Jan 292012
 

Predigt am 29. Januar 2012 zu Johannes 12,34-36

34 Die Leute hielten Jesus entgegen: »Das Gesetz lehrt uns, dass der Messias ewig bleiben wird. 24 Wie kannst du da behaupten, der Menschensohn müsse erhöht werden? Wer ist überhaupt dieser Menschensohn?« 35 Jesus erwiderte: »Das Licht ist nur noch kurze Zeit unter euch. Geht euren Weg im Licht, solange ihr das Licht habt, damit die Finsternis euch nicht überfällt. Wer in der Finsternis unterwegs ist, weiß nicht, wohin sein Weg ihn führt. 36 Glaubt an das Licht, solange ihr das Licht habt, damit ihr zu Menschen des Lichts werdet.« Nachdem Jesus so zu ihnen gesprochen hatte, zog er sich zurück und hielt sich von da an vor ihnen verborgen.

Diese Verse stehen im Johannesevangelium kurz vor der Stelle, wo Jesus aufhört, öffentlich zu reden und nur noch die letzten Vorbereitungen für seinen Tod trifft. Wenn er sagt: »der Menschensohn muss erhöht werden«, das ist eine Art Codewort für seinen Tod: im Johannesevangelium wird damit einerseits angedeutet, dass Jesus an ein Kreuz genagelt wird, das dann aufgerichtet – erhöht – wird, und andererseits, dass er gerade so sein Werk endgültig vollenden wird.

Und die Leute verstehen das mindestens so weit, dass Jesus von einer Rettergestalt redet, die sterben muss, und sie wenden unter Berufung auf Bibelstellen ein: das kann nicht sein, dass ein von Gott Gesandter sterben muss – der wird eben gerade keine Niederlage erleiden!

Und sie fragen: wer ist denn dieser Menschensohn, von dem du redest? Das ist eine Frage, die die Gelehrten bis heute beschäftigt. Beim Propheten Daniel wird eine Szene geschildert, eine Vision, in der vier Monster dem Meer entsteigen, und das sind Bilder für große Reiche, Machtzusammenballungen, die Unheil anrichten. Aber dann kommt ein Mensch, eben der Menschensohn, und dem wird von Gott die ganze Herrschaft gegeben. Und das heißt: die entscheidenden Dinge geschehen nicht durch die Macht-Monster, sondern durch normale Menschen. Durch normale Menschen, die von Gott bevollmächtigt werden. Die haben den Schlüssel zur Weltgeschichte anvertraut bekommen.

Aber das ist natürlich eine dunkle Stelle, wie gesagt, die Gelehrten sind sich bis heute nicht einig darüber, und auch die Leute in der Zeit Jesu, für die war das schon eine unklare Sache, und sie wollten seine Interpretation hören, um darüber zu diskutieren.

Aber Jesus schneidet diese ganze Diskussion ab und sagt: glaubt an das Licht, damit ihr Menschen des Lichts werdet! Ihr habt nur noch wenig Zeit dafür! Und er richtet so die Aufmerksamkeit auf eine ganz andere Frage: wie kann die Erneuerung, um die es geht, im normalen, banalen, alltäglichen Leben geschehen? Die Frage nach dem Menschensohn ist eine sehr grundsätzliche Frage, aber sie bekommt nur wirkliche Bedeutung, wenn sie den Alltag erreicht. Und Glaube ist die Orientierung, die man dafür braucht. »Glaubt an das Licht, damit ihr zu Menschen des Lichts werdet«, das heißt: worauf man schaut, das prägt und durchdringt einen; worauf man schaut, wovon man sich beeinflussen lässt, das sorgt dafür, welche Lebens-Wirkung wir erzielen. Und diese Frage, was wir für Menschen sind, die hat Auswirkungen bis in die ganzen großen Bereiche der Macht hinein.

Ich will es an einem Beispiel sagen, damit deutlich wird, wieso das so wichtig ist. Wir haben im vergangenen Jahr den großen Aufbruch in den arabischen Ländern erlebt, wo auf einmal viele junge Leute demonstriert haben, wo sie die Plätze gefüllt haben und viele Regimes ins Wanken gebracht haben, in den einzelnen Ländern ganz unterschiedlich. Und damals habe ich etwas von einem arabischen Schriftsteller gelesen, ich glaube, es war der Syrer Rafik Schami, aber ich bin mir nicht sicher. Jedenfalls fand ich das sehr einleuchtend. Der sagte in einem Interview sinngemäß: diese ganzen arabischen Regimes, die können sich nur deswegen halten, weil die Menschen in ihren Großfamilien und Clans auch so autoritär geleitet würden wie im Staat. Wenn der Clanchef oder der Patriarch etwas sagt, da gibt es keinen Widerspruch, und das spiegelt sich dann auch in der politischen Ordnung.

Ich fand es sehr interessant, so darüber nachzudenken, wie die Organisation des Staates und der Lebenswelt der einzelnen Menschen zusammenhängen. Das würde ja bedeuten, das zB die Demokratie auch einen demokratischen Unterbau braucht, wo Menschen im Alltag lernen, ihr eigenes Schicksal in die Hand zu nehmen und sich nicht rumkommandieren zu lassen.

Dieses Interview habe ich im vergangenen Jahr gelesen, und das Interessante war: als jetzt Wahlen waren, hat sich das deutlich bestätigt. Ein ganz großer Teil der Menschen hat traditionelle, religiöse Parteien gewählt, obwohl die am wenigsten dazu beigetragen haben, dass es überhaupt freie Wahlen gab. Und es hat sich gezeigt, dass die vielen jungen Leute mit Handy und Laptop, die diesen ganzen Umschwung möglich gemacht haben, dass die noch eine kleine Minderheit in ihrer Gesellschaft sind. Das ist für die Länder da schon viel, es hat für die Umstürze gereicht, aber die meisten Menschen dort sind eben noch ganz traditionell. Und so wird dieses hochmoderne Erwachen in der arabischen Welt jetzt wahrscheinlich recht traditionelle Regierungen hervorbringen. Es wird etwas freier sein als vorher, vielleicht auch ein ganzes Stück religiöser, aber diese Tage der Befreiung, wo die Menschen erlebt haben, wie unter ihnen Mut und Fantasie aufgebrochen sind, wo sie sich als Handelnde erlebt haben und nicht nur als Befehlsempfänger, die werden wenig Niederschlag finden in der neuen Ordnung, weil die Menschen in ihrer Mehrzahl noch nicht herausgekommen sind aus den Bindungen und Ängsten, in denen sie drinstecken. Man könnte sagen; es hat einen politischen Umsturz gegeben, aber der ist nicht von einem kulturellen Umsturz begleitet worden, und ohne Kulturrevolution steht auch die politische Revolution auf wackligen Füßen.

Warum erzähle ich das so ausführlich? Weil Jesus über diesen Zusammenhang von politischer und kultureller Befreiung spricht. Die Leute wollen mit ihm über den Menschensohn diskutieren, über den Messias, und da geht es um politische Befreiung. Die Frage ist: wie können wir das Joch der fremden Herrschaft abschütteln, diese Monster, die uns bedrohen. Und das ist eine wichtige Frage.

Aber Jesus geht es um ein viel wichtigeres Thema: wie können wir Menschen des Lichts werden, so dass überhaupt erst die Voraussetzungen für ein Leben in Freiheit geschaffen werden? Wie können wir in unserem Umfeld eine Mikro-Kulturrevolution durchführen? Wann der Zeitpunkt für einen politischen Umsturz kommt, darüber können Menschen ausdauernd reden, und sie kommen sich dann manchmal wie richtige Strategen vor, aber die meisten dieser Gedanken sind nur schöne Träume. Sie bewirken nichts.

Wenn es aber um die Frage geht, wie wir leben und denken wollen, dazu kann wirklich jeder Einzelne etwas beitragen. Jeder kann in seinem Umfeld mit einem kulturellen Umsturz beginnen, und das ist in unserer Zeit äußerlich gesehen leichter als je zuvor. Wir haben viel Freiheit, wir haben Internet, von außen hindert uns kaum jemand. Das Problem ist nur, dass die gewohnte Kultur so in uns drinsteckt; dass wir sie für so selbstverständlich halten wie die Luft, die uns umgibt. So wie auch jemand, der zu einer arabischen Großfamilie gehört, sich gar nicht vorstellen kann, ohne Zustimmung des Clanchefs zu heiraten oder einfach von zu Hause auszuziehen. Uns erscheint das seltsam, aber meinen wir denn, wir wären freier von unseren Selbstverständlichkeiten?

Man muss irgendwo eine Alternative kennengelernt haben, bevor man überhaupt auf die Idee kommt, man könnte auch anders leben. Deshalb hat Jesus um sich herum die Gruppe seiner Jünger aufgebaut und hat Stück für Stück ihre Kultur verändert. Sie lernten von ihm eine andere Art zu leben kennen, und das ging tatsächlich nur langsam, ganz mühsam.

Deshalb sagt er: es ist das Licht nur noch eine kurze Zeit bei euch. Nutzt es, so lange es da ist. Wer in der Finsternis unterwegs ist, der weiß nicht, wohin sein Weg ihn führt. Wenn er vom Licht spricht, dann redet er natürlich von sich selbst, und er sagt: wenn du keine Alternative kennst, dann bist du in deiner Kultur gefangen, dann bist du ihr auf Gedeih und Verderb ausgeliefert, und sie wird dich möglicherweise dahin bringen, wo du eigentlich gar nicht hin willst, du wirst dir selbst und anderen großes Leid zufügen, und wirst doch nicht anders können.

Wenn wir an Veränderung denken, dann haben wir bis heute vor allem politische Verschiebungen im Auge, Wahlen, Revolutionen, Staatsverfassungen, Gesetze. Aber die können in der Regel nur dem eine Gestalt geben, was vorher schon im Verborgenen bei den Menschen gewachsen ist. Diese vorlaufenden kulturellen Revolutionen sind viel entscheidender. Und das junge Christentum hat tatsächlich das mächtige römische Reich durch viele solche Mini-Revolutionen unterwandert. Die ganze militärische Macht des Imperiums hat das nicht verhindern können.

Und das ging deshalb, weil Jesus eine Kultur hinterlassen hat, die von der Kraft Gottes lebte und nicht in Furcht vor Patriarchen oder Matriarchinnen. Eine ganz kleine Gruppe von Menschen, ohne Einfluss oder äußerliche Macht. Aber sie hatten Ihn erlebt, sie hatten Sein Licht gesehen und waren in diesem Licht eine Zeit lang unterwegs gewesen. Und dann hatten sie erlebt, wie er auch die letzte Prüfung am Kreuz bestand, und sie hatten verstanden, dass alles das, was sie von ihm gelernt hatten, stärker war als alle Monster der Macht, der Gewalt und des Todes.

Wenn wir also über die Zukunft unseres Landes und die Zukunft der Welt nachdenken, dann sollten wir uns wirklich nicht zu sehr über Politiker und ihre Schattenseiten aufregen. Die Führungskräfte spiegeln eigentlich immer nur das Klima und die Kultur eines Landes wider. Mal sind sie ein bisschen besser, mal ein bisschen problematischer. Die wichtigsten Entscheidungen fallen nicht an den Wahlurnen (so wichtig die auch sind), sondern es kommt darauf an, ob wir Menschen des Lichts werden. Das kann jeder. Und keine Regierung kann völlig gegen ihr Volk handeln.

Deswegen sind Gemeinden so wichtig als Brutstätten einer neuen Kultur: Räume, die offen sind für die Impulse Gottes, und wo dann im Zusammenspiel von Gott und Mensch eine neue Art zu leben wächst. Orte, wo wir gemeinsam an das Licht glauben, uns darauf ausrichten und dann Menschen des Lichts werden. Dass wir hier bei uns an diesem Stichwort »fair leben« arbeiten, ist ein kleiner Schritt in diese Richtung. Und es ist wichtig zu wissen: da gibt es Momente, in denen man sich entscheiden muss, Momente in denen man durch Türen gehen muss, die irgendwann nicht mehr offen stehen. Es gibt ein Zu spät. Rechtzeitig Alternativen zu kennen ist lebenswichtig.

Aber Gottes Weg durch die Welt läuft nicht über die großen Machtzusammenballungen sondern über die Kraft einfacher Menschen, die von ihm inspiriert sind und unter denen sein Reich wächst, das eines Tages die ganze Welt gestalten wird.

Jan 232012
 

Predigt zu 2. Könige 5 am 22. Januar 2012

Logo des Besonderen Gottesdienstes am 22.1.2012
Der Gottesdienst begann mit Bildern vom heutigen Jordan; anschließend war eine Theaterszene zum Predigttext 2. Könige 5 zu sehen

1 Naaman, der Feldherr des Königs von Aram, galt viel bei seinem Herrn und war angesehen; denn durch ihn hatte der Herr den Aramäern den Sieg verliehen. Der Mann war tapfer, aber an Aussatz erkrankt. 2 Nun hatten die Aramäer bei einem Streifzug ein junges Mädchen aus dem Land Israel verschleppt. Es war in den Dienst der Frau Naamans gekommen. 3 Es sagte zu seiner Herrin: Wäre mein Herr doch bei dem Propheten in Samaria! Er würde seinen Aussatz heilen. … 9 So kam Naaman mit seinen Pferden und Wagen und hielt vor dem Haus Elisas. 10 Dieser schickte einen Boten zu ihm hinaus und ließ ihm sagen: Geh und wasch dich siebenmal im Jordan! Dann wird dein Leib wieder gesund, und du wirst rein. 11 Doch Naaman wurde zornig. Er ging weg und sagte: Ich dachte, er würde herauskommen, vor mich hintreten, den Namen Jahwes, seines Gottes, anrufen, seine Hand über die kranke Stelle bewegen und so den Aussatz heilen. 12 Sind nicht der Abana und der Parpar, die Flüsse von Damaskus, besser als alle Gewässer Israels? Kann ich nicht dort mich waschen, um rein zu werden? Voll Zorn wandte er sich ab und ging weg. 13 Doch seine Diener traten an ihn heran und redeten ihm zu: Wenn der Prophet etwas Schweres von dir verlangt hätte, würdest du es tun; wie viel mehr jetzt, da er zu dir nur gesagt hat: Wasch dich und du wirst rein. 14 So ging er also zum Jordan hinab und tauchte siebenmal unter, wie ihm der Gottesmann befohlen hatte. Da wurde sein Leib gesund wie der Leib eines Kindes und er war rein. 15 Nun kehrte er mit seinem ganzen Gefolge zum Gottesmann zurück, trat vor ihn hin und sagte: Jetzt weiß ich, dass es nirgends auf der Erde einen Gott gibt außer in Israel. So nimm jetzt von deinem Knecht ein Dankgeschenk an! 16 Elisa antwortete: So wahr der Herr lebt, in dessen Dienst ich stehe: Ich nehme nichts an. Auch als Naaman ihn dringend bat, es zu nehmen, lehnte er ab. … 19 Elisa antwortete: Geh in Frieden!

Was ist am Jordanwasser so anders als am Wasser des Abana oder des Parpar? Hat das irgendeine besondere Zusammensetzung, so dass es die Haut gesund macht, so wie heute Menschen mit schweren Hautkrankheiten ans Tote Meer fahren?

Nein, auch wenn der Jordan ins Tote Meer mündet – er hat keine besondere Zusammensetzung. Aber er hat eine besondere Geschichte. Und die begann noch ein paar Jahrhunderte vor den Zeiten des Propheten Elisa. Das war in der Zeit, als Gott das Volk Israel aus der ägyptischen Sklaverei befreite. Viele von uns kennen die Geschichte wahrscheinlich: Mose führt das Volk Israel durch die Wüste ans Schilfmeer, und hinter ihnen kommt der Pharao mit seinen Soldaten und Streitwagen und will die entlaufenen Sklaven in der Wüste niedermetzeln. Vor sich haben sie das Wasser des Meeres, und hinter ihnen sehen sie schon die Staubwolke des herankommenden Heeres. Sie sitzen in der Falle. Wie gelähmt stehen sie dazwischen und machen Mose Vorwürfe. Und dann geschieht das große Wunder: Gott teilt das Meer und sie können trockenen Fußes hindurch und sind entkommen. Das ist das eigentliche Gründungserlebnis des Volkes Israel: In Gefahr und höchster Not hat Gott uns gerettet! Wenn du vor dir und hinter dir den Tod hast, dann vertrau auf Gott und geh mutig voran. Du wirst Leben finden.

Über 1000 Jahre später, schon im Neuen Testament, schreibt Paulus im 1. Korintherbrief (10,2), dass sie damals »getauft« worden sind. Ein merkwürdiger Gedanke, aber halten Sie ihn fest, wir brauchen ihn nachher noch. Sie ziehen dann weiter durch die Wüste zum Sinai, sie bekommen die 10 Gebote, aber sie beten dort auch das Goldene Kalb an, weil sie noch so in der ägyptischen Sklavenmentalität drin stecken. Und deswegen müssen sie 40 Jahre in der Wüste bleiben, bis alle tot sind, die noch diese Sklavenmentalität in sich tragen, und dann zieht die frei geborene Generation in das verheißene Land. In der Wüste geschieht Reinigung und Erneuerung. Die gefährliche, tödliche Wüste – das ist der Ort für Umkehr und Neuanfang.

Und dann ist es so weit: sie kommen an … den Jordan. Und wieder sorgt Gott dafür, dass sie trockenen Fußes durchs Wasser gehen können: das Wasser staut sich, der Boden des Jordans fällt trocken, und das Volk geht hindurch, hinein in das verheißene Land. Genau an dieser Stelle richten sie 12 Felsbrocken aus dem Jordan an Land auf, damit keiner das vergisst. Und am Ende der Geschichte (Josua 4,23) heißt es ausdrücklich: erinnert euch daran, ihr seid genau so durch den Jordan gekommen wie 40 Jahre vorher durch das Schilfmeer.

Das heißt: in der Bibel ist der Jordan gekoppelt mit dem Wunder am Schilfmeer und der Befreiung aus Ägypten. Das Schilfmeer ist weit weg von Israel, aber der Jordan ist gleich nebenan. Und die ägyptische Versuchung, die Sklavenmentalität, die ist auch immer gleich nebenan, auch im Land der Verheißung. Und deswegen bleibt der Jordan – gleich nebenan – das Symbol dafür, dass Gott durch Gefahr und Tod hindurch rettet. Der Jordan als Mini-Ausgabe des Schilfmeeres erinnert daran, dass Gott Wege öffnet, wo wir nur Angst haben und wie gelähmt vor Gefahren zurückschrecken.

Aber das geht nicht einfach so nach dem Motto: Problem erkannt, Gott hilft, alles wird gut, und es geht weiter wie vorher. Immer wieder geschieht Rettung so, dass Menschen sich erst in einer scheinbar ausweglosen Situation, mitten in Angst und Schrecken erinnern: ja, Moment, da war doch noch was … genau, da war noch Gott. Und wenn der in der Situation mit drin ist, das verändert alles. Und so sollen Menschen ihre Sklavenmentalität verlieren. Dass sie nicht mehr diese Heiden-Angst vor den Herren der Welt haben. Dass sie nicht mehr denken: wie schön war es doch bei den Fleischtöpfen Ägyptens, wo andere die Verantwortung hatten, wo unsere Herren uns die Entscheidungen abgenommen haben – wie praktisch. Und sie sollen verstehen: unser Gott ist der Gott der freien Menschen, und er will freie Menschen, die nicht von außen und nicht von innen versklavt sind.

Verstehen Sie: das ist die Grundgeschichte Israels und der Christenheit, die Grundgeschichte der Bibel, dass da, wo wir Gefahr, Tod und Probleme vor uns sehen und am liebsten ratlos stehen bleiben würden, dass genau da, irgendwo dazwischen, Gottes Rettung verborgen liegt. Aber wir sehen das nicht. Wir sehen die Rettung erst, wenn wir mutig vorangehen.

Auch als Israel über den Jordan zog, da war der Jordan nicht schon trocken, als sie kamen. Der war voller Wasser. Und die Priester mit der Bundeslade, die mussten vorneweg ins Wasser, ohne Garantie, dass es klappt, und erst als sie drin waren und schon nasse Füße hatten, da ging das Wasser weg. Dietrich Bonhoeffer hat mal gesagt: Gott gibt seine Hilfe nicht vorab, nicht auf Vorrat, sondern erst dann, wenn es so weit ist. Wenn wir sie wirklich brauchen.

Denn diese Situationen voll Angst und Zittern und manchmal auch nur voll Sorgen und Grämen, die sind dazu da, dass unser Sklavenweltbild zerbrochen wird, dass wir neu hinschauen, und dass wir trotz allem lernen, voranzugehen, und dann finden wir mitten in Ängsten Leben, Gottes Leben.

Das passiert auch in ganz unreligiösen Zusammenhängen, dass Menschen die Kraft ausgeht, oder dass ihr Leben irgendwie aus dem Ruder läuft, dass sie krank werden, dass ein Pfeiler ihres Lebensgebäudes wegbricht. Und wenn es gut geht, dann fangen sie in dem Moment endlich an zu überlegen: soll das schon alles gewesen sein? Wofür tue ich das alles? Ist das das Leben, zu dem ich berufen bin? Wofür brauche ich das ganze Zeug eigentlich, das ich mir immer kaufe? Und dann kann es sein, dass für sie mitten in Bedrohung und Angst ein neues Leben beginnt, dass sie Gottes Weg finden, und manchmal auch einen Weg, der noch nicht so ganz Gottes Weg ist, aber immerhin viel besser als der alte. Und das, wovor sich eigentlich alle fürchten, wird zum Tor des Lebens, wenn man nur mutig hindurchgeht.

Der Prophet Elisa hatte das erlebt bei seinem Vorgänger und Meister Elia. Als dessen Zeit auf der Erde abgelaufen war, da ging er noch einmal durch das ganze Land, dem er gedient hatte, und dann kam er an den Jordan und er ging hinüber, er „ging über den Jordan“, aber in die andere Richtung, in die Wüste. Er ging in die tödliche Wüste, wo Israel von Gott geprüft und gereinigt worden war. Und sein Schüler Elisa ging mit ihm, obwohl er wusste, dass sein Meister diesen Weg nicht wieder zurück gehen würde.

So gingen die beiden miteinander, und dann kam ein feuriger Wagen und Elia fuhr im Sturm gen Himmel. Vielleicht kennen Sie dieses Gospel, »Swing low, sweet chariot«, da geht es um diese Geschichte. Damals hat Elisa gelernt, dass man vor manchen Dingen keine Angst haben muss. Und er ging zurück über den Jordan, zurück ins Leben, und diente fortan dem Land so, wie es sein Meister getan hatte.

Verstehen Sie, warum Elisa den Syrer Naaman zum Jordan schickt? Verstehen Sie, warum er ihn nicht zu irgendeinem Fluss schicken kann?

Naaman muss in Berührung kommen mit der Kraft des befreienden Gottes. Gottes Freiheit ist es, die gesund macht. Naaman muss in Berührung kommen mit der Kraft des Lebens, die mitten im Tod zu finden ist. Er muss in Berührung kommen mit der Wende, die auf jeden wartet, der sich auf diesen Weg einlässt. Umkehr, Reinigung, Neuanfang, darin kommt die heilende Kraft Gottes bei uns an. Wir hätten es lieber, wenn wir einfach nur eine Extraportion Segen bekämen (und manchmal passiert das ja auch), aber an den entscheidenden Punkten müssen wir durch Bruch und Neuanfang hindurch, da werden wir nicht einfach bestätigt, da muss erst etwas sterben, bevor das Neue aufwachsen kann. Der Naaman voller Arroganz und Macht und Gewalt muss sterben, damit der richtige Naaman eine Chance bekommt. Und am Ende der Geschichte merkt man, wie tatsächlich dieser Heide Naaman versteht, dass es einen Gott gibt, der freie Menschen will, und er lässt seine Götter hinter sich und geht im Frieden Gottes in ein neues Leben.

Die Geschichte vom Jordan ist damit aber immer noch nicht zu Ende. Noch mal viele Jahrhunderte später kommt ein gewisser Johannes, ein wilder Mann aus der Wüste, an den Jordan. Wir haben in der Lesung vorhin gehört, wie auch Jesus da hinkommt (Matth. 3,13-17). Und was macht Johannes da? Er tauft. Er tauft auch Jesus. Deshalb heißt er Johannes der Täufer.

Erinnern Sie sich? Taufe! Schilfmeer! Paulus im 1. Korintherbrief: ihr seid damals beim Durchzug durchs Schilfmeer getauft worden. Schilfmeer, Jordan, Taufe, das gehört alles zusammen. Diese ganze jahrtausendealte Bewegung durchs Wasser hindurch, durch den Tod hindurch zum Leben, die läuft auf diesen Moment zu, als Jesus im Jordan getauft wird. Danach kommt der Fluss in der Bibel kaum noch vor. Aber die Bewegung geht weiter bis zu dem Moment, als Jesus freiwillig auf seinen Tod zugeht, und wenn er auf seinen Tod vorausblickt, nennt er ihn auch eine »Taufe«, denn er vertraut darauf, dass er mitten im Tod das Leben Gottes finden wird. Und er wird auferweckt in ein neues Leben. Und diese ganze Linie von Abraham über Mose und Elia und Elisa und all die anderen bis zu Johannes dem Täufer – die ist in Jesus präsent und mit ihm kommt sie endlich da an, wo sie schon immer hingehen sollte: bei der Auferstehung der Toten.

Und dann wird die Christenheit geboren und mit der Christenheit fließt etwas vom Jordan durch die ganze Welt. Wenn wir getauft werden, dann werden wir immer mit Jordanwasser getauft, auch wenn das Wasser aus der Leitung kommt. Die Taufe ist der Jordan gleich nebenan. Die Taufe ist das Schilfmeer gleich nebenan. Die Taufe ist der Tod Jesu, der von nebenan in unser Leben kommt, damit wir auch Anteil haben an der Auferstehung Jesu, die sich bei uns niederschlägt in einem neuen Leben schon hier und schon jetzt. Und das geht nicht ohne Abbruch, ohne Krise, ohne Angst, es geht nicht ohne Schmerzen, es geht nicht ohne – Sterben.

Das Leben liegt immer wieder da verborgen, wo wir nur Abbruch, Ende, Gefahr und Zerstörung sehen. Und manchmal entpuppt sich das, was wir für das Schlimmste halten, am Ende als Tür zum neuen Leben: wenn es nämlich unser Weltbild demontiert, unser falsches Lebensgefühl zerbricht und uns frei werden lässt von dem, was uns von außen und von innen zu Sklaven macht.

Wie Naaman würden wir viel lieber mit dem vertrauten Wasser des Abana und des Parpar getauft werden, oder mit Fuhsewasser, wie es bei uns heißt. Aber getauft wird man immer mit Jordanwasser. Da kommt keiner drumherum. Auch der große Naaman muss das lernen. Heilung kommt durch Umkehr und Erneuerung, nicht dadurch, dass alles noch ein bisschen verbessert und gestärkt und geliftet wird. Dafür steht der Jordan, und damit muss die Welt mindestens in Berührung kommen, um geheilt zu werden.

Nirgendwo ist die Welt alternativlos. Niemand muss auf ausgetretenen Pfaden ins Verderben laufen. Mitten in der Unsicherheit und Gefahr ist Gott verborgen, und deswegen müssen wir nicht wie gelähmt davor stehen und nach Sicherheit schreien. Überall wartet das Wasser des Jordan darauf, dass wir mutig hineingehen, nasse Füße bekommen und dann erleben, wie sich vor uns der Weg des Lebens öffnet.

Jan 152012
 

Predigt zu Römer 8,1-4 am 15. Januar 2012 (Predigtreihe Römerbrief 21)

Als wir im November das letzte Mal vor der Weihnachtszeit auf den Römerbrief hörten, da sind wir bis zum Ende des 7. Kapitels gekommen. Da beschreibt Paulus die Zwangslage von Menschen, die eigentlich gut sein möchten, die eigentlich wissen, was richtig wäre – aber die Verhältnisse, die sind nicht so, die sind nun mal ganz anders. Eigentlich möchten wir nichts Böses tun, wir möchten nicht die Umwelt beschmutzen und nur Eier von glücklichen Hühnern essen – aber irgendwas scheint uns immer im Weg zu stehen.

Wir beenden solche Gespräche in der Regel mit einem Achselzucken und sagen schließlich: so ist das Leben, man muss eben irgendwie das Beste draus machen. Paulus weiß aber, dass das eine unmögliche Haltung ist, die das Gericht Gottes nach sich zieht. Und er hält das Problem mit einem lauten Klageschrei offen: wer wird mich befreien aus diesem elenden Zustand, aus diesem Verderbenszusammenhang, wo ich dauernd zu Ergebnissen beitrage, die ich nicht will und die mir selbst schaden?

Und jetzt in Kapitel 8 beschreibt Paulus die Lösung, die Befreiung, die er mitbringt, wenn er das Evangelium bringt.

1 Müssen wir denn nun noch damit rechnen, verurteilt zu werden? Nein, für die, die mit Jesus Christus verbunden sind, gibt es keine Verurteilung mehr. 2 Denn wenn du mit Jesus Christus verbunden bist, bist du nicht mehr unter dem Gesetz der Sünde und des Todes; das Gesetz des Geistes, der lebendig macht, hat dich davon befreit. 3 Das Gesetz des Mose war dazu nicht imstande; es scheiterte am Widerstand der menschlichen Natur. Deshalb hat Gott als Antwort auf die Sünde seinen eigenen Sohn gesandt. Dieser war der sündigen Menschheit insofern gleich, als er ein Mensch von Fleisch und Blut war, und indem Gott an ihm das Urteil über die Sünde vollzog, vollzog er es an der menschlichen Natur. 4 So kann sich nun in unserem Leben die Gerechtigkeit verwirklichen, die das Gesetz fordert, und zwar dadurch, dass wir uns vom Geist ´Gottes` bestimmen lassen und nicht mehr von unserer eigenen Natur.

Das ist wie ein heller Fanfarenstoß am Anfang von Kapitel 8. Nicht mehr dieses resignierte Schulterzucken: »So ist es nun mal! Da kann man nichts machen!«, sondern: »Wir haben das hinter uns gelassen! Uns betrifft das nicht mehr! Für uns hat Gott einen neuen Weg geöffnet!«. Wenn der Heilige Geist Menschen bewegt, dann sind sie nicht mehr gefangen in diesem Zwiespalt von »eigentlich müsste ich doch« – »aber die Verhältnisse sind nicht so« – »und eigentlich muss ich mir ja nichts vorschreiben lassen« – »irgendwer müsste sich kümmern, aber nicht ich«. Diese ganze verkorkste Bewusstseinslage haben wir hinter uns gelassen, sagt Paulus. Uns bewegt der Heilige Geist, und das ist der Geist des Gelingens, nicht der Geist des ewigen Scheiterns. Und in diesem Geist des Gelingens leben wir ein Leben, das das Ziel des Gesetzes erreicht.

Wenn Sie noch mal zurückdenken an die Evangelienlesung vorhin, wo Jesus befragt wird, weshalb seine Jünger nicht fasten (Markus 2,18-22). Und er sagt: wieso fasten? Wir sind doch am Ziel. Wir brauchen das alles nicht mehr. Das, was ihr mit Fasten zu erreichen versucht, haben wir schon, wir haben sogar viel mehr, aber wir haben es auf einem ganz anderen Weg erreicht. Wir sind längst da angekommen, wo ihr hin wollt, aber nicht auf dem Weg des Gesetzes.

Das jüdische Gesetz, das Alte Testament, war ja die Lebensordnung Gottes für die freien Menschen seines Volkes. Er hatte sein Volk aus der Sklaverei befreit, damit sie als Modell eines befreiten Volkes leben sollten. An ihnen sollte sein Wille für alle Menschen sichtbar werden. Aber dann breitete sich auch in Israel wieder Ausbeutung und Sklaverei aus, fremde Reiche übernahmen die Herrschaft im Land, und am Ende wurde sogar das gute Gesetz Gottes zu einem Teil des Problems: im Namen des Gesetzes wurden ausgerechnet die Schwächsten im Lande stigmatisiert: die Leprakranken, die Prostituierten, die Sünder jeder Art, alle, an denen die desolate Lage (die alle betraf) am stärksten sichtbar wurde, die wurden nun noch im Namen des Gesetzes mit Missachtung gestraft. Aus Gottes guter Gabe wurde eine Legitimation für Nörgler, Kritisierer und Besserwisser. Und am Ende wurde sogar Jesus unter Berufung auf Gottes Gesetz zum Tode verurteilt.

Da kann mal mal sehen, wie tief der Karren im Dreck steckt, sagt Paulus. Das gute Gesetz Gottes verfehlt nicht nur sein Ziel, sondern es wird sogar zu einem Teil des Problems. Wie schlimm muss dieser Unheilszusammenhang namens Sünde eigentlich sein, wenn selbst Gottes Gesetz von ihr missbraucht werden kann! Und genau dazu ist das Gesetz nämlich auch da: dass an ihm das Problem so richtig deutlich wird. Es reicht eben nicht, zu wissen, was richtig ist. Zu wissen, was richtig ist, kann dich zu einem Menschen machen, der allen anderen fürchterlich auf die Nerven geht.

Die eigentliche Antwort auf das Böse und die Zerstörung besteht in einer besseren Alternative. Gegen etwas sein, das kann jeder, das ist keine Kunst. Das stellt die Sünde nicht in Frage. Überall meckern Mitarbeiter über ihren Chef und Chefs über ihre Mitarbeiter, Männer schimpfen über ihre Frauen und Frauen über ihre Männer, Kinder stöhnen über ihre Lehrer und Lehrer über ihre Schüler. Manchmal zu Recht und manchmal zu Unrecht. Aber egal, das ist eben Dampfablassen, ändern tut sich davon nichts.

Aber wenn etwas ganz anderes, etwas Neues und Lebendiges entsteht, das ändert die ganze Lage. Wenn es eine echte Alternative gibt, wenn du zu einer anderen Firma wechseln kannst, wo man gerne arbeitet, oder wenn es in der Nähe eine andere Schule gibt, wo ein besseres Klima herrscht, das ist eine ganz andere Lösung als zu schimpfen und sich am Ende doch wieder abzufinden. Und Jesus war die Alternative schlechthin, er war der neue Wein, der in neue Schläuche muss, er war das neue Gewand und nicht der Flicken, der eine alte, zerlumpte Jeans noch mal mit Ach und Krach drei Wochen lang zusammen hält.

Leben in der Kraft des Heiligen Geistes ist die Alternative, die Jesus gebracht hat. Zugang finden zu der Kraft und Freude der Schöpfung, wie Gott sie ursprünglich gemeint hat, und wie sie im Verborgenen immer noch ist. Ein Kanal sein, durch den Gottes Segen in die Welt strömt. Aus der Fülle leben statt aus dem Mangel. Aus der Zuversicht leben statt aus dem Pessimismus. Aus der Freude statt aus der Macht. Reichtum sehen, wo andere Bedrohung sehen. Das ist die Lösung, das ist die echte Alternative, und erst die stellt die Macht des Sündensystems ernsthaft in Frage.

Wer zu Jesus Christus gehört, wer »in ihm« lebt, der hat all diese Zwiespältigkeiten hinter sich, der lebt nicht mehr aus dem Protest und aus der Kritik, sondern der bringt mit sich das Leben, das Jesus so reichlich um sich herum verbreitet hat. Er feiert schon die Hochzeit von Himmel und Erde, die Versöhnung von Gott und Mensch. Er wird bewegt von der frischen Kraft Gottes, die wie ein warmer Wind im Frühjahr die Welt befreit aus der erstarrten Kälte des Winters, damit überall die Blumen blühen und das Leben neu beginnt.

Aber bevor das passieren kann, muss erst die Macht des Sündensystems gebrochen werden, das die Menschen von allen Seiten umklammert hält. Man sollte es nicht unterschätzen. Es ist wirklich eine schreckliche Macht. Die Sünde ist äußerst gründlich, sie drängt sich überall hinein, sie beschmutzt und besudelt alles, sie infiziert Große und Kleine, Reiche und Arme, Gottlose und Fromme. Sie kann sich jede Kraft und jede Gabe zunutze machen. Bevor diese Macht nicht gebrochen ist, ist es hoffnungslos, eine Alternative zu leben. Die Sünde würde auch die unterwandern und verderben.

Deshalb musste zunächst diese Macht des Verderbens den Todesstoß empfangen. Und das geschah ausgerechnet, als Jesus starb. Paulus hat diesen Zusammenhang im Römerbrief schon öfter thematisiert. Hier wird es wieder ein Stück klarer. Jesus, so sagt er, war der sündigen Menschheit gleich. Wie üblich sind diese Stellen ganz schwer zu übersetzen. Gemeint ist: Gott hat Jesus genau in diese Welt hinein geschickt, in der die Sünde alles infiltriert, wo uns alles dazu drängt, ein Werkzeug der Zerstörung und der Ungerechtigkeit zu werden. Man kann sich das in einem Bild klar machen, wenn man daran denkt, wie Jesus in der Wüste vom Teufel versucht wird. Diese Auseinandersetzung blieb ihm nicht erspart. Der ganze Druck, den die Sünde ausübt, die ganze Verlockung, mit der sie sich umgibt, das alles wirkte auch auf Jesus. Und in diesem Sinn war sein Tod am Kreuz die letzte und endgültige Versuchung. Da konzentrierte der Verderber noch einmal allen Schmerz, alle Drohung, alle Täuschung auf Jesus, so nach dem Motto: der muss doch klein zu kriegen sein. Den muss ich doch auch unter Kontrolle kriegen können.

Das ist an dieser Stelle gemeint: Gott hat es erlaubt, dass Jesus so wie jeder Mensch ins Fadenkreuz des Zerstörers kam. An Jesus kann man sehen, welche schreckliche Macht der entfalten kann. Jesu musste das auf sich nehmen, es ging nicht, ohne dass er ins Zentrum des Konflikts hinein ging und dabei den Tod fand. Diesen Preis musste er bezahlen, dieses Opfer musste er bringen, diesen Weg musste er auf sich nehmen.

Aber genau, als die Zerstörungsmächte sich bei ihm zu ihrer ganzen Brutalität entfaltet hatten, als sie ihr wahres Gesicht voll enthüllt hatten, da griff Gott zu und sprach ihnen ihr Urteil, er machte sie fertig, er ruinierte sie, er behielt das letzte Wort. Und zwar dadurch, dass Jesus nicht unter die Gewalt der Sünde kam, dass er sogar am Kreuz bis zum letzten Atemzug widerstand, dadurch, dass die Sünde ihn nicht infiltrieren und klein kriegen konnte. Sie konnten Jesus töten, aber sie konnten die Alternative, die er gelebt hat, nicht zerbrechen. Sogar seinen Henker hat er in den letzten Minuten seines Lebens noch beeindruckt. Und jetzt ist diese Alternative in der Welt, und sie kann nicht mehr zerstört werden. Das ist für die Macht des Bösen die ultimative Katastrophe.

Jetzt ist die Bahn dafür frei, dass Menschen in den Fußspuren Jesu gehen. Jetzt wissen wir, dass dort eine Lebensart verborgen ist, die dem Verderben überlegen ist. Wir haben unsere Mühe damit, sie zu lernen, das geht nur nach und nach, aber sie ist da und sie funktioniert. Von Jesus lernen heißt siegen lernen.

Und jetzt weht der Heilige Geist Gottes durch die Welt, und er ist nicht mehr auszusperren. Ja, das Böse hat immer noch Macht, es versucht immer noch, sich überall hineinzudrängen, ja, auch in das Volk Gottes. Aber in dieses eine Leben, das Leben Jesu, da kommt es nicht mehr rein, und in der Mitte jeder Gemeinde ist die Tür zu diesem Weg, den Jesus geht, und immer wieder lockt das Menschen an, und sie sagen: warum sollen wir nicht diesen Weg gehen? Da gibt es einen Bereich, in den der Böse seine dreckigen Finger nicht mehr reinbekommt, einen Teil der Welt, den er nicht mehr durchschaut, und der nie wieder vergehen wird.

Das Leben siegt.

Jan 082012
 

Predigt zu Römer 6,18-25 am 25. September 2011 (Predigtreihe Römerbrief 17)

18 Ihr seid von ´der Herrschaft` der Sünde befreit worden und habt euch in den Dienst der Gerechtigkeit stellen lassen. 19 Ich gebrauche das Bild vom Sklavendienst, das ihr alle kennt, weil ihr sonst vielleicht nicht versteht, worum es geht. Früher habt ihr euch in den verschiedenen Bereichen eures Lebens gewissermaßen wie Sklaven in den Dienst der Unmoral und der Gesetzlosigkeit gestellt, und das Ergebnis war ein Leben im Widerspruch zu Gottes Gesetz. Jetzt aber macht euch zu Sklaven der Gerechtigkeit, und stellt alle Bereiche eures Lebens in ihren Dienst; dann wird das Ergebnis ein geheiligtes Leben sein. 20 Als ihr Sklaven der Sünde wart, standet ihr nicht im Dienst der Gerechtigkeit und wart darum ihr gegenüber frei. 21 Doch welchen Gewinn brachte euch das? Dinge, über die ihr euch heute schämt, Dinge, deren Endergebnis der Tod ist. 22 Dass ihr jetzt aber von ´der Herrschaft` der Sünde befreit und in den Dienst Gottes gestellt seid, bringt euch als Gewinn ein geheiligtes Leben, und im Endergebnis bringt es euch das ewige Leben. 23 Denn der Lohn, den die Sünde zahlt, ist der Tod; aber das Geschenk, das Gott uns in seiner Gnade macht, ist das ewige Leben in Jesus Christus, unserem Herrn.

In diesem Abschnitt redet Paulus ausführlich von der Freiheit, und wir machen uns am Anfang klar, was mit Freiheit gemeint ist und was nicht. Es gibt eine kindliche Vorstellung von Freiheit und eine erwachsene.

Bis zu einem gewissen Alter hat man den Eindruck, Freiheit bestehe einfach darin, dass einem nichts verboten wird. Wenn Mama und Papa mir einfach alles erlauben würden, dann wäre die Welt ein ausgezeichneter Ort. Man müsste dann nie ins Bett gehen und könnte morgens ganz früh aufstehen, und immer wäre jemand zum Spielen da. Man müsste keinen Spinat und anderes komische Zeug essen und könnte sich stattdessen komplett von Nudeln, Schokolade und Pizza ernähren. Man könnte ohne Mütze, Handschuhe und Schal durch die Welt gehen und würde auch im Winter nie krank. Man könnte einfach in den Spielzeugladen gehen und sich die tollsten Sachen aus dem Regal nehmen, auch ganz ohne Geld. Mama und Papa müssten es nur wollen! Aber die sind so gemein und tun es nicht.

Wenn wir älter werden, dann fangen wir an zu verstehen, dass das nicht funktioniert. Der eine lernt es früher und der andere später, aber irgendwann begreifen wir, dass Mama und Papa sich die meisten Regeln nicht ausgedacht haben, um uns zu ärgern, sondern dass die Welt auch völlig unabhängig von Mama und Papa nach diesen Regeln funktioniert. Irgendwann fangen wir an zu verstehen, dass man tatsächlich schlechter drauf ist, wenn man zu wenig geschlafen hat. Oder dass man krank wird, wenn man sich im Winter nicht warm anzieht. Oder dass man von zu viel Süßigkeiten in die Breite geht. Und vor allem: viele Dinge kosten Geld, das man erst verdienen muss.

So ist die Welt. Jedenfalls meistens. Denn es gibt auch die, die mit wenig Schlaf auskommen. Es gibt auch die, die futtern können wie sie wollen und trotzdem gertenschlank bleiben, die nie ihre Hausaufgaben machen und trotzdem tolle Zeugnisse bekommen. Und tatsächlich, ein paar Menschen schaffen es auch, vom Geld anderer zu leben, jedenfalls für eine gewisse Zeit. Die Welt ist flexibel, sie ist geduldig mit unseren Fehlern, es gibt Ausnahmen und Sonderfälle.

Aber die wenigstens von uns sind solche Sonderfälle, und schon gar nicht bei den Zeugnissen, der Gesundheit und beim Geld gleichzeitig. Für fast alle Menschen gelten fast immer die normalen Regeln des Lebens. Und wir sind erwachsen, wenn wir nicht mehr von Mama und Papa erwarten, dass sie für uns diese normalen Regeln des Lebens einfach mal schnell – schnipp! – außer Kraft setzen.

Bei den meisten von uns klappt das ganz gut. Irgendwann verstehen wir, dass es nicht hilfreich ist, unter Alkoholeinfluss Auto zu fahren Irgendwann haben wir kapiert, dass man sich nicht beliebt macht, wenn man seinen Freunden die Partner ausspannt. Irgendwann erwarten wir nicht mehr, dass der nette Onkel mit der dicken Geldbörse kommt und uns aus purer Freundlichkeit alle Wünsche erfüllt. Die einen lernen es schnell, die anderen brauchen mehrere Versuche, einige kapieren es aber auch bis zum Schluss nicht und ziehen eine Spur der Verwüstung hinter sich her, weil sie nicht begreifen, dass die Welt nach Regeln funktioniert, und nicht nach den Launen von Mama und Papa.

Wenn es aber um Gott geht, ist das schwieriger. Erstaunlicher Weise stellen sich viele Gott so vor, wie wir als Kinder über unsere Eltern gedacht haben. Gott, so denken sie, hat sich nach seiner Tageslaune Regeln ausgedacht, um uns das Leben schwer zu machen, und wenn er einfach mal weniger verbieten würde, dann wäre die Welt ein ausgezeichneter Ort. Er könnte es doch tun. Schließlich ist er Gott.

Wir denken dann über Gott genauso kindisch, wie wir früher über unsere Eltern gedacht haben. Wir stellen uns vor, er würde willkürlich Belohnungen und Strafen festsetzen, die mit der Sache selbst gar nichts zu tun haben. Du hast das und das angestellt? Zur Hölle mit dir! Du hast die Regeln eingehalten, warst im Gottesdienst, hast die richtigen Bekenntnisse gesprochen (oder was auch immer)? Ab in den Himmel!

In Wirklichkeit ist es aber so, dass unsere destruktiven Handlungen den Tod schon immer in sich tragen. Gott muss da gar nicht noch nachhelfen, sondern es ist die innere Logik von kaputten Verhaltensweisen, dass sie die Beteiligten kaputt machen. Deshalb schreibt Paulus im Römerbrief: der Lohn, den die Sünde zahlt ist der Tod. Die Sünde selbst zahlt mit Tod, dafür braucht man nicht noch extra Gott. Wenn du einen Menschen beobachtest, der rücksichtslos lebt, der das Leben anderer zerstört und auf ihre Kosten lebt, dann kannst du schon etwas von dem Todesdunst wahrnehmen, der über seinem Leben liegt. Vielleicht lebt er noch lange, vielleicht sieht es äußerlich aus, als ob er glücklich und zufrieden ist, aber innen drin ist der Wurm, manchmal sehr deutlich zu erkennen und manchmal kaum.

Und genauso trägt jede gute Tat in sich schon ihren Lohn, auch wenn es nach außen gar nicht groß zu sehen ist. Da muss Gott uns gar nicht ein Lockmittel vor die Nase halten und sagen: halte durch, tu das Unangenehme, verzichte, dann kriegst du am Ende den Himmel von mir! Wenn wir Taten tun, die das Leben fördern, dann wächst das Leben in uns, und das ist der Lohn, in dieser Welt und in der kommenden.

Gott gibt uns keine willkürlichen Belohnungen, so wie ein Mann einen Lebensrettungsmedaille bekommt, weil er ins Wasser gesprungen ist und einen Ertrinkenden gerettet hat. Nein, man muss sich das so vorstellen, wie wenn einer ins Wasser springt und ein ertrinkendes Kind rettet, und als er es anschaut, da merkt er: oh, das war ja meine Tochter! Braucht der noch eine extra Medaille? Was für ein Unsinn! Was für eine Belohnung braucht der jetzt noch, wo in seiner Tat selbst schon die größte Belohnung drinsteckte, das Leben seines eigenen geliebten Kindes?

Das ist die große Voraussetzung, die Paulus macht: dass die Welt nicht willkürlich funktioniert, sondern dass es eine innere Logik gibt, die nicht jeweils von außen herangetragen wird, weder von Gott noch von Papa und Mama, sondern die steckt in der Welt drin. Und wenn Paulus von Freiheit redet, dann meint er nicht, dass diese Zusammenhänge plötzlich nicht mehr gelten. Freiheit heißt nicht, dass du machen kannst, was du willst, ohne die Konsequenzen zu tragen. Freiheit heißt nicht, dass du dir eine Welt nach Lust und Laune zusammen zimmerst, eine Welt, in der du im Laden nicht bezahlen musst, wo du deine Freunde schlecht behandeln kannst, und sie bleiben trotzdem deine Freunde, eine Welt, in der schlechte Handlungen Leben bringen, weil Gott uns endlich mal einen Gefallen tut. Diese Freiheit gibt es nicht, sie ist eine Fantasie, die bei Kindern verständlich ist, aber bei Erwachsenen zerstörerisch.

Wenn Paulus davon schreibt, dass wir immer jemandem dienen, dann hat er damit im Auge, dass wir uns die Welt nicht willkürlich zurechtbiegen können, sondern wenn wir A sagen, dann müssen wir auch B sagen, und wenn wir X sagen, dann landen wir bei Y. Wenn du dich auf die eine Logik einlässt, dann bringt sie dich immer irgendwo hin. Du kannst nicht nur das eine Ende des Stocks aufheben, das andere hast du dann auch in der Hand.

Wenn Paulus von Freiheit redet, davon, dass wir befreit sind von der Herrschaft der Sünde, dann heißt das: Gott hat uns auf eine Schiene gesetzt, die ins Leben führt, jetzt und in der kommenden Welt. Jesus Christus hat uns durch sein Leben, seinen Tod und seine Auferstehung aus der destruktiven Logik herausgeholt, die das Leben in uns und um uns herum immer mehr beschmutzt und verkümmern lässt. Jesus Christus hat uns befreit von dem Sklavenhalter, der uns unsere Würde nimmt, uns ausnutzt und am Ende zerstört auf den Müll schmeißt. Und jetzt bist du frei, du bist ihn los, du musst ihm nicht mehr gehorchen.

Aber, sagt Paulus, verwechsele das nicht mit dieser Kinderfantasie einer Freiheit, wo wir machen können was wir wollen, ohne die Konsequenzen tragen zu müssen. Du bist befreit nicht zu irgendeinem ausgedachten Leben, sondern zu dem neuen Leben, das Jesus Christus gebracht hat und das in sich das große Leben Gottes trägt. Wenn du dich jetzt wieder entscheidest, andere Menschen auszunutzen und zu zerstören, dann holst du dir die gleichen zerstörerischen Konsequenzen ins Haus wie vorher.

Deswegen bleibe bei dieser neuen Logik, zu der Jesus dich befreit hat. Und lass diese neue Logik dein Leben prägen. Arbeite alle Bereiche deines Lebens so durch, dass da überall Jesus drin ist. Du hast vorher der Logik des Todes gedient, jetzt sieh zu, dass alle Bereiche deines Lebens das große Leben Gottes in sich tragen. Dann bist du auf dem Weg, über dem jetzt schon das Aroma des Lebens schwebt, und dieser Weg wird in die neue Welt Gottes führen. Und wenn diese neue Gestalt des Lebens noch auf dem Weg ist – wie bei allen von uns – dann wird Gott in seiner Gnade tatsächlich den Anfang schon für den ganzen Weg nehmen.

Liebe Freunde, Paulus ist der Apostel der Freiheit, der immer wieder davon redet, dass Jesus uns befreit hat und dass wir die Knechtschaft hinter uns gelassen haben. Aber er redet nicht von der illusionären Kinderfreiheit, sondern von der erwachsenen Freiheit, die weiß, dass es Zusammenhänge gibt, die wir nicht ignorieren, abschaffen oder zur Seite wischen können. Wir ändern die Welt nicht, wenn wir gegen diese Zusammenhänge Sturm laufen, wir machen sie damit höchstens noch mehr zur Müllkippe.

Aber gleich daneben liegt das Bessere: die Freiheit, zu der uns Christus befreit hat, ein Leben, das dieser Welt und uns selbst gut tut, ein Leben in Übereinstimmung mit der Schöpfung und uns selbst, ein Leben im Hören auf den Schöpfer und deine Güte, die uns dann Stück für Stück durchdringt und heilt.

Und unsere Rettung ist die Entdeckung der Liebe Gottes, deren Logik die Schöpfung geprägt hat, die in Jesus plastisch erschienen ist und die uns heilt, wenn wir uns von ihr gestalten lassen.

Jan 082012
 

Predigt zu Römer 6,12-18 am 4. September 2011 (Predigtreihe Römerbrief 16)

12 Euer vergängliches Leben darf also nicht mehr von der Sünde beherrscht werden, die euch dazu bringen will, euren Begierden zu gehorchen. 13 Stellt euch nicht mehr der Sünde zur Verfügung, und lasst euch in keinem Bereich eures Lebens mehr zu Werkzeugen des Unrechts machen. Denkt vielmehr daran, dass ihr ohne Christus tot wart und dass Gott euch lebendig gemacht hat, und stellt euch ihm als Werkzeuge der Gerechtigkeit zur Verfügung, ohne ihm irgendeinen Bereich eures Lebens vorzuenthalten. 14 Dann wird nämlich die Sünde ihre Macht nicht mehr über euch ausüben. Denn ihr lebt nicht unter dem Gesetz; euer Leben steht vielmehr unter der Gnade.15 Was heißt das nun? Wenn unser Leben unter der Gnade steht und nicht unter dem Gesetz, ist es dann nicht gleichgültig, ob wir weiterhin sündigen? Niemals! 16 Überlegt doch einmal: Wenn ihr euch jemand unterstellt und bereit seid, ihm zu gehorchen, seid ihr damit seine Sklaven; ihr seid die Sklaven dessen, dem ihr gehorcht. Entweder ihr wählt die Sünde und damit den Tod, oder ihr wählt den Gehorsam Gott gegenüber und damit die Gerechtigkeit. 17 Aber Dank sei Gott, dass ´die Zeit vorbei ist, in der` ihr Sklaven der Sünde wart, und dass ihr jetzt aus innerster Überzeugung der Lehre gehorcht, die uns als Maßstab für unser Leben gegeben ist und auf die ihr verpflichtet worden seid. 18 Ihr seid von ´der Herrschaft` der Sünde befreit worden und habt euch in den Dienst der Gerechtigkeit stellen lassen.

Ist Ihnen aufgefallen, dass in diesen Versen dauernd von Macht- und Herrschaftsverhältnissen die Rede ist, davon dass jemand unter einer Herrschaft steht oder jemand anderem gehorsam oder dienstbar ist? In der Bibel wird oft darüber gesprochen, von wem Menschen abhängig sind, unter wessen Herrschaft jemand steht. Vielleicht denkt jetzt jemand: muss man denn immer über so was Gefährliches wie Macht und Herrschaft und Abhängigkeit und die entsprechenden Konflikte sprechen? Kann man nicht einfach sagen: seid nett zueinander?

Aber in der Bibel geht es immer wieder um diese harten Themen, einfach deswegen, weil die Bibel realistisch ist und lieber über die echte Welt spricht als über eine rosarote Traumwelt. Und in der echten Welt ist es nunmal so, dass die entscheidenden Fragen eigentlich immer damit zusammenhängen, wer welche Macht hat und wer von wem abhängig ist. Wer hat das Geld, wer hat das Öl, wo stehen die Gewehre, wo kreuzen die Flugzeugträger, wer kontrolliert die Fernsehsender? Um solche Fragen geht es in der echten Welt dauernd, auch wenn wir es nicht immer mitbekommen; und Gott will mit der echten Welt zu tun haben, nicht mit der rosaroten Traumwelt, die sich oft wie ein Schleier vor die echte Welt legt.

Im Großen und im Kleinen ist unsere Welt von Macht geprägt. Wir spüren das nicht immer, weil wir uns so daran gewöhnt haben. Aber wehe, du kommst mit den Machtsphären in Konflikt, vielleicht ganz ungewollt und im Kleinen, du grüßt jemanden nicht, den du grüßen müsstest, du pflegst deinen Garten nicht so, wie du es solltest, du gibst jemandem nicht die Aufmerksamkeit, die er beansprucht, du beantragst nicht die Genehmigung, um die du rechtzeitig nachsuchen solltest – und schon hast du Ärger am Hals. Das kann ganz unterschiedlich sein, je nachdem, in welchem politischen System du lebst, ob du auf dem Land oder in der Stadt lebst, aber überall gibt es ein unheimlich kompliziertes Geflecht von Machtsphären, die miteinander koalieren und konkurrieren, und wir müssen sehen, wie wir uns da durchschlängeln.

Das kriegen wir meistens relativ gut hin, weil wir von klein auf gelernt haben, dass man sich mit den Leuten, die stärker sind, besser nicht anlegt. Oder nur dann, wenn man einen großen Bruder hat, den man zu Hilfe holen oder mit dem man wenigstens glaubhaft drohen kann.

Das Komplizierte dabei ist aber, dass da nicht immer jemand von außen kommt und uns Schläge androht, wenn wir nicht tun, was er will, sondern jede Macht sitzt auch immer irgendwo in uns drin. Sie sitzt in unserem Kopf, in unserem Herzen, sie hat bei uns sozusagen einen Fuß in der Tür, und nur dann hat sie wirklich Macht über uns.

Wenn also dein Nachbar ankommt und dich mehr oder weniger diskret auffordert, doch mal was gegen das Unkraut in deinem Garten zu tun, dann kann es sein, dass es dir sehr peinlich ist und du so schnell wie möglich mit der Hacke oder mit der chemischen Keule in den Garten läufst und den Löwenzahn platt machst. Es kann aber auch sein, dass du denkst: was will denn der Dorftrottel von mir? Jetzt lasse ich es gerade wachsen, damit der merkt, dass er mir nichts zu sagen hat. Je nachdem, wie du erzogen worden bist und zu welcher Kultur du gehörst, hat der Nachbar mehr oder weniger Macht über dich.

Macht ist also ein sehr kompliziertes Gebilde, und wir sind nicht unbedingt gewöhnt, darüber nachzudenken, gerade, weil es uns so vertraut ist. Und wir haben auch ein Gefühl dafür, dass es nicht ungefährlich ist, darüber nachzudenken oder sogar darüber zu reden, selbst in einem ziemlich freien Land wie unserem nicht. Deswegen reden viele Menschen im Privaten nur ungern über Religion und Politik, weil sie Angst haben, dass da die großen Konflikte auch noch in ihren Alltag hineinkommen, und sie denken: mir reicht schon der Ärger mit Mutters Geburtstag, da muss ich nicht noch Streit wegen Atomstrom haben.

Wir sind also oft nicht gewohnt, intensiv über Macht nachzudenken oder gar über das Thema zu sprechen, und das ist einer der Gründe, warum die Bibel für viele schwer verständlich ist. In der Bibel geht es dauernd um Macht. Wer hat die wirkliche Macht in der Welt? Gott? Die Menschen? Der Satan? Vorhin haben wir in der Lesung (Matthäus 12,22-30) z.B. von den Dämonenaustreibungen Jesu gehört, wo es darum geht, wie Jesus eine fremde Macht vertreibt, die sich in einem Menschen eingenistet hat.

Hier bei Paulus wird das Problem abstrakter diskutiert. Aber es geht jedes Mal um die Frage: unter welcher Herrschaft steht ein Mensch? Durch die Taufe wird ein Mensch aus der Beherrschung durch die Mächte der Welt herausgenommen und unter die Herrschaft Jesu gestellt. Aber das heißt noch nicht, dass die alten Mächte dann keinen Einfluss mehr auf ihn hätten. Sie müssen auch aus unserem Kopf und unserem Herzen heraus, sonst reden sie immer noch mit. Paulus sagt sogar: es kommt in erster Linie darauf an, wer Einfluss hat auf euren Kopf und euer Herz, das ist noch wichtiger als die äußere Macht.

Ich erzähle ein Beispiel, an dem man sich das klar machen kann. Da wächst ein Kind auf in einer Familie, die von Rücksichtslosigkeit und Gewalt geprägt ist. Immer wieder liest man in der Zeitung solche Horrorgeschichten, und leider gibt es noch viel mehr davon, die gar nicht ans Licht kommen. Das Kind lernt von Anfang an: das Leben ist ein Kampf, der Stärkste gewinnt, du musst um deinen Platz kämpfen, du kannst dich auf niemanden verlassen, du musst um dein Essen kämpfen, du kannst jederzeit grundlos geschlagen werden, du kriegst nichts geschenkt. Zuerst ist das Kind nur Opfer, aber irgendwann, wenn es stärker geworden ist, gibt es das an andere weiter, was ihm selbst angetan worden ist.

Eines Tages wird endlich das Jugendamt auf die Familie aufmerksam, den Eltern wird das Sorgerecht entzogen und die Kinder kommen in Pflegefamilien. Auf einmal lebt das Kind in einer Umgebung, wo man nicht geschlagen wird, wo man so viel essen kann, wie man will, wo es sein eigenes Zimmer hat. Es hat eigene Kleidung und eigene Spielsachen und muss keine Angst haben, dass jemand sie ihm weg nimmt.

Ist das jetzt das Happyend? Sagt jetzt das Kind: na endlich, das ist das Leben, auf das ich immer gewartet habe? Wer mit solchen Kindern zu tun hat, weiß, dass jetzt die Probleme erst anfangen. Denn was das Kind in der Gewaltfamilie gelernt hat, das steckt ja immer noch in ihm drin, und für viele ist das ein ganz mühsamer Prozess, nach und nach umzulernen. Zu lernen, dass man nicht alles, was da ist, auf isst, aus Angst, so bald nichts wieder zu bekommen. Das es andere Konfliktlösungen gibt als Gewalt. Und vor allem: zu lernen, dass es tatsächlich Menschen gibt, die verlässlich sind und denen man wirklich vertrauen kann, auch wenn sie nicht vollkommen sind. Das ist das Schwerste, und mancher lernt das sein Leben lang nicht wirklich.

Wer das nicht selbst erlebt hat, der denkt vielleicht: wieso, spätestens nach ein paar Wochen müsste so ein Kind doch merken, dass in der neuen Familie andere Regeln gelten! Aber für den, der mit so einem ganz anderen Denksystem aufgewachsen ist, ist das eine fundamentale Umstellung. 1000 Selbstverständlichkeiten und Gewohnheiten verbinden ihn noch mit der alten Welt, aus der er kommt, das sind nicht ein paar Irrtümer, die man schnell korrigieren könnte, sondern ein ganzes Weltbild, das man austauschen muss. Viele schaffen es trotzdem erstaunlich gut, die neuen Regeln zu begreifen, vor allem, wenn es früher wenigstens irgendeinen Menschen gegeben hat, eine Oma oder einen Lehrer, dem sie vertrauen konnten. Aber es ist und bleibt eine richtig schwere Aufgabe.

Und nun macht euch klar: wer Christ wird, hat genau diese Aufgabe vor sich – die ganzen Selbstverständlichkeiten auszutauschen, die bis dahin für ihn gegolten haben. Vielleicht auf einem anderen Niveau, aber es ist genau diese Aufgabe. Paulus sagt: realisiert, dass sich die Umstände geändert haben! Jesus ist gestorben und auferstanden, ihr gehört zu ihm, seit eurer Taufe lebt ihr in seinem Machtbereich – und jetzt macht euch auch klar, was da passiert ist. Durchdenkt euer ganzes Leben neu von dieser Tatsache aus. Lasst euch in keinem Bereich eures Lebens mehr zu Werkzeugen des Unrechts machen. Ihr müsst nicht mehr euch selbst und andere zerstören – denn die Umstände haben sich geändert.

Wenn jemand sich das klar macht, dass er jetzt mit dem gekreuzigten und auferstandenen Jesus verbunden ist, dann verschieben sich die Dinge im Großen und im Kleinen – und was sich für den einen klein anfühlt, kann für den anderen eine große Sache sein. Wenn du durch Jesus angeschlossen bist an das große Leben Gottes, an seinen Segen, dann musst du dir die Welt nicht mehr wie eine Beute unter den Nagel reißen. Du musst andern nichts klauen – aber du musst dir auch nicht ihre Zeit und Aufmerksamkeit erzwingen, weder indem du sie voll laberst, noch indem du Streit vom Zaun brichst. Jesus ist der Herr der Welt – und du musst die Welt nicht kontrollieren, indem du dir pausenlos Sorgen machst oder indem du anderen alles Mögliche vorschreibst. Jesus beschenkt dich mit der Liebe Gottes – und du kannst dich deshalb auch an der unvollkommenen Liebe unvollkommener Menschen freuen und dafür dankbar sein. So viele Menschen haben sich daran gewöhnt, dass Beziehungen irgendwann zu Bruch gehen, und sie erwarten nichts anderes mehr und nehmen deshalb schon bei kleinen Konflikten Reißaus. Aber bei Jesus lernen wir eine Liebe kennen, die viel Geduld hat und nicht aufgibt und belohnt wird. Jesus ist beständig und treu – und wenn das auf uns übergeht, dann hält es unsere Launen in Schach.

Das sind nur ein paar Beispiele. Hier im Kapitel 6 geht es Paulus nicht so sehr um die Einzelheiten eines gesegneten Verhaltens (die behandelt er an anderen Stellen), sondern er beschreibt den grundlegenden Rahmen, in dem wir dieses neue Verhalten lernen. Es geht immer darum: für dich hat etwas Neues angefangen, und jetzt halte nicht fest an den Gewohnheiten und Selbstverständlichkeiten, die dich bisher geprägt haben. Füll die neue Rolle aus, die du bekommen hast. Wachse rein in deinen neuen Status. Sei nicht mehr abhängig von den alten Herren in deinem Leben. Du hast einen neuen Herrn, du lebst in einer neuen Familie, und da gelten andere Regeln.

Jetzt könnte einer sagen: ich will aber überhaupt keinen Herrn haben. Ich will ganz frei leben. Unsere ganze Gesellschaft lebt mit diesem Traum: frei sein, unabhängig sein, von niemandem gelenkt sein. Und, liebe Freunde, an diesem Punkt muss man ganz klar sein: das gibt es nicht. Das funktioniert einfach nicht. Das ist Träumerei.

Man kann sich das am deutlichsten klar machen an den Jugendlichen, die von zu Hause aufbrechen und meinen: ich will mir von niemandem mehr Vorschriften machen lassen, ich will selbst über mein Leben bestimmen, und die dann in Abhängigkeit von Freunden, von Handyanbietern, manchmal von Drogen geraten, gegenüber denen die Regeln ihrer Eltern harmlos und liberal waren. Aber das ist nur ein besonders klares Beispiel. Keiner von uns ist stark genug, um unabhängig und frei einfach nur über sein Leben zu bestimmen. Allein schon, was wir uns für unser Leben wünschen, haben wir uns von anderen abgeguckt. Und wenn du z.B. teure Sachen haben willst, dann musst du dafür arbeiten oder stehlen. Du hast nicht die Freiheit, zu sagen: ich will das aber geschenkt bekommen. Das funktioniert nicht.

Die Welt ist so eingerichtet, dass wir immer im Dienst von irgendetwas oder irgendjemandem stehen. Menschen sind so gebaut, dass sie immer irgendwelche Herren haben. Aber es gibt schlechtere und bessere Herren. Und es gibt Jesus Christus, den Herrn, der uns nicht ausnutzt und missbraucht, sondern der uns mit Freiheit beschenkt. Jesus gibt uns seine Stärke, seine Auferstehungskraft, damit wir nicht den Tyrannen zum Opfer fallen, die Menschen missbrauchen, ihnen die Lebenskraft nehmen und sie am Ende zerstört wegwerfen. Gegen sie stärkt Jesus uns den Rücken, und je mehr wir lernen, nach seinen Regeln zu leben, um so weniger können sie uns anhaben.

Jan 082012
 

Predigt zu Römer 6,6-11 am 14. August 2011 (Predigtreihe Römerbrief 15)

6 Was wir verstehen müssen, ist dies: Der Mensch, der wir waren, als wir noch ohne Christus lebten, ist mit ihm gekreuzigt worden, damit unser sündiges Wesen unwirksam gemacht wird und wir nicht länger der Sünde dienen. 7 Denn wer gestorben ist, ist vom Herrschaftsanspruch der Sünde befreit. 8 Und da wir mit Christus gestorben sind, vertrauen wir darauf, dass wir auch mit ihm leben werden. 9 Wir wissen ja, dass Christus, nachdem er von den Toten auferstanden ist, nicht mehr sterben wird; der Tod hat keine Macht mehr über ihn. 10 Denn sein Sterben war ein Sterben für die Sünde, ein für allemal; sein Leben aber ist ein Leben für Gott. 11 Dasselbe gilt darum auch für euch: Geht von der Tatsache aus, dass ihr für die Sünde tot seid, aber in Jesus Christus für Gott lebt.

In diesem Text aus dem Römerbrief laufen ganz viele Fäden aus dem Denken von Paulus zusammen und verknoten sich auf ziemlich verschlungene Weise. Das heißt aber auch: wenn wir das verstanden haben, dann verstehen wir einen zentralen Bereich seiner Gedanken. Es ist keine leichte Kost, aber es lohnt sich, der Sache gerade hier auf den Grund zu gehen. Und ich werde versuchen, alles Stück für Stück auseinander zu legen. Es sind nur vier Punkte, aber die haben es in sich.

Also, lasst uns starten mit:

1. Die Macht des Sündensystems

Paulus spricht über Sünde nicht in der Mehrzahl, sondern in der Einzahl. Er denkt also nicht an einzelne Fälle von Fehlverhalten, dass wir etwa heute morgen muffelig waren und unserem Ehepartner oder andern Familienmitgliedern eine unfreundliche Antwort gegeben haben. Oder dass wir schwarz gefahren sind oder das Wechselgeld behalten haben, das uns die Frau an der Kasse versehentlich zu viel herausgegeben hat. Das sind einzelne Sünden, deshalb die Mehrzahl, aber »die Sünde« in der Einzahl geht tiefer. »Die Sünde« ist ein allumfassendes System, in dem die Menschheit gefangen ist; es ist eine Kultur, die uns alle geprägt hat; eine Lebenshaltung, die man in der Organisation unseres ganzen Zusammenlebens an vielen Stellen spürt.

Deswegen kannst du nicht einfach beschließen, ab sofort nicht mehr zu sündigen. Das funktioniert nicht, weil auch »die Sünde« nicht auf einen bewussten Entschluss von dir zurückgeht, wo du dich irgendwann mal entschieden hättest »ich will ab jetzt so richtig böse sein«. Du hast dich heute morgen vermutlich nicht bewusst entschlossen »na warte, der erste, der mir heute über den Weg läuft, der kriegt meine schlechte Laune ab.« Nein, das ist irgendwie so gekommen. Du wolltest es nicht unbedingt, aber es ist passiert, ein Wort gab das andere, du weißt nicht, wieso. Vielleicht bist du in einer Familie aufgewachsen, in der es als selbstverständlich angesehen wurde, dass man seine schlechte Laune an anderen auslässt. Vielleicht lag es an etwas anderem, egal, es ist einfach so gekommen.

Dieses Muster: ich will es eigentlich gar nicht, es kommt einfach so, das ist immer ein Hinweis auf das Sündensystem. So funktioniert es, und das gilt erst recht für all die großen, zerstörerischen Formen von Sünde. Keiner von uns will, dass die Erde sich erwärmt und die Gletscher und Polkappen schmelzen, aber wir wollen auch nicht nur mit dem Fahrrad fahren, und so tragen wir alle dazu bei. Keiner von uns will, dass die Finanzmärkte ganze Länder unter Druck setzen, aber wenn wir ein paar Euro auf der Bank haben, dann kann es gut sein, dass dieses Geld um 5 Ecken herum auch dazu beiträgt, dass ganze Volkswirtschaften ruiniert werden.

Nach diesem Schema: eigentlich wollen wir das gar nicht, aber wir stecken in etwas drin, gegen das wir nicht ankommen – funktioniert die Macht des Sündensystems. Aber: diese Macht hat einen einzigen Menschen nicht unter Kontrolle bekommen, nämlich Jesus. Und deshalb jetzt

2. Jesus hat sich der Sünde erfolgreich widersetzt

Dazu müssen wir uns erinnern an diese Szene in der Wüste, wo Jesus dem Satan begegnet, und der will ihn locken, er hofft, dass es bei Jesus eine dunkle Seite gibt, an der er ihn packen kann.

»Mach diese Steine zu Brot,« sagt er zu ihm, »dann wirst du nie Mangel haben, und die Menschen werden dir nachlaufen.«

»Spring von der Tempelzinne,« sagt er, »dann bist du berühmt, alle werden dich bewundern, und das fühlt sich so toll an!«

»Knie vor mir nieder, bete mich an,« sagt er, »dann gebe ich dir die Macht über die ganze Welt. Du kannst alles erreichen mit unbegrenzter Macht und meiner Hilfe!«

Das sind die drei großen Versuchungen: Reichtum, Ruhm und Macht. Der Teufel sagt: du kannst nicht leben ohne die Sicherheit von Besitz, ohne Ansehen bei Menschen und ohne ein Mindestmaß von äußerem Schutz. Und alle Menschen glauben das. Und das zieht uns in das Sündensystem hinein, damit fängt es an, so hat der Versucher bei uns seinen Fuß in der Tür. Aber Jesus sagt: ich brauche das nicht. Ich habe den Vater im Himmel und seinen Segen, davon lebe ich; ich habe den Heiligen Geist, der mir sagt, wer ich bin, und dann brauche ich nicht den Beifall von Menschen; ich habe die Engel, die mir helfen, wenn ich etwas brauche. Damit lebe ich, und das reicht.

Keiner von uns hätte diese Sicherheit aufgebracht, aber so hat Jesus den Teufel vertrieben. Und dann kamen die Engel und brachten ihm, was er brauchte.

Aber der Teufel kam nach drei Jahren zurück. Er sorgte dafür, dass Jesus sterben musste, zu Tode gequält an einem römischen Kreuz. Aber er wusste nicht, dass er sich damit selbst eine Grube grub, in die er hinein plumpsen sollte. Er kam zu Jesus und fragte ihn sozusagen durch das Kreuz, durch die Qualen: »na, glaubst du jetzt immer noch, dass man leben kann ohne den Schutz von Reichtum, Ruhm und Macht? Jetzt spürst du, wie es sich lebt ohne diesen Schutz! Du Phantast, vertraust du jetzt immer noch auf Gott? Der hilft dir nicht, du hast dich verrechnet, du bist ein Träumer, und ich bin der Realist!

Aber Jesus vertraute seinen Geist Gott an und starb.

Und dann passierte zweierlei:

– Gott ließ Jesus auferstehen und zeigte damit, dass er den rettet, der auf ihn vertraut; er stellte sich zu Jesus und zeigte, dass Jesus der Realist ist, weil er mit der Wirklichkeit des lebendigen Gottes rechnet.

– Und von nun an hatte der Teufel keine Chance mehr bei Jesus. Er konnte ihn nicht mehr versuchen, und er konnte ihn nicht mehr töten. Man kann einen Menschen nur einmal töten, und wenn er tot ist, kann man ihn auch nicht mehr in Versuchung führen. Auf Golgatha, bei der Kreuzigung Jesu, hatte der Teufel seine letzte Chance, und die hat er verspielt. Aus und vorbei. Jesus hat seinen Verlockungen ebenso widerstanden wie seinem Druck, und durch seinen Tod ist das ein für allemal besiegelt.

Das meint Paulus, wenn er sagt: Der Tod Jesu war ein Sterben für die Sünde, ein für allemal. Das Sündensystem hatte seine Chance, Jesus unter Kontrolle zu bringen, aber das ist vorbei. Die Chance ist vertan. Satan hat die entscheidende Schlacht verloren. Jesus war stärker. Jesus ist frei von der Macht der Sünde.

Und jetzt ist die Frage: was haben wir davon? Kommt das irgendwie bei uns an?

Und das ist unser nächster Hauptpunkt:

3. Weil wir getauft sind, sind wir »in Christus«.

Paulus redet in diesem ganzen Kapitel immer wieder von der Taufe, und er sagt, dass wir dadurch »in Christus« sind, also so eng mit Christus verbunden, dass das, was für ihn gilt, auch für uns gilt. Das ist für uns vielleicht am schwersten nachzuvollziehen: wie kann denn das, was ein anderer getan hat, auch für mich gelten? Wenn Jesus frei ist von der Macht des Sündensystems, schön für ihn, aber wieso bin ich es dann auch, nur weil irgendwann mal ein Pastor Wasser über meinen Kopf gespritzt hat?

Aber wir kennen das eigentlich auch, dass sich für uns etwas ändert, weil wir zu anderen Menschen dazu gehören. Denken Sie mal daran, als vor 50 Jahren die Mauer durch Berlin gebaut wurde, da lebten die Deutschen in Ost und West auf einmal in zwei getrennten Systemen. Es war ziemlich zufällig, wer sich auf welcher Seite der Mauer wiederfand. Nur weil ich in den Westen gehörte, durfte ich über die Grenze zurück, wenn ich dort drüben mal auf Besuch war, und meine Gastgeber nicht. Ich war doch kein besserer oder anderer Mensch als meine Gastgeber in der DDR, aber ich durfte in den Westen zurück, und sie wären in große Gefahr gekommen, wenn sie es nur versucht hätten.

Die ostdeutschen Grenzer hatten die Macht, Westdeutsche zu schikanieren, ihre Autos zu durchsuchen, sie zu bedrohen und einzuschüchtern, aber sie hatten nicht die Macht, uns dort drüben zurückzuhalten. Sie hatten noch nicht einmal die Macht, von mir Informationen über meine Gastgeber zu bekommen, auch wenn sie das manchmal versucht haben. Obwohl einer mit Maschinenpistole fünf Schritte von mir entfernt stand, hatten sie nicht die Macht, mich festzuhalten. Und das alles nur, weil ich den Ausweis der Bundesrepublik besaß, weil ich in den freien Westen gehörte.

So ähnlich muss man sich das vorstellen, dass die Christen »in Christus« sind: dass wir zu ihm gehören und uns deshalb zugute kommt, dass Christus frei ist von der Macht des Sündensystems. Der Böse kann versuchen, uns einzuschüchtern, er kann uns bedrohen und schikanieren, und das tut er auch, aber er hat nicht mehr die Macht, uns festzuhalten. So wie ich hätte sagen können: Moment mal, ich bin Westdeutscher! so können wir zum Versucher sagen: Moment mal, ich gehöre zu Christus, und da gelten andere Regeln! Ich muss kein Morgenmuffel sein, ich muss auch nicht irgendwie meine Tage träge vertun. Für mich baut ihr keine Massenviehställe, für mich spekuliert ihr nicht an der Börse. Das ist eure Verantwortung, nicht meine. Für mich müsst ihr keine Regenwälder abholzen. Ich muss auch nicht die Problematik meiner Familie an die nächste Generation weiterreichen. Da habe ich keine Verpflichtungen. Mit mir nicht! Ich bin mit Christus gestorben und ihr habt keinen Anspruch mehr auf meine Komplizenschaft.

Deshalb ist die Taufe in ihrer ursprünglichen Form eben ein Todessymbol: du wirst unter Wasser getaucht, und das ist, als ob du begraben wirst, es ist alles aus, tot, vorbei – niemand hat noch irgendeinen Anspruch an einen Toten. Vielleicht an die Erben, aber nicht an den Toten. Aber dann tauchst du wieder aus dem Wasser auf und sagst: ätsch, ich lebe wieder, ich lebe jetzt mit Christus, und du gehst fröhlich deiner Wege in ein neues Leben, wo die Sünde keinen Fuß mehr bei dir in der Tür hat.

Jetzt ist natürlich die Frage: wird man denn durch die Taufe sündenlos? Es gibt doch einen Haufen böser Menschen, die irgendwann mal getauft worden sind. Bei dem Mafia-Oberboss, den sie vor ein paar Jahren verhaftet haben, hat man einen Haufen Bibeln gefunden. Das ist doch nicht so einfach!

Ja, das stimmt, und deshalb kommt jetzt

4. Lebe »in Christus«: auf der Grundlage, die Christus für dich gelegt hat!

Ich möchte noch mal das Beispiel mit der DDR weiterführen. Dass ich einen westdeutschen Pass hatte, machte mich nicht zu einem besseren Menschen. Und trotzdem hat es etwas mit mir gemacht. Als wir bei den Vopos gewesen sind, um mich anzumelden – Westbesuch musste ja immer gleich bei der Polizei angemeldet werden – da sagte hinterher der Pastor, bei dem ich zu Besuch war: Ihr Westdeutschen, ihr geht da ganz anders rein als wir. Viel unbekümmerter, sorgloser, mit erhobenem Haupt. Und wir haben Herzklopfen, wenn wir da hin müssen.

Wohlgemerkt, das sagte er nicht über mich persönlich, sondern über alle Westdeutschen. Das war nicht mein persönlicher Mut. Und mir selbst ist das gar nicht aufgefallen. Ich bin da reingegangen, wie ich eben in eine Behörde reingehe. Nervig, aber das geht auch wieder vorbei. Und trotzdem, da hat sich diese abstrakte Tatsache, dass ich einen westdeutschen Pass hatte, doch in meinem Verhalten niedergeschlagen. Ohne dass ich etwas dafür getan hätte.

Seit damals weiß ich das aber. Und jetzt gehe ich erst recht mit erhobenem Haupt in jede Behörde. Und wenn mir einer auf dem Amt dumm kommt, ich bin darauf vorbereitet, zu sagen: Moment mal, ich bezahle mit meinen Steuern für Ihr Gehalt, und das nicht zu knapp. Ihr Ton muss sich deutlich ändern.

Ich hab das so noch nie sagen müssen, entweder, weil die gemerkt haben, dass ich vorbereitet bin, oder weil die Beamten bei uns sowieso keine Vopos sind, aber verstehen Sie: Seit mir das bewusst geworden ist, was für ein Vorrecht das ist, mit erhobenem Haupt eine Behörde zu betreten, kann ich das auch viel besser.

Und genauso ist das damit, dass wir in Christus sind: wenn du weißt, dass du mit Christus für das ganze Sündensystem gestorben bist, dass die kein Recht mehr auf dich haben, dass du zu nichts verpflichtet bist, dass du dir kein schlechtes Gewissen einreden lassen musst – dann gehst du anders durch die Welt. Nicht mehr pessimistisch und mit dem Gefühl: ach, was bin ich doch für ein kleines Licht. Sondern mit erhobenem Haupt. Nun gut, manchmal vergessen wir das und müssen manchmal daran erinnert werden. Wir müssen lernen und vorbereitet sein. Es ist als ob du einen Pullover anziehst, der dir anfangs viel zu groß ist, weil er vom großen Bruder stammt. Und du denkst: du meine Güte, wo sollen denn die ganzen Muskeln herkommen, um diesen Pullover zu füllen! Aber die Erwachsenen sagen: da wächst er rein. Und sie haben Recht. Du wächst da rein, und er passt dir immer besser.

So sollen wir da hineinwachsen, dass wir in Christus sind, in die Freiheit, die Jesus für sich und für uns erkämpft hat, erlitten hat, erworben hat. Und je besser wir da hineingewachsen sind, je stärker wir von dieser Grundlage aus leben, um so weniger werden die Vopos dieser Welt uns noch einschüchtern können. Je länger, je mehr werden sie vor uns erheblich Respekt bekommen.

Und so wollte Jesus das auch.

Jan 082012
 

Predigt über Römer 6,1-5 am 31. Juli 2011 (Predigtreihe Römerbrief 14)

1 Welchen Schluss ziehen wir nun daraus? Sollen wir weiterhin sündigen, damit sich die Gnade in vollem Maß auswirkt? 2 Niemals! Wir sind doch, was die Sünde betrifft, gestorben. Wie können wir da noch länger mit der Sünde leben? 3 Oder wisst ihr nicht, was es heißt, auf Jesus Christus getauft zu sein? Wisst ihr nicht, dass wir alle durch diese Taufe mit einbezogen worden sind in seinen Tod? 4 Durch die Taufe sind wir mit Christus gestorben und sind daher auch mit ihm begraben worden. Weil nun aber Christus durch die unvergleichlich herrliche Macht des Vaters von den Toten auferstanden ist, ist auch unser Leben neu geworden, und das bedeutet: Wir sollen jetzt ein neues Leben führen. 5 Denn wenn sein Tod gewissermaßen unser Tod geworden ist und wir auf diese Weise mit ihm eins geworden sind, dann werden wir auch im Hinblick auf seine Auferstehung mit ihm eins sein.

Damit wir besser verstehen, worum es in diesem Text geht, möchte ich an die erstaunlichen Dinge erinnern, die sich in der letzten Woche in Norwegen abgespielt haben – nach dem Massenmord an harmlosen Passanten und jungen Leuten. Während hier bei uns sofort die alten Forderungen nach noch mehr Kontrolle und Überwachung kamen (obwohl dieses Attentat auch mit noch mehr Kontrolle nicht zu verhindern gewesen wäre) – wie reagierte Norwegen, das Land, dessen Kinder so brutal ums Leben gekommen waren?

Als der Ministerpräsident vor die Kameras tritt, weiß er, dass die Bombe im Regierungsviertel auch seinem Leben hätte ein Ende machen können. Einige seiner Mitarbeiter sind tot. Und was sagt er? »In einer solchen Stunde«, sagt er, »ist es wichtig für das einzustehen, woran wir glauben. Die werden uns nicht zerstören.« Ich weiß nicht, wie sehr der norwegische Ministerpräsident christlich geprägt ist, aber ich glaube, Paulus hätte diese Reaktion gut gefunden. Wenn es hart auf hart kommt, dann muss man wissen, wer man ist und was man glaubt. In anderen Zeiten sollte man das auch wissen, aber ganz besonders wenn es schlimm kommt, dann ist das die wichtigste Frage: wer bin ich, und was glaube ich?

Wenn man dem Bösen ins Gesicht schauen muss, der Sünde, der Zerstörung, dann helfen nicht ein paar praktische Maßnahmen, ein paar mehr Polizisten oder ein neues Gesetz. Wenn man dem Bösen ins Gesicht schaut, dann muss man wissen, auf welchem Fundament man steht. Sünde ist heute ein Wort, das im normalen Sprachgebrauch höchstens als Karikatur vorkommt, und es geht mir auch nicht um das Wort, aber es ist die Realität, dass wir überall auf eine zerstörerische Macht stoßen, die diese Welt besudelt und uns in ihren Sog ziehen will. Wir begegnen ihr in vielerlei Gestalt: in den hasserfüllten Gedanken eines Massenmörders genauso wie in einem mutwillig abgeknickten Strauch im Park und in der ganzen Spanne dazwischen. Man kann das Wort Sünde gerne beiseite legen, aber die Realität, die damit gemeint ist, ist immer noch da.

Wie kann man dieser Macht widerstehen? Das ist die Frage von Paulus. Und seine Antwort ist: indem wir uns daran erinnern, wer wir sind. Wir sind freie Menschen, befreit durch das Leben, den Tod und die Auferstehung Jesu. In Jesus ist eine neue Art zu leben und zu sterben sichtbar geworden, er ist vorangegangen, er hat dem Bösen ins Gesicht geschaut und ist nicht zurückgewichen: zum ersten Mal, als er in der Wüste versucht wurde, gleich nach seiner Taufe, und das zweite Mal, als sie ihn kreuzigten. Und jedes Mal ist er seinem Weg treu geblieben, seiner Art zu leben, weder mit Verlockung noch mit Druck hat er sich davon abbringen lassen. Er wusste, wer er war: der Sohn seines Vaters im Himmel. Und Gott hat das bestätigt, er hat ihn auferstehen lassen, und jetzt ist der Böse an der entscheidenden Stelle zurückgewiesen, entmächtigt, widerlegt.

Am besten macht man sich das an den Jüngern klar, wie sie sich erst, bei Jesu Kreuzigung, voller Angst verkrochen haben; aber als sie verstanden hatten, dass er wirklich auferstanden war, da wurden sie mutig und fürchteten sich vor nichts mehr. Sie wussten: die Machtverhältnisse haben sich geändert, wir haben den Priestern und Römern und Kaputtmachern etwas entgegenzusetzen.

Als die Jünger erst verstanden hatten, dass sie verbunden waren mit dem Überwinder des Bösen, da verlor es seinen Schrecken. Bei uns, sagt Paulus, ist das passiert, als wir getauft worden sind: da sind wir auf den Boden dieses neuen Lebens gestellt worden. Wir sind verbunden worden mit diesem Widerstandspotential gegen das Böse, die Sünde, die Zerstörung, damit wir ihr nicht zum Opfer fallen, damit wir keine Angst mehr haben, damit wir nicht auch noch von solchen feindseligen Gedanken angesteckt werden, wie sie den Attentäter von Oslo getrieben haben.

Denn solche bösartigen Gedanken gibt es natürlich schon längst, bevor einer sich das Zeug kauft, mit dem man Bomben bastelt. Schon all die Fantasien, dass man eine reine Gemeinschaft herstellen könnte, wo keiner mehr anders ist und stört, ein Land, in dem alles Fremde und anscheinend Unkontrollierbare ausgerottet ist, eine Welt, die ganz unter meiner Kontrolle ist – das sind zerstörerische, böse Gedanken, auch wenn sie zum Glück nicht jeder zu Ende denkt. Gegen diesen Sog des Kontrolldenkens kommt man nicht an mit ein bisschen Nettigkeit. Da muss Radikaleres passieren.

Stell dir vor, du arbeitest in einer ganz abgewrackten Firma. Der Chef zieht die Kunden über den Tisch, er bezahlt seine Leute nicht pünktlich, und ob er die Sozialbeiträge an die Krankenkasse zahlt, weiß kein Mensch. Er verlangt von dir, dass du für ihn lügst und halbkriminelle Dinge deckst, und die Stimmung im Laden ist voller Mobbing und Zynismus. Wenn du da eine Zeit lang arbeitest, merkst du, dass du auch so wirst. Das färbt ab. Da hilft kein gutes Zureden, da hilft nur eins: such dir einen anderen Chef.

Und genau das, sagt Paulus, ist passiert, als wir getauft wurden: wir haben einen anderen Chef bekommen, in der Sprache der Bibel: einen anderen Herrn. Und dadurch sind wir in einer Firma, in der ein ganz anders Klima herrscht, ein angenehmes Klima, in dem es leicht ist, gut zu sein, wir sind in einem Beziehungsnetz, das uns darin fördert, unser Können und unsere Kraft für das Gute einzusetzen.

Dieser Schritt vom einen Zustand zum anderen gelingt nicht mit ein paar guten Vorsätzen oder Grundsätzen, sondern dazu braucht es einen radikalen Schnitt: Kündigen! Viele Leute würden das eigentlich gern, aber sie wissen nicht, ob sie dann anderswo Arbeit finden; und deshalb bleiben sie doch beim alten Chef. Immer noch in diesem Bild gesprochen sagt Paulus: es gibt diese viel bessere Firma, diesen anderen Herrn, ihr könnt sofort bei ihm anfangen. Allein schon, wenn du weißt, es gibt eine Alternative, dann merkst du, wie die Macht bröckelt, mit der diese kaputte Firma dich im Griff hat. Allein dadurch, dass es diese Alternative gibt, wird es schon erträglicher. Aber um wirklich frei zu werden, musst du einen Schnitt machen, du musst dem alten Herrn kündigen, damit du und er wissen, dass er dir nichts mehr zu sagen hat.

Die Behauptung von Paulus ist ziemlich steil: du kommst gegen das Böse in der Welt nur an, wenn du davon durch einen Schnitt getrennt bist, der so radikal ist wie der Tod. Damit wir das verstehen können, haben wir vorhin das Evangelium gehört, wo Jesu sagt: »Wenn jemand mein Jünger sein will, muss er sich selbst verleugnen, sein Kreuz auf sich nehmen und mir nachfolgen.« Mit Kreuz meint Jesus nicht, dass all seine Anhänger am Kreuz sterben müssen wie er selbst. Er spricht davon, dass seine Jünger raus müssen aus allem, was bis dahin über ihr Leben bestimmt hat. Das beste Bild dafür war damals, dass sie ihre Familien und ihre Arbeit zurückließen, und mit ihm gingen. Wir Menschen sind so abhängig von unserer Umgebung und unseren Beziehungsnetzen, dass wir oft erst dann offen für Neues sind, wenn wir die alte Umgebung hinter uns lassen und woanders neu anfangen. Und wenn Jesus dann fortfährt: »Wer sein Leben retten will, wird es verlieren; wer aber sein Leben um meinetwillen und um des Evangeliums willen verliert, wird es retten.« meint er damit nicht zuerst, dass wir alle Märtyrer werden sollen, sondern dass wir nicht unseren Lebenszuschnitt und unsere Denkweise festhalten sollen. Ich glaube, dass es für manche Menschen sogar einfacher wäre, ein Martyrium zu erleiden, als ihren Denkhorizont zu verändern. Das ist wirklich wie Sterben: wenn sich unsere Wertvorstellungen radikal ändern.

Deshalb ist die Taufe in ihrer ursprünglichen Gestalt ein Symbol von Leben und Tod: du wirst unter Wasser getaucht, das ist ein Symbol für Sterben und begraben werden; wahrscheinlich haben viele schon mal ein bisschen Todesangst gespürt, als sie im Schwimmbad von jemandem gegen ihren Willen untergetaucht wurden. Der Symbolgehalt der Taufe ist genau in diesem Bereich. Und wenn einer dann wieder auftaucht, dann fängt etwas Neues an. Das ist wie neues Leben: er steigt aus dem Wasser, atmet tief ein und lebt von nun an mit einem anderen Herrn, Jesus Christus.

So werden wir durch die Taufe mit dem Sterben und Auferstehen von Jesus verbunden, damit für uns ein Leben anfängt, mit dem wir dem Bösen widerstehen können. Anders kann man dem Bösen nicht widerstehen, wenn man ihm ins Gesicht blicken muss. Du musst auf einer anderen Grundlage stehen, sonst hast du kein Standing dagegen. Das Böse darf bei dir keinen Fuß in der Tür haben, sonst kannst du es nicht aussperren.

Aber wenn diese Grundlage klar ist, dann geht es darum, dass wir uns immer wieder in Erinnerung rufen: wer sind wir und was glauben wir? Du bringst aus deiner alten Firma schlechte Gewohnheiten mit, vielleicht merkst du schon gar nicht mehr, wenn du lügst, weil du da so oft lügen musstest. Oder auf einmal steht dein alter Chef vor der Tür und behauptet, er bekäme noch Geld von dir, oder du solltest für ihn noch mal einen Job übernehmen. Und dein erster Reflex ist, dass du ihm aus Gewohnheit nachgeben willst. Aber das sind die Augenblicke, wo man sich sagen muss: Stop! Wer bin ich und woran glaube ich? Bin ich dem gegenüber noch zu irgendwas verpflichtet? Nein, und wenn der nicht geht, hole ich die Polizei.

Versteht ihr, wir sind noch in dieser Phase, wo man sich die alten Reflexe abgewöhnen muss. Es ist gut, wenn man das mit anderen zusammen macht; wer glaubt, er könnte das allein, der überschätzt sich. Das ist die Aufgabe einer Gemeinde: eine Gemeinschaft zu sein, wo man lernt, als Angehöriger einer neuen Firma zu arbeiten, als jemand, dessen Herr Jesus Christus ist.

Dem Bösen nicht mit Bösem antworten – das ist die wirkliche Herausforderung. Wenn ich an die Ereignisse in Norwegen denke heißt das konkret: Sich nicht anstecken zu lassen von dem mörderischen Kontrollwunsch des Attentäters, sondern innehalten und fragen: wer sind wir? Was glauben wir? Wohin gehören wir?

Wir gehören dem Herrn, der den Tod besiegt hat und auferstanden ist. Da hat etwas ganz Neues angefangen. Und wenn wir in seinen Spuren gehen, dann entsteht etwas, was an seiner neuen Welt Anteil hat. Und wenn wir selbst eines Tages auferstehen und eintreten in diese erneuerte Schöpfung, dann werden wir sehen, wie alles, was wir auf dieser Grundlage getan haben, mit dabei ist. Gott macht daraus Bausteine für die neue Welt. Und wir werden froh sein über alles, was durch uns entstanden ist.

Jan 082012
 

Predigt über Römer 5,12-21 am 19. Juni 2011 (Predigtreihe Römerbrief 13)

12 Wir können nun einen Vergleich ´zwischen Christus und Adam` ziehen. Durch einen einzigen Menschen – ´Adam` – hielt die Sünde in der Welt Einzug und durch die Sünde der Tod, und auf diese Weise ist der Tod zu allen Menschen gekommen, denn alle haben gesündigt. 13 Auch damals, als es das Gesetz noch nicht gab, war die Sünde schon in der Welt; nur wird sie dort, wo es kein Gesetz gibt, nicht ´als Schuld` angerechnet. 14 Doch das ändert nichts daran, dass der Tod bereits in der Zeit von Adam bis Mose über die Menschen herrschte, selbst wenn sie kein ausdrückliches Gebot Gottes übertraten und somit nicht auf dieselbe Weise sündigten wie Adam. Adam nun steht dem, der kommen sollte, ´dem Messias,` als Gegenbild gegenüber. 15 Dabei ist allerdings zu beachten, dass Adams Verfehlung und die Gnade, die uns in Christus geschenkt ist, nicht zu vergleichen sind. Denn wenn die Verfehlung eines Einzigen den Tod über die ganze Menschheit brachte, wird das durch Gottes Gnade weit mehr als aufgewogen – so reich ist die ganze Menschheit durch die Gnade eines einzigen Menschen, Jesus Christus, beschenkt worden. 16 ´Das, was` die Gabe Gottes ´bewirkt`, entspricht nicht einfach den Folgen, die die Sünde jenes Einen gehabt hat. Denn das Urteil Gottes, die Antwort auf eine einzige ´Verfehlung`, führte zur Verdammnis; seine Gnade hingegen, die Antwort auf zahllose Verfehlungen, führt zum Freispruch. 17 Wenn es durch die Verfehlung eines Einzigen dazu kam, dass der Tod seine Herrschaft ausübte, wird das wiederum durch einen Einzigen weit mehr als aufgewogen: Durch Jesus Christus werden jetzt die, die Gottes Gnade und das Geschenk der Gerechtigkeit in so reichem Maß empfangen, in der Kraft des neuen Lebens herrschen. 18 Wir stellen also fest: Genauso, wie eine einzige Verfehlung allen Menschen die Verdammnis brachte, bringt eine einzige Tat, die erfüllt hat, was Gottes Gerechtigkeit fordert, allen Menschen den Freispruch und damit das Leben. 19 Genauso, wie durch den Ungehorsam eines Einzigen alle zu Sündern wurden, werden durch den Gehorsam eines Einzigen alle zu Gerechten. 20 Und das Gesetz? Es kam erst nachträglich hinzu. Seine Aufgabe war es, die ganze Tragweite der Verfehlung deutlich werden zu lassen. Und gerade dort, wo sich die Sünde in vollem Maß auswirkte, ist die Gnade noch unendlich viel mächtiger geworden. 21 Denn genauso, wie die Sünde geherrscht und ´den Menschen` den Tod gebracht hat, soll die Gnade herrschen, indem sie Zugang zu Gottes Gerechtigkeit verschafft und zum ewigen Leben führt durch Jesus Christus, unseren Herrn.

Hier am Ende von Kapitel 5 ist Paulus an einer wichtigen Etappe angekommen: er schaut zurück auf den Spannungsbogen zwischen Adam, dem ersten Menschen alten Typs und Christus, dem ersten Menschen neuen Typs. Bisher hat er sich vor allem auf das Gottesvolk konzentriert, auf Abraham und seine Familie; jetzt kommt die ganze Menschheit in den Blick. Jetzt wird es klar: Abrahams besonderer Weg, der Weg des jüdischen Volkes, der schließlich in Jesus Christus sein Ziel erreichte, dieser Weg war Gottes Antwort auf das Versagen Adams.

Nachdem Adam und Eva sich von Gott abgewandt haben, hat Gott einen Moment überlegt, ob er das ganze Projekt »Schöpfung« nicht lieber wieder einstampfen sollte – diese Möglichkeit taucht auf in der Geschichte von der Sintflut, aber sie wird dort am Ende verworfen: Noah und seine Familie darf überleben, es geht weiter mit der Menschheit und der Schöpfung. Stattdessen schließt Gott kurz danach mit Abraham einen Bund, und das Ziel dabei ist: eine neue Menschheit. Und dieses Ziel ist nun in Christus erreicht. Paulus hat nun sozusagen nach hinten den Startpunkt erreicht. Drei Kapitel später, in Kapitel 8, wird er auch nach vorn den Horizont maximal ausgespannt haben, nämlich bis zur Erneuerung der ganzen Schöpfung. Es ist, als ob Paulus jetzt auf einem hohen Berg angekommen ist und zurückschaut auf die Strecke, die schon zurückgelegt ist.

Er sieht den Anfang: Adam; und er sieht den Neuanfang: Jesus Christus. Beide legen den Grundstein für eine bestimmte Art, Mensch zu sein. Beide bahnen den Weg für ihre Nachfolger. Das ist eine fundamentale Einsicht: keiner von uns fängt völlig neu an; wir gehen in den Spuren unserer Vorgänger. Deswegen haben fast alle Völker Gründungslegenden, die etwas über dieses Volk aussagen. Im Stadtstaat Rom, wohin Paulus seinen Römerbrief schreibt, erzählte man sich die Geschichte der Brüder Romulus und Remus: sie wurden von einer Wölfin aufgezogen, und als sie älter wurden, stritten sie sich heftig, woraufhin Romulus seinen Bruder erschlug und dann der erste Herrscher Roms wurde. Das sagt etwas aus über Rom, einen Staat, der später immer wieder bedenkenlos feindliche Staaten und Städte eliminierte.

Oder Preußen mit seinem Soldatenkönig, der sein Volk in Uniform gesteckt hat, es bis zum Umfallen exerzieren ließ und ihm Disziplin, Fleiß und Sparsamkeit einbläute; einige würde das ja auch heute gerne wieder so machen. Ungefähr zur gleichen Zeit begann es in Amerika mit dem Gründungsmythos von den Pilgervätern, die in die neue Welt aufbrachen, um dort in Freiheit ihren Glauben zu leben. Und noch viele andere Geschichten kamen dazu bis hin zur Eroberung des Westens mit wackeren Siedlern, rauhbeinigen Cowboys und aufrechten Sheriffs. Und deshalb wollen die Amerikaner bis heute nicht auf das Recht verzichten, ein Gewehr im Schrank zu haben.

Auch manche Familien haben solche Gründungsgeschichten: von den ältesten mittelalterlichen Hofbesitzern, oder von dem Ur-Urgroßvater, der neu in die Stadt kam und hier erfolgreich ein Geschäft aufmachte, oder von der Uroma, für die es das Schönste überhaupt war, wenn zu Weihnachten alle Kinder und Enkel zusammen kamen.

All diese Geschichten sagen: du fängst nicht bei Null an, sondern schon lange vor dir hat es Entscheidungen gegeben, die für dein Leben Bedeutung haben, auch wenn du daran gar nicht beteiligt warst. Du kannst diese Geschichten fortschreiben, du kannst sie neu interpretieren, aber du kommst da nicht einfach heraus.

Die Geschichte von Adam ist so eine Gründungsstory für die ganze Menschheit: mit einem wunderschönen Garten am Anfang, in dem zu leben einfach nur eine Freude war. Aber dann flackert unbegreiflicher Weise Misstrauen auf: hat Gott etwa das Beste für sich behalten? Lasst uns die Dinge in die eigenen Hände nehmen, denn Gott ist nicht zu trauen! Und das führt dann zum Verlust des Gartens, zum tödlichen Streit zwischen Kain und Abel und zu den ersten großen Machtzusammenballungen und dem ersten technologischen Monsterprojekt, dem Turm zu Babel. In die Schöpfung voller Leben kam der Tod.

Das ist die Geschichte, aus der wir nicht einfach so aussteigen können. Das haben andere verbockt, aber wir werden da hineingeboren, wir atmen von unserem ersten Atemzug an die Luft des Misstrauens, das sich über die ganze Welt ausgebreitet hat, und wir können nicht anders als diese Geschichte irgendwie auch mit unserem Leben weiterzuschreiben.

Außer, wenn wir auf einen neuen Grund gestellt würden. Außer, wenn wir in einen andere Ursprungsgeschichte hineinadoptiert würden. Das ist mit dem gemeint, was wir vorhin im Evangelium (Johannes 3,1-8) gehört haben: du musst von neuem geboren werden. Du musst zurück auf Los und dann dein Leben noch einmal unter anderen Konditionen neu beginnen, mit einem anderen Ursprung, in einer anderen Atmosphäre. Du brauchst eine neue Geschichte, eine neue Vergangenheit, und die ist jetzt endlich da, sie beginnt mit Abraham und erreicht ihren Höhepunkt mit Jesus.

Stellen Sie sich jemanden vor, der in dunkle Geschäfte verwickelt war, der sich von seiner kriminellen Vergangenheit losgesagt hat und jetzt in ein Zeugenschutzprogramm aufgenommen wird: er bekommt eine neue Identität, eine neue Geschichte, seine ganze Vergangenheit wird neu erfunden und er muss mühsam lernen, in diese neue Vergangenheit hineinzuwachsen. Viele Filme leben davon, dass das eben doch nicht wirklich klappt und so jemand irgendwann doch wieder von seiner Vergangenheit eingeholt wird. Aber mit Jesus Christus ist tatsächlich ein alternatives Leben da, ein Leben, das nicht mehr mit Misstrauen erfüllt ist, sondern Jesus hat bis zum letzten Atemzug Gott vertraut und ist in der Auferstehung bestätigt worden. Jetzt gibt es tatsächlich eine Alternative zum Leben in der Geschichte Adams, nämlich ein Leben in Christus. Einer hat alle reingerissen, einer hat sie alle herausgeholt.

Und wie das bei Paulus öfter geschieht: er merkt, dass er noch zwei Klarstellungen vornehmen muss, weil der Gedanke sonst schief werden könnte. Der Mann war einfach gut darin, die komplizierten Windungen einer Argumentation zu überschauen und vorauszusehen, wo ein Argument hinführen kann, wenn man es in den falschen Hals kriegt. Das Problem von Paulus war nur, dass er all die Argumentationsketten, die er gleichzeitig sah, nicht gleichzeitig darlegen kann, sondern sie nacheinander entwickeln muss. Deswegen ist es manchmal schwer, ihn zu verstehen. Er denkt einfach an zu viele Dinge gleichzeitig.

Also, zwei Probleme:

Erstens: Adam und Eva haben Gottes Gebot übertreten und wurden schuldig. Aber ihre Nachkommen hatten doch gar kein Gebot, das sie übertreten konnten. Die 10 Gebote kamen erst mit Mose. Und ohne Gesetz kann es auch keine Schuld geben. Richtig, sagt Paulus. Die sind tatsächlich nicht persönlich schuldig geworden. Aber sie lebten trotzdem unter der Herrschaft der Sünde. Adam hat alle seine Nachkommen da reingerissen, ob sie wollten oder nicht. Das Problem ist nicht die Schuldfrage, sondern die Machtfrage. Dass z.B. die Deutschen so auf den Staat fixiert sind, in Gehorsam oder in Rebellion, das haben andere zu verantworten: Preußen, der Soldatenkönig, die Bauernkriege, oder wer auch immer. Das ist nicht unsere Schuld. Nur dass wir bis heute alle immer erst fragen: hat mir das auch irgendwer erlaubt? Ist das versichert? Habe ich eine Genehmigung? Muss ich einen Antrag stellen? – das zeigt, dass wir bis heute unter der Macht dieser Prägung leben, die wir persönlich gar nicht zu verantworten haben.

Diese Unterscheidung wird in Kapitel 6 noch wichtig: Menschen leben unter der Herrschaft der Sünde, auch wenn sie persönlich gar nicht schuldig sein sollten. Wir wollten nicht, dass Menschen unter unwürdigen Bedingungen in Fabriken zusammengepfercht werden, wir sind nicht daran schuld, dass Tiere unter unwürdigen Bedingungen in Tierfabriken gemästet werden. Aber wir leben trotzdem unter der Herrschaft der Sünde, weil wir fast nur solche Produkte kaufen können. Die Frage nach unserer persönlichen Schuld ist uninteressant gegenüber der Frage, wie wir von der Herrschaft der Sünde frei werden können – wie wir aus dem kaputten System aussteigen können, egal, ob wir daran schuld sind oder nicht. Unsere Gewissensbisse können wir uns sparen, die bringen kein einziges Huhn auf die grüne Wiese zurück, und wir selbst werden davon eher gelähmt. Aber uns so effektiv wie möglich auszuklinken aus dem ganzen System, so dass wir ehrlich sagen können: für mich müsst ihr das nicht machen! darauf kommt es an.

Und Paulus sagt: das Gesetz, die 10 Gebote und die anderen Bestimmungen des Alten Testaments, die sollen uns aufmerksam machen auf das Problem, wir sollen merken, was los ist. Aber damit ist die Alternative noch nicht da, die Alternative kommt erst mit Jesus.

Das zweite Problem: Adam hat das Paradies verspielt, und das Ergebnis war die Welt, wie wir sie kennen. Jetzt kommt Jesus, macht es anders, und was wird das Ergebnis sein? Wird am Ende wieder das Paradies stehen? Werden wir wieder nackt durch den Garten laufen und die herrlichen Früchte pflücken? Das sieht ein bisschen so aus, als ob Jesus eine Reparaturwerkstatt hat: ich fahre den Wagen gegen die Wand, Jesus schleppt ihn ab, beult ihn aus und lackiert ihn wieder wie vorher. Ist das so? Es ist gut, dass es Reparaturwerkstätten gibt, aber wirklich begeisternd sind sie nicht. Man bezahlt viel Geld und hat am Ende nur das, was man vorher sowieso schon hatte. Ist Jesus nur so ein Autoklempner für die Welt? Adam macht die Sünde rein, Jesus macht sie raus?

Wenn man sich die ersten beiden und die letzten beiden Kapitel der Bibel anschaut, dann gibt es einen deutlichen Unterschied. Die ersten beiden Kapitel erzählen die Erschaffung von Himmel und Erde und vom Paradiesgarten. Die letzten beiden Kapitel, Offenbarung 21 und 22, erzählen davon, wie das neue Jerusalem aus dem Himmel herabkommt auf die Erde, und wie von da ab Gott unter den Menschen wohnt. Eine prächtige Stadt, groß und schön. Es gibt einen neuen Himmel und eine neue Erde, und die Grenze zwischen Himmel und Erde wird aufgehoben. Es gibt nicht nur einen Baum des Lebens, sondern viele, und sie werden im Zentrum der Stadt wachsen. Aus dem Paradies ist sozusagen ein Park im Zentrum des neuen Jerusalem geworden. Gott repariert nicht, sondern er macht es alles neu, größer und prächtiger als es je war. Es ist, als ob ich meinen kaputten Wagen in die Werkstatt bringe, und ich bekomme keine Reparatur, auch keinen Neuwagen, sondern einen Teleporter, mit dem ich mich an jeden beliebigen Ort beamen lassen kann.

So sagt Paulus: was Jesus getan hat, ist mehr, als Adams Fehltritt auszugleichen. Jesus macht aus Sklaven der Sünde nicht nur freie Menschen, sondern er macht Könige aus denen, die zu ihm gehören. Wir werden mit ihm zusammen die Welt regieren. Die ehemaligen Sklaven der Sünde werden ihre frühere Unterdrückerin völlig aus der Welt vertreiben.

Wenn Gott etwas in Ordnung bringt, dann begnügt er sich nie mit der Reparatur. Er macht alles neu und besser. Das ist auch unser Maßstab. Die angemessene Antwort auf unwürdige Fabriken ist eine Wirtschaft, in der die Menschen selbst über ihr Schicksal entscheiden. Die angemessene Antwort auf Tierfabriken ist eine Welt, in der Tiere und Menschen sich beim Namen kennen und miteinander leben. Die vollständige Antwort auf den Aufmarsch von Neonazis ist das solidarische Zusammenleben von Menschen aus vielen Kulturen. Die Antwort auf den zweiten Weltkrieg war nicht nur die deutsche Niederlage, sondern unser Grundgesetz, das die Menschenwürde in den Mittelpunkt stellt. Wenn Jesus Menschen geheilt hat, dann waren sie hinterher (jedenfalls in den besten Geschichten) nicht einfach nur wiederhergestellt, sondern sie änderten ihr ganzes Leben und kamen mit ihm. Es geht nie nur um die Wiederherstellung des Alten, sondern es geht darum, dass es noch einmal ganz neu und herrlich wird. Darunter macht Gott es nicht, und mit weniger sollten wir uns auch nicht zufrieden geben, auch jetzt schon nicht. Wir leben schon aus der Fülle der neuen Welt, das ist Gottes Antwort auf das Böse. Wenn das sichtbar wird, tut es allen Mächten der Zerstörung richtig weh. Und das soll es auch.

Jan 082012
 

Predigt über Römer 5,1-11 am 05. Juni 2011 (Predigtreihe Römerbrief 12)

1 Gerecht gemacht aus Glauben, haben wir Frieden mit Gott durch Jesus Christus, unseren Herrn. 2 Durch ihn haben wir auch den Zugang zu der Gnade erhalten, in der wir stehen, und rühmen uns unserer Hoffnung auf die Herrlichkeit Gottes. 3 Mehr noch, wir rühmen uns ebenso in unserer Bedrängnis; denn wir wissen: Bedrängnis bewirkt Geduld, 4 Geduld aber Bewährung, Bewährung Hoffnung. 5 Die Hoffnung aber lässt nicht zugrunde gehen; denn die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsere Herzen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben ist. 6 Christus ist schon zu der Zeit, da wir noch schwach und gottlos waren, für uns gestorben. 7 Dabei wird nur schwerlich jemand für einen Gerechten sterben; vielleicht wird er jedoch für einen guten Menschen sein Leben wagen. 8 Gott aber hat seine Liebe zu uns darin erwiesen, dass Christus für uns gestorben ist, als wir noch Sünder waren. 9 Nachdem wir jetzt durch sein Blut gerecht gemacht sind, werden wir durch ihn erst recht vor dem Zorn Gottes gerettet werden. 10 Da wir mit Gott versöhnt wurden durch den Tod seines Sohnes, als wir noch (Gottes) Feinde waren, werden wir erst recht, nachdem wir versöhnt sind, gerettet werden durch sein Leben. 11 Mehr noch, wir rühmen uns Gottes durch Jesus Christus, unseren Herrn, durch den wir jetzt schon die Versöhnung empfangen haben.

Mit »Frieden« beginnt der ganze Abschnitt und mit »Versöhnung« endet er. Damit diese Begriffe für uns anschaulicher und lebendiger werden, möchte ich von einem älteren Herrn erzählen, den ich vor vielen Jahren besuchte. Im Lauf des Gesprächs fragte er mich: »Wissen Sie eigentlich, was mein Sohn macht? Ich habe gehört, dass er einen Anbau an seinem Haus plant.« Das Problem dabei war, dass dieser Sohn ein paar Häuser weiter in der selben Straße wohnte. Offensichtlich hatten Vater und Sohn über viele Jahre nicht mehr miteinander gesprochen, obwohl sie nur wenige Meter voneinander entfernt wohnten.

Ich habe nie erfahren, was das Problem zwischen den beiden war, und wer Schuld daran hatte, dass zwischen ihnen Funkstille eingetreten war. Aber ich stelle mir vor, dass es eine bedrückende Situation sein muss, Tag für Tag am Haus des anderen vorbei zu gehen, nicht von dem Gedanken an ihn loszukommen und immer wieder an diesen ungelösten Konflikt erinnert zu werden. Nicht einfach mal unbefangen hereinkommen zu können und »Hallo, wie geht’s« zu sagen. Offensichtlich ließ das den Vater so wenig los, dass er selbst die geringe Chance ergriff, von mir etwas über den Sohn zu hören, obwohl er sich damit mir gegenüber mir outete. Und weil ich beide mindestens flüchtig kannte, konnte ich mir gut vorstellen, dass dieser ungelöste Konflikt das Leben nicht nur des Vaters, sondern auch des Sohns überschattete.

Wenn wir uns ein wenig in dieses schwierige Verhältnis hineindenken, dann haben wir auch einen Zugang zu der traurigen Tatsache, dass viele Menschen in genau diesem Verhältnis zu Gott leben: sie reden nicht mit ihm, obwohl er nur ein paar Häuser weiter wohnt; aber sie kommen immer noch an seinem Haus vorbei und fragen sich manchmal, was da wohl vorgeht. Sie bezweifeln, dass es ihn gibt, und gleichzeitig beklagen sie sich, dass er sie schlecht und ungerecht behandelt.

Und weil uns Gott, der uns geschaffen hat, letztlich noch näher steht als ein leiblicher Vater (und wer das Wort »Gott« vermeiden möchte, der kann stattdessen auch sagen: unser Ursprung, unsere Bestimmung, oder das Prinzip unseres ganzen Lebens), deswegen betrifft ein Konflikt mit ihm nicht nur einige Bereiche des Lebens, sondern alle. Wenn es tatsächlich so ist, dass viele Menschen mit ihrem Ursprung, ihrer Wurzel, ihrer Bestimmung, eben: mit Gott nicht im Reinen sind, wenn viele Menschen so eine Art Gottesallergie entwickelt haben, dann sollten wir erwarten, dass es in vielen Bereichen der Welt, sozusagen an allen Ecken und Enden, Unfrieden, ungelöste Konflikte, verbissenen Ärger, Machtspiele und Sprachlosigkeiten gibt, dass da gebissen und beschuldigt wird. Und – Überraschung! so ist es ja tatsächlich. Das Managen von Spannungen jeder Art, im Großen wie im Kleinen gehört heute zu unserem täglichen Brot, egal ob wir Eltern, Ehepartner, Kollegen oder Bundeskanzlerin sind.

Und wenn wir an die Neonazis gestern in Peine denken, dann können wir auch sagen: es gibt erschreckenderweise ganze Bewegungen, die die Unversöhntheit ins Zentrum gerückt haben, die sie propagieren und sie sozusagen feiern.

Mitten in dieser Welt voller Verwerfungen sagt Paulus: aber wir nicht! Es gibt eine Art zu leben, die das hinter sich lässt, weil wir am zentralen Punkt befriedet sind, weil wir Frieden mit Gott haben. Und zwar durch Jesus Christus: denn zwischen Gott und Jesus stand nichts, gar nichts, und Jesus nimmt uns mit hinein in diesen heilen Bereich. Paulus redet aus diesem heilen Bereich heraus, er redet mit der Erfahrung im Rücken, dass es ein Leben gibt, das gefüllt ist von dem erfrischenden, belebenden Wind der göttlichen Gegenwart. Er beschreibt einen Raum der Gnade, in den wir jederzeit eintreten können, um unser Herz aufleben zu lassen, so wie manche einen Kirchenraum betreten und dort mit einem Frieden in Berührung kommen, den sie sonst schmerzlich vermissen. Aber dieser Bereich, von dem Paulus spricht, der ist überall offen, dafür braucht man keine speziellen heiligen Räume, sondern die Tür zu diesem Raum kann man überall finden. Es ist der Raum, der durch eine freundschaftliche, nahe, warme Beziehung zu Gott geöffnet wird, wie Jesus sie hatte, und die er mit uns teilt.

Und das gibt uns einen Vorgeschmack darauf, wie es sein muss in der neuen Welt Gottes, wo all der Streit und die schwelenden Konflikte und Sprachlosigkeiten keinen Raum mehr haben. Wir haben jetzt schon die Perspektive auf die Neue Welt, in der Gott wieder auf Erden wohnen wird, so wie er ganz am Anfang bei den Menschen des Paradieses einfach mal so auf eine Tasse Kaffee im Garten hereinkam.

Aber damit es nicht so aussieht, als ob das eine Schönwetter-Theologie wäre, ein kulturell-religiöses Sahnehäubchen für erhebende Feiertage, fügt Paulus gleich hinzu: und das ist uns Freude und Trost gerade, wenn wir unter Druck geraten. Druck, »Bedrängnis«, wie es hier heißt, den hatte Paulus sein Leben lang, damit war er vertraut, das war sein Spezialgebiet. Und deshalb beschreibt er, auf welchem Weg Druck einen eben nicht zerstört, sondern wie Druck einen zu einem freundlicheren, positive­ren, zuversichtlicheren Menschen machen kann.

Wir können ja sonst oft das Gegenteil erleben: wie Menschen unter Druck immer härter und verbissener werden, wie sie ihre schlechten Erfahrungen vor sich her tragen und immer noch genau wissen, wer ihnen wann was Böses getan hat. Paulus sagt: Aber wenn du Gott im Rücken hast, dann passiert das Gegenteil: dann wirst du unter Druck geduldiger. Du hast nicht das Gefühl, du musst alles haben, und zwar sofort. Du hast ja deinen Raum des Friedens, in den du immer wieder gehen kannst. Du lernst, mit dem Druck zu leben, ohne dass er dich verhärtet. Wolf Biermann, der Dicher und Bürgerrechtler aus der ehemaligen DDR, hat noch zu DDR-Zeiten in seinem Lied davor gewarnt:

»Du lass dich nicht verhärten in dieser harten Zeit. Die allzu hart sind brechen, die allzu spitz sind, stechen und brechen ab zugleich.«

Wenn du anfängst, zu ahnen, wie lange Gott schon geduldig darauf wartet, dass diese Welt wieder in die Spur kommt und all die schwelenden Konflikte hinter sich lässt, dann bewahrt dich das davor, hart und spitz zu werden. Du bekommst mindestens einen kurzen Blick auf die Geduld Gottes, und das macht dich selbst langmütig und ausdauernd, und dann wirst du bewährt, du lässt dich nicht mehr von jedem Problem gleich umhauen. Du bist nicht mehr eine abgeschnittene Blume, die vertrocknet, wenn die Vase leer ist, sondern ein Baum, der Wurzeln bis zum Grundwasser hat. Und wenn man das immer wieder erlebt hat, dann wächst daraus eine gesunde Zuversicht, eine Hoffnung, eine gewisse Unbekümmertheit, die sich nicht umhauen lässt, wenn mal wieder irgendein Unwetter am Horizont aufzieht. Und so entwickelt man ein Vertrauen darauf, dass Gott auch den Unfrieden in der Welt, auch Konflikte und Druck dazu nutzen kann, uns zu wahren Menschen zu machen, zu der Art von Mensch, zu der wir bestimmt und gerufen sind. Wie beim Ju-Jutsu nutzt Gott die Energie des Angreifers, um etwas Gutes und Hilfreiches zu erreichen.

Aber wie beim Ju-Jutsu funktioniert das nur, wenn man die Tricks kennt. Deswegen erinnert Paulus ganz am Anfang an den Glauben. Glaube, Bindung an Jesus, das ist sozusagen der »Trick«, der es möglich macht, dass wir auch unter Angriff nicht verhärten, sondern ein größeres und weiteres Herz bekommen. Aber wir merken vielleicht, dass es gerade nicht um einen schnellen Trick geht, so wie das echte Ju-Jutsu ja auch nicht eine Sammlung von Tricks, sondern eine Lebenshaltung ist, die man in einem langen Prozess erwirbt. Und hier im Kapitel 5 beginnt Paulus, diese Lebenshaltung von innen heraus zu beschreiben. Mindestens bis Kapitel 8 wird er dafür brauchen, und erst in Kapitel 12 und 13 wird er die Früchte ernten. So wie ein Künstler immer wieder an einer Skulptur oder einem Gemälde arbeitet oder ein Schriftsteller die Figuren eines großen Romans immer weiter formt und entwickelt, so entwickelt Paulus im Römerbrief seine Gesamtsicht auf christliches Leben.

Und es könnte sein, dass mancher darüber den Mut verliert und sich fragt: wie lange dauert das denn noch? Im Römerbrief und in meinem Leben? Und, äh, so ganz viel von dieser Geduld ist bei mir nun wirklich noch nicht angekommen. Glaube ist der Anfang, o.k., aber wie wird das Ende sein? Es gibt auch Hoffnung, die enttäuscht wird, leere Hoffnung, trügerische Hoffnung. Hoffnung muss eine Realität haben, die ihr entgegenkommt.

Deshalb redet Paulus darüber, dass Gott doch das Größte schon getan hat: er hat dafür gesorgt, dass es schon einen wahren Menschen gegeben hat, einen, der ganz nach Gottes Herzen war, Jesus, der sich auch unter den Bedingungen dieser grausamen Welt nicht verhärten ließ, selbst dann nicht, als er am Kreuz zu Tode gefoltert wurde. Und seine verwegene Hoffnung, dass Gott treu ist, die ist nicht enttäuscht worden, Gott ließ ihn auferstehen.

Und Paulus sagt: wird Gott jetzt noch aufgeben? Das ist wäre so, als ob ein Bergsteiger sich durch Eis und Fels eines Bergriesen bis kurz unter den Gipfel vorarbeitet, und dann, als er beinahe angekommen ist und nur noch ein paar Schritte gehen muss, bricht er auf den letzten Hundert Metern den Aufstieg ab. Das kann doch nicht sein! Gott hat den Durchbruch geschafft, der eine wahre Mensch, der eine treue Israelit, ist tatsächlich gekommen. Gott hat schon immer darauf hingearbeitet. Und dann haben sich Menschenherzen dafür geöffnet, ihre Verhärtung ist überwunden worden, ihre Trägheit ist in Bewegung gekommen, und jetzt sollte Gott das Ganze kurz vor dem Ziel abbrechen?

Jesus ist zu uns gekommen, hat für uns gelebt und ist für uns gestorben und Gott hat ihn für uns auferweckt, als wir noch Feinde Gottes waren, als wir noch unter der Gottesallergie litten, als wir ihm den Rücken gekehrt hatten und dachten, das müsste so sein. Und jetzt, wo wir uns mit ihm verbunden haben, wo wir diesen Raum des Friedens jedenfalls schon geschmeckt haben, da sollte er sein Werk nicht zu Ende führen? Das ist nicht denkbar. Die Liebe Gottes, die in Jesus Gestalt angenommen hat, ist durch den Heiligen Geist in unseren Herzen angekommen. Die entscheidenden Grundsteine sind gelegt. Und deswegen preisen wir Gott für das, was er schon getan hat und für das, was er noch tun wird. Das gehört zusammen.

Uns so kann auch unter Menschen Frieden und Versöhnung einziehen. Gut, dazu gehören immer zwei, aber wir können aus diesem versöhnten Raum heraus leben und sind davon befreit, zu verhärten, zu stechen – und dann am Ende zu brechen.

Jan 082012
 

Predigt über Römer 4,13-25 am 22. Mai 2011 (Predigtreihe Römerbrief 11)

13 Nicht anders ist es mit der Zusage Gottes an Abraham, ihm als Erben die ganze Welt zum Eigentum zu geben. Auch diese Zusage, die ihm und darüber hinaus seinen Nachkommen galt, war nicht an die Befolgung des Gesetzes gebunden. Sie wurde ihm vielmehr gegeben, weil er aufgrund des Glaubens gerecht war. 14 Wenn das Erbe denen in Aussicht gestellt wäre, denen das Gesetz gegeben ist, wäre der Glaube überflüssig. Außerdem wäre die Zusage dann hinfällig, 15 denn das Gesetz zieht Gottes Zorn nach sich, weil es übertreten wird. Übertretungen gibt es nur dort nicht, wo es kein Gesetz gibt. 16 Deshalb also ist die Zusage an den Glauben gebunden; ihre Erfüllung soll ein Geschenk der Gnade sein. Damit ist sichergestellt, dass die Zusage für die gesamte Nachkommenschaft Abrahams Gültigkeit hat. Sie gilt nicht nur für die Nachkommen, denen das Gesetz gegeben wurde, sondern auch für die, die – ohne das Gesetz zu haben – so glauben, wie Abraham glaubte. Denn er ist der Vater von uns allen, 17 genau wie es in der Schrift heißt: »Ich habe dich zum Vater vieler Völker gemacht.« Ja, in Gottes Augen ist er das, denn er vertraute auf ihn, den Gott, der die Toten lebendig macht und das, was nicht ist, ins Dasein ruft. 18 Da, wo es nichts zu hoffen gab, gab er die Hoffnung nicht auf, sondern glaubte, und so wurde er der Vater vieler Völker. Es war ihm ja vorausgesagt worden: »So zahlreich werden deine Nachkommen sein.«
19 Abraham war damals fast hundert Jahre alt und konnte keine Kinder mehr zeugen; in dieser Hinsicht war sein Körper gewissermaßen schon tot. Nicht anders war es bei seiner Frau Sara, denn auch sie konnte keine Kinder mehr bekommen. Und obwohl Abraham seine Augen nicht vor dem allem verschloss, ließ er sich in seinem Glauben nicht entmutigen. 20 Statt die Zusage Gottes in Frage zu stellen, wie es der Unglaube tun würde, ehrte er Gott, ´indem er ihm vertraute,` und wurde dadurch in seinem Glauben gestärkt. 21 Er war fest davon überzeugt, dass Gott die Macht hat, das, was er zugesagt hat, auch zu tun. 22 Das ist also der Grund, weshalb ihm – ´wie es in der Schrift heißt` – der Glaube als Gerechtigkeit angerechnet wurde.
23 Die Aussage, dass der Glaube Abraham angerechnet wurde, betrifft nicht nur ihn, 24 sondern steht auch unseretwegen in der Schrift. Auch uns wird der Glaube angerechnet werden. Denn der ´Gott`, auf den wir unser Vertrauen setzen, hat Jesus, unseren Herrn, von den Toten auferweckt – 25 ihn, der wegen unserer Verfehlungen dem Tod preisgegeben wurde und der wegen unserer Gerechtmachung auferweckt wurde.

Paulus widmet ein ganzes Kapitel des Römerbriefs Abraham. Er hält eigentlich eine Predigt über 1. Mose 15 und auch 17, wo Gott mit Abraham einen Bund schließt und ihm verspricht, er werde unzählige Nachkommen haben und ein neues Land bekommen. Und er zeigt, dass schon in Abraham ein Muster angelegt war, das dann in Jesus und allen, die zu ihm gehören, voll zur Geltung kommt.

Dieses Grundmuster nennt Paulus Glauben, und es besteht darin, dass man Gott zutraut, dass er seine Zusagen auch einhält. Daraus wächst eine Hoffnung gegen alle Hoffnung, eine Hoffnung, die sich nicht geschlagen gibt. Abraham sollte aufbrechen und seine Heimat verlassen im Vertrauen auf das neue Land, das Gott ihm zugesagt hatte. Und er tat es. Und dann sollte er auch noch glauben, dass seine Nachkommenschaft unzählbar sein würde wie die Sterne am Himmel. Da war er schon fast 100 Jahre alt, er und seine Frau hatten keine Kinder, und auch damals schon war jedem klar, dass man in diesem Alter eigentlich nicht mehr damit rechnen kann, Kinder zu bekommen. Und trotzdem bekamen sie am Ende ihren Sohn Isaak.

Paulus zieht eine Linie von diesem Anfang bis hin zur Auferstehung Jesu und sagt: Von Anfang an ist es Gottes Handschrift, das Unmögliche zu tun. Gott macht die Toten lebendig und ruft das, was nicht ist, ins Dasein. Er ist der ultimative Vater des Lebens. Und Abrahams entscheidendes Verdienst war, dass er an diese lebenschaffende Macht Gottes glaubte. Abraham war ein Sünder, er lavierte sich oft durch und traf problematische Entscheidungen in seiner Familie, aber er glaubte an Gott und seine Zusagen. Und das war das Entscheidende. So konnte Gott an ihm arbeiten und dafür sorgen, dass Abraham Stück für Stück über sich hinaus wuchs. Dass Abraham glaubte, das rechnete Gott ihm als Gerechtigkeit an. Gott sah in diesem Glauben Abrahams den Keim für eine ganze neue Menschheit, und er bewertete Abraham nicht nach seinem vorläufigen Status, sondern nach diesem Keim und dem, was daraus werden sollte.

So wie Gott in der Lage ist, etwas völlig Neues ins Dasein zu rufen, so war Abraham in der Lage, mit diesem Neuen, Unbekannten zu rechnen und darauf zu vertrauen. Abraham war utopiefähig. Er orientierte sich nicht daran, wie es schon immer war und was nach menschlichem Ermessen möglich ist, sondern er rechnete mit dem Unsichtbaren, wie es der Hebräerbrief sagen würde. Und so wurde er zum Ersten in einer langen Reihe von Menschen, die im Vertrauen auf Gottes Zusagen aufbrechen, mutig neue Wege gehen und am Ende belohnt werden.

Paulus nun hat erlebt, wie auch Heiden zum Glauben an Jesus kommen, und deshalb betont er, dass für diese Reihe von Menschen nicht die leibliche Nachkommenschaft von Abraham her entscheidend ist, sondern er sagt: zu dieser Familie Abrahams gehört jeder, der glaubt. Diese internationale, multikulturelle Familie Abrahams ist die Wurzel der neuen Menschheit. Und in einer kühnen Auslegung des Alten Testaments redet Paulus nicht mehr von dem verheißenen Land Israel, dieser kleinen Landbrücke zwischen Asien und Afrika, sondern er sagt, dass Abraham der Erbe der ganzen Welt werden sollte.

Das heißt, die Zukunft gehört denen, die sich das Unmögliche vorstellen können, weil sie den Vater des Lebens kennen und seinen Zusagen glauben.

Ich möchte das mal an einem Beispiel hier aus unserer Gegend beschreiben, damit das nicht so abstrakt klingt. Ungefähr 150 Jahre ist es her, da war unsere Gegend hier eine ziemlich verschlafene Provinz. Das Einzige, was sie von anderen Gegenden des Königreichs Hannover unterschied war das Eisenerz, das hier relativ nah an der Oberfläche lag. Man hatte schon versucht, mit diesem Bodenschatz etwas anzufangen, aber das hatte nicht geklappt.

Dann kam ein Mann, der anscheinend in der Lage war, sich etwas vorzustellen, was es noch nicht gab. Das war Gerhard Lucas Meyer. Er übernahm eine bankrotte Aktiengesellschaft und die halbfertigen Industrieanlagen, die sie hinterlassen hatte, er überzeugte Menschen, da noch einmal Geld hineinzustecken, er holte fähige Mitarbeiter her, und als er gut 50 Jahre später starb, war in Groß Ilsede ein großes Hüttenwerk entstanden und in Peine das Stahlwerk, viele Tausend Menschen hatten Arbeit und Brot gefunden, Schulen und Kirchen waren gebaut worden, der Eisenbahnanschluss war gelegt und die ganze Region war in Bewegung gekommen. Und das Erstaunliche ist, dass es alles eigentlich an diesem einen Mann gehangen hat, so dass man Gerhard Lucas Meyer später den »Vater der Ilseder Hütte« genannt hat.

Nicht so bekannt ist, dass Gerhard Lucas Meyer ein entschiedener Christ gewesen ist, der sich immer von seinem Lebensmotto inspirieren ließ, einem Wort Jesu aus dem Johannesevangelium: »Ich muss wirken, so lange es Tag ist«. Da saß sein innerer Antrieb. Und das muss ihm geholfen haben, nicht die arme und verschlafene Gegend hier zu sehen, sondern die Möglichkeiten, die da noch warteten. Und auch wenn das Eisenerz minderwertig war, auch wenn es mühsam war, genügend Arbeitskräfte herzulocken, auch wenn er sich mit schwierigen Mitarbeitern und schwerfälligen Behörden herumzuschlagen hatte – Meyer war utopiefähig. Und am Ende hat er eine ganze Region mit ihren Menschen verändert.

Aus heutiger Sicht würden wir natürlich anmerken, dass dadurch die Umwelt auch ziemlich gelitten hat und die Menschen für schwere Arbeit oft nur geringen Lohn bekommen haben. Ich behaupte nicht, dass das alles unproblematisch war. Aber es geht mir jetzt um diese Fähigkeit, sich etwas ganz neues, ganz anderes vorzustellen und dann aufzubrechen und die Aufgabe anzupacken. Diese Grundhaltung verändert die Welt, im Kleinen oder im Großen. Und sie hat ihre Wurzeln im Aufbruch Abrahams, der sich als Erster dafür gewinnen ließ, mit dem Unsichtbaren zu rechnen. Abrahams Aufbruch und die Auferstehung Jesu, die erzeugen dann Echos, Resonanzen und Obertöne, die viel, viel später dann z.B. auch zu einem Hüttenwerk in unserer Gegend führen.

Paulus zeichnet Abraham als Gegenbild zur Menschheit, die er in Kapitel 1 geschildert hat: Menschen, die sich von Gott abwenden und stolz darauf sind, ohne ihn auszukommen. Wenn Menschen sich von Gott abwenden und ihm nicht vertrauen, ihm nicht glauben, dann führt das zu Sünde und Zerstörung. Denn wenn man Gott nicht traut, dann traut man auch seiner Schöpfung nicht; und je weniger man glaubt, dass die Welt von Gottes Segen durchströmt ist und von seiner Freude ins Leben gerufen wurde, um so größer wird die Versuchung, sich einfach mit Gewalt das zu rauben, was man haben möchte.

Um auch hier ein plakatives Beispiel zu haben: denken Sie an Länder, in denen über Jahrzehnte die Ordnung zusammengebrochen ist und wo Willkür und Gewalt herrschen. Da wachsen Kinder auf, die glauben, dass es normal ist, sich seinen Lebensunterhalt mit dem Gewehr zu verdienen. Da geben die Menschen es irgendwann auf, ihre Felder zu bestellen, weil sie noch nicht mal wissen, wer ihnen wieder die Ernte rauben wird, wenn sie reif ist – welcher Bandenhäuptling dann gerade das Sagen hat. Du brauchst ein Mindestmaß an Vertrauen in die Zukunft, um ein Feld zu bestellen. Du brauchst noch mehr Vertrauen in die Zukunft, wenn du Kinder in die Schule schickst. Das ist eine Ernte, die frühestens nach einem Jahrzehnt reif ist. Wo dieses Vertrauen in die Welt und letztlich in ihren Schöpfer nicht da ist, da unterbleiben die wirklich wichtigen Dinge. Da lebt man nur noch für heute. Da geht die Zerstörung immer weiter. Ohne ein Mindestmaß an Vertrauen könnte die Welt gar nicht funktionieren. Aber auch dieses Mindestmaß ist immer gefährdet.

Deshalb hat Gott sein neues Volk gegründet, dessen Gründungserlebnis Vertrauen ist. Abrahams Aufbruch in ein neues Land zeigte sein Vertrauen in Gott, seinen Glauben, seine Utopiefähigkeit. Lange Zeit ist dieser Glaube an den vertrauenswürdigen Schöpfergott fast nur unter den Juden weitergegeben worden. Aber spätestens seit Jesus steht dieser Glaube allen offen. Jetzt findet Abraham seine Kinder unter allen Völkern, so wie Gott es ihm versprochen hat, als er ihm seinen Namen gab – »Abraham« heißt wörtlich übersetzt: »Vater von vielen«.

Abraham ist der Vater aller, die den Zusagen und Verheißungen Gottes mehr vertrauen als ihren schlechten Erfahrungen. Und Gottes Zusagen umfassen die ganze Welt, dass er sie erneuern wird, dass er sie befreien wird aus der Knechtschaft der Vergänglichkeit. Er wird sie nicht zerstören, er wird sie nicht untergehen lassen, sondern er wird sie herrlich erneuern. Und alle, die darauf warten und das nicht mehr miterleben, die wird er bis dahin bewahren, damit sie auch eines Tages Teil der neuen Welt sind.

Paulus kam es darauf an, dass diese Grunderfahrung des Vertrauens nicht an das Gesetz gebunden ist. Gottes Verheißungen glauben kann man auch, wenn man kein Jude ist. Das Gesetz bewertet das Verhalten, und das äußere Verhalten kann durchaus schlecht sein, auch wenn dieser Keim des Glaubens schon da ist. Abraham selbst ist das beste Beispiel dafür.

Das Gesetz bringt kein neues Leben hervor. Auf Bewerten, Kritisieren und Meckern liegt kein Segen, auch dann, wenn es sachlich gesehen nicht unberechtigt ist. Aber hätte Gerhard Lucas Meyer vor allem Presseerklärungen verbreitet, wie falsch alles läuft und wieviel schon schiefgelaufen ist, dann hätte es nie die Ilseder Hütte gegeben. Es gibt immer so viele Leute, die wissen, was falsch läuft, die angreifen und beschuldigen, und viel zu wenig Leute, die das unsichtbare Neue sehen und sich an die Arbeit machen. Gott hat sein Gesetz gegeben, weil wir durchaus wissen sollen, was gut und gerecht ist und was nicht. Aber das Leben und die neue Welt kommen durch die, die Gottes Zusagen glauben und – aufbrechen.

Paulus schließt das vierte Kapitel und den ersten großen Teil des Briefes mit einem Hinweis auf Tod und Auferstehung Jesu. Von Jesus hat er bis jetzt überraschend selten geredet. Aber hier wird deutlich: Jesus war das Licht, in dem er die ganze biblische Tradition noch einmal neu durchdacht und interpretiert hat. Die Auferstehung Jesu hat endgültig gezeigt, dass Gott zu seinen Zusagen steht und das Unmögliche möglich macht. Gott erweckt die Toten zum Leben und er ruft das, was nicht ist, ins Leben. Jesus musste sterben wegen der Sünden der Menschen, weil wir hier ein umfassendes System der Gewalt und der Lüge eingeführt haben, dem er zum Opfer gefallen ist. Aber Gott war treu und hat ihn auferweckt; und mit ihm hat die neue Welt begonnen, in der Tod und Sünde keine Macht mehr haben. Das ist das neue Land, in das wir gerufen werden, so wie Abraham gerufen wurde.

Und wenn wir aufbrechen wie Abraham, wenn wir durch den Heiligen Geist aus der Kraft Jesu und aus der Kraft der Auferstehung leben, dann gehören wir zur neuen Welt, zur multinationalen Familie Abrahams, zur Gemeinschaft derer, die auf das Unsichtbare vertrauen. Dann sind wir in Gottes Urteil gerecht, weil er im Keim immer schon das Endergebnis sieht. Und er sorgt dafür, dass in unserem Leben ein Stück dieses Unsichtbaren sichtbar wird, im Kleinen oder im Großen.