Okt 172010
 

Predigt zu Römer 1,1-7 am 17. Oktober 2010  (Predigtreihe Römerbrief 01)

1 Paulus, Diener Jesu Christi, ´an die Gemeinde in Rom`.
Gott hat mich zum Apostel berufen und dazu bestimmt, seine Botschaft bekannt zu machen, 2 die er schon vor langer Zeit durch seine Propheten in der Heiligen Schrift angekündigt hatte. 3 Es handelt sich um das Evangelium von seinem Sohn. Dieser stammt seiner irdischen Herkunft nach von David ab, 4 und nachdem er von den Toten auferstanden ist, ist ihm – wie es das Wirken des Heiligen Geistes zeigt – die Macht gegeben worden, die ihm als dem Sohn Gottes zukommt. 5 Durch ihn, Jesus Christus, unseren Herrn, hat Gott mich in seiner Gnade zum Apostel für alle Völker gemacht, damit sie das Evangelium annehmen und an Jesus glauben und damit auf diese Weise sein Name geehrt wird.
6 Darum gilt mein Auftrag auch euch in Rom, euch, die ihr von Jesus Christus berufen seid. 7 Ihr seid von Gott geliebt, ihr seid berufen, und ihr gehört zu seinem heiligen Volk. Euch allen ´wünsche ich` Gnade und Frieden von Gott, unserem Vater, und von Jesus Christus, unserem Herrn. [Übersetzung: NGÜ]

Dies ist der Anfang des Römerbriefs – und dieser Brief des Paulus an die römischen Christen ist einer der zentralen Teile der Bibel. Man könnte viel sagen über die geschichtliche Wirkung dieses Briefes, der immer wieder Neuorientierungen in der Kirche angestoßen hat. Dass vor 80 Jahren mindestens Teile der deutschen Kirche nicht Hitler auf den Leim gegangen sind, das hat damit zu tun, dass ein junger Schweizer Pfarrer namens Karl Barth während des ersten Weltkrieges jahrelang daran gearbeitet hat, diesen Brief neu und authentisch zu verstehen. Während in Europa überall Bomben und Granaten eine bis dahin ungekannte Zerstörung anrichteten, saß Barth in seinem Schweizer Pfarrhaus und kämpfte mit dem Römerbrief.
Das war nicht leicht, denn erstens ist der Brief wirklich nicht einfach zu verstehen. Und zweitens haben so viele schon etwas dazu gesagt und geschrieben, dass man sich erst durch dicke Schichten von Tradition und Missverständnissen durcharbeiten muss, bis man eine Ahnung von dem bekommt, was Paulus meint. Barth hat dann ein Buch über den Römerbrief geschrieben, das nach dem ersten Weltkrieg in Deutschland sehr einflussreich geworden ist, und viele, die sich später nationalsozialistischem Einfluss in der Kirche widersetzten, sind entscheidend von der Auslegung des Römerbriefs in diesem Buch beeinflusst worden.
Und das ist genau die Überzeugung, die Paulus in dem Brief transportiert: das Evangelium ist eine Botschaft, die etwas bewegt. Wenn das Evangelium kommuniziert wird, dann bleibt die Welt nicht so, wie sie ist. Und wenn du diese Gedanken in dich hineinlässt, dann bleibst du auch nicht so wie du bist.
Hier am Anfang des Briefes stellt sich Paulus vor als einer, dessen Aufgabe genau in dieser Kommunikation des Evangeliums besteht. Vor 2000 Jahren gab es keine Briefumschläge, auf die man den Absender hätte schreiben können. Deshalb schrieb man Absender und Adressat an den Anfang des Briefes, und dazu kam dann noch die Anrede, so dass damals ein Brief ungefähr nach dem Muster begann: Gaius an Septimius: möge es dir gut gehen, mein Freund!
Paulus nimmt dieses Muster und dehnt es auf sieben Verse, und er packt in diese sieben Verse eine Selbstvorstellung und sein Anliegen in Kurzform hinein. Wie bei vielen anderen biblischen Schriften ist der Anfang so eine Art Ouvertüre, wo schon mal in Kurzform gezeigt wird, worum es in dem ganzen Brief geht.
Es geht um das Evangelium von Jesus, Gottes Sohn, sagt Paulus. Er ist der wahre Herrscher der Welt, der König. Seit er von den Toten auferstanden ist, hat er die Regentschaft angetreten. Könige üben ihre Macht aus, indem sie Beauftragte schicken, Botschafter, und Paulus ist so ein persönlicher Gesandter des Königs Jesus.
Nun scheint es ja etwas gewagt, so einen Brief nach Rom zu schreiben. Rom war damals die Hauptstadt der Welt. Dort wohnte der mächtigste Mann der Welt, der römische Kaiser. Zu seinen offiziellen Titeln gehörte »Sohn Gottes« genauso wie »Herr«, auf griechisch »Kyrios«. Die Nachricht von seiner Geburt wurde im Rückblick ein »Evangelium« genannt. Er verkörperte die ganze Macht dieses Imperiums, und er erwartete Loyalität und Ergebenheit. Aber Paulus schreibt an die Christen in der Hauptstadt dieses Kaisers, und er erinnert sie gleich am Anfang daran, dass Jesus der rechtmäßige Herrscher der Welt ist, der wahre König.
Und was er schreibt, das stellt den Anspruch des Kaisers in den Schatten: Jesus, der Sohn Gottes, ist ein Nachkomme Davids und stammt damit aus einem königlichen Haus, das es schon vor 1000 Jahren gab, als Rom noch gar nicht existierte. Aber entscheidend ist nicht die Tradition, sondern die aktuelle Bestätigung durch die Auferstehung von den Toten: da zeigt sich eine Macht, die über die Macht aller Tyrannen und Despoten triumphiert. Töten können sie alle, und sie tun es oft und gern. Aber sie können kein neues Leben schaffen. Ihre entscheidende und letzte Waffe ist der Tod, und Jesus hat diese Waffe zerbrochen. Wenn Tote auferstehen, dann hat der Tod seinen Schrecken verloren. Am besten sieht man das an den Jüngern Jesu, die sich bei seiner Kreuzigung versteckten und nach seiner Auferstehung furchtlos von ihm redeten.
Aber vielleicht denkt Paulus gar nicht in erster Linie an den römischen Kaiser. Gleich im zweiten Vers erinnert er an die jüdischen Propheten, die schon seit vielen Jahrhunderten angekündigt haben, dass Gott noch einmal seinen König senden würde, der Israel befreien und mit Gerechtigkeit regieren würde. Über viele Jahrhunderte ist in diesem Volk die Erwartung gewachsen, dass Gott eines Tages jemanden senden würde, der alles in Ordnung bringt, was durch Gewalt und Unrecht zerstört worden ist. Und zwar nicht nur in Israel, sondern in der ganzen Welt. Und sie warteten auf den kommenden König, den Messias, das heißt auf griechisch »Christus«, auf den wahren Nachfolger Davids. In den Heiligen Schriften, unserem Alten Testament, war dieses Versprechen immer wieder bekräftigt worden.
Man muss sich das vorstellen: mindestens 500 Jahre lang haben sie dort in Israel darauf gewartet, dass Gott seine Versprechen einlöst und noch einmal etwas entscheidend Neues tut, was die Welt heilt und seinen guten Plan mit der Schöpfung doch noch gelingen lässt. Es waren oft kümmerliche Jahrhunderte, auch Zeiten voller Gewalt. Die Reiche wechselten, die Babylonier wurden von den Persern abgelöst, die Perser wurden von Alexander dem Großen besiegt, die Nachfolger Alexanders gründeten Reiche, kämpften gegeneinander und vertrugen sich wieder, Händler fielen in Israel ein, zerstörten die bäuerliche Wirtschaft und verdienten sich goldene Nasen auf großen Plantagen, schließlich kam Rom, unterwarf sich das ganze östliche Mittelmeer und kassierte überall seine verhassten Zölle. Und die ganze Zeit über warteten sie in Israel darauf, dass Gott endlich, endlich sein Versprechen wahrmachen und all der Willkür ein Ende machen würde. Und die Bitten wurden immer dringender und verzweifelter: Gott, warum zögerst du? Wie lange sollen wir noch warten? Siehst du nicht, wie es uns geht?
Und jetzt kommt Paulus, hat das Leben und den Tod und die Auferstehung Jesu im Kopf, hat selbst erlebt, wie ihm dieser auferstandene Jesus begegnet ist und sagt: Jetzt ist es passiert! Gott hat eingegriffen. Gott ist treu, er hält sein Versprechen, er ist gerecht. Der König ist gekommen. Es ist Jesus Christus, unser Herr. Und mich hat er gesandt, damit ich überall Loyalität zu ihm wecke, Menschen sammle, die auf ihn hören und an ihn glauben.
Aber das Evangelium ist nicht in erster Linie eine Aufforderung, sondern es ist eine Botschaft darüber, was ganz unabhängig von uns geschehen ist. Es geht um Ereignisse, die mit Jesus zu tun haben, und die die Verhältnisse in der Welt grundlegend verändert haben. Sein Leben einschließlich seines Sterbens war eine bis dahin unbekannte Weise, Mensch zu sein. Sein Tod schien zunächst ein Beweis für sein Scheitern zu sein, aber dann ist er auferstanden. Gott hat ein demonstratives Ja zu ihm gesagt, hat ihn eindrücklich bestätigt. Und er hat den Heiligen Geist gesandt, der Menschen in diese neue Lebensweise Jesu hineinzieht.
Wenn Gott wirklich über Jahrhunderte, über Jahrtausende hin so zuverlässig zu seinen Versprechen steht, dann müssen wir uns um die Welt keine Sorgen mehr machen. Wenn Gott auch aus dem Bösesten, was Menschen tun können, noch etwas Gutes machen kann, wovor sollen wir uns dann fürchten? Wenn Gott auf dem Weg Jesu selbst den Tod rückgängig macht, dann müssen wir uns nur noch Gedanken darum machen, wie wir selbst auf diesem Weg Jesu bleiben können.
Und wenn jetzt also Paulus durch die Welt zieht und überall Gemeinden Jesu gründet, dann sagt er nicht: schau mal, ob das nicht vielleicht etwas für dich wäre! Es fühlt sich so gut an, bei Jesus spirituell aufzutanken. Ich habe wahnsinnig gute Erfahrungen damit gemacht, die solltest du auch machen. Entscheide dich doch für diese Art von Religion, du wirst es nicht bereuen!
Nein, Paulus sagt: die Welt hat sich verändert, und ich sage dir, inwiefern. Willkommen in der Realität! Der wahre Herr der Welt ist nicht der römische Kaiser, es ist nicht der amerikanische Präsident, es sind nicht die milliardenbewegenden Banken, sondern es ist jemand ganz anderes, der eine ganz andere Art von Macht hat. Darauf solltest du dich besser einstellen. Jesus ist der wahre Herr der Welt, und alle anderen sind billige Karikaturen. Und ich erkläre euch in diesem Brief, wie seine Macht funktioniert.
Wie gesagt, diese ersten Verse sind erst die Ouvertüre. Sie sind Appetitanreger, die Erwartungen wecken sollen. Paulus wird das nach und nach entwickeln. Ich will aber schon mal etwas genauer sagen, wo die Reise hingeht. Die neue Art von Macht zeigt sich zunächst darin, dass sie Menschenherzen gewinnt und verändert. Kein Kaiser und kein Präsident kann Menschenherzen zum Besseren ändern. Regierungen müssen Gesetze machen und sie ausführen mit den Menschen, die da sind. Und so wird es dann eben oft auch … Aber Jesus verändert Menschen. Er hat einen Kreis von Menschen hinterlassen, für die die Welt nie wieder ohne ihn denkbar war. Wir erleben solche Veränderungen im Moment meist so, dass es sehr lange dauert, besonders, weil Menschen sich schwertun, sich auf neue Gedanken wirklich einzulassen. Aber es passiert.
Und dann ändert sich tatsächlich die Art, wie für sie die Welt funktioniert. Paulus selbst blickt z.B auf einige Aufenthalte in römischen Kerkern zurück. Es war damals nicht sehr wahrscheinlich, dass man da heil wieder raus kam. Aber er lebt immer noch. Er hat erlebt, dass man durch so etwas heil hindurchgehen kann, obwohl es ein paar Mal ziemlich auf der Kippe stand. Die Kraft der Auferstehung bewährt sich also nicht nur dann, wenn es wirklich ans Leben geht, sondern schon vorher in vielen kleineren Gefahren und Belastungssituationen.
Wir müssen unsere Vorstellung, was Macht ist und wie sie funktioniert, revidieren. Wenn wir über Macht nachdenken, dann haben wir meistens die Reichweite im Blick: wie viele Menschen hören auf das Kommando eines Menschen? Bis wohin reicht sein Einfluss? Paulus schaut darauf, welche Art von Macht das ist. Wenn es die richtige Art von Macht ist, dann ist die Reichweite nicht so entscheidend. Klar, der Einfluss von Paulus reicht heute bis zu uns, über 2000 Jahre, und sein Römerbrief ist tatsächlich eins der wirkungsvollsten Dokumente der Weltgeschichte geworden. Aber das hat damals niemand wissen können. Trotzdem hat sich Paulus nicht gegrämt, dass sein Einfluss damals ein Witz war im Vergleich zu dem, was der Kaiser bewegen konnte. Ihm war es wichtig, an der richtigen Art von Macht beteiligt zu sein. Natürlich steigt die Reichweite auch dieser Macht, wenn mehr Menschen daran beteiligt sind. Deshalb reist Paulus ja durch die Welt, um Menschen den wahren König zu zeigen. Aber wichtiger ist, dass sie die Macht Jesu unterscheiden können von der Macht, die aus den Gewehrläufen kommt.
Diese Macht des Lebens, der Solidarität und der Freiheit, diese Macht, die die Umsetzung der Auferstehung in das kleine und große Leben ist, die wird Paulus im Römerbrief eingehend beschreiben. Diese Macht ist in der Welt, und sie wird nicht mehr vertrieben werden. Und wir sind diejenigen, die Augen bekommen sollen für den wahren Herrn dieser Welt, Jesus Christus, und für seinen besonderen Weg.