Okt 302011
 

Predigt zu Römer 7,7-17 am 30. Oktober 2011 (Predigtreihe Römerbrief 19)

7 Welchen Schluss sollen wir nun daraus ziehen? Ist das Gesetz denn Sünde? Niemals! Aber ohne das Gesetz hätte ich nicht erkannt, was Sünde ist. Ich hätte nicht begriffen, was Begierde ist, wenn das Gesetz nicht sagen würde: »Gib der Begierde keinen Raum!« 8 Die Sünde ergriff die Gelegenheit und weckte in mir durch das Verbot jede nur denkbare Begierde. Ohne das Gesetz ist also die Sünde tot. 9 Ich dagegen war am Leben, solange ich das Gesetz nicht kannte. Doch als dann das Gesetz mit seinen Forderungen an mich herantrat, ´war es umgekehrt:` Jetzt war es die Sünde, die zum Leben erwachte, 10 ich aber starb. Ich musste feststellen, dass das Gesetz, das dazu bestimmt war, mir das Leben zu bringen, mir den Tod brachte. 11 Denn die Sünde ergriff die Gelegenheit, die sich ihr durch das Gesetz bot: Zuerst benutzte sie es, um mich zu betrügen, und dann, um mich zu töten.
12 Es bleibt also dabei, dass das Gesetz heilig ist; seine Forderungen sind heilig, gerecht und gut.
13 Aber heißt das dann, dass etwas, was gut ist, für mich zur Ursache des Todes wurde? Niemals! Es ist die Sünde gewesen; sie hat mir den Tod gebracht und hat dazu das Gute benutzt. Damit zeigte sie ihr wahres Gesicht; gerade die Forderungen des Gesetzes mussten dazu dienen, die grenzenlose Schlechtigkeit der Sünde ans Licht zu bringen.
14 Das Gesetz ist durch Gottes Geist gegeben worden, das wissen wir. Ich aber bin meiner eigenen Natur ausgeliefert; ich bin an die Sünde verkauft und ihr unterworfen. 15 Ich verstehe selbst nicht, warum ich so handle, wie ich handle. Denn ich tue nicht das, was ich tun will; im Gegenteil, ich tue das, was ich verabscheue. 16 Wenn ich aber das, was ich tue, gar nicht tun will, dann gebe ich damit dem Gesetz recht und heiße es gut. 17 Und das bedeutet: Der, der handelt, bin nicht mehr ich, sondern die Sünde, die in mir wohnt.

Diese Verse erschließen sich normalerweise nicht beim ersten Hören. Aber ich glaube, ich kann Ihnen versprechen: Sie werden am Ende der Predigt verstanden haben, worum es Paulus hier geht, und Sie werden entdecken, dass das eine Problematik ist, mit der wir bis heute zu tun haben.

Paulus redet ein ganzes Kapitel lang über das jüdische Gesetz des Alten Testaments. Es hat sein Zentrum bei den 10 Geboten, aber in Wirklichkeit geht es da nicht nur um moralische Lebensregeln, sondern es ist eine ganze Lebensordnung, die Betriebsanleitung für eine freie Gesellschaft. Gott hat Israel aus der Sklaverei in Ägypten befreit, und jetzt sollten sie als freies Volk leben: ohne Sklaverei, ohne Ausbeutung, mit einem Ruhetag, an dem alle ihre Pause hatten, auch die Arbeiter und sogar die Tiere. Ohne Zinsen, mit einem Minimum an Staat, aber mit einer solidarischen Gesellschaftsordnung, wo keiner hinten runter fällt.

Und jetzt hat Paulus zwei Probleme: erstens hat das nicht wirklich funktioniert. Gut, dieses Modell einer solidarischen Gesellschaftsordnung hat schon etwas bewirkt, es hat seine Spuren in Israel hinterlassen gute Spuren, aber dieses Modell ist zerrieben worden zwischen den Großmächten, die das kleine Israel von außen geschluckt haben, und den Profiteuren, die im Innern ihre Ellbogen benutzt und eine mehr profitorientierte Ordnung durchgesetzt haben. Vielleicht erinnern Sie sich an das Evangelium vorhin (Matthäus 5,17-20), wo Jesus sagt: eure Gerechtigkeit muss besser sein als das, was die Schriftgelehrten tun. Das heißt: ausgerechnet die Schriftgelehrten, die das Gesetz doch am besten kennen müssten, kriegen es nicht hin. Im real existierenden Israel hat die solidarische Gesellschaftsordnung nicht funktioniert. Noch nicht mal bei den Fachleuten. Und wer das letzte Mal dabei war, erinnert sich vielleicht, dass Paulus sogar sagt: das eigentlich gute Gesetz richtet am Ende Schaden an.

Um das zu verstehen, kann man daran denken, wie es bei uns im Land war, als es noch die DDR mit ihrem real existierenden Sozialismus gab: die hatten viele gute Sachen im Programm, aber hinter den Kulissen hat es geklemmt und gegrummelt, und der schöne Anspruch ließ sich immer schlechter nach außen verkaufen. Stattdessen hat man im Namen des Sozialismus einen großen Überwachungsapparat aufgebaut und das Volk eingeschüchtert. Aus einer tollen Idee ist eine schlechte Realität geworden. Das ist das erste Problem.

Das zweite Problem, das Paulus hat, besteht darin, dass er trotzdem nicht einfach sagen kann: das war ein schöner Traum mit dem Gesetz, aber vergessen wir es, das war unrealistisch. Diese Lösung kann Paulus nicht wählen, weil er weiß, dass das Gesetz durch Gottes Geist gegeben ist. Diese Vision einer gerechten, freien, solidarischen Gesellschaft ist keine Traumtänzerei, sondern es ist Gottes eigene Vision, erst für sein Volk und dann für die ganze Welt.

Noch mal zum Vergleich: Als hier die DDR zusammenbrach, da haben viele gesagt: da sieht man es, der Sozialismus war durch und durch falsch, haben wir doch schon immer gesagt. So kann Paulus aber nicht über das Gesetz Gottes reden, er kann nicht sagen: da hat Gott sich wohl geirrt, der war einfach zu idealistisch, wo ist der Plan B? Das ist nicht Gottes Art, dass er die Welt, die er selbst geschaffen hat, nicht durchschaut. Und so versucht Paulus zu verstehen: wie konnte es passieren, dass Gottes gutes Gesetz so katastrophale Resultate brachte?

Und er sagt: das kommt daher, dass Menschen unter den Einfluss der Sünde geraten sind. Selbst in Israel, selbst in Gottes eigenes Volk hat sie sich eingeschlichen. Sünde ist nichts Harmloses wie »etwas zu schnell gefahren« oder »etwas zu viel gefuttert«. Sünde ist wie ein Schimmelpilz, der die Welt verfaulen lässt. Sie sorgt dafür, dass auch die gerechtesten Regeln, die besten Ideen, die tollsten Projekte kaputt gehen, weil Sünde die Menschen infiziert, die diese Ideen umsetzen. Sünde ist brutal, schrecklich, zerstörerisch.

Wir kennen das doch alle, dass auch gute Ideen und Programme im Sande verlaufen, wenn die Menschen, die sie umsetzen sollen, schief gewickelt sind. Egal, ob Kirche, Politik oder irgendwo anders: wenn du hinter die Kulissen schaust, dann merkst du, wie es da überall menschelt, wie man so schön sagt. Aber »menscheln« ist eine Verharmlosung: Menschen bekämpfen sich bis aufs Blut, sie machen sich das Leben zur Hölle, sie mobben sich weg, sie lassen sich bestechen, sie gieren nach Macht und Beachtung, und je unfähiger sie sind, mit um so mehr Energie betreiben sie ihre Karriere, damit am Ende keiner mehr sagen kann: das schaffst du nicht.

Wenn Menschen dir vertrauen, dass du es nicht weitererzählst, dann kriegst du die beklopptesten Geschichten aus dem Innenleben der Organisationen zu hören: aus Verwaltungen, Firmen, Parteien, Wohltätigkeitsorganisationen und auch aus kirchlichen Gremien. Und genauso aus Familien. Geschichten, von denen beinahe nie was nach draußen dringt, weil keiner den eigenen Laden in der Öffentlichkeit beschädigen möchte. Aber natürlich leiden die Leute darunter.

Wem das noch nie klar gewesen ist, der kriegt einen Schock, wenn er das zum ersten Mal hört. Und er sagt: die haben so ein tolles Programm in dieser Partei, und dann gehen sie so miteinander um? Diese Firma gibt sich so kundenfreundlich, aber wie behandeln sie ihre Mitarbeiter?! Ein Arzt mit drei Doktortiteln, aber seine Patienten sind ihm egal? Die Nachbarn erzählen immer, was sie für tolle Kinder haben, aber in Wirklichkeit ist das Verhältnis völlig zerrüttet? Wie kann das sein?

Eigentlich ist das eine tolle Sachen, dass wir so etwas wie Programme, Werte oder Recht haben, eben: Gesetze. Sie sind wie ein Kompass, mit dem man sich im Leben orientieren kann. Es ist sogar eine Spezialität von Israels Gott. Sonst überall galt in der alten Zeit das als Recht, was der König sagte. Wer die Macht hatte, der bestimmte auch, was richtig war. Nur in Israel gab es ein Gesetz, das über dem König stand. Die Macht wurde begrenzt durch den Willen Gottes, wie er in seinem Gesetz Ausdruck fand. Dadurch können wir sagen: der hat zwar die Macht, aber Recht hat er damit noch lange nicht. Das ist eine ganz große Errungenschaft, ein Geschenk des Heiligen Geistes.

Aber gleichzeitig, sagt Paulus, ist die Sünde so gerissen, dass sie sogar das Gesetz, die Werte kapert und für ihre Zwecke nutzt. Und das Ergebnis ist, dass Menschen zwar schon irgendwie wissen, was richtig ist, aber wieder und wieder tun sie dann doch das Falsche: entweder, weil sie von ihren eigenen dunklen Impulsen, ihrer Angst und ihrer Gier nicht loskommen, oder weil sie in einem Apparat oder einer Kultur oder einem anderen System drinstecken, das sie immer wieder zu Dingen zwingt, die sie eigentlich nicht wollen. Und sie sagen dann Sachen wie »Ich würde Ihnen ja gerne helfen, aber ich habe meine Vorschriften.«

Man muss sich das vorstellen wie bei dem Mann, der sich eine Alarmanlage einbauen ließ, weil in der Nachbarschaft so oft eingebrochen wurde. Es war eine wunderbare Alarmanlage, technisch auf dem neuesten Stand. Aber an dem Tag, an dem die Handwerker kamen, um sie einzubauen, war der Hausherr krank und musste ins Krankenhaus. Er bat deshalb seinen Nachbarn, die Handwerker hereinzulassen und ihnen alles aufzuschließen. Und was geschah? Der Nachbar bewunderte die tolle Anlage, er merkte sich genau, wie sie funktionierte, und ihm kam eine Idee. Ein paar Monate später brach er in das Haus ein, und weil er die Alarmanlage so gut kannte, konnte er sie problemlos umgehen. Die eigentlich gute Alarmanlage sorgte so am Ende dafür, dass die Wohnung ausgeraubt wurde.

So ist es auch mit dem Gesetz Gottes: es sollte Israel zum Licht der Völker machen, aber stattdessen benutzten sie es, um sich von den Heiden abzugrenzen. Die zehn Gebote sollen dafür sorgen, dass wir den Segen nicht zerstören, aber wie oft werden sie benutzt, um sich zu empören und zu beweisen, dass andere falsch liegen. Aus politischen Programmen, die Leben ermöglichen, werden Waffen, mit denen einer seine Karriere verteidigt.

Und Paulus sagt: Ja, das ist die Realität. Dieser Weg des Gesetzes kann nicht funktionieren, setzt da keine Hoffnung drauf. Es hat keinen Zweck, immer wieder zu sagen: der müsste doch eigentlich wissen, was er zu tun hat. Der hätte das doch einsehen müssen. »Müsste«, »hätte«, »sollte« – das sind alles Worte, die nichts bewegen. Das kommt alles nicht an gegen die Gewalt der Sünde. Das macht das Leben vielleicht etwas zivilisierter, aber es ändert nichts Grundlegendes.

Und Gott hat das auch gar nicht erwartet. Gott hat nie gedacht, die Welt könnte so in Ordnung kommen, dass sich alle etwas zusammenreißen und sich an die Regeln halten. Das hat schon im Paradies nicht funktioniert, sonst wären wir ja noch im Paradies. Gott hat das Gesetz als Problemanzeige gegeben, nicht als Lösung. Das Problem kristallisiert sich durch das Gesetz heraus, weil es jetzt Worte gibt, die die Sünde beschreiben, du weißt jetzt, was du nicht tun sollst, wo du früher vielleicht nur eine Ahnung hattest, dass das nicht gut ist. Da wird ein Etikett dran geklebt, das Problem hat jetzt einen Namen, aber davon ist es noch nicht gelöst.

Aber was nun? Paulus präsentiert an dieser Stelle keine Lösung, weil es ihm hier darum geht, den Irrglauben zu untergraben, dass Gesetze, Gebote und »Werte« eine Lösung seien. Aber an anderen Stellen im Römerbrief sagt er natürlich, was die Lösung ist. In Kapitel 6 und am Anfang von Kapitel 7 zum Beispiel hat er gesagt, dass wir durch den Tod Jesu der Sünde gestorben sind. Das heißt, als Jesus in Treue zum Vater im Himmel seinen letzten Atemzug tat, da hat sich in der Welt etwas Grundlegendes verändert. Da ist eine neue Art zu leben sichtbar geworden, die diese ganze Problematik hinter sich lässt, und Jesu Art zu leben hat sich auch angesichts von Qual und Tod bewährt. Und jetzt ist die Welt eine andere.

Deswegen können alle, die an Jesus glauben, die zu ihm gehören, diese ganze Gesetzes- und Sündenproblematik hinter sich lassen. Das betrifft uns nicht mehr. Wenn wir uns in die Logik seines Lebens hineindenken, sie in der Bibel studieren und ihr im Gottesdienst begegnen, wenn wir ihn und seinen Tod immer wieder im Abendmahl vor Augen haben und in uns aufnehmen, wenn wir uns davon unser altes Lebenskonzept wegnehmen lassen, dann werden wir in diese neue Lebenslogik hineingezogen, dann arbeitet der Heilige Geist an uns, und dann kommen wir raus aus dem ganzen Sumpf von Du-darfst-nicht, ich-lass-mir-doch-nichts-sagen, jetzt-hab-ich-ein-schlechtes-Gewissen, ich-werde-depressiv, ich-bin-unleidlich-und-apathisch. Dann waten wir nicht mehr bis zum Bauchnabel im Schlamm, sondern allmählich bekommen wir festen Boden unter die Füße und betreten einen Weg, der uns aus Moral, Beschuldigung und Trägheit herausführt.

Deswegen ist es so fatal, wenn das Christentum zu einer neuen Moral wird; wenn Christen sich vor allem dadurch definieren, was man nicht tut und nicht darf; wenn Christen in einem Klima von Vorwürfen und Selbstvorwürfen leben. Dann ist man wieder auf dem Gesetzesweg, und Paulus kann nur davor warnen, dass der im Sumpf endet. Paulus ist in vielen kritischen Lagen ruhig geblieben, aber wenn einer irgendwo versuchte, aus dem Glauben an Jesus wieder eine Art Gesetz zu machen, dann ist er unglaublich scharf geworden. Da hat er gekämpft mit aller Kraft. Denn er wusste: wer sich darauf einlässt, der tauscht die Freude am Gelingen ein gegen ein dauerndes Zweifeln und Scheitern. Der kriegt es nicht hin, der fährt mit angezogener Handbremse, der wird ein geistlicher Eunuch.

Das Leben Jesu, das in uns Gestalt gewinnt, ist ein besserer Weg, und er erreicht sozusagen mit links, was auch das heilige Gesetz Gottes nicht geschafft hat. Und wir ersparen uns den ganzen Gewissensmüll, der uns nur noch tiefer in den Sumpf zieht.

Okt 272011
 

Unter dem Titel „Ein Gott – ein Recht – eine Welt“ denkt Klara Butting nach über das grundlegend Neue der Sinaierfahrung. Dazu heute das erste der angekündigten Zitate aus „Hier bin ich. Unterwegs zu einer biblischen Spiritualität“ (15f):

Im Konzentrationslager Bergen-Belsen hat Abel Herzberg über die Spiritualität des Judentums und die Spiritualität des Nationalsozialismus nachgedacht. Letztere charakterisiert er als als einen Glauben an den ewigen Kampf, in dem die Macht, die siegt, das Recht setzt. „Sein und Werden (sind hier) ein ewiger Kampf zwischen Macht und Macht, Mächten, die im Prinzip in unbegrenzter Anzahl existieren. Und was ist letztlich Sitte und Recht? Die Macht, die siegt. Wer der Stärkste ist und dies zu beweisen vermag, der hat Recht. Und wer die Herrschaft zu erobern versteht, hat auch das Recht dazu“. Diese Spiritualität der Macht hasst das Judentum, weil hier immer wieder die peinliche Frage gestellt wird: „Ist es erlaubt?“. Denn zentral für den jüdischen Glauben ist das Bekenntnis „Gott ist Einer“, das – so Herzberg – „identisch ist mit der Forderung nach einer einzigen Ethik“. […]

Was hier [durch die Gesetzgebung am Sinai] passiert, ist im altorientalischen Kontext singulär. Denn normalerweise setzt der König das Recht. Königliche Erlasse sind die gebräuchliche Rechtsform. In der Bibel haben wir es jedoch mit einer Gottheit zu tun, die über dem König und über der königlichen Gesetzgebung steht. Die biblische Erzählung entmachtet den König. Er und mit ihm alle politischen und geistlichen Autoritäten werden an das Recht gebunden und dem Recht untergeordnet, das verstanden wird als vor dem Staat entstanden und über den Staat gesetzt.

Zwei Gedanken dazu:

  1. Auch in unseren Tagen ist die „Spiritualität der Macht“ nicht unbekannt: Inzwischen ist es die Macht der Märkte, die – in diesem Denken – letztlich immer Recht hat. Wer sich am Markt durchsetzt, hat Recht. Diese Spiritualität der Macht dürfte der tiefste Grund für die Hilflosigkeit sein, die die Völker Europas und ihre Repräsentanten in diesen Tagen gegenüber dem Angriff der gebündelten Kapitalströme zeigen.
  2. Wer in einer frommen Umgebung geprägt worden ist, hat die Frage „ist es erlaubt?“ oft vor allem als individuelle Gewissensfrage erlebt. Nicht wenige reagieren deshalb inzwischen allergisch auf diese Frage – manchmal sehr direkt, manchmal in theologisch verklausulierter Form. Die Gedanken, die Butting im Anschluss an Abel Herzberg formuliert, könnten eine Hilfe sein, das eigentliche Anliegen der Frage „Ist es erlaubt?“ wiederzugewinnen und das Kind nicht weiter mit dem Bade auszuschütten.
Okt 242011
 

Spiritualität ist in aller Munde (auch ich habe darüber vor einiger Zeit gebloggt). Die Quellen dieser Spiritualität liegen aber oft in außereuropäischen kulturellen und religiösen Zusammenhängen oder in bestimmten Stationen der Kirchengeschichte. Insofern ist die Fragestellung nach einer ausdrücklich biblischen Spiritualität besonders im Protestantismus schon länger dran. Klara Butting ist in ihrem neuen Buch „unterwegs“ dazu. Sie beschreibt Grundlinien einer biblischen Theologie und fragt von dort ausgehend nach Zugängen zu spirituellen Erfahrungen.
Dieser Anmarschweg bringt einen signifikant anderen Erfahrungshintergrund ins Spiel als die üblichen Stille- und Naturmeditationen. Zentrales spirituelles Muster ist für Butting die gemeinschaftliche Lektüre biblischer Texte. Das klingt zunächst nicht besonders aufregend, insbesondere für Leute mit ausgeprägter Bibelkreis-Erfahrung. Aber Butting hat einen intensiven bibeltheologischen Ansatz, der noch in der Lage ist, sich von den Texten überraschen zu lassen, anstatt bloß theologische Standardsätze abzurufen. Und sie arbeitet mit einer Methode gemeinschaftlicher Bibellektüre, die dem Prozess unter den Teilnehmern vertraut und im Prinzip dem besser bekannten „Bibelteilen“ sehr ähnlich ist. Im Ergebnis führt das zu einer anderen Art spiritueller Erfahrung, die tatsächlich der Bibel viel angemessener ist. Ich fand den Unterschied in den folgenden Sätzen schön beschrieben:

Wenn ich z.B. eine Formulierung wie „die Mitte finden“ höre, denke ich an Leute, die  – wie wir bei den Bibel-Lese-Tagungen – im Kreis an Tischen sitzen. Ich denke an Situationen, in denen ein Gespräch gelungen ist, unerwartete Begegnungen stattgefunden haben, in denen ich von Gottes Vision der Einen Welt berührt wurde. Immer wieder habe ich während der Bibel-Lese-Wochen diese Erfahrungen gemacht, dass ich gerufen wurde, an Gottes Engagement für eine bewohnte Erde teilzunehmen und mich neu an Gottes Verheißungen auszurichten.

Butting beschreibt dann, dass dieses Achtsamwerden ausstrahlt in andere Bereiche hinein. Spiritualität hat ja immer irgendwie mit Wegen zu tun, auf denen Wahrnehmung – das Hinschauen und Hinhören – neu eingeübt wird. Bei einer biblischen Spiritualität ist dieses Übungsfeld die gemeinsame Wahrnehmung der Bibeltexte und der Stimme, die sich in ihnen erhebt. Dies kann durchaus auch zu intensiven geistlichen Erfahrungen führen, aber das ist keine Pflicht. Diese Einübung wird sich jedenfalls auch in anderen Lebensbereichen bemerkbar machen. Und bei solch einer biblischen Spiritualität sind die Anderen von Anfang an mit dabei. Sie müssen nicht nachträglich irgendwie noch integriert werden, denn gerade durch die unterschiedlichen Beteiligten wird die Bibellektüre unvorhersehbar und deshalb frisch, und sie führt auf Praxis hin. Buttings zentraler Praxisbezug und Erfahrungsmodell ist die Woltersburger Mühle, ein Arbeitslosen- und Qualifizierungsprojekt bei Uelzen, zu dem gleichzeitig ein Zentrum für biblische Spiritualität gehört.

Dieser Versuch, Spiritualität schon an der Wurzel mit Bibellektüre, Gemeinschaft und befreiender Praxis zu verknüpfen, scheint mir unbedingt nötig und sehr hoffnungsvoll. Gleichzeitig wird durch diese Aufgabenbeschreibung aber auch deutlich, dass das Buch zunächst so etwas wie eine Zwischenstation sein muss. Butting sucht in der biblischen Überlieferung nach Spuren der Spiritualität und wird an vielen Stellen fündig. Die oft beschriebene mystische Erfahrung der Einheit bringt sie z.B. zusammen mit dem Bekenntnis Israels, dass Gott Einheit ist, keine widerstreitende Vielzahl wie die heidnischen Götter und Mächte. So ist das Buch auch Einführung in eine biblische Theologie, die jenseits der allzu bekannten Paradigmen die Texte sehr profiliert zur Sprache bringt. Die Autorin greift dabei – eine von mehreren Parallelen zu NT Wright – stark auf die ganze Bibel zurück und und lässt den alttestamentlichen Bezugsrahmen, auch im Gespräch mit jüdischen Erfahrungen, deutlich werden.

Verschwiegen werden soll allerdings nicht, dass im Vergleich zur biblischen Thematik die Konkretionen der Spiritualität eher skizzenhaft sind. Wer geistliche Übungen o.ä. sucht, wird enttäuscht werden. Vielleicht kann das auch (zur Zeit noch) nicht anders sein. Immerhin gibt es gute Zugänge zum Abendmahl, zum Gebet und zum Ruhetag/Sabbat. Die eigentliche geistliche Übung – so kann man Butting wohl verstehen – ist die Teilnahme am messianischen Lebenswerk Jesu: der Befreiung aller Kreatur aus Unterdrückung und Gewalt.

Ich verkneife es mir, hier eine ausführlichere Inhaltsangabe des Buches zu geben. Dafür ist es einfach zu dicht gepackt mit guten, substanziellen Durchblicken. Der Grundansatz erweist seine Fruchtbarkeit in vielen einzelnen hilfreichen Klärungen. Man sollte das Buch tatsächlich lesen. Mit 107 Seiten überfordert es nicht. Vielleicht werde ich in der nächsten Zeit aber noch ein paar Zitate bloggen. Leider ist das Buch z.Zt. nicht bei Amazon erhältlich. Man kann es direkt bestellen bei Erev-Rav, die Lieferung erfolgt umgehend.

Ein Hinweis zum Schluss: die Autorin hat an der „Bibel in gerechter Sprache“ mitgearbeitet und gibt den alttestamentlichen Gottesnamen beinahe immer in weiblicher Form (die Ewige, die Eine) wieder. Wen das stört, der sollte an diesen Stellen einfach in Gedanken eine ihm vertraute männliche Form einsetzen. Die Substanz und Qualität des Buches wird dadurch keinen Schaden nehmen.

Okt 232011
 

Predigt zu Römer 7,1-6 am 23. Oktober 2011 (Predigtreihe Römerbrief 18)

Paulus hat im sechsten Kapitel seines Römerbriefes ausführlich darüber geredet, dass wir befreit sind von der Herrschaft der Sünde. Wenn wir mit Jesus verbunden sind, ist ihre Herrschaft in unserem Leben gebrochen. Aber da erhebt sich sofort die Frage: es gibt doch schon ein anderes Mittel gegen die Sünde, das Gott selbst den Menschen gegeben hat: nämlich das Gesetz, mit seinem Zentrum in den 10 Geboten. Wenn die Leute sich daran halten würden, dann wäre die Sünde doch auch weg! Also muss Paulus darüber reden, wozu eigentlich das Gesetz gut ist, und dafür braucht er ein ganzes Kapitel, nämlich Kapitel sieben, und auch noch ein paar Verse in Kapitel acht.

1 Brüder und Schwestern, ihr kennt doch das Gesetz und wisst: Es hat für einen Menschen nur Geltung, solange er lebt. 2 Eine verheiratete Frau zum Beispiel ist durch das Gesetz an ihren Mann gebunden, solange er lebt. Wenn der Mann stirbt, gilt für sie das Gesetz nicht mehr, das sie an ihn bindet. 3 Wenn sie nun bei einem andern Mann ist, solange ihr Mann lebt, wird sie eine Ehebrecherin genannt; wenn aber ihr Mann stirbt, ist sie frei vom Gesetz, sodass sie nicht eine Ehebrecherin ist, wenn sie einen andern Mann nimmt. 4 So steht es auch mit euch, meine Brüder und Schwestern! Durch den Leib Christi seid ihr dem Gesetz gegenüber tot. Ihr gehört jetzt nicht mehr dem Gesetz, sondern Christus, der vom Tod erweckt worden ist. Darum können wir nun so leben, dass unser Tun für Gott Frucht bringt. 5 Als wir noch unserer selbstsüchtigen Natur folgten, war unser ganzes Verhalten beherrscht von den sündigen Leidenschaften, die durch das Gesetz in uns geweckt wurden. Wir lebten so, dass unser Tun nur dem Tod Frucht brachte. 6 Aber jetzt stehen wir nicht mehr unter dem Gesetz; wir sind tot für das Gesetz, das uns früher gefangen hielt. So dienen wir Gott in einem neuen Leben, das sein Geist in uns schafft, und nicht mehr auf die alte Weise nach dem Buchstaben des Gesetzes.

Wahrscheinlich haben Sie jetzt den Eindruck: das ist ganz schön kompliziert, und das stimmt. Es ist so kompliziert, dass Paulus zu einem Beispiel greift, das irgendwie schief ist. Ich benutze ja auch öfter mal Beispiele in meinen Predigten und weiß, wie schnell einem ein Beispiel aus dem Ruder laufen kann. Es ist tröstlich dass der Kollege Paulus da auch manchmal Probleme mit hat.

Er nimmt als Beispiel eine verheiratete Frau, und man merkt an seiner Wortwahl, dass die wahrscheinlich keine glückliche Ehe führt: wo unsere Bibeln »verheiratet« übersetzen, heißt es wörtlich: »mannunterworfen«. Also, man muss sich vorstellen, dass die an einen alten Tyrannen gebunden ist, einen Stiesel, der ihr das Leben schwer macht, und sie kommt da nicht raus. Sie muss für ihn arbeiten, sie muss seine Kinder zur Welt bringen. Aber eines Tages stirbt der Alte endlich, und jetzt ist sie frei und kann sich jemand anders suchen, mit dem sie ein besseres Leben führen kann. Und keiner kann mehr sagen: halt, das darfst du nicht.

Und nun nimmt Paulus diese Befreiung von einem ungeliebten Ehemann als Bild dafür, dass Christen frei sind vom Gesetz und sagt: seht ihr, schon das Gesetz weiß, dass der Tod alle Bindungen auflöst. Und ihr seid doch mit Christus gestorben – also ist eure Bindung an das Gesetz durch diesen Tod erledigt, ihr müsst euch nicht mehr für das Gesetz abrackern, ihr müsst nicht mehr seinen Nachwuchs gebären, ihr könnt mit Jesus Christus aufbrechen in ein neues Leben.

Schief ist bei diesem Vergleich natürlich, dass in dem Bild die Befreiung ja nicht dadurch passiert, dass die Frau stirbt, sondern der Mann. Aber ich verstehe, was Paulus meint: der Tod beendet alle Verpflichtungen, und wenn ich mit Christus gestorben bin (im Kapitel 6 war deutlich, dass das in der Taufe passiert), dann bin ich dem Gesetz nichts mehr schuldig, ich kann es hinter mir lassen wie einen ungeliebten Ehepartner, der endlich tot ist, und kann endlich aufbrechen in eine helle Zukunft mit der Liebe meines Lebens, Jesus Christus.

Wenn wir das verstanden haben, dann stellt sich die Frage: wieso ist eigentlich das Gesetz so ein ungeliebter, tyrannischer Kerl, in dessen Umkreis nichts gedeiht, und der sich die Lebenskräfte der Menschen aneignet? Dieses Bild vom ungeliebten Ehemann ist ja auch noch in den folgenden Versen präsent, und wenn Paulus davon spricht, dass wir in der Bindung an das Gesetz dem Tod Frucht brachten, dann klingt immer noch dieser Gedanke mit, dass jemand gezwungen ist, für einen tyrannischen Mann Kinder zur Welt zu bringen. Es ist gut möglich, dass Paulus die Geschichte von der Vertreibung aus dem Paradies im Hinterkopf hat, wo Gott zu Eva sagt: dich wird es zu deinem Mann ziehen, aber er soll dein Herr sein. Die verkorkste Beziehungskiste zwischen Männern und Frauen dient als Bild für unser Verhältnis zu Gottes Geboten.

Ich glaube, wir müssen erst einmal realisieren, dass Paulus das wirklich so sagt und meint: ausgerechnet Gottes Gesetz weckt in uns sündige Leidenschaften, so dass nichts Gutes dabei herauskommt. Wieso denn das? Was kann damit gemeint sein?

Ich fange mit einem Beispiel an. Sie erinnern sich vielleicht an Sara Palin, die im letzten amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf als Vizepräsidentin der Republikaner kandidierte. Die hat sich besonders dadurch profiliert, dass sie sich heftig für christliche Werte und Moral einsetzte. Aber mitten im Wahlkampf stellte sich dann heraus, dass ihre Tochter gerade ein uneheliches Kind bekam und sie also ihre strikten Moralvorstellungen noch nicht einmal in ihrer eigenen Familie verwirklichen konnte.

Es geht mir jetzt nicht um diese Familie und erst recht nicht um die arme Tochter, sondern da wird ein Zusammenhang deutlich, der gar nicht so selten ist: gerade da, wo die Moral, und besonders die Sexualmoral, mit vielen Worten betont wird, da sieht es hinter den Kulissen oft ganz anders aus. Und zwar gerade deswegen, weil dauernd darüber geredet wird. Wer seinen Kindern dauernd erzählt, wie gefährlich Sex, Drogen oder was auch immer ist, der muss sich nicht wundern, wenn die auch dauernd darüber nachdenken und von diesem Thema nicht loskommen.

Oder nehmen wir ein ganz anders Problem: die Sicherheit. Seit es Terrorismus gibt, werden an vielen Stellen immer mehr Sicherheitskontrollen eingeführt. Viele Menschen denken intensiv darüber nach, wo es Sicherheitslücken geben könnte und versuchen, sie zu stopfen. Aber andererseits lenkt dieses intensive Bemühen um Sicherheit auch immer mehr Aufmerksamkeit auf das Thema, und dadurch kommen labile Menschen überhaupt erst auf dumme Gedanken. Ich zum Beispiel, wenn ich in die Situation komme, dass mein Koffer kontrolliert und auf Sprengstoff durchleuchtet wird, ich denke dann natürlich darüber nach, wie ich es anstellen könnte, die Sicherheitsleute zu überlisten und trotzdem Sprengstoff mit an Bord zu nehmen. Normalerweise gehört das nicht zu meinen Problemen, ganz abgesehen davon, dass ich in meinem Lebens bisher nur zweimal geflogen bin, aber wenn man da in der Warteschlange steht: ich mindestens werde dann auf solche Gedanken gestoßen: wie könnte ich da jetzt eine Bombe reinschmuggeln? Wo müsste ich die verstecken? Zum Glück habe ich viele andere wichtigere Probleme und gehe dieser Sprengstoff-Frage nicht weiter nach. Aber es reicht ja, wenn unter ein paar Millionen Passagieren auch nur einer Lust bekommt, es mal auszuprobieren.

Und so ist diese merkwürdige Funktion des Gesetzes, von der Paulus schreibt, mitverantwortlich dafür, dass unsere Welt durch all die Sicherheitskontrollen nicht wirklich sicher wird. Das Gesetz selbst produziert in Menschenherzen die Lust, es zu brechen, oder mindestens bringt es Menschen auf dumme Ideen, auf die sie sonst gar nicht gekommen wären.

Und schließlich gibt es viele Menschen, die in einem sehr entschiedenen religiösen oder jedenfalls moralischen Umfeld groß geworden sind, und die ein Leben lang damit beschäftigt sind, das irgendwie zu verkraften. Die einen werden 150%ig und setzen sich selbst und ihre Umgebung dauernd unter Druck, machen sich selbst und anderen ein schlechtes Gewissen und machen für alle das Leben schrecklich kompliziert. Die anderen rebellieren ihr Leben lang gegen ihre religiöse Prägung oder gegen ihr eingeimpftes schlechtes Gewissen und kommen davon nicht los. Das gibt es unter Katholiken genauso wie unter Evangelischen und auch dort, wo Kinder unter einem anderen moralischen Druck erzogen werden. Wenn Menschen ein ganz falsches Bild des Christentums haben und es deshalb ablehnen, dann sind nicht selten solche Karikaturen daran schuld. Denn die richten wirklich massiven Schaden an.

Ich habe das erst im Lauf der Zeit verstanden, wie sehr es das Weltbild verzerren kann, wenn man dauernd ein »Du musst!« oder ein »du darfst nicht!« zu hören meint, auch da, wo das eigentlich gar nicht gemeint war. Aber jemand, der von klein auf gelernt hat, immer mit diesem Gesetzes-Ohr zu hören, der kann das gar nicht mehr abschalten. Und das macht es ihm ganz schwierig, einfach so sein Leben zu führen und seine Mitmenschen nach seinen Kräften zu lieben und ein ausgeglichener Mensch zu sein. Immer kommt ihm die Frage dazwischen: tue ich das jetzt, weil ich es muss, oder weil ich es will? Wer hat mir was zu sagen? Was will ich selber? Wenn man stark mit dem Gesetz verbandelt ist, dann weiß man am Ende nicht mehr, was eigentlich die eigenen Stimme ist, und was die Stimme des Gesetzes und der Vorschriften ist.

Aus so einer unguten Liaison kann nichts Gutes entstehen. Ein schlechtes Gewissen ist einfach nur eins: schlecht. Und deshalb sagt Paulus: macht euch klar, dass ihr nicht mehr mit diesem Kontrolletti-Partner zusammen seid. Als Jesus gestorben ist, da ist auch diese Problematik gestorben. Und Paulus benutzt da eine interessante Formulierung: ihr seid für das Gesetz gestorben durch den Leib Christi. Das heißt einerseits: als Jesus leiblich getötet wurde, das war auch das Ende für das Gesetz. Er starb ja schließlich im Namen des Gesetzes, da hat man gesehen, dass das Gesetz es nicht schafft, das Böse zu verhindern, im Gegenteil. Wer von Jesus her denkt, der wird keine großen Hoffnung in die Verbesserung der Menschen auf dem Weg der Moral setzen.

Mit Leib Christi ist aber auch die Gemeinschaft all derer gemeint, die zu Jesus Christus gehören. Und so kann man auch sagen: wer in der Gemeinschaft Jesu erlebt, wie ein Leben aussieht ohne Kontrollsucht, ohne Leute, die dir ein schlechtes Gewissen machen wollen, ohne Drohung und Druck, der hat die Freiheit erlebt und ist hoffentlich ein für alle Mal davor geschützt, sich in den hoffnungslosen Verschlingungen des Gesetzes zu verfangen. Der hat diese Ambivalenz von Furcht und Rebellion hinter sich gelassen, dieses unfruchtbare Hin und Her zwischen Selbstanklage und Rummeckern an anderen und Aufstand gegen die ungeliebten Regeln.

Wer aber aufgehört hat, sich dauernd im Gegenüber zu Vorschriften und Regeln zu sehen und stattdessen sein prägendes Gegenüber in Jesus Christus hat, der kann erst produktiv mit der Welt umgehen. Wir sind frei, wir stehen auf einem neuen Boden, sagt Paulus. Wir sind nicht mehr in die kräftezehrenden Auseinandersetzungen mit dem »du sollst« und »du darfst nicht« verwickelt. Uns bewegt der Geist Gottes, und dadurch haben wir ein unverkrampftes Verhältnis zur Realität. Wir empören uns nicht gegen das Böse, sondern wir leben die Alternative. In so einem Leben kommt Gutes zustande. Und was das Gesetz nicht erreichte, das schafft Gottes Geist sozusagen mit links.

Okt 122011
 

Predigt zu Matthäus 13,31-32 am 9. Oktober 2011

In diesem Gottesdienst wurde die Konfirmandengruppe (Konfirmationsjahrgang 2012) zum Abendmahl zugelassen.

31 Jesus erzählte ihnen ein weiteres Gleichnis und sagte: Mit dem Himmelreich ist es wie mit einem Senfkorn, das ein Mann auf seinen Acker säte. 32 Es ist das kleinste von allen Samenkörnern; sobald es aber hochgewachsen ist, ist es größer als die anderen Gewächse und wird zu einem Baum, sodass die Vögel des Himmels kommen und in seinen Zweigen nisten.

Ein Senfkorn ist tatsächlich ziemlich klein, und für Jesus war es ein Bild dafür, wie Gottes Wege in der Welt laufen: aus etwas ganz Kleinem und Unscheinbaren wird etwas ganz Großes. Wir können uns das gar nicht vorstellen, wir denken normalerweise: »viel hilft viel«, aber Gott arbeitet anders. Gott fängt klein an und lässt die Dinge wachsen. Oder, andersherum gesagt: in den kleinen Anfängen steckt schon das Große drin, das Gott vor hat. Und es wird zu seiner vollen Größe wachsen, so wie aus dem Senfkorn eine große Pflanze wird.

Jesus konnte im kleinen Anfang das sehen, was Gott hineingelegt hatte, und er erzählt uns dieses Gleichnis, damit wir auch solche klugen Augen bekommen. Wenn wir das Abendmahl verstehen wollen, brauchen wir solch einen Blick, weil auch das Abendmahl ein kleiner Same ist, aus dem etwas Großes wächst.

Man muss sich das mal vorstellen: bevor er mit seinen Jüngern zum ersten mal Abendmahl feierte, war Jesus drei Tage im Tempel, und der war wirklich ein gewaltiges Bauwerk. Im Johannesevangelium wird einmal gesagt, dass es 46 Jahre gedauert hat, bis er fertig war. Heute noch steht die gewaltige Tempelmauer in Jerusalem, die Klagemauer, 18 Meter ist sie hoch, gewaltige Steinblöcke sind aufeinander getürmt, und die Menschen, die dort beten, sehen winzig aus dagegen. Und dabei ist das noch nicht einmal ein Rest vom Tempel selbst, sondern nur ein Stück vom Sockel, auf dem der eigentliche Tempel sich erhob. Das war eine Anlage, die Platz für Tausende, nein, für Zehntausenden von Menschen hatte. Hunderte von Priestern waren dort an großen Feiertagen im Einsatz. Die Pracht des Bauwerks und der Zeremonien muss überwältigend gewesen sein. Aus diesem riesigen Bauwerk kam Jesus, und dann geht er mit seinen Jüngern in irgendein Haus in Jerusalem, er und zwölf Jünger, 13 Leute insgesamt, einer davon ein Verräter, und sie feiern das erste Abendmahl Jesu. 12 Stunden später wird er gekreuzigt und 18 Stunden später ist er tot. Wenn das kein unscheinbarer Anfang ist. Keiner hätte erwartet, dass daraus noch was werden könnte. Wir würden wahrscheinlich sagen: sympathisch, wie sie da in ihrer Gemeinschaft zusammensitzen, aber Zukunft hat das nicht.

Doch gehen wir jetzt 40 Jahre weiter: da war dieser gewaltige Tempel so zerstört, dass er noch nicht einmal eine Ruine war. Aber Menschen, die so miteinander Abendmahl feierten, wie Jesus es ihnen gezeigt hatte, gab es mittlerweile schon in so ziemlich allen Ecken der zivilisierten Welt. Und je länger es dauerte, um so weiter kam diese Bewegung. Sie brauchten keinen gewaltigen Tempel, sie brauchten keine Hohenpriester in prachtvollen Gewändern, sondern an jedem Küchentisch konnten sie im Namen Jesu Abendmahl feiern, mit Brot und Wein, den Grundnahrungsmitteln, die jeder im Haus hat. Das alles war schon angelegt in diesem letzten Abend, den Jesus vor seinem Tod noch mit den Jüngern verbrachte. In diesem winzigen Senfkorn hat das schon alles dringesteckt.

Aber das war noch längst nicht alles. An den unzähligen Abendmahlstischen kamen Menschen zusammen, die sonst nie etwas miteinander zu tun gehabt hätten. Menschen aus aller Herren Länder, aus den unterschiedlichsten Kulturen, saßen da beieinander. Sklaven und ihre Herren saßen zusammen und merkten, dass sie gar nicht so unterschiedlich waren. Reiche und Arme teilten miteinander. Auch das alles steckte schon in diesem winzigen Samen des ersten Abendmahls Jesu.

Und so ist das bis heute: das Abendmahl ist ein kleiner Samen, in dem ganz viel angelegt ist. Wenn wir nachher den Friedensgruß austauschen, dann schüttelst du vielleicht jemandem die Hand, der dir schon immer auf den Keks gegangen ist, oder einer, die ganz merkwürdig ist. Aber in dieser kleinen Geste steckt die Verheißung drin, dass Jesus uns auch mit den merkwürdigsten Menschen verbinden kann, dass das vielleicht sogar mal ein guter Freund wird.

Und wenn wir das Brot essen und den Wein trinken, die für den Leib und das Blut Jesu stehen, dann steckt da drin, dass Gott auch aus dem Schlimmsten und Dunkelsten Auswege kennt, denn er hat ja sogar eine Antwort auf den Tod Jesu gefunden, nämlich die Auferstehung. Und vielleicht ist da schon verborgen drin ein ganz dunkler, trauriger Moment in vielen Jahren oder auch schon bald, wo dich dieser Gedanke aufrecht erhält, dass Gott sogar den Tod überwindet.

Und man muss noch weiter schauen: in dem Abendmahl steckt schon drin eine ganze neue Menschheit, die nicht mehr gegeneinander Kriege führt, sondern wo Menschen einträchtig an einem Tisch versammelt sind. Im Abendmahl steckt drin, dass die Vielfalt der menschlichen Völker und Kulturen eines Tages nicht mehr ein Anlass zu Misstrauen sein wird, sondern ein Grund zur Freude über den unfassbaren Reichtum, den Gott in die Menschen hineingelegt hat. Im Abendmahl steckt auch drin die Vision einer Menschheit, in der alle genug haben, wo keiner hungern muss, weil die Güter der Erde solidarisch geteilt werden. Und es steckt darin die Vision vom Frieden zwischen dem Menschen und der Schöpfung: im Tempel wurden Tiere geschlachtet und geopfert, für das Abendmahl muss kein Geschöpf sterben. Aber am Brot und am Wein kann man sehen, welche köstlichen Dinge dabei herauskommen, wenn sich die Früchte der Erde und die menschliche Kultur und Arbeit verbinden.

Kurz gesagt: Im Abendmahl steckt klitzeklein verpackt schon die ganze neue Welt, die Gott heraufführt. Und wir sollen beim Abendmahl lernen, dass in allen Dingen mehr drinsteckt, als man auf den ersten Blick sieht. Alle Dinge sind anders als sie scheinen. Die Innenseite ist größer als die Außenseite. Das verstehen wir zuerst nicht, aber das Abendmahl ist eine Übung, durch die wir das allmählich lernen.

Und wie sehen die Wege aus, auf denen Gott diese neue Welt heraufführt? Es ist der Weg Jesu, der sich hingegeben hat, der nicht zum Raffen und Festhalten kam, sondern um zu schenken und zu teilen und zu segnen. Wohin die Gier nach immer mehr führt, das erleben wir zur Zeit sehr deutlich. Die Jagd nach immer mehr führt uns in eine Krise nach der anderen. Diese Gier wird noch die ganze Welt ruinieren, wenn sie nicht ausgebremst wird.

Es ist Zeit für den Weg Jesu, der aus dem Segen lebte und ihn weitergab an andere, der sich auf Gott verließ und der am Ende auch sein Leben opferte, weil er diesem Weg treu bleiben wollte. Im Abendmahl ist das alles zusammengefasst in dem Bild vom Brot, das gebrochen und ausgeteilt wird und dem Bild vom Wein, der vergossen wird, und wenn wir so feiern, dann verbinden wir uns mit der Art, wie Jesus lebte, starb und auferstand. Da fällt dieser Same auch in uns hinein und soll in uns wachsen.

Ich glaube, dass Jesus eine besondere Art hatte, das Brot und den Wein zu segnen und weiterzugeben. Ich glaube, dass seine Jünger an ihm etwas sehen konnten von der schenkenden, segnenden Hand Gottes. Für einen Moment wurde an Jesus die Fülle des göttlichen Lebens sichtbar, die bis heute die Welt durchströmt. Jesus hat uns gezeigt, wie wir diese Fülle in allem erkennen können.

Im Abendmahl sollen wir lernen zu sehen, was wir sonst nicht sehen würden, und so werden wir gute Augen für das Verborgene bekommen, das in allen Dingen steckt.

Okt 022011
 

Predigt am 2. Oktober 2011 (Erntedankfest) zu 1. Timotheus 4,4-5

4 Alles, was Gott geschaffen hat, ist gut, und nichts ist verwerflich, was mit Danksagung empfangen wird; 5 denn es wird geheiligt durch das Wort Gottes und Gebet.

Dankbarkeit macht die Welt genießbar. Zu sagen: »Danke, Gott, für dieses Geschenk des Lebens, danke, dass du mich in diese Welt hineingestellt hast, danke, dass heute wieder ein neuer Tag ist, danke, dass du mich versorgst mit Essen und Wohnung und Menschen, die mir nahe sind« – wenn wir so an die Welt und an das Leben herangehen, das ist die beste Grundlage dafür, sorgsam damit umzugehen. Wir nehmen dann den Segen wahr, den Gott mit dieser Welt verbunden hat, und wir öffnen uns dafür, so dass der Segen auch in Fülle bei uns ankommt. Gott hat die Welt nicht als Schauplatz für Tragödien und Dramen geschaffen, er hat in der Welt keine Fallen aufgestellt, vor denen wir uns hüten müssten, sondern er hat es alles gut geschaffen. Und es ist genug für alle da.

Wenn wir auf Konfirmandenfreizeiten sind, dann sage ich das oft noch mal extra vor dem Essen: keine Sorge, dass es nicht reicht! Es ist genug da, wir können aus der Küche nachholen. Wir haben da nämlich meist so ein Buffet, an dem man sich selbst das Essen holt, und irgendwann habe ich gelernt, dass es viel ruhiger zugeht und viel weniger gedrängelt wird, wenn alle wissen: es reicht für alle.

Wenn wir das auf die ganze Welt übertragen, dann heißt das: alle können satt werden, es ist genug zum Leben da, und nur wenn Menschen das nicht glauben, dann gibt es Probleme. Wenn Menschen anfangen, vorsichtshalber schon mal um die besten Stücke zu rangeln, dann wird es tatsächlich eng. Wenn Menschen anfangen, mit Lebensmitteln zu spekulieren, an der Knappheit verdienen wollen, wenn einige einen größeren und besseren Teil des Kuchens für sich haben wollen, dann fängt auch die Not an. Solange alle zusammenstehen und teilen, reicht es auch für alle. Nicht die Welt ist das Problem, die ist so geschaffen, dass Leben in Fülle möglich ist. Gott ist großzügig und hat seinen Segen in verschwenderischer Fülle ausgegossen über die Schöpfung.

Probleme entstehen erst, wenn Menschen sich einen möglichst großen Teil dieses Segens unter den Nagel reißen wollen und sagen: das ist meins! Nur für mich! Und am Ende brauchen sie es gar nicht alles, und es landet auf dem Müll.

Vielleicht haben Sie mitbekommen, wie sich in der letzten Zeit die Aufmerksamkeit immer wieder darauf gerichtet hat, wieviel Lebensmittel bei uns einfach weggeworfen werden. Nicht irgendwelche vergammelten Reste, sondern von allen erzeugten Lebensmittel wandert ein ziemlich großer Teil auf den Müll, weil er nicht gut genug ist: Äpfel mit Flecken auf der Schale, Bananen, die nicht die richtige Form haben, Joghurt, dessen Mindesthaltbarkeit gerade eben überschritten ist, und noch vieles andere.

Aber da wird ja nicht einfach irgendwelches Material auf den Müll geworfen, sondern jedes Mal steckt darin eine ganze Geschichte: von den Menschen, die daran gearbeitet haben, oft mit viel Mühe und für wenig Geld; von den Tieren, die dafür gelebt haben, dass wir satt werden; Menschen, die früh aufgestanden sind, um die Lebensmittel rechtzeitig zu liefern; der Kraftstoff, der für all das gebraucht wurde, und dessen Verbrennung die Atmosphäre belastet. Und doch wird auf jeder Stufe wieder aussortiert, und alles, was nicht 100%ig ist, kommt in die Tonne, und nur ein kleiner Teil von allem schafft es dann überhaupt noch auf unseren Teller, und dann wird noch nicht mal das alles gegessen. Und gleichzeitig haben viele andere nicht genug.

Und mit diesen ganzen Lebensmitteln landet eben auch immer der Segen im Müll, der mit ihnen verbunden war. Alles ist mit Gottes Segen verbunden, und ganz besonders alles Lebendige trägt seinen Segen. Alles Lebendige trägt in sich dieses Geheimnis, dass Gott seine Lebenskraft in die Welt strömen lässt und so aus toter Materie etwas Neues entstehen lässt, das wächst und atmet und sich entfaltet. Und so sind unsere Lebensmittel nicht einfach Dinge, sondern sie bringen mit sich eine Botschaft: du sollst leben, ich habe dich gewollt, ich sorge für dich, ich kenne dich und du liegst mir am Herzen. Und wenn wir dann sagen: Danke für das Essen, danke für das Leben, dann entziffern wir diese Botschaft und bestätigen, dass sie angekommen ist.

So eine Dankbarkeit sorgt für einen respektvollen Umgang mit der Nahrung. Für einen Augenblick aussteigen aus dem hektischen Karussell des Lebens, das Tischgebet sprechen, einen Moment der Pause, um sich daran zu erinnern, dass es alles eine Gabe Gottes ist, dass wir Tag für Tag beschenkt werden, dass Nahrung etwas Kostbares ist, auch wenn sie bei Aldi spottbillig war. Für einen Augenblick sich erinnern an all die Menschen und ihre Geschichten, die mit diesem Essen verbunden sind. Und auch an all die denken, die nicht genug haben, um so gut zu essen wie wir. Und von neuem Anschluss finden an den Segensstrom, der die Schöpfung durchfließt und von dem wir auch leben.

So entschlüsselt Dankbarkeit die ganze Welt, wir sehen nicht nur die Dinge auf dem Teller, sondern wir sehen die ganze Bedeutung dahinter. Wir lernen Tag für Tag dieses Lebensgefühl, dass wir uns in einer guten und gesegneten Welt bewegen, und das behütet uns vor Gier und vor Angst.

Es gab ja auch Zeiten, in denen Menschen stärker dieses Geheimnis hinter allem gespürt haben als wir heute, aber sie haben es noch nicht verstanden. Und deswegen haben sie in den alten Zeiten viele Regeln gehabt, was man essen darf und was nicht. Und in vielen Teilen der Welt ist das bis heute so, dass es einen Haufen Tabus gibt, die mit dem Essen verbunden sind, und unsere Tischsitten sind z.B. noch ein letzter Rest dieser Tabus. Noch im ersten Teil der Bibel, im Alten Testament gibt es ganz viele Gesetze darüber, was man essen darf und wie man es essen soll. Und das war nicht sinnlos, denn es war sozusagen ein großes Ausrufezeichen: stopft nicht alles besinnungslos in euch rein, sondern versteht, dass mit dem Essen eine Bedeutung verbunden ist!

Aber erst seit Jesus kennen wir diese Bedeutung wirklich: unsere Nahrung ist die gute Gabe Gottes, sein großes Ja zum Leben, das Zeichen seiner Großzügigkeit, und wir sollen es dankbar entgegennehmen, damit wir selbst auch großzügig werden; damit wir die Güter des Lebens nicht an uns reißen, sondern sie solidarisch teilen, so dass alle satt werden; damit wir nicht nur am Körper satt werden, sondern damit auch unsere Seele und unser Geist ernährt werden. Wir müssen keine Tabus mehr beachten, die einzige Regel, die es noch gibt, ist Dankbarkeit: wenn du über deinem Essen Gott Dank sagen kannst, dann tu es auch, und dann: Guten Appetit!

Es gibt in der Welt nichts, was von sich aus verwerflich wäre. Nur die Gier und die Undankbarkeit sind verwerflich. Gier und Undankbarkeit haben tatsächlich das Potential, die Welt zugrunde zu richten, bis sie ungenießbar wird. Deswegen ist diese Dankbarkeit so wichtig, weil wir da die geistliche, die spirituelle Seite der Dinge wahrnehmen, die göttliche Botschaft, die mit den Dingen verbunden ist. Ich glaube, all diese Scheußlichkeiten, die mit der fabrikmäßigen Produktion von Nahrung verbunden sind, all dies Gepansche und die Manipulation von Lebewesen, das ist erst möglich geworden, seit wir diese geistliche Dimension der Nahrung nicht mehr wahrnehmen. Deswegen ist es ein Akt des Widerstandes gegen die Verwurstung des Lebens, wenn wir sagen: danke, Gott, dass du uns versorgst, danke, dass genug da ist, es ist durch die Hände vieler Menschen gegangen, aber zuerst und zuletzt kommt es von dir, und aus deiner Hand nehmen wir es entgegen.

Im Abendmahl, das wir nachher feiern, kommt das alles zusammen: das Korn und die Weintrauben, die die Erde aufwachsen lässt; die menschliche Kultur, die Kunstfertigkeit und die Arbeit vieler Menschen, die gelernt haben, daraus gutes Brot und ehrlichen Wein zu machen; und dann Jesus, der das Brot und den Wein nimmt und sagt: das steht von nun an für mich und mein ganzes Leben, das geprägt ist von der Großzügigkeit Gottes. Ich werde bis zuletzt offen bleiben für den Segen Gottes, und auch am Kreuz, wo alles dagegen spricht, werde ich weiterhin auf Gott hoffen. Und er wird mich nicht enttäuschen. Und jetzt verschenke ich mich an alle, alle sollen dazugehören. Und da kommt die äußere, materielle Seite der Dinge wieder zusammen mit ihrer inneren geistlichen Bedeutung. Und an seinem Tisch sind sie alle verbunden, als eine Gemeinschaft, die durch Geben und Schenken geprägt ist und nicht von der Gier. Und da fällt schon ein Lichtstrahl aus der neuen Welt in unsere alte Welt hinein.

Und wenn wir dann Abendmahl feiern, dann wird unter uns diese Vision lebendig, die Vision einer versöhnten Gemeinschaft von Menschen und Gott, die neue Welt, in der der Segen nicht mehr ausgesperrt oder weggeworfen wird, sondern wo die Ströme fließen und die Welt voller Freude ist. Und wir spüren, dass diese Vision nicht willkürlich ist. Sie ist tief verwurzelt in der Realität der Schöpfung.