Nov 232010
 
  1. Dieses Forum war nicht nur durch die Inhalte, sondern auch im Stil wahrscheinlich das bisher emergenteste (kann man „emergent“ steigern?). Der Schwerpunkt lag eindeutig bei den Teilnehmern und ihren Aktivitäten, in den Themenräumen, in in der Lounge und im Rock-Cafe. Um es grotesk zu überspitzen: ein Kongress mit Spitzenreferenten braucht keine Teilnehmer, um abzulaufen; das Forum hätte ohne seine Teilnehmer nicht funktioniert.
  2. Wer also war da? Mit etwa 130-150 Leuten (genau gezählt hat, glaube ich, keiner – oder doch?) waren wir etwa ein Drittel mehr als im Vorjahr. Und geschätzte 40 % waren zum ersten Mal auf einem Forum. Die Mund-zu-Mund-Propaganda scheint zu funktionieren. Der Altersschwerpunkt lag dabei ganz deutlich zwischen gut 20 und gut 30 Jahren; darüber wurde die Luft schnell dünner.
  3. Bei meiner ersten emergenten Veranstaltung 2007 war ich über eine beinahe reine Männergesellschaft verwundert. Bei diesem Forum gab es ein ziemlich ausgeglichenes Geschlechterverhältnis. Für einen Landeskirchler (wir müssen ja wahrscheinlich demnächst Männerschutzgebiete einrichten) wie mich immer noch eine ungewohnte Erfahrung.
  4. Das charakteristische Bild aus diesen Tagen in Essen sind für mich viele kleine und große Runden, in denen intensiv und mit wertschätzender Neugier untereinander diskutiert wird. Von Anfang an konnte man mit vielen interessanten Leuten ins Gespräch kommen, die man vorher nicht kannte. Oder bisher nur aus dem Internet (Simon und Martin haben das ausdrücklich reflektiert). Am intensivsten erlebt habe ich das im Plenum am Samstag Mittag (ich habe allerdings schon den Abend und den Sonntag nicht mehr miterlebt, weil ich zu Hause arbeiten musste): der große Saal summte nicht wie der buchstäbliche Bienenkorb, sondern glich mit seinem Stimmengewirr eher einem Marktplatz. Spätestens da war ich mir sicher: es hat sich gelohnt, so konsequent auf die Teilnehmenden und ihre Aktivität zu setzen. Der Ansatz, Räume bereitzustellen, in denen nicht vorhersehbare Lernprozesse ablaufen können, hat funktioniert. Ja, das war das Forum: ein Ort für unübersehbar viele Lernprozesse; ein Ermöglichungsrahmen, in dem sich Menschen gegenseitig auf vielen kleinen und großen Lernschritten begleitet haben. Und das Ganze selbstorganisiert ohne großen Apparat.
  5. Dankbar waren wir aber für die großzügige Gastfreundschaft des Essener Weigle-Hauses. „Wenn sich irgendwo etwas gutes Neues bewegt, dann möchten wir da dabei sein“ hatte Rolf Zwick uns am ersten Abend sinngemäß begrüßt. Und das Haus war für das Forum ein beinahe perfektes Umfeld: mit der Lounge und all den vielen größeren und kleineren Räumen, in denen viele unterschiedliche Prozesse gleichzeitig Platz hatten. Dazu kamen die engagierten und freundlichen Mitglieder des Staffs, die anscheinend eine gut funktionierende Organisationskultur im Rücken haben. Und nie habe ich Tobias Klug genervt oder unfreundlich erlebt, trotz der unzähligen kleinen und großen Fragen, die an diesen Tagen bei ihm aufgelaufen sein müssen.
  6. Das vierte Forum war somit eine Illustration der Emergenztheorie: soziale Systeme haben das Potential, sich selbst zu organisieren. Sie sind nicht kontrollierbar und für Überraschungen gut. Sie entwickeln sich weiter und passen sich an Veränderungen an. Es mag sein, dass es auch etwas dauert, bis sich deutlicher herausstellt, wohin die Reise geht. Emergent Deutschland bleibt spannend. Wenn man aber den Echos im Internet zuhört, hat man den Eindruck: nächstes Jahr werden noch ein paar mehr dabei sein.
  7. Eben gerade lese ich noch auf der Website von Emergent Deutschland die Anfrage von Jay, ob es nicht – bei aller Wertschätzung der dezentralen Formen – auch ein paar Elemente geben könnte, die das Ganze wieder stärker zusammenführen (Jay hat es nicht verdient, dass sich ein etwas merkwürdiger Kritiker an ihn angehängt hat). Das ist sicherlich eine Anregung, die in die Überlegungen zum nächsten Forum eingehen wird. Wir sind eben ein lernendes System.
Nov 212010
 

Deutschlandkarte Emergent ForumLeider habe ich beim Emergent Forum in Essen die Deutschlandkarte mit den Heimatorten der Teilnehmer zu früh fotografiert – im Laufe des Tages ist der hier beschriebene Effekt noch deutlicher geworden. Aber auch auf diesem Bild ist er schon zu erkennen: die Herkunftsverteilung spiegelt in etwa die Missionssituation auf dem Gebiet des späteren Deutschland um etwa 800 (Kaiserkrönung Karls des Großen).

Im Einzelnen: Gut bestückt ist die Rheinschiene. Das ist alter christlicher Boden noch aus der Zeit des Imperium Romanum. Auch im Süden ist das Christentum seit alters hinter dem schützenden Limes früh verankert gewesen; die Missionstätigkeiten der irischen Mönche (Columban, Gallus) haben es nach der Völkerwanderung wieder neu aktiviert. In der Mitte Deutschlands (Hessen von Frankfurt bis Kassel) hat Bonifatius schon sein Werk getan. Von dort aus wird auch Thüringen beeinflusst.
Spärlich hingegen sind der Norden und Osten christianisiert. Einzelne frühe Missionsstützpunkte (Hamburg, Bremen) liegen ziemlich verloren im heidnischen Gebiet. Auch in Ostfriesland hat sich der neue Glaube noch nicht so richtig durchgesetzt; das Blut des Bonifatius und seiner Mitstreiter wird erst später den Boden dort fruchtbar machen.

Eine relativ starke christliche Zusammenballung ist im Ruhrgebiet zu erkennen; von dort aus startete die fränkische Initiative gegen die heidnischen Sachsen. Wir stehen also an einem Scheidepunkt: sollen die Sachsen und die anderen Ostlinge mit Feuer und Schwert bekehrt werden, wie es ab 800 Karl der Große im Sachsenkrieg versuchte – oder werden wir diesmal andere Wege finden?

Nov 142010
 

Predigt zu Römer 1,18-32 am 14. November 2010 (Predigtreihe Römerbrief 03)

18 Denn Gottes Zorn wird vom Himmel her offenbart über alles gottlose Wesen und alle Ungerechtigkeit der Menschen, die die Wahrheit durch Ungerechtigkeit niederhalten. 19 Denn was man von Gott erkennen kann, ist unter ihnen offenbar; denn Gott hat es ihnen offenbart. 20 Denn Gottes unsichtbares Wesen, das ist seine ewige Kraft und Gottheit, wird seit der Schöpfung der Welt ersehen aus seinen Werken, wenn man sie wahrnimmt, sodass sie keine Entschuldigung haben. 21 Denn obwohl sie von Gott wussten, haben sie ihn nicht als Gott gepriesen noch ihm gedankt, sondern sind dem Nichtigen verfallen in ihren Gedanken, und ihr unverständiges Herz ist verfinstert. 22 Da sie sich für Weise hielten, sind sie zu Narren geworden 23 und haben die Herrlichkeit des unvergänglichen Gottes vertauscht mit einem Bild gleich dem eines vergänglichen Menschen und der Vögel und der vierfüßigen und der kriechenden Tiere. 24 Darum hat Gott sie in den Begierden ihrer Herzen dahingegeben in die Unreinheit, sodass ihre Leiber durch sie selbst geschändet werden, 25 sie, die Gottes Wahrheit in Lüge verkehrt und das Geschöpf verehrt und ihm gedient haben statt dem Schöpfer, der gelobt ist in Ewigkeit. Amen. 26 Darum hat sie Gott dahingegeben in schändliche Leidenschaften; denn ihre Frauen haben den natürlichen Verkehr vertauscht mit dem widernatürlichen; 27 desgleichen haben auch die Männer den natürlichen Verkehr mit der Frau verlassen und sind in Begierde zueinander entbrannt und haben Mann mit Mann Schande getrieben und den Lohn ihrer Verirrung, wie es ja sein musste, an sich selbst empfangen. 28 Und wie sie es für nichts geachtet haben, Gott zu erkennen, hat sie Gott dahingegeben in verkehrten Sinn, sodass sie tun, was nicht recht ist, 29 voll von aller Ungerechtigkeit, Schlechtigkeit, Habgier, Bosheit, voll Neid, Mord, Hader, List, Niedertracht; Zuträger, 30 Verleumder, Gottesverächter, Frevler, hochmütig, prahlerisch, erfinderisch im Bösen, den Eltern ungehorsam, 31 unvernünftig, treulos, lieblos, unbarmherzig. 32 Sie wissen, dass, die solches tun, nach Gottes Recht den Tod verdienen; aber sie tun es nicht allein, sondern haben auch Gefallen an denen, die es tun.

Im vorigen Abschnitt des Römerbriefes hat Paulus von der Kraft Gottes gesprochen, vom Evangelium, von der Botschaft, dass Gott seinen Verheißungen und seiner Erde treu bleibt, und er ist überzeugt, dass dies eine effektive Kraft ist, mit der er sich nicht verstecken muss, weil sie tatsächlich etwas bewirkt, nämlich Rettung.
Heute hören wir etwas über die Welt und die Menschen, zu denen dieses Evangelium kommt. Und so hell und strahlend der Start bisher war, wie ein heller Trompetenstoß am Anfang, so dunkel ist das Bild, das Paulus nun zeichnet. Er beschreibt eine Welt, die sich zunehmend verfinstert; Menschen, die auf eine abschüssige Bahn geraten sind und immer mehr Unheil anrichten. Nicht jeder geht die Straße ganz bis zum Ende, aber es gibt eine Tendenz zum Zerstörerischen, die auch Gutwillige erfasst.
Und nun kann man merken, dass Paulus das nicht einfach alles neu erfunden hat, sondern er orientiert sich wenigstens grob an dem, was ganz am Anfang der Bibel im Alten Testament gesagt wird über den Bruch zwischen Gott und den Menschen. Wir kennen das als die Geschichte des Sündenfalls, wie Adam und Eva von der verbotenen Frucht aßen. Und man kann das, was Paulus hier schreibt, lesen als eine Auslegung der Geschichte vom Sündenfall. Nicht als eine Geschichte, die irgendwann einmal in grauer Vorzeit geschehen ist, sondern als etwas, was wieder und wieder geschieht und die Struktur des auseinander fallenden menschlichen Lebens beschreibt.
Die Pointe bei der Geschichte von Adam und Eva im Paradies ist ja, dass die beiden nicht beschlossen haben, mal etwas richtig Böses zu tun. Überhaupt nicht! Mord und Totschlag kommt erst eine Generation später, bei ihren Söhnen Kain und Abel. Aber die Eltern haben die Wurzel dazu gelegt, indem sie sich auf das falsche Bild von Gott einließen, das ihnen die Schlange nahe legte.
Adam und Eva haben auch nicht angefangen Gott zu leugnen. Das wäre sehr schwierig gewesen in dem Paradiesgarten, der noch so deutlich Gottes Handschrift zeigte. Aber sie haben sich abbringen lassen von der Liebe zu Gott, vom Vertrauen auf Gott, und dadurch ist der ganze Schaden entstanden. Und bis heute sind ja im weltweiten Maßstab nur sehr wenige Menschen Atheisten, die behaupten, das mit Gott wäre alles Humbug. Das ist eine verschwindend kleine Minderheit, die sich sich vor allem in Westeuropa konzentriert. Weltweit gesehen sind die allermeisten Menschen irgendwie religiös, auch bei uns.
Es gibt nur sehr wenige Menschen, die nie darauf stoßen, dass die Welt ein Geheimnis hat, eine Grenze, wo man mit irgendwelchen vernünftigen Reaktionen nicht mehr weiterkommt: wenn wir der Schönheit begegnen oder wenn wir in Liebe über uns hinauswachsen, wenn wir ein neugeborenes Kind zum ersten Mal im Arm halten, wenn wir angesichts der immer verwirrenderen Spekulationen der modernen Elementarphysik den Atem anhalten oder wenn wir uns fragen, ob denn unsere 70, 80 oder 90 Lebensjahre schon alles gewesen sein können: immer stoßen wir da auf etwas, was wir nicht wirklich unter Kontrolle bekommen, was wir nicht wirklich einordnen können, was größer ist als wir selbst und uns ein Hinweis sein könnte auf den Gott, der das alles geschaffen hat.
Aber der Punkt ist, dass wir diesen Hinweisen nicht wirklich nachgehen. Obwohl sie von Gott wussten, haben sie ihn nicht als Gott gepriesen und ihm gedankt, sagt Paulus. Adam und Eva durften die herrlichsten Früchte im Garten essen, der Zugang zum Baum des Lebens war für sie frei, es war eine wunderbare Welt, in der sie lebten, aber sie haben trotz alledem Gott nicht so vertraut, dass sie sich von dem einen verbotenen Baum ferngehalten hätten. Und obwohl wir nicht mehr im Paradies leben, gibt es immer noch genügend solcher Hinweise. Wer allein heute morgen gesehen hat, wie für einige Minuten ein goldener Lichtschein auf den Bäumen lag – das reicht eigentlich schon, um einen ganzen Tag lang einen hellen Schein im Herzen zu haben. Aber wie schnell geht das vorbei! Und wer von uns hat die Zeit, das wirklich in sich aufzunehmen? Dass Menschen andächtig vor einem beeindruckenden Wald stehen, hindert sie nicht, Aktien eines Unternehmens zu besitzen, das diesen Wald demnächst abholzen wird. Dass Menschen irgendwann erlebt haben, wie nach einem Gebet oder einfach so ihr Herz aufging und Sorgen und Angst verschwanden, das bringt sie überhaupt nicht dazu, von nun an die Quelle dieser Erfahrung zu suchen und alles daran zu setzen, auch den Urheber des Ganzen zu verstehen.
Wenn wir aber nicht den Hinweisen nachgehen, die Gott gibt, sondern uns dagegen abschotten, dann fallen wir dem Nichtigen in die Hände. Wir können nicht ohne irgend so etwas wie Gott sein. Menschen sind so geschaffen, dass sie irgendjemandem oder irgendetwas vertrauen müssen, und wenn sie nicht auf Gott hören, dann vertrauen sie eben der Schlange. Sie kamen sich besonders klug vor, als sie vom Baum der Erkenntnis aßen. Aber in Wirklichkeit verdarben sie damit alles. Menschen sind zentral in der Schöpfung, wie Gott sie eingerichtet hat. Und wenn die Menschen den falschen Weg einschlagen, dann fällt alles auseinander. Menschen sollen gegenüber der Schöpfung Gott repräsentieren, ihn vertreten. Wenn sie das nicht mehr tun, dann ist die Welt in ihrem Kern krank. Das Unheil fängt an mit dem falschen Gott. Sie verehrten nicht den Schöpfer, sondern Geschöpfe. Vor einer Woche habe ich hier eine Statue des Kaisers Augustus gezeigt, wo er eigentlich schon als Gott oder Halbgott dargestellt war. Diese Verehrung von Menschen haben die Christen nicht mitgemacht.
Aber wenn es heute bei uns keine solchen Götterbilder mehr gibt, heißt das nicht, dass wir von Götzen frei wären. Gott ist immer das, worauf wir hören, worauf wir vertrauen und wofür wir Opfer bringen. Der Gott, auf den heute bei uns de facto alle hören, ist der Markt. Ich habe in diesem Jahr ja öfter mit Leuten gesprochen, die Tierfabriken planen oder betreiben, und es war immer eindrucksvoll, mit welchem Engagement die einem darlegen, dass sie keine Wahl haben, dass sie das einfach müssen. Und sie sagen: das muss ich tun, der Markt verlangt es von mir. So ist es nun mal. Und wenn wieder mal Milliarden in das Bankensystem gepumpt werden, und bei den kleinen Leuten wird gespart, dann sind es die Gesetze des Marktes, die das unumgänglich machen. Kurzum, wenn du nicht auf den Schöpfergott hörst, der das Prinzip des Gebens und Schenkens und Vertrauens in die Welt gelegt hat, dann wirst du am Ende landen beim Raffen, Besitzen und Zerstören, und es ist dann nur noch die Frage, wie weit du auf dieser Straße gehst: nur ein paar Schritte, vorsichtig und mit Skrupeln, oder mit entschlossenem Schritt ganz bis zum Ende.
Die Folge dieses Sich-Abwendens vom Schöpfer ist ein verwirrtes Denken. Wer den Schöpfer nicht kennt, versteht auch die Welt nicht richtig. Noch einmal: die Wurzel der Zerstörung liegt nicht darin, dass Menschen sich entschließen, mal etwas richtig Fieses zu tun, sondern es ist eine zerstörte Tiefenstruktur, die führt dazu, dass man auf die falschen Impulse hört und auf Mächte vertraut, die nicht Gott sind, und das führt zu falschem, irregeleiteten Denken. Nicht die moralischen Fähigkeiten sind gestört, sondern die Erkenntnisfähigkeiten. Es kann sein, dass Menschen mit voller, ehrlicher Überzeugung behaupten, dass es gut und weise ist, das eine zu tun und das andere zu lassen – und dabei völlig falsch liegen. Die meisten Katastrophen und Verbrechen geschehen, weil Menschen einfach der Überzeugung sind, sie müssten so handeln, wie sie es tun und hätten keine andere Wahl. Und in der Regel ist das auch nicht ihr persönlicher Irrtum, sondern sie teilen ihn mit vielen anderen, oft mit ihrer ganzen Kultur. Die wenigsten Sünden sind unsere rein privaten Sünden.
Und nun beschreibt Paulus, was am Ende aus dieser Abwendung vom Schöpfer entsteht. Auch dabei hat er immer noch den Anfang der Bibel im Kopf, die Schöpfungsgeschichte und die ersten Kapitel des 1. Buches Mose. Da wird beschrieben, wie Gott Menschen als Mann und Frau geschaffen hat. Ich sage Brautpaaren öfter mal, dass ein Mann niemals verstehen wird, wie eine Frau denkt, und eine Frau wird nie wirklich nachvollziehen können, wie sich die Welt für einen Mann anfühlt. Und trotzdem gibt es die Momente, wo über diesen Graben des Nichtverstehens Brücken geschlagen werden, und wenn es gut geht, passiert das immer wieder in einer Ehe, und das Ergebnis ist Glück. Irgendetwas in der Tiefenstruktur der Welt ist darauf angelegt, dass Unterschiedliches zusammenkommt, ohne dass die Unterschiede aufgehoben werden, und dass daraus Freude und Glanz entsteht. Wenn man die Vielfalt der Kulturen betrachtet und sieht, wie gerade die Begegnung unterschiedlicher Kulturen produktiv ist und Reichtum hervorbringt, hat man ein anderes Beispiel für dieses Grundprinzip. Und deshalb benennt es Paulus als ein Zeichen für das Auseinanderfallen der Welt, dass Menschen nicht mehr diese Brücke zum anderen Geschlecht schlagen, sondern beim eigenen Geschlecht bleiben.
Paulus spricht auch hier nicht über einzelne Menschen, die eine falsche Wahl treffen oder besonders verirrt sind. Er spricht von etwas, was die ganze Menschheit betrifft. Das Problem wird nicht dadurch gelöst, dass man zu gleichgeschlechtlich Empfindenden sagt: änder das. Hör auf damit. Das ist genauso wenig hilfreich und zielführend, wie wenn man zu einem Menschen mit Depressionen sagen würde: steh morgen einfach fröhlich und voller Tatkraft auf. Das geht nicht und das hilft nicht, das legt Menschen, die sowieso schon schwer genug zu tragen haben, noch zusätzlich Lasten auf. Und dabei sollten sie doch in der Gemeinde einen sicheren Platz haben, wo sie willkommen sind.
Selbst bei den anderen Folgen der menschlichen Fehlorientierung, die Paulus anschließend in großer Breite aufzählt, wäre das schwierig. Paulus ist immer noch bei der Schöpfungsgeschichte, aber jetzt ist er bei Kain und Abel angekommen, wo aus falschem Denken der erste Mord entsteht. Misstrauen und Neid wachsen aus dem Griff nach der verbotenen Frucht, und daraus folgt der Brudermord. Zerstörung und Verbrechen wachsen selten in einer Generation, die haben Wurzeln, die meist schon viel älter sind. Wir tragen unser Familienerbe und unser nationales Erbe, das Erbe der Menschheit und die Geschichte des Christentums mit allen Schattenseiten in uns, und man wird das nicht so einfach mit einer Lossageformel los. Ja, wenn das so einfach wäre, zu sagen: hör einfach auf mit Verleumden, Lügen, Beneiden, Lieblosigkeit, Gewalt usw. ! Aber das steckt so fest in uns drin, ein bisschen Aufforderung hilft da nicht. Das Problem ist eben, dass wir nicht nur vielen Menschen begegnen, die sich so verhalten, sondern irgendwie stecken wir selbst darin, und es hängt von Zufällen und Gelegenheiten ab, wie weit wir dann diese Straße auch tatsächlich hinablaufen.
Das scheint heute ein ziemlich deprimierender Text zu sein. Nicht sehr aufbauend, eher negativ. Aber es gibt eine Hoffnung. Ganz am Anfang steht ein positives Vorzeichen. Ganz am Anfang schreibt Paulus, dass Gottes Zorn entbrennt gegen dieses ganze Konglomerat aus Gottlosigkeit und Ungerechtigkeit. Es lässt den Schöpfer nicht gleichgültig, was aus seiner Schöpfung wird. Er könnte sie ja auch einfach sich selbst überlassen und interessiert zuschauen, wie sie den Bach runter geht. Aber das macht er nicht. Seine Welt liegt ihm viel zu sehr am Herzen. Er hängt an seiner Schöpfung. Und er wird es nicht zulassen, wenn sich die Zerstörung immer weiter ausbreitet. Er wird uns entgegentreten, wenn wir die Straße des Unheils immer weiter gehen.
An dieser Stelle werden manche Leute empfindlich. »O nein, mein Gott würde das nie tun: zornig werden, kämpfen, entgegentreten, Konflikte aufreißen. Es ist doch der liebe Gott. Der kann doch nicht so hart sein. Das macht mir Angst. Das kann nicht sein.« Und sie bringen sich damit um das Beste.
Wenn Gott uns einfach weitermachen lässt, kann er uns nicht retten. Wenn unsere Wege nicht gut sind, dann hilft nur Gottes Nein dazu. Wenn der Götze des Marktes unser Erde verwüstet, dann muss Gott ihn vom Thron stürzen. Aber wenn wir an diesem Götzen festhalten, dann muss Gott auch uns entgegentreten. Wer auf den Götzen des Marktes vertraut, der wird vielleicht einmal seine Altersversorgung verlieren, wenn dieser Götze zusammenbricht. Und auch das gilt weniger individuell als für die gesamtgesellschaftliche Ordnung.
Deshalb hängt alles daran, dass wir uns von Gott für sein Nein gewinnen lassen. Wie das geht, das wird Paulus noch entwickeln. Er fängt ja im Römerbrief bei Adam und Eva an und hat noch 15 Kapitel vor sich. Er steckt noch das Terrain ab und gibt einige Hinweise darauf, wo es hingehen soll: Es hängt alles daran, dass wir uns lösen lassen von den Götzen und von den falschen Wegen, auf die sie uns gelockt haben. Wenn wir dieses Nein Gottes zu den Götzen bejahen, wenn wir den Gott begrüßen und lieben, der uns entgegen tritt, wenn wir dem Gott vertrauen, der unsere Wege unterbricht, dann sind wir gerettet.

Nov 072010
 

Predigt zu Römer 1,8-17 am 7. November 2010 (Predigtreihe Römerbrief 02)

8 Als Erstes möchte ich meinem Gott durch Jesus Christus für euch alle danken, denn in der ganzen Welt spricht man von eurem Glauben. 9 Gott weiß, dass kein Tag vergeht, an dem ich nicht ´im Gebet` an euch denke. Er ist mein Zeuge – er, dem ich diene, indem ich mich mit meinem ganzen Leben für das Evangelium von seinem Sohn einsetze. 10 Gott weiß auch, dass es mein Wunsch ist, endlich einmal zu euch zu kommen. Jedes Mal, wenn ich bete, bitte ich ihn darum, mir das möglich zu machen, wenn es sein Wille ist. 11 Denn ich sehne mich danach, euch persönlich kennen zu lernen und euch etwas von dem, was Gottes Geist mir geschenkt hat, weiterzugeben, damit ihr ´in eurem Glauben` gestärkt werdet – 12 besser gesagt: damit wir, wenn ich bei euch bin, durch unseren Glauben gegenseitig ermutigt werden, ich durch euch und ihr durch mich.
13 Ihr sollt wissen, Geschwister, dass ich mir schon oft vorgenommen hatte, euch zu besuchen, nur stand dem bisher jedes Mal etwas im Weg. Ich möchte nämlich, dass meine Arbeit auch bei euch ´in Rom` Früchte trägt, genauso, wie es bei den anderen Völkern der Fall ist. 14 Allen weiß ich mich verpflichtet: sowohl den Völkern griechischer Kultur als auch den übrigen Völkern, sowohl den Gebildeten als auch den Ungebildeten. 15 Darum ist es mein Wunsch, auch euch in Rom die Botschaft des Evangeliums zu verkünden.
16 Zu dieser Botschaft bekenne ich mich offen und ohne mich zu schämen, denn das Evangelium ist die Kraft Gottes, die jedem, der glaubt, Rettung bringt. Das gilt zunächst für die Juden, es gilt aber auch für jeden anderen Menschen. 17 Denn im Evangelium wird die Gerechtigkeit Gottes offenbart, welche kommt aus Glauben in Glauben; wie geschrieben steht (Habakuk 2,4): »Der Gerechte wird aus Glauben leben.«

Dass es in Rom damals Christen gab, war für Paulus eine Sensation, es war ein Wunder, und am Anfang seines Briefes dankt er ausdrücklich dafür. Das ist überhaupt nicht selbstverständlich, dass es in Rom, in der Hauptstadt des Imperiums, Christen gab, Menschen, die aus der Überzeugung lebten, dass Jesus der Herr der ganzen Welt ist. Den Titel »Herr« trug damals der römische Kaiser. Rom war seine Stadt, prunkvoll ausgestattet mit Bauten; in der Mitte des Zirkus Maximus (rechts unten) standen Säulen und Denkmäler, die allen Zuschauern in Erinnerung rufen sollten, wem sie diese Einrichtung der Unterhaltung verdankten – so wie bei uns heute in den Stadien an den Banden rund um das Spielfeld Werbung angebracht ist und Fernsehübertragungen von einer Marke präsentiert werden. Rom als ganze Stadt, mit seinen Tempeln und Palästen, seinem großen Stadion und den kaiserlichen Foren, war ein Gesamtkunstwerk, das die Macht und die Herrlichkeit des Reiches verkündete.
Und das war ja damals das größte und mächtigste Reich, das die Welt je gesehen hatte. Es umfasste die ganze damalige zivilisierte Welt. Und das Zentrum dieser Machtentfaltung war der römische Kaiser: der Herr der Welt. In ihm war die Macht und die Pracht des Imperiums zusammengefasst. Er war nicht nur der Inhaber eines Staatsamtes, sondern er war gleichzeitig eine religiös aufgeladene Gestalt.
Dies ist die bekannteste Statue des Kaisers Augustus: hoheitsvoll, schön, voller Kraft und Sicherheit. Für einen einfachen Menschen damals gehörte er in eine Sphäre, an die er niemals herankam. Und tatsächlich hat man den Kaiser so dargestellt, wie man sonst nur Götter darstellte: mit nackten Füßen.
Bis heute spüren wir noch etwas von der Faszination, die von diesen Bildern ausgegangen sein muss; und es ging ja nicht einfach um Bilder, sondern um die Sache dahinter: eine Machtzusammenballung, die schier unüberwindlich schien. Und auch die einfachen Menschen, die an dieser Macht gar keinen Anteil hatten, sondern eher noch den Preis dafür zahlen mussten, wurden hineingezogen in die Faszination solcher Bilder und identifizierten sich mit einer Macht, die sie selbst gar nicht hatten.
Und Paulus dankt dafür, dass es mitten in diesem Zentrum des Imperiums Menschen gibt, die sich nicht davon faszinieren lassen. Menschen, die der Macht dieser Bilder und ihrer Propaganda widerstehen und stattdessen sagen: Jesus ist Herr. Menschen, die freiwillig den Blick abwenden von dem Glanz und der Faszination und stattdessen auf einen anderen schauen, dessen Herrlichkeit sich gerade in seinem Tod gezeigt hat: Jesus, den gekreuzigten und auferstandenen Herrn. Das ist ein anderes Konzept von Herrlichkeit: das Kreuz Jesu macht die Opfer der Macht und des Imperiums sichtbar, all das viele Blut, das geflossen ist, all die vielen Menschen, die ausgebeutet, vertrieben und gekreuzigt worden sind, damit die Herrlichkeit Roms finanziert werden konnte. Der Glanz der Macht soll ja die Schattenseiten der Macht verbergen. Aber für den, der hinschaut, sind die auch in Rom sichtbar. Hier zum Beispiel:
Dies ist einer der kaiserlichen Prunkbauten. Aber sehen Sie hinten an dem Gebäude die hohe Mauer? Die hat man gebaut, damit der Bau geschützt war vor dem ärmeren Viertel dahinter. In den ärmeren Vierteln der Hauptstadt lebten die Menschen dicht gedrängt, in Häusern, bei deren Bau oft geschlampt wurde, so dass sie gelegentlich einstürzten und ihre Bewohner unter sich begruben. Vor allem aber kam es nicht selten vor, dass ganze Stadtviertel abbrannten, weil die Wohnungen mit offenem Feuer geheizt wurden. Und für den Fall, dass das arme Viertel rechts, hinter dem Gebäude, mal wieder abbrannte, hat man diese Brandmauer gebaut, damit das Zentrum der Pracht, des Glanzes und der Macht nicht gestört wurde von dem Elend gleich nebenan. So wie heute in vielen Metropolen neben den glänzenden Vierteln der Reichen und Schönen gleich die Slums beginnen; und dazwischen sind Wachleute und Schlagbäume, damit das eine nicht zum anderen kommt.
Und die Chance ist groß, dass der Brief des Paulus an die Christen in Rom irgendwo in einem dieser ärmeren Viertel zum ersten Mal laut vorgelesen worden ist – vor einer Gemeinde von wahrscheinlich nicht mehr als 100 Menschen, eher weniger – in einer Stadt, die damals eine Million Einwohner hatte. Aber Paulus dankt für diese Gemeinde, im Zentrum des Imperiums, direkt unter den Augen des Kaisers, durchaus auch mit einzelnen Leuten aus der imperialen Verwaltung. Überall in der Welt reden die Christen davon, dass das Evangelium wunderbarer Weise jetzt selbst dort angekommen ist. Selbst in Rom gibt es Menschen, die sich nicht mehr täuschen lassen vom Glanz dieser Metropole, Menschen, die hinter die Brandmauer sehen und den Preis kennen, den zu viele bezahlen mussten für diesen kaiserlichen Glanz. Aber Gott ist groß, und Jesus lässt sich nicht aufhalten!
Und Paulus beteuert etwas umständlich und ausführlich, dass er nicht zu feige ist, um dorthin zu kommen, dass es nicht an ihm liegt, sondern dass er im Gegenteil immer wieder geplant hat, nach Rom zu reisen, aber dann kam immer etwas dazwischen. Ich habe keine Angst, zu euch zu kommen, sagt er, und wenn Gott will, dann werde ich es auch noch tun.
Man muss sich das vorstellen, wie wenn heute ein Christ aus Afrika hierher zu uns kommt, bei einem kirchlichen Austauschprogramm etwa, der in seiner Heimat eine ganze Kirche aufgebaut hat und Erfahrung hat mit christlichem Leben unter Bedrückung und mit knappen Mitteln, und er ist beeindruckt von unserem Wohlstand, und gleichzeitig sieht er aber auch, wie sehr wir in Gefahr sind, mit dem Glanz und der Sicherheit hier bei uns Kompromisse einzugehen. Genau genommen muss man sagen: Rom, das sind heute wir, die Menschen in den reichen Ländern des Nordens, in Europa und Nordamerika. Wir persönlich leben vielleicht nicht im Zentrum der Macht, auch nicht unbedingt in einem Slum, sondern so dazwischen in einem der gutbürgerlichen Viertel. Natürlich gibt es auch bei uns die Armenviertel, sie wachsen sogar im Moment. Aber aus der Sicht eines Christen aus den südlichen Ländern der Erde sind wir sicherlich in Gefahr, uns zu sehr mit dem Glanz der Macht einzulassen. Und so wie solch ein Christ oft unsicher ist, ob er uns das so offen sagen kann, so ist auch Paulus unsicher, ob er die Christen in Rom eigentlich offen daran erinnern kann, dass sie nicht ihre Identität in Jesus dem Messias vergessen sollen, ihre Wurzeln in einem der unterworfenen und unterdrückten Völker.
Denn aus römischer Sicht waren die Juden so ein ärgerliches und unterentwickeltes Volk, mit dem es auch noch immer Scherereien gab. Der Kaiser Claudius hatte sie sogar einige Jahre zuvor alle aus Rom verbannt, aber inzwischen war Claudius tot, und die Juden konnten zurückkommen. Zu den Vertriebenen hatten auch jüdische Christen gehört, sogar einige enge Freunde von Paulus. Jetzt waren sie wieder zurück in Rom, aber es war eine merkwürdige Situation: die Gemeinde war eine Zeit lang ohne ihre jüdischen Mitglieder gewesen, und es kann sein, dass die Christen römischer Abstammung sich sozusagen daran gewöhnt hatten, eine nichtjüdische Gemeinde zu sein, dass sie in Gefahr standen, ihre jüdischen Ursprünge zu vergessen.
Und es ist eins der Anliegen des Römerbriefes, die Gemeinde wieder neu zu verankern in ihrem jüdischen Ursprung, sie wieder einzuwurzeln in ihrem Heimatboden, damit sie fest stehen und nicht der Faszination des imperialen Glanzes zum Opfer fallen. Die römischen Christen ohne jüdische Wurzeln waren in Gefahr, ihren Ursprung zu vergessen und einfach zu einer religiösen Gruppe unter vielen zu werden, von denen es in einer Metropole eben nur so wimmelt.
Deshalb hat Paulus ganz am Anfang (v. 3) daran erinnert, dass Jesus ein Nachkomme Davids ist, des großen Königs von Israel. Und er betont: ich schäme mich des Evangeliums nicht, ich habe keine Angst, dass die Botschaft von Jesus, der an einem römischen Kreuz starb, in Rom machtlos ist. Denn Jesus ist auferstanden, und die Macht Gottes, die ihn ins Leben zurückgerufen hat, die wirkt in meinem Evangelium, und die wirkt in allen, die an Jesus, den Messias Israels, glauben. Und so stehen hier zwei Arten von Macht ganz dicht nebeneinander: die Macht des Kaisers, die auf der Macht zu töten beruht, auf der Macht, zu kreuzigen; und die Macht Gottes, die darin besteht, Leben zu schenken – die Macht, die Jesus bis in den Tod hinein an Gott festhalten ließ und die den Gekreuzigten von den Toten auferweckte.
Und Paulus kann aus der Erfahrung von vielen Jahren Arbeit für Jesus Christus sicher sagen, dass die Botschaft von dem gekreuzigten und auferstandenen Herrn etwas bewirkt. Wenn er davon spricht, dass Jesus der wahre Herr der Welt ist, und dass die lebensschaffende Macht Gottes die entscheidende Kraft in der Welt ist, dann bewirkt das etwas. Mindestens bei einigen der Zuhörer passiert dann etwas: die neue Welt Gottes, die im auferstandenen Jesus zuerst sichtbar wurde, die wird dann auch in den Herzen, Gedanken und im Lebensstil derer lebendig, die diese Botschaft hören, mindestens bei einigen von ihnen. Und das holt sie heraus aus der Faszination durch den imperialen Glanz. Das bringt das Leben auf beiden Seiten der Brandmauer durcheinander: auf der glänzenden Seite können sie nicht mehr den Preis übersehen, der für diesen Glanz bezahlt werden muss, und in den Slums können sie sich nicht mehr mit dem Elend anfreunden, weil sie gemerkt haben, dass es eine Alternative gibt. Und gemeinsam organisieren sie Nachbarschaftshilfe und teilen ihr Essen und ihre Wohnungen und überwinden in der Gemeinde des Messias Jesus alle Mauern und Grenzen, die die Menschen voneinander fern halten.
Das ist Rettung. Wir haben uns gewöhnt, dabei vor allem an ein Leben nach dem Tod im Himmel zu denken; und wenn wir an dieser Stelle in der Lutherübersetzung lesen, dass es darum geht, »selig zu werden«, dann haben wir das Gefühl: so steht es doch in der Bibel. Aber das ursprüngliche Wort, das Paulus geschrieben hat, heißt »Rettung«. Dazu gehört natürlich, dass Gott für uns sorgt, wenn wir einmal tot sind, und erst recht wird er für uns sorgen, wenn wir um Jesu willen den Tod finden. Wir müssen uns nie wieder Sorgen darum machen, was mit uns nach dem Tod geschieht. Aber die entscheidende Rettung ist, dass Menschen herausgeholt werden aus der Faszination durch die Macht, aus der Faszination dieses Systems, in dem alle drinstecken, und sei es nur, weil sie glauben, sie hätten keine Alternative.
Aber in meinem Evangelium, sagt Paulus, da kommt die Kraft der Rettung, weil dort die Verheißung in Sicht kommt, dass Gott treu ist, vertrauenswürdig, dass Gott nicht schläft, sondern daran arbeitet, diese Erde zu erneuern. Das ist Gottes Gerechtigkeit, dass er der Erde, die er geschaffen hat, treu bleibt, und das hat er bewiesen, als er Jesus von den Toten auferweckte. Auf Gott kann man sich verlassen, und das ändert alles. Wenn die Menschen anfangen zu glauben, dass man sich auf Gott verlassen kann, das ist der Anfang vom Ende des imperialen Glanzes.
Stellen Sie sich eine Schulklasse vor, wo ein paar Leute die anderen alle tyrannisieren. Wir haben ja genügend solche Geschichten lesen und sehen können, wo Schüler manchmal ganz grausam von anderen misshandelt worden sind. Das geht nur so lange, wie die gepeinigten Opfer (oder auch einfach unbeteiligte Zeugen) sich nicht trauen, sich an Erwachsene zu wenden, an Lehrer, Eltern oder andere. So lange sie nicht das Zutrauen haben, die würden ihnen helfen. In dem Moment, wo einer den Mut fasst und sich einem vertrauenswürdigen Erwachsenen anvertraut, da ist die Herrschaft der Mobber gebrochen.
Und genauso ist es mit Gott: wenn ein Mensch dazu durchbricht, Vertrauen zu Gott zu fassen und sich ihm anzuvertrauen, dann ist die Herrschaft der Herren dieser Welt gebrochen, zuerst im Kleinen, aber das ist nur der Anfang. Wenn sich das herumspricht, dass Gott gerecht ist (das heißt: dass er zuverlässig und treu ist), das verändert alles. Wenn es sich herumspricht, dass Gott den Tod aufhebt, mit dem die Kaiser drohen können, dann bröckelt der Kern ihrer Herrschaft. Wenn es sich herumspricht, dass es ein reiches und lohnendes Leben gibt auch ohne die Schattenseiten: nämlich die Brutalitäten und Grausamkeiten der Macht, dann werden die Menschen in Scharen überlaufen.
Aber dazu braucht es die Menschen, die als Pioniere dieses Evangelium mitbringen und leben: große Gestalten wie Paulus und weniger auffällige wie dich und mich. Dafür braucht es Menschen, die bereit sind, sich auf ungewöhnliche Denkwege einzulassen wie den Römerbrief. Der ist schwierig, nicht weil seine Gedanken im Prinzip so komplziert wären, sondern weil wir die Propaganda viel gewohnter sind. Ungewohnte Gedanken erscheinen uns immer besonders kompliziert, weil wir sie selten oder nie gedacht haben. Unser Gehirn denkt lieber in bekannten und gebahnten Wegen. Aber der erste Schritt in Gottes neue Welt ist, sie jedenfalls anfangsweise zu begreifen und sie uns vertraut werden zu lassen. Dazu sind wir berufen, jeder persönlich, nicht um irgendwie unentschieden zwischen Baum und Borke zu sitzen, sondern um von ganzem Herzen und mit allem was wir sind zu sagen: Jesus ist mein Herr und kein anderer, und ich werde jeden Gedanken an andere Herren aus meinem Herzen tilgen, wenn ich darauf stoße.
Vielleicht sollte uns dieses Bild dazu motivieren können: es sind die Ruinen des Forums in Rom heute. Immer noch beeindruckend, aber sie zeigen uns, dass aller imperiale Glanz früher oder später vergeht (in der Regel früher). Heute, wo wir so deutlich spüren, dass unser ganzer Lebensstil auf tönernen Füßen steht, wo es so naheliegend ist, dass wir irgendwann an einer schrecklichen Gefahr nicht mehr noch gerade eben vorbeischliddern werden, heute sollte uns das Bild solcher Ruinen klug werden lassen: damit wir nach der Macht fragen, die bleibt, und uns öffnen für die Herrschaft des wahren Königs Jesus, des Messias Israels und Herrn der ganzen Welt.