Mrz 152007
 

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Kapitel 4
Auf fünf Beinen kann man stehen

Brafman/Beckstrom arbeiten fünf Grundlagen heraus, die für dezentrale Organisationen nötig sind. Sie illustrieren sie u.a. mit der Geschichte von Granville Sharp, der 1765 in London einen Sklaven vor Gericht vertrat und so den ersten Anstoß gab, der schließlich zum Verbot der Sklaverei führte. 18 Jahre kämpfte er ohne große öffentliche Resonanz. Erst als er sich mit den Quäkern zusammentat (einer damals verspotteten christlichen Sondergruppe), änderte sich das. Hier sind die Grundlagen einer erfolgreichen dezentralen Organisation:

  1. Kleingruppen
    Egal, ob es eine Quäkergruppe, eine Apachen-Abteilung oder eine Gruppe der Anonymen Alkoholiker ist: solche Kleingruppen sind die Grundlage einer dezentralen Organisation.
    Durch das Internet hat sich hier etwas Entscheidendes geändert: verschiedene Gruppen können weltweit miteinander kommunizieren, und andererseits können sich Gruppen selbst über das Internet virtuell konstituieren. Trotzdem ist wirkliche Nähe natürlich nicht rein virtuell zu erreichen. Ein Festival wie Burning Man (=> Kap. 3) lebt davon, dass es reale Erfahrung ist.
    Weil die Kleingruppen keine Hierarchie haben, werden sie nicht von Vorschriften, sondern von Werten gesteuert. Diese Werte sind das Rückgrat der Organisation. Die Mitglieder wachen darüber. Das macht sie sogar effektiver als Vorschriften – es sind Werte, an denen alle mitgearbeitet haben.
    Durch die gemeinsame Wertegrundlage und den Kontakt entsteht Vertrauen, auch in virtuellen Gruppen. Menschen bringen sich mit ihren besten Möglichkeiten ein.

  2. Der Katalysator
    Leiterschaft in einer dezentralen Organisation ist völlig anders als traditionelle Leitung. Sie erinnert an einen Katalysator, der dazu beiträgt, dass Menschen in einer bestimmten Weise aktiv werden. Einerseits ist diese Funktion unabdingbar – wenn man einen Haufen Menschen in einen Raum packt, ergibt das noch keine Gruppe. Der Katalysator sorgt dafür, dass aus diesen Menschen eine Gruppe mit gemeinsamen Werten wird.
    Andererseits muss er dann die Verfügungsgewalt über die Gruppe den Menschen zurückgeben. Er ist wie ein Architekt: ohne ihn gibt es kein Haus, aber er muss nicht notwendig darin wohnen.

  3. Ideologie
    Die gemeinsamen Werte sind es, die eine solche Gemeinschaft zusammenhalten. Wer sie teilt, gehört dazu, wer sie nicht teilt, ist draußen. Bei den Apachen war es ihre Verbundenheit mit ihrem Land und ihre Unabhängigkeit, bei den Quäkern der Kampf gegen die Sklaverei, bei den AAs ist es die Überzeugung, dass Menschen sich erfolgreich im Kampf gegen die Sucht beistehen können.
    Internet-Gemeinschaften haben in der Regel weniger mächtige Werte.

  4. Ein schon vorhandenes Netzwerk
    Die Anti-Sklaverei-Bewegung in England profitierte entscheidend von dem vorhandenen Netzwerk der Quäker, zu denen damals in England 20.000 Menschen gehörten.
    Fast alle dezentralisierten Organisationen haben auf einer schon vorhandenen Plattform begonnen. Die AA z.B. lehnten sich am Anfang an die lutherische „Oxforder Gruppenbewegung“ an.
    Aber man bekommt nicht so einfach Zutritt zu einem solchen Netzwerk. Granville Sharp musste erst persönliche Beziehungen zu den Quäker-Gruppen aufbauen und ihr Vertrauen gewinnen. Damals waren solche Plattformen eine Seltenheit. Heute ist das Internet eine Plattform, auf der Seestern – Organisationen entstehen können.

  5. Der Propagandist
    Ein Katalysator wie Sharp brauchte aber zum Erfolg auch noch jemaden, der das Anliegen in der Öffentlichkeit nach vorn bringen konnte. Die englische Bezeichnung „Champion“ ist schwierig zu übersetzen. Ich versuche es mit dem „Propagandisten“ – obwohl es auch um die Organisation der Bewegung selbst geht. Katalysatoren sind zurückhaltend und sensibel, ein Propagandist hat viel weniger Bedenken, eine neue Idee durchzuboxen. Wo er auch ist, mit wem er redet – er spricht von seinem Anliegen.
    Der Propagandist der Anti-Sklaverei-Bewegung war Thomas Clarkson. Er ergänzte auf ideale Weise Sharp. In öffentlicher Erinnerung blieb allerdings Wiliam Wilberforce, der politische Repräsentant der Bewegung. Weil die Menschen den Einfluss der Seestern-Organisation nicht verstanden, schrieben sie ihren Erfolg einem Politiker zu.

Kommentar:

Auch hier gibt es wieder deutliche Parallelen zum frühen Christentum. Es war ihre Botschaft („Ideologie“), die die Nachfolger Jesu motivierte. Sie ermöglichte es ganz normalen Menschen, in Eigeninitiative Gruppen der Jesus-Bewegung zu gründen und so eine weltverändernde Bewegung voranzutreiben. Ja, es gab die Katalysatoren (Apostel) wie Paulus. Sie haben die Ausrüstung, die Gedanken bereitgestellt. Ohne ihre grundlegende Arbeit hätte es keine Gemeinden gegeben.
Aber die Gemeinden waren am Ende ebensowenig ihr Eigentum wie das Evangelium. Paulus und viele ungenannte andere gründeten Gemeinden und zogen weiter, nötigenfalls pflegten sie die „Ideologie“ brieflich oder bei Besuchen. Die Gemeinden mussten sie in ihrer alltäglichen Praxis bei nichts um Erlaubnis fragen. Menschen bekamen die Ausrüstung und die Freiheit zur Eigeninitiative, und die Welt begann sich zu verändern.
Wenn wir also über die Christenheit der Zukunft nachdenken, dann reicht es nicht, nur die richtige Lehre oder das richtige Organisationsmuster zu haben: es muss beides zusammenkommen. Ein Katalysator ist wirklich unersetzlich, weil er das Grundmuster entwickelt und vorlebt – die Lehre, die Ideologie, die Werte, das Paradigma, wie auch immer man es nennen will. Das können nur wenige. Aber wenn das geschehen ist, dann muss der Katalysator dieses Muster aus seiner Kontrolle entlassen und darauf vertrauen, dass es mit Gottes Hilfe Menschen bewegen wird.
Interessant, dass es auch ein schon vorhandenes, dezentrales Netzwerk gab: die jüdischen Gemeinschaften überall im römischen Reich.
Die besondere Rolle eines Propagandisten ist in der neutestamentlichen Christenheit eher spärlich besetzt. Jesus war ein erstklassiger öffentlicher Kommunikator, Paulus konnte das auch. Stephanus kann man vielleicht als Propagandisten zählen. Wahrscheinlich war diese Frage damals nicht so aktuell. Was auch immer damals Öffentlichkeit war – sie war für die Jesusbewegung außerhalb Israels nicht wirklich entscheidend.

  Eine Antwort zu “Starfish and Spider (4): Fünf Grundlagen einer dezentralen Organisation”

  1. Dieses Kapitel ist wirklich interessant. Außerdem habe ich einiges aus der letzten Predigt wieder entdeckt. Für die Christenheit der Zukunft fragt es sich, welche vorhandenen Strukturen sie nutzen kann, um eine Starfishgemeindeorganisation zu werden.

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