Feb 092011
 

Es ist noch nicht lange her, da habe ich auf den 11. September 2001 oder die Finanzkrise verwiesen, um zu belegen, dass sich unsere Welt sprunghaft und unvorhersehbar verändert. Für kirchlich Interessierte kamen dann 2010 der Käßmann-Rücktritt und die plötzliche tiefe Krise der katholischen Kirche hinzu. Jetzt gibt es ein neues, spektakuläres Beispiel: Ägypten bzw. die ganze, in Bewegung geratene arabische Welt. Wie üblich: (fast) keiner hat es kommen sehen, keiner ist vorbereitet, keiner weiß, wo es hingehen wird. Aber alle wollen auf einmal mitmischen. Tariq Ramadan, Islamwissenschaftler in Oxford und Enkel des Gründers der Muslimbruderschaft, findet in der Frankfurter Rundschau sehr deutliche Worte für den Umgang mit der ägyptischen Volksbewegung:

Hinter der opportunistischen Rede von Demokratie, Freiheit und Menschenrechte werden kaltblütig die zynischsten Kalküle gemacht. Von Washington bis Tel Aviv, von Kairo bis Damaskus, Sanaa, Algier, Tripolis und Riad gibt es nur eine Sorge: Wie kann man diese Bewegung unter Kontrolle bringen, wie kann man aus ihr Profit ziehen? Denn wer will schon in Ägypten und in der arabischen Welt ernsthaft eine wirkliche, transparente und unabhängige Demokratie? Wer – außer den Völkern und der Zivilgesellschaft – hat denn Interesse daran, dass die Massenproteste ihre Ziele erreichen: Freiheit, ein Leben in Würde, wirkliche Demokratisierung?

Der Eindruck, dass die Demonstranten auf dem Tahrir-Platz leicht im Interessengewirr der Machteliten unter die Räder kommen könnten, verstärkt sich, wenn man in der FAZ eine Darstellung der zerklüfteten ägyptischen Machtlandschaft liest (Dank an Ingo Zwinkau für den getwitterten Hinweis auf diesen instruktiven Artikel! Unbedingt Lesen!). Die Widersprüche zwischen den ägyptischen Machteliten haben einen Raum geöffnet, in dem sich der Protest entfalten kann. Wenn erst hinter den Kulissen die Reihen wieder geschlossen worden sind, dann könnten die Demonstranten schnell sehr allein dastehen.

Aber was heißt eigentlich allein? Sollten uns nicht jetzt die Augen aufgehen für einen neueren Typ gesellschaftlicher Umwälzung, der sich schon seit einigen Jahrzehnten herausbildet und in unterschiedlichen Kulturen/Systemen ganz unterschiedliche Formen annimmt? Bei dem nur eine Seite (die „pharaonische“ nämlich) Gewalt einsetzt? Und der dann auch ganz unterschiedliche Ausgänge gefunden hat? Stehen die jungen Ägypter nicht in einer Linie mit den Demonstranten vom Platz des Himmlischen Friedens in Peking 1989 und den Volksbewegungen in Osteuropa, die zum Fall der Mauer führten? Müsste man nicht sogar die Linien noch weiter zurückverfolgen bis zum Prager Frühling von 1968?

Jedes Mal eine ähnliche Grundkonstellation: eine unbewegliche Führung aus älteren politbürokratischen Herren, die die Gesellschaft fest unter Kontrolle zu haben scheinen. Über Jahrzehnte scheint sich nichts zu bewegen. Aber auf einmal – keiner hat es vorausgesehen! – passiert das Unglaubliche: das Volk geht massenhaft auf die Straße. Für kurze Zeit entsteht ein neuer gesellschaftlicher Konsens, gegen den die Machteliten entweder nicht oder nur mit allerbrutalster Gewalt ankommen. Wozu das am Ende führt – Okkupation, Blutbad, Wiedervereinigung, nationale Befreiung … – hängt vom Geschick der Akteure und den konkreten Konstellationen ab.

Woher kommt aber dieser neue Konsens, der ja gerade nicht künstlich organisiert wird, sondern sich spontan erhebt – angestoßen durch ein eher zufälliges Ereignis? Das Interessante ist, dass das keine typischen Klassenkonflikte sind, wie wir sie aus dem klassischen Kapitalismus kennen. Es ist weniger der soziale Status als jüngeres Alter und bessere Ausbildung, die den Kern der Protestierenden prägen. Es scheint also der Widerspruch zwischen (nennen wir es erst einmal so:) der Entfaltung der menschlichen Geisteskräfte und ihrer Hemmung durch die geistlose Macht zu sein, der heimlich einen großen Teil der Gesellschaft ergriffen hat. Das ist nicht neu; Geist und Macht standen schon immer in einem Spannungsverhältnis. Neu ist die rasante Entwicklung des gesamtgesellschaftlichen Bildungsniveaus, wie sie die Industriegesellschaft mit sich bringt. Das reichte schon ohne Internet zum Prager Frühling und später zum Mauerfall; internetgestützt kommt jetzt das, was die DDR 1989 erlebte, auch in den entwickelteren Staaten des Südens an.

Die Älteren unter uns erinnern sich vielleicht noch an Rudolf Bahro. Er hat schon vor 1977 eine Analyse des DDR-Sozialismus verfasst, die den Widerspruch der kreativen, aber auch der technischen Intelligenz zur Gängelung durch die herrschaftssichernde Bürokratie in den Mittelpunkt stellt. Er hat das Dilemma beschrieben, in das jede autoritäre Staatsführung gerät, die aus wirtschaftlichen Gründen für eine gute Ausbildung der künftigen Funktionäre (und heute auch für Internetanschluss) sorgen muss. Unweigerlich wird dabei schwer kontrollierbare „überschüssige Qualifikation“ erzeugt, die lange Zeit atomisiert bleibt und sich nur in Meckern, innerer Kündigung und ähnlichem zeigt. Aber – inzwischen haben wir es immer wieder erlebt – diese überschüssige Qualifikation kann wie aus heiterem Himmel massenhaft Gestalt annehmen und die Straßen füllen.

Ziehen wir die Linie nun weiter. Was sich hier in ganz unterschiedlichen Gestalten regt – können wir nicht seine Züge sogar wiederfinden in dem, was Richard Florida als „Aufstieg der kreativen Klasse“ bezeichnet? Kreativität wird zunehmend zum zentralen Produktionsfaktor, auf den kein Unternehmen mehr verzichten kann. Der Umfang der Kreativarbeit wächst rasant, die Entwicklung des menschlichen Geistes beschleunigt sich, und das hat unmittelbare Auswirkungen auf den gesellschaftlichen Reichtum.

Aber auch hier zeigen sich die Widersprüche zwischen den Kreativen und ihren Produktionsverhältnissen. Florida schreibt über die hochentwickelten Industriestaaten, Staaten ohne Pharaonen und Politbürokraten. Aber einen vergleichbaren Feind gibt es bei bei ihm und ähnlichen Autoren auch: die Wirtschaftsbürokratie mit ihren Meetings und Statusritualen, die Gift für die Krativität sind (kirchliche Funktionsträger – obwohl in der Regel leidensfähiger – könnten ähnliches berichten). Der Ausweg ist dann nicht der friedliche Protest im Zentrum der Hauptstadt, sondern die Gründung der eigenen Firma, die 4-hour-workweek und ähnliches. Die Konstellationen unterscheiden sich also erheblich. Aber die Kraft dahinter ist hier wie dort der Überschuss „menschlichen, auf kein abstraktes Funktionieren für begrenzte Zwecke reduziblen Bewusstseins“ (Bahro), das in Zeiten des Internets immer stärker zum kollektiven Bewusstsein wird.

Wir sind alle Ägypter. Das ist keine moralische Aussage, kein Appell, sondern eine Diagnose.

Und sollte – Fragen ist ja erlaubt – dieses sich immer mehr ausweitende „menschliche Bewusstsein“ nicht vielleicht auch der materielle Kern dessen sein, was wir in verschiedenen Versionen als Postmoderne diskutieren? Eine enorme Ausweitung des menschlichen Geistes, die Raum schafft für viele unterschiedliche Weltanschauungen, Religionen, Fernsehprogramme, Ernährungsstile usw.? Und wäre „Kirche für das 21. Jahrhundert“ dann also eine Kirche, die sich mit diesem enormen Entwicklungsschub des menschlichen Geistes verbündet, anstatt ihn ängstlich zu kanalisieren? Eine Kirche, die nicht verwirrt die Augen verschließt vor diesem menschlichen Kompetenzzuwachs, sondern ihn in einem Umfeld der Freiheit willkommen heißt? Eine Kirche, die sich daran erinnert, dass schon in den Gemeinden des römischen Reiches die missachtete Kreativität der Sklaven, Frauen, Barbaren und auch der Funktionäre (ja, ja!) einen Freiraum fand? Eine emergente Kirche, die entdeckt, dass die Gemeinde Jesu sich selbst organisieren kann, weil der Heilige Geist schon immer den menschlichen Geist gebildet und befreit hat?

Und was bedeutet es, dass nun ausgerechnet in Ägypten, dem biblischen Beth Abdim, dem Sklavenhaus, die Freiheit aufbricht? Sollte das vielleicht ein Zeichen der Endzeit sein, das die einschlägigen Publikationen bisher übersehen haben? Fragen über Fragen. Die Beispiele für unvorhersehbaren, rasanten Wandel werden uns nicht ausgehen.

Feb 062011
 

Predigt zu Römer 2,25 – 3,4 am 6. Februar 2011 (Predigtreihe Römerbrief 06)

2,25 Die Beschneidung ist nützlich, wenn du das Gesetz befolgst; übertrittst du jedoch das Gesetz, so bist du trotz deiner Beschneidung zum Unbeschnittenen geworden. 26 Wenn aber der Unbeschnittene die Forderungen des Gesetzes beachtet, wird dann nicht sein Unbeschnittensein als Beschneidung angerechnet werden?
27 Der leiblich Unbeschnittene, der das Gesetz erfüllt, wird dich richten, weil du trotz Buchstabe und Beschneidung ein Übertreter des Gesetzes bist. 28 Jude ist nicht, wer es nach außen hin ist, und Beschneidung ist nicht, was sichtbar am Fleisch geschieht, 29  sondern Jude ist, wer es im Verborgenen ist, und Beschneidung ist, was am Herzen durch den Geist, nicht durch den Buchstaben geschieht. Der Ruhm eines solchen Juden kommt nicht von Menschen, sondern von Gott.
3,1 Was ist nun der Vorzug der Juden, der Nutzen der Beschneidung? 2 Er ist groß in jeder Hinsicht. Vor allem: Ihnen sind die Worte Gottes anvertraut. 3 Wenn jedoch einige Gott die Treue gebrochen haben, wird dann etwa ihre Untreue die Treue Gottes aufheben? 4 Keineswegs! Gott soll sich als der Wahrhaftige erweisen, jeder Mensch aber als Lügner, wie es in der Schrift heißt: So behältst du Recht mit deinen Worten und trägst den Sieg davon, wenn man mit dir rechtet.

Dieser Abschnitt ist für mich richtig lebendig geworden, als ich ihn mit den Bildern und Berichten zusammen brachte, die wir im Augenblick aus Ägypten bekommen. Es geht um die Frage nach dem Verhältnis zwischen dem, was im Herzen eines Menschen ist und dem, was für ein Etikett außen an ihm klebt. Lasst es mich erklären! »Wer ist eigentlich ein Jude?« fragt Paulus. Die Antwort schien damals klar: wer zum jüdischen Volk gehört. Und zum jüdischen Volk gehörten alle, die von einer jüdischen Mutter geboren worden waren; bei den Jungen wurde dann im Alter von wenigen Tagen die Vorhaut des männlichen Geschlechtsteiles beschnitten. Diese Beschneidung war sozusagen ein lebenslanges Kennzeichen, dass sie zum jüdischen Volk gehörten.

So hat jede Kultur und jede Gesinnung ihre Kennzeichen: der eine läuft mit langen Haaren herum und der andere bekreuzigt sich, eine färbt sich Haare und Fingernägel schwarz und eine andere zieht bei bestimmten Gelegenheiten eine Schützenuniform an. Aber ist man auch schon das, was man noch außen zeigt, oder was einem zugeschrieben wird? Muss man schon so denken wie ein Schütze oder ein Punk oder ein Gruftie oder ein Katholik, nur weil man ihre Kennzeichen trägt? Oder, das Problem mit dem sich Paulus herumschlug: Ist man schon deswegen Jude, weil man beschnitten ist? Ist man deswegen schon Heide, weil man nicht beschnitten ist? Wie verhalten sich diese äußeren Kennzeichen zu dem, was einen Menschen ins einem Herzen bewegt, wie verhalten die sich zu dem, was er denkt und was für ein Mensch er überhaupt ist?

In Ägypten erleben wir in diesen Tagen, wie Menschen völlig unerwartet ausbrechen aus den Mustern, nach denen sie doch eigentlich funktionieren sollten. Muslime sind entweder apathisch und schicksalsergeben – oder sie sind terroristisch. So hieß es doch immer. Aber jetzt protestieren sie friedlich gegen ihre Unterdrückung, und keiner hat es vorhergesehen. Die alten Muster stimmen nicht mehr, wenn sie sich auf dem Freiheitsplatz in Kairo versammeln und tagelang demonstrieren.

Das erinnert an die Demonstrationen vor zwei Jahrzehnten in Peking auf dem Platz des himmlischen Friedens oder an die Montagsdemonstrationen in der ehemaligen DDR. Aber dazwischen beten sie auf ihre Weise. Und wenn Sie sich dieses Bild genauer ansehen – es ist vor wenigen Tagen in Ägypten aufgenommen worden – dann sehen Sie, dass da am Rand viele Menschen stehen, die sicher zu denen gehören, die protestieren, die aber nicht beten. Es gibt da jede Menge Differenzierungen. Wer von denen passt jetzt eigentlich noch in irgendein Schema?

Aber das geht noch weiter. Hier ist ein weiteres Bild: da sind anscheinend Leute, die zwar selbst nicht mitbeten, die aber die Betenden beschützen, damit sie nicht von irgendwelchen Gewalttätern des Regimes angegriffen werden. In welches Schema wollen Sie die denn noch einordnen?

Und anscheinend passiert da etwas, was man bei vielen anderen solchen Gelegenheiten beobachten kann: da wird Essen und Trinken organisiert, da gibt es welche, die sich um medizinische Versorgung kümmern und andere, die die Polizeiübergriffe mit Kameras und Handys dokumentieren. Menschen können sich offenbar enorm gut selbst organisieren, wenn die Umstände das erlauben. Eines der Kennzeichen der Demonstranten war, dass sie den Freiheitsplatz von Müll gereinigt haben. Hier ist einer der Müllsäcke, die für das Selbstbewusstsein der Demonstranten so eine große Rolle spielten. Jemand schrieb: ’so sauber habe ich den Platz noch nie gesehen‘. Das kriegen also auch Muslime hin. Das kriegen auch junge Leute hin. Und anscheinend können die auch mit den Methoden des ziemlich gewaltlosen Protestes arbeiten. Wer hat ihnen das beigebracht? Ich weiß es nicht.

Ich muss ihnen aber noch eine letzte Überraschung bereiten, und das ist dieses Foto. Auch wieder einer von den jungen Leuten, die da die Betenden schützen. Aber schauen Sie mal auf sein Handgelenk: da hat er eine Tätowierung; und zwar ist das ein koptisches Kreuz. Der junge Mann ist also offenbar Christ, koptischer Christ. Ägyptische Christen beschützen muslimische Beter. So wie nach dem Anschlag auf die koptische Gemeinde vor einem guten Monat viele muslimische Ägypter in die koptischen Weihnachtsgottesdienste gegangen sind, aus Solidarität. Es gibt offensichtlich einen Haufen Menschen, die nicht in die Schubladen passen, in die man sie reinsteckt. Menschliche Herzen sind äußerst kompliziert, und äußerliche Kennzeichen werden ihnen nur selten wirklich gerecht.

Und das hat schon Paulus wahrgenommen. Da gibt es Leute, die gelten als Juden, sie sind beschnitten, aber sie halten nicht das jüdische Gesetz. Nun, das ist uns inzwischen leider vertraut, dass Menschen sich nicht ihre eigenen Regeln halten, die sie verkünden. Und trotzdem sind wir immer wieder echt erschüttert, wenn Gewalt im Namen von Religion entsteht oder wenn Menschen auftreten mit dem Image des moralischen Saubermanns, und auf einmal stellt sich heraus, dass sie gar nicht die treusorgenden Familienväter und -mütter sind, als die sie sich immer darstellen.

Aber Paulus spricht auch vom umgekehrten Fall, und der ist viel erfreulicher: Menschen, die nach Geburt und Herkommen gar keine Juden sind, beachten die Regeln des Gesetzes Gottes. Wie kommt das? Da hat der Geist Gottes etwas im Herzen von Menschen bewirkt, sagt Paulus, und er denkt dabei wohl an die Heiden, die Christen geworden sind. Aber er redet vom Geist Gottes, und so bleibt es offen, ob nicht Gott nach Jesus auch Menschen durch den Heiligen Geist bewegt, die noch gar nicht richtig von der christlichen Mission erreicht worden sind. Jedenfalls sind dem ehemaligen Pharisäer Paulus seine festen Schubladen zerbrochen, in die er früher die Menschen gepackt hat. So wie da in Ägypten die Etiketten nicht mehr stimmen; wie in unserem Land vor 21 Jahren, als die Mauer fiel, die alten Einteilungen für eine kurze Zeit durcheinander gekommen sind, und die Menschen für einen Augenblick frei davon waren und das miteinander feierten, als es zu ungewöhnlichen Bündnissen kam und alle eine kurze Zeit lang selbst überlegen mussten, wer sie denn nun wirklich sein wollten. Manchmal passiert das mitten in Gefahren, unter tödlichen Bedrohungen, aber dann macht sich trotzdem große Freude breit, weil Menschen spüren, wie der Druck der festen Schemata weicht, in die sie so lange eingekastet waren. Wie die alten Freundschaften und Feindschaften sich auflösen und etwas Neues sichtbar wird.

Paulus hat das nicht erlebt bei einem politischen Aufbruch oder bei einem geschichtlichen Umbruch, sondern sein Erfahrungshintergrund ist die kontinuierliche Ausbreitung der Jesusbewegung im römischen Imperium. Das war auf eine ganz andere Weise für viele Menschen so ein Moment, wo sie selbst überlegen mussten, wer sie eigentlich waren. Ein Moment, wo sie herausfielen aus den Schemata, nach denen Menschen sonst eingeteilt werden. Die Erfahrung, dass sie in Übereinstimmung mit Gottes Willen kamen, obwohl sie sein Gesetz gar nicht kannten. Die Erfahrung, dass sie viel mehr Möglichkeiten hatten, als ihre Kultur ihnen bis dahin anbot. Die Erfahrung, wie sie jetzt mit Menschen aus anderen Kulturen an einem Tisch saßen, wie die Einteilung in Sklaven und Freie überwunden war, wie selbst Männer und Frauen zueinander fanden, weil sie alle gemeinsam vom Heiligen Geist bewegt wurden. Eine große, befreiende Erfahrung voller Freude und Bewegung, wo Menschen sich nicht mehr misstrauisch voneinander abgrenzen, sondern durch eine große Solidarität verbunden sind.

Und Paulus sagt: das schafft nur der Geist Gottes und nicht der Buchstabe des Gesetzes. Ja, man kann Gottes Willen auch aufschreiben, so ist ja das jüdische Gesetz entstanden, aber was sich da im Buchstaben des Gesetzes niederschlägt, das sind Erinnerungen, es ist nicht diese Ursprungserfahrung des Geistes Gottes selbst, die kann man nicht festhalten und konservieren. Die muss man frisch machen, die ist nicht vorauszuberechnen, die kann man nicht festhalten. Alles, was wir im Nachhinein festhalten wollen, ist nicht mehr das Original. Im Gegenteil, es kann sogar sein, dass aus den Erinnerungen an solche Begegnungen mit Gott dann wieder starre Systeme werden, die die Menschen unfrei machen oder sie gegeneinander hetzen.

Vielleicht erinnern Sie sich an die Lesung vorhin (Markus 12,1-12): Da bekommen Menschen einen Weinberg anvertraut, und sofort reißen sie sich den unter den Nagel und wollen ihn nicht wieder hergeben und noch nicht mal Pacht bezahlen. Und das ist ja ein Bild, ein Gleichnis: Gott vertraut Menschen etwas an, er schenkt ihnen eine Berufung, er schenkt ihnen eine kostbare Erfahrung, aber sofort machen sie ihre Religion daraus, sofort reißen sie es sich unter den Nagel und bauen es zu ihrem System aus.

Wir haben auch mit dem Christentum genug traurige Erfahrungen, wie Christen angeblich in Gottes Namen, andere angreifen und bekämpfen. Keine Religion ist davor sicher, dass sich aus einem lebendigen, befreienden Anfang ein starres Gebilde entwickelt, das Menschen unterdrückt und gegeneinander hetzt.

Da stellt sich natürlich die Frage: muss es dann überhaupt solche Gebilde geben? Was nützt es denn überhaupt noch, Jude zu sein, beschnitten zu sein, wenn es sowieso nur auf das ankommt, was man im Herzen hat? Sollte man nicht ganz auf äußere Zeichen verzichten? Muss es dann überhaupt noch Juden oder Christen geben?

Aber da sagt Paulus: ja, dem Volk Gottes sind die Botschaften Gottes anvertraut. Gott will, dass es einen lebendigen Hinweis auf ihn gibt: seine Leute, sein Volk. Sie bewahren die Erinnerung an all die großen Momente, als Gott Menschen seinen Willen offenbart hat. Wenn mir etwas anvertraut wird, dann ist es nicht für mich bestimmt, sondern ich soll es für andere bewahren. Natürlich kann ich versuchen, es mir selbst unter den Nagel zu reißen, aber das mindert ja nicht den Wert des Anvertrauten.

Egal, was dann daraus geworden ist. Egal, wie oft Menschen dem Willen Gottes untreu geworden sind. Egal, wie oft sie das dann zu einem unterdrückerischen System ausgebaut haben: aber die Worte Gottes sind in der Welt, und die sind immer für eine Überraschung gut. Mitten in der unterdrückerischen mittelalterlichen Kirche hat Martin Luther das Evangelium neu entdeckt, Und in kleinem Rahmen passiert das dauernd, dass sich aus den alten Traditionen das Evangelium neu erhebt und Menschen so bewegt, wie es vorher keiner gedacht hätte. Gott kommt auch mit untreuen Menschen zum Ziel. Gott hält an seinem Plan fest, auch wenn die menschlichen Partner versagen.

Versteht ihr: Paulus nimmt nicht die einfachen Lösungen. Er sagt nicht: das ist die heilige Tradition, da wird nicht dran gerüttelt. Er sagt aber auch nicht: es kommt sowieso nur auf das Herz an, also vergesst alle Religion. Er denkt vom Heiligen Geist her, von Gott her, der jeden Augenblick unerwartet die Menschen bewegen und die Welt erschüttern kann. Weil er diese Kraft kennt, deshalb kann er gelassen mit den menschlichen Traditionen umgehen. Die werden sowieso alle noch einmal vom Geist Gottes durcheinander gebracht. All diese ganzen Schubladen sollte man nicht zu ernst nehmen. Sie sind vorläufig, sie sind relativ, und nur so kann überhaupt etwas aus ihnen werden.