Mrz 132011
 

Predigt über Römer 3,9-24 am 13. März 2011, zwei Tage nach der Katastrophe in Japan, nach der vermutlich zweiten Kernschmelze in Fukushima (Predigtreihe Römerbrief 08)

9 Was heißt das nun? Sind wir als Juden im Vorteil? Ganz und gar nicht. Denn wir haben vorher die Anklage erhoben, dass alle, Juden wie Griechen, unter der Herrschaft der Sünde stehen, 10 wie es in der Schrift heißt: „Es gibt keinen, der gerecht ist, auch nicht einen; 11 es gibt keinen Verständigen, keinen, der Gott sucht. 12 Alle sind abtrünnig geworden, alle miteinander taugen nichts. Keiner tut Gutes, auch nicht ein Einziger. 13 Ihre Kehle ist ein offenes Grab, mit ihrer Zunge betrügen sie; Schlangengift ist auf ihren Lippen. 15 Ihr Mund ist voll Fluch und Gehässigkeit. Schnell sind sie dabei, Blut zu vergießen; 16 Verderben und Unheil sind auf ihren Wegen, 17 und den Weg des Friedens kennen sie nicht. 18 Die Gottesfurcht steht ihnen nicht vor Augen.“ 19 Wir wissen aber: Was das Gesetz sagt, sagt es denen, die unter dem Gesetz leben, damit jeder Mund verstummt und die ganze Welt vor Gott schuldig wird. 20 Denn durch Werke des Gesetzes wird niemand vor ihm gerecht werden; durch das Gesetz kommt es vielmehr zur Erkenntnis der Sünde.
21 Jetzt aber ist unabhängig vom Gesetz die Gerechtigkeit Gottes offenbart worden, bezeugt vom Gesetz und von den Propheten: 22 die Gerechtigkeit Gottes deren Grundlage die Treue des Messias Jesus ist, die zu allen kommt, die glauben. Denn es gibt keinen Unterschied: 23 Alle haben gesündigt und die Herrlichkeit Gottes verloren. 24 Ohne es verdient zu haben, werden sie gerecht, dank seiner Gnade, durch die Erlösung im Messias Jesus.

Paulus ist am ersten Höhepunkt seines Briefes angekommen: er hat sich durch das ganze Tal menschlicher Verirrungen durchgearbeitet, und jetzt erklimmt er den ersten Berg auf der anderen Seite, wo man endlich aus dem Nebel heraus ist und wieder eine Orientierung hat, wie es weitergeht. Dieser Orientierungspunkt steckt in den letzten zwei Versen. Zuerst: »alle haben gesündigt und die Herrlichkeit Gottes verloren.« Das ist noch einmal die Zusammenfassung des Problems: Menschen waren berufen, die Mittler zwischen Gott und der Schöpfung zu sein. Sie sollten nur ein klein wenig geringer sein als Gott, aber an ihnen sollte der Glanz Gottes sichtbar werden, sie sollten seine Herrlichkeit in die Schöpfung hinein reflektieren. Stellt euch Adam und Eva vor, wie sie im Paradies mit Gott genauso reden wie mit den Tieren, ohne Scheu und Abstand. Wie sie als Bilder Gottes seine Herrlichkeit widerspiegeln in einer Fülle, die wir uns gar nicht mehr vorstellen können, sondern von der wir nur indirekt sprechen können, in Bildern und Vergleichen: Wie sie als weise Könige über die Schöpfung geherrscht haben und dafür gesorgt haben, dass keine Zerstörung geschieht, keine Katastrophen, keine Erdbeben, kein Atomtod, keine Gewalt; die Erde war durchstrahlt von der Herrlichkeit Gottes, und die ersten Menschen waren der konzentrierte Mittelpunkt dieses Glanzes.

Und dann ist das alles verloren gegangen und wir landen in der Welt, die wir aus eigener Erfahrung nur zu gut kennen, mit Menschen, die sich ängstigen und gleichzeitig größenwahnsinnig werden, die die Schöpfung misshandeln und ausbeuten, Menschen, die auch untereinander uneins sind, die lügen und betrügen, sich ihrer Verantwortung entziehen, sich gegenseitig töten und ein Schrecken für alle Kreaturen sind. Paulus hat in den Versen vorher noch die drastischsten Stellen aus dem Alten Testament zusammengestellt, wo das in möglichster Klarheit ausgesprochen wird: Gott ist ihnen egal, sie reden vom Frieden und liefern Waffen in alle Welt, sie prahlen mit den Menschenrechten und paktieren mit Diktatoren, sie lesen die BILD-Zeitung und scheren sich einen Dreck um die Leute, die auf der Flucht vor dem Elend an ihrer Grenze stehen, sie plappern jede Propaganda nach und hinterlassen eine Spur der Zerstörung. Aus den weisen Königen im Garten Eden sind miese kleine Gartenzwerge in einer vermüllten Welt geworden, ängstlich und unsicher, und immer bereit, das Wohl aller anderen zu opfern, wenn sie sich selbst dadurch für einen kurzen Moment besser fühlen. Die Herrlichkeit Gottes, der großzügig schenkt und gibt, ist verloren gegangen und seine Ebenbilder gebrauchen die Ellbogen und raffen und plündern ohne Rücksicht auf die Folgen. Und auch das auserwählte Volk Gottes, durch das der Segen von neuem in die Welt kommen sollte, auch das macht mit und ist zum Teil des Problems geworden. So ist die Lage, das steht in aller Klarheit schon in der Bibel.

Was wird Gott jetzt tun? Wird er sein Projekt Schöpfung wieder kassieren und in die Tonne treten? Oder hat er noch einen Plan B, nachdem Israel selbst zum Problem geworden ist?

Weder noch, sagt Paulus. Gott bleibt bei seinem ursprünglichen Plan. Er macht seine Schöpfung nicht rückgängig. Er macht auch seinen Plan mit Israel nicht rückgängig. Er ist auch nicht überrascht, dass seine menschlichen Partner versagen. Das hat er alles schon mit einkalkuliert. Deshalb bleibt er bei dem Plan, den er von Anfang an im Sinn hatte. Er sendet einen Menschen, der von neuem Gottes Herrlichkeit verkörpert, der die göttliche Art zu leben zurückbringt, der von neuem der weise und mächtige König der Welt wird, wir wissen alle seinen Namen: Jesus, der Messias Israels, der Christus. Er ist Gottes Plan A, den Gott schon bei der Schöpfung im Sinn hatte. Und dieser König der Welt wird zum Oberhaupt einer neuen Gemeinschaft von Menschen, er teilt seine Art von Herrschaft mit allen, die zu ihm gehören, mit allen, die an ihn »glauben«.

So, jetzt ist es heraus, da wollte Paulus hin: die verloren gegangene Herrlichkeit des Menschen wird erneuert: Adam und Eva haben sie verspielt, Jesus hat sie zurückgewonnen, und er teilt sie mit allen, die an ihn glauben:

»Ohne es verdient zu haben, werden sie gerecht, dank seiner Gnade, durch die Erlösung im Messias Jesus.«

Das Bild hinter dem Wort Erlösung ist der Freikauf eines Sklaven. So wie ein indischer Bauer, der für die Hochzeit seiner Kinder seinen Hof verpfändet hat und irgendwann kann er die Zinsen nicht mehr bezahlen, verliert seinen Hof und muss selbst samt seinen Kindern immer und ewig für den Geldverleiher arbeiten und wird die Schuld nie zurückzahlen können. Und dann kommt jemand anders und bezahlt das und kauft ihm den Hof zurück und er kann neu anfangen, er kommt zurück an den Start. So ist Jesus die Wurzel einer neue Menschheit, ein Reset, ein Neustart mit der Herrlichkeit, die Adam verspielt hat.

Aber es gibt einen Unterschied: wir sind nicht mehr im Garten Eden. Die vermüllte Welt ist nicht plötzlich vom Gift gereinigt. Die verbogenen Menschen sind nicht plötzlich strahlende Helden. Der Feind ist nicht mehr eine sprechende Schlange, die man getrost ignorieren könnte, sondern er ist eine grausame Macht, die überall ihre Finger im Spiel hat. Und kaum ist Jesus getauft und zum neuen König der Welt ausgerufen, da kommt der Satan an und sagt: das wollen wir doch mal sehen, ob ich dich nicht auch unter Kontrolle kriege. Ich hab dir was anzubieten: spring vom Tempeldach, werde ein Superstar mit Superkräften, mach aus Steinen Brot, wie ein Spekulant, der aus ein bisschen Papier und Computerdaten Milliarden und Billionen macht. Und wenn es sein muss, kannst du von mir die Weltherrschaft haben, werde zum römischen Kaiser, zum mächtigsten Mann der Welt. Ich biete dir Herrlichkeit an. Und dann antwortet Jesus ungefähr drei Sätze, und der Teufel ist am Boden zerstört, geht zurück in die Hölle und leckt seine Wunden. Und der Inhalt dieser Sätze ist unter dem Strich: Deine Herrlichkeit will ich nicht. Die stinkt. Die ist von Fäulnis zerfressen. Nicht so.

Und dann geht Jesus durch diese kranke Welt und hinterlässt eine Segensspur. Er heilt, er spricht die Wahrheit aus, er bringt einen Sturm zur Ruhe. Es ist als ob er einen löcherigen Mantel an hätte und durch alle Löcher und Nähte dringt sein Glanz nach außen. Aber am Ende hängt er nackt an einem Kreuz und quält sich zu Tode wie ein aufgespießter Schmetterling, er versteht seinen Vater im Himmel nicht mehr, aber sein letzter Gedanke gilt diesem Vater, und als er tot ist, sagt sein Henker, der alles gesehen hat: jetzt habe ich es verstanden, der war Gottes Sohn.

Das ist Herrlichkeit. Das ist Gottes Herrlichkeit unter den Bedingungen dieser kaputten Welt. Liebe Freunde, das ist der Punkt, den wir vom Christentum verstehen müssen. Wenn wir den verstanden haben, kommt der Rest nach. Herrlichkeit zeigt sich in dieser Welt, wenn einer (nämlich Jesus) sich in einem Universum voller Schmerz und Dunkel wiederfindet, aus dem auch der letzte Rest von Gottes Güte verschwunden ist, und wenn er da trotzdem an Gott festhält und nach ihm ruft und immer noch die Avancen des Feindes zurückweist und Gottes Weg treu bleibt bis zum letzten Atemzug. Wenn Paulus in einer Kurzformel vom »Kreuz« spricht, dann meint er das.

Ich habe neulich den Bericht einer Journalistin gelesen, die drei Monate in einem iranischen Gefängnis eingesperrt war, also an einem der schrecklichsten Orte, die es z.Zt. auf der Welt gibt. Sie ist nicht gefoltert worden, sie ist „nur“ massiv unter Druck gesetzt worden, aber sie hat mitbekommen, wie es anderen ging, die da länger bleiben mussten und die nicht den Schutz der ausländischen Öffentlichkeit hatten. Und in diesem Gefängnis, an diesem fürchterlichen Ort, da ist sie iranischen Frauen begegnet, die ihr beigebracht haben, wie man an so einem Ort überlebt. Und eine der wichtigsten Lehren war: gib deine Überzeugungen nicht auf. Wenn du hier überleben willst, dann darfst du nicht deine Überzeugungen aufgeben, um keine Preis, sonst bist du verloren.

Das ist Herrlichkeit. Darum geht es. Diese iranischen Frauen, wahrscheinlich Muslimas oder Atheistinnen, haben mehr vom Kreuz Jesu verstanden als viele Christen. Aber ich muss gleich klarstellen, das heißt andererseits nicht, dass diese Kraft nur an Kreuzen oder nur in Gefängnissen sichtbar würde. Gemeint ist: diese Kraft ist selbst an den Orten der größten Dunkelheit lebendig – und dann ist sie unter weniger schlimmen Bedingungen doch wohl erst recht wirksam. Nicht jeder muss erleben, was diese iranische Journalistin – oder was Jesus selbst erlebt hat – aber wir alle sollen Anteil an der Herrlichkeit haben, dafür ist Jesus gekommen, darin zeigt sich Gottes Treue (im Sprachgebrauch von Paulus: Gottes Gerechtigkeit), dass er uns auf diesen neuen Weg mitnimmt. Jesus ist uns vorangegangen, er hat uns gezeigt, worum es geht, er hat im Selbstversuch bewiesen, dass Gott treu ist, er hat uns den Heiligen Geist gesandt – jetzt sind wir dran. Unsere Berufung ist die Nachfolge.

Und wenn jetzt jemand sagt: das kann ich nicht, unmöglich, das geht nicht – dann ist die Antwort: hast du es eigentlich schon mal wirklich versucht? Was hast du denn schon investiert, um Anteil an dieser Herrlichkeit zu haben? Jesus selbst hat dreißig Jahre gebraucht, bis er so weit war, dass der Teufel keine Macht über ihn bekam. Also, dann versuch es jetzt dreißig Jahre lang intensiv, lese, bete, diene, geh zum Gottesdienst, faste, liebe, und dann komm wieder, und dann reden wir darüber, ob das unmöglich ist oder nicht.

Und jetzt kommen wir zu Japan. Liebe Freunde, was braucht man, wenn so etwas Unglaubliches passiert? Was brauchst du, wenn die Erde unter dir wankt, wenn ein Tsunami dich verschluckt oder der Schlund der atomaren Hölle sich auftut? Was brauchst du, wenn du aufwachst in einem zerstörten Landstrich und keiner ist da, der dir irgendwas sagen kann, was du tun sollst? Da hilft nur diese Herrlichkeit Gottes, die auch mitten im dunkelsten Winkel der Welt nicht verlöscht. Und wenn sie dir „nur“ dazu hilft, mit deinem letzten Gedanken nicht Verzweiflung und Tod zu denken, sondern an deinen Vater im Himmel. Aber vielleicht hilft sie dir ja auch, nicht gelähmt herumzusitzen, sondern einen Spaten zu nehmen, eine Stange, deine Hände, irgendwas, um nach Verschütteten zu graben, oder einem verstörten Kind mit einem Wort oder einem Blick wieder das Vertrauen in die Welt zurückzugeben, oder dein letztes Brot mit einem anderen zu teilen. Das ist Herrlichkeit.

Aber wahrscheinlich wird keiner von uns ein Erdbeben und einen Tsunami erleben. Es wird ganz anders sein. Wenn bei uns ein Atomkraftwerk schmilzt, dann wird es so kommen, dass alle sagen, so eine unglückliche Verkettung von Umständen hätte niemand vorhersehen können, und die wäre in den Sicherheitsberechnungen einfach nicht vorgesehen gewesen. Aber es kann ja auch gut gehen bei uns. Nur: dass wir auf die Dauer heil durchkommen, wenn sich im Untergrund der Welt die Erdschollen verschieben und sich immer höhere Spannungen aufbauen, die sich in immer heftigeren Explosionen entladen; dass wir da heil durchkommen, nur weil wir in Ilsede wohnen, in einem Winkel der Welt, wo grundsätzlich nichts Aufregendes passiert – darauf würde ich mich nicht verlassen. Schon gar nicht in den Zeiten des Klimawandels, von ungeahnten Seuchen und anderer Instabilitäten. Je jünger wir sind, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass wir irgend so etwas irgendwann auch am eigenen Leibe erleben werden. Und die privaten Katastrophen sind ja auch nicht ohne.

Wie sagten die iranischen Frauen: du brauchst Überzeugungen. Überzeugungen, die du um keinen Preis aufgibst. Und ich würde sagen, die musst du dein Leben lang so einüben, dass sie dir in Fleisch und Blut übergehen, dass sie dich auch dann noch tragen, wenn die Flut über dir zusammen schlägt und die Luft nur noch für drei Atemzüge reicht. Dann werden sie dir auch in viel harmloseren Situationen Vollmacht geben, Herrlichkeit, und du wirst ein königlicher Mensch sein, denn in dir wird Jesus sichtbar werden.

Wenn die Welt wieder zurecht kommen soll, dann durch königliche Menschen, Menschen wie dich und mich, die in den Spuren Jesu gehen, die das ein Leben lang unter Einsatz von Kraft und Zeit und Fantasie lernen und dann, wenn es darauf ankommt, in großen und kleinen Momenten, seine Herrlichkeit widerspiegeln. Weißt du, was passieren kann, wenn du dich nicht aufmachst weil dir andere Sachen viel wichtiger sind? Vielleicht wirst du dann im entscheidenden Moment nicht gewohnt sein, als so ein königlicher Mensch zu handeln, und du wirst dir oder anderen großen Schaden zufügen. Vielleicht kannst du dann etwas entscheidendes Gutes nicht tun, was dich oder andere gerettet hätte.

Könnte es irgendetwas Wichtigeres geben? Könnte es irgendein Gesprächsthema geben, das dringender ist? Sollten wir nicht sehr entschlossen das Reden über Arztbesuche, Meerschweinchen, Sportergebnisse, Enkelgeburtstage oder Fernsehshows auf seinen angemessenen Platz im Hintergund stellen und uns zuerst mit dem beschäftigen, was wirklich zählt: Die Herrlichkeit Gottes, die Jesus erneuert hat und die zu allen kommt, die an ihn glauben? Wäre dieses Thema nicht eine angemessene Solidarität mit Japan?

Mrz 062011
 

Predigt über Römer 3,5-8 am 06. März 2011 (Predigtreihe Römerbrief 07)

Paulus hat den Römerbrief angefangen mit einem hellen Trompetenstoß: ich bringe das Evangelium von Gottes Sohn, der auferstanden ist! Er hat betont, dass das Evangelium vom auferstandenen Messias Jesus die Kraft zur Rettung aller ist. Er hat das Umfeld beschrieben, in dem diese Rettung zum Zuge kommen soll: eine Welt voller Verwirrung und Unrecht. Und er hat sich mit dem Weg von Gottes Volk auseinandergesetzt, dem Volk der Juden, das von Gott berufen wurde, eine Alternative zu sein, und das doch selbst zum Teil des Problems wurde. Und er hat betont: auch dieses vorläufige Scheitern hebt Gottes Plan nicht auf. Gott führt seinen Plan aus, auch durch menschliches Versagen hindurch. Gerade so zeigt er seine Treue und Verlässlichkeit, kurz: seine Gerechtigkeit.

So weit sind wir jetzt. Paulus wird in der zweiten Hälfte des Kapitels den Weg beschreiben, wie Gott trotz allem an seinem Plan festhält, nämlich durch Jesus. Aber erst muss er noch einen Einwand bearbeiten, der sich erhebt, wenn man so stark betont, dass Gott durch alles menschliche Versagen hindurch seinen Plan zum Ziel bringt:

5 Wenn aber unsere Ungerechtigkeit die Gerechtigkeit Gottes bestätigt, was sagen wir dann? Ist Gott – ich frage sehr menschlich – nicht ungerecht, wenn er seinen Zorn walten lässt? 6 Keineswegs! Denn wie könnte Gott die Welt sonst richten? 7 Wenn aber die Wahrheit Gottes sich durch meine Unwahrheit als noch größer erweist und so Gott verherrlicht wird, warum werde ich dann als Sünder gerichtet? 8 Gilt am Ende das, womit man uns verleumdet und was einige uns in den Mund legen: Lasst uns Böses tun, damit Gutes entsteht? Diese Leute werden mit Recht verurteilt.

Paulus hat sein Leben lang damit zu kämpfen gehabt, dass man ihm Sätze in den Mund gelegt hat, die er gar nicht gesagt hat. Andere haben seine Gedanken fehlerhaft weitergedacht und ihm dann diese falschen Gedanken unterstellt. So haben scheinbar welche gesagt: Wenn du meinst, es wäre großartig, dass Gott auch gegen menschliches Versagen hindurch seinen Plan voranbringt, dann dürfte er uns doch gar nicht böse sein, wenn wir ihm Gelegenheit geben, seine Größe zu zeigen.

So wie vielleicht ein Patient sagen könnte: Herr Doktor, mit meinem komplizierten Beinbruch habe ich Ihnen die Gelegenheit gegeben, ihr ganzes Können als Chirurg zu zeigen. Da könnten Sie doch eigentlich darauf verzichten, mir die Rechnung zu schicken, oder?

Oder wie ein Bankräuber zum Richter sagen könnte: durch mich konnte die Polizei zeigen, wie schnell und gut sie arbeitet, alle meine Kollegen waren davon so beeindruckt, dass sie ihren Job an den Nagel gehängt haben und ehrlich geworden sind. Da könnten Sie mich doch zur Belohnung einfach nur zu einer Geldstrafe verurteilen, oder zu gemeinnütziger Arbeit!

Und so haben wohl einige behauptet, Paulus hätte gesagt oder gemeint: nur zu, verstoßt gegen Gottes Gebote, dann kann er so richtig zeigen, wie er aus Bösem Gutes macht. Und es ist ja tatsächlich so, dass Gott auch aus dem Allerbösesten Gutes machen kann. Man sieht das am Tod Jesu, wie Gott den durch die Auferstehung gewendet hat, und aus der scheinbar endgültigen Niederlage wurde der entscheidende Sieg. Viele Menschen haben sich zu Recht damit getröstet, wenn sie Böses erleiden mussten. Man muss nur an Dietrich Bonhoeffer im Gestapo-Gefängnis denken, wie er sich das geradezu als Glaubenssatz aufgeschrieben hat:

Ich glaube, dass Gott aus allem, auch aus dem Bösesten, Gutes entstehen lassen kann und will. … Ich glaube, dass auch unsere Fehler und Irrtümer nicht vergeblich sind, und dass es Gott nicht schwerer ist, mit ihnen fertig zu werden, als mit unseren vermeintlichen Guttaten.

Das war für Bonhoeffer in seiner Zelle und in seinen ganzen Unsicherheiten der feste Halt, dass er geglaubt hat: Gott wird mit all dem fertig, mit Hitlers Bosheit und auch mit meinen Irrtümern. Aber man muss das nur ein klein wenig in die falsche Richtung weiterdenken, und dabei kommt heraus: dann hätte ich ja eigentlich gar nicht die Gefahr auf mich nehmen müssen, mich im Widerstand gegen Hitler zu engagieren. Gott wäre doch auch ohne mich fertig geworden. Warum nehme ich diese Gefahr eigentlich auf mich? Gott schafft es doch auch ohne mich!

Und tatsächlich hat es zu allen Zeiten Leute gegeben, die sagen: wieso kämpfst du so verbissen, warum machst du dir so viel Mühe und Unruhe, bleib ruhig, vertrau einfach auf Gott, der wird es schon richten. Auf uns kommt es doch gar nicht an.

Bemerkenswerter Weise waren aber Paulus und Bonhoeffer gerade Menschen, die sich mit voller Kraft für Gottes Sache eingesetzt haben. Die hatten überhaupt nicht diese scheinbar weise Haltung: ach, es kommt doch auf uns gar nicht an. Gott macht es schon. Man merkt Paulus an, wie erbittert er ist, dass man ausgerechnet ihm unterstellt, er würde so etwas behaupten. Er will aber hier in Römer 3 nicht weiter darauf eingehen, er schlägt nur kurz einen Pflock ein und sagt: das ist Unsinn, und wer mir so etwas unterstellt, den trifft Gottes Urteil zu Recht. Das wäre nun wirklich das Letzte, was ich sagen würde.

Trotzdem lohnt es sich, zu verstehen, warum es so grundfalsch ist, zu sagen: auf unseren menschlichen Beitrag kommt es nicht an, wir können gar nichts tun, Gott muss es machen. Dieses Denken ist gerade in unserer lutherischen Tradition verbreitet, weil Martin Luther bei allen menschlichen Aktivitäten immer schnell dachte: da will sich jemand die Gunst Gottes mit guten Taten verdienen. Bei Luthers Nachfolgern ist das dann oft noch schlimmer geworden, und so haben wir eine Tradition, in der alle menschlichen Aktivitäten mit großem Misstrauen betrachtet werden.

Wie weit das geht, das habe ich mal bei einem streng lutherischen Pfarrer erlebt, der eine Abendmahlsfeier leitete und uns vorher einschärfte, wir dürften die Oblate keinesfalls in die Hand nehmen, sondern er wolle sie uns unbedingt in den Mund stecken, damit ganz deutlich wird, dass wir die Gnade Gottes passiv empfangen und selbst nichts dazu tun. Mal abgesehen davon, dass er uns dann doch das Kauen und Schlucken nicht abnehmen konnte – das passt auch gar nicht damit zusammen, dass Jesus beim Abendmahl seinen Jüngern sagte: nehmt und esst! und also offenbar überhaupt kein Problem damit hatte, dass seine Jünger aktiv dabei waren. Und vorhin in der Lesung haben wir gehört, wie Jesus zu seinen Jüngern sagt: nehmt euer Kreuz auf euch und folgt mir nach! Jesus ging nach Jerusalem, um für die ganze Welt zu sterben, was wirklich nur er tun konnte, aber er hatte kein Problem damit, seine Jünger zur aktiven Nachfolge aufzufordern.

Ein großer Teil der Probleme in der Kirche heute kommt davon, dass über Generationen den Menschen das Tun madig gemacht worden ist. Und irgendwann verlieren sie dann das Zutrauen in die eigenen Möglichkeiten. Wie oft habe ich das erlebt, dass in dem Moment, wo es Probleme gibt und man sich ernsthaft Gedanken machen müsste, wie man die löst, irgendwer sagt: ach, wir verzetteln uns in so vielen Aktivitäten, das ist mir zu kompliziert, überlasst das doch lieber Gott, der kann das viel besser als wir, lasst uns einfach nur beten, da sind wir auf der sicheren Seite!

Was ist der Fehler dabei, aus welcher Wurzel kommen diese Gedanken? Es liegt daran, dass Gottes Taten und menschliche Aktivität gegeneinander gestellt werden: entweder macht Gott etwas – oder wir machen es. Wo Gott etwas tut (so ist der Gedanke dahinter), da ist kein Platz für menschliche Taten. Und wo Menschen etwas tun, da bleibt für Gott nichts zu tun, außer hinterher die Scherben aufzukehren. Also tun wir am besten gar nichts, dann ist für Gottes Handeln Raum.

Wenn das tatsächlich so wäre, dann wäre es wirklich am besten, wir würden gemütlich Kaffee trinken gehen und abwarten, dass in der Zwischenzeit Gott die Welt für uns in Ordnung bringt. Und wir würden dabei bequem, faul, fett, depressiv, dumm und kindisch werden. Denn Gott hat uns eigentlich als aktive Wesen geschaffen, nach seinem Bilde, und diese Bestimmung aus der Schöpfungsgeschichte wird durch Jesus nicht widerrufen, im Gegenteil! So wie Gott schöpferisch und aktiv ist, so sollen wir auch kreativ, aktiv, engagiert, mutig und klug sein. Und solche Eigenschaften fallen nicht irgendwie vom Himmel, sondern die wachsen durch Aktivität. So wie auch unsere Muskeln nicht dadurch stärker werden, dass wir sie schonen, sondern wie? Richtig – durch Gebrauch.

Gott hat uns geschaffen als aktive Wesen. Er wollte nicht das einzige schöpferische Wesen bleiben, sondern wir sollten Anteil haben an seiner Kreativität. Und das bleibt auch dann richtig, wenn Menschen diese Kreativität missbrauchen, wenn sie Gift und Bomben erfinden und mit ihrer kaputten Kreativität das Leben bedrohen. Das menschliche Tun pauschal madig zu machen, oder auch das menschliche Nachdenken und Planen madig zu machen, das ist keine Lösung, sondern das macht alles noch schlimmer.

Natürlich kann man sagen, dass der Mensch ein Werkzeug in Gottes Hand sein soll, aber dann bitte nicht so, wie ein Hammer Werkzeug ist (der ist wirklich passiv), sondern mindestens so, wie ein Bauer mit einem Pferd ein Feld pflügt: das ist überhaupt nicht passiv, sondern kann durchaus seinen sehr eigenen Willen haben.

Und eigentlich würden wir auch ein Tier nur im übertragenen Sinn ein »Werkzeug« nennen, und einen Menschen erst recht. Ein Mensch ist auf jeden Fall ein denkendes, aktives »Werkzeug«. Und deshalb gehen auch diese bekannten Glaubenssätze von Bonhoeffer über Gottes Kraft weiter. Er sagt nicht nur:

»Ich glaube, dass Gott aus allem, auch aus dem Bösesten, Gutes entstehen lassen kann und will.«

Sondern er fährt fort:

»Dafür braucht er Menschen, die sich alle Dinge zum Besten dienen lassen.«

Und etwas später sagt er:

»Ich glaube, dass Gott kein zeitloses Fatum ist, sondern dass er auf aufrichtige Gebete und verantwortliche Taten wartet und antwortet.«

Das ist die Lösung: Menschen und Gott nicht als Konkurrenten (wo einer etwas tut, hat der andere keinen Platz), sondern als Verbündete, die das gleiche Interesse haben und gemeinsam die Welt in Ordnung bringen. Ja, Gott wartet auf unsere Reaktionen, auf Gebete ebenso wie auf Taten. Der Heilige Geist verdrängt nicht den menschlichen Geist, sondern er arbeitet mit ihm zusammen, und man kann das überhaupt nicht sauber auseinander nehmen. Es ist nicht so, dass wir erst ganz normal unser Tagewerk machen, den Computer bedienen, die Wäsche bügeln, zur Schule gehen und den Hund ausführen, und auf einmal fallen wir in eine Art geistliche Trance, unser Alltagsbewusstsein schaltet ab und der Heilige Geist übernimmt das Kommando, lässt uns freundlich sein, beten, bringt uns in den Gottesdienst, und wir gehen fröhlich nach Hause. Aber da herrscht das Chaos, der Hund hat die Wäsche gefressen, und da klinkt sich der Heilige Geist schnell aus, und wir machen wieder weiter im Alltagsmodus und hauen erst mal kräftig auf den Putz.

Nein, der Heilige Geist schleicht sich irgendwie in unseren Alltagsmodus ein und steuert ihn behutsam um – wenn wir ihn lassen. Es ist ein von uns nicht durchschaubares Ineinander. Deshalb: wenn wir alle menschlichen Aktivitäten madig machen, dann machen wir damit auch das Werk des Heiligen Geistes in uns madig.

Wenn nun ein Mensch meint, er könne ja ruhig Gott Probleme bereiten, er könne sündigen, egal ob die Sünde nun Stolz, Habgier, Unmäßigkeit oder Faulheit ist, und er würde ja damit Gott eine prima Gelegenheit geben, seine Macht zu beweisen, indem er mit all diesen Sünden fertig wird – was zeigt ein Mensch damit? Er zeigt damit nur, dass er eben kein Verbündeter Gottes ist, dass er nicht für die Erneuerung und Heilung der Welt brennt, so wie Gott es tut, er zeigt damit nur seine Gleichgültigkeit gegenüber dem innersten Anliegen Gottes.

Wir sind aber nicht dazu berufen, gemütlich bei Kaffee und Torte zuzuschauen, wie Gott an der Arbeit ist, sondern wir sind berufen, als seine Verbündeten mit vollem Herzen dabei zu sein. Wir sollen nicht neunmalkluge Zuschauer auf der Tribüne sein, sondern aus vollem Herzen motivierte Spieler auf dem Feld. Dass wir dabei Fehler machen und Gott uns korrigieren muss, das ist klar, aber das ist dann tatsächlich das Problem, das wir Gott überlassen können. Unseren falschen Kurs kann er korrigieren. Aber man kann einen Kurs nur korrigieren, wenn das Schiff in Fahrt ist. Wenn es einfach nur daliegt, dann kannst du am Rad drehen, wie du willst, und es passiert nichts.

Wir aber sollen bewegt sein, wir sollen Gottes Last auf uns nehmen, wir sollen seine Leidenschaft für die Welt teilen, wir sollen dabei sein aus vollem Herzen, mit all unseren Kräften (einschließlich des Verstandes) und mit ganzer Seele. Dann kann Gott etwas mit uns anfangen. Das ist es, worauf er wartet.