Jun 132010
 

Predigt zu Matthäus 22,1-14 am 13. Juni 2010

1 Jesus fuhr fort, ihnen Gleichnisse zu erzählen. Er sagte: 2  »Mit dem Himmelreich ist es wie mit einem König, der für seinen Sohn das Hochzeitsfest vorbereitet hatte. 3  Er sandte seine Diener aus, um die, die zum Fest eingeladen waren, rufen zu lassen. Doch sie wollten nicht kommen. 4  Daraufhin sandte der König andere Diener aus und ließ den Gästen sagen: ›Ich habe das Festessen zubereiten lassen, die Ochsen und das Mastvieh sind geschlachtet, alles ist bereit. Kommt zur Hochzeit!‹ 5  Aber sie kümmerten sich nicht darum, sondern wandten sich ihrer Feldarbeit oder ihren Geschäften zu. 6  Einige jedoch packten die Diener des Königs, misshandelten sie und brachten sie um. 7  Da wurde der König zornig. Er schickte seine Truppen und ließ die Mörder töten und ihre Stadt niederbrennen.
8  Dann sagte er zu seinen Dienern: ›Das Hochzeitsfest ist vorbereitet, aber die Gäste, die ich eingeladen hatte, waren es nicht wert, ´daran teilzunehmen`. 9  Darum geht hinaus auf die Straßen und ladet alle zur Hochzeit ein, die ihr dort antrefft.‹ 10  Die Diener gingen auf die Straßen und holten alle herein, die sie fanden, Böse ebenso wie Gute, und der Hochzeitssaal füllte sich mit Gästen. 11  Als der König eintrat, um zu sehen, wer an dem Mahl teilnahm, bemerkte er einen, der kein Festgewand anhatte. 12  ›Mein Freund‹, sagte er zu ihm, ›wie bist du ohne Festgewand hier hereingekommen?‹ Der Mann wusste darauf nichts zu antworten. 13  Da befahl der König seinen Dienern: ›Bindet ihm Hände und Füße und werft ihn in die Finsternis hinaus, dorthin, wo es nichts gibt als lautes Jammern und angstvolles Zittern und Beben.‹ 14  Denn viele sind gerufen, aber nur wenige sind auserwählt.«

Wenn Gott hier auf Erden zum Zug kommt, sagt Jesus, dann ist das wie eine große Hochzeit. Hochzeiten, besonders Königshochzeiten, waren damals das Tollste, was es gab. Damals hatten die Leute ja nicht jede Woche irgendwelche Feten, sondern für so eine Hochzeit hat man jahrelang gespart, und dann hat man sie wochenlang vorbereitet und tagelang gefeiert. Man konnte sie noch nicht am Fernseher miterleben, man konnte nur hingehen und mitmachen. Und ein König ließ sich bei so einer Gelegenheit nicht lumpen, da wurden ganze Herden von Vieh geschlachtet, und alle bekamen etwas ab.

Warum feiern Menschen Hochzeiten? Weil da etwas zusammenkommt, was vorher nicht zusammengehörte. Nicht nur Braut und Bräutigam kommen zusammen, sondern ganze Familien und Clans. Die müssen sich ja erst daran gewöhnen, dass sie jetzt mit den komischen Leuten aus dem übernächsten Dorf zusammengehören. Und das geht am besten, wenn alle leckere Sachen im Bauch haben und ein bisschen was getrunken haben, wenn so eine Art Ausnahmezustand herrscht und die Selbstverständlichkeiten des Alltags die Menschen nicht mehr völlig im Griff haben. Feste waren mindestens damals Gelegenheiten, um für eine begrenzte Zeit Neues auszuprobieren. Sie müssen mal schauen, wenn Paare heute Goldene Hochzeit feiern und in der Zeitung stehen, wie oft es für die gefunkt hat bei einem Schützenfest oder eben auf der Hochzeit von Freunden. In solchen Ausnahmesituationen ergeben sich neue Verbindungen.

Jesus und vor ihm schon die Propheten des Alten Testaments reden oft von einer Hochzeit, wenn sie beschreiben wollen, wie es sein wird, wenn Gott und die Menschen wieder zusammenkommen. Das gibt ein großes Fest, wenn die Menschen ihren Schöpfer wiederentdecken, wenn sie merken, dass Gott es ist, von dessen Segen und aus dessen Freude sie schon immer gelebt haben. Wenn Menschen sagen: du meine Güte, ich hatte mir Gott immer vorgestellt als jemanden, der mir auf die Finger schaut und der nur dauernd was von mir will, und jetzt merke ich, dass er sich etwas Tolles für mich ausgedacht hat. Wenn Menschen das merken, dann muss man das auch feiern, weil da wirklich etwas Großes, Neues passiert ist.

Wenn ich an solche Feste denke, die man nicht vergisst, dann fällt mir der Abend ein, an dem wir den Abschluss des Kirchenasyls hier in unserer Gemeinde gefeiert haben. Nach sechs Jahren und vielen dramatischen Wendungen konnten unsere kurdischen Gäste endlich ohne Angst und selbstverantwortlich in Deutschland leben. Und gleichzeitig waren in dieser Zeit Verbindungen entstanden, die wir uns vorher nie hätten vorstellen können. Wir hatten neue Erfahrungen gemacht, die wir auf keinem anderen Weg hätten machen können. Dass man kulturelle und politische Grenzen so überwinden kann und aus Fremden Freunde werden können. Da war nicht einfach nur ein Jahr oder ein Jahrzehnt irgendwie herumgegangen, sondern es war wirklich etwas passiert, was uns alle verändert hat. Wir haben draußen unter den Bäumen im Garten gesessen, es gab Essen aus unterschiedlichen Kulturkreisen, und wir haben uns gegenseitig noch mal an die vielen Stationen erinnert, auf denen wir miteinander unterwegs waren. Auch viele andere waren dabei, die uns geholfen haben, diese Zeit durchzustehen. Und was in der ganzen langen Zeit davor eher Alltag war, das wurde an diesem Abend noch einmal zusammenhängend ausgesprochen. Es wurde sichtbar in seinem großen Zusammenhang. Wir haben erlebt, wie große ungewöhnliche Dinge geschehen können, von denen man sich vorher nicht hätte träumen lassen, wenn Gott und Menschen zusammenarbeiten.

Jesus hat ja für seine Leute einen Mittelpunkt geschaffen, wo solche Veränderungen gefeiert werden sollen. Erst hat er immer wieder mit ihnen zu Tisch gesessen, und dann hat er sie vor seinem Tod noch so organisiert, dass sie sich immer wieder mit Brot und Wein treffen und sichtbar werden lassen, dass er in ihrer Mitte ist. Und da wird dann gefeiert, was sich alles bewegt, wenn zwischen Menschen und Gott nicht mehr ein großer Abstand ist und Misstrauen herrscht, sondern wenn Gott und Menschen zusammenkommen. Das war von Anfang an nicht so gedacht, dass daraus eine korrekte Zeremonie wird, sondern es geht darum, dass in der bunten Vielfalt des Lebens die Konturen des Neuen sichtbar werden, das Jesus in dieser Welt entfesselt hat und das sich jetzt in alles hinein mischt wie der Sauerteig unter das Mehl.

An diese Feste, die er selbst angestiftet hat, denkt Jesus, wenn er von der Hochzeit des Königssohns spricht: in Wohnzimmern, am Küchentisch und sogar in Gefängnissen und Lagern treffen sich Menschen, manchmal sogar ganz heimlich, um miteinander sichtbar zu machen, dass Gott und die Menschen nicht mehr voneinander getrennt sind, sondern an einem gemeinsamen Projekt arbeiten, nämlich diese Schöpfung zurückzurufen in ihre wahre Heimat, ins Vaterhaus, zu ihrem Ursprung. Was auseinander gefallen ist, soll wieder heil werden, und das Zerrissene soll neu zusammengefügt werden.

Und wer solche Feste erlebt hat, versteht, dass da die Dinge passieren, die man nicht vergisst, und die für immer mit uns und unserer Geschichte verbunden bleiben. Es ist ein Privileg, da dabei zu sein, weil das die Bausteine sind, aus denen die neue Welt Gottes gemacht ist.

Und trotzdem macht der König in dem Gleichnis die Erfahrung, dass es eine Menge Leute gibt, die diese Einladung nicht annehmen. Die einen, weil sie so viel zu tun haben – irgendwie scheint die knappe Zeit nicht eine Erfindung unserer Tage zu sein. Aber andere sind offensichtlich richtig aggressiv und greifen die Boten an, die sie einladen sollen. Es gibt anscheinend Menschen, die Gott wirklich nicht mögen. Nicht deshalb, weil sie ihn noch gar nicht kennen, sondern man muss die Möglichkeit ins Auge fassen, dass auch Menschen, die wissen, worum es Gott geht, ihn nicht lieben, warum auch immer.

In dem Gleichnis ist ja die Rede davon, dass der König die Stadt zerstören lässt, deren Bewohner seine Boten getötet haben. Wahrscheinlich ist das ein Hinweis auf die Zerstörung Jerusalems 40 Jahre nach der Tötung Jesu. Diejenigen, die nur gleichgültig sind, die bestrafen sich selbst, indem sie nicht beim Fest dabei sind. Aber wer aktiv dagegen ist und das Fest mit Gewalt zu verhindern sucht, der wird auch äußerlich nicht ungestraft bleiben. Und man könnte tatsächlich im Großen wie im Kleinen Beispiele genug davon erzählen, wie Gott reagiert auf Menschen, die mit unlauteren Mitteln aktiv anderen das Fest kaputt machen wollen.

Aber trotz aller Widerstände, trotz aller Gleichgültigkeit wird der Festsaal voll. Der König lässt von überall her Menschen holen, er lässt die Straßen und Plätze absuchen, und dann kommen eben die Fremden, und das Fest findet trotzdem statt. Gott gibt nicht auf.

Das Interessante ist, dass hier ausdrücklich steht: Gute und Böse wurden dazu geholt. Ja, auch die Bösen. Es gibt sie tatsächlich: Menschen, die viel Unheil anrichten, weil sie immer wieder das Falsche tun. Aber wenn schon ein normales Hochzeitsfest die Kraft hat, Menschen aus ihren alltäglichen Bahnen herauszuholen und sie spüren zu lassen, dass sie eigentlich auch ganz anders sein können, dann hat Gottes Festmahl mindestens die gleiche Kraft. Und tatsächlich werden auch schwierige Menschen anders, wenn sie in den Umkreis Jesu kommen. Die Menschen bringen ihre ganzen Defizite mit, aber sie kommen in eine Umgebung, wo es für sie leicht und plausibel ist, gut zu sein. Und dann ändert sich etwas bei ihnen, wenn sie sehen, dass es auch anders geht. Wir sind alle angewiesen auf das Klima, in dem wir leben, ob es in uns das Beste oder das Schlechteste weckt.

Aber so ist es nicht bei allen. Manchmal machen Menschen auch im Umkreis Jesu weiter mit Hinter-dem- Rücken-reden, oder mit ihrer Geldgier, oder sie säen Misstrauen oder leben ihren Machtwillen aus, und was es noch an Möglichkeiten gibt. Das ist gemeint mit dem Mann in dem Gleichnis, der kein Festkleid trägt. Der ist ja nicht zu arm, um sich eins zu kaufen. Das hätte er ja sagen können, als er angesprochen wird. Könige haben damals den Gästen oft sogar extra Festkleider zur Verfügung gestellt, damit diejenigen, die sich das nicht leisten konnten, nicht die Stimmung trübten. Aber nein, der da ist einer, der als Spaßbremse dabei sitzt und nicht erklären kann warum. Vielleicht hat er sich von Anfang an nicht auf das Fest eingelassen, hat in der letzten Reihe gesessen und beobachtet, hat innerlich am Essen rumgemeckert oder sich über die anderen Gäste und das Kleid der Braut mokiert. Noch nicht einmal ganz äußerlich lässt er sich auf das Fest Gottes ein. Wenn das Schule macht, dann kühlt sich die Feststimmung erheblich ab. Meckern und Kritisieren ist immer sehr ansteckend, egal, ob berechtigt oder nicht.

Und deshalb holt der König seine Security-Leute, und die legen dem Typ Handschellen an und befördern ihn nach draußen, und am Ende liegt er bibbernd und mit einem Kater in der Pfütze. Raue Sitten waren das damals anscheinend. Aber die Botschaft ist klar: am gefährlichsten ist das widersprüchliche Verhalten. Irgendwie dabei sein wollen, aber nicht richtig. Du kannst zu Gott kommen, wie du bist, es ist kein großes Problem, wenn du ein Lügner, Spekulant, Intrigant, Ausbeuter oder sonstiger Fiesling bist. Aber du darfst nicht so bleiben. Du sollst ein anderer werden, ein erneuerter Mensch. Für alle steht die Tür weit offen, und wer hineinkommt, der wird geheilt von all seinen Verbiegungen, selten in einem Augenblick, meistens erst nach und nach. Und auch das ist in Ordnung. Aber wer hineinkommt und der Alte bleiben will, wer glaubt, da gäbe es ein prima geduldiges Umfeld, wo er einfach weitermachen wie bisher, aber jetzt vielleicht noch ungestraft, weil Jesus ja so nett ist und keinem weh tut, der hat sich getäuscht. Der wird über kurz oder lang rausfliegen, und dann ist der Kater groß.

Gott lässt sich sein Fest nicht verderben. Weder von denen, die uninteressiert sind und lieber in ihrem täglichen Einerlei bleiben, noch von denen, die seine neue Welt mit ihrem ganzen alten Mist besudeln wollen. Das Fest findet statt. Wir sollen dabei sein, und wer die Zeit dafür nicht findet, ist selber schuld. Es ist das Fest unseres Lebens, und es wird aus uns den Menschen machen, zu dem wir berufen sind.