Jan 272009
 

Alan Hirsch hat auf seiner Website „The Forgotten Ways“ neulich einen Beitrag verfasst, in dem er dazu aufruft, die Reise wieder aufzunehmen und den missionalen Genius neu zu beleben. Für alle, die Hirsch kennen, nichts grundlegend Neues, aber ich fand es so schön zusammengefasst, dass ich es für unsere Gemeinschaft übersetzt habe und hier auch dem Rest der Welt zur Verfügung stelle.

Die Geschichte Abrahams, die Kameradschaft von Sportmannschaften, die Kriegskameradschaft von alten Soldaten, die Gemeinschaft des Ringes in J.R.R.Tolkiens „Herr der Ringe“ und die verrückten Kaninchen im „Watership Down“-Film, all diese unterschiedlichen Geschichten zeigen uns, wie wichtig die Reise selbst ist. Denn Reife und Selbstverwirklichung kommen nicht ohne Bewegung und Risiko, und Abenteuer sind in der Tat gut für die Seele. All diese Geschichten zeigen uns, dass tiefe Gemeinschaft und Liebe da zu finden sind, wo wir uns zu einer gemeinsamen Entdeckungsreise aufmachen, wo wir gemeinsam Gefahren ins Gesicht sehen und uns dabei zusammenfinden müssen, um zu überleben. All das finden wir auch wieder in der Art, wie Jesus seine Jünger prägte: gemeinsam begannen sie eine Reise, die sie wegführte von ihrem Zuhause, ihrer Familie und ihren (sozialen oder religiösen) Sicherheiten. Sie brachen auf in ein Abenteuer, zu dem Grenzerfahrungen (Liminalität), Risiko, Lernen durch Praxis, verschworene Gemeinschaft (Kommunitas) und geistliche Entdeckungen gehörten. Unterwegs verloren sie ihre Angst vor Unzulänglichkeit und Mangel oder Vorsorge, und an deren Stelle trat eine beherzte Zuversicht, die die Welt für immer verändern sollte.

Was starke Jesusbewegungen so dynamisch macht, ist die Tatsache, dass sie tatsächlich Bewegung mit sich bringen. Und dabei geht es nicht um die Organisationsstruktur, sondern um echte Dynamik. Das heißt nun nicht, dass buchstäblich jeder Christ Haus und Familie verlassen muss, um Jesus nachzufolgen. Aber der grundlegende geistliche Akt, alles im Namen Jesu aufzugeben, lag jeglicher späteren Nachfolge zu Grunde. In diesem Sinn hatten sie bei ihrem Christwerden eine grundlegende Entscheidung getroffen, sich auf die Grenzerfahrung des Verlusts von Sicherheit und Bequemlichkeit einzulassen und mussten sie nicht nachträglich noch einkalkulieren. So blieben sie ein bewegliches Volk, das sich, abhängig vom Kontext, ständig neu anpassen und weiterentwickeln konnte. Das ging so lange, bis Konstantin uns mit Kirchengebäuden, einer Organisation und einem Bündnis zwischen Staat und Kirche beschenkte, wodurch der apostolische Genius für sehr lange Zeit in tiefen Schlaf fiel.

Wir müssen uns von neuem auf den Weg machen. Wir sind die Menschen des Weges, und unser Pfad liegt vor uns. Er lädt uns ein in eine neue Zukunft, in der wir endlich wieder gestalten und mitmachen dürfen. Wir versuchen, die Natur authentischer christlicher Gemeinschaft von neuem sichtbar zu machen: nämlich eine Kommunitas, die um ihre Mission herum gebaut ist und in Angriff genommen wird von einer Gruppe fehlbarer, aber mutiger Gefährten. Wir tun das, indem wir die mythische Symbolik aus den großen Geschichten aufrufen und in Erinnerung rufen, wie Jesus und die frühe Kirche sich daran machten, die Botschaft zu verbreiten. So erwecken wir von neuem die Sehnsucht und den Willen, eine abenteuerliche Reise zu unternehmen, um die uralte Kraft des apostolischen Genius wiederzuentdecken.

Jan 192009
 

Hier findest du den ersten Teil meiner Überlegungen zum geistlichen Weg nach Franz Jalics.

Heute möchte ich versuchen, die „Kontemplativen Exerzitien“ theologisch einzuordnen. Das wird, ich sage es gleich, theologisch im engeren Sinn werden – Theologie ist nun mal mein Job. In den nächsten Posts wird es dann wieder erfahrungsorientierter.

In seiner Anleitung „Kontemplative Exerzitien“ schreibt Franz Jalics relativ wenig zur Theologie, die hinter den Übungen steht. Ausführlichere theologische Überlegungen finden sich in dem kleinen Band „Der kontemplative Weg„. Ich muss sagen, dass mich dieses Buch weniger überzeugt hat als die Anleitungen zu den Exerzitien selbst. Vielleicht liegt es daran, dass Jalics natürlich im Bezugssystem katholischer Theologie spricht, mit dem ich nicht vertraut bin. Nicht, dass es keinen Sinn machen würde oder falsch wäre. Vielleicht ist es das Denken in einer Kontinuität zwischen verschiedenen Stufen (Philosophie und Theologie, verschiedene aufeinander folgende Gnaden), das mich befremdet, weil ich eher von einer Theologie des Bruchs zwischen Wort Gottes und Welt herkomme. Die Verbindung würde ich dann eher als Beziehung, als Dialog und Begegnung sehen, nicht als Übergang zwischen verschiedenen Stufen.

Jedenfalls hatte ich den Eindruck: von meiner theologischen Herkunft her müsste man anders ansetzen. Ich will nicht sagen „das müsste man besser machen“, aber mit meinem Hintergrund muss ich da anders rangehen. Und ich war im Nachhinein froh, dass ich zuerst die praktischen Anleitungen in den „Kontemplativen Exerzitien“ gelesen habe und erst dann die theologischen Hintergründe. So hatte ich schon ganz unbefangen überlegt, wie ich diese Übungen verorten kann.

Mir drängte sich nämlich beim Lesen sofort die Verbindung zum „In Christus – Sein“ auf, zur „Unio cum Christo“, die ich als zentralen Begriff zuerst bei Karl Barth (Kirchliche Dogmatik IV/3, § 71.3) und zuletzt wieder bei Scot McKnight kennen gelernt habe. Dieses „In Christus – Sein“ ist, recht verstanden, die Quelle aller christlichen Güter und Segnungen. Aus einer unauflöslichen Verbindung mit Christus (Luther in der Auslegung zu Johannes 17,11 von 1528: „eins“ bedeutet nicht nur: concors, einträchtig, sondern una res, ein Ding, Kuchen, Leib) fließen alle anderen Gaben des christlichen Lebens: Rechtfertigung, Vergebung, Heiligung, Gehorsam usw.

Karl Barth beschreibt dieses Verhältnis der Christen zu Christus allgemein als Leben durch Glauben, nämlich

ihr sie zugleich befreiendes und bindendes tätiges Wissen darum, dass alle Menschen und so auch sie zu ihm [Jesus Christus] gehören. In dem tätigen Wissen dieses ihres Glaubens antizipieren die Christen die Existenzform, die einst und dort die aller Menschen sein soll. (KD IV/3, 605)

Dass alle Menschen zu Jesus Christus gehören, wissen also vorerst nur
einige. Trotzdem ist die Beziehung auf Jesus Christus der zentrale,
wenn auch unbekannte, Faktor in jedem Menschenleben. Von hier aus ist
jeder Mensch zu verstehen und zu beschreiben. Diese Beziehung auf Christus ist die Mitte jedes Menschen.

Wenn Jalics nun schreibt

Haben wir in uns irgendwo einen Ort, eine Mitte oder einen Grund, in dem wir nur Geist sind (…) ?
(…) In diesem Zentrum trennt uns nur ein hauchdünner Vorhang von der Gegenwart Gottes. Von der Erfahrung dieses reinen Geistes her ordnet sich alles von innen her (…) .
Der kontemplative Weg 27-29 (pass.)

dann würde ich diese Mitte nicht so sehr als vorhandene Instanz im Menschen, sondern von der Beziehung zu Christus her beschreiben. Aber das sind (notwendige) Feinheiten, die vielleicht nur Theologen schätzen.

Wichtiger ist, dass diese Beziehung auf Christus als intensives, enges Miteinander zu denken ist (Luther: nicht nur „einträchtig“, sondern „ein Ding, Kuchen, Leib“). Trotzdem bleibt dabei die Eigenständigkeit jeder Person bewahrt (an diesem Punkt stellt Karl Barth in KD IV/3, 620 Anfragen an die Mystik, die aber Jalics nicht unbedingt treffen). Als Vorbild für dieses enge Miteinander in Eigenständigkeit müsste man wahrscheinlich die Trinität sehen.

Für mich stellen nun die kontemplativen Übungen nach Jalics einen Weg dar, dieses Verhältnis zunächst einmal wahrzunehmen, ohne es sofort wieder zu instrumentalisieren (für Vergebung, Heiligung, Gehorsam, Wachstum etc.).

In meinen Augen ist nämlich das Problem der reformatorischen Theologie, dass sie – obwohl von Luther her eigentlich die „Einheit mit Christus“ als Quelle alles Weiteren klar sein müsste – stärker an den Gaben Christi orientiert war als am Geber selbst. Der Herr selbst wurde weniger wichtig als seine Vergebung und Rechtfertigung. Und daher kommt dann ein nachträgliches Zusammenflicken von Gnade und Ethik, Zuspruch und Anspruch, Sein und Sollen, Indikativ und Imperativ, das nie wirklich funktioniert (vgl. hierzu auch KD IV/3, 631f, wo das alles noch reicher gesagt ist).

Die Ursache unserer gegenwärtigen Schwäche liegt deshalb meines Erachtens nicht im Bereich der Konsequenzen des Glaubens, sondern unsere häufige Inkonsequenz in der Umsetzung hängt mit der Schwächung der Quelle zusammen, aus der eigentlich alles fließen müsste.

Diese Instrumentalisierung der Beziehung zu Christus auf praktische Konsequenzen (vor allem: auf die Sündenvergebung) hin ist vielleicht schon ein spezifisch moderner Zug in der reformatorischen Theologie. Erst jetzt fangen wir langsam an, ihn zu problematisieren. Dann stellt sich aber dringend die Frage, wie diese Beziehung zu Christus selbst (nicht ihre Konsequenzen!) zu praktizieren – wahrzunehmen, zu gestalten, zu feiern – ist.

Darüber mehr im nächsten Post.

Nachtrag: ich sehe gerade, dass francis schon Ende letzten Jahres über den „Kontemplativen Weg“ geschrieben hat. Ich entnehme der folgenden Diskussion, dass es nicht für alle ok ist, sich auf die Brüder von der anderen Fraktion einzulassen …

Jan 132009
 

Über den Elia-Blog bin ich auf das Buch „Kontemplative Exerzitien“ von Franz Jalics gestoßen. Wie der Titel vermuten lässt, ist Jalics Jesuit und steht in der Tradition des Ignatius v. Loyola. Aber man soll ja ruhig mal auch Unvertrautes anschauen.

Franz Jalics ist Ungar. Weichenstellungen in seinem Leben waren die Zeit des 2. Weltkrieges (in der er ungarischer Offiziersanwärter war und dadurch kurz vor Kriegsende zur Ausbildung nach Deutschland kam) einschließlich der Nachkriegszeit (in der er zunächst einfach nur auf die Rückkehr nach Ungarn warten musste, um anschließend dort unter großen Druck durch die kommunistische Regierung zu kommen) und eine fünfmonatige Entführung durch eine argentinische Todesschwadron 1976.

Jalics bietet den Lesern seines Buches an, entweder nur Leser zu sein oder anhand der Anleitungen im Buch für sich selbst Exerzitien zu halten. Diese Anleitungen sind sozusagen die Quintessenz aus über 700 Kursen, die Jalics bisher gegeben hat. Ich habe mich zunächst für das Lesen entschieden. Dabei bin ich seinen Gedanken mit großem Interesse und vielen Aha-Erlebnissen nachgegangen. Ich gebe hier einige Grundlinien wieder, wobei es sich nicht nur um ein Referat, sondern auch schon um meine Interpretation und Deutung handelt:

  • Grundgedanke ist, die Aufmerksamkeit zu stärken. Dahinter steht die Überlegung, dass sich im Prozess der Zivilisation das Schwergewicht der Geistestätigkeiten zunehmend auf Kosten der Wahrnehmung zum Denken und Tun verlagert hat. Das menschliche Gehirn, das sowieso von seiner Konstruktion her vor allem mit sich selbst spricht, reduziert den Anteil der von außen kommenden Impulse im Gefolge der Moderne immer mehr. Dieser Entwicklung wirken die Übungen entgegen, indem sie den Schwerpunkt auf die Wahrnehmung legen, das Denken aber nicht bekämpfen (das würde ja wieder Denken bedeuten), sondern sozusagen ignorieren.
  • Weil es sich hierbei um Verarbeitungsgewohnheiten handelt, die uns als die einzig möglichen erscheinen, braucht es Übungen und eine längere Zeitspanne, um diese Selbstverständlichkeiten in Frage zu stellen und andere Zugänge zur Wirklichkeit zu stärken.
  • Die Erwartung dabei ist, dass diese Stärkung der Wahrnehmung auch ein größeres Fenster öffnet für die Wahrnehmung Gottes. Es geht aber nicht um die Produktion von Vorstellungen und Gedanken, die religiöse Gefühle auslösen (diesen Eindruck habe ich oft im charismatischen Bereich gehabt), sondern gerade um eine Befreiung vom sofortigen Etikettieren und Vernutzen des Wahrnehmungs-Rohstoffs.
  • Die Exerzitien beginnen mit Übungen zur Wahrnehmung der äußeren Natur, wo diese Grundhaltung am leichtesten eingeübt werden kann. Sie setzen sich fort mit Wahrnehmungsübungen am Atem und im Körper, bis sie sich in der zweiten Hälfte des Kurses endgültig auf die Wahrnehmung der Handflächen fokussieren. Parallel dazu gibt es Einführungsvorträge, Anweisungen zur Meditation und Einzelgespräche, von denen eine große Zahl abgedruckt sind. Diese Gespräche beschreiben typische Probleme und Anfragen sowie Jalics Hilfestellung dazu.
  • Im Verlauf dieses Weges kommt es immer wieder zur Wahrnehmung eigener psychischer Engpässe und Verwundungen. Sie werden jedoch nicht analysiert oder aufgearbeitet, sondern nur kurz wahrgenommen und dann mit dem heilenden Zentrum der Person in Verbindung gebracht.
  • Es ist Jalics‘ Überzeugung, dass im Zentrum der Person eine Begegnung mit Gott möglich ist. Dies gelingt aber nur, wenn der Panzer geöffnet wird, den wir uns im Laufe unseres Lebens zugelegt haben, und der uns vor Schmerzen und Ängsten schützen soll. Weil dort im Zentrum der Person auch diese Schmerzen warten, suchen wir das Zentrum nicht auf und gelangen so auch nicht zur Begegnung mit Gott. Werden die Schmerzen jedoch wahrgenommen, dann können sie durch die Begegnung mit dem Personzentrum nach und nach geheilt werden.
  • Die Exerzitien helfen, sich langsam diesem inneren Raum anzunähern. Jalics nennt ihn auch „die Gegenwart“. Nur die Gegenwart können wir unmittelbar erleben, Zukunft und Vergangenheit dagegen lediglich als Konstrukte unseres Hirns. Nur in der Gegenwart können wir auch Gott als echtem lebendigen Gegenüber begegnen.

So weit erst einmal zur Einführung, im nächsten Post mache ich mir Gedanken zur theologischen Einordnung.