Mrz 192012
 

Predigt zu Amos 5,14.21-24
im Besonderen Gottesdienst am 18. März 2012

2012-03-18BesGDZukunftGemeinde

Im Gottesdienst waren zuvor Szenen zur alttestamentlichen Lesung, die zugleich Predigttext war, zu sehen. Danach wurden Texte aus dem letzten Lebensjahr Dietrich Bonhoeffers gelesen (aus den »Gedanken zum Tauftag von Dietrich Wilhelm Rüdiger Bethge« sowie aus dem »Entwurf einer Arbeit«, beide aus »Widerstand und Ergebung«). Auf beides bezieht sich die Predigt.

14 Sucht das Gute, nicht das Böse; dann werdet ihr leben und dann wird, wie ihr sagt, der Herr, der Gott der Heere, bei euch sein. … 21 Ich hasse eure Feste, ich verabscheue sie und kann eure Feiern nicht riechen. 22 Wenn ihr mir Brandopfer darbringt, ich habe kein Gefallen an euren Gaben und eure fetten Heilsopfer will ich nicht sehen. 23 Weg mit dem Lärm deiner Lieder! Dein Harfenspiel will ich nicht hören, 24 sondern das Recht ströme wie Wasser, die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach.

Wenn wir über die Gemeinde der Zukunft nachdenken, dann tun wir das nicht so, dass wir möglichst zutreffende Prognosen aufstellen, wie das alles wohl kommen wird, und in 10 Jahren schauen wir mal nach, ob wir Recht behalten haben. Wir denken nicht nach als unbeteiligte Zuschauer, sondern wir denken nach als Akteure, als Handelnde. Die Zukunft der Gemeinde und die Zukunft unserer Gemeinde kommt nicht irgendwie, sondern wir werden sie gestalten. Im Guten wie im Bösen, jeder an seinem Platz und mit seinen Möglichkeiten, werden wir mit unserem Nachdenken oder Nicht-Nachdenken, mit unserer Aktivität oder unserer Passivität darüber entscheiden, wie die Zukunft der Gemeinde aussehen wird. Die Frage ist also nicht: welche Gemeinde wird kommen, sondern: welche Gemeinde ist unser Ziel? Und der Kirchenvorstand, der heute neu gewählt wird, hat dabei natürlich eine ganz wichtige Funktion.

Andererseits können wir uns aber auch nicht einfach nach Lust und Laune eine Gemeinde zurechtbasteln, wie wir sie gerne hätten. Da sind ja noch andere Menschen, die sich vielleicht etwas ganz anderes wünschen, und da ist Gott, der das ganze Bild vor Augen hat und Wege finden muss, wie er uns mit unserer begrenzten Sicht in seiner großen Geschichte eine gute Rolle spielen lassen kann. Und da ist schließlich die lange Vorgeschichte, die wir nicht umgehen können, nicht nur die Vorgeschichte unserer Gemeinde, sondern die ganze lange Geschichte des Volkes Gottes, durch viele Jahrhunderte und viele Generationen hindurch, und wir können da nicht einfach raus und ganz von vorn anfangen.

Und deswegen haben wir heute schon auf zwei ganz verschiedene Stimmen aus der Geschichte Gottes mit seinem Volk gehört. Da ist einmal Amos, ein Prophet, der vor über 27 Jahrhunderten in Israel lebte: in einer Zeit mit einer stabilen Konjunktur – es ging voran in Israel, die Wirtschaft brummte, aber die Armen wurden ärmer und die Reichen immer reicher. Das alles spiegelte sich in den Tempelgottesdiensten, die glanzvolle Veranstaltungen waren, aber in Wirklichkeit war das eine glanzvolle Fassade, hinter der Betrug und Gewalt herrschte. Wir haben ja vorhin die Szenen dazu gesehen.

Damals bekam Amos von Gott einen Impuls: sprich es aus, dass das nicht mein Wille ist. Mich widern diese Gottesdienste an, je aufwendiger sie sind. Das habe ich nie gewollt, das habe ich schon befürchtet, als ihr diesen Tempel bautet. Gerechtigkeit ist mein zentrales Ziel, und wenn die Gottesdienste dem dienen, ist es ok, wenn aber nicht, dann kann ich auf eure Opfer gern verzichten.

Hätte man Amos gefragt, wie denn wohl die Zukunft der Gemeinde aussehen würde, die Zukunft des Volkes Gottes damals, dann wäre seine Antwort: wenn ihr euch ändert, wird Gott euch bewahren. Aber wenn ihr nicht umkehrt, werdet ihr zugrunde gehen. Und so kam es dreißig Jahre später: die Assyrer eroberten das Nordreich Israel und zerstreuten das Volk in alle Winde. Es verschwand aus der Weltgeschichte, nur das Südreich Juda blieb bestehen.

Der Zweite, von dem wir vorhin gehört haben, Dietrich Bonhoeffer, ist viel näher an uns dran. Das ist die Generation meines Vaters, für manch andere hier unter uns die Generation der Großeltern oder Urgroßeltern. Bonhoeffer starb 1945 kurz vor Ende des Zweiten Weltkrieges; er gehörte zu denen, die die Nazis noch schnell umbrachten, bevor ihr Spiel verloren war.

Hätte man Dietrich Bonhoeffer nach der Zukunft der Gemeinde Jesu gefragt, dann wäre er wahrscheinlich im Lauf der Zeit immer unsicherer geworden. Er war Theologe, aber die Zeitumstände sorgten dafür, dass er nicht einfach Gemeindepastor werden konnte. Er gehörte zur Bekennenden Kirche, die sich gegen eine Machtübernahme der Nazis in der Kirche wehrte. Zuerst bildete Bonhoeffer junge Pastoren aus, er gründete mit einigen von ihnen eine geistliche Gemeinschaft, dann bekam er zur Tarnung eine Stelle beim militärischen Geheimdienst und unterstützte die Verschwörer des 20. Juli, die ein Attentat auf Hitler vorbereiteten, das schließlich um Haaresbreite missglückte. Er wurde verhaftet und verbrachte seine letzten Lebensjahre im Gefängnis.

Und dort im Gefängnis wurde ihm die Kirche, die er kannte, immer fragwürdiger. Wir haben vorhin Auszüge aus der Taufpredigt für sein Patenkind gehört, wo er sagt: wir wissen gar nicht mehr, was mit den ganzen großen biblischen Begriffen gemeint ist. Wir ahnen, dass da etwas ganz Neues, Revolutionäres verborgen ist, aber wir haben noch nicht die Worte und Gedanken, um es auszusprechen. Wir leben in einer Zeit, wo das Alte nicht mehr trägt und das Neue noch nicht geboren ist. Und deswegen müssen wir jetzt beten und das Gerechte tun, bis uns das Neue geschenkt wird und auch die Worte dafür, und dann werden wir auch wieder laut reden können, und die Welt wird verwandelt werden.

Das ist heute kein völlig unerhörter Gedanke mehr, aber damals waren das Ideen, die kaum einer nachvollziehen konnte. Und bis heute sind die nicht wirklich angekommen. So radikal das Bekannte anzweifeln und mit dem Unbekannten und Unsichtbaren rechnen, das kann wahrscheinlich nur einer, der in Gestapohaft sitzt und nicht sagen kann, ob er den nächsten Tag überleben wird.

Was hätte wohl Dietrich Bonhoeffer gesagt, wenn man ihn zur Zukunft der Gemeinde befragt hätte? Auch da wäre die Antwort wohl eine doppelte gewesen. Er hätte vielleicht gesagt: ihr könnt den verheißungsvollen Weg nehmen – Beten und das Tun des Gerechten. Eine eher zurückgenommene Art Gemeinde zu sein: beten, das Gerechte tun, dem Gemeinwesen dienen und abwarten, was Gott schenken wird. Abwarten, bis sich das Neue klarer zeigt und sich auch die tragfähigen Worte einstellen. Und aus dieser eher stillen und bescheidenen Kirche am Rande wird das Neue geboren werden. Ich denke, Bonhoeffer hat dafür vielleicht mit einer Zeit von einer Generation gerechnet.

Und dann hätte er wohl gesagt: es gibt auch einen anderen Weg, aber ich kann ihn nicht empfehlen. Nach dem Schock des Nazi-Regimes schnell wieder die Kirche aufbauen, die alte Stärke zurückgewinnen und weitermachen wie vorher. Das Haus reparieren, obwohl das Fundament ziemlich schadhaft ist. Damit werdet ihr euch den Neuanfang nicht ersparen, aber es wird länger dauern. Es wird mühsamer werden.

Die Kirche hat dann nach 1945 versucht, beides zu tun: schnell wieder die alte Position zurückzugewinnen, und gleichzeitig auch die Verantwortung für die Gesellschaft wahrzunehmen. Bei uns hier in Groß Ilsede gab es z.B. nach dem Krieg einen steilen Anstieg des Gottesdienstbesuches, und ab den 1950er Jahren ging es dann 20 Jahre lang wieder kontinuierlich nach unten. Aber so war es eigentlich überall. Und seit den 1970er Jahren gibt es ein kontinuierliches Schrumpfen der Zahl der Kirchenmitglieder. Nicht dramatisch, kein großer Knall, sondern ein kontinuierlicher Schwund, der sich natürlich über die Jahre ganz schön summiert.

Und gleichzeitig geschieht im Hintergrund und im Verborgenen tatsächlich das, was Bonhoeffer beschrieben hat: der Beginn einer Neugeburt des christlichen Glaubens und einer neuen Sprache dafür. Und zwar weltweit: überall gibt es Zeichen für dieses Neue. Auch davon erleben wir schon etwas. Da wächst etwas, aber es hat keinen Sinn, das vor der Zeit zu pushen und mit Macht in die Öffentlichkeit zu bringen. Wenn es so weit ist, wird Gott dafür sorgen. Niemand zündet ein Licht an, um es zu verstecken, hat Jesus gesagt. Wenn Gott etwas Neues beginnt, dann sorgt er schon dafür, dass es wahrgenommen wird. Und das, denke ich, ist die wichtigste Aufgabe für jeden, der in der Kirche Verantwortung trägt: dafür sorgen, dass dieses Neue heranwachsen und geboren werden kann.

Natürlich muss ein Kirchenvorstand auch umbauen und den Haushalt beschließen und dafür sorgen, dass die Heizung funktioniert. Aber vor allem muss er Ausschau halten nach dem Neuen, das Gott im Verborgenen schon wachsen lässt. Wenn nicht alles täuscht, gehen wir in der Welt auf sehr krisenhafte Zeiten zu, wo dringend Menschen gebraucht werden, die das Wort Gottes so aussprechen, dass sich die Welt darunter verändert und erneuert, wie Bonhoeffer es erhoffte.

Soweit diese beiden Stimmen aus der Geschichte des Volkes Gottes, Amos und Bonhoeffer. 26 Jahrhunderte liegen zwischen ihnen. Und trotzdem kann man da eine Verbindung sehen. Beide stehen gegen eine Religion, die sich mit der Unterdrückung von Menschen verbündet. Bei Amos war das damals etwas ganz Neues, bisher Ungekanntes. Nirgendwo sonst glaubte jemand, dass die Verehrung von Göttern und gesellschaftliche Ungerechtigkeit etwas miteinander zu tun haben könnten. Den Göttern der Völker ringsum war es egal, wenn die Armen immer ärmer wurden und die Reichen sich alles aneigneten. Aber der Gott Israels protestierte durch Amos laut dagegen. Der wollte keine Gottesdienste, die mit dem Geld der Unterdrücker finanziert wurden. Das war damals total ungewöhnlich.

Und Jahrtausende später fragt Bonhoeffer, ob denn der christliche Glaube überhaupt notwendigerweise im Gewand der Religion auftreten muss? Ob das nicht nur ein vorübergehendes Bündnis ist, das nun zu Ende geht? Und er versucht zu überlegen, wie das aussehen könnte: ein Christentum, das nicht mehr Religion ist?

Zwischen Amos und Bonhoeffer steht Jesus, der ja tatsächlich den Tempel hinter sich gelassen hat und seinen Jüngern einen Ritus gegeben hat, zu dem man keine Tempel mehr braucht, nämlich das Abendmahl. Stattdessen liest man im Neuen Testament immer wieder, dass Menschen der Tempel Gottes sind, nämlich die Gemeinde. Und dass ein Opfer in einer anderen Art zu leben besteht, nicht im Schlachten von Tieren.

In den ersten Jahrhunderten galten die Christen sogar als Atheisten, weil sie keine Tempel und Priester hatten. Im Unterschied zu allen anderen opferten sie nicht – damals war das die normale Art des Gottesdienstes, überall: dass man zu Ehren der Götter Tiere schlachtete. Die Christen haben das nicht getan, und es hat gewirkt: heute tut das fast keiner mehr.

Ich denke, Bonhoeffer war auf der richtigen Fährte, als er Ausschau hielt nach einem Christentum, das keine Religion mehr ist. Religion ist immer in Gefahr, gute Miene zum bösen Spiel des Unrechts zu machen. Und in der Gegenwart hat sie, mindestens bei uns in Westeuropa, auch den größten Teil ihrer Kraft verloren. Ich glaube nicht, dass es gelingen wird, das irgendwie rückgängig zu machen.

Religionsfreies Christentum hieß für Bonhoeffer aber nicht, dass man aufhören sollte, zu beten oder Abendmahl zu feiern. Aber es bedeutet, dass das Christentum seinen Schwerpunkt verlagern muss: in Zukunft sollten weniger die Gebäude vom Glauben erzählen, und dafür mehr die Menschen. Wir werden weniger mit Symbolen und Zeichen arbeiten und stattdessen mehr Realität verändern – als Zeichen der großen Erneuerung, die Gott heraufführt. Wir werden weniger Geld haben, aber mehr und Wichtigeres erreichen. Wie Menschen neu werden können, vom Geist Jesu bewegt, das sollte immer mehr in den Mittelpunkt rücken.

So eine Schwerpunktverlagerung macht man aber nicht mal so eben. Da muss sich eine ganze Kultur ändern, da wird sich auch die Theologie ändern: das sind die neuen Worte, die neue Sprache, auf die Bonhoeffer wartete.

Und jeder, der für eine Gemeinde Verantwortung trägt, soll vor allem an diesen Neuanfang denken, diese Neugeburt. Bonhoeffer hätte sicher nicht gedacht, dass das alles so lange dauern würde. Institutionen wie die Kirche sind eben langsam. Aber Gott hat den längeren Atem. Wir können mit großen Erwartungen der Zukunft der Gemeinde – und der Zukunft unserer Gemeinde – entgegenschauen.

Mrz 112012
 

Predigt zu Römer 8,14-17 am 11. März 2012 (Predigtreihe Römerbrief 24)

14 Alle, die sich von Gottes Geist leiten lassen, sind seine Söhne ´und Töchter`. 15 Denn der Geist, den ihr empfangen habt, macht euch nicht zu Sklaven, sodass ihr von neuem in Angst und Furcht leben müsstet; er hat euch zu Söhnen und Töchtern gemacht, und durch ihn rufen wir, ´wenn wir beten`: »Abba, Vater!« 16 Ja, der Geist selbst bezeugt es uns in unserem Innersten, dass wir Gottes Kinder sind. 17 Wenn wir aber Kinder sind, sind wir auch Erben – Erben Gottes und Miterben mit Christus. Dazu gehört allerdings, dass wir jetzt mit ihm leiden; dann werden wir auch an seiner Herrlichkeit teilhaben.

Wir sind hier immer noch im Zentrum des Römerbriefes: wo der Geist Gottes ist, da hat Neues begonnen, da gelten die alten Konditionen nicht mehr. Wo der Geist Gottes ist, da bleibt die Furcht zurück, und wir treten der Welt in der gleichen Art von Freiheit gegenüber, in der Jesus gelebt hat. Denn die Welt ist unser Erbe; und wir gehen durch die Welt als Menschen, die wissen, dass ihnen das alles einmal wirklich gehören wird. Wir sind Söhne und Töchter Gottes, gemeinsam mit seinem Sohn Jesus Christus.

Das sind die Stichworte in unserem Abschnitt: der Geist, unser Status als Söhne und Töchter Gottes, und unser Erbe. Und mit allen diesen Stichworten sind Erinnerungen an die Befreiung Israels aus Ägypten verbunden. Am deutlichsten ist das beim Stichwort »Erbe«. Dieses Wort wird auch verwendet für das verheißene Land Kanaan, das Gott den befreiten Sklaven schenkte. Aber schon in Kapitel 4 (v.13) hat Paulus davon gesprochen, dass Abraham und seine Familie einmal Erben der ganzen Welt sein sollten. Das Land Kanaan war also nur eine vorläufige Zwischenstufe: ein Modell, an dem sich zeigen sollte, wie Gott sich ein gutes Land gedacht hat. Aber jetzt ist der Christus gekommen, der Messias, der endgültige Gesandte Gottes, sein Sohn, und nun geht es ums Ganze, jetzt sollen der Messias und seine Leute die ganze Welt erben. Und erben bedeutet: in Besitz nehmen und gut verwalten, damit diese Schöpfung erlöst wird aus Korruption und Niedergang.

Erinnern wir uns daran, dass Paulus diesen Brief in die Hauptstadt der Welt schreibt, nach Rom. Diese Stadt und ihr Kaiser beherrschten damals tatsächlich den größten Teil der bekannten Welt. Wenn einer damals Anwärter auf den Titel eines Erben des Universums gewesen wäre, dann dieser Kaiser. Aber gegen diese Offensichtlichkeit behauptet Paulus: wir, die Leute Jesu, wir sind die Söhne und Töchter Gottes und damit ist die Welt unser Erbe.

Das ist ganz nah bei dem, was Jesus in der Bergpredigt gesagt hat, und was wir vorhin als Evangelium gehört haben (Matth. 5,1-10): »Selig sind die Sanftmütigen, denn sie werden das Erdreich besitzen. … Selig sind die Friedensstifter, denn sie werden Gottes Kinder heißen.« Bei Jesus wie bei Paulus: die gleiche verwegene Erwartung, dass die Meister der Macht die Erde nicht für immer unter sich aufteilen werden, sondern regieren werden am Ende der Messias und seine Leute, diejenigen, die der ganzen geschundenen Kreatur den Frieden bringen. Am Ende kommt die Schöpfung endlich in gute Hände.

Und das bedeutet eben nicht, dass nur die Herrscher ausgewechselt werden. Man erlebt das ja oft genug, wenn die von unten sich befreien und endlich nach oben kommen, dann treiben sie es noch tyrannischer als die alten Herrn. Nein, darum geht es Paulus wirklich nicht, sondern die ganze Art des Herrschens ändert sich, das Wort »Herrschaft« bekommt einen anderen Inhalt. Schau dir Jesus an, wie er der Krankheit und der Lüge entgegentrat, ein königlicher Mensch, der wahre Herrscher, der kein Schwert braucht, weil er durch Worte der Wahrheit herrscht – so soll eines Tages die ganze Welt regiert werden. Und zwar von den Menschen des Messias, den Söhnen und Töchtern Gottes, die in der Kraft des Heiligen Geist leben.

Aber so lange dieser Tag noch nicht gekommen ist, geht es für uns darum, diese neue Art der Herrschaft einzuüben. Wenn wir uns an der Geschichte von der Befreiung aus Ägypten orientieren, dann heißt das: wir sind im Augenblick noch auf dem Weg durch die Wüste. Vor uns das verheißene Land, unser Erbe, jetzt umfasst es die ganze Welt; hinter uns die Sklaverei unter den Mächten der Welt; und dazwischen: die Wüste, in der Israel die Sklavengesinnung verlernen sollte, und das ist auch unsere Situation. Paulus sagt: wir leben in einer Zwischenzeit, wir teilen das Schicksal Jesu. Die zukünftige Herrlichkeit leuchtet schon auf und ist manchmal ganz deutlich zu sehen, aber sie leuchtet auf unter den Bedingungen der alten Welt, und das bedeutet: unter Leiden. Jesus wurde angefeindet und gehasst, und auch wir bekommen etwas davon ab. Denn wenn wir mit Jesus in seinem endgültigen Sieg verbunden sein wolle, dann müssen wir auch seine Mission und seine Bedrängnisse teilen.

Wir sind die entflohenen Sklaven auf dem Weg in die Freiheit; und so steckt in unserem Herzen immer noch die alte Sklavenmentalität. Aber auf diesem Weg durch die Wüste sollen wir sie verlieren. Israel bekam auf dem Weg durch die Wüste Orientierung: Gott selbst ging ihnen voraus, bei Tag in einer Wolkensäule, bei Nacht in einer Feuersäule. Und genauso haben wir auf unserem Weg Orientierung: der Heilige Geist, Gott selbst, der mitgeht und uns den Weg zeigt.

Immer wieder erinnert uns dieser Geist in unserem Herzen an unsere Mission, an unsere Berufung. Und man kann große Beispiele davon erzählen, wie das jetzt schon für viele Menschen Befreiung und Hoffnung bedeutet hat. Wenn wir an einen Mahatma Gandhi denken, der über die reale Christenheit zwar skeptisch dachte, aber die Bergpredigt Jesu zur Grundlage seiner gewaltlosen Freiheits­strategie machte – und am Ende war Indien befreit, durch gewaltfreien Widerstand. Und ähnlich Martin Luther King, der ebenso gewaltfrei Bürgerrechte für die amerikanischen Schwarzen erkämpfte und am Ende – wie Mahatma Gandhi – ermordet wurde. Das sind große Beispiele dafür, wie Jesus und seine Leute jetzt schon die Welt regieren.

Aber genauso gibt es die unzähligen kleinen Beispiele, wie Menschen in der Souveränität Jesu ihre Umwelt beeinflussen. Wie sie befreiende Worte sprechen, die anderen neue Perspektiven für ihr Leben geben; wie sie für ganze Städte Zeichen der Hoffnung setzen; wie sie das Klima von Familien, Nachbarschaften und Orten zum Positiven verändern. Die ersten Christen z.B. haben ihre Töchter nicht schon als Beinahe-noch-Kinder an alte Männer verheiratet, wie es damals oft üblich war; und wenn das heute im größten Teil der Welt zum Glück nicht mehr üblich ist, dann verdanken wir das diesen namenlosen Männer und Frauen, die von Gottes Geist angestiftet wurden, es anders zu machen als ihre Umwelt, weil sie besser wussten als andere, was für Menschen gut ist.

Ich habe das letzte Mal vor zwei Wochen etwas darüber gesagt, wie Gottes Geist sich in unsere Gedanken einmischt, und wie wir es ihm leichter machen können, indem wir seine Stimme zu unterscheiden lernen: durch die Lektüre der Bibel, durch die Übung unserer Aufmerksamkeit, durch die Gemeinschaft mit anderen, durch das Abendmahl und vieles andere. Ich wiederhole das jetzt nicht. Aber diese Kraft des Heiligen Geistes, die uns mit Jesus verbindet, die erlaubt es uns immer wieder, der Welt mit der Souveränität der Erben gegenüber zu treten, die wissen: das wird uns einmal gehören, und wir übernehmen jetzt schon Verantwortung dafür.

»Ihr habt doch keinen Geist der Furcht bekommen« schreibt Paulus. Solange man abhängig ist, hat man dauernd Angst und duckt sich. Und das ist durchaus gewollt. Du musst nur mal in die Lage kommen, staatliche Hilfen in Anspruch zu nehmen oder Genehmigungen zu brauchen, die über das Normalmaß hinaus gehen, oder du versuchst deinen Telefonanbieter zu wechseln: wenn du kein Großinvestor bist, sondern ein einfacher Mensch, wirst du sofort getriezt mit Genehmigungen von hier und dort, mit Bescheinigungen, die immer wieder verloren gehen, du musst Formulare ausfüllen, die du nicht verstehst und Sachen unterschreiben, von denen du nicht weißt, was sie für Folgen haben; du erlebst dich als ohnmächtig und ausgeliefert den Launen eines Menschen, der seine Unsicherheit mit Arroganz überdeckt und dauernd beteuert, er handele nur nach seinen Vorschriften.

Aber das ist eine der Taten des heiligen Geistes, dass er Menschen aus ihrer Furcht herausholt und ihnen Handlungsmöglichkeiten gibt. Er sorgt dafür, dass wir diese Ohnmachtserfahrungen nicht in uns selbst aufnehmen, dass wir ihnen nicht auch noch Recht geben, dass wir auch nicht zu wütenden Rebellen werden, deren Empörung nichts erreicht. Immer wieder erinnert er uns daran, dass wir Söhne und Töchter Gottes sind, die sich jetzt schon für ihre künftige Regierungszeit trainieren.

Wenn wir heute hören, dass wir Kinder Gottes sind, dann denken viele spontan an kleine niedliche Kinder, die ganz vertrauensvoll den Papa angucken. Und dann denkt man, es sei Naivität, die den Christen auszeichnen solle, und dann wird man leider auch so. Aber wenn Paulus uns als Kinder Gottes bezeichnet, dann denkt er nicht an Naivität, sondern an einen rechtlichen Status. Er meint die schon ziemlich erwachsenen Söhne und Töchter, die zukünftigen Erben, die eines Tages den väterlichen Betrieb übernehmen sollen und jetzt schon mal die eine andere Aufgabe übernehmen, um für die Zukunft vorbereitet zu sein. Die werden in diesem Betrieb nicht arbeiten wie irgendein Lohnempfänger, sondern sie werden bei allem daran denken, dass das mal ihr Laden sein wird. Und dann geht man da ganz anders durch.

Sie wissen ja, dass sie den direkten Draht zur Geschäftsleitung haben. »Abba, lieber Vater!«, das war das Gebet Jesu, der konnte so persönlich und vertraut mit dem obersten Vorstand reden, und diese Möglichkeit hat er auch auf uns ausgeweitet. Der Heilige Geist sorgt dafür, dass wir auch in dieses vertraute Verhältnis zum Herrn des Universums hineinkommen. Und dann sehen wir die Welt als unser künftiges Eigentum an, auch wenn wir immer noch auf dem steinigen Weg durch die Wüste sind, immer noch in Versuchung, uns zurück zu wünschen in die Sklaverei, wo wir keine Verantwortung hatten, wo wir nur irgendwie durchkommen mussten, wo wir nicht kämpfen mussten.

In unserem Land werden Christen heute nicht mehr ins Gefängnis gesperrt, aber es gibt viele, die uns ins Private einsperren möchten. Privat darf jeder nach seiner Fasson selig werden, aber wenn es um mehr geht als um innerliche und religiöse Probleme, dann muss man auch heute immer mal wieder kämpfen. Aber niemand hat gesagt, dass es einfach sein wird. Auch für Jesus war es nicht einfach.

Aber Jesus und uns leitet derselbe Heilige Geist, der uns in uns selbst einen Ort der Sicherheit gibt; wenn wir uns unsicher sind über das, was wir tun sollen, wenn wir unsere Berufung und unserem Auftrag aus den Augen verlieren, dann können wir an diesen Ort gehen und uns wieder die Richtung geben lassen.

Und dann wachsen wir hinein in unseren Status als künftige Erben dieser Welt.