Nov 202011
 

Predigt am 20. November 2011 (Ewigkeitssonntag) mit Philipper 1,21-26

21 Der Inhalt meines Lebens ist Christus, und ´deshalb` ist Sterben für mich ein Gewinn. 22 Andererseits kann ich, solange ich noch hier auf der Erde lebe, eine Arbeit tun, die Früchte trägt. Daher weiß ich nicht, was ich vorziehen soll. 23 Ich bin hin- und hergerissen: Am liebsten würde ich das irdische Leben hinter mir lassen und bei Christus sein; das wäre bei weitem das Beste. 24 Doch ihr braucht mich noch, und deshalb – davon bin ich überzeugt – ist es wichtiger, dass ich weiterhin hier auf der Erde bleibe. 25 Darum bin ich auch sicher, dass ich nicht sterben werde, sondern euch allen erhalten bleibe. Denn dann kann ich dazu beitragen, dass ihr im Glauben vorankommt und dass euch durch den Glauben eine immer tiefere Freude erfüllt. 26 Ja, wenn ich wieder bei euch bin, werdet ihr noch viel mehr Grund haben, auf Jesus Christus stolz zu sein und ihn für das zu preisen, was er durch mich für euch getan hat.

»Ich habe schon so oft gebetet, dass der liebe Gott mich von hier wegnimmt. Mit fällt das Leben so schwer. Aber er will mich wohl noch hier haben.« Worte, die ich nicht nur einmal von einem älteren Menschen gehört habe, und Sie vielleicht auch. »Er will mich wohl noch hier haben.« Ganz ähnlich schreibt es der Apostel Paulus: ich weiß, »dass ich euch allen erhalten bleibe. Dann kann ich euch helfen, dass ihr weiterkommt und die volle Freude erlebt, die der Glaube schenkt.« Obwohl, eigentlich würde er sich eher wünschen, diese Welt zu verlassen und bei Christus zu sein: »Ich möchte am liebsten aus diesem Leben scheiden und bei Christus sein; das wäre bei weitem das beste«. Da merkt man, was vielleicht doch ein Unterschied ist: bei Paulus ist es nicht Müdigkeit und der Wunsch, die Last dieses Lebens loszuwerden, viel stärker bewegt ihn die Freude auf die Zukunft bei Jesus.

Als Paulus das schrieb, saß er im Gefängnis, und es war nicht entschieden, ob er da lebend rauskommen würde. Wenn man ganz deutlich mit dem möglichen Tod konfrontiert wird, in so einer Lage denkt man gründlich nach über die eigenen Motive, darüber, was man wirklich will. Das ist ja nicht immer sonnenklar, aber in manchen Zeiten wird es ganz deutlich, was einem wirklich wichtig ist. Dann sagen Menschen: jetzt habe ich gemerkt, woran mir wirklich liegt im Leben. Wieviel mir bestimmte Menschen wert sind, wieviel mir an Schönheit liegt, an der Natur, an einem Leben, das erfüllt ist und nicht nur so dahin gelebt wird.

Für Paulus stellt sich die Alternative so dar:

entweder ich werde dieses Gefängnis nicht überleben. Dann passiert mir das Beste, was ich mir vorstellen kann: ich werde endlich ganz und voll bei Jesus sein. Er wird mein Leben bewahren, bis die neue Welt beginnt, die erneuerte Schöpfung, die endlich so ist, wie Gott sie von Anfang an im Sinn hatte.

Wir müssen uns einen Augenblick klar machen, was das bedeutet: Paulus liebt Jesus. Er ist völlig überzeugt von diesem Menschen. Die ganze Art von Jesus ist ihm in Fleisch und Blut übergegangen. Und ab und zu hat er davon geschrieben, dass das trotz allem hier auf der Erde immer nur vorläufig und nicht klar genug ist. Und dass einmal der Tag kommen wird, wo er ihm endlich begegnen wird von Angesicht zu Angesicht. Und dass das noch etwas ganz anderes sein wird als in diesem mühsamen Leben, das immer wieder so hart ist, das immer wieder so eine Last ist, wo so vieles nicht stimmt, wo es so viele schmerzliche Abschiede gibt, wo wir vor so vielen Dingen Angst haben und auch Jesus Christus nur bruchstückhaft und undeutlich verstehen. Gerade weil Pauls Jesus so gut kennt wie kaum ein anderer, deshalb merkt er auch so schmerzlich, wie dieses ganze Leben von vielen anderen Dingen geprägt wird und es immer nur hier und da solche Highlights gibt, Momente, wo der Blick auf Gott frei wird und wir eine Ahnung davon bekommen, wie er wohl wirklich ist.

Und deshalb sagt Paulus: der Tod wäre nicht schlimm für mich. Was dann auf mich wartet, das ist viel besser als alles, was ich bisher erlebt habe. Verstehen Sie, es geht nicht um den Tod als Erlösung von einem schlimmen Leiden. Sondern der Tod ist ein Durchgang zur endgültigen Gemeinschaft mit Jesus, und Paulus wartet darauf schon lange.

Er denkt nicht nach dem Muster: besser gar nicht leben als sich so quälen müssen. Sondern er sieht einfach, was dahinter liegt. Der Tod selbst ist nichts Positives, aber Paulus weiß, dass der für ihn ein Durchgang ist zu der neuen Welt, die ganz und gar von Jesus gestaltet ist, und wo wir Jesus endlich in Fülle und Klarheit begegnen werden.

Dietrich Bonhoeffer hat daran gedacht, als er in einem Gedicht über den Tod schrieb: »Komm nun, höchstes Fest auf dem Wege zur ewigen Freiheit«. Damals hatte er wirklich nur noch ein Dreivierteljahr zu leben, dann haben ihn die Nazis umgebracht. Und wir haben den Bericht eines Gefängnisarztes, der ihn kurz der Hinrichtung gesehen hat und tief beeindruckt war von der Getrostheit und Sicherheit, mit der er auf seinen Tod zugegangen ist. So stelle ich mir auch Paulus in seiner letzten Stunde vor.

Aber Paulus ahnt, als er den Brief schreibt: so weit ist für ihn noch gar nicht, und deshalb beschäftigt er sich mit der anderen Möglichkeit: weiterleben. Weiter in dieser Welt seinen Weg mit Jesus Christus gehen. Weiter Menschen an Jesus erinnern, ihnen helfen, ihn in ihr Leben aufzunehmen und sich von ihm leiten zu lassen.

Das bedeutet, sich weiter einzulassen auf diesen mühsamen und oft schmerzlichen Weg durch die Welt. Es bedeutet, die Tatsache anzuerkennen, dass wir hier auf Erden immer wieder mit Leid, Trennung und Schmerzen konfrontiert sein werden. Wir würden uns zwar alle gern einen sicheren Ort schaffen, wo die Nöte der Welt nicht einbrechen können: eine Oase mit einer hohen Mauer drumherum, wo die ganzen Probleme draußen bleiben, wo wir drinnen keine Angst haben müssen, wo die tägliche Versorgung gesichert ist, wo es keinen Krankheiten gibt, und geschossen wird nur draußen – würden wir uns das nicht wünschen?

Aber wir wissen alle, das geht nicht. Da kommen Flüchtlinge aus weniger glücklichen Ländern, Arbeitslosigkeit macht sich auch bei uns breit, noch nicht mal die Rente scheint mehr sicher zu sein, und wenn uns dann auch noch persönliche Schläge treffen, dann wird uns endgültig klar, dass es so einen sicheren Ort nicht gibt, den man abschotten könnte vom Unglück ringsum.

So ist die Realität: wir leben in einer wunderbaren Welt, aber auch in einer Welt des Leidens, über die Gott bittere Tränen vergießt. Jesus ist gekommen und hat sich dieser Realität gestellt, um sie zu heilen. Als Einziger hätte Jesus tatsächlich so einen sicheren Ort gehabt, an dem ihn das Leid nicht berührt hätte. Er hätte im Himmel bleiben können. Aber er wollte die Welt nicht sich selbst überlassen. Und er sucht nach Menschen, die sein Engagement für die Welt teilen, die mit ihm hier das Licht Gottes ins Dunkel bringen. Und da sagt Paulus: wenn du mich dafür jetzt noch auf der Erde brauchst – ich bin bereit dazu.

Deswegen haben wir mit Blick auf Jesus immer zwei gute Möglichkeiten vor uns: zu bleiben oder zu ihm zu gehen. Und das Beste ist, dass wir uns nicht dazwischen entscheiden müssen, sondern wir werden sie beide erleben, und selbst die Qual der Wahl ist uns abgenommen. Gott kümmert sich um den Himmel, damit wir frei sind, hier auf der Erde an seinem Werk teilzunehmen. Wir sollen uns der Mühsal und dem Leid der Welt stellen, es mitleiden und dann lernen, in der Kraft Gottes dem Dunklen standzuhalten. Menschen sollen mit Gott Frieden schließen, wenn sie sehen, dass er die Kraft gibt, die auch dem Dunklen und Traurigen widerstehen kann.

Als Jesus kam, da hat er eine Kraft in die Welt gebracht, die nicht vor den Dunkelheiten und Schmerzen der Welt kapituliert: die Kraft des Heiligen Geistes. Obwohl wir uns keinen sicheren Ort in der Welt schaffen können, obwohl die Zerstörung immer wieder einbricht, und das auch durch uns selbst, trotzdem überwindet diese Kraft immer wieder und gibt uns eine Ahnung von der wirklichen Kraft Gottes. Diese Kraft hat Jesus von den Toten auferweckt, und sie wirkt im Leben eines Menschen, der Jesus anruft und um sein Leben bittet. Vor allem wirkt sie unter Menschen, die das nicht allein tun, sondern die sich im Namen Jesu zusammenschließen und ihn so noch viel besser kennenlernen. Und dann wirkt die Kraft Gottes auch unter Tränen und Schmerzen, auch, wenn einer glaubt, dass er es nicht mehr aushält, sie wirkt mitten in großen und kleinen Katastrophen. Und sie lässt Menschen in harten Zeiten doch mit Freude im Herzen leben.

Diese Kraft Jesu in der Welt, das ist die Antwort für unseren Wunsch nach einem sicheren Ort – auch dann, wenn man wie Paulus dem Tod ins Auge sehen muss. Da gehören die Sicherheit durch die Kraft Gottes und das Erleiden der Welt zusammen, so verrückt das klingt. Die Hilfe ist dort zu finden, wo die Gefahr am größten scheint. Und manchmal entdecken wir diese Kraft Gottes erst dann, wenn uns alles andere aus der Hand geschlagen wird, wenn wir mit dem Rücken zur Wand stehen und gar keine andere Wahl haben als Gott und seinen Möglichkeiten zu vertrauen. Vorher scheint uns das so unwahrscheinlich, so quer zu allen unseren anderen Erfahrungen. Aber wenn es so weit ist, dann sind wir manchmal sehr nah dran an der Entdeckung der Möglichkeiten Gottes.

Natürlich ist das keine Automatik, und es laufen genügend Menschen herum, die schlimme Dinge erlebt haben, ohne dass sie dadurch weitergekommen wären. Was schlimme Zeiten mit uns machen, das hängt aber ganz stark damit zusammen, wie wir da hineingegangen sind. Es ist schwerer, wenn es uns trifft, ohne dass wir uns darauf vorbereitet haben. Es ist viel besser, wenn wir an der Hand Jesu auf Tiefen in unserem Leben zugehen. Wenn wir schon mit ihm vertraut sind, und wenn wir mit Menschen verbunden sind, die uns an ihn erinnern, dann werden wir ihn im entscheidenden Moment viel leichter wiedererkennen: auch wenn wir krank sind, auch wenn wir allein sind, oder sogar wie Paulus im Gefängnis. Wir haben dann das Zutrauen, dass wir Jesus da finden werden, weil er auch vorher schon in vielen Situationen vertrauenswürdig war. Und wir haben Menschen, an denen er erkennbar wird.

So kann die Kraft Gottes auch dann da sein, wenn Sicherheiten zerbrechen und Selbstverständlichkeiten vergehen. Und man kann unter Druck sein und trotzdem ganz stark merken, wie Jesus da ist. Das ist keine verstandesmäßige Theorie, sondern wir erleben es als ganze Menschen mit Mut und Zuversicht und getröstetem Herzen, obwohl wir eigentlich eher angstvoll und bedrückt sein müssten.

Paulus war die Erfahrung dieser Begegnung so wichtig, dass er sagte: das ist es, was ich wirklich möchte. Christus ist mein Leben. Von ihm soll mein ganzes Leben gestaltet sein. Mit ihm wird sogar Sterben mein Gewinn. Vielleicht werde ich mit Bangen auf meinen Tod zugehen, aber ich weiß, dass Jesus kommen wird und meine Hand halten wird und mich hindurchbegleiten wird. Auch dort wird mich die Kraft Gottes nicht im Stich lassen. Ich werde nie von ihm getrennt sein.

Nov 132011
 

Predigt zu Römer 7,18-25 am 13. November 2011 (Predigtreihe Römerbrief 20)

18 Ich weiß ja, dass in mir, das heißt in meinem Fleisch, nichts Gutes wohnt. Obwohl es mir nicht am Wollen fehlt, bringe ich es nicht zustande, das Richtige zu tun. 19 Ich tue nicht das Gute, das ich tun will, sondern das Böse, das ich nicht tun will. 20 Wenn ich aber das, was ich tue, gar nicht tun will, dann handle nicht mehr ich selbst, sondern die Sünde, die in mir wohnt. 21 Ich stelle also folgende Gesetzmäßigkeit bei mir fest: So sehr ich das Richtige tun will – was bei mir zustande kommt, ist das Böse. 22 Zwar stimme ich meiner innersten Überzeugung nach dem Gesetz Gottes mit Freude zu, 23 doch in meinem Handeln sehe ich ein anderes Gesetz am Werk. Es steht im Kampf mit dem Gesetz, dem ich innerlich zustimme, und macht mich zu seinem Gefangenen. Darum stehe ich nun unter dem Gesetz der Sünde, und mein Handeln wird von diesem Gesetz bestimmt. 24 Ich unglückseliger Mensch! Mein ganzes Dasein ist dem Tod verfallen. Wird mich denn niemand aus diesem elenden Zustand befreien? 25 Doch! Und dafür danke ich Gott durch Jesus Christus, unseren Herrn. Es gilt also beides: Während ich meiner innersten Überzeugung nach dem Gesetz Gottes diene, diene ich doch gleichzeitig mit dem Fleisch dem Gesetz der Sünde.

Wer ist dieses »Ich«, das Paulus hier dauernd sprechen lässt? »Ich tue nicht das Gute, das ich tun will, sondern das Böse, das ich nicht tun will.« »Ich stehe unter dem Gesetz der Sünde« usw. War Paulus einfach jemand, der innerlich zerrissen war, der hin und her schwankte zwischen seinen guten Absichten und der Erfahrung, dass er dann doch immer wieder der Versuchung unterlag? So wie jemand, der sagt: ach, jetzt konnte ich doch der Sahnetorte nicht widerstehen, aber ab morgen halte ich meine Diät bestimmt ein; ja, ich musste dieses neue Paar Schuhe einfach kaufen, ich habe eben einen Schuhtick? Ja, ich wollte ja im Internet nicht mehr auf diese Seiten gehen, aber irgendwie ist es so gekommen, ich habe jetzt doch wieder einen Haufen Geld verspielt?

Wir haben aber keinen Hinweis darauf, dass Paulus jemand war, der so innerlich zerrissen gewesen wäre, jemand, der sich augenzwinkernd irgendwie mit seinen »kleinen Lastern«, wie es dann immer heißt, versöhnt hätte. Noch viel weniger hätte er gesagt: ja, so ist das eben, das gehört zur menschlichen Natur, davon kommen wir nicht los. Paulus war nicht hin und her gerissen, er war ein ganzer und klarer Mensch. Und für ihn war das Gesetz auch nicht der Diätplan oder irgendwelche moralischen Prinzipien, sondern es war das biblische, das alttestamentliche Gesetz, das Gott Mose am Sinai gegeben hatte, die Lebensordnung des freien Israel. Die Grundlage für eine freie Gesellschaft, in die die ehemaligen Sklaven des Pharao aufgebrochen waren.

Das heißt, Paulus redet hier nicht von sich selbst und seinen immer neuen moralischen Klimmzügen. Er redet von Israel. Er redet von dem Volk, das berufen ist, Gottes Alternative in dieser Welt zu sein, und das es nicht schafft, das zu verwirklichen. Wer sich etwas Konkretes vorstellen möchte bei diesen sehr abstrakten Gedanken von Paulus, der kann an die Geschichte vom Zolleinnehmer Levi denken, die wir vorhin als Evangelium gehört haben (Markus 2, 13-17). Levi, ein Sohn Israels, der sehr wahrscheinlich mindestens teilweise nach dem Gesetz lebt, seine Kinder beschneiden lässt, kein Schweinefleisch isst und meistens den Sabbat größtenteils einhält, dieser Levi sitzt als Handlanger der heidnischen Besatzer an der Zollstation und beraubt im Bunde mit den Römern seine israelitischen Brüder. Das ist das Dilemma Israels in einer Momentaufnahme zusammengefasst. Das ist so eine Szene, die Paulus vor Augen gehabt haben könnte, als er schrieb:

22 Zwar stimme ich meiner innersten Überzeugung nach dem Gesetz Gottes mit Freude zu, 23 doch in meinem Handeln sehe ich ein anderes Gesetz am Werk. Es steht im Kampf mit dem Gesetz, dem ich innerlich zustimme, und macht mich zu seinem Gefangenen. Darum stehe ich nun unter dem Gesetz der Sünde, und mein Handeln wird von diesem Gesetz bestimmt. 24 Ich unglückseliger Mensch! Mein ganzes Dasein ist dem Tod verfallen.

Paulus versucht auf einer grundsätzlichen Ebene zu analysieren, was da an der Zollstation und in einem wie Levi vorgeht. Der weiß ja, was richtig ist. Der möchte das eigentlich auch tun. Aber die Verhältnisse, die sind nicht so. Die Römer sind nun mal militärisch stärker, sie sind die Herren. Die politischen Führer kollaborieren mit den Feinden, auch wenn sie nach außen immer mal wieder so tun, als ob sie auf Unabhängigkeit bedacht sind. Gut bezahlte Arbeitsplätze sind Mangelware. Und Levi hat eine Familie zu ernähren. Die anderen machen es doch auch. Und wenn er den Posten als Zolleinnehmer nicht nimmt, dann macht es ein anderer. Also, soll er die Chance ausschlagen, wenn er sie bekommt? Jeder andere würde das doch auch tun! Und so wird er Zolleinnehmer, sicher mit schlechtem Gewissen, eigentlich wäre er lieber was Ehrliches, aber die Verhältnisse sind eben nun mal nicht so, wie man es sich wünschen würde. Und der eine leidet ehrlich unter der Situation, und der andere schmeißt nach und nach alle Bedenken über Bord und wird immer skrupelloser und raffgieriger.

Das ist das Dilemma, um das es Paulus geht, und das in vielen Variationen alle Juden damals betraf. Da sind die Zöllner, da sind die Prostituierten, da sind all die anderen, die in den Evangelien pauschal »die Sünder« heißen, weil an ihnen das Dilemma Israels besonders deutlich wird, aber es betrifft ganz Israel: Wir haben einen Auftrag, eigentlich wissen wir das, eigentlich möchten wir ihn ausführen, aber wir sind unter das Gesetz der Macht, der Ausbeutung und der Gewalt verkauft, unter das Gesetz der Sünde, unter das Gesetz der Welt.

Und als gute Juden wussten sie, dass man dann nicht sagen kann: ich habe es doch gut gemeint! Paulus würde sagen: gerade weil du den Willen Gottes kennst, weil du ihn eigentlich tun willst, deswegen wirst du schärfer beurteilt. Die Heiden kennen den Willen Gottes nicht, die kriegen mildernde Umstände wegen Ahnungslosigkeit. Aber ihr seid Israel! Ihr kennt den Willen Gottes! Und deshalb werdet ihr viel härter beurteilt werden, wenn ihr ihn de facto nicht tut.

Und, liebe Freunde, habt ihr bei all dem nicht schon längst an uns gedacht? Wir sind nicht Israel, aber hier in Deutschland haben wir seit über 1000 Jahren Kontakt mit dem Willen Gottes, mit der Bibel, wir sind keine blinden Heiden mehr. Und dann, als vor knapp 80 Jahren hier bei uns Hitler an die Macht kam und den zweiten Weltkrieg anzettelte, da haben am Ende viele Menschen zwischen Trümmern und Gräbern verstanden: ja, Gottes Gesetz zu übertreten führt geradewegs in die Katastrophe, und damals haben doch viele etwas gelernt, und das hat bis heute in der Seele unseres Volkes Spuren hinterlassen, gute Spuren. Das ist ein kostbares, teuer erkauftes Erbe, dass viele Menschen in unserem Land sich ganz sicher darin sind, dass Frieden ein ganz wichtiges Gut ist. Dass ganz viele Menschen immer noch diesen Satz unterschreiben würden: »Von deutschem Boden darf nie wieder Krieg ausgehen«. Das ist längst nicht in allen Ländern so, und unsere Regierenden schämen sich wahrscheinlich immer ein wenig, wenn sie sich mit den Mächtigen der Welt treffen und dann sagen müssen: nein, wir zahlen gerne, aber richtig Krieg führen, nein, das ist bei unseren Leuten nicht populär, die Deutschen sind da so empfindlich.

Aber wie es dann so ist: die Verhältnisse, die sind nicht so. Und dann gibt es doch politische Konstellationen, in denen man das nicht durchhalten kann, und auf einmal sterben und töten Deutsche eben doch in Afghanistan, auf dem Balkan oder wo auch immer.

Und wenn man sich umschaut, dann finden wir genauso in unserem alltäglichen Leben überall solche Situationen: unser Notgroschen auf der Bank oder die Altersversorgung bei der Lebensversicherung destabilisieren vielleicht gerade den Euro, für unseren Computer haben vielleicht chinesische Frauen unter entwürdigenden Arbeitsbedingungen geschuftet, für die Klamotten ebenfalls, und den Stein für unsere Grabplatte haben indische Kinder für einen Hungerlohn zurecht gehauen. Das Hähnchen auf dem Teller hat in seinem kurzen Leben nicht das Licht gesehen und obendrein dafür gesorgt, dass Keime entstehen, gegen die Antibiotika nicht mehr helfen. Wir wollen das alles nicht, aber in unserem Handeln ist ein anderes Gesetz am Werk, wie Paulus es sagt: du weißt, dass es nicht richtig ist, aber du steckst drin in den Strukturen, du musst deine Familie ernähren, und ein bisschen gut leben willst du auch, und irgendwie gewöhnst du dich an den Zynismus des normalen Lebens.

Und dann sitzt da so ein netter Landwirt und sagt: ich liebe meine Küken, aber wir richten uns doch auch nur nach dem Markt, und der Verbraucher – also du! – will das doch. Ihr wollt das doch! Ihr seid alle Komplizen. Das ist das Problem, über das Paulus hier schreibt.

Und man kann sich jetzt damit beruhigen, dass das doch alle tun, und dass wir es doch gut meinen, und dass das Leben sowieso ein endloses moralisches Dilemma ist. Paulus tut das nicht. Er endet diese Analyse mit einem Aufschrei: Ich elender Mensch! Wer holt mich da raus? Am Ende wird nicht zählen, dass ich es immer gut gemeint habe. Am Ende zählt, was effektiv hinten rauskommt, und das ist Tod und Zerstörung. Wer rettet mich aus diesem Leib des Todes, wie es wörtlich heißt, aus diesen elenden Verstrickungen, aus diesen Todesstrukturen? Wer befreit mich davon, sehenden Auges immer mehr Schaden anzurichten und mich am Ende daran zu gewöhnen und zynisch zu werden? Wer rettet mich davor, die Welt zu zerstören, in der meine Kinder einmal leben sollen?

Dank sei Gott! sagt Paulus, durch Jesu Christus, unseren Herrn. Der kommt und holt Levi weg von seiner Zollstelle. Levi, Zachäus, Maria Magdalena und wie sie alle heißen. Alle hat er sie weggeholt aus dem Leib des Todes, aus den übermächtigen Verstrickungen, aus denen sie sich allein nicht befreien konnten. Levi hatte eine Familie zu versorgen, wenn er es nicht tut, tut es ein anderer, die Verhältnisse sind nun mal so, der Verbraucher will es doch – und trotzdem holt Jesus ihn raus. Folge mir, komm mit, ich zeige dir ein neues Leben ohne all diese Kalamitäten und Verstrickungen. Komm!

Das ist Erlösung. Jesus zeigt neue Wege, wo alle behaupten, es gäbe keine. Jesus sagt: du musst nicht mehr sehenden Auges in dein Verderben laufen. Ich bin da. Folge mir. Komm mit. Werde ein ganzer, ein klarer, ein aufrechter Mensch ohne verborgene Hintergedanken, der sich jeden Morgen mit Freude im Spiegel ansehen kann. Werde ein Mensch des Lebens. Ich bin da. Folge mir! Komm mit auf meinem Weg.

Das ist das Werk Jesu bis heute: Menschen herausholen aus der Komplizenschaft mit den zerstörerischen Strukturen jeder Art und uns von neuem ein Leben geben, bei dem wir uns jeden Morgen mit Freude im Spiegel ansehen können. Das ist das Werk des Heiligen Geistes, über das Paulus im nächsten Kapitel schreiben wird. Und wir haben eine lange Tradition, in der dieses Werk ins Innere der Menschen verlegt wird, ins Gewissen. Aber wir sehen an Levi, dass dazu auch ein Aufbrechen und Mitgehen gehört. Das fängt zwischen zwei Menschen an, in Kopf und Herz, aber das ist nicht mehr dieses alte Mantra »ich meine es doch gut«. Sondern es ist eine neue Sicht der Welt, wo die alten Klischees und Bilder, die uns gefangen hielten, ihre Kraft verlieren – und wir werden frei. Die Bibel erzählt oft gar nicht so viel davon, was Menschen dann anschließend machen, aber es ist deutlich, dass jetzt nichts mehr so wie früher ist. Levi sieht neue Perspektiven, und er feiert sie mit seinen Zöllnerfreunden, und er geht mit Jesus mit. Es geht um eine neue Art zu denken, eine Renovierung unseres Gehirns. Daraus wächst das neue Leben. Und dann fühlen wir uns nicht mehr gefangen in allen möglichen Arten von Dilemma.

Als wir im letzten Jahr hier in der Gemeinde begonnen haben mit dem Thema »Fair leben«, da war das der Hintergrund: die Frage nach einem Leben, das sich nicht in alle möglichen Komplizenschaften verstrickt, ein Leben, bei dem man sich mit Freude im Spiegel ansehen kann. Und ich glaube, in vielen anderen Gemeinden hätte es die Frage gegeben: ist das denn noch das Eigentliche? Geht es nicht letztlich um die Rettung von Seelen, geht es nicht um Innerliches, um Religiöses und nicht um solche banalen Dinge wie Massenviehhaltung usw.? Ich bin stolz darauf, dass das bei uns gar keine Rolle gespielt hat. Und hier in Römer 7 und bei Jesus und Levi sehen wir, wieso das stimmig ist. Von Jesus und Paulus an geht es genau um diese Art von Befreiung aus einem todesverstrickten Leben. Das sieht äußerlich immer wieder anders aus, aber in der Tiefendimension hängt das zusammen. Wir können das noch längst nicht so gut und so stark, wie es nötig wäre, aber die Richtung stimmt. Und dass wir das zusammen angefangen haben, das sagt mir, dass unter uns schon etwas gewachsen ist von diesem neuen Leben des Heiligen Geistes.

Und damit sind wir an der Schwelle zum 8. Kapitel. Das ist das Zentralkapitel des Römerbriefes. Das Kapitel über den Heiligen Geist, in dem Paulus Spitzensätze formuliert, wie sie wirklich auch in der Bibel nur an wenigen Stellen zu finden sind. Da werden alle Fragen geklärt, die bis jetzt nur anfänglich beantwortet worden sind. Ich hoffe es jedenfalls. Jetzt kommt erst mal Advent und Weihnachten, aber im neuen Jahr geht es weiter mit dem Römerbrief, und ich bin so gespannt, was da zu finden sein wird.

Diese Frage: »wer wird mich aus diesem Leib des Todes retten?« – ich weiß nicht, ob das auch deine Frage ist. Ich weiß auch nicht, wie dringlich sie dir ist gegenüber anderen Fragen. Fragen wie »Bekomme ich das Auto noch mal durch den TÜV?« oder »schaffe ich die Geburtstagsvorbereitungen alle rechtzeitig?« sind ja auch nicht ohne. Aber Paulus ist überzeugt, dass es keine wichtigere Frage gibt als die nach der Rettung aus den Widersprüchen, die uns zu einem Komplizen des Todes machen. Von da aus werden sich auch die anderen Fragen klären. Paulus denkt, dass diese Frage ganz praktisch an die erste Stelle auf unserer Prioritätenliste gehört. Und ich schließe mich ihm an.

Nov 072011
 

Predigt zu 1. Könige 3,5-28 am 6. November 2011

Wir haben hier auf dem Titelbild des Gottesdienstes zwei ganz unterschiedliche Weise dargestellt: ein Bild vom weisen König Salomo und eins vom weisen Yoda, einem der Sympathieträger aus der Filmreihe »Krieg der Sterne«. Anscheinend hat Weisheit zu allen Zeiten fasziniert: dass manche Menschen ein sehr weites Feld von Zusammenhängen überblicken können. Aber wir wissen es alle spontan: es geht dabei nicht um eine Menge an Informationen. Nein, es geht bei der Weisheit darum, das Wesentlich zu sehen, tiefer zu sehen, verborgene Zusammenhänge zu entdecken.

Aber selbst das ist noch nicht alles, was zur Weisheit dazugehört. Um ein Weiser zu sein, muss man vor allem sich selbst kennen. Weise ist nur der, der einen Abstand wahren kann zu sich selbst, der es schafft, sich nicht von seiner Furcht leiten zu lassen, der selbst offen genug ist, um die Dinge unverstellt anzusehen, statt sie sich mit Macht zurechtzubiegen. Weise ist der, der demütig ist.

Lassen Sie uns in einem kleinen Filmclip anschauen, wie das aussieht. Es ist ein Ausschnitt aus der ersten Episode der Star Wars-Reihe. Da steht ein kleiner Junge, Anakin Skywalker, vor dem Rat der Jedi. Wer die Filme kennt, der weiß, dass dieser Junge eines Tages als Lord Vader sehr viel Unheil über die Galaxis bringen wird. Hier ist das noch kaum zu spüren, aber ein Weiser kann das schon ahnen.
[youtube_sc url=IlG036QLp-8 width=430]
»Furcht ist der Weg zur dunklen Seite« sagt der weise Yoda. »Furcht führt zu Wut, Wut führt zu Hass, und Hass führt zu unsäglichem Leid«. Man kann an diesen Worten sehen, wie Weisheit funktioniert: da hat einer in einem langen Leben viel gesehen. Aber er hat es auch geschafft, da eine Erfahrung herauszudestillieren: Menschen lassen sich von ihrer Furcht verführen, ein falsches Selbst voller Wut und Hass aufzubauen. Sozusagen eine psychische Rüstung, von der sie sich versprechen, beschützt zu werden und keine Schmerzen mehr spüren zu müssen. Aber gerade so vermehren sie das Leid.

Und weil der Weise das nicht nur weiß, sondern weil er es auch in selbst entdeckt und dann überwunden hat, deshalb kann er es auch an anderen sehen und in aller Ruhe benennen. Er lässt sich nicht von der Furcht anstecken, weil seine Perspektive weiter ist, weil sein Horizont nicht auf seine unmittelbaren Empfindungen begrenzt ist. Er kann die Dinge stärker so sehen, wie sie wirklich sind.

Vom weisen König Salomo gibt es die berühmte Geschichte, wie zwei Frauen zu ihm kommen und sich um ein Kind streiten. Beide wohnen zusammen, beide haben ein Kind geboren, eins davon ist gestorben, und beide behaupten, das überlebende Kind wäre ihres. Das ist eine brenzlige Situation für den König, denn dieser Streit ist eigentlich nicht zu entscheiden, es steht Aussage gegen Aussage, DNA-Tests gab es noch nicht, und er muss entweder ein Willkürurteil fällen oder zugeben, dass er überfordert ist.

Stattdessen lässt er sich sein Schwert bringen und entscheidet, man möge das Kind einfach in zwei Hälften teilen und jeder Frau eine Hälfte geben. Die eine Frau ist damit einverstanden, die andere aber nicht – sie verzichtet auf ihre Hälfte, damit das Kind lebendig bleibt. Und daraufhin entscheidet der König, dass das die wahre Mutter ist, weil sie das Kind wirklich liebt.

Das ist das berühmte Salomonische Urteil: ein Urteil, das so offensichtlich überzeugend ist, weise ist, dass niemand etwas dagegen sagen kann. Wie schafft es einer, dass ihm so etwas im richtigen Moment einfällt?

Ich glaube, dass man dafür tatsächlich ein gewisses Maß an Lebenserfahrung braucht. Man muss erst einmal über längere Zeit die Menschen beobachtet haben, bis man versteht, wie sie ticken. Oberflächlich gesehen ist die Strategie der falschen Mutter ja völlig logisch und unangreifbar: wenn sie behauptet, das überlebende Kind sei ihres, dann hat sie mindestens eine 50%-Chance, das Kind zu bekommen. Ihre Chance ist genauso groß wie die der echten Mutter. Die beiden gleichen sich sozusagen wie ein Ei dem anderen. Aber wer weise ist, der blickt dahinter, auf die Motive der Menschen, und in ihren Motiven unterscheiden sich die beiden Frauen. Daran kann der König sie packen. Er muss nur noch ein Szenario herstellen, in dem diese Motive ganz offensichtlich werden.

Um diese Kreativität zu entwickeln, darf der König sich nicht fürchten. Wenn in ihm die Angst aufsteigt, sich zu blamieren, dann wird er das Einfache tun und willkürlich entscheiden, nur um sich als Mann der Tat zu präsentieren, als energischer Entscheider. Tatkraft demonstrieren, auch wenn man ratlos ist.

Aber Salomo hat ein einschneidendes Erlebnis hinter sich. Gott ist ihm im Traum erschienen und hat ihm gesagt: du hast einen Wunsch frei!. Nun, was hätten Sie sich ausgesucht? Salomo antwortete: gib mir ein gehorsames Herz, damit ich dein Volk richten kann und verstehe, was gut und böse ist. Und Gott erfüllte ihm den Wunsch. »Siehe, ich gebe dir ein weises und verständiges Herz« sagte er zu ihm. So wurde Salomo weise.

Diese Geschichte soll uns natürlich nicht sagen, dass man Weisheit nur per Vision bekommt. Sie sagt etwas darüber, zu welchen Bedingungen Weisheit zu erwerben ist.

In der Bibel wird Weisheit gleichgesetzt mit einem gehorsamen Herzen. Und in dem Wort Gehorsam steckt ja »Hören« drin. Weisheit bekommt man, indem man hört. Wir sind alle normalerweise viel mehr mit Reden beschäftigt: entweder wir reden anderen die Ohren voll, oder wir erzählen uns selbst immer wieder das, was wir sowieso schon wissen. Aber so wird man nicht weise. Die Weisen aller Kulturen sind sich einig, dass man Hören lernen muss, um weise zu werden. Du musst den Menschen zuhören, um zu verstehen, wie sie ticken. Du musst verstehen, von welchen Motiven sie bewegt sind, nur so kannst du richtig mit ihnen umgehen. Nur wenn du geduldig auf die Menschen hörst, dann entdeckst du nach und nach die bleibenden Muster in ihrem Verhalten.

Und so haben die Weisen Israels einen großen Schatz an Erfahrungswissen zusammengetragen und zu Sprichwörtern geformt. In jeder Generation kam wieder etwas dazu. Und so haben wir in den Sprichwörtern der Bibel, dem Buch der Sprüche, einen großen Schatz von Beobachtungen über Beruf und Familie, über Arbeitsmoral und den Umgang mit Untergebenen und Vorgesetzten, über Geld und Politik. Und immer wieder hören wir dazwischen die Mahnungen der Weisen: bleib entspannt, ereifere dich nicht, vertraue Gott und der Welt, lass dich nicht zu Zorn oder Gier hinreißen, denk nach, bevor du redest, bleib bescheiden, prahl nicht rum, versuch nicht, etwas mit List und Gewalt hinzutricksen, das funktioniert nicht.

Übrigens: was vom Hören auf die Menschen gilt, das gilt genauso für die ganze Schöpfung. Auch die Schöpfung hat eine Stimme, und es ist für unser Überleben gerade heute entscheidend, dass wir lernen, auf die Stimme der bedrohten Schöpfung zu hören. Auch in Bezug auf die Schöpfung tricksen wir zu viel mit Gewalt rum, wir spannen sie für unsere Zwecke ein und plündern sie aus, aber wir verstehen sie nicht und hören ihr nicht zu. Einer der Erfinder der naturwissenschaftlichen Methode hat das so beschrieben: wir holen die Natur in die Folterkammer unserer Experimente und pressen ihr ihre Geheimnisse ab. Viel treffender kann man es nicht beschreiben. So gehen wir mit der Natur um. Aber so entsteht keine Weisheit. So hören wir nur das, was wir hören wollen, aber die Natur kann nicht mit ihrer eigenen Stimme sprechen.

Und all dieses Nicht-Hören ist die Folge von mangelndem Vertrauen. Weil wir nicht glauben, dass Gott uns eine gute Schöpfung gegeben hat, durch die er uns versorgen wird, deshalb versuchen wir, der Schöpfung ihre Gaben abzupressen. Weil wir nicht glauben, dass die Menschen uns freiwillig genug Beachtung, Zuwendung und Liebe geben werden, deswegen versuchen wir, sie zu manipulieren und zu zwingen. Furcht ist der Anfang von allem Bösen: Furcht führt zu Gier, Furcht führt zu Arroganz, und beide führen zu Gewalt.

Und deswegen geht es bei Salomo tatsächlich nicht nur darum, dass er ein hörendes Herz bekommt, sondern auch ein gehorsames Herz. Ein Herz, dem es vor allem und in erster Linie darauf ankommt, dass wir Gottes Willen verstehen und tun.

Denn es gibt in der Weisheit einen Grundsatz: Die Furcht des Herrn ist der Anfang der Weisheit. Das klingt für unsere modernen Ohren brutal, und empfindsame Seelen werden sagen: aber wir wollen uns doch vor Gott nicht fürchten, wir haben doch einen lieben Gott, und dieser Drohgott, vor dem man sich fürchten muss – o nein, den mag ich gar nicht!

Die Weisheit ist aber so realistisch, zu wissen, dass wir irgendetwas sowieso immer fürchten. Und dann ist es besser, wir fürchten uns vor Gott, als wir fürchten uns vor Menschen. Wenn ich Gott fürchte, dann habe ich vor nichts anderem mehr Angst. Wenn meine einzige Sorge ist, ob Gott Ja sagt zu dem, was ich tue, dann ist nicht mehr wichtig, was Menschen dazu sagen. Dann bin ich nicht mehr von Furcht beherrscht. Und dann kann ich anfangen, die Dinge so zu sehen, wie sie wirklich sind. Ich muss sie nicht mehr hinbiegen, sondern ich kann mich ihnen anvertrauen. Ich bin demütig genug, Gott zu vertrauen, dass er sich etwas dabei gedacht hat, als er die Welt so einrichtete.

Das ist so eine Art Grundvertrauen in die Welt. Ich muss mich nicht mehr abschotten gegen die Gefahr da draußen, sondern ich kann mich öffnen für das, was mich da erwartet. Jesus hat sogar gesagt: du sollst auch deine Feinde lieben, selbst die sind nicht mehr so bedrohlich, dass du sie bekämpfen müsstest.

Tatsächlich hat sich die Weisheit Jesu vor allem angesichts von Feinden bewährt. Immer wieder kamen Menschen zu ihm und haben versucht, ihn mit Worten irgendwie fertig zu machen. Wenn man sich anschaut, wie er da nie in Panik kommt, sondern mit ein paar weisen Sätzen allen die richtige Antwort gibt, so dass sie am Ende nichts mehr sagen können – das ist schon salomonisch im besten Sinne – eben mehr als salomonisch.

In Jesus begegnen wir einer Weisheit, in der Wissen und Liebe nicht mehr getrennt sind, sondern verbunden. Wir denken, das wären zwei Dinge: auf der einen Seite die Kenntnis von Sachverhalten und auf der anderen Seite die Gestimmtheit unseres Herzens, die Bewertung, die wir den Sachverhalten geben. Aber in Wirklichkeit gehört das zusammen und hängt voneinander ab. Wenn du etwas liebst, sieht es anders aus, als wenn du es mit „neutralem“ Blick untersuchst. »Furcht ist nicht in der Liebe« heißt es bei Johannes. Erst wenn einer sich befreit worden ist von der Furcht, wenn er seinen Panzer aus Arroganz, Abwehr, Machtgelüsten und Beutementalität ablegt, erst dann hat die Liebe bei ihm genügend Raum, um dauerhaft zu bleiben. Und erst dann ist er so weit, dass er die Welt und die Menschen kennen kann, dass er weise wird und als weiser Mensch handelt.

Und solchen Menschen, die ein gehorsames Herz haben, wird die Schöpfung gehorchen.

Nov 032011
 

Die Weltanschauung Israels

In Teil III seines Werkes beschreibt Wright die innere und äußere Geschichte des Judentums im 1. Jahrhundert, einschließlich der Vorgeschichte seit dem Ende des Exils. Nachdem es im vorigen Post um die äußere Geschichte Israels zwischen dem babylonischen Exil und den niedergeschlagenen Aufständen der Jahre 66-70 und 132-135 ging, folgt nun ein Blick auf die innere Landkarte Israels, wie sie NT Wright mit den Kategorien „Story“, „Symbol“, „Praxis“ und „Glaubensüberzeugungen“ erschließt.

Die Storys

Die grundlegende Story war die biblische Geschichte von Gott und seiner Schöpfung, in die Israel hineingestellt war. Israel sollte das Werkzeug des Schöpfers sein, mit dessen Hilfe seine weise Ordnung in die Welt kommt. Diese Geschichte Israels war aber schon in der klassischen Zeit mit vielen rätselhaften Enttäuschungen verbunden und wurde als nicht abgeschlossen angesehen. Um ein angemessenes Ende wurde gerungen: Der Geschichtsschreiber Josephus z.B. versucht sich (in den „Jüdischen Altertümern“) in der Konstruktion eines neuen Endes: Israels Gott läuft zu den Römern über, das Judentum wird zerstreut, Jerusalem zerstört. Dieser Vorschlag für ein Ende der Story war aber dem Anfang völlig unangemessen. So gab es noch viele weitere Vorschläge für den Abschluss der Story; auch die Apokalyptik ist so ein Versuch. Man kann an all diesen Versuchen erkennen, dass das Judentum damals sehr wohl ein Gesamtbild seiner Geschichte vor Augen hatte, auch wenn um das Schlusskapitel gestritten wurde. Dennoch behielten nicht alle Juden diese Gesamtschau im Blick. Viele konzentrierten sich auf kleinere Erzählungen, die Ausschnitte des Gesamtbildes waren.
Die Gesamtstory gibt uns ein Raster, um die alternativen Storys  zu verstehen, die Jesus, Paulus und die Evangelisten erzählten.

Symbole

Diese Gesamtstory verband sich über vier zentrale Symbole mit der täglichen Lebenspraxis: Tempel, Land, Tora und ethnische Identität.

  • Der Tempel war das religiöse, politische, wirtschaftliche und symbolische Zentrum des Landes, das Herz des Judentums,  auch wenn ihm viele Juden wegen seiner Beherrschung durch fragwürdige Gruppen mit einer gewissen Distanz gegenüber standen.
  • Das Land (mit seinem Zentrum Jerusalem) war JHWHs Land, seine Gabe an Israel, der Ort, der für den Frieden (Schalom) bestimmt war. Die Tempelsteuer symbolisierte das. Aber dieses Land verödete durch die politischen/wirtschaftlichen Verhältnisse oder wurde für fremde Bauten und Institutionen missbraucht. Israel war nicht Herr im eigenen Land.
  • Die Tora regelte das Leben im Land und die Rituale im Tempel. Aber für die Juden im Exil wurde sie auch ein Ersatz für das ferne Land, und für die Juden im Land wurde das Torastudium langsam ein Ersatz für den Tempel mit seiner korrupten Priesterschaft. Als dann Tempel und Land verloren waren, hatte sich mit der Tora schon ein Ersatz vorbereitet. Diese Tora wurde in der Diaspora-Situation natürlich im Blick auf die Abgrenzung von den Heiden gelesen. Die detaillierte Auslegung der Gebote in den Alltag hinein (Mischna) sorgte dafür, dass dieses Symbol relevant blieb.
  • In dieser Situation der Bedrohung durch die Heiden kam der ethnischen Identität eine besondere Bedeutung zu. Sie musste unbedingt festgehalten werden, z.B. durch das Verbot von Mischehen.

Diese vier zentralen Symbole waren die Wege, auf denen die Story Israels in Stein gemeißelt, auf Schriftrollen fixiert und in Fleisch und Blut verkörpert wurde. So konnte sie in die tägliche Lebenspraxis integriert und lebendig erhalten werden.

Praxis

Die vier Zentralsymbole fanden ihren Weg in die allgemeine Lebenspraxis über die Teilnahme an den Gottesdiensten und Festen, das Studium der Tora, und schließlich die Beachtung der Tora im täglichen Leben. Insbesondere die Beschneidung, der Sabbat und das Halten der Reinheitsgesetze waren lebenspraktische Erkennungszeichen, die die Juden von den Heiden unterschieden. Diese Werke der Tora dienten nicht dazu, sich das göttliche Wohlwollen zu verdienen, sondern sie waren (abgrenzende) Zeichen der Zugehörigkeit zum erwählten Volk.

Zentral für alle Träger dieser Weltanschauung war die Schrift. Wer auch immer die Geschichte und Sendung Israels neu interpretierte – er musste darlegen, dass er in Kontinuität zur Schrift stand, die Schrift „erfüllte“. Die Schrift war aber nicht nur Erzählung – aus ihr gingen grundlegende Glaubensüberzeugungen hervor, eine Weltanschauung, die man systematisch-theologisch darstellen kann.  Davon im nächsten Post.

Alle Posts dieser Reihe:
| Teil 1 | Teil 2 | Teil 3 | Teil 4 | Teil 5 | Teil 6 |