Okt 172015
 

Seit gestern ist Groß Ilsede Standort einer Erstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge, die vom Landkreis Peine in Amtshilfe für das Land Niedersachsen organisiert wird. Bis zu 300 Flüchtlinge sollen in der ehemaligen Gebläsehalle auf dem Hüttengelände unterkommen (zur Klarheit: die Menschen werden erst anschließend Kommunen zugewiesen; sie sind z.Zt. noch in der Aufnahmeprozedur).

Als Ortsgemeinde fühlen wir uns natürlich in der Mitverantwortung für die Menschen dort. Gemeinsam mit Pfarrer Mogge von der katholischen St. Bernward-Gemeinde und Pastorin Schmager aus Oberg war ich vorgestern und gestern auf dem Gelände, um zu schauen, was da auf unseren Ort zukommt. Heute morgen haben wir in Absprache mit dem Landkreis begonnen, eine Kinderzone im Foyer der Gebläsehalle einzurichten.

Der erste Eindruck: es ist beeindruckend, dass die Hilfsorganisationen quasi über Nacht ein Projekt für 300 Leute auf die Beine stellen können. Ich zähle jetzt mal keine Beteiligten auf, damit ich niemand übergehe. Es war bestimmt eine zweistellige Zahl von Diensten und Organisationen, die beteiligt waren. Toll, dass wir auf solche unerwarteten Situationen vorbereitet sind: Es gibt Material dafür, es gibt Freiwillige, es gibt Organisationsstrukturen. Das ist schon beruhigend, wenn man denkt, dass man ja auch selbst mal auf so was angewiesen sein könnte (Naturkatastrophen, Bombenräumung …).

Der zweite Eindruck: es war eine gute Entscheidung des Landkreises, die Gebläsehalle auszuwählen. Massenquartiere sind nichts Schönes, aber die Gebläsehalle ist aus vielen Gründen gut geeignet. Sie liegt zentral, sanitäre Einrichtungen sind da, und es ist ringsum viel Platz vorhanden, um auch mal draußen zu sein (wenn das Wetter wieder besser ist als heute). Und es ist leichter zu verschmerzen, wenn Konzerte und Veranstaltungen ausfallen, als wenn Turnhallen nicht mehr benutzt werden können.

Am Abend kamen die Flüchtlinge per Bus. Anscheinend stammen sie vor allem aus Syrien, Irak und anderen Ländern der Region. Viele Familien, eine ganze Menge Kinder dabei. Die meisten ziemlich erschöpft. Mir fallen jetzt dauernd Geschichten ein, die ich oft bei Beerdigungsgesprächen gehört habe: wie nach dem Krieg hier Züge mit Flüchtlingen aus dem Osten ankamen, die nur hatten, was sie auf dem Leibe trugen, und die dann auf die Gemeinden aufgeteilt wurden. Sicher war es damals noch viel dramatischer, weil die Versorgung für alle nicht gesichert war. Aber ich glaube, ich kann mich jetzt besser in diese Geschichten hineindenken, die für mich ja bisher eine ferne Vergangenheit waren.

Heute morgen haben wir dann begonnen, eine Kinderzone mit Spielzeug einzurichten. Es war ganz toll, wie lauter Leute spontan vorbeikamen und Sachen dafür brachten. Und dann war es schön. wie die Kinder das Angebot annahmen. Ich ahne nur, was die alles hinter sich haben, aber jetzt waren sie unbeschwert und mit Begeisterung dabei. Und als dann noch Bälle kamen, wurde im Foyer munter gekickt; auch die Leute von der Security waren dabei. Wie Kinder sich an der Gegenwart freuen können! Natürlich kann ich hier keine Fotos posten, aber es war einfach schön zu sehen, wie manchmal von einem Moment zum anderen das Licht in einem Kindergesicht anging. An alle, die dazu beigetragen haben: es bewirkt wirklich etwas. Vielen Dank!

Die Erwachsenen sind deutlich stiller. Einer wollte von mir wissen, wie lange sie hier bleiben müssen. Ich musste ihm sagen, dass das wahrscheinlich im Moment niemand genau weiß. Im Augenblick geht es erstmal um die aktuelle Versorgung. Aber die Unsicherheit über die Zukunft ist bei den Erwachsenen wohl das Belastendste.

Ende nächster Woche soll die Halle voll belegt sein. Das wird natürlich deutlich schwieriger werden. Wir hoffen aber, dass wir auch dann für die Kinder eine Zone freihalten können, wo sie einfach Kinder sein können. Wir möchten dafür regelmäßig Ansprechpartner vor Ort haben. Wer also dabei mithelfen möchte, möge sich bei mir melden – per Mail, Telefon, Facebook, wie auch immer. Im Moment kann ich noch nichts Genaues dazu sagen, aber in den nächsten Tagen wird es sich klarer herauskristallisieren. Auch Kinderspielzeug brauchen wir weiterhin, aber es ist z.Zt. nicht ganz dringend. Wenn dann nächste Woche die Halle voll belegt ist, werden wir alles brauchen.

Übrigens sucht das Rote Kreuz, das dort eine Kleiderstube eingerichtet hat, vor allem noch Kleidung in kleineren Männergrößen. Sachen konnten heute direkt am Eingang der Halle bei der Security abgegeben werden; die bringen es dann dem Roten Kreuz. Bitte habt aber Verständnis dafür, dass man in der Regel nicht reingelassen wird.

Dank an alle, die so toll mitgemacht haben! Und ich werde hoffentlich die Zeit finden, euch hier auf dem Laufenden zu halten.

Okt 072015
 

Predigt am 27. September 2015 (Erntedankfest) zu Markus 8,1-9

1 In jenen Tagen waren wieder einmal viele Menschen um Jesus versammelt. Da sie nichts zu essen hatten, rief er die Jünger zu sich und sagte: 2 Ich habe Mitleid mit diesen Menschen; sie sind schon drei Tage bei mir und haben nichts mehr zu essen. 3 Wenn ich sie hungrig nach Hause schicke, werden sie unterwegs zusammenbrechen; denn einige von ihnen sind von weither gekommen.
4 Seine Jünger antworteten ihm: Woher soll man in dieser unbewohnten Gegend Brot bekommen, um sie alle satt zu machen? 5 Er fragte sie: Wie viele Brote habt ihr? Sie antworteten: Sieben. 6 Da forderte er die Leute auf, sich auf den Boden zu setzen. Dann nahm er die sieben Brote, sprach das Dankgebet, brach die Brote und gab sie seinen Jüngern zum Verteilen; und die Jünger teilten sie an die Leute aus. 7 Sie hatten auch noch ein paar Fische bei sich. Jesus segnete sie und ließ auch sie austeilen.
8 Die Leute aßen und wurden satt. Dann sammelte man die übrig gebliebenen Brotstücke ein, sieben Körbe voll. 9 Es waren etwa viertausend Menschen beisammen. Danach schickte er sie nach Hause.

Erntedank

Bild: Rahel via pixabay, Lizenz: creative commons CC0

Mitten in der Einöde, da, wo es eigentlich gar nichts gibt, lässt Jesus die Fülle des Segens sichtbar werden, die Gott in die Welt hinein gelegt hat. Diese ganze Fülle ist für uns meistens verborgen, aber es gibt die Augenblicke, in denen Menschen darauf stoßen. Diese Momente sind selten und kostbar, aber sie geben uns eine Ahnung davon, welche Möglichkeiten noch in unserer Welt schlummern. Jesus sorgte immer wieder dafür, dass es zu solchen Augenblicken kam.

Ein seltenes, kostbares Ereignis

Hier z.B. werden 4000 Menschen satt – beinahe aus dem Nichts! Wenn Menschen damals diese Geschichte hörten, dann erinnerten sie sich bestimmt an die anderen Geschichten von der Befreiung Israels aus Ägypten, als das Volk auf der Flucht aus der Sklaverei von Gott in der Wüste immer wieder wunderbar versorgt wurde. Es gab Wasser zu trinken und Manna zu essen. Es war eine ganz besondere Zeit, an die man sich noch lange erinnert hat: geflohen, aber noch nicht angekommen, alles war noch offen, nichts war sicher, nur die Güte Gottes war jeden Tag neu, darauf haben sie Tag für Tag vertraut, und sie wurden nicht enttäuscht.

Und auch die Menschen dort in der Einöde bei Jesus sind ja irgendwie in so einer ganz besonderen Situation: sie haben ihre Dörfer und Städtchen verlassen, ihre ganze gewohnte Umgebung, ihre Arbeit, aber auch die Sorgen: womit soll ich die Steuer bezahlen, wenn der Steuereinnehmer im Herbst kommt, wie wird die Ernte werden, werde ich meine Tochter endlich verheiraten können? Auch der Ärger mit den Nachbarn und die Sorge, ob es friedlich bleibt im Land, das ist jetzt alles ganz weit weg. Sie haben sich auf den Weg gemacht, um Jesus zuzuhören. Sie hoffen, dass sie bei ihm Worte hören, die nicht leer, hohl und kraftlos sind, sondern die sie und die Welt verändern und bewegen.

Die Menschen waren in ihrem Alltag damals noch nicht den Wortlawinen ausgesetzt, die uns heute jeden Tag zuschütten mit Kommentaren, Werbebotschaften, Nachrichten, Weisheiten, Gute-Laune-Slogans und was noch alles. Aber sie konnten doch unterscheiden zwischen Allerweltsworten, die vielleicht sogar richtig waren, aber nichts bewegten, und starken, verändernden Worten, Worten, die die Wahrheit Gottes sichtbar werden ließen: Worte in Vollmacht nannten sie die. Die hörten sie bei Jesus. Und dafür gingen sie lange Strecken und kampierten irgendwie zwischen Felsen und unfruchtbarer Wildnis. An ihnen wird ganz deutlich sichtbar, was Jesus mal in einer Diskussion mit dem Versucher gesagt hat: der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von jedem Wort, das aus Gottes Mund kommt.

Momente der Freiheit

Und die Leute, mit denen Jesus sich sonst immer auseinandersetzen musste, waren weit weg: die Leute, die immer den Finger hoben und sagten: du, du, das darfst du nicht sagen, und woher hast du überhaupt das Recht dazu, und das passt nicht zu unseren Traditionen, und du führst die Menschen in die Irre – also all die Leute, die ihm, wo es nur ging, ein Bein zu stellen versuchten, die waren da endlich mal weit weg, und er konnte die Dinge im Zusammenhang darstellen, ohne immer wieder auf das Meckern im Hintergrund eingehen zu müssen.

So entstand eine echte Ausnahmesituation, wie wir sie in unserem normalen Alltag selten erleben: die gewohnten Regeln gelten nicht mehr, Selbstverständlichkeiten sind überhaupt nicht mehr selbstverständlich, es ist alles offen, die Welt sieht neu aus, alles scheint möglich. Alle atmen die Luft der Freiheit.

Die Welt ohne Druck

Und dann werden die Mauern, die den Himmel und die Erde voneinander trennen, oft ganz dünn, und dann spüren Menschen, dass diese Welt ein Geheimnis hat, dass in ihr viel mehr verborgen ist, als das, was man messen, zählen und bezahlen kann. Unsere ganzen Alltagsregeln und -gewohnheiten sind ja so eine Barriere, mit der wir Gott und das Unerwartete aus unserer Welt aussperren. Diese Alltagsregeln geben uns Sicherheit, sie klammern das Unkontrollierbare aus, aber dann wundern wir uns, wieso Gott so fern und fremd scheint. Selbst in den Urlaub nehmen wir uns selbst und unsere Normalität mit und wundern uns, wieso hinterher die Tretmühle gleich wieder weitergeht.

Aber bei Jesus nahm die Macht dieser Alltagsselbstverständlichkeiten ab, vielleicht spürten die Menschen erst jetzt, wie drückend die in Wirklichkeit sind, mit wie viel Kraft die uns immer wieder aufgedrückt werden. Hier konnten sie alle aufatmen, sie erlebten, wie sie bessere Menschen wurden, wie ihre Sorgen zusammenschmolzen und alles möglich schien.
Und in dieser Situation sagte Jesus zu seinen Jüngern: was habt ihr dabei? Sieben Brote? Das ist doch schon mal ein guter Anfang! Und er nahm die Brote und sprach das Dankgebet, und der unbegrenzte Segensstrom Gottes kam zu den Broten, und es reichte für alle.

Segen kann fließen

Menschen haben lange darüber nachgedacht, wie das wohl funktioniert hat, ob da wirklich aus den sieben Broten viel mehr geworden ist, oder ob die Menschen dann einfach nur angefangen haben zu teilen, was sie noch dabei hatten. Ich denke, dass wir da keine Lösung für finden. Wir sind doch auch alle eingebaut in unsere Alltagsselbstverständlichkeiten und haben wenig Erfahrung mit solchen Ausnahmesituationen. Es kann ganz viel passieren, wenn es einen Riss in den Mauern gibt, mit denen wir unseren Alltag eingemauert haben, und Gottes Segensstrom in der ganzen Fülle zu uns fließt. Wer weiß denn, ob diese Fülle überhaupt Grenzen hat?

Normalerweise zapfen wir diesen Segensstrom durch unsere Arbeit an, wir lenken ihn auf die Felder, in die Gärten und in die Ställe. Und natürlich auch in die Werkstätten und Fabriken und Büros, in die Schulen, Gesundheitszentren und an viele andere Orte. Überall verbinden wir uns und unsere Arbeit mit dem Segen, der in der Welt ist. Aber wir kanalisieren ihn auch, und manchmal behandeln wir ihn schlecht oder vergiften ihn sogar. Deshalb ist diese Haltung der Dankbarkeit so wichtig. Wir erinnern uns daran, dass wir das Leben und den Segen nicht selbst schaffen, sondern es kommt zu uns, und wir nehmen es auf und tun hoffentlich Gutes damit. Es ist ein Geschenk, es gehört niemandem, es ist für alle da, und es wird mehr, wenn es geteilt wird.

Dank und Freundlichkeit

Das ist schon unter normalen Umständen zu erkennen, wenn man es sehen will. Es ist genug für alle da, aber wenn die einen über unendlich viel verfügen und immer noch mehr haben wollen und die anderen gerade mal so über die Runden kommen oder es gar nicht schaffen, dann leidet die Erde. Dann wird der Segensstrom zu einem dünnen Rinnsal. Dann gibt es Krieg und Verwüstung. Aber wenn Menschen dankbar sind und teilen, wenn wir unser Leben und alles Gute als Geschenk entgegennehmen, wenn wir dafür sorgen, dass in der großen Gemeinschaft der Menschheit alle gut leben können, dann kann auch die Erde aufatmen, gemeinsam mit allen Geschöpfen.

In der Schöpfung soll Freundschaft herrschen, dazu ist sie geschaffen, und wir entdecken ja heute immer mehr, wie eins mit dem anderen verwoben ist. Was an einer Stelle in der Welt geschieht, das hat weit entfernte Wirkungen, die wir selten wirklich durchschauen und noch seltener vorhersagen können. Aber Dank und Freundlichkeit sind eigentlich immer richtig, dazu muss man gar nicht alles durchschauen und berechnen können. Dank und Freundlichkeit heilen immer wieder die Schäden, die durch menschliche Gier und menschliche Angst angerichtet werden. Dank und Freundlichkeit heilen auch in uns selbst ganz viel und bewahren uns vor Bitterkeit und Arroganz, vor Wichtigtuerei und Neid.

Unermessbare Fülle

Die Menschen, die damals zu Jesus in die Einöde gekommen sind, die sind aus ihrem Alltag aufgebrochen, weil sie sich nach der ganzen Fülle des göttlichen Lebens sehnten. Dafür sind sie meilenweit gegangen. Sie wussten aus ihrer Bibel, dem Alten Testament, dass es noch viel mehr gab, und dass aller Segen, den wir in unserer täglichen Arbeit anzapfen, nur ein kleiner Teil von der ganzen Fülle des göttlichen Lebens ist. Das ist ein Arm des großen Segensstroms, und auch der wird immer wieder eingeengt durch Krieg, Gewalt und Herrschaft. Aber wenn der ganze Reichtum Gottes enthüllt wird, dann ist das eine neue Welt, dann blüht die Erde auf, wie wir es uns jetzt noch gar nicht vorstellen können.

Bei Jesus wurde der Vorhang immer wieder beiseite gezogen, und die Menschen bekamen einen Vorgeschmack von dem großen Leben, zu dem wir alle berufen sind. Dafür sind wir geschaffen, dafür ist die Welt geschaffen, und Gott wird nicht ruhen, bis seine Schöpfung und wir alle unsere Bestimmung erreichen. Aber er will das mit uns erreichen, deshalb lässt er uns immer wieder das Ziel sehen. Jesus hat eine Gemeinschaft gegründet, an der das sichtbar sein soll, wie gut es ist, wenn man in Offenheit und Freiheit lebt, und wenn Menschen in Solidarität füreinander da sind und sich helfen statt gegeneinander zu stehen und sich allein zu lassen. Gemeinschaften, die nicht von Angst und Sorge geprägt sind, sondern von Mut und Hoffnung.

Freiräume Gottes

Deswegen erinnern wir immer uns wieder an all das, was Jesus getan hat: wie er in unserer scheinbar so festgemauerten Welt immer wieder Freiräume geschaffen hat, in denen die Fülle Gottes präsent war. Was einmal geschehen ist, das kann und wird wieder geschehen. Und wir sollen dabei sein. In Dankbarkeit und Freundlichkeit halten wir uns bereit, um notfalls meilenweit zu gehen, wenn wieder solche Freiräume aufbrechen, durch die wir gesund und gesegnet werden.

Ja, vielleicht sind wir es ja auch, mit denen und unter denen Jesus so einen Freiraum schafft. Ob klein oder groß – es ist einmal geschehen, und es wird wieder geschehen.

Okt 062015
 

Miroslav Volf: Öffentlich glauben in einer pluralistischen Gesellschaft

Seit kurzer Zeit kann man das 2011 erschienene Buch „A Public Faith“ von Miroslav Volf in der deutschen Überstzung von Peter Aschoff lesen: „Öffentlich glauben in einer pluralistischen Gesellschaft“. Gerade noch zur richtigen Zeit, könnte man sagen: als Landesbischof und EKD-Ratsvorsitzender Bedford-Strohm für das Vorwort den Satz schrieb

„Unsere Vorstellung menschlichen Gedeihens wieder viel kraftvoller und authentischer in die Gesellschaft einzubringen, könnte der Keim für eine Erneuerung der Ausstrahlungskraft der Kirchen in zunehmend säkular werdenden Gesellschaften sein“,

ahnte wohl noch keiner, welche Herausforderungen in diesem Sommer mit den Flüchtlingen auf uns zukommen würde.

Aber das ist das Anliegen Volfs: die langlebigen alternativen Visionen menschlichen Gedeihens, die in den großen Religionen, insbesondere dem Christentum, enthalten sind, für die Gegenwart fruchtbar zu machen. Er ist dabei im Gespräch mit sehr unterschiedlichen Partnern, die dieses Anliegen kritisch sehen, es bis zur Unkenntlichkeit verzerren oder es mehr oder weniger wirkungsvoll behindern. Man kann diese Gesprächspartner in drei Gruppen sortieren:

Säkularismus

Der moderne Säkularismus möchte religiöse Standpunkte aus dem öffentlichen Diskurs von vornherein ausschließen. In seinen Augen trägt die Ausklammerung von Religion aus dem öffentlichen Diskurs zur Vermeidung von zerstörerischen Konflikten bei. Diese den europäischen Religionskriegen des 16. und 17. Jahrhunderts geschuldete Sicht stößt aber zunehmend an ihre Grenzen, wenn weltweit Angehörige unterschiedlicher Religionen darauf bestehen, auch in Öffentlichkeit und Arbeit ihren Glauben nicht auszuklammern. Dabei entpuppt sich der Säkularismus lediglich als eine weitere Perspektive auf die Welt, die nur vorgibt, eine Position jenseits weltanschaulicher Streitigkeiten einzunehmen, in Wahrheit aber selbst ein Mitspieler ist. Und spätestens seit Hitler, Stalin und Mao hat auch er eine bemerkenswerte Kriminalgeschichte vorzuweisen.

So lebt der Säkularismus vor allem von der Abgrenzung gegenüber den „Fehlfunktionen des Glaubens“, wie Volf sie nennt. Fehlfunktionen des Glaubens entstehen immer dann, wenn religiöse Menschen sich nicht auf einen tiefen, „dicken“ Glauben einlassen, der die Lebensweise prägt und den Verstand beansprucht. Die Fehlfunktionen des Glaubens entstehen in der Regel nicht durch zuviel, sondern durch zu wenig Glauben, durch einen flachen, „dünnen“ Glauben, der nur eine dünne Oberfläche auf einem Leben darstellt, das im Übrigen von ganz anderen Motiven bewegt wird. Damit kommen wir zum zweiten Gesprächspartner:

Dünner Glaube

Volfs Kernthese gegenüber der liberalen Unterstellung ist dabei, dass Menschen nicht durch einen tiefen, „dicken“ Glauben religiös unduldsam werden, sondern gerade dann, wenn sie sich nicht auf eine intensive Beschäftigung mit ihrer Religion einlassen. „Fanatisch“, wie das in bürgerlicher Lesart heißt, wird man am leichtesten dann, wenn man oberflächliche religiöse Versatzstücke in eine ansonsten anders motivierte Persönlichkeitsstruktur einbaut.

Volf konnte beim Schreiben des Buches noch nicht den „Islamischen Staat“ und seine Jünger vor Augen haben, die oft nach einer nur sehr kurzen und eher „dünnen“ Beschäftigung mit dem Islam zur mörderischen Tat schreiten. Um so mehr bestätigen sie Volfs These.

Fehlgeleitete Zwillinge: Übergriffigkeit und Untätigkeit

Der dünne Glaube kommt in zwei Spielarten daher: als Übergriffigkeit (Volf setzt sich dazu exemplarisch mit dem islamistischen Denker Sayyid Qutb auseinander, der aber – wie Volf betont – keineswegs repräsentativ für den heutigen Islam ist) und als Untätigkeit. Untätiger Glaube benutzt Religion als Ressource für eine Lebensweise, die von anderen Faktoren motiviert wird: er ist dann nur Antrieb und Reparatur, gibt aber weder Orientierung noch Leitung und lässt Menschen mit einem Gefühl des Unerfülltseins zurück.

Schlimmer noch ist, dass untätiger Glaube den Weg für den übergriffigen Glauben bereitet (und umgekehrt). Beide rechtfertigen sich durch den Verweis auf den jeweils anderen und entpuppen sich so als zusammengehörig.

Wohltuend ist in diesem Zusammenhang Volfs unaufgeregte Einordnung der Fehlfunktionen des Glaubens in die theologische Struktur des christlichen (bzw. „prophetischen“) Glaubens. Fern von allen alarmistischen Debatten und erregten Scheinalternativen beschreibt er quast eine theologische Landkarte und markiert auf ihr gelassen die möglichen Sackgassen und Engpässe. Es ist ihm gelungen, dazu in Auseinandersetzung mit vielen unterschiedlichen Positionen eine überraschend einfache Struktur zu entwickeln, die auch ohne theologisches Studium zugänglich sein dürfte. Allein schon diese erhellende Einordnung der Fehlfunktionen des Glaubens lohnt die Lektüre.

Diese Bearbeitung der Fehlfunktionen des Glaubens ist aber eher eine ausführliche Vorbereitung, die den Weg freimachen soll, um zur eigentlich aktuellen Aufgabe vorzustoßen. Denn das eigentliche Gegenüber, mit dem Volf sich immer wieder auseinandersetzt (und in diese Auseinandersetzung lädt er auch andere Religionen ein), ist

Befriedigung als zentrales Lebensziel

Im Herzen der erhofften Zukunft, die vom Gott der Liebe kommt, steht das Gedeihen von Menschen und Gemeinschaften, letztlich des ganzen Planeten. Demgegenüber hat sich im (post)modernen Westen der Erwartungshorizont auf die „spießige Hoffnung“ persönlicher Befriedigung verengt. Das gute Leben wird nur noch durch die befriedigenden Erfahrungen des Einzelnen definiert. Das geschah in mehreren Schritten:

  • zunächst wurde der Bezug menschlichen Lebens auf Gott abgeschüttelt;
  • es blieb noch der Gedanke einer universalen Solidarität zurück,
  • der aber im späten 20. Jahrhundert ebenfalls verschwand, so dass
  • am Ende nur die Sorge um sich selbst und der Wunsch, Befriedigung zu erleben, übrig blieben. Damit reduziert sich Hoffnung auf das Maß der Selbstverhätschelung.

Damit ist nur noch eine ziemlich armselige Vorstellung von erfülltem Leben übrig geblieben. Sie ist schon in sich selbst so widersprüchlich, dass sie nicht zur Erfüllung führt; außerdem ist sie (im Gegensatz zu so ziemlich allen anderen Denkansätzen) nicht in einer umfassenden Vorstellung von der Struktur der Welt verankert und führt so zu einem wirklichkeitswidrigen Leben.

Der Beitrag der Christen

Es ist deshalb entscheidend wichtig, dass Christen (und auch die Angehörigen anderer Religionen) ihre Vorstellungen von gutem Leben und menschlichem Gedeihen in die gesellschaftliche Diskussion einbringen. Inhaltlich orientiert sich Volf dabei zentral am Doppelgebot der Liebe, das auch mit den besten Traditionen der anderen Religionen kompatibel ist: Gott und den Nächsten zu lieben muss als Schlüssel zum menschlichen Gedeihen für alle Lebensbereiche durchdacht und ins Zentrum gerückt werden.

Dies – so kann man Volf verstehen – ist der zentrale Beitrag der Christen zur gesellschaftlichen Diskussion; dazu will Volf die Christen motivieren und die anderen großen Religionen als Bündnispartner gewinnen. Sie müssen sich ihres Beitrages nicht schämen, sondern können dem (post)modernen Hedonismus gegenübertreten im Bewusstsein, dass sie ein reicheres und zutreffenderes Bild der Wirklichkeit einzubringen haben.

Wie das gelingen kann und was nach Volf dabei zu bedenken ist, darüber schreibe ich im zweiten Teil dieses Posts.

Sep 282015
 

Besonderer Gottesdienst am 20. September 2015 mit Predigt zu Matthäus 6,25-34

Besonderer Gottesdienst am 20. September 2015

Zu diesem Gottesdienst gehörte u.a. auch eine Theaterszene, die den Besuch eines Versicherungsvertreters darstellte und daran den Umgang mit Sicherheit thematisierte.

25 Jesus sprach auf dem Berg zu den Menschen: Sorgt euch nicht um euer Leben und darum, dass ihr etwas zu essen habt, noch um euren Leib und darum, dass ihr etwas anzuziehen habt.
Ist nicht das Leben wichtiger als die Nahrung und der Leib wichtiger als die Kleidung?
26 Seht euch die Vögel des Himmels an: Sie säen nicht, sie ernten nicht und sammeln keine Vorräte in Scheunen; euer himmlischer Vater ernährt sie. Seid ihr nicht viel mehr wert als sie? 27 Wer von euch kann mit all seiner Sorge sein Leben auch nur um eine kleine Zeitspanne verlängern?
28 Und was sorgt ihr euch um eure Kleidung? Lernt von den Lilien, die auf dem Feld wachsen: Sie arbeiten nicht und spinnen nicht. 29 Doch ich sage euch: Selbst Salomo war in all seiner Pracht nicht gekleidet wie eine von ihnen. 30 Wenn aber Gott schon das Gras so prächtig kleidet, das heute auf dem Feld steht und morgen ins Feuer geworfen wird, wie viel mehr dann euch, ihr Kleingläubigen!
31 Macht euch also keine Sorgen und fragt nicht: Was sollen wir essen? Was sollen wir trinken? Was sollen wir anziehen? 32 Denn um all das geht es den Heiden. Euer himmlischer Vater weiß, dass ihr das alles braucht.
33 Euch aber muss es zuerst um sein Reich und um seine Gerechtigkeit gehen; dann wird euch alles andere dazugegeben. 34 Sorgt euch also nicht um morgen; denn der morgige Tag wird für sich selbst sorgen. Jeder Tag hat genug eigene Plage.

Was wir eben gehört haben, ist einer der stärksten und kühnsten Texte aus der ganzen Bibel. Er dreht unsere Sicht der Welt um: wirklich gefährlich und unwirtlich machen wir die Welt erst durch unsere Versuche, die Gefahren abzuwehren. Jesus fasst das alles zusammen unter dem Titel der »Sorge«. Sorge ist nicht nur das Grübeln in der Nacht, das uns nicht schlafen lässt und dafür sorgt, dass wir den nächsten Tag unausgeschlafen angehen und ihn damit noch schwieriger machen. Sorge ist eine ganze Art, sich zum Leben zu verhalten, und noch mehr als damals bringt sie heute einen ganzen Lebensstil hervor, sie prägt unsere Lebensorganisation und unsere Politik, mit dem Appell an Sorgen und Ängste werden Wahlen gewonnen und Geschäfte gemacht, sie setzen enorme Finanzströme in Bewegung, und sie halten uns lange von notwendigen Veränderungen ab.

Weltmacht Sorge

Die meisten großen Weltprobleme haben heute etwas zu tun mit einem falschen Umgang mit Ängsten: der Islamismus hat seinen entscheidenden Schub durch die Kriege in Afghanistan und im Irak bekommen. Die Finanzströme, die um den Globus jagen und mal hier und mal da Länder destabilisieren, sind zu einem guten Teil Gelder, die Menschen aus Sorge um die Zukunft sicher anlegen wollen. Die gefährlichen Waffen, die immer noch die ganze Welt bedrohen, verdanken sich dem Glauben, dass man mit Waffen die Unsicherheit verringern könnte. Und die Kontrollmechanismen, die jede Bürokratie entwickelt, behindern uns und blockieren Lösungen, wenn das Leben wirklich mal gefährlich wird.

Jesus gehörte nicht zu den Menschen, die denken, man könnte Gefahren bewältigen, indem man nicht hinschaut. In seiner Welt wurden solche Illusionen viel schneller bestraft als bei uns. Er lebte in einem eroberten und unterdrückten Land, in dem die Menschen sehr schnell ins Elend geraten konnten. Und man konnte sehr schnell sein Leben verlieren, wenn man ins Visier des Sicherheitsapparates geriet. So etwas wie Menschenrechte und Rechtssicherheit gab es nicht. Jesus selbst ist ja am Ende durch Justizmord aus der Welt geschafft worden, und ihm war schon lange vorher klar, dass es so kommen würde.

Gefährliche Kontrollillusionen

Das Leben ist hochgefährlich. Jesus wusste das. Aber er warnt uns vor der Strategie, darauf mit verschärfter Kontrolle zu antworten. Du kannst immer nur einen kleinen Teil der Welt kontrollieren. Da, wo deine Kontrolle nicht hinreicht, da entwickeln sich Dinge, die du nicht in den Griff kriegst. Niemand schafft es, eine abgeschottete Zone der Sicherheit aufrechtzuerhalten, wenn ringsum alles drunter und drüber geht. Schon gar nicht in Zeiten, wo das Internet und die modernen Verkehrsmittel die Welt immer stärker zu einer einzigen machen. Niemand kann heute mehr einen Krieg am anderen Ende der Welt führen und denken, dass davon nichts zu ihm zurück kommt.

Jesus sagt uns, dass wir die Illusion aufgeben müssen, wir könnten die Gefahren unter Kontrolle halten. Diese Illusion ist es, die die Welt endgültig zu einem gefährlichen Ort macht. Denn um durch Kontrolle Sicherheit zu schaffen, braucht man immer jemanden, der zur Not Gewalt einsetzen kann. Weshalb vertrauen wir Versicherungen? Doch nicht deswegen, weil da so viele nette Menschen sitzen, sondern weil wir sie zur Not verklagen können, wenn sie nicht zahlen. Wir haben zum Glück ein Rechtssystem, aber der Kern dieses Systems ist immer noch, dass es zur Not auch Gerichtsvollzieher und Polizei gibt, die das Recht durchsetzen. Wenn man es zu Ende denkt, dann arbeitet sogar so ein zivilisiertes Rechtssystem wie unseres am Ende mit der Androhung und Ausübung von Gewalt. Und jede Art von Gewalt kann auch aus dem Ruder laufen. Du tauschst nur eine Gefahr gegen die andere.

Die Gefahr akzeptieren

Jesus sendet eine zweifache Botschaft: ihr seid in großer Gefahr – und ihr habt einen Vater, von dessen Liebe ihr leben könnt. Die Welt ist zum Fürchten – aber den Seinen gibt’s der Herr im Schlafe. Nichts ist sicher – aber ihr seid geborgen.

Das ist eine große Ermutigung, die Gefahren nicht zu verleugnen, sondern sich ihnen gelassen zu stellen. Wir erleben es doch sowieso dauernd, dass wir in allen wichtigen Fragen keine Sicherheit haben. Wir sind nicht die Herren über unsere Gesundheit, wir kontrollieren nicht den Tag unseres Todes, niemand garantiert uns, dass unsere Partner verlässlich und unsere Kinder anständig bleiben. Ob die Renten sicher sind, das wird sich erst in der Zukunft zeigen. Wir sind von der Konjunktur ebenso abhängig wie vom Wetter, Meteoriten können die Erde verwüsten und Schnecken unseren Gemüsegarten. Frieden und Stabilität sind ein Geschenk, aber nichts, worauf wir ein verbrieftes Anrecht hätten. Wer uns Sicherheit verspricht oder sogar garantieren will, belügt uns, weil es das nicht gibt.

Der gemeinsame Ursprung der Welt

Was setzt Jesus dieser Unsicherheit entgegen? Das Vertrauen in den Vater im Himmel, der diese Welt geschaffen hat und sie mit seinem Segen und seiner Liebe erfüllt. Und diese Liebe Gottes nimmt Gestalt an in Menschen, die solidarisch zusammen leben und sich beistehen in all den Gefahren, die zum Leben dazu gehören. So eine Gemeinschaft hat Jesus ins Leben gerufen. In der biblischen Tradition nennt man das einen »Bund«. Gott hat am Sinai mit seinem Volk einen Bund geschlossen, und dazu gehörten Regeln, die dafür sorgten, dass niemand unter die Räder kam. Und Jesus schließt im Abendmahl einen neuen Bund, und natürlich gehört da dazu, dass man sich gegenseitig in Solidarität beisteht.

Gott hat die Welt so geschaffen, dass alle Geschöpfe zusammengehören und aufeinander angewiesen sind. Und wir gehen mit der Welt in Gottes Sinn um, wenn niemand allein gelassen wird, der in dieser gefährlichen Welt irgendwie unter die Räder gekommen ist.

Solidarität ist besser als Kontrolle

Sicherheit ist eine Illusion, aber menschliche Solidarität, die Gottes Solidarität mit der Welt widerspiegelt, ist eine sehr gute Antwort auf die Risiken und Gefahren, unter denen wir leben. Im Grunde ist sogar jede Versicherung letztlich nur eine große Gemeinschaft von Menschen, die im Schadensfall füreinander einstehen. Nur ist das so hinter Vertragsklauseln und Paragraphen versteckt, dass es uns gar nicht mehr klar ist.

Das sollte uns aber klar sein, damit wir uns keine falschen Hoffnungen machen. Wir sind immer irgendwie von anderen Menschen und ihrer Gerechtigkeit abhängig. In der Frage z.B., wer im Alter für uns sorgt, können wir entweder auf unsere Kinder vertrauen, oder auf die Solidarität aller Rentenversicherten, oder auf den Kapitalmarkt. Alle Varianten haben ihre Vor- und Nachteile. Aber immer sind es Menschen, auf die wir uns stützen, und Menschen kann man nur vertrauen, und es gibt keine Garantie, dass sie uns nie enttäuschen werden. Wir kommen aus der Nummer nicht raus.

Mammon betrügt

Weltfremd und naiv sind in Wirklichkeit alle Sicherheitsversprechen. Das biblische Stichwort dafür ist »Mammon«. Das ist der Götze, der Sicherheit verspricht und tatsächlich für die meisten Menschen die Welt unsicherer macht. Jesus sagt kurz vor unserer Stelle: ihr könnt nicht Gott und dem Mammon dienen. Ihr müsst entscheiden, wem ihr vertraut. Um realistisch mit der Welt umzugehen, hat Jesus seine Gemeinschaft der Solidarität gestiftet, diesen neuen Bund, den Gott mit seinen Menschen schließt.

Und er sagt: trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und seiner Gerechtigkeit, dann kommt alles andere dazu. Wenn Menschen gemeinsam dafür eintreten, dass Gottes Gerechtigkeit diese Welt regiert, wenn sie sich von diesem Geist bewegen lassen, dann wird auch für die Einzelnen gesorgt sein. Wenn wir Kanäle sind, durch die der Segen Gottes fließt, dann werden wir selbst auch nicht leer ausgehen. Und wenn wir ein Land sind, das Solidarität übt, dann kommt das allen zugute, die es brauchen.

Gefährliche Zeiten der Entsolidarisierung

Das Schlimme ist, dass uns jetzt zwanzig oder dreißig Jahre lang eingeredet worden ist, dass Solidarität überflüssiger Luxus ist, und dass jeder ganz allein für sich selbst sorgen soll. Aber in so einer Gesellschaft, der der Geist der Solidarität ausgetrieben worden ist, sind wir alle extrem verwundbar. Gegenseitiger Beistand kann nicht durch Gesetze hergestellt werden. Es braucht vor allem Menschen, die gewöhnt sind zusammenzuhalten. Wenn aber die Güter der Erde immer ungleicher verteilt sind, wenn die Einkommensschere immer weiter auseinander klafft, wenn die einen unvorstellbar viel haben und die anderen mit Mühe über die Runden kommen, dann untergräbt das jeden Zusammenhalt.

Deswegen spricht Jesus von der grundlegenden Einheit der Welt, die durch Gottes Güte geschaffen ist und von seinem Segen erfüllt ist. Deswegen hat er in seiner von Gewalt und Raub geprägten Zeit eine alternative Gemeinschaft ins Leben gerufen, und das hat ausgestrahlt durch die Jahrhunderte. Wenn wir heute bei uns relativ sicher leben, dann ist das auch noch eine Ausstrahlung von diesem Impuls, der er gebracht hat, und der immer wieder wirksam geworden ist. Es ist an uns, diese Alternative in unserer Zeit neu umzusetzen. Jede Gesellschaft braucht diese christlichen Gemeinschaften, an denen man ablesen kann, dass Gott die Welt dazu geschaffen hat, dass sie von Freundlichkeit, Segen und Klarheit erfüllt ist.

Die Priorität der Gerechtigkeit Gottes

Und es braucht Menschen, die das tun. Menschen, für die diese Aufgabe wichtiger ist als alles andere, die zuerst nach der Gerechtigkeit Gottes trachten und darauf vertrauen, dass das unser bester Schutz ist. Wir teilen alle diese Sehnsucht nach Sicherheit, nach einem Leben, das nicht mehr gefährdet ist. Was solcher Sicherheit in dieser gefährlichen Welt am nächsten kommt, das ist: gemeinsam mit anderen nach Gottes Gerechtigkeit trachten. Dann wird uns alles, was wir brauchen, dazu gegeben werden, auf die eine oder andere Weise.