Dez 012007
 

Gestern war der Emerging-Studientag in Hamburg. Ich kam mit einem vollen Herzen zurück. Hier ein paar Impressionen:

  • Mein erster Eindruck: wow, so viele Leute! In unserer eher unkirchlichen Landschaft hatten sich doch wohl an die 200 Leute in der Apsis von St. Petri in Hamburg versammelt (weiß einer genaue Zahlen? habe leider nicht gezählt).
  • Der zweite Eindruck: Emerging scheint vor allem eine männliche Angelegenheit zu sein. Frauen waren klar in der Minderzahl. Muss man aber nicht böse drüber sein, sonst ist bei kirchlichen Veranstaltungen das Verhältnis ja meistens andersherum. Es muss auch mal einen Ausgleich geben.
  • Dritter Eindruck: es gab Kaffee, Tee, Getränke, und leckere Kekse. Klasse! Dank an die Leute von der GeiGE, die das alles organisiert haben!
  • Viertens: endlich mal welche von den Bloggerkollegen getroffen, echt und leibhaftig. Waldy kam gleich hinter mir in der Schlange. Nach und nach auch die anderen identifiziert. Ein teilnahmsvoller Gruß geht an Simon, den eine Infektion zu Hause bleiben ließ.
  • Fünfter Gedanke: am wichtigsten sind überhaupt die Menschen. Dass endlich mal die emerging-Interessierten zusammenkommen und man ein Feeling füreinander bekommt und über sehr interessante Sachen reden kann. Ein richtig gutes Gespräch beim arabischen Imbiss zu Mittag z.B.
  • Das bringt zum sechsten Punkt: eigentlich müsste man viel mehr Raum haben, um miteinander ins Gespräch zu kommen. Zu Hause lese ich bei Emergent Deutschland, dass das für Erlangen an diesem Wochenende geplant ist. Mit Hilfe der OpenSpace-Methode. Das finde ich die richtige Richtung. In Hamburg hatten wir zwischendrin schon überlegt, ob man nicht Anleihen beim Barcamp machen müsste. Die Webworker sind uns da echt voraus. Es gibt eben Organisationsformen, mit denen man das Potential der Teilnehmer viel besser nutzen kann als mit dem Muster Vortrag-Fragen-Vortrag-Podiumsdiskussion. Aber für den Anfang war das schon ok so, man kann nicht alles gleichzeitig haben.
  • Damit komme ich, siebtens, darauf, dass die Referate gar nicht das Entscheidende waren. Sie waren ok, besonders die Bilder von Brian McLaren bleiben haften, z.B. Schildkrötedie eingeschnürte Schildkröte. Und ich dachte: in der Tat, so sind wir, eingeschnürt durch eine viel zu enge Form des Christentums, die uns jahrhundertelang das Atmen schwer gemacht hat. Aber jetzt, wo die äußere konstantinische Fessel langsam weicht, sind wir trotzdem noch eingeschnürt. Wie die Schildkröte, deren knöcherner Panzer den äußeren Zwang des einschnürenden Rings fortsetzt.
    Auch viele andere gute Einsichten bei Brian McLaren und Jason Clark. 2007-11-29emerginghh-000003.jpgVieles habe ich mitgenommen, noch mehr aufgeschrieben. Manches hätte ich mir anders gewünscht, aber bei so unterschiedlichen Erwartungen, so unterschiedlichen Vorkenntnissen, so unterschiedlichen Erkenntnisinteressen kann man nicht allen gerecht werden. Wäre gerne in Erlangen dabei, aber die Plicht ruft und hält mich hier fest. Ist ja ok …
  • Zum Achten möchte ich aber ein Bild aus den Vorträgen weitergeben, das mich fasziniert hat, weil es so viel auf den Punkt bringt: Die Christenheit ist wie ein Baumstamm. Die verschiedenen Traditionen (katholisch, evangelisch, orthodox, freikirchlich …) sind, wenn man den Stamm im Schnitt betrachtet, wie Segmente/Tortenstücke. Wichtiger als die Zuordnung zu einem bestimmten Segment ist aber die Frage, wie nahe an der Oberfläche einer ist. Wo sich Stamm und Außenwelt begegnen, dort wächst der Baum. Später kann man an den Jahresringen sehen, wie schwer oder leicht es der Baum zu einer bestimmten Zeit in der Vergangenheit hatte. Und, klar, man kann sich in das Studium der 500 Jahre alten Jahresringe vertiefen. Aber viel interessanter ist die Stelle, wo der Baum heute wächst und seine Auseinandersetzung mit der Umwelt gestaltet. Ein sehr hilfreiches Bild!
  • Der neunte Gedanke ist ein Zitat aus dem Nachmittagsvortrag von Brian McLaren:
    Neue Wege, um alte Antworten neu zu verpacken: Erneuerung (Renewal)
    Neue Antworten auf alte Fragen: Reformation
    Neue Fragen: Revolution
    Klar brauchen wir die alle gleichermaßen, Brian. Aber ich finde, einige sind doch gleicher als die anderen. Wir haben zu wenig Revolution und zu viel Erneuerung.
  • Das war dann – zehntens – auch mein Eindruck von der abschließenden 2007-11-29emerginghh-000005.jpgPodiumsdiskussion. Ein bisschen zu brav. Als vor 10-20 Jahren Gemeindeaufbau in Mode kam, klebte jeder an das, was er sowieso immer schon tat, das Etikett „Gemeindeaufbau“ dran. Vielleicht wird jetzt bei manchen das Etikett ausgewechselt, und in Zukunft steht eben „emerging“ drauf. Aber vielleicht sehe ich das ein 2007-11-29emerginghh-000012.jpgbisschen eng. Es geht ja gerade erst los. Und die wirklich substantiellen Herausforderungen werden sich hoffentlich noch deutlicher zeigen.
    Aber was will Jason Clark
    uns hier nur sagen?
  • Der elfte Eindruck war die Rückfahrt. Ich fahre wirklich gerne im Intercity-Großraumwagen, wenn die Leute langsam ruhig werden, jeder gemächlich vor sich hindöst (mit oder ohne Laptop), der Zug durch die Dunkelheit gleitet und die Handys Ruhe geben. Erst noch was gegessen, und dann war ich nach diesem Tag einfach nur glücklich.
  • Ach ja, und zwölftens kommt hier noch 2007-11-29emerginghh-000004.jpgdas nette Bild von der Schildkröte (nicht die mit der Wespentaille) und dem Nilpferdkind, wie sie so lieb beieinanderliegen. Die Kirche ist die Schildkröte und das Nilpferdkind die Moderne, meinte Brian. Na gut, keine tolle Allianz, aber ein feines Bild!
    Übrigens, hier findet ihr die jeweils aktuelle Zusammenstellung der Posts zu den Studientagen in Marburg und Hamburg sowie zum Forum in Erlangen. Und hier steht eine inhaltliche Übersicht, die man aus meinem Beitrag (der anders hinschaut) nicht so gewinnen kann.