen über irgendwelche spitzfindigen Argumente zu diskutieren. Pilatus hört nur das Stichwort »König« und fragt sofort: »Also doch? Höre ich recht, du hältst dich für einen König?«

Und Jesus antwortet: ja, ich bin ein König, aber ich bin der König, der durch die Wahrheit herrscht.

Jetzt ist Pilatus alles klar: noch so’n Spinner. Cäsar sei Dank, der Mann ist harmlos, den kann ich laufen lassen. Wenn einer an die Wahrheit glaubt, ist er ungefährlich. Wahrheit! Einfach lächerlich! Was ist Wahrheit? Ach du meine Güte, wieder einer von diesen Gutmenschen, die glauben, dass es Wahrheit gäbe. Jeder hat doch seine eigene Meinung davon, was Wahrheit ist, und am Ende entscheiden die Gewehre darüber (oder, damals, die Schwerter). Pilatus ist durch und durch Realist, ein Vertreter der Macht, und er versteht gar nichts.

Aber Johannes hat diese Szene beschrieben, damit wir verstehen. Denn auch in uns steckt tief drin dieser Glaube an die Macht, dieser idiotische Realismus, so wie er in Petrus und den anderen Jüngern steckte. Sollte sich hier unter uns die Wahrheit durchsetzen? Es ist viel einfacher, sich das Reich Jesu als Jenseits der Seelen vorzustellen. Und es ist eine richtige Zumutung, daran zu glauben, dass hier in dieser Welt der gottlosen Mächte und Herrscher die Wahrheit auch nur eine Chance haben könnte. Die Jünger haben erst nach der Auferstehung Jesu angefangen, das wirklich zu glauben.

Also fragen wir, nicht so verächtlich wie Pilatus, sondern neugierig und erwartungsvoll: »was ist denn mit „Wahrheit“ gemeint?«

Die Wahrheit, die Jesus bringt, die er verkörpert mit seinem ganzen Leben, das ist die ursprüngliche Wahrheit Gottes, die dieser Welt seit ihrer Schöpfung zugrunde liegt. Wir kennen einen Teil der Naturgesetze, die dieser Welt eingeschrieben sind, aber viel fundamentaler ist das Grundgesetz, dass diese Welt mit Liebe geschaffen worden ist. Dass sie auf Beziehung angelegt ist. Dass sie auf Leben hin angelegt ist und vom Segensstrom Gottes lebt. Die Welt ist keine tote Materie, sondern geliebte Schöpfung.

Jesus verkörpert diese Wahrheit, er ist die lebendige Wahrheit, er lebt aus der Liebe, die die Welt ins Leben gerufen hat, und gibt sie weiter. Deshalb hat er Macht über die Menschen, und sogar über die Natur. Aber es ist keine Macht, die die Menschen bricht oder der Natur Gewalt antut. Jesus singt der ganzen Schöpfung und allen Geschöpfen ihre eigene Melodie vor, und sie erkennen die Stimme ihres Schöpfers und folgen ihm willig. Denn er erneuert die ursprüngliche Güte, er heilt die Wunden, die die großen und kleinen Imperatoren geschlagen haben. Er führt alle Geschöpfe aus der Knechtschaft unter der imperialen Macht heraus. Und dann blüht die ganze Schöpfung auf.

Und natürlich beeinflusst das die Welt sehr nachhaltig. Die Nachfolger Jesu haben drei Jahrhunderte gebraucht, aber dann hatten sie das römische Imperium unterwandert und gezähmt, sie hatten es ein ganzes Stück weit humanisiert.

Ein anderes Beispiel: gestern war ich im Siegerland, bzw. kurz davor, und eine Frau, die aus der Gegend kommt, hat uns erzählt, wie das im 19. Jahrhundert eine ganz arme Gegend war, mit völlig ausgebeuteten Arbeitern, für die es der Höhepunkt der Woche war, wenn sie am Zahltag ihren Lohn bekamen und ihn dann sofort im Gasthaus versoffen haben. Ihre Frauen und Kinder saßen zu Hause und hungerten, und die Männer setzten ihr bisschen Lohn in Branntwein um, weil sie ihre elende Lage vergessen wollten. Jedes Dorf hatte mindestens zwei Kneipen.

Und dann gab es im Siegerland Erweckungen, das Evangelium schlug in den Menschen Wurzeln, und die Leute realisierten, was sie da taten. Gewusst hatten sie es schon immer, aber jetzt konnten sie das alles im Licht der Wahrheit sehen. Und die Kneipen mussten zumachen. Bis heute, erzählten sie uns, gibt es im Siegerland viele Dörfer ohne ein einziges Gasthaus.

Oder noch ein Beispiel aus unserer Gegenwart: vor zwei Wochen war ich dabei, wie ein Kollege aus einer norddeutschen Großstadt erzählte, dass sie dort mit einigen Christen angefangen haben, eine Aktion zu starten, bei der sich Menschen eine Woche lang ganz konzentriert für ihre Stadt einsetzen: soziale Einrichtungen renovieren, in Seniorenheimen vorlesen, mit Jugendlichen Aktionen machen und viele andere solche Sachen. Da kann jeder mitmachen, nicht nur christliche Gemeinden. Die machen das jetzt im zweiten Jahr, und die erleben einen unheimlichen Boom. So als ob ganz viele nur darauf gewartet haben, dass jemand so eine Möglichkeit schafft. Und interessanterweise ist der christliche Beitrag dazu vor allem so etwas wie eine positive, freundliche Grundstimmung. Man könnte sagen: der christliche Beitrag ist die Hoffnung, die das Ganze durchzieht. Da sind viele Leute, die eigentlich gern Gutes tun würden, und sie kommen so selten dazu. Aber wenn einer Hoffnung freisetzt, dann können Menschen gut sein. Aber das kriegen selbst die Könige dieser Welt mit all ihrer Macht nicht hin. Die klagen über Politikverdrossenheit und Staatsverdrossenheit und wundern sich, weshalb die Wahlbeteiligung zurückgeht. Aber Christen bringen Hoffnung mit.

Ein Pilatus kann Furcht erzeugen, aber keine Hoffnung. Da ist seine Macht am Ende. Jesu Macht fängt da erst an. Und deshalb ist er der König, der in Wirklichkeit diese Welt regiert. Seine Anhänger greifen nicht zu den Waffen, sondern verbreiten Hoffnung, Freude und Liebe, sie sind bereit, etwas zu investieren und sogar zu leiden, wenn es sein muss. Das ist Jesu Art von Macht. Das ist die Wahrheit, für die diese Welt geschaffen ist. In dieser Wahrheit regiert Jesus die Welt. Ein Pilatus wird das nie verstehen. Aber schon seine Frau, und einige seiner Untergebenen, die ahnen mindestens etwas davon.

Und ich hoffe, wir haben schon längst angefangen an diese Wahrheit zu glauben. Stimmt das?

Mai 062012
 

Predigt am 6. Mai 2012 zu Apostelgeschichte 16,23-34

23 Die obersten Beamten ließen Paulus und Silas viele Schläge geben und sie ins Gefängnis bringen; dem Gefängniswärter befahlen sie, sie in sicherem Gewahrsam zu halten. 24 Auf diesen Befehl hin warf er sie in das innere Gefängnis und schloss zur Sicherheit ihre Füße in den Block. 25 Um Mitternacht beteten Paulus und Silas und sangen Loblieder; und die Gefangenen hörten ihnen zu. 26 Plötzlich begann ein gewaltiges Erdbeben, sodass die Grundmauern des Gefängnisses wankten. Mit einem Schlag sprangen die Türen auf und allen fielen die Fesseln ab. 27 Als der Gefängniswärter aufwachte und alle Türen des Gefängnisses offen sah, zog er sein Schwert, um sich zu töten; denn er meinte, die Gefangenen seien entflohen. 28 Da rief Paulus laut: Tu dir nichts an! Wir sind alle noch da. 29 Jener rief nach Licht, stürzte hinein und fiel Paulus und Silas zitternd zu Füßen. 30 Er führte sie hinaus und sagte: Ihr Herren, was muss ich tun, um gerettet zu werden? 31 Sie antworteten: Glaube an Jesus, den Herrn und du wirst gerettet werden, du und dein Haus. 32 Und sie verkündeten ihm und allen in seinem Haus das Wort Gottes. 33 Er nahm sie in jener Nachtstunde bei sich auf, wusch ihre Striemen und ließ sich sogleich mit allen seinen Angehörigen taufen. 34 Dann führte er sie in seine Wohnung hinauf, ließ ihnen den Tisch decken und war mit seinem ganzen Haus voll Freude, weil er zum Glauben an Gott gekommen war. 35 Als es Tag wurde, schickten die obersten Beamten die Amtsdiener und ließen sagen: Lass jene Männer frei! 36 Der Gefängniswärter überbrachte Paulus die Nachricht: Die obersten Beamten haben (die Amtsdiener) hergeschickt und befohlen, euch freizulassen. Geht also, zieht in Frieden! 37 Paulus aber sagte zu ihnen: Sie haben uns ohne Urteil öffentlich auspeitschen lassen, obgleich wir römische Bürger sind, und haben uns ins Gefängnis geworfen. Und jetzt möchten sie uns heimlich fortschicken? Nein! Sie sollen selbst kommen und uns hinausführen. 38 Die Amtsdiener meldeten es den obersten Beamten. Diese erschraken, als sie hörten, es seien römische Bürger. 39 Und sie kamen, um sie zu beschwichtigen, führten sie hinaus und baten sie, die Stadt zu verlassen. 40 Vom Gefängnis aus gingen die beiden zu Lydia. Dort fanden sie die Brüder, sprachen ihnen Mut zu und zogen dann weiter.

Es ist schon erstaunlich, wie unemotional und sachlich hier beschrieben wird, wie Paulus und sein Gefährte Silas blutig geschlagen, in ein muffiges Verlies gesperrt und zur Sicherheit noch mit einem hölzernen Block fixiert werden. Das ist Folter, und wir lernen hier das römische Imperium von seiner hässlichen Alltagsseite her kennen, von unten, jenseits der prunkvollen Statuen, Bäder und Tempel. So sah das für die normalen Menschen aus: wenn du irgendwie ins Räderwerk der Macht gerätst, dann kannst du dich sehr schnell blutig geschlagen im Kerker wiederfinden.

Aber hier in der Apostelgeschichte wird das ganz sachlich beschrieben. So ist die Welt, und es nützt nichts, darüber zu jammern und zu klagen oder sich zu empören. Viel wichtiger ist, dass auch in dieser finsteren Umgebung die Kraft Jesu siegt. Dass Jesus aus Opfern souveräne Herren der Situation macht, die sogar ihre Peiniger beeindrucken und am Ende gewinnen – das ist das wirklich Erstaunliche, darüber lohnt es sich nachzudenken.

Am Beeindruckendsten finde ich, dass die beiden mitten in dieser Situation singen, Gott Loblieder singen. Die haben brennende Schmerzen am Rücken, sie können sich nicht richtig bewegen und haben Schmerzen von der unbequemen Haltung, sie können die Wunden nicht pflegen, sie wissen nicht, wie es weitergeht und was sie am nächsten Tag erwartet – aber sie loben Gott. Deutlicher kann man gar nicht sehen, was Glauben bedeutet: mit einer unsichtbaren Wirklichkeit leben, die stärker ist als die ganze Tyrannei der greifbaren Macht. Und Paulus und Silas holen Gott mit ihren Liedern in die finstere Situation des Gefängnisses hinein, oder besser: sie machen ihn sichtbar. Natürlich ist er in jeder Situation schon immer drin, aber es braucht Menschen, die dafür sorgen, dass das auch erkennbar wird. Apostel – und alle Christen – sind Leute, die eine bedrückende Situation zwar erleiden, sich von ihr aber nicht beeindrucken lassen, weil sie Gott kennen.

Und dann geraten die scheinbar undurchdringlichen Mauern ins Wanken, die Fesseln lösen sich und aus Rädchen im Getriebe der Unterdrückungsmaschine werden Menschen Gottes. Denn diese Unterdrückungsbürokratien und Hierarchien sind im Innern tatsächlich so schwach und hohl, und ihre Diener sind alleine, ohne ihren Apparat, so ängstlich und desorientiert – die wissen gar nicht, wie ihnen geschieht, wenn sie einem souveränen, starken Menschen begegnen, der sich nicht beeindrucken lässt und keine Angst hat und weiß, dass Gott mit ihm ist. Dieser Gefängniswärter ist so überfordert von der ungewöhnlichen Situation, die in seiner Dienstanweisung nicht vorkommt, und er hat so Angst davor, selbst in den Reißwolf der Repressionsmaschine zu kommen, dass er sich getötet hätte, wenn ihm Paulus nicht etwas von seiner Sicherheit abgegeben hätte. Gott zu kennen, den echten, lebendigen Gott, nicht so einen netten lieben Gott, den man sich ausdenkt, sondern den echten, den Gott Abrahams, den Sklavenbefreier, den Vater Jesu Christi, das gibt Sicherheit für sich selbst und für andere.

Deshalb werden in jeder bedrückenden Situation – und davon gibt es ja bis heute genug im Großen und im Kleinen – Menschen gebraucht, die sich davon nicht überwältigen lassen, sondern die Alternative verkörpern. Menschen, die sich alles zum Besten dienen lassen. Menschen, die nicht sagen: es ist alles so schrecklich, da kann man nichts machen, sondern Menschen, die sagen: Jesus ist auch hier und jetzt Herr – er regiert, und wir sind seine Botschafter. Wie auch immer das dann genau aussieht.

Das Schlimme ist, dass die Christenheit sich so weit von diesem Grundgefühl entfernt hat: wir sind diejenigen, die im Namen Jesu die Verhältnisse zum Tanzen bringen. Wir sind das schwache Volk, durch das Gott die Welt regiert. In seiner Kraft sind wir mächtig – kehr um, lass dich taufen, und gehöre zu den Menschen, die überall dafür sorgen, dass in der Welt der Wille Gottes geschieht, dass Gefangene befreit werden, Hungernde gespeist, Eingeschüchterte mutig werden und vieles andere noch.

Wir helfen niemandem damit, dass wir ihn bedauern und bemitleiden und ihm sagen: du armer Kerl, wie schrecklich ist das alles, was dir passiert. Vielleicht ist das immer noch besser als gar nichts zu tun, aber es ist jedenfalls nicht die christliche Botschaft.

Das Evangelium ist: Jesus hat die dunklen Mächte besiegt, zuletzt den Tod selbst, und nun geh hin und werde ein Botschafter dieses Sieges überall da, wo noch nichts davon zu spüren ist. Sorge dafür, dass dieser Sieg auch in den finsteren Gegenden dieser Welt sichtbar wird.

Wir sehen aber an Paulus und Silas, dass es ziemlich heftig werden kann, wenn man sich in diese gefährlichen Zonen begibt. Wenn Jesus zu einem Gefängnisaufseher kommen will, dann müssen dafür eben Christen ins Gefängnis gesperrt werden. Wie soll es denn anders gehen? Jesus selbst ist in diese gefährliche Welt gekommen und hat sie erlitten, weil er nur so Menschen erreichen konnte, die in dieser Welt leben. Und jetzt wird das in aller Welt von seinen Jüngern nachvollzogen.

Natürlich läuft es uns jetzt irgendwie kalt den Rücken herunter, und wir fragen uns: wie wäre das, wenn wir so geschlagen würden und uns mit blutigem Rücken in einem Kerker wiederfinden? Wie würden wir das überstehen? Ich jedenfalls frage mich das. Und ich bin mir keineswegs sicher, dass ich da so eine starke Figur machen würde wie Paulus. Aber wir können doch die Wahrheit des Evangeliums nicht abhängig machen von der Frage, ob wir uns zutrauen, in so einer Situation richtig zu handeln. Es kann ja sein, dass wir im Ernstfall zusammenbrechen und völlig versagen – aber das ändert nichts daran, dass wir bei Jesus, bei Paulus und Silas, bei unzähligen Christen in alter und neuer Zeit eine Kraft beobachten können, die sie auch im Gefängnis und im Sterben zu souveränen Herren der Situation gemacht hat. Und die Verheißung dieser Kraft besteht, sie ist unbezweifelbare Realität, auch wenn uns persönlich davor graust, dass wir sie je wirklich brauchen könnten.

Wir treffen an dieser Stelle auf die Wurzel der Kraftlosigkeit der westlichen Christenheit in unseren Tagen: es ist die Angst davor, in Konflikte zu geraten, die uns etwas kosten könnten. Wobei wir ja nun wirklich im reichen Westen nicht so schnell in die Gefahr kommen, als Christen geschlagen und eingesperrt zu werden. Jeder Atomkraftgegner auf einer Demo riskiert mehr. Aber irgendwie sind wir auf eine Bahn geraten, auf der es vielen von uns undenkbar erscheint, für unsere Teilnahme an der Bewegung Gottes einen echten Preis zahlen zu müssen. Wie gesagt, zum Märtyrer zu werden, das wird uns hier in unserem Land so schnell nicht gelingen, aber natürlich kann es einen in Konflikte führen, es bedeutet manchmal Stress und Unbequemlichkeiten, wir können Ärger mit irgendwelchen Autoritäten kriegen. Vielleicht muss man sogar mal um Jesu willen seinen Urlaub verschieben oder versäumt was im Fernsehen. Ist eigentlich alles kein Drama. Aber irgendwie ist es dazu gekommen, dass viele schon alle Gedanken, die uns in diese Richtung führen könnten, ganz frühzeitig abblocken. Und dann wundern wir uns, dass die Kraft Gottes nicht fließt. Ich wundere mich manchmal, dass überhaupt noch soviel von Gottes Kraft zu uns durchdringt!

Vielleicht klingt das jetzt alles zu hart, aber wenn wir das nicht deutlich im Auge haben, dann fangen wir an zu glauben, dass Gott irgendwie seine Kraft verloren hat. Das hat er nicht, aber er sucht Menschen, die bereit sind, den Preis dafür zu zahlen, dass durch sie Gottes Wunder in der Welt geschehen.

Ich möchte es noch einmal zeigen mit einem kleinen Schema – ich weiß noch nicht mal, ob das von einem Christen stammt oder nicht. Auf jeden Fall bringt es die Dinge auf den Punkt:

KomfortzoneLinks der große Pfannkuchen, das ist der Ort, wo die Magie passiert, das Zauberhafte, das Wunderbare, die Herrlichkeit Gottes mitten in unserer Welt. Vielleicht weiß der, der das skizziert hat, gar nichts von Gott, aber er weiß etwas davon, dass in dieser Welt wunderbare, begeisternde Dinge passieren, und wir wissen, von wem sie kommen. Da werden Menschen befreit, aus Feinden werden Freunde, Hoffnung entsteht, Freude, die Macht der Mächtigen zerfällt zu Staub. Und wir sagen: wow! Danke Gott! Aber rechts neben diesem großen Raum des Wunderbaren und Begeisternden gibt es einen kleinen Bereich, und da steht dran: deine Komfortzone. Das ist der Bereich, wo du nichts riskierst, wo du dich auf nichts Neues einlassen musst, wo du weiter so denken kannst wie alle denken und wie schon deine Eltern und Großeltern gedacht haben, wo du Konflikte vermeidest, die Rente sicher ist und alles seinen geregelten Gang geht.

Nun könnte man natürlich zuerst darauf hinweisen, dass man aus dieser Komfortzone ziemlich heftig herausgerissen werden kann durch alle möglichen großen und kleinen Katastrophen, und das stimmt. Das erfährt fast jeder irgendwann, selbst hier im reichen Westen.

Aber der Clou dieses Bildes ist etwas anderes: Solange du in dieser Komfortzone bleibst, wirst du auch nicht den Wundern begegnen, du wirst nicht die Herrlichkeit Gottes erleben, du wirst nicht die Souveränität erfahren, die Jesu seinen Leuten gibt. Wenn du hinein möchtest in diese Bewegung Gottes, dann musst du dich auf den Weg machen von rechts unten nach links oben. Unser risikoarmes und gut gepolstertes Normalleben ist einfach eine schlechte Umgebung für Wunder, und es ist auch eine schlechte Umgebung für alle Menschen die sich persönlich weiterentwickeln möchten. Das wissen auch kluge Nichtchristen. Ob es uns gefällt oder nicht, es ist so. Das sieht man am deutlichsten am Kreuz Jesu: das große Wunder der Auferstehung kam, als Jesus wirklich jede Art von Komfort hinter sich gelassen hatte. Als der Konflikt zwischen ihm und den Mächten der Welt bis zum Äußersten eskaliert war. Das Dunkle in der Welt wird nur besiegt durch Menschen, die es freiwillig auf sich nehmen. Wir können das nicht so tun, wie Jesus es getan hat, aber ein wenig von dem, was er auf sich genommen hat, ist auch uns zugedacht. Und wir sollen dazu Ja sagen.

Als Paulus schon längst weitergereist war, blieb er mit der Gemeinde in Philippi trotzdem in intensivem Kontakt. Er hat diesen Anfang dort nicht vergessen. Er schrieb ihnen den Philipperbrief, und Verse daraus haben wir vorhin als Epistellesung gehört (Philipper 1,27-20). Und da heißt es: »euch wurde die Gnade zuteil, für Christus da zu sein, also nicht nur an ihn zu glauben, sondern auch seinetwegen zu leiden.« Paulus sagt: das ist eine Gnade, wenn Gott uns aus der Komfortzone rausholt und wir uns auf der dunklen Seite der Welt wiederfinden. Wir sollen das nicht provozieren, aber wenn Gott es tut, dann sollen wir es als Gnade verstehen, weil er es zu unserem Besten tut. Ich habe – wie wir alle wohl – meine Zweifel, ob ich das so toll finde, wenn es passiert, aber davon wird die Wahrheit Gottes nicht falsch.

Als Paulus noch etwas später den Römerbrief schrieb, da hat er vielleicht auch an die Erlebnisse in Philippi gedacht, und dann ist er zu den Spitzensätzen in Römer 8 gekommen, wo wir gerade in der Reihe zum Römerbrief angekommen sind: »Denen, die Gott lieben, müssen alle Dinge zum Besten dienen.« Und weiter »Was kann uns scheiden von der Liebe Gottes?« – nämlich von dieser Kraft, die auch versteinerte Verhältnisse zum Tanzen bringt, wenn Menschen bereit sind, dort an Gott festzuhalten, weil sie ihn lieben.

Mai 042012
 

Predigt zu Römer 8,26-30 am 29. April 2012 (Predigtreihe Römerbrief 26)

26 Und auch der Geist ´Gottes` tritt mit Flehen und Seufzen für uns ein; er bringt das zum Ausdruck, was wir mit unseren Worten nicht sagen können. Auf diese Weise kommt er uns in unserer Schwachheit zu Hilfe, weil wir ja gar nicht wissen, wie wir beten sollen, um richtig zu beten. 27 Und Gott, der alles durchforscht, was im Herzen des Menschen vorgeht, weiß, was der Geist ´mit seinem Flehen und Seufzen sagen` will; denn der Geist tritt für die, die zu Gott gehören, so ein, wie es vor Gott richtig ist. 28 Eines aber wissen wir: Alles trägt zum Besten derer bei, die Gott lieben; sie sind ja in Übereinstimmung mit seinem Plan berufen. 29 Denn alle, die er im voraus erkannt hat, hat er auch im voraus dazu bestimmt, an Wesen und Gestalt seines Sohnes teilzuhaben. Er ist das Bild, dem sie ähnlich werden sollen, denn er soll der Erstgeborene unter vielen Brüdern sein. 30 Und weil Gott sie für dieses Ziel bestimmt hat, hat er sie auch berufen. Und weil er sie berufen hat, hat er sie auch für gerecht erklärt. Und weil er sie für gerecht erklärt hat, hat er ihnen auch Anteil an seiner Herrlichkeit gegeben.

Ich weiß nicht, ob Ihnen das aufgefallen ist: seit einiger Zeit findet man in der Zeitung immer öfter Bilder von Menschen, die missmutig in die Kamera schauen und mit der Hand anklagend auf irgendetwas zeigen: auf ein Grundstück, das ihrer Meinung nach nicht ausreichend gesichert ist; auf eine Kreuzung, wo ihrer Meinung nach eine Ampel oder ein Verkehrsschild aufgestellt werden müsste; auf einen Bürgersteig, der von Hundekot bedeckt ist; auf einen Park, der dringend in Stand gesetzt werden müsste und ähnliche Dinge. Immer wieder das Thema: ich bin unzufrieden mit irgendetwas, und jetzt werde ich endlich mal gehört.

Nun gibt es sicherlich viele Probleme, die mit größerem Recht beanspruchen könnten, endlich mal gehört zu werden. Aber interessant ist doch, wie stark anscheinend der Wunsch von Menschen ist, mit ihrem Ärger, ihrer Klage oder ihrer Unzufriedenheit gehört zu werden. So wichtig, dass andere sich Einfluss verschaffen können, indem sie ihnen eine Plattform dafür bieten. Und wenn man jetzt mal an Menschen denkt, denen wirklich Furchtbares geschehen ist, wie groß muss da erst der Wunsch sein, wahrgenommen und verstanden zu werden.

Wahrscheinlich haben das viele von uns noch erlebt, dass uns ältere Menschen aus der Kriegszeit erzählt haben. Oft haben sie nur eine knappe Minute gebraucht, um von jedem beliebigen Thema auf die Flucht oder auf ihre Kriegserlebnisse zu kommen. Da war etwas in ihnen, das unbedingt zu Wort kommen sollte. Und ich jedenfalls habe mich dann oft missbraucht gefühlt und gedacht: »hey, hast du mich eigentlich jemals gefragt, ob ich das Publikum für deine Vergangenheitsbewältigung sein möchte?« Und ich denke, wenn ich einen anderen mehr oder weniger zwinge, meine Geschichte anzuhören, dann nützt mir das nichts. Denn eigentlich kann einem das nur geschenkt werden, dass ein anderer mich und meine Geschichte wahrnimmt. Wenn das passiert, dass jemand aus freiem Entschluss und ohne dass ich ihn irgendwie dahin manipuliere, bereit ist, meine Geschichte wahrzunehmen – das ist ein ganz großes Geschenk, aber man kann es wirklich nur als freies Geschenk bekommen, auf das man keinen Anspruch hat. Wenn man es erzwingen will, verdirbt es.

Und Paulus sagt hier im Römerbrief: das ist das Geschenk der Christen an die ganze Welt, dass das namenlose, stummer Leiden aller Kreaturen von uns wahrgenommen und vor Gott ausgesprochen wird.

Als wir Anfang des Monats zum letzten Mal auf den Römerbrief hörten, da war das die Stelle, wo Paulus von der Hoffnung für die ganze Schöpfung redet, und er sagt: am Ende werden sich auch die Leiden und die Schmerzen gelohnt haben. Die Herrlichkeit der kommenden Welt ist so überwältigend, dass sie das alles aufwiegt. Wir wissen nicht, wie das gehen soll, aber am Ende werden wir sagen: ja, es hat sich doch gelohnt.

Und wenn man diesen Gedanken logisch fortsetzt und fragt: wie zeigt sich denn diese Hoffnung in der Gegenwart, dann ist die Antwort das, was Paulus hier schreibt: wer Hoffnung für die ganze Welt hat, der zeigt das in der Gegenwart dadurch, dass er das Leiden der Schöpfung vor Gott bringt und es damit in eine hoffnungsvolle Verbindung bringt.

All diese großen und kleinen Beschwerden, all die lauten und leisen Klagen haben letztlich, egal wo sie geäußert werden, immer nur einen Adressaten: nämlich Gott. Ärgerlich oder verzweifelt, anklagend oder flehend, egal in welchem Ton sie geäußert werden: da ist doch etwas nicht in Ordnung, warum muss das so sein, wie lange soll ich das noch aushalten, merkt denn keiner, wie es mir geht? – unabhängig von allen konkreten menschlichen Zuhörern ist es am Ende eigentlich nur Gott, der darauf eine gültige Antwort geben kann.

Und deshalb ist es tatsächlich der Dienst der Christen, diese ganze Menge an berechtigtem und unberechtigten Ärger, großem und kleinem Schmerz, zugefügtem und selbstgemachtem Leid vor Gott so auszusprechen, dass das eine Perspektive nach vorn bekommt, dass es mit Hoffnung verbunden wird. Es soll so ausgesprochen werden, dass Gott damit etwas anfangen kann. Es soll versöhnt werden.

Eine klassische Situation ist es, wenn wir an einem Grab stehen und uns von einem Menschen verabschieden mit all den Licht- und Schattenseiten, die sein Leben gehabt hat. Das ist ja alles Wirklichkeit, das haben Menschen miterlebt und oft auch erlitten. Und dann soll es auch so ausgesprochen werden, dass nichts beschönigt oder weggeredet wird, dass auch der Schmerz eines Verlustes nicht ignoriert wird, aber dass es eine Perspektive nach vorn bekommt, dass es in Verbindung gebracht wird mit der neuen Welt und dass es eine Hoffnung gibt: auch für diesen Tod ist noch nicht das letzte Wort gesprochen, und auch die Dunkelheiten dieses Lebens haben noch eine Versöhnung vor sich. Dafür Worte zu finden, das haben vor langer Zeit einmal die Menschen in diesem Land den Christen zugetraut und anvertraut. Und wie man sich denken kann, ist das nicht immer einfach. Und hier in diesen Versen des Briefes bestätigt Paulus das ausdrücklich, und er redet noch nicht einmal von öffentlichen Traueransprachen, sondern er redet vom Beten. Das ist sozusagen die Grundfunktion, die dem Reden noch vorausgeht.

Und Paulus sagt: wir wissen doch noch nicht mal immer, wie wir beten sollen, so verworren, wie es manchmal ist, und so schrecklich, wie es manchmal ist. Da fehlen uns schon zum Beten die Worte.

Ich glaube übrigens, dass Paulus nicht meint, dass wir grundsätzlich nicht beten könnten. Für viele Dinge können wir Gebetsworte finden und sollen es natürlich auch. Aber gar nichts so selten kommen wir in eine Lage, wo wir uns fragen: was soll ich denn hier sagen? Soll ich dafür beten, dass jemand eine gute Note in der nächsten Arbeit schreibt, oder dass er fleißiger wird, oder dass der Lehrer die Klasse besser vorbereitet? Na gut, das kann man zur Not noch irgendwie zusammenkriegen. Aber wenn du für eine schwierige Beziehung beten willst: soll die einfach irgendwie besser werden, oder soll man darum beten, dass ein Partner endlich den Mut findet, einen Schlussstrich zu ziehen? Oder ein alter Mensch ist sehr krank – sollst du darum beten, dass er wieder gesund wird, oder dass er jetzt in Frieden sterben kann? Und wenn es dann noch in den größeren Bereich geht, wo wir das Schicksal von ganzen Völkern vor Gott bringen: um Befreiung für Unterdrückte zu beten, hört sich gut an, aber welche Opfer wird diese Befreiung kosten? Um Frieden zu beten, kommt auch immer gut an, aber wer wird den Preis eines ungerechten Friedens bezahlen müssen? Sollen wir dann vielleicht so allgemein beten, dass keiner, auch Gott nicht, weiß, was wir eigentlich gemeint haben?

An solche und wahrscheinlich noch ganz andere Situationen denkt Paulus, wenn er sagt: wir wissen nicht, was wir beten sollen, um richtig zu beten. Und er sagt: dann wird tief in unserem Herzen der Heilige Geist für uns reden. Wenn du vom Evangelium bewegt und angerührt worden bist, wenn du den Ruf zum Glauben und zur Taufe gehört und beantwortet hast, wenn die Liebe und das erbarmen Gottes ausgegossen ist in dein Herz, dann öffnet sich in dir ein Raum für den Heiligen Geist, der an deiner Stelle anfängt, zu Gott zu reden. Das sind gar keine artikulierten Worte, sondern das ist ein Seufzen und Flehen, für das du gar keine Begriffe hättest.

Paulus denkt dabei an die urchristliche Praxis des Zungenredens oder wie man es nennen will. Er hat lange darum gekämpft, zu verstehen, was das eigentlich bedeutet. Es gab damals Leute, die sagten: das ist eben die Sprache des Himmels, die Sprache der Engel, und wer so reden kann, der zeigt damit, dass er ein besonders fortgeschrittener Christ ist. Und Paulus hat schwer damit zu kämpfen gehabt, wenn das sozusagen als Statussymbol für besonders tolle Christen galt. Hier an dieser Stelle merken wir, was er schließlich gefunden hat: das Reden in Zungen ist die Art, wie der Heilige Geist den Schmerz der Welt durch uns vor Gott bringt. Es ist der unartikulierte Schrei der ganzen Schöpfung nach Freiheit von Tod und Verderben.

Und Paulus sagt: Gott wird diesen Schrei nach Freiheit und Erlösung hören, verstehen und beantworten. Macht euch keine Sorgen darum, ob ihr es alles angemessen formuliert: der Heilige Geist vertritt euch, und Gott, der die Herzen erforscht, steht mit seinem Geist in Verbindung und nimmt dessen Gebet an. Und wenn die dunklen Tiefen und die Schmerzen der Schöpfung vor Gott gebracht werden, dann ist Hoffnung. Dann kann Gott auch aus dem Bösesten und Dunkelsten Gutes machen, wie Dietrich Bonhoeffer es einmal formuliert hat, unter Bezug auf diese stelle im Römerbrief: »Ich glaube, dass Gott aus allem, auch aus dem Bösesten, Gutes entstehen lassen kann und will. Dafür braucht er Menschen, die sich alle Dinge zum Besten dienen lassen.«

Das ist es, was Paulus sagt: denen, die Gott lieben, müssen alle Dinge zum Besten dienen. Es gibt keine Wirklichkeit, und sei sie auch noch so dunkel, vor der Gott kapitulieren müsste. Aber wir geben zu schnell auf und verlieren die Hoffnung und laufen weg aus der Situation.

Ich habe vorhin gesagt, dass man sich schnell missbraucht fühlen kann, wenn ein anderer einen ungefragt als Mülleimer für seine ungelösten Probleme benutzt. Die viel größere Schwierigkeit ist aber, dass es für uns alle so hart ist, bei den Schmerzen der Welt auszuhalten und nicht wegzugehen und die Menschen und die Welt mit ihrem Schmerz allein zu lassen. Heilung kommt, wenn Menschen freiwillig bereit sind, das alles zu teilen, und sei es nur so, dass wir dem Heiligen Geist und seinem Klagen in uns Raum geben. Das ist nichts, was man verlangen und einklagen könnte – das gibt es nur als Geschenk.

Deswegen haben wir vorhin die Geschichte aus den Evangelien gehört, wie Jesus in Gethsemane betet: er spürt ja, wie die ganze Last der Unterdrückung seines Volkes sich zusammenballt und in Gestalt der Kreuzigung auf ihn wartet. Und als er da in Gethsemane gebetet hat, ich weiß nicht, ob er da für alles Worte gefunden hat, aber auf jeden Fall ist da der Heilige Geist mit dabei gewesen und hat die Klage und den Schmerz der ganzen unterdrückten Welt vor Gott gebracht. Und dann ist Jesus tatsächlich dabeigeblieben, er ist nicht weggelaufen aus der Situation, wie die Jünger, die sich in den Schlaf flüchteten. Er hat alles bis zum bitteren Ende erlitten, und nur so konnte Gott zeigen, dass er wirklich auch aus dem Bösesten Gutes macht. Nur weil Jesus die ganze Last bis zum Ende trug, konnte Gott mit der Auferstehung antworten. Und gerade so ist Jesus der König der Welt geworden. Wirkliche Macht erlangt man, indem man das auf sich nimmt, was sonst keiner tragen will.

Wir sehen an Jesus übrigens auch, dass es nicht nur ums Beten geht, sondern auch ums Handeln. Er hat sich in Gethsemane im Gebet zu seinem Weg durchgerungen, aber dann musste er ihn natürlich auch gehen. Das Gebet hat das nicht ersetzt. Aber es ist die elementare Grundhaltung, unabhängig von den Unwägbarkeiten der jeweiligen Lage. Und die setzt sich dann ins Handeln um.

Indem wir diese Grundhaltung einnehmen, benutzt Gott auch das Böseste, um uns unserem Ziel entgegenzuführen: Er ist das Bild, dem wir ähnlich werden sollen. Weder Bonhoeffer noch Jesus kannten diese merkwürdige Leidenssucht, der man bei manchen Christen begegnet. Sie liebten das Schöne und das Leben, und sie haben sich nicht zum Leiden hingedrängt. Aber sie wussten, wann es dran war, und als es soweit war, sind sie nicht weggelaufen. Und jeder Nachfolger Jesu, der in der einen oder anderen Weise einen Raum in seinem Leben frei macht, durch den die Schmerzen und Leiden der Welt zu Gott gebracht werden, der wird dadurch nach dem Bild Jesu geformt.

Gott kann auch das Böseste in seinen Plan einbauen und seinem Sohn dadurch viele Schwestern und Brüder erschaffen.