Sep 222008
 

Von Holm Friebe und Thomas Ramge ist vergangene Woche ein neues Buch erschienen: „Marke Eigenbau. Der Aufstand der Massen gegen die Massenproduktion“ (hier findest du eine weitere Rezension). Die Autoren schreiben über eine Entwicklung, die aus ihrer Sicht ein großes Zukunftspotential hat: Menschen sind nicht mehr von Firmen- und Konzernstrukturen abhängig, um Güter jeder Art zu produzieren. Durch die Entwicklung der Kommunikationstechniken (also Internet) und den leichten Zugriff auf professionelle Kleinproduktion können auch Einzelne und kleine Gruppen Nischen aufspüren und für sie produzieren. Bei lokaler Produktion für einen potentiell globalen Markt können auch Ein-Personen Unternehmen ökonomisch erfolgreich sein. Und wenn sie ihren Platz in einem Netzwerk von ähnlichen Firmen haben, dann können sie gemeinsam auch komplexere Güter herstellen.

Die Ursachen sehen die Autoren zunächst darin, dass die Transaktionskosten/Koordinationskosten durch das Internet enorm gesunken sind. Wo es früher einer professionellen Konzernstruktur bedurfte, um die verschiedenen Produktionsstufen und das Marketing zu koordinieren, regelt sich heute vieles über ein elektronisch gestütztes Beziehungsnetz. Darüber hinaus sind die Verbraucher inzwischen die seelenlosen Massenprodukte leid und bereit, für hochwertige, auf ihren persönlichen Bedarf und Geschmack zugeschnittene Produkte auch zu bezahlen. Daraus kann sogar unter günstigen Bedingungen eine Marke entstehen, die die traditionellen Marktführer ernsthaft bedroht (Bionade!).

Man könnte sagen: was sich im Bereich des Webworking entwickelt hat (ein Beziehungsnetz von Freelancern und Agenturen, die nicht primär konkurrieren, sondern in wechselnden Konstellationen kooperieren), übertragen Friebe/Ramge auch auf die materielle Produktion bzw. entdecken es dort.

Ich habe das Buch natürlich immer mit der Frage gelesen, was das für Gemeinden bedeutet. Zunächst einmal sieht man, dass diese Mechanismen auch beim Gründen von Gemeinden gelten: heute kann jeder eine Gemeinde gründen, ohne eine Kirche oder einen Gemeindebund im Hintergrund zu haben. Eine Hausgemeinde ist ähnlich low-cost wie ein Unternehmen, das als Kapital nur einen Laptop braucht. Keine teuren Kirchengebäude sind nötig, und während man früher leicht in die Sektenschublade getan werden konnte, wenn man nicht das offizielle Label einer Kirchenorganisation trug, ist „free“ heute in vielen Milieus eher eine Empfehlung. Die Flexibilität eines Start-ups hat eine Hausgemeinde sowieso, und auch das Know-How kann man sich relativ einfach außerhalb traditioneller Ausbildungsstätten aneignen.

Vor allem aber bin ich interessiert an der Frage, ob nicht Gemeinden noch einmal neu über den Aufbau von Produktion nachdenken sollten. Mindestens dann, wenn sie Gemeinschaften (und nicht Veranstaltungsbesuchergruppen) sein wollen. Viele Klöster haben schon immer mindestens für ihren Eigenbedarf produziert (ja, hier kommt der obligatorische Hinweis aufs Bierbrauen). Darüber hinaus haben sie damit aber auch die Relevanz des Evangeliums für die Gestaltung der Welt anschaulich praktiziert. Man denke nur an die Zisterzienser, die aus Sümpfen und Wäldern Kulturlandschaften geschaffen haben. Oder die Kunst-, Wissens- und Kulturproduktion, die in den Klöstern blühte.

Die Produktion wurde aber in den Klöstern eingebettet in den gemeinsamen Rhythmus geistlichen Lebens und damit vor einer Verabsolutierung geschützt.

Warum sollten in in einer sich entwickelnden Beziehungsökonomie nicht christliche Gemeinschaften ganz vornedran mit dabei sein? Und dabei gleichzeitig ihre eigene Finanzierung sicherstellen, Beziehungen zu vielen nichtchristlichen Geschäftspartnern und Kunden aufbauen, Arbeitsplätze schaffen und einen Bereich harter Realität geistlich prägen? Ich meine damit aber nicht Büchertische oder Kassettendienste!

Für alle, denen ein biblischer Beleg wichtig ist: Paulus, Aquila und Priszilla waren nicht nur ein Evangelisationsteam, sondern auch ein Produktionskollektiv. Wie ja überhaupt die im NT immer wieder genannten „Häuser“ selbstverständlich auch Orte der Produktion waren (bei Christen und Heiden). Anscheinend war das ein Ökosystem, in dem das Evangelium gut gedieh.

Hat jemand schon Erfahrungen damit? Gibt es Gemeinden oder Gemeinschaften, die ökonomisch relevante Produktion in ihr Leben integriert haben oder das planen? Ich wäre sehr interessiert daran, davon zu erfahren.

  3 Antworten zu “Gemeinde Marke Eigenbau”

  1. sehr interessante adaption der gedanken aus dem buch.

  2. Also die Mennoniten in Paraguay machen durch ihre MIlchproduktion- und handel bzw. durch ihre Motorräder ca. 20% des Bruttosozialproduktes des gesamten Landes aus. Sie sind in den 30er Jahren von Russland über Deutschland nach Paraguay bzw.Kanada ausgewandert. Sie leben dort ihren Glauben. Früher zwar relativ abgeschottet von der Außenwelt, aber wer 20% des BSP erwirtschaftet, kann sich gar nicht mehr so vehement abgrenzen.

  3. Hallo Andi,
    20 % des BSP ist ja echt eine ganze Menge! Weißt du, ob die da die Firmen als Gemeinschaft führen oder als Individuen?

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