Dez 202011
 

Zu Weihnachten habe ich einen Text von N.T. Wright übersetzt:

Als Jesus geboren wurde, war Augustus schon ein Vierteljahrhundert römischer Herrscher. Als Kaiser regierte er zwischen Gibraltar und Jerusalem und von Britannien bis zum Schwarzen Meer. Er hatte erreicht, was in den letzten zwei Jahrhunderten zuvor keinem gelungen war: er brachte der großen römischen Welt Frieden. Aber es war Frieden, für den ein Preis bezahlt werden musste. Die Kosten dafür übernahmen Menschen in weit entfernten Ländern.

Augustus »brachte Frieden, soweit er im Interesse des Imperiums und seines persönlichen Ruhmes lag« schrieb Arnaldo Momigliano. Da haben wir es in einem Satz: die ganze zwiespältige Struktur menschlicher Macht. Ein Reich mit absoluter Macht, das seinem ober­sten Repräsentanten Ruhm bringt und Frieden denen, denen er seine Gunst gewährt.

Ja, sagt Lukas, und nun achte darauf, was passiert! Dieser Mann, der Kaiser, der absolute Monarch winkt in Rom mit dem kleinen Finger, und in einer Entfernung von 1500 Meilen, in einer merkwürdigen Provinz geht ein junges Paar auf eine gefährliche Reise. Das Ergebnis ist die Geburt eines Kindes in einer kleinen Stadt, die zufällig genau die ist, die in den alten jüdischen Weissagungen über den kommenden Messias erwähnt worden ist. Und ausgerechnet bei dieser Geburt singen die Engel von Ruhm und Frieden. Was ist hier das Original, und was ist die Parodie?

Hier müssen wir einen Augenblick innehalten, denn die Passage in Micha 5, die Lukas in unserer Erinnerung aufrufen will, ist wohl bekannt, aber wenig beachtet: »Aber du, Betlehem-Efrata, so klein unter den Gauen Judas, aus dir wird mir einer hervorgehen, der über Israel herrschen soll.« Leider wird häufig die Fortsetzung dieses Satzes weggelassen, wenn die Passage öffentlich vorgelesen wird. Dabei wird hier ein Projekt begonnen, das Augustus erschrecken müsste: »Er wird auftreten und ihr Hirt sein in der Kraft des Herrn, im hohen Namen Jahwes, seines Gottes. Sie werden in Sicherheit leben; denn nun reicht seine Macht bis an die Grenzen der Erde.« Und dann geht es weiter (v. 4): »Und er wird der Friede sein.«

Wie soll dieser Friede gesichert werden? Dieser zukünftige König, geboren im Bethlehem in Judäa, wird sein Volk retten aus der Hand fremder Eroberer. In Michas Tagen waren das die Assyrer; aber die Leser des Lukas werden an Rom gedacht haben. Und Lukas wird gehofft haben, dass zukünftige Generationen es genauso auf ihre aktuellen Herausforderungen übertragen würden. Herodes war beunruhigt von der Botschaft der Weisen. Hätte jemand Augustus erzählt, was die Engel den Hirten verkündigten, dann wäre er ebenfalls unruhig geworden.

Auf einmal ist die Geschichte des Lukas gar keine romantische Schäferszene mehr. Keine rustikalen Hirten, die dem kindlichen König Tribut zollen. Stattdessen wird daraus eine programmatische Beschreibung zweier Reiche, die im Kampf miteinander liegen werden. Zwei Reiche, die eine fundamental unterschiedliche Auffassung davon haben, was mit Frieden und Macht und Herrlichkeit gemeint ist.

Da ist der alte Kaiser in Rom. 60 Jahre alt wird er zur Zeit der Geburt Jesu. Er repräsentiert vielleicht das Beste, was heidnische Reiche tun können. Wenigstens weiß er, dass Frieden und Stabilität etwas Gutes sind. Unglücklicherweise musste er viele Menschen töten, um beides zu erreichen. Und noch mehr musste er töten, um beides zu erhalten – immer wieder. Unglücklicherweise geht es ihm in erster Linie um seinen Ruhm. Schon zu seinen Lebzeiten begannen viele seiner Untertanen ihn zu vergöttlichen.

Da ist auf der anderen Seite der junge König in Bethlehem, auf dessen Kopf von Anfang an ein Preis ausgesetzt ist. Er verkörpert die gefährliche Alternative, die Möglichkeit eines anderen Reiches, eine andere Macht, eine andere Herrlichkeit, einen anderen Frieden. Beide stehen einander gegenüber.

Das Imperium des Augustus ist wie ein hell beleuchtetes nächtliches Gemach mit wundervoll arrangierten Lampen. Sie zeichnen schöne Muster, aber sie können die Finsternis außerhalb des Raums nicht vertreiben. Das Reich Jesu ist wie der Morgenstern, der aufgeht und verkündet, dass es nun Zeit ist, die Kerzen zu löschen, die Vorhänge zur Seite zu ziehen und den kommenden neuen Tag zu begrüßen. Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden unter allen, auf denen sein Wohlgefallen ruht!

Diese Konfrontation der beiden Reiche ist sichtbar am Ende des Johannesevangeliums, wenn Pilatus zwei Fragen an Jesus richtet: weißt du nicht, dass ich die Macht habe, dich zu töten? Und: was ist Wahrheit? Das ist die Sprache von Königsmacht und Herrlichkeit, wie die Welt sie kennt. Beachte, wie die beiden Fragen zusammen passen: damit das heidnische Imperium sagen kann »unterstütze mich, oder ich töte dich!«, muss es gleichzeitig behaupten, so etwas wie Wahrheit gäbe es nicht. Und falls jemand nicht nur von der Wahrheit spricht, sondern sie lebt, hat die heidnische Herrschaft keine andere Wahl als ihn zu töten.

Jesus antwortet darauf, indem er Pilatus ruhig daran erinnert, dass alle Macht nur von oben verliehen ist, und indem er einfach weitermacht mit seiner Aufgabe, die Wahrheit zu sein – indem er weiterhin die Liebe Gottes zur Rettung der Welt verkörpert. Die lukanische Botschaft vom Krippenkind übertrifft auch die besten heidnischen Imperien. Sie führt uns zu einer völligen, radikalen Neudefinition von Wahrheit, Frieden und vor allem von Herrschaft, Macht und Herrlichkeit.

Jesus kam als das Kind von Bethlehem, als der Friedefürst. Aber Jerusalem verweigerte sich seinem Weg des Friedens und wählte stattdessen den Weg des Schwertes, der – wie Jesus zu Petrus sagte – nur zu einem Ergebnis führen konnte. Der erwachsene Jesus verkörperte die Botschaft, die die Engel zu seiner Geburt sangen; aber als er zu seinen Leuten kam, nahmen sie ihn nicht auf.

Noch einmal ging ein Gebot vom Kaiser aus, das einen entscheidenden Effekt in 1500 Meilen Entfernuing haben sollte: Rebellenkönige sind zu kreuzigen. „Wenn du den laufen lässt,“ sagte der Hohepriester zu Pilatus, „dann bist du kein Freund des Kaisers.“ Und das war dann der Weg, wie die alten Verheißungen Wirklichkeit wurden, wie die Herrlichkeit des Herrn für alles Fleisch offenbart wurde: ein junger Jude, der mit Tränen in den Augen über den Ölberg ritt, die Händler aus dem Tempel trieb und auf Geheiß der kaiserlichen Macht starb. Und wieder will Lukas, dass wir verstehen, wie die Engel Gottes Herrlichkeit preisen, weil nun endlich der Weg des Friedens offen steht. Das ist die endgültige Neudefinition von Herrschaft, Macht und Herrlichkeit. Die kaiserlichen Planungen im Interesse seiner Herrlichkeit wurden von Gott verwandelt: durch sie wurde das wahre Reich errichtet.

Wenn Jesus der wahre König der Welt ist, dessen Herrschaft Macht und Ruhm neu definiert, so dass sie nun in der Krippe, am Kreuz und im Garten Gethsemane zu sehen sind, was bedeutet dann die Vaterunserbitte »Dein Reich komme«? Es ist die Bitte, dass dieses Reich, diese Macht und dieser Ruhm in der ganzen Welt erkennbar sein möge. Es reicht nicht aus (obwohl es der entscheidenden Einstieg ist), dass wir uns in unserem eigenen Leben Gottes alternativer Reichs-Vision verschreiben. Wir müssen beten und arbeiten, dass diese Vision Wirklichkeit wird und die Herren dieser Welt mit dem Anspruch ihres rechtmäßigen Königs konfrontiert werden. Wir können nicht das Vaterunser beten und uns gleichzeitig mit der Macht und dem Ruhm Caesars arrangieren. Wenn die Kirche nicht bereit ist, die Reiche der Welt mit dem Reich Gottes zu unterwandern, sollte sie lieber aufhören, das Vaterunser zu beten.

Ein Auszug aus N.T. Wrights Buch „The Lord and His Prayer“ (1997)

Dez 042011
 

Predigt zu Jesaja 35,3-10 am 4. Dezember 2011


Am Anfang war im Gottesdienst eine Szene über Landraub in biblischen Zeiten zu sehen. Mit einigen Bildern aus dem argentinischen Gran Chaco und von Kartoffelanbau in Peru (Quelle: Brot für die Welt) kamen aktuelle Bezüge dazu.

1 Die Steppe soll sich freuen, das dürre Land glücklich sein, die Wüste jubeln und blühen! 2 Mit Blumen soll sie sich bedecken, jauchzen und vor Freude schreien! Herrlich wie der Libanon soll sie werden, prächtig wie der Berg Karmel und wie die Ebene Scharon. Dann sieht das Volk die Herrlichkeit des Herrn, die Pracht und Hoheit unseres Gottes.
3 Macht die erschlafften Hände wieder stark, die zitternden Knie wieder fest! 4 Ruft den verzagten Herzen zu: »Fasst wieder Mut! Habt keine Angst! Dort kommt euer Gott! Er selber kommt, er will euch befreien; er übt Vergeltung an euren Feinden.«
5 Dann können die Blinden wieder sehen und die Tauben wieder hören. 6 Dann springt der Gelähmte wie ein Hirsch und der Stumme jubelt vor Freude. In der Wüste brechen Quellen auf und Bäche ergießen sich durch die Steppe. 7 Der glühende Sand verwandelt sich zum Teich und im dürren Land sprudeln Wasserquellen. Wo jetzt Schakale ihr Lager haben, werden dann Schilf und Riedgras wachsen.

Diese Prophetenworte sollen unser Vorstellungsvermögen trainieren. Wir sollen zu sehen lernen, dass in den Dingen mehr steckt, als wir denken.

Da ist eine kahle, trockene Wüste, aber wir sollen schon sehen, dass das ein lebendiges, fruchtbares Land werden soll, mit Quellen und Wasserläufen, voller Vegetation, voller Schönheit: Blumen und Wiesen soll es dort einmal geben. Und auch dieses unfruchtbare Land soll die Herrlichkeit Gottes widerspiegeln.

Für die Menschen damals, etwa 500 Jahre vor Christi Geburt, muss das eine Zumutung gewesen sein: sich vorzustellen, dass aus diesen kahlen Räumen voller Hitze und Staub eine blühende Landschaft werden könnte. Wir kennen heute ja einige Beispiele, wo tatsächlich durch Bewässerung und gute Pflege aus Wüsten Gärten geworden sind. Es gibt sogar Beispiele, wie Wälder neu entstanden sind, die vorher durch Abholzung und Erosion zerstört waren, wie auf kahle Hügel der Wald zurückkehrt, Wasser speichert, Humus bildet und wieder zu einem Lebensraum für Mensch und Tier wird. Daran hat damals niemand denken können. Sie hatten nur diese Bilder von der blühenden Wüste, aber diese Bilder haben ihnen Kraft und Hoffnung gegeben.

Man könnte sagen, diese Bilder haben die Fähigkeit der Menschen ausgeweitet, sich etwas vorzustellen, was es noch nie zuvor gegeben hat. Sie haben die Utopiefähigkeit gestärkt. Sie haben die Menschen gelehrt, etwas zu sehen, was eigentlich unvorstellbar war. Nicht einfach glühenden Sand und unwegsame Felsen bis zum Horizont zu sehen, sondern die Berufung dieser unfruchtbaren Räume zu entdecken: auch die sollen sich freuen und glücklich sein, sie sollen jubeln vor Freude, sie sollen die Herrlichkeit eines gewaltigen Waldes und die Fülle einer fruchtbaren Ebene ausstrahlen. Und daran soll man etwas ablesen können von der Herrlichkeit Gottes.

Ich bin im Spätsommer durch die Rheinebene gefahren, da wo die ersten Ausläufer des Schwarzwaldes beginnen, und da fallen einem sofort die ganzen Obstbäume auf. Es war vor der Ernte, und überall sah ich die Bäume über und über behangen mit Äpfeln, Birnen, Pfirsichen und Pflaumen und allem möglichen anderen Obst. Das alles strahlte so eine Fülle und so eine Fruchtbarkeit aus – da ist mir aufgegangen, wie auch eine Landschaft eine Botschaft aussenden kann. Gott hat die Erde so geschaffen, dass sie nicht stumm ist, sondern sie kann etwas ausdrücken. Bloß wir sind so unsensibel, dass wir das nicht verstehen. Und ich bin überzeugt, dass die Rheinebene wahrscheinlich noch viel mehr zu sagen hatte als das, was bei mir dann so gerade eben angekommen ist.

Und nun ist das Interessante, dass da bei Jesaja nicht einfach nur von Landschaften und Natur gesprochen wird, sondern gleich anschließend geht es um Menschen, die anscheinend mutlos und ohne Kraft sind. Menschen und Land gehören zusammen, und es geht ihnen gemeinsam gut oder schlecht.

Jesaja denkt das Volk Israel, das in der Gefangenschaft in Babylonien war und durch eine riesige Wüste von seiner Heimat getrennt war. Wenn sie in Richtung Heimat schauten, dann sahen sie dort eine trockene, unfruchtbare Fläche, die sich über Hunderte von Kilometern erstreckte. Und irgendwie spiegelte sich darin etwas von der Situation der Menschen: unfruchtbar, ohne Perspektive und aller Freude und Herrlichkeit beraubt lebten sie in einem Land, das ihnen nicht gehörte. Menschen und Erde gehören zusammen, auch in ihrer Niedergedrücktheit. Und sie werden nur gemeinsam geheilt und wiederhergestellt.

Deswegen vermischt sich das bei Jesaja: die Beschreibung einer Wüste, die zur blühenden Landschaft wird, und die Hoffnung auf Menschen, die wieder Mut fassen, die befreit werden aus Unterdrückung und einem perspektivlosen Leben in einem Land, in dem sie nicht zu Hause sind. Und wie die Wüste zum fruchtbaren, bewässerten Land wird, so sollen dann die Blinden wieder sehen können und die Gelähmten sollen tanzen.

Das waren damals kühne Bilder, die sie kaum verstehen konnten. Aber als Jesus kam, da rückte die Realität schon ein Stück näher an diese Bilder heran. Wenn Sie sich einen Augenblick noch einmal zurück erinnern an die Lesung vorhin, die Geschichte, wie Jesus 5000 Menschen mit fünf Broten und zwei Fischen satt macht: da sind sie in der Einöde, an einem unfruchtbaren Ort, und der wird durch Jesus zu einem Ort der Fülle. Es ist genug für alle da. Gott kommt und bringt seine Schöpfung wieder ein Stück näher an ihre Bestimmung heran.

Das ist ja das Thema des Advents: Gott kommt in die Welt und bringt sie wieder zurück zu ihrer ursprünglichen Bestimmung. Gott mischt sich ein. Menschen haben die Bausteine der Schöpfung durcheinander geworfen und Chaos angerichtet, Gott kommt und fügt es wieder richtig zusammen. Aber nicht irgendwie hinter unserem Rücken, ohne uns. So könnte man die Propheten des Alten Testaments manchmal noch verstehen. Bei Jesus sieht man aber, wie er die Menschen mit einbezieht: seine Jünger, die das Brot austeilen, die Menschen alle, die sich in kleinen Gemeinschaften lagern und das Brot weitergeben. Gott kommt und vollbringt sein Werk durch Menschen hindurch, die Jesus in Gemeinschaften des Lebens organisiert. Überall soll es solche Gemeinschaften des Lebens geben, die sich der Verwüstung von Erde und Menschen widersetzen.

Deswegen hat sich im Lauf der Jahre ein Hilfswerk wie Brot für die Welt immer mehr dahin entwickelt, dass man nicht Lebensmittel liefert (außer in akuten Notsituationen), auch nicht so sehr Maschinen schickt oder Gebäude erstellt, sondern es geht eigentlich immer darum, Menschen neue Perspektiven zu eröffnen, ihre Utopiefähigkeit zu stärken. Wenn Menschen erst einmal verstanden haben, dass sie gemeinsam kahle Berge aufforsten können, dass sie miteinander einfache Techniken lernen können, um ein besseres Leben ohne Hunger zu haben, dann tun sie das auch und kümmern sich um die Dinge, die sie dazu brauchen.

Was wirklich nötig ist, das ist diese Fähigkeit, sich Dinge vorzustellen, die es noch nie gegeben hat; einen Blick zu bekommen für die Berufung einer Landschaft, eines Menschen, einer Gemeinschaft; ein offenes Herz zu haben für die Herrlichkeit, die noch in der Erde verborgen ist, aber die angelegt ist in Gottes Schöpfung. Hier und da können selbst wir nicht die Augen verschließen vor der Schönheit der Welt und der Schönheit der Geschöpfe, und sie rührt uns an und erzählt uns von der Pracht und Größe Gottes. Aber viel zu oft sind wir blind und taub dafür und ruinieren die Erde mit unseren Brachialmethoden.

Aber Gott arbeitet daran, dass er in unseren Herzen und Gedanken ankommt. Vielleicht werden wir uns ja im Zuge des Klimawandels noch ganz anders danach sehnen, dass aus Wüste und zerstörtem Land wieder ein Garten wird, der Gottes Schönheit widerspiegelt. Die ganze Schöpfung wartet auf die Gemeinschaften des neuen Lebens. Wo es sie schon gibt, da geht es auch der Erde besser. Da werden Hänge terrassiert, Erosion gestoppt, die Vergiftung der Böden beendet und die natürliche Fruchtbarkeit angeregt. Da werden alte Techniken neu entdeckt und neue technologische Möglichkeiten entwickelt. Wo Menschen sich verantwortlich wissen für ein Stück Erde, da gedeiht sie. Die Bibel beschreibt das in dem Bild, dass »jeder unter seinem Weinstock und seinem Feigenbaum sitzen« kann. Das ist ein Bild dafür, dass jeder genug zum Leben hat. Und auch in unseren modernen Gesellschaften, wo Landwirtschaft gar nicht mehr so eine zentrale Rolle spielt, da brauchen wir erst recht solche Gemeinschaften des Lebens im Namen Jesu, damit irgendjemand diesen Blick wach hält für die Herrlichkeit der Geschöpfe. Sonst wird die Natur am Ende zu einem Anhängsel einer gewaltigen Maschine, die alles in sich hineinfrisst, verwertet und vernutzt, und die Erde verwüstet zurück lässt.

Dagegen stehen diese Bilder der Hoffnung: Verwüstete Landschaften, die zu bewässerten Oasen werden und die Schönheit Gottes widerspiegeln. Gemeinschaften des Lebens, die die Erde zu dem herrlichen Garten machen, der sie von Anfang an sein sollte. Menschen und Land miteinander jubeln über die Güte und Weisheit des Schöpfers.

Dez 032011
 

Ansprache zum Volkstrauertag am 13. November 2011 in Groß Ilsede

Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger,

wir begehen den Volkstrauertag in einem Jahr, das wie kaum ein anderes von Umwälzungen und Erschütterungen geprägt ist. Es hat begonnen mit dem arabischen Frühling, mit den Volkserhebungen in Tunesien, Ägypten, Libyen und Syrien. Dann wurden wir Zeuge, wie in Fukushima die Atomkraft ihre ganze zerstörerische Kraft zeigte, ausgerechnet in diesem leidgeprüften Land, das am Ende des zweiten Weltkrieges die Erfahrung von zwei Atombombenabwürfen machen musste. In Norwegen sahen wir mit Schrecken, zu welcher mörderischen Energie der Hass gegen alles Fremde und Unvertraute fähig ist, auch hier in Europa. Und schließlich erleben wir Woche für Woche, wie die Welt von den wirtschaftlichen Gewalten hin und her getrieben wird, die Menschen von ihren Fesseln befreit haben und nun nicht mehr bändigen können. Wer erinnert sich heute noch an die Lebensmittelskandale am Anfang des Jahres oder an Ministerrücktritte, die uns beschäftigt haben? Es ist, als ob das alles schon ewig zurückliegt, so viel ist inzwischen schon wieder passiert. Und das Jahr ist noch nicht zu Ende.

Mitten in diesen Unsicherheiten und Umwälzungen ist heute also der Volkstrauertag und erinnert uns daran, dass die Weltgeschichte auf die eine oder andere Weise schnell zu blutigem Ernst werden kann, eine Erfahrung, die uns in den vergangenen 66 Jahren hier in Europa durch unverdiente Gnade erspart geblieben ist. Zwei Drittel eines Jahrhunderts ohne Krieg und vergleichbare Katastrophen in unserem Land – ich wüsste nicht, dass es das jemals zuvor in unserer Geschichte gegeben hat.

Aber das hängt wohl auch damit zusammen, dass die Völker Europas nach den beiden großen Kriegen des vergangenen Jahrhunderts wirklich etwas gelernt haben: dass Krieg nichts sein darf, was immer mal wieder kommt, womit man sich abfindet und was man als letzte Möglichkeit gelegentlich in Kauf nehmen muss. Nein, Krieg darf nicht sein.

Deshalb haben unsere Väter und Mütter sich damals zwischen Gräbern und Ruinen geschworen: nie wieder Krieg, und sie haben es ins Grundgesetz geschrieben, und immer wieder haben wir es bekräftigt: von deutschem Boden darf nie wieder Krieg ausgehen. Und es mag sein, dass in der Weltpolitik die Deutschen da als zögerlich und unsicher gelten, aber diese Erfahrung der mörderischen Kriege hat uns mit gutem Grund sehr zurückhaltend gemacht in Bezug auf Krieg und Gewalt. Das ist ein kostbares, teuer erkauftes Erbe, dass viele Menschen in unserem Land sich ganz sicher darin sind, dass es wenige irdische Güter gibt, die wichtiger sind als Frieden.

Aber zum Frieden gehört nicht nur diese Zurückhaltung gegenüber militärischer Gewalt. Zu den besten europäischen Traditionen gehört die Überzeugung, dass es auf den Geist ankommt, auf die Werte, von denen man lebt, auf die Stärke des Mitleidens, und dass diese innere Stärke auf lange Sicht mehr erreicht als militärische Macht. Der Fall der Mauer und die Umwälzungen in Osteuropa vor mehr als zwei Jahrzehnten haben uns das noch einmal deutlich bestätigt. In der Freiheitsliebe und Opferbereitschaft junger Menschen in den arabischen Ländern, in der erstaunlichen Gewaltlosigkeit auch im Angesicht tyrannischer Regime begegnen uns heute unsere eigenen besten Traditionen, und wir sind gefragt, ob wir sie wiedererkennen und um diese zarte Pflanze bangen, die da völlig überraschend aufgeblüht ist.

Und genauso sind wir gefragt, ob wir auch angesichts weltbewegender Krisen und Umwälzungen an unseren Überzeugung festhalten wollen. Wir haben Werte und Erfahrungen, die nicht nur für die Schönwettersituationen gedacht sind, sondern die uns gerade in schwierigen Zeiten Orientierung geben. Sie sind kein Luxus, sondern Überlebensausrüstung. Ein Volk ohne Vision geht zugrunde, heißt es in der Weisheit des Königs Salomo. Gerechtigkeit und Solidarität, Freiheit und Mitleid, sie sind Geschwister des Friedens, und es sind die unsicheren Zeiten, in denen sie sich bewähren werden, wenn wir ihnen trauen.

In diesem Sinn: Gott behüte unser Land und lasse uns im Frieden leben!