Jan 102008
 

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Kapitel 8: Stationen der Sühne/Versöhnung: Inkarnation – der zweite Adam

Die crux-sola-Theologie tendiert dazu, das Leben Jesu zu ignorieren und sich auf seinen Tod zu konzentrieren. Der trinitarische Gedanke der Perichorese betont dagegen die Inkarnation, und durch die gegenwärtige Jesus-Forschung wird diese Tendenz gestärkt. Inkarnation bedeutet: Gott identifiziert sich mit den Menschen, damit wir an Gott teilhaben können (2. Petr. 1,4).
Inkarnation als Identifikation mit den Menschen
Der Name Jesus hat die Bedeutung „Gott mit uns“. Das weist hin auf die Identifikation Jesu mit uns um der Befreiung willen. Seine Identifikation mit uns soll uns zu Gott bringen. Die Inkarnation selbst, als Inbegriff des irdischen Lebens Jesu, ist ein sühnend/versöhnendes Element.
Die Versuchungen Jesu
In der Versuchungsgeschichte Jesu geht es nicht um Methoden, mit Bibelsprüchen Satan abzuwehren. Es geht um die Wiederholung einer vermasselten früheren Situation, entweder der Paradies/Versuchungs- Geschichte aus 1. Mose 3 oder der Prüfungszeit Israels in der Wüste. McKnight entscheidet sich für das Letztere [wobei es da m. E. auch gute Gründe für die erste Möglichkeit gibt, aber vielleicht muss man das gar nicht alternativ sehen]: Jesus wiederholt die Geschichte Israels und revidiert das Versagen in der Wüstenzeit. In ihm und mit ihm beginnt ein neues Volk, das die Wüstenprobe siegreich besteht.
Es gibt weitere Themen, bei denen ein Zusammenhang zwischen Inkarnation und Sühne/Versöhnung deutlich wird:
Jesus, das perfekte Bild Gottes
So wie Adam und Eva zum Bild Gottes bestimmt waren, ist nun – wie Paulus es wiederholt ausführt – Jesus das wirkliche Bild Gottes geworden. Es gehört zum Erlösungsplan Gottes, Menschen in dieses Bild hinein zu verwandeln.
Jesus, der zweite Adam
Ebenfalls Paulus beschreibt Jesus als zweiten Adam: was Adam anrichtete, macht Jesus über die Maßen gut. Sein Leben stoppt den tödlichen Einfluss, dem Adam die Tür geöffnet hatte. Denn sein ganzes Leben, einschließlich des Kreuzes, war ein Leben des Gehorsams. Aus dieser Identifikation mit uns wächst Sühne/Versöhnung.
Übrigens, Jesus wird nicht als zweiter Abraham bezeichnet, d.h., hier wird der ganzen Menschheit ein neuer Start geschenkt.

Die „Unio cum Christo“ (Einheit mit Christus)
Bei all diesen von der Inkarnation geprägten Gedanken geht es immer wieder um eine Einheit mit Jesus, durch die er uns in sein Leben aufnimmt. Dadurch wird im Gegenzug sein Leben zu unserem. Weisheit und Gerechtigkeit und Heiligung und Erlösung (1. Kor. 1,30) und alles andere, was ihm gehört, wird unser. Dieser Gedanke der Einheit mit Christus beschreibt Sühne/Versöhnung als Beziehungsgeschehen.
Leider haben das viele reformierte Theologen übersehen. Dagegen ist – mit D. A. Carson – festzuhalten, dass die Imputatio (also die den Nachfolgern Jesu zugerechnete Gerechtigkeit) nicht der Unio cum Christo (also der Einheit mit Jesus) konträr ist. Vielmehr ist die Gemeinschaft mit Christus gerade die Voraussetzung für die Zurechnung der Verdienste und Güter Christi.
Schließlich ist Philipper 2,5-11 die wohl vollständigste Beschreibung des Versöhnungshandelns Gottes in Jesus. Auch hier werden Inkarnation und Erlösung verbunden. Es geht hier um das Leben der christlichen Gemeinschaft, die lernt, nach dem Vorbild Jesu zu leben. Dieses Vorbild bestand in seiner Identifikation mit Menschen bis zum Tode am Kreuz. Das ganze Leben Jesu war darauf ausgerichtet, dass zerstörte Ebenbilder in Gottes Ewigkeit gelangen können und bis dahin auf Jesu Art leben.

Sühne/Versöhnung beginnt in der Perichoresis (dem gemeinschaftlichen Leben der Dreieinigkeit), die Gestalt annimmt in Jesus, dem Sohn Gottes, dem Logos, der die menschliche Wirklichkeit bis zum Tode am Kreuz annimmt, damit wir in diese Perichoresis hineingezogen werden. Dieser ganze Weg Jesu ist der Kontext des Geschehens am Kreuz. Deshalb ist eine auf das Kreuz beschränkte Theorie über Sühne/Versöhnung unbiblisch.

Jan 102008
 

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Kapitel 7: Stationen der Sühne/Versöhnung: Allein das Kreuz?

Sühne/Versöhnung erzählt immer eine Geschichte davon, wie Menschen als Ebenbilder Gottes geschaffen wurden und was ihre schließliche Bestimmung ist. Dazwischen steht ein Konflikt: wie diese Ebenbildlichkeit zerstört wurde, und was Gott unternahm, um sie zu heilen. Um die Geschichte richtig zu erzählen, werden wir die einzelnen Stationen betrachten, auf denen Gott etwas unternahm, um diesen Konflikt einer Lösung zuzuführen.
Das Zentrum von Sühne/Versöhnung ist das Kreuz. McKnight erinnert kurz an die zentrale Bedeutung des Kreuzes bei Paulus und Luther:

Paulus
Paulus konzentriert das versöhnende Handeln Gottes im Kreuz Jesu. Er benutzt ein vielfältiges Vokabular aus unterschiedlichen Lebensbereichen, um zu schildern, was die Lösung (Loskauf, Gnadenthron, Rechtfertigung, Versöhnung) des Problems (Sklaverei, Sünde, Entfremdung) ist. Aber immer wird die jeweilige Lösung durch ein und dasselbe Ereignis ermöglicht: den Tod Jesu. Er ist das Zentrum der Sühne/Versöhnung.

Luther
Kein anderer Theologe hat so konzentriert das Kreuz zum Schlüssel der Theologie gemacht wie Martin Luther. In der Heidelberger Disputation von 1518 erklärte er: „crux sola est nostra theologia“ (das Kreuz allein ist unsere Theologie). Aber umfasst Sühne/Versöhnung nicht mehr als das Kreuz? Aus der Gesamtschau von Luthers Theologie wird deutlich, dass das Kreuz zwar der Schlüssel ist, deswegen aber andere Stationen nicht unter den Tisch fallen.

Es gibt einen deutlichen Unterschied zwischen einer crux-sola-Theologie, die nur Karfreitag im Auge hat, und einer, bei der das Kreuz der methodische Zugang zu allen sühnend/versöhnenden Taten Gottes ist.

In den folgenden Kapiteln wird McKnight versuchen, das Kreuz mit den anderen Elementen wie Auferstehung und Pfingsten zu verbinden. Zuvor aber wird es um die Inkarnation gehen.

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Jan 022008
 

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Kapitel 6: Das Geheimnis der Metaphern: Einübung in postmoderne Demut

Scot McKnight zitiert einleitend Briant Blount (Then the Whisper Put on Flesh):

In den Besitz dieser Anerkennung hat sich jene Ansammlung von euro-amerikanischen Gelehrten, Pastoren und Laien gebracht, die im Lauf der Jahrhunderte durch den Einsatz ihrer ökonomischen, akademischen, religiösen und politischen Vorherrschaft die Illusion erschuf, dass es eine korrekte Lesart der Bibel gebe – nämlich die von ihren eigenen Erfahrungen geprägte.

Diese Überlegung ist für McKnight ein Schlüssel geworden: der Kontext redet immer mit, auch bei der Ausgestaltung theologischer Themen. Das will er an den Begriffen „menschliches Wesen“ und „Sünde“ zeigen.

Was ist ein Mensch?

Wir sind einerseits zum Bild Gottes bestimmt, andererseits leben wir aber mit einer individuellen Geschichte und unter ganz unterschiedlichen Bedingungen. Gibt es für alle dasselbe Sühne/Versöhnungs-Modell? Z.B. für einen weißen Mann mit Entscheidungskompetenz aus dem guten Viertel ebenso wie für die machtlose Frau aus der Innenstadt? Solche Fragen helfen uns, unseren Platz zu finden angesichts eines unbegrenzten Gottes, der allein die Fülle ist.

Was ist Sünde?

Wieder einmal: das Problem ist das Problem. Ja, Sühne/Versöhnung löst das Sündenproblem, aber Sünde ist eben auch ein Problem. Es ist sehr komplex. „Vielleicht kennen wir Sünde in Wahrheit nur durch ein Sündenbekenntnis“ (Ted Peters). Ist es typisch männlich gedacht, wenn Sünde als Stolz und Macht definiert wird? Und werden die Machtlosen in ihrer Ohnmacht bestätigt, weil die Mächtigen Sünde im Licht ihrer Probleme definieren? Was ist der Kern der Sünde? Die Wahrnehmung der Sünde ändert sich auch historisch. Wegen der Komplexität von Sünde ist Sühne/Versöhnung ein Problem.

Was ist also Sühne/Versöhnung?

Es gibt fünf große Metaphern für Sühne/Versöhnung: In Christus sein, Loskauf oder Befreiung, Genugtuung, moralische Beeinflussung und stellvertretendes Strafleiden. Welche davon sollen wir nehmen?
Das hängt davon ab, was für Menschen man im Blick hat. Denn wie sieht Sühne/Versöhnung aus der Perspektive von Menschen aus, die ein Erbe von Unterdrückung und Verletzung mit sich herumtragen? Und wie sieht Sühne/Versöhnung aus für einen weißen männlichen Jugendlichen aus der Mittelschicht, der ein komfortables Leben im Grüngürtel außerhalb der City vor sich hat?
Wenn wir uns nur auf einen der beiden konzentrieren, dann ist unsere Wahrheit nur die halbe Wahrheit – und ist sie dann noch Wahrheit (Vincent Bacote)? Dieses Kapitel sollte unseren Horizont weiten und so Gott verherrlichen. Unsere Perspektive ist immer begrenzt. Nur Gott übersieht die ganze Wahrheit. Das soll uns demütig machen und in den Austausch mit anderen bringen, denn nur so können wir herausarbeiten, was Sühne/Versöhnung in unserer Generation ist. Wir brauchen dazu das ganze Arsenal der Metaphern.
Wir brauchen aber auch eine genaue Betrachtung der einzelnen Stationen im versöhnenden Handeln Gottes. Das folgt in den nächsten Kapiteln, bevor wir zu einem Gesamtbild kommen.