Apr 282011
 

Predigt zu 1. Samuel 2,1-8 am 24. April 2011 (Ostersonntag)

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Dass Jesus auferstanden ist, das ist nicht irgendwie so aus heiterem Himmel gekommen. Das ist kein unverhoffter Zufall, sondern das passt einfach zu Gott. So etwas hat Gott immer schon gemacht. Bis zu Jesus war das noch nicht so klar und deutlich, aber wenn Gott sich unter den Menschen einmischte, dann ging es immer schon genau in diese Richtung, dass das Unglaubliche Realität wurde und dass der Tod vom Leben überwunden wurde.

Deswegen kann unser heutiger Predigttext ein Text aus dem Alten Testament sein. Man könnte sich ja darüber wundern: was hat das Alte Testament mit Ostern zu tun? Die Auferstehung Jesu ist doch nun wirklich eine Sache des neuen Testaments. Und trotzdem ist dies schon im Alten Testament, weit in der Frühzeit Israels, eine Auferstehungsgeschichte. Gott hat schon lange vor Jesus Zeichen gesetzt, hat Markierungen hinterlassen, an denen man mindestens im Rückblick merkt, dass er schon immer das Unterste zu oberst kehren wollte, dass er schon immer den normalen Lauf der Welt durcheinander gebracht hat, dass er schon immer dafür gesorgt hat, dass die Geschichten anders ausgehen, als man es meistens erwartet. So eine Geschichte hören wir heute. Es ist die Geschichte von Hanna, der Mutter des großen Propheten Samuel. Lange Zeit bekam Hanna keine Kinder, und das war damals eine Katastrophe für jede Frau. Keine Kinder zu bekommen, unfruchtbar zu sein, das war wie ein Stigma, ein Makel, den man nicht wieder los wurde. Aber in der Geschichte Gottes kommen immer wieder unfruchtbare Frauen vor, die lange Zeit mit diesem Makel der Kinderlosigkeit leben müssen, aber am Ende bekommen sie Söhne, die eine große Rolle spielen in der Geschichte Gottes: Sara, die Frau Abrahams ist das bekannteste Beispiel.

Und so war es auch mit Hanna. Sie war die Frau von Elkana aus dem Stamm Efraim in Israel, und er liebte seine Frau, auch wenn sie keine Kinder bekam. Aber, wie es damals so üblich war, er hatte noch eine andere Frau, und die bekam Kinder. Peninna hieß sie, und der Peninna-Teil der Familie wurde immer größer. Besonders schlimm war es beim jährlichen Fest im Heiligtum von Silo, so wie bei uns Familienprobleme sich am liebsten zu Weihnachten melden. Beim großen Festessen teilte Elkana die Fleischstücke zu, eins für Peninna, und dann noch eins für ihr erstes Kind, und noch eins, und noch eins, und noch eins, und noch eins … und dann bekam Hanna auch ihr Stück – wieder nur eins. Die spöttischen Kommentare blieben nicht aus. Peninna hatte eine spitze Zunge und wusste, wie sie Hanna immer wieder verletzen konnte.

In einem Jahr konnte Hanna es nicht länger ertragen. Sie stand vom Tisch auf und lief in den Tempel, und da schüttete sie ihr Herz vor Gott aus und bat: »Schenk mir einen Sohn! Ich will ihn dir auch hier im Heiligtum lassen, damit er dir sein Leben lang dient.« Und der Priester Eli, der sie dort sah, sagte ihr – ohne zu wissen, worum es ging – aus einer prophetischen Eingebung heraus: „Du wirst bekommen, worum du gebeten hast.“

Um im Jahr darauf, als wieder Opferfest in Silo war, da hatte sie ihren Sohn, und sie musste sich nie wieder verspotten lassen. Und als er alt genug war, da brachte sie ihn in den Tempel, und aus ihm wurde der große Prophet Samuel. Am Tage, als sie den kleinen Samuel in den Tempel brachte, betete sie dort, und ihr Gebet an diesem Tage ist der Predigttext von heute:

1 Hanna betete: HERR, du hast mich fröhlich gemacht, du hast mich wieder aufgerichtet und mich gestärkt! Jetzt kann ich über meine Feinde lachen. Ich bin voller Freude, weil du mir geholfen hast.
2 Der HERR allein ist heilig; es gibt keinen Gott außer ihm. Auf nichts ist so felsenfest Verlass wie auf ihn.
3 Tut nicht so groß! Spielt euch doch nicht so auf! Prahlt nicht so frech mit euren Plänen! Der HERR weiß genau, was ihr tut; er prüft alle eure Taten.
4 Starken Männern zerbricht er die Waffen; Schwachen und Entmutigten gibt er neue Kraft. 5 Reiche müssen auf einmal ihr Brot mit eigener Hand verdienen; Arme müssen nicht mehr hungern und können feiern. Die Frau, die kinderlos war, bringt sieben Kinder zur Welt, doch die Kinderreiche behält nicht eines.
6 Der HERR tötet und macht lebendig, er verbannt in die Totenwelt, und er ruft aus dem Tod ins Leben zurück. 7 Er macht arm, und er macht reich, er bringt die einen zu Fall, und andere erhöht er. 8 Die Armen holt er aus der Not, die Hilflosen heraus aus ihrem Elend; er lässt sie aufsteigen in den Kreis der Angesehenen und gibt ihnen einen Ehrenplatz.

Liebe Freunde, auch das ist eine Auferstehungsgeschichte. Das klingt alles wie im Märchen, wenn der jüngste Sohn, dem keiner was zugetraut hat, am Ende die Königstochter bekommt. Die verspottet wurde, kann am Ende lachen. Die Armen können feiern und die, die vorher groß und angesehen waren, gehen leer aus. Das ist Gottes Handschrift. So macht er das. Er ist anders als die anderen Götter, die sich mit den Mächtigen verbünden. Der Gott Israels hat sich schon immer auf die Seite der Sklaven und Armen und der Ausgelachten geschlagen. Er hat schon immer das Unmögliche möglich gemacht. Er hat die Realität seit eh und je gegen den Strich gebürstet, und die nicht damit gerechnet haben, waren dumm dran. Wer solche Geschichten mal gehört hat, vergisst sie nicht mehr.

Ich habe das nicht ohne Grund mit den Märchen verglichen. Gottes Handschrift hat uns im christlichen Kulturkreis tief geprägt. Sogar in den Geschichten, die man den Kindern erzählt, spiegelt sich das wieder: am Ende gewinnt das tapfere Schneiderlein, die arme Stieftochter oder die heimatlosen Tiere (die Bremer Stadtmusikanten). Sei pfiffig, sei integer und tu das Unerwartete, dann ist das Glück auf deiner Seite! Das kann man bei den Brüdern Grimm lernen. Das sind oft in Märchen verpackte Auferstehungsgeschichten, genauso wie die von der kinderlosen Hanna.

Das ist überhaupt nicht selbstverständlich. Es gibt auch ganz andere Märchen. Ich wusste das nicht, bis ich mal einen Band mit Märchen aus unserer Gegend hier gelesen habe. Da gibt es lauter Geschichten, wo einer aus der Reihe tanzt, und dann kriegt er dafür eins auf den Deckel. Ein Kind läuft ins Kornfeld, obwohl es verboten ist, und dann wird es von der Kornmuhme geholt. Punkt. Geschichte zu Ende. Eigentlich ziemlich langweilig. Das ist natürlich realistisch, so läuft das ja viel zu oft. Aber die richtig guten Geschichten sind doch die, wo es anders ausgeht. Wo das Unwahrscheinliche eintrifft und die Neugier belohnt wird. Nur solche Geschichten lohnen sich, erzählt zu werden. In den heidnischen Geschichten gibt es solche Überraschungen nicht. Ohne den Gott, der das Unterste zuoberst kehrt, gibt es noch nicht mal gute Märchen. Vom Herrn der Ringe ganz zu schweigen.

Aber die Auferstehung Jesu bringt solche Hoffnungsgeschichten hervor: solche wie die von Hanna, wo noch keiner was von der Auferstehung weiß, aber Gottes Lebenshandschrift ist schon zu erkennen. Und natürlich erst recht nach der Auferstehung, da gibt es noch viel mehr Geschichten, die den Geist der Auferstehung atmen, weil ja jetzt jeder von diesem Gott wissen kann, der des Todes spottet. Auch Geschichten wie die Märchen, von den Brüdern Grimm und vielen anderen, die den Namen Jesus gar nicht nennen, und die trotzdem die Struktur des Auferstehungsdenkens in sich tragen und ganze Völker so geprägt haben, dass es uns heute so vorkommt, als sei das völlig selbstverständlich. Aber in Wirklichkeit sind es Wunder, die Menschen Kraft und Widerstandsfähigkeit geben.

Und dann gibt es noch die Auferstehungsgeschichten, die sich total getarnt haben und die trotzdem die Welt bewegen. Wir haben in diesem Jahr schon einige ganz beeindruckende Auferstehungsgeschichten miterlebt. Ich denke an die Aufbrüche in Tunesien und Ägypten und in vielen anderen Ländern, in denen bisher Willkürherrscher das Regiment geführt haben, schon seit vielen Jahrzehnten. Das sah alles dermaßen unbeweglich und unfruchtbar aus, perspektivlos und betoniert. Keiner hat damit gerechnet, dass es mal anders werden könnte. Und auf einmal bewegt sich was, und ein Regime, das stabile Friedhofsruhe zu garantieren schien, bricht in ein paar Wochen zusammen. Der Herr bringt die einen zu Fall und die anderen erhöht er. Starken Männern zerbricht er die Waffen, aber Schwachen und Entmutigten gibt er neue Kraft. Er ist der Gott der ganzen Welt, aber wir kennen seine Handschrift, auch dort, wo er sozusagen inkognito an der Arbeit ist. Man muss das erleben, wie Menschen aus diesen Ländern sich freuen, wenn diese bleiernen, erdrückenden Herrschaften ins Wanken geraten.

Und wie ist das gekommen? Weil sich da Auferstehungserzählungen verbreitet haben. Geschichten davon, wie das Unterste zuoberst gekehrt wird, und wie das Große nicht groß bleibt und klein nicht das Kleine. Über Handy und Internet haben sich solche Geschichten verbreitet, und sie unterwandern ganze Gesellschaften. Und in China haben sie auch schon Muffensausen und bewachen das Internet mit Argusaugen.

Der auferstandene Jesus ist die geheime Mitte der Welt. An seinen Auferstehungsgeschichten kommt keiner vorbei: die einen werden davon bewegt, und die anderen versuchen, sie mit aller Kraft zu unterdrücken. Jetzt im Rückblick können wir wissen, weshalb es in den letzten 10 und mehr Jahren diesen ganzen islamistischen Terror gegeben hat: da haben Leute gespürt, dass sich auch in ihren Gesellschaften die Auferstehungsluft ausbreitet und die Menschen sich nicht mehr in ihr Schicksal fügen. Und sie haben versucht, das zu stoppen oder es auf ihre Mühlen zu lenken, weil sie Angst vor der Freiheit haben, aber am Ende hat es nicht geklappt, und die Menschen haben gewaltlos und friedlich demonstriert und haben ihr Leben riskiert, so wie vor zwanzig Jahren in der DDR. So als ob sie die Bergpredigt gelesen hätten.

Gott hat so viele Wege, um seine Auferstehungsgeschichten an Männer und Frauen zu bringen. Auch wenn es vorher bleierne Zeiten gibt, in denen man die Hoffnung schon beinahe aufgibt. Zeiten, in denen die kinderlose Hanna sich verspotten lassen muss und in denen alle, die aufzumucken wagen, in den Stasigefängnissen landen. Zeiten, in denen die Kornmuhme über die Brüder Grimm zu siegen scheint. Die schreckliche Zeit zwischen Karfreitag und Ostern, in der es aussieht, als ob die Mächte gewonnen hätten und jede Hoffnung Illusion ist. Aber Gott hat schon längst seine Auferstehungsgeschichten ausgestreut, und wenn die Zeit kommt, dann geht der Same auf.

In all den bleiernen, unfruchtbaren Zeiten sieht es so aus, als wären die ganzen Hoffnungsgeschichten nette Stories ohne Realitätsgehalt. Aber diese Geschichten sind verankert in der Auferstehung Jesu, von dort her nehmen sie ihre Kraft und ihr Recht. Jesus ist auferstanden, er ist wahrhaftig auferstanden! Was sollte jetzt noch unmöglich sein? Nicht mal auf den Tod kann man sich noch verlassen. Schon Hanna hat das gespürt, obwohl es noch über 1000 Jahre dauerte, bis dann Jesus wirklich von den Toten auferstand.

In der Auferstehung Jesu haben all die anderen Auferstehungsgeschichten ihre Grundlage. Ohne Auferstehung wären sie auf Sand gebaut. Aber die Auferstehung sorgt dafür, dass sie realitätshaltig sind und keine schönen Träume bleiben. Gott rüttelt an den Toren der Welt, er will hier rein, und zum Glück gibt es die Auferstehungsmenschen, die ihm die Tür aufschließen. Und dann kommt er selbst, stark und unaufhaltsam.

Apr 042011
 

Predigt über Römer 3,25-31 am 04. April 2011 (Predigtreihe Römerbrief 09)

25 Gott hat Jesus vor den Augen aller Welt zum Sühneopfer für unsere Schuld gemacht. Durch sein Blut, das er vergossen hat, ist die Sühne geschehen, und durch den Glauben kommt sie uns zugute. Damit hat Gott unter Beweis gestellt, dass er gerecht gehandelt hatte, als er die bis dahin begangenen Verfehlungen der Menschen ungestraft ließ. 26 Wenn er Nachsicht übte, geschah das im Hinblick auf das Sühneopfer Jesu. Durch dieses hat er jetzt, in unserer Zeit, seine Gerechtigkeit unter Beweis gestellt; er hat gezeigt, dass er gerecht ist, und dass er den für gerecht erklärt, der sein ganzes Vertrauen auf Jesus setzt.
27 Hat da noch irgendjemand einen Grund, auf etwas stolz zu sein? Nein, das ist jetzt ausgeschlossen. Durch welches Gesetz? Durch das Gesetz der Werke? Nein, durch das Gesetz des Glaubens! 28 Denn wir gehen davon aus, dass man aufgrund des Glaubens für gerecht erklärt wird und nicht, weil man bestimmte Gesetzesvorschriften einhält. 29 Oder ist Gott etwa nur der Gott der Juden? Ist er nicht ebenso auch der Gott aller anderen Menschen? Natürlich ist er das, 30 so wahr es nur einen Gott gibt – den Gott, der auf ein und derselben Grundlage des Glaubens Beschnittene und Unbeschnittene für gerecht erklärt. 31 Setzen wir nun dadurch, dass wir alles vom Glauben abhängig machen, das Gesetz außer Kraft? Keineswegs! Das Gegenteil ist der Fall: Wir bringen das Gesetz dadurch erst richtig zur Geltung.

Paulus blickt zurück auf die lange Geschichte von Gottes Weg durch die Welt. Gott hat mit Israel einen Bund geschlossen, er hat sich einen menschlichen Partner gesucht, um mit dem zusammen die Welt wieder zu heilen.

Aber das war kein überschaubarer und klarer Weg, sondern dieser Weg geht durch verwirrende Wendungen hindurch, oft sieht es so aus, als ob er ins Abseits führt oder ganz scheitert. Auf der menschlichen Seite findet Gott keinen wirklich zuverlässigen Partner. Israel schafft es immer wieder, die guten Anfänge mit Gott zu einem Desaster werden zu lassen. Israel wird nicht zu einem Teil der Lösung, sondern zum Teil des Problems. Eigentlich sollte es doch von Gottes gutem Gesetz geprägt sein, es sollte unter den Völkern Gottes Alternative verkörpern, aber immer wieder entscheidet es sich für Gewalt, Ausbeutung und Lüge. Und so stellt sich die Frage: Hat Gott nicht mehrere riesige Fehler gemacht? Den ersten als er die Welt so schuf, wie sie ist; und den zweiten Fehler, als er sich einen menschlichen Verbündeten gesucht hat, von dem er immer wieder enttäuscht wurde.

Paulus schreibt einen Großteil des Römerbriefes, um zu zeigen, dass das nicht der Fall ist. Gott hat die verwirrende Situation gelöst, indem er selbst dafür sorgte, dass er auf der Erde ein Gegenüber fand, mit dem er einen Neuanfang machen konnte: nämlich Jesus, den Messias, den einen treuen Israeliten, der Gott nicht enttäuschte.

Aber dann stellt sich natürlich die Frage: Warum diese langen Umwege? Warum erst der Versuch, über das Gesetz des Mose das Volk zu formen, ihm eine Lebensgestalt zu geben? Gibt Gott jetzt nicht durch Jesus im Nachhinein zu, dass das ein Fehler war, ein unnötiger Umweg?

Und Paulus steht dazwischen: die Konservativen werfen ihm vor, dass ihm das Gesetz Gottes egal ist, und die, die Jesus neu entdeckt haben, wundern sich, warum er das Gesetz nicht ganz über Bord schmeißt, wo doch eigentlich seit Jesus Gottes Plan B begonnen hat und man den Plan A getrost vergessen kann.

Wenn Paulus da rauskommen will, dann muss er diese ganze verwirrende Geschichte Israels neu lesen, er muss sie rekonstruieren, er muss erklären, warum es alles so und nicht anders sein musste.

Vielleicht kennen einige unter uns den Film »Casablanca«, das ist ja einer der größten Langzeit-Erfolge der Filmgeschichte. Der Film spielt im zweiten Weltkrieg. Humphrey Bogart und Ingrid Bergmann spielen darin ein Paar, das sich während der deutschen Besatzung Frankreichs in Paris kennengelernt hat. Sie wollten gemeinsam fliehen, alles war vorbereitet, aber dann kam Ingrid Bergmann nicht zum vereinbarten Treffpunkt, und Rick, wie Humphrey Bogart in dem Film heißt, musste allein fliehen. Das hat Rick das Herz gebrochen, er ist zum Zyniker geworden. Und dann eines Tages trifft er seine große Liebe wieder, sie ist auf der Flucht vor den Nazis, aber sie ist die Frau eines anderen. Deshalb weigert sich Rick, ihr zu helfen, weil er ihr Verhalten in Paris als gemeinen Verrat erlebt hat.

Und erst nach und nach kommt heraus, warum sie damals nicht zum Treffpunkt gekommen ist: sie war davon ausgegangen, dass ihr Mann in einem deutschen Konzentrationslager ermordet worden sei, und nur deshalb hatte sie sich in Rick verliebt. An jenem Tag in Paris erfuhr sie, dass ihr Mann noch lebt und entkommen konnte, aber sie konnte es Rick nicht mehr sagen.

Jetzt im Rückblick wird es klar, warum sie sich so verhalten hat. Es war kein gemeiner Verrat, sondern es war ehrenhaft, es ist für Rick zwar traurig, aber er versteht, dass da nicht Niedertracht im Spiel war, sondern nachvollziehbare Beweggründe. Und so ist seine frühere Geliebte in seinen Augen gerechtfertigt. Sie hat nichts falsch gemacht, er kann sie achten und hilft ihr dann auch zur Flucht.

Gerechtfertigt – das ist auch das Wort, das Paulus benutzt, wenn er über Gottes Geschichte mit der Welt und mit Israel spricht. Es könnte so aussehen, als ob Gott einen Riesenfehler gemacht oder sogar sein Versprechen gebrochen hätte. Aber Paulus sagt: seit Jesus kann man erklären, warum das alles so sein musste. In Wirklichkeit ist Gott sich selbst immer treu geblieben, er hat seine Versprechen gehalten. Aber das erkennt man erst im Rückblick, so wie Rick erst im Rückblick versteht, warum das alles so gekommen ist.

Warum also hat Gott die großen Umwege in der Geschichte Israels gemacht? Warum hat er erst ein Gesetz gegeben, das dann doch keine wirkliche Hilfe ist? Ein paar Verse vorher hat Paulus einen Hinweis gegeben: durch das Gesetz »entsteht Erkenntnis der Sünde« (v. 20). Das heißt, das Gesetz war nie als Lösung gedacht, sondern es sollte dafür sorgen, dass die Menschen (vor allem Menschen in Israel) überhaupt erst das Problem verstehen. Der Normalfall ist nämlich, dass Menschen noch nicht einmal das Problem verstehen, für das Jesus dann die Lösung ist. Die Menschen haben zwar Probleme und reden auch gern darüber, aber was sehen sie als ihr Problem an? Hören Sie mal Menschen zu! Die erzählen stundenlang von ihren Krankheiten, und andere erzählen davon, dass alle gemein zu ihnen sind, und viele erzählen einfach davon, was sie so den Tag über tun. Und genauso war das natürlich damals, dass Menschen mit vielem unzufrieden waren, aber keiner wäre auf die Idee gekommen, zu sagen: wir könnten und sollten es als Menschen eigentlich viel besser machen, wir haben versagt, wie können wir es anders machen?

Nur in Israel, in diesem einzigartigen Volk, da gab es wenigstens einige, die sich diese Frage stellten: »Gott hat uns doch dazu berufen, Sein ganz besonderes Volk zu sein. Wir sollten Seine Alternative sein, Sein leuchtendes Vorbild für alle anderen Völker. Warum hat das nicht geklappt? Was ist bei uns schiefgelaufen? Wo haben wir versagt? Und wie kann das noch zu einem guten Ende kommen?«

Zum ersten Mal hatten sie sich diese Frage gestellt, als ihre Stadt zerstört war, Jerusalem, und sie fern von der Heimat in der babylonischen Gefangenschaft diesen Schock verarbeiten mussten. Da begann es ihnen zu dämmern: hatten sie nicht das gute Gesetz Gottes gehabt, an das sie sich nicht gehalten hatten? Hatte es nicht die Propheten gegeben, die immer wieder gewarnt hatten? Aber keiner hatte auf sie gehört. Und so hatten sie entdeckt, dass die richtige Antwort auf ihr Unglück nicht Jammern und Klagen waren, dass es auch nichts half, auf die bösen Babylonier zu schimpfen, sondern dass sie selbst umkehren mussten, dass sie ihr eigenes Denken kritisch unter die Lupe nehmen mussten, dass das Problem nicht irgendwo da draußen bei den anderen oder bei Gott lag, sondern dass sie selbst das Problem waren: ihre eigene Großmannssucht, ihre eigene Gier, ihre eigene Gottesblindheit.

Das ist eine entscheidende neue Erkenntnis für die Menschheit: dass manchmal wir selbst das Problem sind, dass die Lösung nicht darin besteht, dass alle anderen sich ändern (was sie natürlich nicht tun), sondern dass wir umkehren müssen. Neu denken und dann auch neu handeln. Nur weil das in Israel wenigstens als Frage, als Problem verstanden worden war, nur deshalb gab es dort wenigstens einige, die die Lösung verstanden, die schließlich Jesus brachte.

Vielleicht klingt das nach wenig, aber in Wirklichkeit ist das ein kostbares Ergebnis dieser langen Geschichte. Es ist mit Blut, Schweiß und Tränen bezahlt worden. Es hat viele enttäuschte Hoffnungen, viele vernichtende Niederlagen und viele zerstörte Illusionen gebraucht, bis Menschen das verstanden haben. Bis Menschen es schafften, so einen Abstand zu ihrem bisherigen Weg zu entwickeln. Zu merken, dass sie falsch lagen. Wir müssen nur in unsere eigenen Geschichte schauen: wie selbst nach dem grauenhaften Massenmorden des ersten Weltkrieges die Mehrheit unseres Volkes nicht zur Besinnung gekommen ist, sondern 15 Jahre später Hitler zugejubelt hat und ihm in den nächsten Krieg gefolgt ist. Und erst als 1945 alles gegen die Wand gefahren war, da hat es nach und nach ein Stück Einsicht gegeben, ein Stück Selbsterkenntnis und Umkehr. Auch das noch viel zu wenig, oft nur oberflächlich und bruchstückhaft, auch das noch immer gefährdet, aber immerhin. Wir verdanken unser Grundgesetz diesem Augenblick des Erschreckens – »nie wieder!« hat man damals gesagt, »jetzt schreiben wir die Menschenrechte ein für allemal in unsere Verfassung hinein.«

Und viele andere Völker, die das nicht erlebt haben, verstehen dann nicht, warum die Deutschen oft so zögerlich sind, so gebrochen in ihrem Verhalten, so unsicher und so vorsichtig wenn es um Kriege geht. Wir sind hin und her gerissen, immer noch zwischen der heidnischen Großmannssucht, den schlechten Erfahrungen und der Ahnung von etwas Besserem.

Aber diese Zerrissenheit ist etwas Gutes, etwas Hoffnungsvolles. So hoffnungsvoll wie die Zerrissenheit Israels in der Zeit vor Jesus. Aus dieser Unsicherheit kann eine neue Klarheit entstehen, die nicht mehr aus Ideologien oder Religionen kommt, sondern aus der Verankerung in Gott selbst.

Aber diese Zerrissenheit, die Menschen offen macht für Gottes Alternative, die ist teuer erkauft, mit viel Blut, mit viel Schmerz, mit viel Leid. So wie wir es jetzt gerade erleben, dass erst so schreckliche Dinge wie in Japan geschehen müssen, bis sich bei uns vielleicht die Möglichkeit einer Umkehr abzeichnet und wir vielleicht die Finger von der Atomkraft lassen. Selbst dieses »vielleicht« ist teuer erkauft mit dem Blut vieler Menschen. Damit Menschen schließlich doch umkehren, weil die Zeichen nicht mehr zu übersehen sind, müssen andere mit ihrem Leben, mit ihrem Blut bezahlen. Von diesem Standpunkt aus müsste man beinahe sagen: es muss in Japan anscheinend noch mehr Blut fließen, damit hier bei uns endlich auch der letzte kapiert, dass wir nicht so weitermachen können.

Und deshalb redet Paulus hier vom »Blut Jesu«. Ohne Blut, also ohne Schmerz, Leid und Tod gibt es unter Menschen keine Umkehr. Das ist überhaupt nicht gut, aber es ist bittere Realität. Wir schaffen es sogar, aus dem guten Gesetz Gottes noch einen Zankapfel zu machen. Unsere harten Herzen wollen Blut sehen, bis sie sich vielleicht ändern. Deshalb musste Jesus sein Blut hingeben, er musste Folter und Tod auf sich nehmen, damit Menschen erneuert werden. Dass er starb, war ein Opfer. Er hat sich geopfert, um unsere harten Herzen aufzubrechen. Nicht Gottes Herz muss mit einem Opfer besänftigt werden, sondern unsere harten, uneinsichtigen Herzen müssen erschüttert werden, die normalerweise alles dafür tun, damit es weitergehen kann wie immer.

Und dieses Opfer Jesu, sagt Paulus, ist bei uns angekommen, wenn wir glauben. Glaube ist dieser Neuanfang in unseren Herzen jenseits der ungebrochenen heidnischen Selbstsicherheit. Aber auch die Verwirrung und Zerrissenheit hat der Glaube hinter sich. Er ist das Stehen auf einem neuen Grund. Er ist das Ziel dieses ganzen langen Weges Gottes. Damit am Ende Glaube entstehen kann, hat Gott sich auf diesen ganzen unübersichtlichen Zickzackweg mit Israel eingelassen. Jetzt kann man alles erklären, jetzt sind die Rätsel aufgedeckt, jetzt ist Gott gerechtfertigt. Und wer das nachvollzieht, wer glaubt, wer sich das zu eigen macht, der bekommt selbst Anteil an dieser glänzenden Rechtfertigung Gottes.

Gott hat immer gewusst, dass es nicht ausreichen würde, einfach ein Gesetz zu geben, und dann halten sich die Leute daran, und alles wird gut. Das funktioniert nicht. Dafür sind Menschenherzen viel zu hart, frühere Generationen hätten gesagt: viel zu unbußfertig. Aber durch Israel, durch das Volk der Juden, ist in dieser harten menschlichen Abwehr ein Spalt entstanden, und durch ihn kam Jesus in die Welt. Dafür haben Hitler und viele andere das Volk der Juden gehasst, weil durch Israel die menschliche Abwehr gegen Gott aufgeknackt worden ist. Aber nun steht der Weg des Glaubens, der Weg mit Jesus allen offen, Israel genauso wie uns von Natur aus gottlosen Heiden.