Apr 082012
 

Predigt am 8. April 2012 (Ostern I) zu Johannes 20,(1.)11-18

1 Am ersten Tag der neuen Woche, frühmorgens, als es noch dunkel war, ging Maria aus Magdala zum Grab. Sie sah, dass der Stein, mit dem man das Grab verschlossen hatte, nicht mehr vor dem Eingang war. … 11 Maria aber blieb draußen vor dem Grab stehen; sie weinte. Und während sie weinte, beugte sie sich vor, um ins Grab hineinzuschauen. 12 Da sah sie an der Stelle, wo der Leib Jesu gelegen hatte, zwei Engel in weißen Gewändern sitzen, den einen am Kopfende und den anderen am Fußende. 13 »Warum weinst du, liebe Frau?«, fragten die Engel. Maria antwortete: »Sie haben meinen Herrn weggenommen, und ich weiß nicht, wohin sie ihn gebracht haben.« 14 Auf einmal stand Jesus hinter ihr. Sie drehte sich nach ihm um und sah ihn, erkannte ihn jedoch nicht. 15 »Warum weinst du, liebe Frau?«, fragte er sie. »Wen suchst du?« Maria dachte, es sei der Gärtner, und sagte zu ihm: »Herr, wenn du ihn weggebracht hast, sag mir bitte, wo du ihn hingelegt hast, dann hole ich ihn wieder.« – 16 »Maria!«, sagte Jesus. Da wandte sie sich um und rief: »Rabbuni!« (Das bedeutet »Meister«; Maria gebrauchte den hebräischen Ausdruck.) 17 Jesus sagte zu ihr: »Halte mich nicht fest! Ich bin noch nicht zum Vater in den Himmel zurückgekehrt. Geh zu meinen Brüdern und sag ihnen, dass ich zu ihm zurückkehre – zu meinem Vater und eurem Vater, zu meinem Gott und eurem Gott.« 18 Da ging Maria aus Magdala zu den Jüngern zurück. »Ich habe den Herrn gesehen!«, verkündete sie und erzählte ihnen, was er zu ihr gesagt hatte.

Der Herr ist auferstanden – keine Idee und keine Sache geht weiter, sondern Er ist wieder da, und die Freundschaft mit ihm geht weiter. Das kann man besonders gut sehen an der Geschichte von Maria Magdalena. Alles an dieser Geschichte zeigt: sie hat ihn geliebt, dann ist ihr das Liebste, was sie hatte, genommen worden; und jetzt wird alles gut, als er sie anredet mit ihrem Namen: Maria! – und sie erkennt ihn und das Band der Liebe, das zwischen ihnen bestand, wird neu geknüpft und kann nun nicht mehr zerrissen werden.

Vorsichtshalber muss man hinzufügen, dass Maria nicht die Freundin von Jesus war. Eigentlich müsste das für jeden deutlich sein an ihrem ersten, spontanen Wort, das sie sagt, als sie ihn erkennt: sie sagt nicht »Schatz« oder auch nur »Jesus«, sondern „Rabbuni – Meister“. So hat sie ihn immer angeredet, vertraut und doch respektvoll, und da ist kein Platz für irgendeine geheime Liebschaft. Alles andere sind Männerphantasien, die mehr über ihre Erfinder verraten als über Jesus und Maria von Magdala. In Wirklichkeit war sie eine Jüngerin, und sie hat ihn mit der Liebe geliebt, mit der auch die andern Jünger ihn geliebt haben. Nur hat sie es vielleicht deutlicher ausgedrückt, was er ihr bedeutete. Und sie war mutiger, radikaler als die anderen.

Wir sehen an ihr, dass der Kern der Jüngerschaft wirklich eine ganz tiefe Bindung an Jesus ist, dass eine oder einer sich einfach hingezogen fühlt zu ihm, und dass es das größte Glück ist, ihm zu begegnen und mit ihm zusammenzusein. Dass so ein Verhältnis zu Jesus uns dann auch verändert, dass er uns hilft und uns beauftragt und dass wir durch ihn neue Menschen werden, die auch mit anderen anders umgehen können, das ist alles richtig, aber das ist erst der zweite und dritte Schritt. Und theologische Sätze sind der vierte oder fünfte Schritt. Anfangen tut es damit, dass jemand Jesus kennen lernt und ihn liebt, einfach weil er so ist, wie er ist.

Und nur weil Maria Jesus so sehr liebt, deshalb ist sie so unvernünftig, einfach weinend am Grab stehenzubleiben. Das war damals ziemlich gefährlich. Es war im römischen Reich verboten, um einen Gekreuzigten zu trauern. Es war auch oft verboten, ihn zu begraben oder zum Grab zu gehen. Wer um einen Gekreuzigten öffentlich weinte, der konnte sehr schnell selbst am Kreuz landen, auch Frauen.

Und trotzdem kann Maria nicht anders, als am leeren Grab zu weinen. Zur Trauer um Jesus kommt nun auch noch die Angst, dass irgendjemand das Grab geschändet und ihr das letzte genommen hat, was man bei jedem Toten noch hat: den Körper. Maria weint, weil man Jesus auch noch über den Tod hinaus nicht in Ruhe gelassen hat. Nützt das etwas? Macht das den Toten wieder lebendig? Nein, natürlich nicht. Aber es ist nicht sinnlos, es ist nicht überflüssig. Jesus antwortet auf die Liebe, die sich im Weinen von Maria zeigt.

All diese Gesten, in denen wir ausdrücken, was unser Herz sagt, die sind nicht umsonst, die laufen nicht ins Leere, sondern Jesus sieht das. Und er reagiert. Wir signalisieren nicht ins Leere hinein.

Natürlich hat Maria ihn mit ihren Tränen nicht wieder lebendig gemacht, genauso wenig, wie wir einen lieben Verstorbenen mit unseren Tränen wieder ins Leben zurückholen können. Aber dieser Ausdruck ihrer Liebe und Trauer haben Maria so vorbereitet, dass Jesus gerade ihr als erster erscheinen kann.

Anscheinend war es für Jesus nicht einfach, den richtigen Weg zu finden, um nach seiner Auferstehung den Jüngern neu zu begegnen. Er durfte ihnen nicht zu schwach und nicht zu stark erscheinen. Nicht zu schwach, sonst hätte er ihre Überzeugung, dass er tot ist, nicht durchbrechen können. Auch Maria hat ihn ja zuerst für den Gärtner gehalten. Es liegt wie Blindheit auf ihnen allen, sie glauben einfach nicht, dass der Gekreuzigte ihnen wieder begegnet. Deshalb müsste Jesus sich eigentlich massiv deutlich machen, um ihre Blindheit zu durchbrechen.

Aber er darf ihnen auch nicht zu stark begegnen, denn zwischen Jesus und den Jüngern steht ja nicht nur der Tod, sondern auch der Verrat: sie haben ihn alle im Stich gelassen und verleugnet. Und wenn Jesus wieder lebt, dann konfrontiert das die Jünger auch mit ihrem Versagen, und wenn Jesus ihnen im vollen himmlischen Glanz erscheinen würde, dann hätten sie wohl einen Riesenschrecken bekommen. Oder er hätte die Jünger überwältigt und zu Boden geworfen, und so hätte er das Verhältnis zu ihnen nicht bereinigen können.

Bei Maria ist die Wand, die Jesus durchbrechen muss, am dünnsten. Es ist, als ob sie nur aus feinem Seidenpapier besteht. Sogar, dass sie ihn für den Gärtner hält, ist gar nichts so falsch: er ist ja der Erste der neuen Schöpfung, der neue Adam. Er soll die Erde wieder ordnen und die Verwüstungen heilen. Er soll die Dornen und Disteln ausreißen, die sich in der Welt ausgebreitet haben, und von neuem sollen Blumen und Früchte aufwachsen. Maria hat intuitiv etwas Richtiges verstanden.

Und was sagt sie zu ihm? »Sie haben mir das Liebste genommen!« Für wie viele Menschen ist das bis heute die Klage: Sie haben es mir genommen – meine Heimat, meine Familie, meine Kinder, mein Recht, meine Würde, meine Hoffnung, mein Leben. Wie viele Menschen haben schon darüber klagen müssen, dass ihnen das Liebste genommen worden ist! Eine ganze Welt voller Klage konzentriert sich in Maria Magadalena und spricht durch sie zu Jesus, ohne es zu wissen.

Und als Antwort spricht Jesus nur ein Wort, er spricht ihren Namen: Maria! Es ist ein Gruß, ein tröstendes Aufrichten, die freundliche Frage: »kennst du mich denn gar nicht?«, alles in einem Wort. Und dieses eine Wort zerreißt den dünnen Schleier. Weil Maria so sehr von Liebe und Trauer erfüllt ist, deshalb ist sie ganz nahe dran an der Wahrheit. Und als sie Jesus erkennt, da braucht auch sie nur ein Wort als Antwort: Rabbuni! Mein Meister!, genauso gesprochen, wie sie es immer getan hat, bevor er getötet wurde.

Und auch dieses eine Wort hat so viele Bedeutungen: Freude, Verstehen, Bestätigung, dass es alles wieder gut ist. Ganz leicht, ohne alle Erschütterung, wie wenn auf einmal alle Finsternis weicht, alle Geister der Nacht verschwinden und der verloren geglaubte Weg einfach wieder unter ihren Füßen liegt.

Und denkt euch das als die Antwort Jesu auf die Klagen der ganzen Welt: liebe Welt, kennst du mich denn gar nicht mehr, mich, deinen Schöpfer, der dich aus Liebe ins Dasein gerufen hat? Kennst du meine Stimme wieder? Und wenn die Welt ihn erkennt, dann werden all die Klagen und Leiden vergangen sein. Stell dir vor, wie Jesus einen Menschen in seiner Klage mit Namen ruft, stell dir vielleicht vor, wie er dich mit Namen ruft und sagt: ich bin’s, erkennst du meine Stimme? Ich lebe!

Dies hier ist eine ganz besondere Geschichte: Man muss nur mal andere Begegnungen der Jünger mit dem Auferstandenen dagegen halten, um das zu sehen: Zur ganzen Gruppe der Jünger kommt Jesus nur durch verschlossene Türen; die Jünger, die nach Emmaus gehen, sind fast einen ganzen Tag mit ihm zusammen, bis sie ihn erkennen; Thomas weigert sich zuerst beharrlich, zu glauben, dass Jesus lebt; der Christenverfolger Saulus schließlich wird vom auferstandenen Jesus regelrecht angegriffen, überwältigt und zu Boden geworfen. Nichts davon bei Maria; hier ist es ein beinahe problemloses Wiedererkennen, die Wiederaufnahme einer Beziehung, die nur kurz unterbrochen gewesen ist.

Ich denke, es liegt daran, dass Maria ihren Schmerz so schutzlos getragen hat, dass sie keinen falschen Trost gesucht hat, dass in ihren Gedanken auch kein Raum war für die berechnende Vorsicht, dass sie sich einfach nicht vorstellen konnte, wie das Leben weitergehen sollte ohne Jesus. Der Raum, den Jesus in ihrem Herzen eingenommen hatte, der war noch da, er war offen, und als Jesus auferstanden war, da konnte er diesen Raum einfach wieder einnehmen. Seit Jesus Maria aus den Händen der bösen Geister befreit hatte, aus Depression, Elend, Scham, Angriff und Anklage, seit damals war er die Mitte ihres Lebens gewesen, und jetzt hat sie diese Mitte wiedergefunden. Deshalb kann Maria die Botin sein, die die andern Jünger auf die Begegnung mit dem Auferstandenen vorbereitet. Ich fahre auf zu meinem Vater und zu eurem Vater, zu meinem Gott und zu eurem Gott, lässt er ihnen sagen. Zum ersten Mal stellt Jesus seine Jünger mit sich selbst auf eine Stufe. Jetzt, sagt er, ist es so weit: mein Gott ist euer Gott. So wie ich Gott den Vater nenne, so dürft ihr es jetzt auch. Ihr gehört mit mir zusammen zur neuen Menschheit, zur neuen Schöpfung. Ich nehme euch da mit hinein. Jesus schickt Maria voraus, damit unter den Jüngern die Erwartung wächst, damit ihre Befangenheit sie nicht blockiert und damit sie sich darauf vorbereiten können, Jesus selbst zu begegnen.

Aber das wird eine veränderte Form der Begegnung sein. Das kriegt schon Maria zu hören. Sie wollte vielleicht vor Jesus niederfallen und seine Füße umfassen, aber Jesus sagt: rühr mich nicht an. So geht das jetzt nicht mehr. Es geht nicht einfach so weiter wie vorher. Ich gehöre jetzt ganz der Welt an, die für euch meistens noch unsichtbar und ungreifbar ist. Jesus zeigt sich noch ein paar Mal in unserer erfahrbaren Wirklichkeit, aber er ist sozusagen schon aus anderem Stoff gemacht. Künftig wird das anders sein. Er ist nur noch nicht aufgefahren zu seinem Vater, aber das wird bald geschehen.

Jesus begegnet noch für einige Wochen seinen Jüngern sichtbar. Wenn er ihnen nur einmal kurz begegnet wäre, dann hätten sie vielleicht ein paar Wochen später schon gedacht: das haben wir uns wahrscheinlich nur eingebildet. Aber er ist 40 Tage lang immer wieder zu ihnen gekommen. Und erst als sie ganz sicher waren: ja, er ist auferstanden, er lebt, da ist er dann zurückgegangen zu seinem Vater.

Von jetzt ab wird er auf eine neue Art mit ihnen Kontakt aufnehmen. Es geht nicht einfach so weiter wie vorher. Man könnte sagen: schade! Aber bei Maria finden wir nicht eine Spur von Bedauern. Sie geht zu den Jüngern und erzählt: ich habe den Herrn gesehen! Dieser kurze Moment ist genug für sie. Sie weiß: er lebt. Seine Beziehung zu ihr ist durch seinen Tod nicht beendet. Marias Beziehung zu Jesus geht weiter, auch wenn er in Zukunft nicht mehr so sichtbar sein wird wie an diesem Auferstehungsmorgen.

In Zukunft existiert Jesus für seine Jünger und für uns auf die gleiche Weise wie Gott: als ein persönliches Gegenüber, das nicht Teil unserer Welt ist, als jemand, der keinen sichtbaren Körper in der Welt hat, aber dessen wirksame persönliche Gegenwart uns trotzdem begegnet, auf du und du.

Dadurch kann Jesus in Zukunft ein Gegenüber für Millionen und Milliarden von Menschen sein. Viele andere können Erfahrungen wie Maria mit ihm machen. Er ist nicht mehr an einen Körper in unserer Welt gebunden, in dem er ja höchstens einige Tausend Menschen erreichen und nur sehr wenigen wirklich vertraut begegnen könnte. Er kann jetzt allen begegnen. In jeder Generation wieder neu, weil er der Lebendige ist. Maria ist nicht die Letzte, die mit ihm so vertrauten Umgang hat. Sein Herz ist groß genug für alle und für uns.

Apr 062012
 

Predigt zu Matthäus 27,33-56 am 6. April 2012 (Karfreitag)

33 So kamen sie [mit Jesus] an eine Stelle, die Golgata genannt wird. (Golgata bedeutet »Schädelstätte«.) 34 Dort gab man Jesus Wein mit einem Zusatz, der bitter wie Galle war. Aber als er gekostet hatte, wollte er nicht davon trinken. 35 Nachdem die Soldaten Jesus gekreuzigt hatten, warfen sie das Los um seine Kleider und verteilten sie unter sich. 36 Dann setzten sie sich beim Kreuz nieder und hielten Wache. 37 Über dem Kopf Jesu hatten sie eine Aufschrift angebracht, die den Grund für seine Verurteilung angab: »Dies ist Jesus, der König der Juden.« 38 Zusammen mit ihm wurden zwei Verbrecher gekreuzigt, einer rechts und einer links von ihm. 39 Die Leute, die vorübergingen, schüttelten den Kopf und riefen höhnisch: 40 »Du wolltest doch den Tempel niederreißen und in drei Tagen wieder aufbauen! Wenn du Gottes Sohn bist, dann hilf dir selbst und steig herab vom Kreuz!« 41 Ebenso machten sich die führenden Priester und die Schriftgelehrten und Ältesten über ihn lustig. 42 »Anderen hat er geholfen, aber sich selbst kann er nicht helfen«, spotteten sie. »Er ist ja der König von Israel! Soll er doch jetzt vom Kreuz herabsteigen, dann werden wir an ihn glauben. 43 Er hat auf Gott vertraut; der soll ihn jetzt befreien, wenn er Freude an ihm hat. Er hat ja gesagt: ›Ich bin Gottes Sohn.‹« 44 Und genauso beschimpften ihn die Verbrecher, die mit ihm gekreuzigt worden waren.
45 Um zwölf Uhr mittags brach über das ganze Land eine Finsternis herein, die bis drei Uhr nachmittags dauerte. 46 Gegen drei Uhr schrie Jesus laut: »Eli, Eli, lema sabachtani?« (Das bedeutet: »Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?«) 47 Einige der Umstehenden sagten, als sie das hörten: »Er ruft Elia.« 48 Sofort lief einer los und holte einen Schwamm, tauchte ihn in Weinessig, steckte ihn auf einen Stab und hielt ihn Jesus zum Trinken hin. 49 »Wartet«, riefen die anderen, »wir wollen sehen, ob Elia kommt und ihn rettet!« 50 Jesus aber schrie noch einmal laut auf; dann starb er. 51 Im selben Augenblick riss der Vorhang im Tempel von oben bis unten entzwei; die Erde begann zu beben, die Felsen spalteten sich, 52 und die Gräber öffneten sich. Viele verstorbene Heilige wurden auferweckt. 53 Sie kamen nach der Auferstehung Jesu aus ihren Gräbern, gingen in die Heilige Stadt und erschienen vielen Menschen. 54 Der Hauptmann und die Soldaten, die mit ihm zusammen beim Kreuz Jesu Wache hielten, waren zutiefst erschrocken über das Erdbeben und die anderen Dinge, die sie miterlebt hatten, und sagten: »Dieser Mann war wirklich Gottes Sohn.« 55 Es waren auch viele Frauen dort, die von weitem zusahen. Sie waren Jesus seit den Anfängen in Galiläa gefolgt und hatten ihm gedient. 56 Unter ihnen befanden sich Maria aus Magdala, Maria, die Mutter von Jakobus und Josef, sowie die Mutter der Zebedäussöhne.

Damals hat es auf Messers Schneide gestanden, was aus uns und unserer Welt werden würde. Mit jedem Atemzug hat Jesus mühsam darum gekämpft, der zu bleiben, der er immer war. Seinen Weg bis zuletzt nicht zu verlassen. Sein Leben so zu Ende zu bringen, wie er es von Anfang an gelebt hat. Das war keine Selbstverständlichkeit, sondern dafür hat er sich von Atemzug zu Atemzug wieder neu entscheiden müssen: nicht so zu reagieren, wie jeder von uns sich verhalten würde. Nicht zur Verteidigung oder zum Gegenangriff überzugehen, sondern es alles mit sich geschehen zu lassen und sich nicht in Feindschaft gegen Gott oder gegen die Menschen drängen zu lassen. Wenn Jesus aufgegeben hätte, gäbe es keine Hoffnung mehr für die Welt.

Man kann ja den Eindruck haben, dass sie es mit allem, was sie ihm zufügen, genau darauf abgesehen haben: sie wollen ihn dazu bringen, so wie sie zu werden. Sie wollen in seine Seele mit Gewalt Hass hineinpflanzen, Verbitterung und Wut, all diese uns so naheliegenden Regungen des Herzens, die das Verhältnis zu Gott zerstören. Natürlich ist es auch politisches Kalkül, Jesus aus der Welt zu schaffen: der Mann hat an die Machtverhältnisse gerührt, die schon immer galten, der Mann muss weg, das können wir nicht zulassen, dass er uns hier auf der Nase herumtanzt, schon gar nicht in unserem Tempel und in unserem Jerusalem.

Aber was hier erzählt wird, das geht weit hinaus über das Beseitigen eines politisch gefährlichen Gegners. Die toben sich ja förmlich aus mit Hass, Wut und Spott. Das ist nicht bloß die Beseitigung eines politischen Rivalen. Nein: da soll etwas zerstört werden, was es einfach nicht geben darf. Der Eine, der anders ist als sie alle, der muss vernichtet werden, weil sie sich in ihrer ganzen Art von ihm angegriffen und bl0ßgestellt fühlen. Noch von dem ohnmächtigen, gequälten Mann am Kreuz fühlen sie sich so bedroht, dass sie die größten Anstrengungen unternehmen, um ihn in seiner letzten Stunde moralisch fertigzumachen.

Und hinter ihnen, ohne dass sie es wissen, steht noch ein anderer: der Versucher, der Feind Gottes. Er taucht nicht sichtbar auf, sein Name wird nicht genannt, aber der Evangelist Matthäus legt eine Spur, die uns zeigen soll, worum es wirklich geht. »Wenn du Gottes Sohn bist, dann steig vom Kreuz herab« sagen die Vorübergehenden. Das sind genau die gleichen Worte wie in der Geschichte von der Versuchung Jesu am Anfang seines Weges, als der Versucher ihn aufforderte: »Wenn du Gottes Sohn bist, so sprich, dass diese Steine Brot werden.« Damals hatte Jesus ihn abgewiesen und sich geweigert, Gott auf die Probe zu stellen. Es war dem Feind nicht gelungen, einen Keil zwischen Jesus und Gott zu treiben.

Aber jetzt ist er wieder da. Damals kam er mit schönen Worten, jetzt zeigt er sein wahres Gesicht und kommt mit Folterwerkzeugen und Henkersknechten. Das ist die letzte und entscheidende Runde in diesem Kampf. Er, der vom Misstrauen lebt, der voll Feindschaft ist gegen Gott, er kann es nicht ertragen, dass Jesus bis zuletzt sich nicht abbringen lässt von seinem Vater im Himmel. Dass er sich nicht hineinziehen lässt in die Auflehnung des Bösen.

Die Evangelien beschreiben wenig von den körperlichen Qualen der Hinrichtung. Wie so eine Kreuzigung vor sich ging, das wussten die Menschen damals. Sie kannten das, wie einer blutig geschlagen wurde, wie er dann unter der Last des Kreuzbalkens hinaus getrieben wurde zur Hinrichtungsstätte, wie er von erbarmungslosen Händen ausgezogen und auf dem Holz ausgestreckt und festgenagelt wurde, wie er hochgezogen wurde und dann schließlich Stunde um Stunde da hing, immer mühsamer gegen den Erstickungstod kämpfend, ein qualvolles Erlöschen in einem Ozean von Schmerz. Zu oft konnte man das damals erleben im römischen Imperium. Zur Warnung und Einschüchterung standen solche Kreuze vor den Toren der Städte, wo viele vorbeikamen. Das musste man nicht extra erklären.

Was die Evangelien aber ausführlich beschreiben, das ist der Spott, dem Jesus ausgesetzt war, selbst noch von den anderen Verurteilten neben ihm. Jesus ist umstellt von einer Mauer aus Ablehnung und Hass. Da ist keiner, der auch nur den Versuch machen würde, dem Gequälten beizustehen. Nirgendwo die Spur einer Zuwendung. Die treuen Frauen, die nicht geflohen sind wie die Jünger, sie stehen viel zu weit weg von ihm, um ihm irgendwie zur Seite stehen zu können. Gnadenlos nutzen seine Feinde die Lage aus, um ihn fertigzumachen, ihn mit ihrem Hass und ihrer Ablehnung zu quälen, um in ihm den Zweifel zu pflanzen, Zweifel an Gott und seiner Treue.

Und für Jesus gab es nicht den Schutzmechanismus; den wir alle kennen und anwenden: wenn uns jemand böse Worte sagt, dann distanzieren wir uns von ihm, wir sagen, dass uns an ihm sowieso nichts liegt, dass seine Worte sowieso nicht zählen, wir stellen uns vor, dass es ihm eines Tages schlechter geht als uns, dass er seine Strafe finden wird und ähnliches. Aber das war genau der Weg, den Jesus nicht gehen konnte. Er hat sich ja nie von den Menschen distanziert. Er hat nie jemanden zur Hölle gewünscht. Gerade weil sie ihm am Herzen liegen, deswegen können sie ihn verletzen. Weil ihm an ihnen liegt, deswegen tut es doppelt weh, wenn sie sich in ihren Hass und ihre Feindschaft verrennen. Jesus hat bis zuletzt den Schmerz Gottes über die verlorene Menschheit am eigenen Leibe ertragen.

Was Sünde wirklich ist, ihr wirkliches Gesicht ohne allen falschen Glanz und ohne Verstellung, das kann man da auf Golgatha sehen. Und Jesus hält aus im Zentrum von Feindschaft und Sünde. Er kann sich nicht mehr verteidigen gegen ihre Worte, er ist nur noch passives Objekt. Die ganze Zeit hindurch war immer er es, der handelte und die Initiative hatte. Und jetzt hängt er da nur noch und sagt kaum noch ein Wort.

Und trotzdem scheint er auch so noch in all seiner Jämmerlichkeit der geheime Herr des Geschehens zu sein. Sie kommen alle nicht los von ihm. Gerade in seiner Passion wird er für sie alle die stärkste Herausforderung. Es ist, als ob sie wissen: wir haben nur noch wenig Zeit, und in dieser Zeit müssen wir es schaffen, ihn von seinem Weg abzubringen. Wird es uns denn noch nicht mal so gelingen, ihn zum Hassen zu bekehren, zur Verbitterung, oder wenigstens zur Resignation und zur Selbstaufgabe? Jetzt endlich wollen sie ihm im letzten Versuch seine Macht nehmen, die Macht seiner Liebe und Güte, die in den Menschen Freiheit und Heilsein schuf und sie in Menschen nach Gottes Wohlgefallen verwandelt. Jetzt endlich wollen sie den Kern seiner Vollmacht zerstören, sein Geheimnis, an das sie nie herangekommen sind und das sie nie begreifen werden. Aber es gelingt ihnen nicht. Das ist gemeint, wenn vom »Sieg Jesu am Kreuz« gesprochen wird.

Sie haben ihn heraus gedrängt aus der Welt ans Kreuz, aber sie haben sein Geheimnis nicht zerstört, das, was ihm diese unglaubliche Macht über Menschen und selbst über die Natur gab. Sie kriegen ihn nicht weg von Gottes Seite. Bis zuletzt lebt er mit den Worten seiner Bibel und sagt: »Mein Gott«. »Mein Gott, warum hast du mich verlassen?« – Psalm 22. Und auch aus dem Spott und aus allem, was sie ihm antun, wird nur ein letzter, unartikulierter Gebetsschrei, noch einmal bringt er alles vor Gott, und dann ist es zu Ende mit ihm.

Aber als er so stirbt, da ist zum ersten Mal ein menschliches Leben zu Ende gegangen, über das der Versucher keine Macht gewinnen konnte. Er hat seine Grenze gefunden, die er auch mit Folter, Spott und Tod nicht überwinden konnte. Er hat verloren.

Und nun ist im biblischen Denken ganz wichtig, dass bestimmte Ereignisse ein für allemal die Wirklichkeit prägen. Das Versagen Adams und Evas hat über den Weg der Menschheit entschieden. Man könnte sagen: wieso denn, die nächste Generation kann es doch besser machen. Aber die Bibel sagt: diese Weichenstellung ist geschehen, diese Entscheidung ist gefallen, und dahinter gibt es kein Zurück. Ein einziges Ereignis entscheidet ein für allemal.

Und genau solch ein Ereignis ist auch der Tod Jesu. Man könnte auch hier sagen: na gut, einmal hat der Feind verloren, beim nächsten Mal gewinnt er vielleicht wieder. Aber auch diese Ereignis gilt ein für allemal. Von dieser Niederlage erholt sich der Versucher nicht. Jetzt ist wieder eine Weichenstellung passiert, und dahinter kann er auch nicht mehr zurück.

Und diese Weichenstellung hinterlässt von nun an deutliche Spuren in der Welt. Schon durch den ganzen Bericht vom Karfreitag ziehen sich solche Spuren. Das wird gerade an den Feinden Jesu deutlich. Selbst ihr Hohn ist immer haarscharf dran an der Wahrheit. Widerwillig müssen sie selbst in ihren Spottworten bestätigen: Andern hat er geholfen. Er hat Gott vertraut. Und vielleicht schwingt da sogar Neid mit, dass einer das kann.

Und dann die Soldaten unter dem Kreuz! Das sind die Fachleute des Todes. Sie haben schon viele sterben sehen, sie können vergleichen, und sie merken es als erste: das ist ein besonderes Sterben. Diese hart gesottenen Burschen erschrecken vor dem, was sie da miterlebt haben.

Und sie nehmen die Spottworte der Hohenpriester auf und sprechen es aus: wahrhaftig, dieser isttatsächlich Gottes Sohn gewesen! Durch die Art, wie er gestorben ist, hat Jesus seine Henker überzeugt. Was ist das für ein Erfolg der Feinde Jesu, wenn es jetzt schon bei den Henkern anfängt zu bröckeln! Da blitzt schon der Sieg auf, der Ostern dann endgültig offenbar werden wird.

Und noch mehr: Der Himmel verfinstert sich, der Vorhang im Tempel zerreißt, die Erde bebt, die Gräber tun sich auf. Die Erde und das Heiligtum, sie registrieren eine Erschütterung, die ihre Grundfesten ins Wanken bringt. Die Menschen werden noch brauchen, bis sie verstehen, was da passiert ist. Aber der Kosmos reagiert schon jetzt mit Erschütterungen. Er zeigt an, dass etwas grundlegend Neues passiert ist zwischen Gott und seiner Welt.

Die Evangelien sind ganz sparsam mit zusammenfassenden Begriffen dafür. Sie bleiben bei der Geschichte. Sie beschreiben den Preis, den Jesus bezahlen musste; ja, man kann sagen, dass das das Opfer war, dass er bringen musste, wenn er Gott und den Menschen treu bleiben wollte. Das Erdbeben und die Finsternis zeigen an, dass sich jetzt die Bedingungen geändert haben, unter denen Menschen leben, und so kann man sagen, dass Jesus für uns gestorben ist. Alle theologischen Formeln sind Versuch, diese Geschichte zu verstehen und auszudrücken, dass sie eine Bedeutung für alle Zeit hat.

Da hat endgültig eine neue Menschheit begonnen, die anders zu Gott steht. Zwar gehört zunächst nur ein einziger zu dieser neuen Menschheit, aber er wird nicht allein bleiben. Jesus will sein Leben in uns weiterleben. Dies neue Verhältnis zu Gott, in dem er immer gelebt hat und das sich sogar im konzentrierten Angriff von Hass und Bosheit bewährt, das steht uns offen. Jesus blieb unbesiegt, und deshalb hat ihm Gott in der Auferstehung ein neues Leben gegeben.

Wenn heute Christen auch unter Druck dem Reich Gottes treu bleiben und sich nicht von Glauben und Liebe abbringen lassen, dann ist es Jesus, der in ihnen lebt und leidet und aushält. Er ist es auch, der uns unter viel geringeren Belastungen Gott und den Menschen treu bleiben lässt. Was auch immer kommen mag, wir sollen uns nicht auf unsere Stärke und Durchhaltekraft verlassen, sondern auf Jesus, der in uns lebt, und auf den Heiligen Geist, der uns die richtigen Worte gibt.

Wer Jesus seinen Herrn nennt, der lebt nach dem neuen Recht, das er in Kraft gesetzt hat. Er lebt als Glied der neuen Menschheit, deren Grundlage damals auf Golgatha unumstößlich geworden ist. Jesus mit seiner Kraft, die stärker ist als Tod und Teufel, lebt in ihm.

Apr 032012
 

Predigt zu Römer 8,18-25 am 1. April 2012 (Predigtreihe Römerbrief 25)

18 Im Übrigen meine ich, dass die Leiden der jetzigen Zeit nicht ins Gewicht fallen, wenn wir an die Herrlichkeit denken, die Gott bald sichtbar machen und an der er uns teilhaben lassen wird. 19 Ja, die gesamte Schöpfung wartet sehnsüchtig darauf, dass die Kinder Gottes in ihrer ganzen Herrlichkeit sichtbar werden. 20 Denn die Schöpfung ist der Vergänglichkeit unterworfen, allerdings ohne etwas dafür zu können. Sie musste sich dem Willen dessen beugen, der ihr dieses Schicksal auferlegt hat. Aber damit verbunden ist eine Hoffnung: 21 Auch sie, die Schöpfung, wird von der Last der Vergänglichkeit befreit werden und an der Freiheit teilhaben, die den Kindern Gottes mit der künftigen Herrlichkeit geschenkt wird. 22 Wir wissen allerdings, dass die gesamte Schöpfung jetzt noch unter ihrem Zustand seufzt, als würde sie in Geburtswehen liegen. 23 Und sogar wir, denen Gott doch bereits seinen Geist gegeben hat, den ersten Teil des künftigen Erbes, sogar wir seufzen innerlich noch, weil die volle Verwirklichung dessen noch aussteht, wozu wir als Gottes Söhne und Töchter bestimmt sind: Wir warten darauf, dass auch unser Körper erlöst wird. 24 Unsere Errettung schließt ja diese Hoffnung mit ein. Nun ist aber eine Hoffnung, die sich bereits erfüllt hat, keine Hoffnung mehr. Denn warum sollte man auf etwas hoffen, was man schon `verwirklicht` sieht? 25 Da wir also das, worauf wir hoffen, noch nicht sehen, warten wir unbeirrbar, ´bis es sich erfüllt`.

Als wir im vergangenen Jahr drei Tage auf Pilgerreise im Weserbergland waren, kamen wir an einen sehr hohen Aussichtsturm. Nicht so ein hölzerner Hochsitz, sondern ein großer Turm aus Beton, fast wie ein Fernsehturm, mindestens doppelt oder dreimal so hoch wie unser Kirchturm. Die ganze Zeit waren wir mühsam bergauf und bergab durch den Wald gestapft; unsere Füße waren schon ziemlich kaputt, aber dann kamen wir zu diesem Turm, und er hatte sogar einen Aufzug. Ohne Mühe kam man bis ganz nach oben auf die Aussichtsplattform. Und dort oben lag uns das ganze Land zu Füßen. Wir sahen die Berge und Täler, über die wir gekommen waren; wir sahen den Weg vor uns, den wir noch gehen wollten; wir sahen in der Ferne Göttingen und das Leinetal liegen und bekamen wieder ein Gefühl für die großen Zusammenhänge und wie die Drehungen und Wendungen unseres Weges in den größeren Zusammenhang der Geografie hineingehörten.

Danach lagen noch einige anstrengende Kilometer vor uns, aber dieser Blick vom Turm aus hatte uns verstehen lassen, wie unser Weg in die größeren Zusammenhänge eingebettet war.

Das achte Kapitel des Römerbriefes und besonders unser heutiger Abschnitt ist so etwas wie ein Aussichtsturm in der Mitte unseres Weges durch den ganzen Brief. Vielleicht ist manchem von uns unser Weg durch den Römerbrief wie ein mühsamer Pilgerweg durch unübersichtliches Gelände und Gebüsch vorgekommen. Heute sind wir endlich einmal an einem Aussichtspunkt, wo wir uns nicht nur mühsam über Stock und Stein voranbringen, sondern hier liegt vor uns der große Zusammenhang, den Paulus von Anfang an im Blick gehabt hat.

Dieser Zusammenhang, in dem Paulus denkt, ist die ganze Schöpfung. So wie die Bibel mit der Schöpfung beginnt und mit dem neuen Himmel und der neuen Erde endet, so überschaut auch Paulus die ganze Strecke von der Versklavung der Schöpfung durch das Versagen der Menschen bis zu ihrer endgültigen Befreiung.

Die Schöpfung ist der Vergänglichkeit unterworfen, der Sinnlosigkeit könnte man auch sagen. Sie kann nicht zu ihrer Berufung gelangen, wenn die Menschen nicht die Aufgabe erfüllen, die ihnen zugedacht ist. Auf den Menschen hin ist die Schöpfung geordnet, ohne ihn kann sie nicht das werden, was sie werden soll. Vom Menschen und seiner Einsicht ist sie abhängig, im Großen wie im Kleinen.

Neulich erzählte mir jemand von einem Pferd, das immer wieder weiter verkauft worden ist und sehr unter seinen verschiedenen Herren sehr gelitten hat, bis es am Ende ganz durcheinander war. Und ich habe gedacht: diese armen Kreaturen, die so abhängig sind von ihren Besitzern. Da kann sich einer einfach so ein Tier kaufen, nur weil er genügend Geld hat, egal, ob er was von Tieren versteht oder nicht, und dann ist so ein Pferd auf Gedeih und Verderb seinem Besitzer ausgeliefert. Aber wie toll ist es, wenn ein Tier gut behandelt wird und mit seinem Besitzer harmoniert! Auf viele Tiere geht dann auch etwas von dieser Menschlichkeit über.

Paulus hat noch nichts davon gewusst, dass sogar die Atmosphäre des Planeten unter uns leiden kann, dass wir inzwischen ganze Arten zum Verschwinden bringen und das Meer mit Plastik zumüllen können. Aber er war trotzdem hellsichtig genug, um schon damals das Seufzen der ganzen Schöpfung wahrzunehmen, die darunter leidet, dass wir nicht die Aufgabe erfüllen, die uns zugedacht ist.

Und er sagt: alle Geschöpfe warten voller Sehnsucht darauf, dass endlich Menschen sichtbar werden, die der ganzen Schöpfung die Freiheit bringen. Das ist Gottes Ziel, das gibt er nicht auf, das ist der Sinn des Evangeliums, dafür ist Jesus gekommen: damit wir endlich die Rolle übernehmen, die uns von Anfang an zugedacht war.

Was wird das für eine Herrlichkeit sein, wenn Menschen nicht mehr im Wege stehen und die Welt zu ihrer wirklichen Größe befreit sein wird. Wir alle wissen, welche Herrlichkeit jetzt schon manchmal in der Schöpfung aufleuchtet. Wie einem das das Herz weit machen kann, wenn man von so einer Aussichtsplattform aus weit ins Land hinein blicken kann. Und wenn das jetzt schon so ist, obwohl da natürlich auch Löcher in der Landschaft zu sehen sind, Bausünden und wahrscheinlich etliche illegale Müllkippen – wenn das jetzt schon so toll ist, wie wird das erst sein, wenn die Schöpfung erst ihr volles Potential entfaltet! Unvorstellbar, wie großartig das dann erst sein wird!

Es ist, als ob die ganze stumme Kreatur verzweifelt Ausschau hält nach ersten neuen Menschen. Also ob sich alle Geschöpfe auf die Zehenspitzen stellen, um es nur ja nicht zu verpassen, wenn die verheißenen Menschen am Horizont sichtbar werden, die neuen Menschen, die diese Schöpfung gut regieren und ihr den Frieden bringen, wie ein weiser König, der die Wunden eines vom Bürgerkrieg zerrissenen Landes heilt und es wieder zu einem guten, blühenden Land macht, wo die Menschen mit Freude ihre Arbeit tun und das Leben schön ist.

Und diese Rolle sollen wir jetzt schon ausüben und einüben. Schon jetzt sollen die Geschöpfe etwas davon merken, dass es uns gibt, und sich freuen und aufatmen.

Es sind ja nicht nur die stummen Geschöpfe, die darauf warten. Wir selbst gehören auch dazu. Wir sind nicht nur Geist, wir sind auch Körper, und mit unserem Körper gehören wir hinein in diese unerlöste Welt. Auch wenn Gott uns schon seinen Heiligen Geist gesandt hat, auch wenn wir Gott kennen, wir sind doch durch unseren Körper an diese Welt gebunden, wir können uns nicht von ihr lösen und wir sollen es auch nicht. Es gibt keine christliche Hoffnung an der Schöpfung vorbei. Nur mit allen anderen Kreaturen zusammen werden wir erlöst von der Vergänglichkeit und Sinnlosigkeit. Wir gehören zusammen, und wenn wir es vergessen, wird uns unser Körper immer wieder daran erinnern.

Die Versuchung ist immer, dass wir uns eine spezielle Rettung »nur für uns« ausdenken: nur für uns Menschen, oder sogar nur für unsere Seele. Aber solche Gedanken sind Zeichen von Hoffnungslosigkeit. Wenn es keine Hoffnung mehr gibt, ja, dann lautet die Parole: rette sich, wer kann! Vielleicht komme ich ja irgendwie davon! Aber Paulus hat eine große Hoffnung, nicht nur für die Seele, sondern auch für den Körper, nicht nur für die Menschen, sondern für alles, was Gott geschaffen hat, für die ganze Welt. Zum Zeichen dieser Hoffnung hat Jesus Kranke geheilt. Als Zeichen dieser Hoffnung für die Welt ist Jesus wie ein König in Jerusalem eingezogen (vgl. Joh. 12,12-19, die Lesung des Sonntages). Deshalb bleibt auch Paulus in der Solidarität mit der materiellen Welt und sagt: ja, auch unser Körper wird erlöst werden.

Wir hadern ja alle irgendwie mit unserem Körper. Nie ist er so, wie wir ihn uns wünschen würden, mal zu dick und mal zu dünn, er ist reparaturanfällig, er meldet sich mit Schmerzen und Unwohlsein, wegen ihm sitzen wir stundenlang beim Arzt im Wartezimmer, wir müssen ihn ernähren – wir sind so abhängig davon, dass genug da ist. Unseren Körper kann man einsperren und quälen. Unser Körper macht uns so verletzlich.

Aber Paulus sagt: auch unser Leib wird erlöst werden. Im ersten Korintherbrief sagt er etwas mehr darüber, wie das gemeint ist, aber auch dort kommt er über Andeutungen nicht hinaus. Er sagt dort: es gibt einen geistlichen Leib, und in den werden wir verwandelt werden. Man muss sich das vielleicht vorstellen wie beim auferstandenen Jesus, der kein körperloses Gespenst war, sondern einen verwandelten Leib hatte, an dem man sogar noch die Spuren der Kreuzigung erkennen konnte.

Aber das bringt uns an die Grenzen unserer Vorstellungskraft. Da kommt etwas auf uns zu, was wir nur andeutungsweise verstehen können, so wie die Offenbarung des Johannes davon redet, dass das neue Jerusalem 2200 km lang, 2200 km breit und 2200 km hoch ist und Tore hat, die aus einer einzigen großen Perle bestehen. Das sind Bilder für etwas Wunderbares, das alle unsere Vorstellungen übersteigt und mit menschlichen Worten nicht anders ausgedrückt werden kann. Es wird größer sein als alles, was wir uns jetzt ausdenken können. Wir werden es erst verstehen, wenn es da ist.

Aber dann wird alles vergessen sein, die Strapazen des Weges, die mühsamen Anstiege, die wunden Füße. Da wird kein Leid mehr sein, keine Tränen, keine Verzweiflung. Das Alte ist vergangen, Neues ist geworden. Eine ganze neue Welt beginnt. Und wir werden zurückschauen auf die menschliche Leidensgeschichte mit all ihrem Unrecht und ihren Irrwegen und werden sagen: und doch hat es sich gelohnt. Wir hätten es zwischendurch kaum geglaubt, aber jetzt ist alles gut. Die Leiden der jetzigen Zeit fallen dann nicht mehr ins Gewicht, wenn Gott uns an der vollen Herrlichkeit seiner neuen Welt teilhaben lässt.

Wenn man das hört, fragt man sich unwillkürlich: ist dem klar, was er da sagt? Ist das nicht ein billiger Trost für all die Leute, die sich mühsam durchs Leben schlagen, die zu kämpfen haben, die am eigenen Leib sehr deutlich spüren, dass die Welt in Unordnung geraten ist?

Aber dieser Gedanke »es wird nicht immer so bleiben, die ganze Quälerei wird eines Tages ein Ende haben«, das ist ja durchaus ein Gedanke, mit dem sich Menschen trösten, egal, welches Ende der Quälerei sie dabei vor Augen haben. Vor allem aber ist Paulus keiner, der sich das am Schreibtisch ausgedacht hat. Er kannte ja die Gefängnisse von innen, er ist beschimpft und geschlagen worden, er hat Schiffbrüche überlebt und war in so ziemlich jeder Gefahr, die man sich vorstellen kann. Der wusste, welcher Gedanke einem dann helfen kann.

Und es ist die Hoffnung, die schon Jesus bewegte. Jesus ist in die Solidarität mit der materiellen Welt hineingegangen, er ist Fleisch geworden und hat im Fleisch gelitten, und die ganze Zeit ist er getragen worden von der Hoffnung, dass Gott seine Schöpfung nie aufgeben wird. Diese Hoffnung hat ihn durchhalten lassen bis zum letzten Atemzug. Sie hat ihm eine große Kraft gegeben. Diese Hoffnung hat auch Paulus begleitet durch alle Prüfungen hindurch. Diese Hoffnung ist durch die Auferstehung Jesu ein für alle Mal bestätigt worden. Sie ist die Kraft des christlichen Glaubens. Und der ganze Römerbrief redet davon, wie sie zu uns kommt und wie man aus ihr lebt.