Jan 302011
 

Predigt zu Römer 2,12-24 am 30. Januar 2011 (Predigtreihe Römerbrief 05)

12 Wenn die, die das Gesetz Gottes nicht kennen, sündigen, werden sie wegen ihrer Sünde verloren gehen, ohne dass das Gesetz dabei eine Rolle spielt. Und wenn die sündigen, die das Gesetz Gottes kennen, werden sie aufgrund dieses Gesetzes verurteilt werden. 13 Denn vor Gott sind nicht die gerecht, die hören, was das Gesetz sagt; für gerecht erklären wird Gott vielmehr die, die tun, was das Gesetz sagt.
14 Wenn nun Menschen, die nicht zum jüdischen Volk gehören und mit dem Gesetz Gottes daher nicht in Berührung gekommen sind, von sich aus so handeln, wie es das Gesetz fordert, dann ist dieses Gesetz, auch wenn sie es nicht kennen, offensichtlich ein Teil von ihnen selbst. 15 Ihr Verhalten beweist, dass das, was das Gesetz fordert, ihnen ins Herz geschrieben ist. Das zeigt sich auch im Urteil ihres Gewissens und am Widerstreit von Anklagen und Rechtfertigungen in ihren Gedanken. 16 Der Tag des Gerichts wird das alles bestätigen, der Tag, an dem Gott durch Jesus Christus auch über die verborgensten Dinge im Leben der Menschen sein Urteil sprechen wird. So lehrt es das Evangelium, das mir anvertraut ist.
17 Nun gut, du kannst von dir sagen, dass du ein Jude bist. Du fühlst dich sicher, weil du das Gesetz hast, und bist stolz darauf, den wahren Gott zu kennen. 18 Du kennst seinen Willen und hast ein sicheres Urteil in allen Fragen, bei denen es um Gut und Böse geht, weil du dich im Gesetz auskennst 19 Du bist überzeugt, ´dass es dein Auftrag ist,` ein Führer der Blinden zu sein und ein Licht für die, die in der Finsternis sind, 20 ein Erzieher derer, denen es an Einsicht fehlt, und ein Lehrer der Unwissenden. Schließlich besitzt du ja das Gesetz, den Inbegriff der Erkenntnis und der Wahrheit. 21 Wenn du nun andere belehrst, warum dann nicht auch dich selbst? Du predigst, man dürfe nicht stehlen; warum stiehlst du dann? 22 Du sagst, man solle die Ehe nicht brechen; warum brichst du sie dann? Du verabscheust die Götzen; warum ´bereicherst du dich dann an ihnen, indem` du ihre Tempel plünderst? 23 Du redest voller Stolz vom Gesetz, und gleichzeitig brichst du es und raubst Gott damit die Ehre, 24 genau wie es in der Schrift heißt: »Euretwegen wird der Name Gottes bei den Völkern in den Schmutz gezogen.«

Als wir vor zwei Wochen das letzte Mal auf den Römerbrief hörten, da ging es um das Gericht Gottes. Und wir sahen, dass die Hoffnung auf ein abschließendes Gericht Gottes in der Antike eine Spezialität jüdischen, alttestamentlichen Denkens war. Die anderen Religionen und Philosophien kannten so etwas nicht. Sie konnten denen, denen Unrecht und Gewalt angetan wurde, keine Hoffnung auf irgendeine Art von Ausgleich machen. Die Sklaven, die Opfer von Krieg und Unterdrückung und alle anderen, die unter die Räder gekommen waren, die hatten eben einfach Pech gehabt und sollten das am besten in Gleichmut und Ergebenheit hinnehmen.
Aber es gab eben damals auch ein Volk, das darüber ganz anders dachte, nämlich die Juden. Das Volk, in dem schließlich Jesus geboren wurde. Da wussten sie schon lange aus ihrer Bibel, dem Alten Testament: Gott, der Schöpfer der Welt, findet sich mit dem Unrecht nicht ab. Er wird die Welt noch einmal richten. Und »richten« heißt nicht so sehr dass jeder seine Strafe bekommt, sondern dass Gott die Welt zurecht bringen wird, dass er sie wieder in Ordnung bringen wird, dass sie am Ende doch die gute Schöpfung wird, die er geplant hat. Und dann wird auch alles vergangene Unrecht irgendwie wieder in Ordnung gebracht, ausgeglichen, gerichtet.
Wir haben uns daran gewöhnt, das Gericht als etwas Dunkles, Drohendes anzusehen, vor dem man sich fürchten muss. Aber das ist eigentlich nicht die Bedeutung, die ursprünglich mit dem Gericht verbunden ist. Ursprünglich war das eine Hoffnung: Es bleibt nicht so, wie es ist. Gott lässt nicht zu, dass die Übeltäter triumphieren! Nichts ist vergessen, alles kommt noch einmal zur Sprache. Das ist ein Kernbestandteil jüdischer, alttestamentlicher Hoffnung. Denn Gott hat sich in der Welt ein Volk erschaffen, dem er seine Wahrheit anvertraut hat: das Volk der Juden, die durch viele Jahrhunderte hindurch einen langen Weg mit ihm gegangen sind, und die im Lauf dieses Weges immer neue Seiten Gottes erlebt haben. Und all diese Erfahrungen sind in der Bibel festgehalten worden.
Paulus selbst war ja jüdischer Schriftgelehrter, und er kannte das alles von innen. Wenn er im fiktiven Dialog mit einem jüdischen Gegenüber davon spricht, dass der stolz darauf ist, Gott zu kennen und die Dinge tiefer und besser zu durchschauen als die Heiden, dann schwingt da keine Ironie mit. Ja, den Juden ist tatsächlich die Wahrheit Gottes anvertraut. Ja, sie sind tatsächlich die, von denen die anderen Völker lernen sollen. Ja, da ist tatsächlich die Anleitung für ein gelingendes Leben zu finden. Ja, in der Torah, dem Gesetz der fünf Bücher Mose, da ist alles zu finden, was man braucht, um ein gutes Leben zu führen. Diese Torah zu tun, das ist der Weg zum Leben.
Genauso wie Jesus selbst gesagt hat, dass nichts von der Torah aufgegeben werden soll, so sagt auch Paulus, dass dieses Gesetz Gottes gut und gerecht ist. Die anderen Völker sollten dieses eine Volk sehen und sagen: Da gibt es ja eine Lösung für unsere Probleme! Da können wir sehen, wie gutes Leben aussieht! Und teilweise ist das ja geschehen. Wir verdanken dem jüdischen Gesetz z.B. den Feiertag, den Sabbat, einen Tag in der Woche, an dem die Plackerei ihr Ende hat und sich alle einfach nur am Leben freuen dürfen. Oder dass Sklaverei nicht gut ist, dass auch Sklaven kein Ding sind; oder dass die sexuelle Ausbeutung von Kindern nicht sein darf; und dass Arme Solidarität brauchen – all das sind Impulse, die ursprünglich mal aus dem Alten Testament und aus jüdischer Tradition gekommen sind. Und so hatte Gott sich das auch gedacht. In Israel sollte eine Lösung zu finden sein für die Probleme der Welt. Das war Gottes guter Plan: durch Israel, also durch die Nachkommen Abrahams, wieder neu den Segen in die Welt kommen zu lassen.
Es gab nur ein Problem dabei: es hat nicht funktioniert. Nicht nur, weil die anderen Völker sich nicht belehren lassen wollten. Nicht nur, weil Israel immer wieder von Feinden in seiner Existenz bedroht wurde. Das war gar nicht das Hauptproblem. Das eigentliche Problem war, dass Israel selbst seine Rolle nicht ausfüllte. Dass es sich immer wieder an den Ideologien und Ordnungen der anderen Völker orientierte. Dass es seinen besonderen Weg nicht durchhielt. Israel war zu einem Teil des Problems geworden, dessen Lösung es eigentlich sein sollte.
Wir haben ja inzwischen in den Kirchen ganz ähnliche Probleme. Die Menschen reagieren empfindlich, wenn Kirchen ihre eigenen Ansprüche verraten. Menschen erwarten zu Recht, dass, wenn irgendwo »Kirche« drauf steht, es dort auch irgendwie anders, besser zugehen müsste. Auch wenn sie sagen: »für mich selbst wäre das nichts«, sie haben irgendwie die Erwartung, dass es in einer Kirche anders zugeht. Und so ist es ja zum Glück auch manchmal. Und dieses Anderssein hätte auch noch eine viel größere Reichweite, wenn all die, die sich das wünschen, auch aktiv dabei mitmachen würden.
Aber es gibt eben auch die anderen Erfahrungen. Es gibt eben auch die Erfahrung, dass die Kirche auch nur eine Institution ist wie viele andere: eine Organisation, der es vor allem um das eigenen Überleben geht; eine Organisation, die Menschen blind und unbeweglich macht; eine Organisation, die mit dem Strom schwimmt und kein Widerstandspotential gegen gesellschaftliche Fehlentwicklungen entfaltet. Es wäre zu einfach, wenn ich jetzt über den Missbrauch in der katholischen Kirche reden würde mit dem geheimen Hintergedanken: ja, uns Evangelische betrifft das zum Glück nicht so.
Denken wir stattdessen an die Erziehung in den Kinderheimen vor 1970 ungefähr. So langsam dringt das jetzt ins öffentliche Bewusstsein, wie brutal und einschüchternd da mit vielen Kindern umgegangen worden ist. »Schwarze Pädagogik« hat man das später genannt. Ich weiß noch, wie ich mit meinen Eltern im Urlaub war, und ich fand den langweilig und doof, und dann sagten meine Eltern: wir können dich ja auch nächstes Mal in der Zeit ins Kinderheim schicken. Und es war deutlich, dass das etwas sehr Unangenehmes sein musste. Später habe ich mal eine Zeit eine Unterkunft in einem Heim für Behinderte gehabt. Das war schon nach 1970, und ich habe da keine Hinweise gehabt, dass die Bewohner misshandelt worden wären. Aber ich kann mich noch gut an die bedrückende und autoritäre Atmosphäre dort erinnern.
Und es sind eben auch die kirchlichen Heime gewesen, in denen es die schwarze Pädagogik gab. Sicher, das war damals gesellschaftlich normal, damals meinte man, so müsste man mit Kindern umgehen. Das war noch die nationalsozialistische Prägung, wahrscheinlich auch noch aus der Kaiserzeit und früher. Die Kirchen waren da ein Bild der Gesellschaft. Aber die wirkliche Frage ist doch: warum haben kirchliche Einrichtungen da nicht mehr Abstand gehabt, warum haben sie keine Alternativen entwickelt, warum haben sie es gemacht wie alle anderen?
Und das sind genau die Fragen, die Paulus seinem fiktiven jüdischen Gesprächspartner stellt: was nützt es dir, wenn du die Wahrheit Gottes hast, sie aber nicht lebst?
21 Wenn du nun andere belehrst, warum dann nicht auch dich selbst? Du predigst, man dürfe nicht stehlen; warum stiehlst du dann? 22 Du sagst, man solle die Ehe nicht brechen; warum brichst du sie dann? Du verabscheust die Götzen; warum ´bereicherst du dich dann an ihnen, indem` du ihre Tempel plünderst?
Dieser Text hat oft Verwunderung hervorgerufen: waren denn damals Juden chronische Ehebrecher, Tempelräuber und Diebe? Natürlich nicht. Natürlich gab es unter ihnen so gute und so schlechte Menschen wie sonst auch. Aber was überall normal ist, das soll doch im Volk Gottes nicht normal sein. Wie kann dieses Volk die Lösung für die Probleme der Welt sein, wenn es da genauso zugeht wie überall? Wie kann dieses Volk anderen helfen, wenn es noch nicht mal sich selbst helfen kann? Und das ist nicht nur ein Problem für Israel, weil es so seine Bestimmung verfehlt; das ist nicht nur ein Problem für die Völker, weil sie so nicht den Segen bekommen, der durch Israel zu ihnen kommen sollte. Das ist auch ein Problem für Gott. Gottes Plan scheint an seinem Volk zu scheitern. Und damit steht Gottes Gerechtigkeit auf dem Spiel: er hat versprochen, dass er die Welt in Ordnung bringen wird. Aber kann er sein Versprechen halten, wenn sein Volk seiner Berufung untreu wird?
Vielleicht konnten wir bisher noch sagen: das ist Israels Problem; oder das ist das Problem der katholischen Kirche; oder: das ist eben das Problem der institutionalisierten Kirche, und das war alles nicht falsch. Aber jetzt wird es unser Problem: wo bleibt unsere Hoffnung, wenn Gottes Plan an seinen menschlichen Verbündeten zu scheitern droht? Wenn es hier höchstens Menschen gibt, die Gottes Willen kennen, aber wenn es niemanden gibt, der das auch umsetzt – was soll dann aus unserer Welt werden?
An dieser Stelle gibt Paulus einen vorsichtigen Hinweis auf eine Antwort, die er im weiteren Verlauf des Römerbriefes noch ausführen wird. Er sagt: aber es gibt Menschen, die zwar keine Juden sind, das Gesetz Israels nicht kennen, und trotzdem tun, was das Gesetz verlangt. Es gibt Menschen, an deren Handeln man erkennt, dass sie das Gesetz in ihrem Herzen haben. Und man merkt es auch daran, dass sie in sich hin- und hergerissen sind, was sie denn tun sollen. Wer kein Gesetz kennt, braucht sich auch kein Gewissen zu machen. Wer sowieso nur an seinen eigenen Vorteil denkt, dessen Gewissen bleibt rein – denn er hat es ja nie benutzt. Wenn dir Gott und die Menschen sowieso egal sind, dann kannst du ruhig schlafen – jedenfalls solange die Dinge für dich gut laufen.
Aber, sagt Paulus, es gibt Menschen, in deren Herzen das Gesetz Gottes lebendig sein muss, denn sie laufen nicht mit wie alle anderen, sie überlegen, was richtig ist, und sie handeln dann nicht selten wirklich nach dem Willen Gottes. Was bedeutet das, dass es Menschen gibt, die den Willen Gottes besser verkörpern als die offiziellen religiösen Institutionen, sei es Israel, sei es inzwischen die Kirche?
Oder um es an diesem praktischen Beispiel der schwarzen Pädagogik in den Heimen zu sagen: was bedeutet es, wenn diejenigen, die zuerst auf diese Missstände aufmerksam gemacht waren, Außenseiter waren wie z.B. Ulrike Meinhof, die später die bekannteste Terroristin der Bundesrepublik wurde? Was bedeutet es, dass das Umdenken in diesem Bereich anscheinend nicht aus der Mitte der Kirchen gekommen ist? Was bedeutet es, wenn Jesus sagt, wie wir es vorhin in der Lesung (Matthäus 21,28-32) gehört haben: »die Zöllner und die Huren kommen eher ins Reich Gottes als ihr«?
Wer also sind diese mysteriösen Leute, von denen Paulus redet, die den Willen Gottes tun, ohne sein Gesetz zu kennen? Die Gelehrten haben sich darüber lange gestritten, und es gibt keine wirklich zwingenden Argumente dafür, wer Recht hat. Die einen sagen: es gibt eben unter allen Völkern weise, nachdenkliche Menschen, die von ihrem Herzen geleitet zu den gleichen Ergebnissen kommen, wie Gott sie in seinem Gesetz formuliert hat. Die anderen sagen: Paulus hat eine ganz bestimmte Gruppe von Heiden im Auge: diejenigen, die sich dem Evangelium geöffnet haben. Und wenn in ihrem Herzen das Gesetz lebendig ist, dann liegt das daran, dass Gott es durch seinen Heiligen Geist in ihr Herz geschrieben hat. Das hat er je schon durch die Propheten im Alten Testament – Jeremia z.B. – versprochen, dass er sein Gesetz Menschen ins Herz schreiben wird, so dass es für sie nicht mehr von außen kommt, sondern aus ihrem Innern, und sie es tun.
Ich persönlich denke, dass die zweite Antwort die bessere ist: Paulus erlebt, wie das Evangelium Menschen verändert, wie Leute aus dem heidnischen Multikulti-Völkergemisch der Hafenstadt Korinth (wo er den Brief schreibt) auf die Spur von Gottes Willen kommen und vom Heiligen Geist erneuert werden. Aber vielleicht muss man sich auch nicht unbedingt so scharf entscheiden.
Paulus denkt jedenfalls von seinen Erfahrungen mit dem Heiligen Geist aus, von seinen Erlebnissen mit Menschen, die auf anderen Wegen dazu kommen, den Willen Gottes zu tun, als man sich das bisher so vorstellte. Das ist übrigens etwas anderes als der Spruch: ich brauche die Kirche (oder die Bibel) nicht, um ein guter Mensch zu sein. Bei den wenigsten, die diesen Spruch gebrauchen, fällt auf, dass sie irgendwie ungewöhnliche, beeindruckende Menschen geworden wären.
Näheres wird Paulus noch im Verlauf seines Briefes entwickeln. Es braucht ein bisschen Geduld. Ich bin auch gespannt, wohin uns das noch führt. Wir sollten jedenfalls in einer Hinsicht tatsächlich anders sein als unsere Kultur: wir sollten nicht erwarten, dass wir die Lösung für die Rettung der Welt in einfachen, fernsehtauglichen 30-Sekunden-Statements finden können.

Jan 162011
 

Predigt zu Römer 2,1-11 am 16. Januar 2011 (Predigtreihe Römerbrief 04)

1 Deshalb darfst du allerdings nicht meinen, du seist entschuldigt, wenn du das alles verurteilst. Denn wer du auch bist: Indem du über einen anderen zu Gericht sitzt, sprichst du dir selbst das Urteil, weil du genau dasselbe tust wie der, zu dessen Richter du dich machst. 2 Nun wissen wir aber, dass Gott die zu Recht verurteilt, die jene Dinge tun; wir wissen, dass sein Urteil der Wahrheit entspricht. 3 Und da meinst du, du könnest dem Gericht Gottes entgehen, wo du doch genauso handelst wie die, die du verurteilst? 4 Oder betrachtest du seine große Güte, Nachsicht und Geduld als selbstverständlich? Begreifst du nicht, dass Gottes Güte dich zur Umkehr bringen will? 5 Doch du bist verhärtet; dein Herz ist nicht zur Umkehr bereit. So sorgst du selbst dafür, dass sich Gottes Zorn gegen dich immer weiter anhäuft, bis er schließlich am »Tag seines Zorns« über dich hereinbricht – an dem Tag, an dem Gott Gericht hält und für alle sichtbar werden lässt, dass sein Urteil gerecht ist. 6 Gott wird jedem das geben, was er für sein Tun verdient hat. 7 Denen, die unbeirrbar tun, was gut ist, und alles daran setzen, an ´Gottes` Herrlichkeit, Ehre und Unvergänglichkeit teilzuhaben, wird er das ewige Leben geben. 8 Diejenigen dagegen, die sich in selbstsüchtiger Gesinnung weigern, der Wahrheit zu gehorchen, und sich stattdessen zu gehorsamen Werkzeugen des Unrechts machen lassen, wird Gottes Zorn in seiner ganzen Härte treffen. 9 Ja, Not und qualvolle Angst wird das Los jedes Menschen sein, der tut, was böse ist. Das gilt zunächst für die Juden, es gilt aber auch für jeden anderen Menschen. 10 ´Ewige` Herrlichkeit jedoch und Ehre und Frieden werden jedem gegeben, der tut, was gut ist. Auch das gilt zunächst für die Juden und gilt ebenso für alle anderen Menschen. 11 Denn Gott urteilt nicht parteiisch.

»Können wir ihm nicht noch eine Chance geben?« sagte der Vorarbeiter zum Chef. Es ging um den jungen Mann, der seit einem Monat neu im Betrieb war. Er machte sich eigentlich ganz gut, aber es gab ein Problem mit ihm. Er hatte ein aufbrausendes Temperament. Wenn er sich ungerecht behandelt fühlte – und das ging schnell – dann ging er unkontrolliert in die Luft, und dann flogen auch schon mal Werkzeuge und andere Dinge durch die Gegend.
Der Vorarbeiter hatte ihn in einem ruhigen Moment beiseite genommen, hatte ihm einen Kaffee eingeschenkt und mit ihm gesprochen, wie ein älterer Bruder mit dem jüngeren. So geht das nicht, hatte er ihm gesagt. Du musst lernen, dich zu beherrschen. Wir können über alles reden, aber so nicht. Und wenn das noch mal passiert, muss ich es dem Chef sagen.
Aber es passierte wieder. Und gleich danach noch einmal. Und der Vorarbeiter ging schweren Herzens zum Chef. Eigentlich mochte er den Jungen ja. Aber jetzt ging es nicht mehr anders. Der Chef war sowieso schon sauer, dass es seit Wochen ein Problem gab, von dem er nichts wusste. Er wollte den Kerl sofort entlassen. Aber der Vorarbeiter blieb beharrlich. »Können wir ihm nicht noch eine Chance geben? Ich könnte noch mal mit ihm sprechen und ihm den Ernst der Lage erklären. Vielleicht schafft er es ja doch noch, sich zusammen zu reißen.«
Aber es nützte nichts. Drei Tage später, in der Frühstückspause, stieß ein Kollege den jungen Mann aus Versehen an, als der gerade einen vollen Becher mit heißem Kaffee in der Hand hatte. Ein Teil des Kaffees schwappte ihm auf die Hose. Sofort flammte seine Wut wieder auf. Er schrie den Kollegen an, klatschte ihm den Becher mit dem restlichen Kaffee ins Gesicht und boxte ihn derbe in den Magen. Das war ein sehr trauriger Augenblick für den Vorarbeiter, aber ihm war sofort klar, dass der junge Mann damit seine letzte Chance verspielt hatte. Er hatte seine Chance bekommen, aber er hatte alles nur schlimmer gemacht.
Wenn Paulus über Gottes Gericht schreibt, dann hat er ein Bild von Gott im Sinn, das sich gar nicht so sehr von dem Vorarbeiter in dieser Geschichte unterscheidet. Gott ist kein missmutiger Tyrann, der nur darauf wartet, dass er einen Menschen bei einem Fehler ertappt, damit er ihn zur Rechenschaft ziehen kann. Gott ist freundlich. Gott ist wohlmeinend, er kümmert sich um uns und versucht, für uns Wege zu finden, wie wir uns zum Besseren entwickeln können. Wenn das nicht so wäre, dann wäre die Menschheit schon längst zu Grunde gegangen.
Gott ist geduldig. In der Regel kriegen wir nicht die Folgen unseres Tuns aus heiterem Himmel zu spüren. Es gibt Warnungen. Es gibt diese Momente, wo Menschen verstehen: so kann ich nicht weitermachen. Ich muss weniger trinken. Ich muss mich gesünder ernähren. Ich darf meine Laune nicht mehr so an meinem Ehepartner auslassen. Ich muss meine Zunge wirklich im Zaum halten.
Und auch für ganze Gemeinschaften von Menschen gilt das, dass sie in manchen Augenblicken innehalten und spüren: so können wir nicht weitermachen. Ein Lebensmittelskandal nach dem anderen. Immer mehr ungewöhnliche Wetterlagen. Ein vergiftetes gesellschaftliches Klima, das am Ende zu Waffengewalt führt. Wieder ein Amoklauf in einer Schule. Immer mehr Kinder, die sich nur mit Mühe im Leben zurechtfinden. Eine katastrophale Wirtschaftskrise, an der wir gerade noch mal vorbeigeschlittert sind. Da muss sich was ändern. Das kann nicht einfach so weiterlaufen.
Aber dann passiert es: dieser Moment der Einsicht geht vorbei, und es geht alles weiter wie vorher; offensichtlich war es ja doch nicht so ernst, wie es schien. Der Magen beruhigt sich wieder. Der Partner ist wieder nett. Von ein bisschen Dioxin im Ei stirbt man doch nicht gleich. Auf die Wirtschaftskrise folgt eine rasante Konjunkturerholung. Und vielleicht kann man ja doch einfach weitermachen wie bisher, und all die Warnungen waren nur dummer Zufälle. Einzelfälle eben.
Aber das ist ein Missverständnis von Gottes Geduld. Er gibt uns immer wieder eine neue Chance, aber das geht nicht ewig so weiter. Wir können nicht Gottes Geduld ausnutzen und eine Veränderung auf den St. Nimmerleinstag verschieben. Gott ist nicht »nett« wie ein Opa, der schon nicht mehr ganz durchblickt und deshalb immer nur mild lächelt. Das Sprichwort sagt: »Der Krug geht zum Brunnen, bis er bricht.« Wenn wir weiter machen wie bisher, dann ist irgendeine Chance tatsächlich die letzte. Nach irgendeinem Streit, zieht der Partner unwiderruflich aus. Irgendwann ist der Führerschein endgültig weg. Irgendein Herzinfarkt ist doch der letzte. Irgendein Störfall ist nicht mehr beherrschbar. Eines Tages bricht tatsächlich Krieg aus. Irgendwann ist das Klima so ruiniert, dass ganze Länder unbewohnbar werden. Und eines Tages werden wir sterben, und dann werden wir vor Gott stehen und dann liegt unser ganzes Leben offen vor uns, und Gott wird ein Urteil darüber sprechen.
Dieses Kapitel hier im Römerbrief ist wohl das, wo Paulus am ausführlichsten das Gericht Gottes darstellt. Er macht das nicht so, wie viele Maler das getan haben, mit der Schilderung schrecklicher Höllenstrafen, sondern er beschreibt die Motive Gottes dahinter. Wie der Vorarbeiter ist Gott engagiert auf der Seite seiner Leute – aber gerade weil ihm an seinen Menschen liegt, kann er nicht einfach zusehen, wie sie ihre kleine oder große Welt gegen die Wand fahren. So wie der Vorarbeiter nicht zulassen kann, dass ein schlechtes Beispiel den Umgangsstil im ganzen Betrieb verdirbt. Und Gott will ja die Welt nicht nur irgendwie durchbringen, sondern er will sie wieder in Ordnung bringen, er will sie heilen und erneuern. Gott liebt die Welt und seine Menschen.
Aber wenn Menschen diese Liebe zurückweisen – und es gehört zur Liebe, dass sie zurückgewiesen werden kann – dann bekommen sie ihren Willen. Wenn Menschen gegen alle Warnungen immer weiter den Weg gehen, der sie und andere ins Unglück führt, dann werden sie dies Unglück erleben. Wenn Menschen sich verschließen gegen die Warnungen Gottes, dann werden sie am Ende ohne ihn sein.
Entgegen anderen Gerüchten kann man das mit ein bisschen Geduld durchaus schon in diesem Leben beobachten. Je länger ich die Wege von Menschen verfolge, und je mehr menschliche Schicksale ich im im Lauf der Jahre erzählt bekommen, um so mehr bin ich überzeugt, dass Gott schon in diesem Leben dafür sorgt, dass wir die Folgen unserer Taten spüren. Nicht mit mathematischer Präzision, nicht in jedem Einzelfall, nicht so, dass es beweisbar wäre. Aber doch so, dass ich überzeugt bin, dass es sich rein praktisch nicht auszahlt, gegen Gottes Regeln zu verstoßen.
Vielleicht sollte man sich mal die Menschen, die einem Unrecht getan haben (und es gibt ja Menschen, die wirklich fies gegenüber uns waren), anschauen, vielleicht auch nach Jahren anschauen, und sich fragen: möchtest du heute mit dem oder mit der tauschen? Ich kann nicht garantieren, dass die Antwort in jedem Fall ein Nein ist, aber ich glaube, in den meisten Fällen werden wir nicht das Gefühl haben, dass es begehrenswert wäre, so wie dieser Mensch zu sein.
Aber auch wenn es im einen oder anderen Fall nicht so ist: ganz zum Schluss wird jeder vor Gott stehen, ganz zum Schluss wird auf jeden Fall das gerechte Urteil gesprochen. Alles, was wir tun, kommt noch einmal zur Sprache und hat Bedeutung. Und das ist ein ganz wichtiger Trost für alle, die in diesem Leben anderen zum Opfer gefallen sind, deren Leben durch Gewalt oder Ausbeutung zerstört worden ist, für alle, denen Schlimmes und Entsetzliches angetan worden ist.
Die römische oder griechische Philosophie und Religion zur Zeit des Paulus hatte keine Vorstellung von einem letzten Gericht. Sie hatten keine Hoffnung für die Armen und Entrechteten. Sie hatten keine Perspektive für die Sklaven, die mit ihrer Arbeit damals das ganze System überhaupt am Laufen hielten. Sie hatten den Opfern nichts zu sagen, außer, dass sie sich still in ihr Schicksal fügen sollten.
Aber der Gott, den Paulus verkündet, der Vater Jesu Christi, der ist anders. Dem liegt daran, dass all den Gedemütigten der Menschheitsgeschichte Gerechtigkeit widerfährt. Ihm liegt daran, dass die Welt erneuert wird und am Ende die Dunkelheit keinen Platz mehr hat.
Und deshalb können wir sagen: es ist richtig und klug, am Guten festzuhalten, sich für die richtige Seite zu entscheiden und das durchzuhalten auch gegen Widerstand und unter Mühen, es ist richtig, dafür auch einen Preis zu bezahlen. Nichts von dem Guten, was du tust, wird vergessen werden, es kommt der Tag, wo das alles hell strahlen wird, und wo Gott sagen wird: ich habe mich so gefreut über deine Entscheidung und über diese Freundlichkeit, die du da gezeigt hast. Sie war vielleicht nur klein, sie war manchmal halbherzig, und ohne meine Hilfe hättest du es nicht durchgehalten, aber die Richtung hat gestimmt. Das hat vielleicht sonst gar keiner gemerkt, aber ich habe es nicht vergessen. Gut gemacht! Und wir werden unendlich froh darüber sein, wenn wir das hören dürfen.
Und nun gibt es noch ein Problem: was ist mit denen, die das alles durchschauen und sagen: ja, so sind die Menschen. Ja, Gott hat Recht. Ja, ich stimme dir zu, Gott. Die Menschen verdienen dieses Gericht. Aber ich bin anders. Ich habe das begriffen. Du und ich, Gott, wir durchblicken das, nicht wahr?
Und Paulus sagt: es kommt nicht an auf den Durchblick, es kommt auf das an, was du tust. Glaubst du, mit ein bisschen Erkenntnis könntest du dich rauswinden aus dem Problem, in dem ihr alle drinsteckt? Du profitierst genauso wie alle anderen von der Ausbeutung der Erde und der Menschen, auch dein Lebensstil ruiniert das Klima, und nur weil du weißt, was läuft, bist du noch kein erneuerter Mensch. Ist ja gut, wenn du dich bemühst, weniger Kohlendioxid zu produzieren, das ist eine richtige Entscheidung, aber damit bist du nicht aus dem Schneider.
Gott will Menschen, die für das Schicksal der Welt und der Menschen so engagiert sind wie – na, vielleicht wie der Vorarbeiter für den jungen Mann engagiert war. Oder besser: Menschen, die so engagiert sind wie Gott selbst. So voller Liebe wie er. Oder um es so zu sagen: Menschen wie Jesus, an denen sichtbar wird, wie Gott zu uns steht. Im weiteren Verlauf des Römerbriefes wird Paulus noch davon sprechen, wie es dazu kommen kann, dass Jesus sich in Menschen widerspiegelt. Aber alles, was noch über die Liebe und Zuwendung Gottes zu sagen ist, das hebelt diese Grundlage nicht aus: Gott wird am Ende ein Urteil sprechen. Dieses Urteil wird gerecht sein.
Gott wird nicht darauf schauen, ob wir die Sachen durchschaut haben und wissen, was die anderen falsch machen. Ihm kommt es darauf an, dass wir seine Güte und Langmut teilen, dass wir uns von ihm rufen lassen auf die Wege der Erneuerung. Das ist der Maßstab.

Jan 122011
 

Dick Boer denkt in „Erlösung aus der Sklaverei“ (ich habe über das Buch hier gebloggt) über die Sache nach, um die es bei der „Religion“ geht. Diese Sache wird in der Regel als „Gott“ bezeichnet. Was ist mit Gott gemeint? Boer unterscheidet mehrere Vorstellungen von Gott, die – obwohl unterschiedlich – mehr oder auch weniger friedlich koexistieren.

Da ist einmal Gott als „Verabsolutierung und damit Sanktionierung der irdischen Macht, die die übergroße Mehrzahl der Menschen zur Knechtschaft verdammt“. Das ist in der Umwelt der Bibel die Normalität. Boer schreibt:

Der sozial-kulturelle Kontext der biblischen Erzählungen ist eine Welt voller ‚Söhne Gottes‘: der Pharao, der König von Babel, der römische Kaiser. … Der Sohn Gottes ist dort per definitionem ein Machthaber, der mit seinen Komplizen herrscht auf Kosten der ihm unterworfenen Völker. Gott repräsentiert also das höchste Wesen dieser Herrschaft, den himmlischen Überbau, der den irdischen Unterbau widerspiegelt. So bekommt dieser irdische Unterbau himmlische Züge, nicht zuletzt für die Menschen, die daran glauben müssen.

So weit, so schlecht, aber diese Analyse stimmt leider bis heute viel zu oft, inzwischen auch für „christliche“ Religionen. Der Kern dieser Analyse ist letztlich die biblische Religionskritik, die dann von Marx/Feuerbach aktualisiert wurde und heute für jeden Berufsatheisten billig zu haben ist. Aber – und damit kommen wir eine Etage tiefer – dieses Spiel funktioniert ja nur deshalb, weil diese Herrschaftsreligion an eine echte menschliche Wahrnehmung (und Sehnsucht!) anknüpft. Boer schreibt:

Es ist … zu einfach, ‚Gott‘ nur zu einer direkten Abspiegelung irdischer Machtverhältnisse zu erklären, als ob er nicht mehr wäre als ein metaphysischer Pharao. Wer denkt, dass diese Erklärung als Religionskritik genüge, weiß nicht, wovon er redet. Das ‚Wesen‘ der Religion ist vielmehr das ‚Gefühl‘, dass es ‚etwas‘ gibt, das über all diese menschlichen, allzumenschlichen Gegebenheiten hinausgeht. ‚Gott‘ ist das Wort für das unaussprechliche Geheimnis des Daseins, das höher ist als alle Vernunft. … Es besagt nämlich, dass das Dasein in letzter Instanz ungreifbar ist, nicht zu fassen. Darüber kann man durchaus lyrisch werden. Die Sprache, die durch dieses Geheimnis hervorgerufen wird, ist nicht selten ein liebevolles Abtasten dessen, was sich der herrschenden Ordnung des konventionellen Wortes entzieht. … Diese Sprache erweckt eine heilsame Aversion gegen alle Festigkeit: Alles kann immer auch anders.

Gott nur auf seine Rolle als metaphysischer Pharao zu reduzieren ist also ein bisschen – nun, vulgär. Soweit Feuerbach/Marx hierbei stehen bleiben (und das tun sie überwiegend, wenn auch nicht völlig) sind sie typische Vertreter der Moderne und fallen der postmodernen Kritik anheim. Und tatsächlich erobert sich ja im Augenblick Religion (durchaus nicht nur „christliche“ Religion) nach und nach wieder einen Platz auch in der westlichen Öffentlichkeit. Aber damit ist sie nicht aus dem Schneider. Mindestens nicht in der biblischen Sicht Boers. Denn ein „Gott“, der einfach nur für das ungreifbare und unaussprechliche Geheimnis des Daseins steht, bleibt in einer fundamentalen Ambivalenz. Er „kann immer auch anders“. Man kann sich nicht auf ihn verlassen. Boer schreibt:

Denn das, was seinem Wesen nach unaussprechlich ist, kann ein erlösendes Wort nicht sprechen. Und wo ein erlösendes Wort fehlt, … droht das, was höher ist als alle menschliche Vernunft, auf eine ewige Wiederkehr desselben hinauszulaufen: eine herrschende Kultur und das Unbehagen in ihr, eine unaufhörliche Dialektik von Herr und Knecht, ein Kampf zwischen Mann und Frau ohne Versöhnung. … Die Moral dieser Geschichte ist: fügen wir uns ins Unvermeidliche, dass Widerstand keinen Sinn hat, dass ein ewiges ‚Unbehagen in der Kultur‘ (Freud) unser Schicksal ist.

So dient nach Boer auch der ambivalente Gott (der postmoderne, liquide Gott?), der die Unverfügbarkeit und Unaussprechlichkeit des Daseins repräsentiert, am Ende der Sicherung der herrschenden Ordnung:

Denn das Unergründliche trägt immer die Gefahr der Unordnung, der Anarchie, des Chaos in sich. Über dieses Chaos müssen wir Herr werden, deshalb brauchen wir Herren, die Ordnung schaffen.

Auch die Götter, die nicht einfach nur Herrschaftsreligion vertreten, sondern durchaus etwas von der Fülle des Daseins wissen, die sich allen Festlegungen widersetzt, bedeuten noch keine Erlösung. Im Gegenteil, auch sie verewigen die Sklaverei. Der Exodus beginnt dort, wo …

… Menschen eine Stimme zu hören bekommen, die sagt: Ich bin JHWH, euer Gott. Mit diesem Wort tritt der Name befreiend in den Kreis der Götter. Er besetzt den Raum, den sie für sich beschlagnahmt haben. Er bricht die Macht, die sie über die Menschen ausüben. Indem dieser Name sich als der Gott des Exodus zu erkennen gibt, wird das, was die Götter (be)sagen, zur Lüge gemacht. Der Name ist der große Gottesleugner. Jetzt kommt ans Licht, was diese in ihrer Unergründlichkeit verschweigen: das Geheimnis des Daseins ist die Erlösung aus der Sklaverei.

Erst da, wo das aufgedeckte Geheimnis der Erlösung präsent ist, ist die (bestenfalls) Ambivalenz der Religion überwunden. Erst da ist die Macht der irdischen und himmlischen Götzen gebrochen. Und ob dann das Bündnis mit JHWH das Etikett „Religion“ angeheftet bekommt, oder das Etikett „Befreiungsbewegung“, oder irgendein anderes Etikett, ist eine sekundäre Frage. Die Bündnis zwischen JHWH und seinem Volk ist sowieso ein Verhältnis ganz eigener Art, das noch keiner dauerhaft schubladisieren konnte. Es leiht sich seine Kategorien und Begriffe mal hier und mal dort, je nach Diskussionslage, und ist trotzdem immer größer als jede Religion, Befreiungsbewegung o.ä. Aber immer geht es um die Erlösung aus der Sklaverei, den Exodus, die Auferstehung.

Wer auch immer die (Rückkehr der) Religion erhofft, leugnet, fürchtet, bejubelt oder bekämpft, ob laut oder leise, ob Kirchenfürst oder Gemeindepfarrer, ob prekärer oder besserverdienender Atheist: es wäre einfacher, wenn sie diese Unterscheidungen nicht dauernd so heillos durcheinander werfen würden.

Jan 062011
 

„Erlösung aus der Sklaverei“ ist der Titel einer „Biblischen Theologie im Dienst der Befreiung“, die der Theologe Dick Boer (geb. 1939) in der Edition ITP-Kompass herausgebracht hat. Boer steht in der Tradition der „Amsterdamer Schule“ der Theologie. Diese Auslegungstradition orientiert sich stark an den alttestamentlichen Grundstrukturen biblischen Denkens. So erinnert manches in seinem Buch an das „Biblische ABC“, das Kornelis Heiko Miskotte 1939/41 im Widerstand gegen die nationalsozialistische Besetzung der Niederlande entwickelte. Auch das „Biblische ABC“ wollte so etwas wie eine grundlegende Sprachlehre des Glaubens sein.

Boers Interesse ist es, die biblischen Grundstrukturen und -worte so in heutige Sprache zu übersetzen, dass ihr Anliegen gewahrt bleibt. Mit „Biblischer Theologie“ ist hier also nicht eine zeitlose Erhebung biblischer Gedanken gemeint, sondern die Suche nach der angemessenen Übertragung gehört immer schon dazu:

Biblische Theologie ist der Versuch, die ‚Sprache der Botschaft‘ zu ‚aktualisieren‘. Sie ist eine Übersetzungsarbeit auf der Suche nach einer Sprache, die Verständnis hat für das, was die Welt von heute bewegt, zugleich aber ‚bewahrt‘, was die biblische Sprache in Bewegung gebracht hat.

Auf der Suche nach einer angemessenen Sprache wird Boer fündig bei der Sprache der linken Arbeiterbewegung, „jener modernen Befreiungsbewegung, die sich getraut hat, den vom Befreier-Gott initiierten Exodus als Perspektive menschlichen – allzu menschlichen – Handelns auf ihre Kappe zu nehmen“. So kommt er zum Buchtitel „Erlösung aus der Sklaverei“:

Die Losung ‚Erlösung aus der Sklaverei‘ ist die Übersetzung der biblischen Botschaft des Exodus aus der Sklaverei in Theorie und Praxis einer modernen Befreiungsbewegung.

Mit „Sprache“ ist hier einerseits die ganze Vorstellungswelt gemeint, die sich in einer bestimmten Begrifflichkeit ausdrücken lässt. Andererseits ist es aber durchaus auch die Terminologie selbst, die sich nicht beliebig neu erfinden lässt. Beispielsweise sind es Begriffe wie das ‚real existierende‚ Israel, das ‚Absterben des Staates‚ oder die ‚Mühen der Ebene‚, die aus der linken Begrifflichkeit übernommen werden und erstaunlich gut passende Mosaiksteine im Gesamtbild einer Biblischen Theologie ergeben. Oder eben auch das Verständnis Israels und der Christenheit als ‚Befreiungsbewegung‚.

Die Aufnahme dieser Sprache ist also kein aktualisierender Gag, keine billige Provokation, auch keine (diesmal „linke“) Anbiederung an den Zeitgeschmack, sondern eine Notwendigkeit, die aus der Sache selbst kommt. Boer erwägt quasi als Gegenprobe, in welcher Sprache sich heutige biblische Theologie vielleicht auch noch ausdrücken könnte: in der Sprache der Reformation (die auf die Sündhaftigkeit des Menschen und seine Begnadigung konzentriert ist), in einer eher existenzialistischen Sprache (die die reformatorische Sprache zur Sinnfrage modernisiert) oder in einer religiösen Sprache (die ein Hinweis auf das unaussprechliche Geheimnis der Welt ist)? Boers Einwand ist, dass in diesen Begrifflichkeiten das zentrale biblische Anliegen der Erlösung aus der Sklaverei nicht (ausreichend) zur Sprache kommt:

Erst von dieser Erlösung aus der Sklaverei her kann auch biblisch von der Gnade, der Sünde und der Sinnfrage gesprochen werden: die Gnade, die dem Sklavenvolk widerfährt, wenn sich überraschend die Möglichkeit seiner Befreiung öffnet; die Sünde, die darin besteht, dass es den Weg der Befreiung aufgibt; die verzweifelte Frage nach dem Sinn des ganzen Unternehmens, die die Hoffnung auf sein Gelingen zu töten droht. Wer diese Auffassung von Gnade, Sünde und Sinn für ‚reduktionistisch‘ hält, sollte sich fragen, ob nicht die Bibel in dieser Beziehung tatsächlich reduktionistisch ist. Ich meine jedenfalls, dass es der Eigensinn der Bibel ist, das Problem des Menschen auf seine Erlösung aus der Sklaverei zu reduzieren. Aber was heißt hier Reduktion, wenn diese Erlösung bedeutet: alle Tränen abgewischt, kein Tod mehr, die Schinderei für immer zu Ende (Offb. 21,4)?

In dieser reflektierten Entscheidung für eine bestimmte „Sprache“ wird sichtbar, wie die Möglichkeiten der Sprachwelt, in der einer (oder eine Diskussionsgemeinschaft) sich unreflektiert bewegt, immer schon den Rahmen für die möglichen Inhalte setzt. Es geht Boer aber um keine willkürliche Wahl, sondern darum, in welcher heutigen Sprachwelt sich das biblische Denken am angemessensten ausdrücken lässt.

Das Problem ist nicht so sehr falsche oder reduzierte Auslegung (die richtet natürlich auch Schäden an), sondern eine kirchlich-theologische Sprachwelt, die das Thema der Erlösung aus der Sklaverei systematisch draußen hält. Selbst wenn es beim Schreibenden/Redenden noch drin ist, fällt es spätestens beim Leser/Hörer durchs Raster. Dumm nur, dass dabei ausgerechnet das zentrale geschichtliche Bekenntnis Israels (5. Mose 26,8) und das 1. Gebot („Ich bin der HERR, dein Gott, der ich dich aus Ägyptenland, aus der Knechtschaft, geführt habe“ ), also auch die Grundlage des christlichen Glaubens, auf der Strecke bleibt. Ein Wunder, dass so ein weichgespültes Bezugssystem manchmal auch noch anderes als eine windelweiche Kirche hervorbringt.