Feb 262012
 

Predigt zu Römer 8,10-13 am 26. Februar 2012 (Predigtreihe Römerbrief 23)

10 Wenn aber Christus in euch ist, dann ist zwar der Leib tot aufgrund der Sünde, der Geist aber ist Leben aufgrund der Gerechtigkeit. 11 Wenn der Geist dessen in euch wohnt, der Jesus von den Toten auferweckt hat, dann wird er, der Christus Jesus von den Toten auferweckt hat, auch euren sterblichen Leib lebendig machen durch seinen Geist, der in euch wohnt. 12 Wir schulden also dem Fleisch nichts, Brüder, so dass wir nach dem Fleisch leben müssten. 13 Wenn ihr nach dem Fleisch lebt, müsst ihr sterben; wenn ihr aber durch den Geist die (sündigen) Taten des Leibes tötet, werdet ihr leben.

Jetzt allmählich lässt Paulus die Katze aus dem Sack. Langsam bekommt das, was er in seinem Brief Kapitel für Kapitel vorbereitet hat, deutliche Konturen. Darauf lief es die ganze Zeit hinaus: Christus, der in uns lebt; der Heilige Geist, der uns bewegt.

Vorhin in der Lesung (Johannes 15,5-8) haben wir gehört, wie Jesus sagt: ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben, und deshalb fließt mein Leben durch euch hindurch und bringt Frucht. Hier sagt es Paulus in seinen Worten, aber darum geht es: Jesus, seine Worte und seine Kraft in uns.

Als wir vor drei Wochen auf die vorherigen Verse gehört haben, da hat Paulus noch die Zombie-Welt beschrieben, in der wir leben, eine Welt der Untoten, die irgendwie versuchen, ihre schwindende Lebenskraft so lange wie möglich festzuhalten. Und sei es dadurch, dass sie anderen die Lebenskraft rauben, um auf Kosten der anderen ein bisschen besser zu leben. Er hat diese düstere, angefressene Welt das »Fleisch« genannt, einen Bereich, der von Gott geschaffen ist und von ihm lebt und sich trotzdem gegen ihn verschließt.

Heute erreichen wir sozusagen das andere Ufer. Heute wird die die positive Wirklichkeit sichtbar, von der aus Paulus schon immer argumentiert hat: Christus in uns. Wir schulden dem Fleisch nichts. Diese ganze Welt ohne Gott hat keinen Anspruch auf uns. Denn sie ist nicht alternativlos. Es gibt für uns keine zwingende Nötigung, nach den Regeln dieser Zombie-Welt zu leben. Wir schulden ihr nichts, weil Jesus Christus in uns lebt.

Wir sollten uns einen Augenblick klar machen, welche große Bedeutung Schuld und Schulden haben. Spätestens seit den Schuldenkrisen einiger europäischer Länder dürfte das für jeden deutlich sein. Früher waren es nur irgendwelche exotischen Länder in Übersee, denen Schulden die Luft abdrückten. Jetzt sind es schon europäische Länder, die nicht mehr Herr im eigenen Haus sind, die gezwungen werden, ihre Menschen knapp zu halten und ihre Souveränität einzuschränken. Wie geraten Länder in solch eine Lage? Indem sie Schulden machen.

Genauso ist es mit Menschen. Als ich zur Schule ging, da gab es den Weltspartag, an dem man bei der Sparkasse ein kleines Geschenk bekam, wenn man sein Sparschwein schlachtete und das Geld aufs Konto einzahlte. Die Banken haben geworben: kauft euch nicht Lutscher oder Lakritzschnecken, sondern sorgt für die Zukunft vor. Gebt uns euer Geld, dann bekommt ihr Zinsen und Zinseszinsen und könnt euch später mal ein Hüttenwerk kaufen oder eine Tankstelle oder eine Wohnungseinrichtung.

Heute ist das längst Vergangenheit. Heute werben Banken damit, wie einfach und schnell man bei ihnen Kredit bekommt für jeden Wunsch, den man gerade hat, flexibel und individuell, mit Wunschkonditionen. Nur den Kredit, den man nicht zurückzahlen muss, den bietet meines Wissens noch keine Bank an. Und so nehmen Menschen Kredite auf, machen Schulden, für Handys, für Autos, für Reisen, aber auch für sinnvolle, vernünftige Investitionen, und wundern sich dann manchmal, was das mit ihnen macht. Das sieht man niemandem an, Schulden sind eine verborgene Realität, und nur die Statistiken sagen uns, wie viele Menschen davon betroffen sind.

Was aber ist der Effekt von Schulden? Die Schulden, die jemand hat, sprechen in seinen Gedanken immer mit. Sie überschatten seine Gedanken, weil er nicht frei ist. Er kann nicht sagen: ich ändere mein Leben, ich fange etwas Neues an, ich mache eine Weltreise. Nein, da sind ja immer noch die Schulden, die erst abbezahlt werden müssen. Da kann man nicht einfach aufhören oder krank werden oder was ganz anderes machen. Und es darf auch nichts schief gehen, kein Arbeitsplatzverlust, keine Scheidung, kein Unglück, keine Fehlentscheidungen. Und das führt dazu, dass so ein Grauschleier von Sorgen über dem Leben liegt und Menschen behindert und bremst. Die äußeren Zwänge ziehen auch in den Kopf ein und begrenzen die Gedanken. Man denkt dann nur noch im Rahmen des Spielraums, den man hat. Das kann das Lebensgefühl ganzer Länder verdüstern, das kann in Städten und Gemeinden dazu führen, dass Schuldenabbau ein Totschlagsargument wird, das alle Fantasie erstickt, und das kann bei Einzelnen dazu führen, dass sie keinen Mut zu Neuem und keine Freude am Leben mehr haben.

Und finanzielle Schulden sind ja nur ein Spezialfall dessen, dass man überhaupt jemandem »etwas schuldig ist« und deshalb in seinem Entscheidungsspielraum eingeschränkt ist, so als ob man mit vielen Stricken überall angebunden und gefesselt wäre. Wie viele Leute versuchen, uns zu kontrollieren, indem sie uns einreden, wir seien ihnen irgendwie etwas schuldig und müssten auf sie hören!Wie viele Leute wollen uns ein schlechtes Gewissen machen, bis wir meinen, wir müssten bei ihrem Spiel mitspielen! Und man gewöhnt sich daran und weiß irgendwann gar nicht mehr, wie es sich ohne Schulden und Schuldig­sein lebt. Man denkt immer nur: »ich muss doch! ich bin doch dazu verpflichtet!« Und man vergisst darüber, wie Freiheit sich anfühlt.

Deshalb sagt Paulus: ihr schuldet dem Fleisch nichts, ihr seid keiner Nötigung unterworfen, nach den kaputten Regeln der Zombie-Welt zu leben. Realisiert, dass ihr frei seid. Seid nicht wie Leute, die sich so an die roten Zahlen auf ihrem Kontoauszug gewöhnt haben, dass sie sich mit schwarzen Zahlen schon irgendwie vorkommen würden wie im falschen Film. Nein, ihr habt euren Entscheidungsspielraum wieder, eure Gedanken können sich neuen und anderen Zielen zuwenden.

Paulus hat dabei im Sinn, was er in Kapitel 6 über die Taufe gesagt hat: als wir getauft wurden, sind wir sind der Sünde gestorben, sie hat keine Macht mehr über uns. Jetzt sagt er es mit dem Bild von den Schulden: wir haben keinerlei Verpflichtung, nach den Regeln dieser kaputten Welt zu leben. Und das fängt damit an, dass wir im Kopf davon frei werden. Die wirkliche Gefangenschaft und die wirkliche Freiheit beginnen beide im Kopf.

Deshalb durchtrennt die Taufe die Bindung an die Selbstverständlichkeiten der kaputten Welt. Es ist nicht mehr selbstverständlich, dass man möglichst viel kontrollieren muss, es ist nicht mehr selbstverständlich, dass Lebenskraft ein knappes Gut ist, um das man mit anderen kämpfen muss, es ist nicht mehr selbstverständlich, dass der Tod das Schlimmste ist, was uns passieren kann. Es ist nicht mehr selbstverständlich, dass sich alles um unsere kleine Welt und ihre Wehwehchen dreht. Jesus lebt in uns, wir tragen in uns die Quelle des Lebens, wir können schenken und geben, wir leben nicht aus dem Mangel, sondern aus der Fülle. Wir sind Teil einer neuen, größeren Geschichte geworden. Und das ist zunächst einmal so ein fremdes Gefühl, wie wenn jemand mit einem Schlag all seine Schulden los ist.

Wer aber sein Leben lang mit Schulden gelebt hat und die auf einmal los ist, der muss sehr gut aufpassen, dass er nicht gleich wieder in seinen gewohnten Lebensstil zurück rutscht. Und so sind wir auch immer in Gefahr, zurück zu rutschen in den Zombie-Lebensstil. Wir müssen lernen, auf die Stimme des heiligen Geistes zu hören, der uns signalisiert, wenn sich der alte Lebensstil wieder meldet.

Man muss sich das so vorstellen: wenn Jesus in uns wohnt, dann mischt sich der Heilige Geist ein in den beständigen Fluss unserer Gedanken, in die Selbstgespräche, die wir kontinuierlich führen. Dann gibt es irgendwo dazwischen auch Gedanken wie: ‚eigentlich könnte ich es doch auch anders machen.‘ ‚Was würde Jesus jetzt machen?‘ ‚Ich könnte auch mal beten.‘ ‚Hey, was der mir da erzählt, das stimmt doch vorn und hinten nicht.‘ ‚In dieser Gesellschaft fühle ich mich irgendwie unwohl.‘ Oder man hat einfach nur das Gefühl: da passt jetzt irgendwas nicht.

Nicht all solche Gedanken sind immer vom Heiligen Geist, aber wir sollten auf sie achten und sie wahrnehmen. Der heilige Geist bringt uns Jesus direkt ins Zentrum unserer Person. Und im Lauf der Zeit verstärkt sich unsere Sensibilität dafür, wir erkennen seine Stimme besser, wir unterscheiden sie leichter von all dem anderen Stimmengewirr, das auf uns eindringt. Wir bekommen einen inneren Kompass, der uns durch die Grauzonen des Lebens hindurchlotst.

Wie gesagt, das geht nicht von jetzt auf gleich. Es gibt auch ein paar Wege, um diesen Prozess zu stärken. Zuerst natürlich die Bibel – weil man da dieses neue Denken an der Quelle lernen kann. Man guckt sich da Denkmuster ab, und dann hat es der Heilige Geist viel leichter, sie zu aktivieren, wenn sie gebraucht werden. Aber es geht eben nicht um den Gebrauch der Bibel als Gesetzbuch – das funktioniert nach Paulus‘ Meinung nicht – , sondern darum, dass der Geist Gottes die alten Worte nimmt und in einen neuen Zusammenhang stellt. Und im Lauf der Zeit fallen einem dann nicht nur einzelne Bibelsprüche ein, sondern man bekommt ein Gefühl für die ganze Art, wie Gott die Dinge sieht. Man merkt dann schnell, wo etwas nicht stimmt, sogar, wenn man noch nicht klar formulieren kann, was es ist.

Wichtig sind auch andere Menschen, mit denen zusammen man auf die Stimme Gottes hört. In der Regel kommt man gemeinsam zu einem besseren Ergebnis. Es ist einfach eine Menge Denkarbeit, uns allmählich herauszulösen aus den alten, kaputten Selbstverständlichkeiten. Für einen allein ist das einfach zu viel. Wir bauen immer auf auf der Denkarbeit, die andere schon getan haben.

Dazu kommen Gewohnheiten, die uns helfen, die Quellen freizulegen, die in uns sprudeln. Gott spricht eher in der Tiefe zu uns als an der Oberfläche. Oder besser gesagt: wenn er uns etwas sagt, dann müssen wir es intensiv festhalten. Wir sind aber gewohnt, Dinge nicht lange in unserem Kopf zu halten, sondern schnell wieder etwas Neues zu nehmen. Die Dinge brauchen aber Zeit, um sich zu entwickeln. Das ist der Grund, weshalb es sinnvoll ist, sein Leben zu verlangsamen, sich nicht von Medien zudröhnen zu lassen, um sich herum für Stille zu sorgen und immer wieder Zeiten einzuschieben, wo wir gar nichts tun, wo wir sogar versuchen, die Gedanken zur Ruhe zu bringen.

Anderen hilft Musik, diese Tiefen in sich zu erschließen und etwas zu spüren, was sie vielleicht gar nicht in Worte fassen könnten. Der Heilige Geist spricht durch viele Medien, es kann für manchen auch Kunst sein, ein Film, ein Roman, das Tagebuch, das man führt oder die Predigt, die man schreibt, aber immer wieder und auf jeden Fall sind es Menschen, die mit uns auf dem gleichen Weg unterwegs sind und in denen wir etwas von Jesus wiedererkennen, und in deren Worten der heilige Geist mitspricht, so dass wir ihn da manchmal besser erkennen als in unseren eigenen Gedanken und Worten.

Und es gibt das Abendmahl, sozusagen ein soziales Gesamtkunstwerk, wo im besten Fall all diese Zugangswege gebündelt sind, wo alle Sinne angesprochen werden, und Menschen gestalten das miteinander.

Diese Wege, um auf die Stimme des heiligen Geistes zu hören, die sind variabel. Da gibt es in verschiedenen Zeiten und Kulturen große Unterschiede. Da gibt es schon zwischen einzelnen Personen große Unterschiede. Und man muss diese verschiedenen Wege nicht gegeneinander ausspielen. Sie haben alle ihre Vorzüge und ihre Gefährdungen.

Zu oft ist es in der Christenheit passiert, dass die einen diesen Zugangsweg favorisiert haben, und die anderen einen anderen, und gemeinsam hätte es das ganze Bild gegeben. Stattdessen haben sie den einen Zugang gegen den anderen ausgespielt und haben so jeder noch nicht einmal den halben Zugang behalten.

Auf welchem Weg auch immer sich der Christus in uns bemerkbar macht: er ist es, der uns frei macht von dem Anspruch, den die Zombie-Welt auf uns erhebt. Wir brauchen sie nicht mehr, denn die Impulse des heiligen Geistes machen uns unabhängig. Das ist die Realität, die bleiben wird, und selbst der Tod wird davor eines Tages zurückweichen müssen. Bis das akut wird, dauert es aber noch ein Weilchen – bei dem einen von uns kürzer, bei dem anderen länger. Einstweilen wollen wir deshalb die Freiheitsmuskeln trainieren, die wir jetzt schon haben.

Feb 162012
 

Mike Breen beschreibt in einem längeren Post, wie sich Missional Communities (MC’s) in der St. Thomas-Gemeinde in Sheffield entwickelt haben. Am Anfang stand das gelegentliche Treffen von 3-4 Kleingruppen, die sich für Projekte zu einem „Cluster“ zusammenschlossen. Dies stellte sich als eine sehr gute Größe heraus. Die Kleingruppen kamen gern und häufig als Cluster von 20-50 Personen zusammen. Gleichzeitig entwickelte die Gemeinde eine Kultur gegenseitiger persönlicher Verantwortlichkeit. Beides zusammen ergab heftiges Gemeindewachstum. Für die so gewachsene Gemeinde brauchten sie schließlich eine ehemalige Riesen-Disko als Versammlungsraum.

Und nun beschreibt Breen, wie er sich entscheiden musste, in welche Richtung es weitergehen sollte: eine Megachurch bauen oder ein Netzwerk von Gemeinschaften, die nicht mehr von Hauptamtlichen geleitet werden, sondern von den Mitgliedern der Gemeinschaften selbst. Er beschloss gemeinsam mit seinen Mitarbeitern, den Fokus auf die Entwicklung der mittelgroßen Gemeinschaften zu legen, die mittlerweile „Missional Communities“ hießen.

Das war eine unkonventionelle, aber weise Entscheidung.

Denn ein Jahr später stellte sich heraus, dass die ehemalige Disko gravierende Baumängel hatte und nicht mehr zu nutzen war. Von einem Sonntag zum anderen hatte die Gemeinde kein Gottesdienstgebäude mehr und überlebte in Form der MC’s, die sich an allen möglichen Orten in der Stadt trafen. Sie wurden von Gemeindegliedern geleitet; die Hauptamtlichen hatten eine Unterstützerrolle. Diese improvisierte Situation sorgte noch einmal für schnelles Wachstum. Später konnte die Gemeinde wieder ein zentrales Gebäude als Trainingszentrum und Gottesdienstraum nutzen, aber der Grundansatz hatte sich geändert: in St.Thomas wird die Größe der Gemeinde nicht mehr nach Gottesdienstteilnahmen, sondern nach MC-Mitgliedern gezählt.

Das ist ein anderes Modell von Gemeinde. Wir kennen es so, dass der Gottesdienst die zentrale Veranstaltung ist, und – je nach Engagement der Gemeinden – kommen dann noch Gruppen, Hauskreise usw. hinzu. In St. Thomas wurde dieses Muster anscheinend umgedreht: zentrale Veranstaltung sind die MC’s, und wer mag, geht auch (manchmal) zum Gottesdienst. Ein entscheidender Vorteil dieses Modells dürfte zunächst sein, dass es deutlich kostengünstiger ist, denn eine Gottesdienst-zentrierte Gemeinde braucht in der Regel Hauptamtliche, einen festen Raum, Musiker, Technik – und das alles kostet viel Geld. Gleichzeitig macht es die Gemeinde unflexibel: man braucht für das alles feste, verlässliche Strukturen.

Dass das kostengünstigere Modell auch theologisch vieles für sich hat, beschreibt Breen ausführlich. Ich empfehle, seinen Post zu lesen, den ich hier nur selektiv zusammengefasst habe.

Über unsere eigenen Erfahrungen mit Clustern, also Gemeinschaften mittlerer Größe, die in Untergruppen gegliedert sind, habe ich hier, hier, hier und hier etwas geschrieben (schon damals mit Hinweis auf St. Thomas Sheffield, obwohl mir damals die ganze Entwicklung nicht bekannt war).

Feb 052012
 

Predigt zu Römer 8,5-9 am 5. Februar 2012 (Predigtreihe Römerbrief 22)

5 Denn alle, die vom Fleisch bestimmt sind, trachten nach dem, was dem Fleisch entspricht, alle, die vom Geist bestimmt sind, nach dem, was dem Geist entspricht. 6 Das Trachten des Fleisches führt zum Tod, das Trachten des Geistes aber zu Leben und Frieden. 7 Denn das Trachten des Fleisches ist Feindschaft gegen Gott; es unterwirft sich nicht dem Gesetz Gottes und kann es auch nicht. 8 Wer vom Fleisch bestimmt ist, kann Gott nicht gefallen. 9 Ihr aber seid nicht vom Fleisch, sondern vom Geist bestimmt, da ja der Geist Gottes in euch wohnt. Wer den Geist Christi nicht hat, der gehört nicht zu ihm.

Wir werden mit diesem Abschnitt nur etwas anfangen können, wenn wir verstehen, woran Paulus denkt, wenn er von »Fleisch« spricht, und woran er denkt, wenn er von »Geist« spricht. »Fleisch« und »Geist« sind jeweils eine Kurzbezeichnung für eine ganze Lebensart, für einen Modus, in dem man sein Leben führt, ja, man könnte vielleicht sagen: für das Aroma, das dein Leben umgibt.

Vielleicht fangen wir dafür am einfachsten bei Adam und Eva an: der erste Mensch wird so erschaffen, dass Gott Erde vom Acker nimmt, daraus eine Menschengestalt formt und ihm dann seinen Lebensatem in die Nase bläst. So wird der Mensch ein lebendiges Wesen. Wir sind also aus zwei Komponenten zusammengesetzt: aus geschaffener Materie und aus dem unvergänglichen Lebensatem Gottes. Das ist kein Problem, so lange Gott und Menschen im Frieden miteinander leben. Aber als sich die Menschen von Gott abwenden, da wenden sie sich auch von ihrem eigenen Ursprung ab, sie wenden sich von der Kraft ab, die sie belebt. Der Konflikt zwischen Gott und den Menschen verlagert sich so auch in den Menschen hinein.

Und so entsteht zwischen den beiden Komponenten, aus denen wir zusammengesetzt sind, ein Riss, es gibt eine Sollbruchstelle, wir sind zerrissen zwischen dem göttlichen Leben, dem wir unser Dasein verdanken und unserer eigenen Existenz, vor der wir meinen, wir hätten sie unter Kontrolle. Und dann sagt Gott kurz vor der Sintflut (1. Mose 6,3): Mein Geist soll nicht für immer im Menschen bleiben. Ich gebe ihm 120 Jahre Lebenszeit.

Das heißt: von nun an ist diese Verbindung von Erde und Lebensatem Gottes limitiert – erst sind es noch 120 Jahre, dann schrumpft auch diese Spanne noch. Übrigens heißt dieser Lebensatem hier schon »Geist«. Gottes Geist ist schon am Anfang dabei, wenn tote Materie lebendig wird. Eine Zeit lang gehen die beiden zusammen, aber am Ende trennt sich das doch wieder. Wie wenn man Wasser und Fett zu mischen versucht: mit Pril und mit viel Schütteln klappt das schon mal, aber auf die Dauer passen Fett und Wasser nicht zusammen. Gottes Geist verbindet sich zwar für die Spanne eines Menschenlebens mit der geschaffenen Materie, und aus der Materie wird ein lebendiges Wesen. Diese Berührung des Geistes ist sogar so stark, dass die Materie auch ohne frischen Geist für eine gewisse Zeit lebendig bleibt. Aber weil es zu keiner dauerhaften Freundschaft gekommen ist, deshalb bleibt seine Lebenskraft nicht in uns, der Geist Gottes verschwindet nach und nach. Wir machen es dann noch ein paar Jahre, in denen wir immer hinfälliger werden, und am Ende sind wir tot. Und dieser Restmensch, der übrig bleibt, wenn Gottes Geist verschwunden ist, der heißt bei Paulus Fleisch. Im Grunde ist das so eine Art Zombie, ein Untoter, der nicht richtig lebt, aber trotzdem noch sein Unwesen treibt.

Und jetzt muss man noch dazu denken, dass es nicht nur um einzelne Personen geht, sondern dass Paulus immer die ganze Menschheit im Auge hat. Wenn Paulus von Adam spricht, wie er es in Kapitel 5 getan hat, dann meint er die ganze Menschheit, die in Adams Spuren geht und da nicht einfach raus kann. Es sind nicht nur einzelne Zombies, sondern es ist eine ganze Zombie-Welt, eine Gesellschaft der Untoten, die irgendwie versuchen, ihre schwindende Lebenskraft so lange wie möglich festzuhalten. Und dabei versuchen sie auch, sich die Lebenskraft anderer anzueignen und auf Kosten der anderen ein bisschen besser zu leben. Auf alle mögliche Weise beuten Menschen andere aus, lassen sie für sich arbeiten, machen sich auf ihre Kosten lustig oder fühlen sich stark, machen anderen das Leben schwer, saugen ihnen die Lebenskraft aus, und wie wir schon von Zombies gesprochen haben, muss man jetzt an Vampire denken.

Zombies und Vampire – all die Horrorgeschichten und Comics und Computerspiele zeigen uns tatsächlich etwas über die Realität unserer Welt. Und in all diesen Spielen und Geschichten wird die Welt düster und schäbig, irgendwie kaputt und verkommen gezeichnet. Und genau das ist es, was Paulus meint, wenn er von »Fleisch« spricht: eine kaputte Welt, in der Menschen versuchen, sich gegenseitig Lebenskraft abzuzapfen, und wo alles irgendwie schon von Verkommenheit und Verfall angesteckt ist.

Und natürlich spitzt Paulus das zu, genauso wie die Comiczeichner und Computerspieldesigner in ihren Zombiewelten eine zugespitzte Realität zeigen, die wir zum Glück nicht so krass erleben. Obwohl: liebe Leute, es gibt in unserer Welt tatsächlich Orte, wo man dies ganze Düstere und Schäbige und Verfallende auch sehr deutlich erleben kann. Es gibt genügend Menschen, die schon als Kind so ausgebeutet werden, dass ihre Lebenskraft kaum noch reicht, um erwachsen zu werden. Wir sind privilegiert, wenn uns die schlimmsten Auswirkungen dieser Welt nicht so oft in der Nähe begegnen.

Das alles meint Paulus, wenn er von Fleisch spricht. Diese ganze Geschichte, die ich jetzt ja auch nur andeutungsweise erzählt habe, die fasst er mit diesem Kürzel »Fleisch« zusammen. Da gehört auch Sünde dazu, da gehört Krankheit dazu, da gehört Unfähigkeit und Dummheit dazu, und am Ende wartet der Tod. Kurzum: Fleisch ist der Oberbegriff für diese ganze Sphäre, in der Menschen leben müssen, wenn Gottes Geist, Gottes Lebensatem schwindet.

Zum Glück hört die Geschichte damit nicht auf. Paulus bringt ja mit sich das Evangelium, die Geschichte davon, wie der Lebensgeist Gottes zurückfindet in die Schöpfung. Und er sagt: ihr habt den Geist Christi! Ihr lebt nicht nach den Gesetzen des Fleisches, sondern ihr lebt nach der Logik des Lebensgeistes Gottes! Das ist ja gerade das Kennzeichen eines Nachfolgers Jesu, dass in ihm der Geist Gottes von neuem lebendig geworden ist, dass der Riss in uns geschlossen ist, dass wir die Welt auf neue Art sehen und souverän mit ihr umgehen können. Jedenfalls grundsätzlich.

Denn das ist die entscheidende Frage: was prägt uns? Woher nehmen wir unsere Vorstellungen davon, was gutes Leben ist? Woher wissen wir, was möglich ist und was nicht, welche Stoffe speisen unsere Fantasie, worum kreisen unsere Gespräche, wofür stehen wir sogar mitten in der Nacht auf, welches Thema haben die Selbstgespräche in unserem Kopf? Was kaufen wir, auch wenn das Geld knapp ist, wofür haben wir immer Zeit, auch wenn wir keine Zeit haben, was treibt uns an, was halten wir für normal?

Paulus sagt: wenn man im »Fleisch« drinsteckt, dann produziert man immer nur Fleisch-Gedanken und Fleisch-Action. Und ich glaube, es dürfte inzwischen klar sein, dass mit »Fleisch« eben nicht einfach das Grobe und Ungeschlachte gemeint ist im Vergleich zu den höheren geistigen Sphären. Natürlich umfasst »Fleisch« auch die primitive Gier, das Fressen, Saufen und Grölen, aber genauso gibt es Verkommenheit mit gepflegten Umgangsformen, Korruption in erlesener Umgebung und hochgeistige Denksysteme, die das Leben vieler Menschen zerstören. Ob jemand auf das »Fleisch« fokussiert ist, das hängt nicht vom Schulabschluss oder vom Geldbeutel ab.

Sondern der Prüfstein ist: was gibt dir den Rahmen für dein Leben? In welchem Horizont denkst du? Was ist deine Vorstellung von Lebensqualität? Merkst du, wie kaputt das alles ist, was dich umgibt, oder denkst du: was alle machen, kann doch nicht falsch sein? Kannst du dir ein anderes Leben vorstellen, das anders funktioniert? Möchtest du raus, oder fühlst du dich ganz wohl so?

Wer, wie Paulus das nennt, vom Fleisch bestimmt ist, der versucht nur immer, die angeknackste Lebenskraft irgendwie aufzupeppen, versucht möglichst lange ein angenehmes Leben zu haben, oft auf Kosten anderer und auf Kosten der Schöpfung. Wenn das Leben sowieso nur kurz ist, denkt er, dann muss man so viel wie möglich rausholen. Dann muss man sich jede Minute amüsieren. Dann muss man immer mehr haben, auch wenn man nicht weiß, was man damit anfangen soll. Dann kann man nicht danach fragen, was erlaubt ist und was nicht. Und so verpestet der Mensch des Fleisches seine Umwelt mit Auspuffgasen und mit überflüssigem Gerede und Schlimmerem. Er kümmert sich nicht darum, ob das den Regenwald zerstört oder die Freude der anderen, so lange er nicht merkt, dass es auch ihn trifft. Und er ist in Wirklichkeit schwach, ratlos und feige.

Und das alles häuft immer mehr Müll und Gift an, in der Atmosphäre des Planeten genauso wie in der Atmosphäre einer Familie, einer Klasse oder eines Vereins. Am Ende erstickt man daran. Es ist eine abgeschlossene Welt, in die keine Alternative eindringt, und Gott am wenigsten. Eine Zombiewelt. Gott graust es davor.

Man muss das nicht »Fleisch« nennen, wenn einem das Wort zu altertümlich und merkwürdig klingt. Nenn es, wie du es willst, es bleibt eine Zombie-Welt.

Aber mitten in dieser Sphäre des »Fleisches« ist Jesus erschienen. Und mit ihm kommt der belebende Geist Gottes von neuem in die Welt. Gott und Menschen finden wieder zusammen. Das gute Leben wird anschaulich. Man kann wieder ahnen, zu welcher Größe Menschen berufen sind. Es gibt die Alternative Gottes, mitten in der Welt des Fleisches. Jetzt ist so viel Leben da, dass wir nicht alles herauspressen müssen aus unserer Lebenszeit und aus der Schöpfung. Jetzt ist in jedem Augenblick so viel Fülle verborgen, dass wir sie gar nicht ausschöpfen können. Wir können schenken und geben. Wir nehmen die Menschen und alle Geschöpfe wahr in ihrem Reichtum und in ihrer Vielfalt, wir staunen darüber und bekommen tiefen Respekt für diesen Reichtum. Unser Geist wird beweglich und nimmt Neues leicht und schnell auf. Wir bekommen Tiefe, reagieren nicht nur immer bloß auf der Oberfläche und merken erst richtig, was alles in uns steckt.

Wir müssen keine zerrissenen Leute sein, die unzufrieden und ängstlich durch die Welt gehen. Wir können uns wohlfühlen in unserer Haut und uns freuen am Leben in uns. Wir können Worte sprechen, die Menschen herausholen aus Vorwürfen und Selbstvorwürfen. Menschen und Tiere können aufatmen, wenn sie uns begegnen, auch wenn sie nicht immer verstehen, warum. Freundschaft und Verbundenheit wird uns geschenkt, wie es sich keiner vorstellen kann, der nur die fleischlichen Seilschaften und Cliquen kennt. Das Leben bekommt Glanz, auch wenn es mitten in einer kaputten Welt gelebt wird.

Und Paulus sagt: darauf konzentriert euch. Das ist der Schatz im Acker, der allen Einsatz wert ist, die kostbare Perle, für die man alles andere weggibt – wir haben es vorhin in der Lesung gehört (Matthäus 13,44-46). Darüber denkt nach, das versteht immer tiefer. Lasst das das Thema eurer Gespräche sein. Lasst dies Neue eure Fantasie bewegen, damit es wächst. Öffnet ihm weit die Tür eures Herzens. Beschäftigt euren Verstand damit. Macht euch keine Sorgen mehr, seid 1-4einzig und allein darum besorgt, dass ihr das Zombie-und-Vampir-Denken hinter euch lasst. Und dann habt ihr vor euch das Leben, Gott sieht euch an und er freut sich an euch. Die Welt gedeiht von neuem. Der Geist Gottes tut sein Werk in euch – und bald in der ganzen Schöpfung.